ZERRBILD MITTELALTER

Einstimmung

Das Bild vom finsteren Mittelalter geht auf die Humanisten der Renaissance (15./16. Jahrhundert), sowie das der Humanisten und Historiker des 19. Jahrhunderts zurück. Sowohl die Romantik (Ende 18. Jahrhundert bis weit in das 19. Jahrhundert hinein: weg von der Antike - hin zur Sagen- und Mythenwelt des Mittelalters), als auch vor allem die Protagonisten des Positivismus des 19./20. Jahrhunderts, die sich zwar mit den Schriftquellen auseinandersetzen, revidierten dieses Bild gleichwohl nur zum Teil, was aus der Sicht des Positivismus Sinn macht, wollte der Positivismus doch den Einfluß der Religion eindämmen. Das implizierte Freimaurertum gerierte sich dabei als eindeutig antireligiöse Bewegung; es unterstützte den Liberalismus, was wiederum später die Päpste des 19. Jahrhunderts nachvollziehbar auf den Plan brachte, den Liberalismus abzulehnen, weil offensiv kirchenfern.

 

HUMANISTEN – menschlich?

Die Frage, die sich jetzt stellt, ist doch, warum ausgerechnet Humanisten, die sich der Pflege der Menschlichkeit verschrieben hatten, sich anschickten, das römisch-katholisch geprägte Mittelalter finster zu reden? Heute (2015 wie 2020) regiert der sog. moralische Imperativ der Leitmedien. Mit sog. Faktenchecks (Anmaßung,  selbst zu entscheiden, was Fakten sind) werden diejenigen, die sich dem betreuten Denken nicht unterwerfen wollen, moralisch abqualifiziert. Sie sollten u.a. Thilo Bodes (Aktivist Foodwatch, Greenpeace und Klimawandel) Buch aus 2018/2019 gelesen haben. Die Diktatur der Konzerne. 

 

Humanisten greifen

katholisches Mittelalter an

Zurück zu den sog. Humanisten der Renaissance. Wie an anderer Stelle schon angeführt, profilierten sich vor allem evangelisch-protestantisch sozialisierte Autoren und Denker Schottlands, Englands und Hollands; später nach Deutschland überschwappend. Holländer und Briten waren Kolonialmächte. Ihr Verhalten gegenüber den indigenen Völkern Nordamerikas, Afrikas, Indiens, Chinas, Guayanas, etc. ist durchaus auch als brutal zu bezeichnen. Um 1650 erreichte das niederländische Handelsimperium seinen Höhepunkt und galt fortan als das Goldene Zeitalter der Niederlande. Um dieses ihr Unterfangen zu relativieren, griff man zu einem heute gleichermaßen probaten Mittel, man lenkte von den eigenen Unzulänglichkeiten ab und beschuldigte seinerseits das katholische Spanien der Brutalität und verunglimpfte parallel das fortschrittliche katholische Mittelalter als finster und rückständig. Mit Auswirkungen in die heutige Zeit. In jeder das Mittelalter betreffenden TV-Sendung werden seit Jahren (un-) wissentlich Falschmeldungen verbreitet, gerne der Mythos der toleranten Mauren Spaniens beschworen, und parallel die spanische Re-Conquista (Rückeroberung von den Moslems),  wie die Conquista Lateinamerikas durch die Spanier beklagt, als brutal charakterisiert.

 

Basis der Abhandlung ist u.a. das von Jacques Le Goff in 2012 verfaßte Buch „Menschen des Mittelalters – Von Augustin bis Jeanne d`Arc; deutsche Ausgabe in 2020, wbg Theiss.

DAS MITTELALTER NEU STRUKTURIERT

JACQUES LE GOFF

UND DAS LANGE MITTELALTER

Jacques Le Goff (1924-2014), Mediävist, mehrfach wissenschaftlich geehrter französischer Historiker (in Frankreich, Münster, in Polen), stellt in seinem o. e. Buch die bisher geläufige Definition des Mittelalters in Frage. Er plädiert dafür, das Mittelalter, beginnend im 4. Jahrhundert, nicht Ende des 15. Jahrhunderts auslaufen zu lassen, sondern bis zum Ende des Ancien Regime fortzuschreiben, also bis ins 18. Jahrhundert. Warum?

Zwar gäbe es im 15. und 16. Jahrhundert unbestrittene Neuerungen, man nennt sie neuzeitlich, die Hauptmerkmale des Mittelalters blieben aber noch zwei Jahrhunderte bestehen. Erst mit der Industrialisierung, beginnend in England 1712/1769 (in Deutschland ab 1815), und der Französischen Revolution (1789) seien sie abgelöst worden.

 

ZUM EINSTIEG

Das lange Mittelalter hat nach Le Goff mehrere Renaisssancen (Wiedergeburten) durchlaufen: die karolingische im 8./9. Jahrhundert (Karl der Große), die zweite im 12. Jahrhundert, die dritte im 15./16. Jahrhundert (Renaissancezeit im üblich verstandenen Sinn).

Einschub. Wir verheutigten Menschen sind davon überzeugt, dass die Renaissance gleichzusetzen sei mit Erneuerung, Reform, Neuerungen, neuzeitliches Denken und Handeln schlechthin. Der vom Schweizer Historiker Jacob Burckhardt in 1860 erstmals verwendete französische Begriff meint übersetzt nichts anderes denn Wiedergeburt, Wiedergeburt der Antike, die Zeit vor dem Mittelalter.

Das Mittelalter. Fortschrittlich, dynamisch, schöpferisch

Konstantin der Große. Sixtinische Kapelle, Vatikan. Noch der Spätantike zuzurechnen.

 

Das Mittelalter war fortschrittlicher als gemeinhin angenommen. In der langen Übergangsphase vom 4. bis zum 9. Jahrhundert, zunächst Frühmittelalter genannt, heute eher als Spätantike bezeichnet, zerfiel nach und nach die antike Gesellschaft nebst ihrer Kultur, im Gegenzug bildeten sich - ebenso nach und nach - neue Sozialstrukturen und eine neue Religion, das Christentum, der Katholizismus. Richtig in Schwung kam das neue Europa erst ab dem 10. Jahrhundert, verstärkt infolge der gregorianischen Reformen im 11./ 12. Jahrhundert, und dann mit voller Wucht mit der Renaissance des 12. Jahrhunderts.

 

Diese Epoche betrachtet Le Goff (ich fühle mich übrigens durch seine Thesen bestätigt, vertrete ich sie doch im großen und ganzen seit mehreren Jahren) als schöpferisch und dynamisch mit phantastische Kunst der Malerei, der Vokal- und Instrumentalmusik, mit den Sakralbauten (Kathedralen) und vieles mehr. In Giotto (1267-1337) fanden die erstmals selbstbestimmten Künstler ihr Vorbild. Zuvor war es offensichtlich verpönt, die eigenen Werke zu kennzeichnen. So weiß teilweise bis heute nicht, welcher Baumeister nun tatsächlich für den Bau bestimmter Kathedralen verantwortlich zeichnete; möglicherweise geschah alles zur Ehre Gottes, vor der jeder Künstler, jeder Mensch nur unvollkommen wirken konnte.

Wir heutigen der Moderne verpflichteten Menschen bewundern zwar diese Kunst, vor allem die Kathedralen, bleiben aber nach vor dem tradierten Vorurteil, das da heißt, das Mittelalter sei rückständig und düster, verhaftet. Das Mittelalter als  Sündenbock für unser Fehlverhalten im 20. Jahrhundert, das an Grausamkeit und Anzahl der Toten und Ermordeten nicht zu überbieten ist. Stichworte: Zwei Weltkriege, Nazireich, Stalins Schreckensherrschaft, zig Bürgerkriege, grausame Potentaten gut verteilt auf nahezu allen Erdteilen.

Zeitspanne. Zehn Jahrhunderte

Aachener Dom. Karlsschrein.

 

PHASE I: ÜBERGANG

VON DER SPÄTANTIKE ZUM FRÜHMITTELALTER

Das Mittelalter umgreift nach Le Goff eine Zeitspanne von zehn Jahrhunderten. In der ersten Zeitspanne, dem Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter, bildete sich das Christentum, der Katholizismus, heraus, gefördert von Kaiser Konstantin, der selbst eindeutig noch der Antike zuzurechnen ist, bis zu  Kaiser Karl dem Großen. Dessen Hof bestand aus hochgebildeten Gelehrten, an anderer Stelle mehr. Karl sah sich, vor allem nach seiner Krönung 800 in Rom, in der Nachfolge der römischen Kaiser, was sich darin ausdrückte, an den Ruhm des Römischen Reiches anknüpfen zu wollen. Er vollendete mithin die Intentionen der Römer, die Barbarenvölker mit Hilfe der römischen Zivilisation zu unterwerfen, gleichwohl Le Goff ihn als fränkischen Nationalisten im Kontext der römischen Kultur sieht.

 

Minnesänger machen die Dame zur Herrin,

den Mann zum Vasallen

Die Heiligen bestimmten – im Zuge der Christianisierung - zunehmend das Leben der Menschen, sie traten (das gilt nach wie vor) als Vermittler zwischen dem trinitarischen Gott und den Menschen auf, wirkten letztlich Gott zugeschriebene Wunder. Andere Weltreligionen kennen Heilige nicht in dieser Dimension, eine Spezialität des Christentums.

Woran keiner denken dürfte, ist, dass im Mittelalter ein gewisses Maß an Gleichstellung von Mann und Frau zum Durchbruch kam. Weibliche Herrscher, nicht nur in der Funktion der Ehefrau resp. Königinmutter, wie große weibliche Heilige wurden geachtet, respektiert und bewundert. Sie beeinflußten die Frömmigkeit und Spiritualität. Der Marienkult verstärkte das Ansehen der Frau, namentlich ab dem 12. Jahrhundert. Nicht zu vergessen die Minnesänger, die mit ihren Spottliedern die Dame zu Herrin und den Mann als Vasallen besangen.

 

Trias

Kirche, Königtum, Universität

Während im antiken Rom die Könige verpönt waren, als verwerfliche Tyrannen angesehen wurden, setzt sich im christlichen Europa das Königtum durch. Beispielgebend der fränkische König Chlodwig I., gesalbt und gekrönt entsprechend der christ-katholischen Liturgie.

Berühmte Päpste wie Leo der Große und Gregor der Große ergänzen die königliche Macht; Theologen, Kirchenlehrer und Philosophen vom Range eines Augustinus, Boethius, Cassiodor, Beda Venerabilis, Beatus von Liebana, wie der Ordensgründer Benedikt von Nursia, wie Isidor von Sevilla und in den  Folgejahrhunderten Hildegard von Bingen, Bernhard von Clairvaux, Albertus Magnus, Thomas von Aquin, Katharina von Siena, etc. Die bekannte Trias Sacerdotium, Regnum, Studium beschreibt den Vorgang: Kirche, Königtum und Universität.

Gregor VII. (1025-1085), ursprgl. Hildebrand. Nach ihm benannt die gregorianische Reform.

 

PHASE II: PAPST UND

KAISER ARBEITEN ZUSAMMEN

Nach dem Tod Karls des Großen beginnt die neue Periode mit dem Beginn des 9. Jahrhunderts bis zum Jahr 1000. Sie wurde nachträglich als radikaler Wendepunkt klassifiziert. Papst Silvester II. und Kaiser Otto III., begründeten im gleichrangigen Zusammenwirken das Phänomen der Christenheit, das erste Europa innerhalb der mittelalterlichen geografischen Grenzen, der Beginn des Zusammenschlusses christlichen Nationen mit der zweigeteilten Autorität von Papst und Kaiser.

Ein Meilenstein der Geschichte. Auch dieses Geschehen wird gerne übersehen, falls nicht, dann einseitig die Machtgelüste der Päpste ins Spiel gebracht, wie beispielsweise von der Bundeszentrale für politische Bildung, zugeordnet dem Bundesinnenministeriums.

 

 

Kathedrale Santiago de Compostela. Von Meisterhand (Matteo) geschaffen. Pilger überwinden Grenzen, bauen das Haus Europa.

 

PHASE 3: DAS HOCHMITTELALTER.

WACHSTUM, KREATIVITÄT, STÄDTISCH

Das Hochmittelalter des 11./12. Jahrhunderts (die Jahrhunderte der Pilgerbewegung, des Camino de Santiago) sticht hervor hinsichtlich Wachstum, Kreativität und bedeutender Persönlichkeiten. Männer und Frauen leben in den völlig neu erfundenen Städten, der Adel auf dem Land. Die Könige residieren jetzt in den Städten, ziehen nicht mehr in dem Maße wie zuvor von Ort zu Ort. Die wandernden Kaufleute werden seßhaft, berühmte Scholastiker wie der oben benannte Aquinat Thomas lehren in Universitäten wie Paris und Bologna, etc. Die neuen Bettelbrüder (Franziskaner zum Beispiel) zieht es an die Peripherie der Städte, die üblichen Ordensgemeinschaften hingegen sich mit ihren Klöstern der Abgeschiedenheit des Landes zuwenden.

Als große Päpste gingen in die Geschichte dieser beiden Jahrhunderte ein Gregor VII. (Disput mit Heinrich IV. und dessen Gang nach Canossa 1076/77), Urban II. (große Rede Clermont zur Befreiung Jerusalems von den moslemischen Selschuken), Calixt II. (Wormser Konkordat 1122, Codex Calixtinus/Jakobsweg, Erstes Laterankonzil), Innozenz II.,  Alexander III. wie Innozent III. beriefen 1139, 1179 und 1215 weitere Laterankonzilien ein.

Lissabon. Denkmal Heinrich der Seefahrer (1394-1460).

 

PHASE IV: WANDEL

NICHT KRISEN

Die vierte und letzte Phase beschreibt das 14. und 15. Jahrhundert. Le Goff hält sich hierbei an der Vorgabe der meisten Historiker und läßt hierbei das Mittelalter nicht bis ins 18. Jahrhundert auslaufen. An dieser Stelle sollte hinzugefügt werden, dass der Autor des o.g. Buches nur Kurzporträts wichtiger Persönlichkeiten vorstellt.

Diese Phase galt lange als Zeit tiefgreifender Krisen.

Le Goff hingegen betrachtet - den neuesten Forschungsergebnissen folgend - die ländlichen wie städtischen Unruhen als Vorboten der Neuerungen, von den meisten Historikern dagegen der Renaissancezeit zugerechnet. Nicht Krise - sondern Wandel. Es gibt die ersten Ingenieure. Schwerwiegende Krisen, zumeist gekoppelt an Einzelereignisse,  würden ohnehin nur sehr selten vorkommen, globale Veränderungen sind der Beleg. Unruhen gab es überall in Europa: auf dem Lande wie städtische in Paris, London, Florenz und anderswo. Manchmal waren sie religiös grundiert. Vorboten der protestantischen Reformation? Man könne sie ebenso aber als mittelalterliches Phänomen begreifen. Zwei Häretiker bestimmen die Sicht: der Engländer John Wyclif und der Tscheche Jan Hus.

 

ENTDECKER, KAUFLEUTE, IMPERIEN

BEHERRSCHEN DIE ZEIT

Auf der anderen Seite wird der Wandel repräsentiert durch Heinrich dem Seefahrer (1394-1460), in Lissabon-Belem steht ein großes Monument, der die großen Entdeckungsreisen des 15. und 16. Jahrhunderts initiierte, zum Beispiel die des Kolumbus Anno Domini 1492. Der französische Kaufmann Jacques Coeur (1395-1456) steht für den Handel, er baute sich ein ganzes Imperium auf. Auf deutscher Seite wäre der immens reiche Augsburger Jakob Fugger (1459-1525) zu nennen (Financier der Kaiser und Könige; gilt als der bedeutendste Kaufherr, Montanunternehmer und Bankier Europas seiner Zeit) zu nennen,  in Italien die Medici aus Florenz, Prototyp einer italienischen Dynastie. Vom 15. bis zum 18. Jahrhundert stellten die unermeßlich reichen Familienmitglieder unter anderem drei Päpste, zwei Königinnen von Frankreich, Großherzöge der Toskana, et ecetera. Inwieweit sie allesamt auch altruistisch handelten, sollte gesondert betrachtet werden.

 

HEUTIGE MAGNATEN ALTRUISTISCH?

Kann den oben benannten Kaufleuten also auch Altruismus unterstellt werden, wenn beispielsweise ein Jakob Fugger für seine "Angestellten" Wohnungen bauen ließ, etc.? Diese Diskussion ist problemlos in die heutige Zeit übertragbar; vgl. dazu das oben kurz angerissene Buch von Thilo Bode über die Diktatur der Konzerne und ihren Lenkern, Eigentümern. Bestehen wir auf insistierende Fragen.

Wer tiefer in die Thematik einsteigen will, der/dem empfehle ich folgende Webseiten: