Complutensische Polyglotte:                            Spaniens goldenes Zeitalter von 1500 bis 1700.

Mehrsprachige Übersetzung der vollständigen Bibel

Einstimmung

Üblicherweise wird mainstreamkonform als Spaniens goldenes Zeitalter dasjenige der moslemischen Besatzungszeit bezeichnet - vom 8. Jahrhundert bis 1492.  Die maurische Toleranz, die mit dieser Zeit in Verbindung gebracht wird, war, ist und bleibt Wunschdenken, weil nicht korrekt. An anderer Stelle mehr dazu.

 

Hier an dieser Stelle geht es um Kardinal de Cisneros, der maßgeblich zu Spaniens wirklichem goldenen Zeitalter ab 1500 nach Christus beigetragen hat. Granada, die letzte moslemische Maurenfestung, war 1492 gefallen, an die katholischen Könige Isabella I. (Kastilien und Leon) und Ferdinand II. (Aragon) zurückgegeben, Amerika im selben Jahr von Christopher Kolumbus entdeckt, finanziert mit großer finanzieller Unterstützung der Königin aus ihrer Privatschatulle.

 

Tiefgreifende kirchliche Reformen setzten ein, man besann sich spirituell auf Franz von Assisis ursprünglichen Idealen, die ehemals moslemischen Gebiete konnten endlich re-christianisiert werden, die Staatsgewalt wurde zentralisiert, der Adel entmachtet, Navarra ins spanische Staatsgebiert eingegliedert. Kurzum, Spanien stieg zur Weltmacht auf, begünstigt durch den einsetzenden wirtschaftlichen Aufschwung. Ein Reich, in dem später, so sagte man, die Sonne niemals untergehen würde.

Kardinal Francisco Gonzalo Ximénez de Cisneros

Museo del Prado. Der Kardinal mit dem Legatenkreuz.  ca. 1878. Freigegebenes Foto.

 

Zeit für Kardinal Francisco Gonzalo Ximénez de Cisneros OFM (1436–1517), wirkmächtig in die Geschichte Spaniens einzutreten - mit weltweiter Ausstrahlung. Er war als Erzbischof von Toledo nicht nur der Beichtvater der Königin Isabella I., als franziskanischer Provinzminister für Spanien reformierte er gleichermaßen den heruntergekommenen Klerus. Zudem beriet er als Ratsherr Isabellas Ehemann, König Ferdinand II. Zusammen mit ihm legte er eben jene Basis für Spaniens Einstieg in die Neuzeit - für Spaniens fast zwei Jahrhunderte dauerndes „Goldenes Zeitalter“ von 1500–1700.

 

Der Gelehrte und belesene Kardinal gründete u.a. im Jahr 1500 die Universität in Alcalá de Henares (rund 30 Kilometer von Madrid), in römischer Zeit Complutum genannt, keltiberischer Herkunft. Wenige Jahre später zählte die Universität bis zu 7.000 Studenten.

Complutensische Polyglotte

Mehrsprachige Übersetzung der vollständigen Bibel zur Wiederbelebung der Sprachstudien der heiligen Schriften

Die erste Seite der Complutensischen Polyglotte.

Freies Foto.

Parallel dazu regte der Kardinal ein Projekt an, das er in seiner Wirkmächtigkeit nicht voraussehen konnte, nämlich den Druck einer vollständigen, mehrsprachigen Bibel „zur Wiederbelebung der Sprachstudien der heiligen Schriften“, die alsbald als die Complutensische Polyglotte (1502-1517) bekannt wurde. In ihr enthalten ist die erste gedruckte Ausgabe des griechischen Neuen Testaments, sowie die vollständige Septuaginta: älteste durchgehende Übersetzung der hebräisch -aramäischen Bibel in die altgriechische Alltagssprache Koine (ab 250 vor Christus bis etwa 100 nach Christus) und das Targum-Onkelos, also die Übersetzung der jüdischen Tora aus dem Hebräischen ins Aramäische (der Basistext entstammt dem 2. Jahrhundert nach Christus.

 

Der asketisch lebende Kardinal selbst verfügte über viele, sehr alte griechische und hebräische Bibelhandschriften, andere kaufte er mit hohem finanziellen Aufwand hinzu, wobei ihm Papst Leo X. (1513–1521) weitere aus seinem Fundus zur Verfügung stellte. Die besten und bekanntesten Philologen folgten des Kardinals Ruf, in 1502 nach Alcalá de Henares zu kommen; darunter die konvertierten jüdischen Wissenschaftler Alfonso de Zamora und Pablo de Coronel , die sich den Sprachen Hebräisch und Aramäisch widmeten. Die besondere Sorgfalt galt dem Schriftbild, gedruckt auf großem Folioformat; ihre griechischen Lettern gingen als die schönsten, je entworfenen in die Geschichte ein.

Das typografische Meisterwerk. Freies Foto.

Zunächst wandte man sich der lateinischen Vulgata zu. 1514 wurde der Band 5 mit dem Neuen Testament fertiggestellt inklusive der adäquaten griechischen Übersetzung in der complutensischen Fassung. Für einige Bände der Bibel hatten sich Protagonisten ein typographisches Meisterwerk einfallen lassen: drei parallele Textspalten mit symbolischer Wirkkraft.

  • außen Hebräisch oder Aramäisch
  • innen die griechische Septuaginta (mit lateinischer Interlinearübersetzung)
  • in der Mitte die lateinische Vulgata nach dem heiligen Kirchenvater Hieronymus.

Die Zentrierung der lateinischen Vulgata weist explizit auf die lateinische, römisch-katholische Kirche hin mit dem Blick nach außen hin zur jüdischen Synagoge und den Ostkirchen. Dazu im Vorwort ein aus heutiger Sicht schwieriger Satz: „wie Jesus auf Golgotha zwischen dem guten und dem schlechten Schächer.“

 

Der Übersetzung des Pentateuchs, der ersten fünf Büchern des Ersten Testaments, hat man den Targum-Onkelos hinzugefügt (sog. Babylonischer Targum in aramäischer Rückübersetzung, hier als „Transla. Chal.“ bezeichnet), sowie die lateinische Übersetzung („Interp. chal.) und außen die Peschittavariationen („Pritius chal.“) in hebräischen Buchstaben (eig. aramäische Blockschrift).

 

Den fünften und sechsten Band statteten die Verfasser mit hebräischen, aramäischen und griechischen Wörterlisten und Wörterbüchern aus, ergänzend lexikographische Stücke und Hilfsmaterialien zum Textstudium, die nach wie vor von hohem philologischen und zeithistorischen Interesse sein sollen.

Complutense versus                                                                      Erasmus von Rotterdam und Martin Luther

Desiderius Erasmus von Rotterdam, ein kluger Gelehrter des Renaissance-Humanismus, hatte sich in weiser Voraussicht 1516 von Papst Leo X. und Kaiser Maximilian I. ein vierjähriges Privileg der Veröffentlichung für die Ausgabe seines Novum Instrumentum Omne genehmigen lassen, des Drucks des Neuen Testaments in Griechisch unter Hinzufügung seiner eigenen lateinischen Übersetzung.

 

Da Papst Leo X. das für ihn bestimmte auf Pergament gedruckte Exemplar erst im Dezember 1521 erhielt, konnte die Complutense auch erst Anfang 1522 in den Umlauf kommen.

Die Nachfrage nach der Complutense war gleichwohl enorm, seitens der kirchlichen und weltlichen Bibliotheken nicht zu stillen. Alle Welt attestierte ihr eine enorme Qualität und Einzigartigkeit - manifestiert durch die Implizierung der hebräischen und aramäischen Texte und ihre nicht zu überbietende Typographie. Kurzum, sie wurde innerhalb kürzester Zeit weltberühmt.

 

Die Fachleute stuften die Complutensische Polyglotte in Bezug zur Erasmus-Ausgabe als viel genauer und zuverlässiger ein. Wikipedia deklamiert Gegensätzliches. Erasmus hatte seinen zweiten Druck von 1520 Novum Testamentum benannt.

 

Der Treppenwitz des Jahrhunderts schlechthin. Martin Luther orientierte sich bekanntlich bei seiner Bibelübersetzung an Erasmus` Werk, und dieser wiederum hatte sich, wie oben geschildert, seine Übersetzung vom römischen Papst genehmigen lassen. Und just diesen Papst und dessen Nachfolger Hadrian VI. resp. Clemens VII. bekämpfte Martin Luther auf das Schärfste.

 

Gerade die wissenschaftliche Akribie und der Quellenreichtum der Complutense waren für die katholischen Bibelgelehrten eine nicht wegzudenkende Hilfe bei der wissenschaftlichen Entgegnung gegenüber den Reformatoren und deren Schriftverständnis (sola scriptura).  Viele Reformatoren meinten zu jener Zeit, bis heute unverändert tradiert, der Katholischen Kirche plakativ Textverfälschungen, Unwissen und sogar Dummheit vorzuwerfen. Jedoch: die Complutense beeindruckte weiterhin eindrucksvoll durch feinste und sehr guter Textkritik und gutem Textstudium, durch tiefe Sprachkenntnisse, ihre typographisches Wirkmächtigkeit.

 

Leider sind große Mengen der Handschriften, die die Complutensische Polyglotte zugrunde gelegt waren, zum großen Teil verlorengegangen.  Gleichwohl bleibt die Complutense bis heute quellenmäßig unersetzlich, beispielhaft für das Interesse an den orientalischen Sprachen der Bibel, für die Textkritik und die Bibelforschung schlechthin.

 

So nahm sich nicht von ungefähr unter anderem der wissenschaftliche Leiter der Antwerpener Polyglotte oder Biblia regia (zwischen 1569–1572 in Antwerpen unter der Schirmherrschaft von König Philipp II. (dem Sohn von Kaiser Karl V.) gedruckt) die Complutense zum Vorbild.

 

Bei der Abfassung meines Textes habe ich mich als Quelle an Amand Timmermans` Aufsatz aus 2016 (Internetportal katholisches.info) orientiert.

Freigegebene Fotos

lks.: Grabmal des Kardinals in Alcala de Henares.

re.:  Universität von Alcala de Henares.