MEIN JOURNAL. DER JAKOBSWEG NACH CORONA

DER JAKOBSWEG NACH CORONA

Wie wird er sich verändern?

Welche Infrastruktur werden wir vorfinden?

Pilgerherbergen. Hostals. Cafés?

 

März 2020. Spanien ist nach Italien in Europa gegenwärtig dasjenige Land, das am schlimmsten unter der Corona-Pandemie zu leiden hat. Werden die privat geführten Pilgerherbergen die Krise überstehen? Ich denke zum Beispiel sehr gerne an das Casa Rual Morgade. An die Gespräche mit Paul aus Toronto. Mit ihm fabulierten wir am Kaminfeuer - nomen est omen - über Gott und die Welt. Paul ging den Camino aus Dankbarkeit seinem Herrgott gegenüber für zwei überstandene Herzinfarkte. Wird der Staat finanziell einspringen? Welche Infrastruktur werden wir noch vorfinden? Werden die Pilger aus Übersee (USA, Süd-Korea, Süd-Amerika, Australien) wieder Freude am Camino de Santiago verspüren. Fragen. Fragen. Fragen.

 

Die Pandemie wird irgendwann überstanden sein, wie in den Jahrhunderten zuvor. Wir erinnern uns an Das große Sterben im 14. Jahrhundert mit 25 Millionen Pest-Toten (1/3 der Europäer starben), an die Spanische Grippe vor einhundert Jahren mit weltweit ca. 50 Millionen Toten.

Werden wir nach einigen Wochen das gewohnte Leben wieder pflegen, als wäre nichts geschehen? Ich befürchte ja. Vielleicht ist es auch gut so. Etwas weniger Spaß um jeden Preis wäre allerdings geraten, oder? 

 

Es wird immer wieder Virus-Pandemien geben,

immer Erdbeben, immer Sturmfluten, immer Eruptionen / Vulkanausbrüche, immer Naturkatastrophen - unabhängig vom Klimahype. Werden wir uns bei der nächsten Hungersnot irgendwo weit weg in Asien oder Afrika endlich einmal solidarisch zeigen? Nächstenliebe zeigen? Unseren Wohlstand teilen?

 

Glaube, Hoffnung, Liebe

Das sind die zentralen Aussagen des Völkerapostels Paulus von Tarsus (1 Kor 13,13).  Als hätte er zu seiner Zeit schon an die Jakobspilger des frühen Mittelalters gedacht: Aus dem Glauben heraus nach Compostella pilgern, beseelt von der Hoffnung auf Erlösung und Tilgung der persönlichen Schuld in Santiago – immer bestimmt von der praktizierten Liebe dem Anderen gegenüber: teilen, helfen, gemeinsam den schweren Camino gehen, beten, Eucharistie feiern.

 

Der mittelalterliche Pilger uns als Maßstab?

Ein ungewöhnlicher Gedanke: glauben, hoffen, lieben. Göttliche Tugenden, gestern wie heute. Für alle, die gläubig sind: Beten wir für die Beendigung der Pandemie. Die Generationen vor uns hatten keine Scheu, den Herrgott darum zu bitten. Durchaus erfolgreich.  Zum Apostel Jakobus. Zur Gottesmutter und Jungfrau Maria.

Laß dich mitnehmen

Auf unserem Camino Frances. Reflektiere mit mir die Zeit des ersten Lockdowns. Fragen. Fragen. Fragen.

 

Wer das elent bawen wel, der heb sich auf und sei mein gesel, wol auf sant Jacobs straßen! - Lied der Jakobspilger, 13. Jahrhundert.

DER CAMINO FRANCES. Reflexion. Vorfreude. Nachdenkliches.

Er beginnt im reich beschenkten Navarra

Gleich nachdem der Pilger die Pyrenäen von St. Jean aus überquert hat, empfängt ihn Roncesvalles. Auf Schritt und Tritt spannende Spuren einer über 1400 Jahre alten Historie. Was hat der mittelalterliche Pilger bis hier nicht alles erlebt? Welchen Gefahren hat er sich nicht aussetzen müssen? Ganz sicher wird er zwischendurch Hunger verspürt und sich der Wegelagerer erwehrt haben (Stichwort Puente de la Rabia in Zubiri). Es gibt Berichte darüber. Das hat ihn letztlich nicht abgehalten, weiter nach Compostell zu schreiten, konnte er sich doch des Lächelns der Virgenes del Camino, der Santa Maria, anvertrauen. Wir hingegen setzen uns in ein Flugzeug, landen in Bilbao, nutzen Bus und Bahn bis zu unserem Einstiegsort. Erwarten, dass alles klappt. Hat es aber nicht. Unsere Rucksäcke kamen erst einen Tag später.  


Pilger. Halt inne. Meditiere die grandiose Landschaft, die dich erwartet, die wildromantischen und grünen Täler, die herrlich alten Buchenwälder, die Gebirgsdörfer, bsp. in Biskarret (Dumont: „Als seien es kleine Adelssitze.“) Vergiß den mühsamen Anstieg zum Cisa-Pass.

In Pamplona spät abends

genüßlich im Café Iruña ein Bier trinken, an Ernest Hemingway denken, der just in diesem Café einen seiner Bestseller schrieb, wie schräg gegenüber im Hotel El Rincón de Hemingway.

 

Reiseschriftsteller und Priester Domenico Laffi hingegen fokussierte sich 1670 auf das Hochamt, das er in der Kathedrale selbst lesen, zelebrieren durfte. Er beschreibt, wie währenddessen zwölf bedürftigen Pilgern geholfen wurde. Sie saßen an einem reichlich gedeckten Tisch, in der Kathedrale, zubereitet von den Bürgern der Stadt.

 

Kümmerten uns back home die vielen Obdachlosen, die jetzt noch mehr leiden als ohnehin? (Pandemie: keine Menschen auf der Straße, die einen Obolus in die Becher einwerfen können). Über zwei Jahre habe ich Rolf, einen Obdachlosen aus der ehemaligen DDR, er las täglich die FAZ und hörte NDR Info, zweimal wöchentlich bis zu seinem Tod besucht, oft mit ihm auf Augenhöhe, also in der Hocke, gesprochen. Eine neue Erfahrung. Die Welt sieht plötzlich anders aus: vorbeihuschende Schatten, im Winter Pelz-umhangen, die uns keines Blickes würdigten.

Was lamentierten wir in Pamplona, als eine Pilgerin im 6-Betten-Herbergsraum gefühlt die ganze Nacht über laut schnarchte.

 

Fortsetzung

Wie verlief denn unser bisheriges Leben? Uns Wohlstandsbürgern wird  gerade mit äußerster Wirkmächtigkeit demonstriert, wie verletzlich wir alle sind und irritiert: Epidemien gibt es doch nur in Afrika, Asien oder in den Favelas - doch nicht bei uns! Für 2 bis 5 Wochen `mal das einfache Pilgerdasein auf dem Camino kennenlernen, kann es wirklich nicht gewesen sein.

Haben wir nicht alle auf unseren Caminos Menschen, Pilger wie Aussteiger, Herbergsbesitzer, kennengelernt, die das hektische Leben einfach nicht mehr mitmachen wollten? Ihren Beruf in der Heimat aufgegeben haben, um hier am Jakobsweg ein neues Leben zu beginnen? Haben wir sie nicht belächelt? Vielleicht als lebensuntüchtig bezeichnet. Sie werden hoffentlich auch diese Situation meistern. Ich wünsche es ihnen sehr. Die spanische Regierung hat ein striktes Ausgehverbot verhängt (Stand: 29.03.2020). Söhnke aus Norddeutschland war so ein Aussteiger. Ihn hatten wir 2006 in Astorga kennengelernt. Ich weiß nicht, ob er seinen sehnlichen Wunsch, eine eigene Albergue zu leiten, wahrmachen konnte. Ich wünsche es ihm.
Schreiten wir weiter. Über 70 Kilometer liegen bereits hinter uns. Weiter durch Navarra nach La Rioja.
Erinnern wir uns zuvor an Hermann Künig von Vach (1495) und an sein Bittgebet. Wir sitzen in einer Kapelle, in einer gotischen Kathedrale oder in einem romanischen Gotteshaus, blicken zum Altar, schauen auf das einfallende Licht:
  • „Zunächst, wenn du aufbrechen willst, sollst du Gott um seine Hilfe bitten, danach Maria, die Gnadenreiche, damit sie beide bereit sind, dich unbeschwert dorthin zu bringen, wo du Sankt Jakob mit Andacht finden mögest.“

Das Tor der Vergebung liegt vor uns. Memorieren einen anstrengenden Aufstieg. Wie schön war es dort droben auf dem Kamm, der das nördlich grüne Vorgebirgs-Navarra von dem südlich trockenen Mittel-Navarra trennt. Hoch oben vom Puerto del Perdon den Blick in die Weite schweifen lassen, die Windräder des Parque eolico störten nicht. Eine atemberaubende Aussicht, rechts unten das Dorf Zariquiegui, vor uns die riesigen Spargelanbaufelder.

 

In Puente la Reina werden die Pilger sich ein ruhiges Plätzchen suchen. Meditieren, sinnieren über das, was hinter ihnen liegt, was sie noch erwartet. Es wird sie fordern, mental wie physisch.

  • Achthundert Kilometer reich an Historie, Geschichten und Heiligenlegenden.
  • Von Navarra, durch La Rioja, via Burgos und León, den Provinzstädten von Kastilien-León,
  • durch unendlich scheinende Getreidefelder der Meseta, der heißen spanischen Hochebene,
  • durch das Land der Maragatos, über die Montes de León mit dem Cruz de Ferro,
  • auf dem Camino duro, dem harten Weg, nach O Cebreiro,
  • durch mittelalterlich anmutende, verarmte Bauerndörfer ins hügelige, grüne, bewaldete, häufig regnerische Galicien.

 

Fortsetzung

An einem Sonntag in Puente la Reina. Während nur wenige Meter entfernt junge Familien auf dem Marktplatz Spiele spielen, tanzen, musizieren, machen es sich die Nachbarn auf der Calle Mayor gemütlich. Zwei Flaschen Rotwein auf dem Tisch, der Trommler begleitet das Paar zum Tanz, ganz ungezwungen der Ladenbesitzer, mit der Schürze, eine schöne Frau im Arm. Der Junge schaut zu. Wie alt wird er heute sein? Vielleicht Mitte Zwanzig. Jahre später steuerten wir weitere Male Puente la Reina an, an verschiedenen Wochentagen. Die Idylle war nicht mehr zu spüren. Alles auf Commerz ausgerichtet. Aber lassen wir das.

 

Wehmut kommt auf. Die Pilger denken zurück an die vielen Corona-Toten, die Spanien 2020 zu verkraften hat: denken an die strikten Ausgehbeschränkungen. Nur einkaufen, keine Gäste empfangen, keine Verwandten besuchen, keine Pilger beherbergen. Die Pilger fragen sich, warum kein einziges europäisches Land sich auf eine Pandemie vorbereitet hatte. Hatten die Virologen nicht rechtzeitig gewarnt, die deutsche Bundesregierung gar im Januar 2013 dem Bundestag eine Risikoanalyse des Robert-Koch-Instituts (RKI) zum Bevölkerungsschutz präsentiert? Eine gespenstische Blaupause: Drucksache 17/12051.

 

Was macht Puente la Reina so einzigartig? Natürlich die mittelalterliche Brücke, goldwert nicht nur für die damaligen Pilger. Natürlich die Santiago-Kirche mit der berühmten Figur des Santiago-Peregrino, vom Volksmund Beltza (schwarz) genannt. Natürlich die Kruzifix-Kirche mit dem Y-Kreuz des 14. Jahrhunderts. Natürlich die Legende vom Txori, dem Vögelchen von der Brücke. Natürlich der Knotenpunkt mit der Pilgerfigur, wo (an sich ja in Obanos) der Navarrische und Aragonesische Weg sich treffen. Verweilen wir noch einen Augenblick an diesem mystischen Ort. Irgendeine Kirche wird schon noch geöffnet sein. Sprechen wir den Pilgern das Ave-Maria nach, wenden uns gleichermaßen an den heiligen Apostel Jakobus. Für den nicht so kundigen Beter hier die Verlinkung.

 

Sidestep

WAS SPIELT SICH DA GERADE

IN DEUTSCHLAND AB?

Donnerstag, 2. April 2020. Die Gedanken schwirren, die Synapsen interagieren. Während in Italien Priester wie Bischöfe sich "outen", zu ihrem katholischen Glauben stehen, ihn nach draußen tragen, zu den Gläubigen gehen, will heißen, mit der Monstranz von der Straße aus die Gläubigen segnen, verkriechen sich bis auf wenige Ausnahmen unsere Kleriker in ihren Häusern, sanktionieren im vorauseilenden Gehorsam die behördlichen Anweisungen. Gläubiger Unmut bahnt sich bereits neue Wege. Dass das klar ist. Natürlich muss jeder Christgläubige sich schützen und darf andere nicht gefährden.

 

27. März. Rom, 18:00h. Papst Franziskus betet für die Beendigung der Corona-Pandemie. Ganz allein, nur von seinem Zeremonienmeister  begleitet, auf dem Petersplatz, es regnet, er betet vor einer Marienfigur, wie vor dem Pestkreuz von 1522; predigt. Dann spendet der Papst im Eingangsbereich von St. Peter den wichtigsten katholischen Segen: Urbi et Orbi - Rom und der Welt.

11 Millionen Italiener sind live via TV dabei.

 

Und wie agieren Presse, Funk- und Fernsehen in Deutschland? An sich eine rhetorische Frage, Kirche wie Gläubige werden gerne verunglimpft, auf das übelste karikiert; nicht so der Islam.

Die Heimatzeitung berichtete überhaupt nicht. Tagesschau wie heute zeigen wenige Sekunden einen einsam auf dem Petersplatz stehenden Papst, mit unzureichenden Worten garniert. Es gibt keine Direktübertragung wie zu Ostern oder Weihnachten. Der Regionalsender Bayerisches Fernsehen bricht die Übertragung "rechtzeitig" zum Segen Urbi et Orbi der nachfolgenden Abendschau wegen ab. Den Vogel aber schießt TV-Nachrichten-Moderator Thomas Kausch vom NDR-Fernsehen um 22:05h ab. Er kommentiert das Foto des auf dem Petersplatz stehenden Papstes wie folgt:"

  • Wieviel Trost kann dieses Bild spenden? (...) 
  • Wir haben uns für ein anderes Thema entschieden, weil es konstruktiv ist."

 

Also. Beten ist destruktiv. Bitt-Gottesdienste sind nicht konstruktiv. Glauben ist destruktiv. Welche Anmaßung und Herabsetzung des Papstes! Welche Herabsetzung der gläubigen Katholiken. Dass es das Megaereignis, alle 10 Jahre,  Oberammergauer Passionsspiele überhaupt gibt, ist dem Versprechen der Bürger vor rund 400 Jahren zu verdanken - als Dank für die überstandene Pest des Jahres 1633 mit 80 Toten. Danach gab es keinen Pesttoten mehr.

 

Die Pilger schließen den Tag mit einer schönen, Hoffnung machenden Begegnung in der Kruzifix-Kirche von Puente la Reina. Gerade als sie das Gotteshaus verlassen wollen, treten zwei Frauen ein, stimmen spontan ein Kirchenlied an, es sind schöne Stimmen, laut und klar, die Anwesenden staunen, summen schließlich mit. Geschehen Anno Domini 2014 im Rahmen des Camino Aragones.

 

Fortsetzung

Lizarra - baskisch für Estella. Die Strapazen des Weges von Puente la Reina nach Estella - der Psyche wurde viel abverlangt - übergehen die Pilger geflissentlich. Die 6. Etappe berichtet davon.

 

Der Geschichtsinteressierte wird in Lizarra voll auf seine Kosten kommen. Es gibt vieles zu bestaunen. Kirchen, Burgen, etc.  Die ehemals aristokratischen Häuser mit ihren Emblemen resp. Wappen, gut sichtbar am Haus plaziert, zeugen davon. Ich schließe die Augen, sehe vor mir die stolzen Hausbesitzer, sie lachen, sie sind aktiv; einige sind dankbar. Der König selbst hatte ja im frühen Mittelalter dafür gesorgt, dass der Pilgerweg nicht mehr an Estella vorbeiführt. Der Ort blühte auf. Wirtschaftlich, religiös. Einige Feste bezeugen das. Das Steuersäckel wurde größer.

 

Es ist viel los in Estella Bella - die Schöne. Wir sitzen auf einer Bank an irgendeiner Plaza, beobachten fasziniert das Treiben: in den Restaurants, vor den Restaurants, auf der Plaza, spielende Kinder, keinen stört`s. Das familiäre Leben wird gepflegt. Und deshalb leiden Spanier (wie die Italiener) doch sehr unter den gegenwärtigen Corona-Ausgehbeschränkungen. Schließlich folgen wir den Hungrigen, ergattern ein Plätzchen, wollen das Pilgermenü einnehmen. Es fällt etwas üppiger aus. Das muss sein. Eine Belohnung für die Anstrengungen der vergangenen Stunden: mühevoller Anstieg, prasselnder Regen, Gewitter, Matsch, Unruhe ... Wir sind so kaputt, mental wie physisch, dass wir nicht mehr ausschließen, unsere Pilgertour abzubrechen. Wir werden sehen.

Aber einfach so aufgeben, das ist nicht meine Art. Die mittelalterlichen Pilger konnten auch nicht einfach abbrechen, sich ein Taxi zum nächsten Airport nehmen. Nein, einige starben auf ihrem Weg gen Compostella. Der Kreuzgang von San Pedro veranschaulicht die damalige Situation. In einer Seitenkapelle wird die Andreasreliquie aufbewahrt; wahrscheinlich hatte sie der Bischof von Patras (1270?) in seinem Gepäck mit sich geführt; wie die Handschuhe und ein Meßkännchen, jetzt aufbewahrt im Kirchenschatz.

 

Die Frankensiedlung beherbergte zu jener Zeit zahlreiche Hospitäler und Hospize, viele Kirchen. Ihre Glanzzeit sei im 12. und 13. Jahrhundert gewesen, sagt man.

Fakt ist und bleibt, die Einheimischen verhielten sich mehrheitlich den Fremden gegenüber tolerant, würden wir heute sagen. Sie profitierten von ihnen. Einige siedelten sich an. Wie verhalten wir uns heute gegenüber den Fremden? Wird es nicht auch damals mindestens zwei Lager gegeben haben: für und wider? Wir modernen Bürger interessieren uns für uns selbst. Verweigern den Italienern finanzielle Corona-Hilfe; anfangs, zu Beginn der Corona-Krise, gab es sogar Ausfuhrstops wichtiger medizinischer Geräte. Sind wir nicht insgeheim froh, dass die Flüchtlingssituation rund ums Mittelmeer out of the view ist? Die weltweiten Christenverfolgungen von heute spielen in unserem Leben sowieso keine Rolle: nicht bei den Leit-Medien, nicht bei der Regierung, nicht bei den Bischöfen, nicht bei den Gläubigen. Ich habe zu diesem Thema in unserer Gemeinde zwei Vorträge gehalten; derjenige aber über unseren Jakobsweg, ja, da war der Saal proppevoll.

Kann man eigentlich katholisch sein und sich nicht um die verfolgten Mitchristen kümmern? Nein! "Katholisch" entlehnt sich dem Griechischen und bedeutet "allumfassend". Christsein heißt "für-sein". Wer mehr über die heutigen Christenverfolgungen wissen will, klicke bitte die betreffende Webseite an - zum Beispiel oben links.

Fortsetzung

Palmsonntag, 5. April 2020. Zurück von der Kirche, geöffnet nur für das Gebet. Lese auf meinem Mobile: Die Berliner Kirchengemeinde St. Philipp Neri (hier wird die Messe aller Zeiten zelebriert) hat eine Klage beim Verwaltungsgericht Berlin eingereicht. Warum sollen für Gottesdienste strengere Regeln als zum Beispiel für Supermärkte und neuerdings für Baumärkte gelten? Die heilige Meßfeier solle ja nur für fünfzig jeweils namentlich bekannte Gläubige geöffnet sein, getrennt sitzend.

Beschämende Reaktion der (offiziellen) katholischen Kirche Deutschlands: sie mißbillige den Alleingang, so die Welt am Sonntag.

Zu keiner Zeit sind jemals die Kirchen geschlossen worden, nicht zu den Zeiten der Pest-Pandemien, nicht im Ersten, nicht im Zweiten Weltkrieg. Die deutschen Bischöfe des 21. Jahrhunderts pflegen den vorauseilenden Gehorsam - dem Staat und den sie tragenden Politikern gegenüber. Man will ja nicht anecken.

 

Zurück zum Camino. Das Leben ist schön. Das Wetter spielt mit. Vergessen auch der unsäglich anstrengende Weg durch die Pyrenäen mit Regen, Sturm und Matsch, durchgehend von Huntto bis zum Cisa-Paß. Der berühmt-berüchtigte Wetterumschwung. Tags zuvor war es noch richtig heiß gewesen. Die Sonne hatte gebrannt. Schwer die Schritte. 

Heute ist alles anders. Haben gut und ausreichend gefrühstückt. Es geht Richtung Logrono. Sind voller Elan, die Psyche okay. Die Unsicherheit des Vortages aus dem Gedächtnis gestrichen. Wir geben doch nicht einfach auf. Pater Martin Ramm x) von der Petrus-Bruderschaft FSSP hat die richtigen Worte:

 

  • Wie aber erkennt man, welcher Sinnesart ein Mensch ist?
  • Die Antwort ist einfach und doch anspruchsvoll: Die Sinnesart eines Menschen offenbart sich gewöhnlich am allermeisten in Situationen der Prüfung.
  • Was bist du für ein Mensch?
  • … - wenn du müde bist? - wenn du krank bist? - wenn dich Migräne plagt? - wenn du hungrig bist?
  • - wenn dich irgend etwas (oder irgendwer) nervt? - wenn dein Mitmensch sich allzu ungeschickt anstellt? - wenn du dich in deiner Ehre gekränkt fühlst? - wenn irgendwer auf deinen Schlips tritt oder irgend etwas über deine Leber läuft? - wenn du dich zurückgesetzt fühlst? -
  • - wenn Selbstmitleid oder Eifersucht dich anknabbern?
  • - oder wenn du coronabedingt in deiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt bist?
  • Warten wir noch einen Augenblick mit der Antwort!
  • Schauen wir zunächst: Wie war Jesus? Wie war er, als sein Volk ihn zuerst umjubelte und nur fünf Tage später seinen Tod forderte? (....)

x) Email-Corona-Predigtworte zum Palmsonntag, 5. April 2020: Die Botschaft der geweihten Zweige.

 

Gut, dass uns der sprachbegabte Pfarrer gestern in Estella Gottes Pilger-Segen gespendet hatte, nach Beendigung des Gottesdienstes. Aufgeschrieben in der jeweiligen Muttersprache: Englisch, koreanisch, deutsch, französisch, holländisch, italienisch, et ecetera. Jetzt kann nichts mehr schiefgehen.

Den vor uns Wandernden hören wir nicht mehr zu. Es lohnt nicht. Sie haben mit der katholischen Kirche nichts am Hut. Wir wissen: Viele von ihnen werden sich auf ihrem Weg  nach Santiago de Compostela gleichwohl einer Mutation unterziehen, werden Pilger.

 

Nein, die Etappe bis Los Arcos ist nicht eintönig, wie Milan Bravo Lozano meint. Sie verläuft auf einer Landstraße, führt zwischen Getreidefeldern und Weingärten hügelauf- und abwärts. Zeit zum Meditieren. Elke und ich sind uns einig. Wir lieben die Stille, wie auf dem Fischland-Darß im Spätherbst und im Winter, wenn nichts los ist. Natur pur. Gedanken pur.

 

Fortsetzung

Los Arcos liegt hinter uns. Ebenso das Kloster Irache auf dem Weg dorthin mit dem Weinbrunnen. Der kostenlos zu zapfende Rotwein ließ so manche Pilger gierig werden, füllten sie doch mehrere ihrer mitgebrachten Flaschen.

 

Pater Adalbert überholt uns, stoppt, spricht, geht mit uns eine Weile, entfernt sich, weil schneller, austrainierter, kommt zurück, fragt uns, ob er uns den Segen Gottes spenden dürfte - mitten auf der Landstraße gen Torres del Rio. Benediktinerpater Adalbert aus Tschechien hatte gestern in der Pilgermesse in Santa Maria von Los Arcos als Co-Zelebrant fungiert. Ein erhabenes Erlebnis. Er spricht nun den Segen in seiner Muttersprache, das ist einfacher für ihn. Jetzt kann wirklich nichts mehr schief gehen. In Leon werden wir gleiches erleben; ein Deacon aus den USA segnet uns. Die sich abwechselnden Anstiege sind zwar nicht ohne, werden aber letztlich gut gemeistert. Zurück zur geschichtsträchtigen Santa Maria von Los Arcos. Ich kann mittlerweile gut nachvollziehen, dass dem mittelalterlichen Pilger nicht bange ums Herz war. Überall Kirchen, Kapellen, überall lächelnde Marienfiguren, überall schaute ihn die Madonna an. Sie inspirierte ihn, motivierte ihn, er vertraute sich der Virgenes del Camino, der Gottesmutter Maria an. Aus gutem Grund.

 

Mein Gott, wie würde die Welt heute aussehen, würden wir alle wieder christgläubiger sein bzw. werden, Maria um ihre Hilfe bitten. Hatte die Jungfrau von Fatima, oder war es die Jungfrau von Lourdes, nicht explizit gesagt, kehrt um, tut Buße, beleidigt nicht den Herrn? Zu gegebener Zeit sollte ich wohl auf unsere Exkurse dorthin zurückkommen. Bleibende Erlebnisse von tiefer Bedeutung, für Elke, für Stefan, für mich.  Natürlich gäbe es weiterhin Zwistigkeiten, Kriege und Pandemien, wie zu jeder Zeit. Aber, und davon bin ich zutiefst überzeugt, wir würden besser mit den Imponderabilien des Lebens umgehen, verachteten wir nicht den dreieinen Gott. In den sozialen Medien hatten sie sich über den einsam auf dem Petersplatz stehenden und betenden Papst Franziskus - letzte Woche vor Palmsonntag - lustig gemacht. Fast könnte man meinen, Gott habe die Pandemie aus gutem Grunde zugelassen. 

Morgen werde ich mich mit dem Matamoros auseinandersetzen, ggfs. auch mit Cesare Borgia. Beides Reizfiguren. Warten wir`s ab.

 

Fortsetzung, Mittwoch in der Karwoche 2020

VOM SANTIAGO MATAMOROS zum MATAFLORES

Jakobus der Maurentöter (Santiago Matamoros) paßt nicht mehr in das Bild der “political correctness.“ Aus Rücksichtnahme gegenüber Nichtchristen werden Figuren des Santiago Matamoros entsorgt. Aus dem Maurentöter wurde der Blumentöter. Die eigene christliche Identität, der Umgang mit der Re-Conquista, mit der Rück-Eroberung der seit 711 moslemisch besetzten iberischen Halbinsel, wird in Abrede gestellt resp. verurteilt.

 

Mit der eigenen Geschichte, mit den eigenen Werten in dieser Form umzugehen, das schaffen nur (ehemals) christliche Länder, Völker, Nationen.

 

Der heilige Apostel Jakobus ist Schutzpatron Spaniens. Die Geschichte von Clavijo 844 kennst du. Falls nicht, hier die Verlinkung. Die Geschichte der moslemischen Eroberungen in den heutigen Gebieten Spaniens, Frankreichs (732 bei Tours. Poitiers von den Karl Martell gestoppt), Italiens, Ungarns, den Balkanländern und den Versuch, Wien und damit Österreich und Europa, zuletzt in 1716, zu überrennen, eher nicht. Hier die Verlinkung.

Extra gegründete Ritterorden, wie beispielsweise die Santiago-Ritter, sicherten die Pilger auf ihrem Weg nach Compostella; darüber hinaus die Tempelritter, ihre Burgen kennst du, Ponferrada... . Ohne sie kein Camino Frances.

 

WAS UM ALLE WELT BERECHTIGT UNS DEUTSCHE,

die Verehrung des Santiago Matamoros und die Re-Conquista zu kritisieren?

In deutschem Namen sind allein im 20. Jahrhundert aberzig Millionen Menschen umgebracht worden. Deutsche Pastoren verabschiedeten zuhauf junge, enthusiastisch singende Soldaten segnend in den 1. Weltkrieg. Deutsche evangelische Landeskirchen gründeten 1939 das „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche Leben.“ Deutsche, zu Hause wie auf den Schlachtfeldern, bejubelten ihren - nahezu mit religiösen Attributen ausgestatteten - Führer.  

 

So, und nun betrachte mit mir

das südliche Renaissanceportal der Iglesia Santa Maria de la Asunción, Viana. Für den mittelalterlichen Pilger kein Problem. Er kannte sich aus. Und wir? Die Jungfrau mit dem Jesuskind, die Kreuzigungsszene von Golgatha, die Aufnahme Mariens in die himmlische Herrlichkeit, Jesu Gebet im Garten Gethsemane, die Verkündigung, die Geburt Jesu und schließlich auf der linken Seite zwei siegreiche Reiter, Ritter. Wenige Kilometer später in Logroño dann der signifikante  Maurentöter hoch oben an der Kathedrale Santiago.

Ich kann mir die Verehrung des Santiago Matamoros insoweit gut vorstellen, als dass Hispanias Christen fürchterlich unter der Maurenherrschaft gelitten haben müssen; neueste wissenschaftliche Erkenntnisse belegen dies. Dazu vielleicht später mehr an anderer Stelle.

 

Einige Meter weiter. Wir betrachten die verblichenen Fresken in der Ruine des ehemaligen Klosters San Pedro. Die Gedanken schweifen ab, sehen den heiligen Jakobus vor Augen mit Pilgerstab, Pilgerhut und Muschel, Kalebasse und Hund. Den Jakobus also, der viele Wunder gewirkt haben soll, so steht es geschrieben im Liber Sancti Jacobi des 12. Jahrhunderts. Freuen uns auf die Begegnung mit ihm am Grab in Santiago de Compostela. Blättern im Smartphone, finden endlich seine Hymne:

 

OFFIZIELLE HYMNE ZUM APOSTEL JAKOBUS

Die Himno Official al Apostol Santiago ertönte in früheren Zeiten, in den Heiligen Jahren täglich, wenn das Weihrauchfaß, Botafumeiro, durch das Querschiff der Kathedrale geschwungen wurde. Heute wird ein modifizierter Text gesungen. Quelle: Elisabeth Alfering.

 

  • Wo wir gemeinsam hier an deinem Grabe als Pilger gläubig steh'n!
    Denn in die dunkle Nacht auf dieser Erde, da brachtest du das Licht,
    voll Liebe, Frieden und Gerechtigkeit aus Jesu ewigem Reich.
  • Licht du von Christus, du schriebst uns in die Sterne den Weg, der uns erleuchten kann mit Macht. Und dein Camino, er führt nach Compostela führt uns zu Christus, führt zur besseren Welt. Dass sich auf Erden des Herrn Gebot erfülle, mit dem Er dich hierher entsendet hat. Lasse die Menschen in allen Kontinenten der wahren Kindschaft Gottes würdig sein.
  • Gloria, Santiago, Apostel und Patron! laß uns Dir folgen auf deinem Weg zum Herrn! Zu Dir Santiago, da flehen wir von Herzen, gib' uns den Glauben, den du vorgelebt! Und bitte du für uns bei Gott dem Herrn, dass er uns Frieden schenke!

 

Fortsetzung, Ostermontag, 13. April 2020

Noch am selben Tag geht es weiter nach Logrono, zur Kon-Kathedrale Santa Maria de la Redonda. Nach meinen Berechnungen satte neunundzwanzig Kilometer von Los Arcos. Wir können`s nicht lassen.

 

Die Geschehnisse um Ostern Anno Domini 2020 treiben mich um. Es ist einfach beschämend ansehen zu müssen, wie klaglos sich die deutschen katholischen Bischöfe den Anordnungen der Politik, der Behörden ergeben. Die Untertänigkeit der Menschen ist erstaunlich. Die Baumärkte dürfen wieder öffnen, mit ungeheurem  Käuferandrang, während die Kirchen geschlossen bleiben müssen - auf Anordnung des Bundesverfassungsgerichts. Einige Pfarrer zelebrieren die Heilige Messe ohne Gläubige, nahezu mutterseelenallein; für die meisten fremd, kennen sie doch die vor dem Konzil übliche Stillmesse nicht mehr. Jetzt ist die Stunde des Zisterzienser-Stifts Heiligenkreuz, nahe Wien. Dazu später mehr.

 

Kurzer Blick zurück nach Viana. Dort, vor der Kirche im Boden eingelassen, die Gedenkplatte des berühmt-berüchtigten Cesare Borgia, er lebte im 15./16. Jahrhundert. Was wurde nicht alles über seine Familie geschrieben, Wahres und noch mehr Unwahres, gerne von den TV-Anstalten verbreitet.

 

Fühle mich grundsätzlich fit, bezeichne mich aufgrund meines sportlichen Vorlebens, zugegeben, das mit dem Leistungssport ist schon lange her, als sportiv.

Und was erlebe ich gerade auf dieser Strecke von Los Arcos via Viana nach Logrono? Mein persönliches "Desaster"; werde ausgeknockt von einer dem (ersten) äußeren Anschein nach nicht gerade sportiv aussehenden Pilgerin, ich nannte sie ein wenig despektierlich 'Pilgerin Inweiß' (sie trug weiße Klamotten). Sie ging wie ein Uhrwerk, ich konnte sie des öfteren beobachten, sie strengte sich offenbar nicht übermäßig an, erreichte den jeweiligen Kamm des Anstiegs mühelos, schritt munter weiter, keine Röte in ihrem Gesicht. Ich hingegen war natürlich schneller, forscher, oben der erste, aber auch derjenige, der am meisten am Keuchen war, sich sitzend ausruhen musste. Warum nur? Ich wußte es doch besser. Später werde ich ruhiger sein und werde nunmehr meinerseits immer wieder auf Elke einreden, sie solle doch langsamer gehen, vor allem zu Beginn der Etappe. Durch Schaden wird man klug.

 

Die Pilger überschreiten

die Regionsgrenze La Rioja, die Hitze nimmt zu. Da ist eine kleine Pause bei Dona Felisa, resp. ihrer Tochter, kurz vor Logrono gerade recht. Jeder Pilger, jede Pilgerin, der/die sich auch nur rudimentär auf den Camino vorbereitet hat, kennt die Geschichte um die berühmte Dona Felisa. Falls nicht, auf meiner Webseite 8. Etappe nachschlagen.

Ritter Arnold von Harff, 1499: (…) nach Logrono 1 Lieu, einer Stadt des Königs von Spanien. Hier reitet man über eine steinerne Brücke. Der Fluss heißt Ebro. Dort endet das Königreich von Navarra.

"Der Herr ist wahrhaftig auferstanden! Glaubt nicht den modernen Theologen", so Joseph Kardinal Ratzinger in seiner Predigt Ostersonntag am 26. März 1978 in München. Quelle: Gesammelte Schriften. Predigten. Band 14/1. 

 

Einmal als Pilger die Karwoche in Burgos erleben. Eindrucksvolleres  zu Karfreitag wie zu Ostersonntag gibt es wohl nicht. Wenn nicht als Fußpilger, dann eben irgendwann im Rahmen einer Rundreise.

 

Elke ist von der Kathedrale Santa Maria de la Redonda begeistert. Neben den vielen  Heiligenstatuen ist es ein Himmel im Deckengewölbe, der ihr es angetan  hat. Aufgeregt erzählt sie von ihrer Sicht. Mit ein wenig Phantasie ortet sie, wie soll ich es sagen, Himmlisches, Numinoses. Nur wer glaubt, kann sehen. Die Pilger ruhen sich aus, werfen den Blick auf die Statue des Jakobus in der typischen Pose des Pilgers mit Hut und Muschel, Stab, Hund und Kalebasse, dem Trinkgefäß. So wollen ihn die heutigen PilgerInnen sehen.

Meditiere später die Sätze Wolfgang Schnellers von Seite 13 seines kleinen Büchleins "Ankommen und erwartet werden" (2010, Schwabenverlag) zur Erweckung der inneren Sinne: "Wie bin ich jetzt da? Aufmerksam oder gelangweilt? Gespannt und neugierig oder nur mit mäßigem Interesse? Wie fühle ich mich in meinem Körper? Spüre ich durch die Fußsohlen und die Schuhe hindurch den Grund, auf dem ich stehe? Kann ich mich jetzt im Ein- und Ausatmen loslassen in dieses Hier und Jetzt hinein - innerlich frei, im Geist hellwach - und über mir nichts als die Weite des Himmels?"

 

Das Gottesbild hat sich verändert. Es gibt nur noch den liebenden Gott, den strafenden sowieso nicht, der war dem üblen, dunklen Mittelalter vorbehalten. Wer allerdings aufmerksam das Neue Testament studiert, wird immer wieder auf Jesu Satz stoßen: "Kehrt um! Tut Buße!" Vorbereitet von Johannes dem Täufer gemäß Matthäus 3,11-12.

 

Das Coronavirus läßt mich nicht los. Die Unverantwortlichkeit der Wohlstandsbürger. Wie viele dieser Bürger mittleren Alters sind noch Anfang März in die Skigebiete Tirols gefahren: (Süd-)Tirol sei doch so weit entfernt gelegen. Tage später: Hektisch agierende Gäste verlassen Ischgl in panischer Eile, ängstlich, aus Österreich nicht mehr ausreisen zu dürfen, hingegen die Protagonisten des Bremer WK-Journalisten, er ließ eine Bremer Familie zu Wort kommen, unschuldig sich noch einmal mit dem Lift nach oben ins Skigebiet bringen ließen, auf der anderen Seite das schweizerische Samnaun; noch einmal den gekauften Wochenpaß abfahren. Back home sich dann aber über die gesundheitlichen Versorgungsmaßnahmen aufregen. Ich war auch aktiver alpiner Skiläufer, kenne besagtes Skigebiet vom schweizerischen Samnaun her. Aber: bereits im Februar diskutierten wir in Deutschland über die katastrophale Situation in Bergamo wie auch über die in Schenna, Süd-Tirol. Nur die Allerdümmsten und/oder die größten Ignoranten, nur auf Fun, Fun und Apres-Ski Bedachten, sahen nicht die Gefahr des Überspringens des Virus auf Deutschland. Ich nenne das grobe Fahrlässigkeit.

 

Fortsetzung

Circa zweihundert Kilometer liegen nun hinter den Pilgern, Navarrete ebenfalls (es lohnt wirklich nicht, von dem elenden Hostal zu berichten, die Herbergen waren überfüllt), sie sitzen vor irgendeinem Café am rio Najerilla – in Najera.

 

Logroño konnten sie nicht soviel abgewinnen. Viele Pilger schmausten und tranken in Reichweite der Konkathedrale, nur wenige von ihnen fanden den Weg dorthin, in Navarrete das gleiche, wie fast überall. Das praktizierte Christsein ist nicht mehr gefragt. Frei nach dem Motto, Ihr glaubt noch!? Die katholische Kirche ist doch eine Zumutung. Für mich alles nur Nachgeplappere der Leitmedien.

Ich oute mich dann und erzähle von dem größten Theologenpapst der vergangenen einhundert Jahre – von Papst Benedikt XVI.  Weiß inzwischen, was folgt. Schaue dem Gegenüber in die Augen, sehe, wie es beim ihm/ihr rattert: ‚das darf doch nicht wahr sein‘. Heute würde ich ergänzend den bekannten Filmregisseur Werner Herzog zitieren (Herzog zählt zu den bedeutendsten Vertretern des „Neuen Deutschen Films“; 2009 von „Time“ zu den hundert einflußreichsten Personen der Welt gerechnet), der diesen Papst wie folgt charakterisierte:

  • Keiner hat in 300 Jahren so tiefe Gedanken gehabt wie er – niemand (..)
  • Der tiefste Denker.

Der Blick ins Smartphone genügt, widerspiegelt die Erlebnisse der vergangenen Stunden: Bilderbuch-Weinlandschaft Rioja, Alto de San Anton, Rolandsberg, die aufgeschichteten Steinchen-Pyramiden und ... die am Wegesrand aufgestellte Tafel mit dem Text von Pfarrer Eugenio Garibay BAÑOS aus Najera. Zeit für eine Meditation. Versuch`es doch auch einmal!

 

  • Staub, Schlamm, Sonne und Regen, das ist der Weg nach Santiago.
  • Tausende von Pilgern und mehr als tausend Jahre.
  • Wer ruft dich? Pilger!
  • Welch` geheime Macht lockt dich an? Weder ist es der Sternenhimmel, noch sind es die großen Kathedralen.
  • Weder die Tapferkeit Navarras, noch der Rioja-Wein,
  • nicht die Meeresfrüchte Galiciens, und auch nicht die Felder Kastiliens.
  • Pilger, wer ruft dich?
  • Welch` geheime Macht lockt dich an? Weder sind es die Leute unterwegs, noch sind es die unendlichen Traditionen.
  • Weder Kultur und Geschichte, noch der Hahn Sto. Domingos,
  • nicht der Palast von Gaudi, und auch nicht das Schloß Ponferradas.
  • All` dies sehe ich im Vorbeigehen, und dies zu sehen, ist Genuß,
  • doch die Stimme, die mich ruft, fühle ich viel tiefer in mir.
  • Die Kraft, die mich vorantreibt.  Die Macht, die mich anlockt,
  • auch ich kann sie mir nicht erklären. 
  • Dies kann allein nur Er dort oben!   (E.G.B.)

 

Fortsetzung

Gedanken zum künftigen Camino de Santiago.

Er wird ein anderer sein.

Der vorgenannte Text (Pilger, wer ruft dich?) impliziert das Miteinander der Pilger. Das Füreinanderdasein, wie an anderer Stelle formuliert. Pilger wollen in der Regel nicht grundsätzlich alleine pilgern, wandern, zumindest abends in der Gemeinschaft fabulieren, Erlebnisse austauschen, beim Pilgermenü mit der obligatorischen Rotweinflasche auf dem Tisch. Mehrheitlich lieben Pilger die Gemeinschaftsräume, auch wenn das Schnarchen so manchen auf die Palme bringt.

 

Welche Beschränkungen werden sich die Behörden einfallen lassen, wenn denn der Pilgerbetrieb wieder Fahrt aufnimmt? Die Hygienevorschriften werden großen Raum einnehmen. Abstandsregeln. Etagenbetten? Luftmatratzen nebeneinander vor den WC-Räumen, wie weiland bei uns in Roncesvalles? Gemeinschaftliche Waschräume (Duschen)?

 

Wird der Jakobsweg - zumindest temporär - zu einem Single-Pilgerweg mutieren?

Denn über eins müssen wir uns klar sein, auch die spanische Regierung dürfte  der Durchseuchung von 60-70% nicht das Wort reden, sondern aufgrund der gegebenen Krankenhaussituation auf Sicht fahren, denke ich, und das wird ein bis zwei Jahre dauern.

 

Wie auch immer. Wir werden einen anderen Camino de Santiago vorfinden.

Die bisher ohne Lizenz arbeitenden Herbergen und/oder Hostals werden wohl verschwinden, so der spanische Autor einer bekannten Pilger-Webseite. Viele der familiengeführten Herbergen/Hostals werden wirtschaftlich nicht überleben, je länger die Corona-Situation andauert.

 

Wie werden sich die nichtspanischen Pilger entscheiden? Die Europäer? Die von Übersee? Werden die spanischen Pilger die Verluste der möglicherweise wegbleibenden "Ausländer" kompensieren können? Denn immerhin, die "Ausländer" gehen, pilgern üblicherweise das dreifache der Strecke denn der Spanier. Kurzum. Wenn nicht ein Wunder - nomen est omen - vom Himmel fällt, wird es für die Anrainer der Caminos eine Katastrophe geben. Nun, der Apostel Jakobus soll ja laut gängiger Legenden, die durchaus nicht per se in das Reich der Fabeln zu verschieben sind, für so manche Wunder "verantwortlich" gewesen sein. Also, beten wir zu ihm, zur Jungfrau und Gottesmutter Maria.

 

DER JAKOBSWEG BRINGT MENSCHEN EINANDER NÄHER, hilft Vorurteile abbauen. Tun wir das unsrige; ein wenig mehr Demut wäre nicht schlecht.

Monte de Gozo. "Kehr um, Europa! Sei wieder du selbst! Besinne dich auf deinen Ursprung! Belebe deine Wurzeln wieder!"

Kein Geringerer als Papst Johannes Paul II. wählte diese Worte am 9. November 1982 im Rahmen seiner großen Europarede in Santiago de Compostela.

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Fortsetzung

Genug der philosophischen Betrachtungen. Das Leben geht weiter. Ebenso der Camino. Immerhin, bis Santiago de Compostela sind es noch ca. sechshundert Kilometer.

Irre, nicht wahr. 24/25 Etappen noch. Wer nimmt solches auf sich? Wir, die verrückten Pilger. Nachbarn wie Freunde wie Kollegen wie Geschäftspartner, sie alle schütteln noch heute den Kopf; nein, wenn überhaupt, dann mit dem Fahrrad irgendwo im Umkreis des Wohnorts bis max. 50-80 km radeln, gerne auch eine Strecke mit der Eisenbahn.

Kurz hinter Najera. Eine dieser legendenhaft beschriebenen Höhlen am Weg. Früher Wohnstätte der Menschen.

 

Die Pilger wollen es heute noch bis Santo Domingo de la Calzada schaffen. Für die mittelalterlichen Pilger kein Problem. Sie gingen gerne zwischen 30 bis 50 km je Tag. Wir schafften, wie sich später herausstellen wird, im Schnitt mehr als 23 Kilometer; zwischen 13 und 38 km pro Tag. Nicht schlecht, aber auch nicht besonders sportiv.

 

Das Kloster Santa Maria le Real ist passiert. Es geht ziemlich steil in einen Kiefernwald, nur einen Kilometer, es reicht. Rechte Hand gut zu sehen der gelbe Pfeil. Vermutlich werden die Lehmhöhlen verschüttet sein. Das Interesse neigt sich mehr der nächsten Unterkunft zu. Schon wieder eine Herberge? Schon wieder schnarchende Mitpilger? Wahrscheinlich werden auch wir gelegentlich schnarchen. Schon wieder keine passablen Waschmöglichkeiten, auch für die der Klamotten. Eine Dusche muß her. Ebenso das gepflegte Bier, vorweg ein Cognac. Ja, so sollte es sein. Und wo werden die Pilger das alles vorfinden? Im Parador-Hotel in Santo Domingo de la Calzada. Und deshalb wird schnell ein Telefonat riskiert, die Nummer war im Smartphone vorgemerkt. Die Pilger werden später ein Super-Zimmer vorfinden, man könnte fast vor einer Suite sprechen. Für die Pilger an diesem Tag ein Traum. Jahre später werden wir mit Stefan noch einmal dort übernachten. "Unsere" Suite war zu einem normalen Zimmer mutiert, so schien es uns.

Azofra. Die gute Stimmung täuscht. Einige Stunden später wird sie stark heruntergefahren sein. Totale Erschöpfung nach rd. achtunddreißig km. Nach einem kurzen Check-in fallen die Pilger in den Tiefschlaf, verpassen die Öffnungszeit der Kathedrale; können den Hühnerkäfig nicht bestaunen. Das heben sich die Pilger für 2018 auf: mit dem Auto zu den Highlights des Camino.

 

Ein älterer, sehr freundlicher Mit-Pilger lädt uns ein, doch in Azofra zu bleiben, die von den Kölner Santiagofreunden gemanagte Herberge sei zu empfehlen. Schon um viertel vor ein Uhr hier "herumsitzen"? Dafür ist es viel zu früh. Immerhin, er fotografiert uns. Hinter uns eine mißmutige Pilgerin, aus dem Bild herausgeschnitten. Wahrscheinlich war sie von der Wirtin  des gegenüber liegenden Lokals ebenso mißmutig bedient worden. Wir hatten die gleichen Erfahrungen sammeln müssen.

Hermann Künig von Vach, 1495. In den Spitälern ist man dir gern zu Diensten, ausgenommen im Spital des hl. Jakobus, da ist das Personal durchweg bösartig. Die Spitalfrau tut den Pilgern viele Gemeinheiten an, aber die Betten sind sehr gut.

 

Ob es besagte Kölner Herberge heute noch gibt, weiß ich nicht. Der Schmidtke spricht u.a. von einer tip-top ausgestatteten Albergue Municipal nebst einer alten Herberge neben der Kirche.

 

Fortsetzung

Santo Domingo de la Calzada ausgangs Burgos.

Die Geschichte vom Hühnerkäfig kennt jeder. Entweder die von Santo Domingo de la Calzada, die vom französischen Toulouse oder die vom portugiesischen Barcelos, mit Dominikus, Jakobus oder der Jungfrau Maria. Der Pilger - das Pilgermenü hatte vorzüglich geschmeckt, irgendwo in Santo Domingo - interessiert sich jetzt mehr für die damaligen Mönche Juan de Ortega und Domingo de la Calzada.

 

Faszinierende Persönlichkeiten des 11. und 12. Jahrhunderts. Für ihn Helden und tolle Brückenkonstrukteure. In der heutigen Zeit Brücken wie Kathedralen mit dem Computer zu entwerfen, ist vergleichsweise simpel.

Als Brückenbauer nahmen sie – nomen est omen – ihre Berufung als Männer Gottes ernst, bauten nicht nur profane Brücken für die Pilger, nein, sie schlugen Brücken zu den Pilgern, zu den Gläubigen, feierten mit ihnen die Heilige Messe, trösteten sie, gaben ihnen Brot und zu trinken. Sie hielten sich, sehr wahrscheinlich intuitiv, an das, was Papst Calixtus II., der Pontifex maximus (oberster Brückenbauer), in seinem Liber Sancti Jacobi als eigentliche Motivation des Pilgers postulierte:

  • Der Weg des Pilgers sei für den Rechtschaffenen die Absage an Laster, die Abtötung des Leibes, die Vergebung der Sünden, die Buße der Büßer, der Weg der Gerechten, die Liebe der Heiligen, die Hoffnung der Auferstehung und der Lohn der Seligen, die Abwendung von der Hölle und die Versöhnung mit dem Himmel. 
  • Der wahre Pilger teile mit den Armen und den bedürftigen Pilgern. Die das nicht täten, seien keine echten Pilger - sondern Diebe und Banditen Gottes. Im weiteren Verlauf seiner Predigt verweist der Papst auf die Apostel, die weiland von Jesus ja ohne Geld auf die Missionsreise geschickt worden seien.

Und genau das lebten sie den Pilgern ihrer Zeit vor. Bemerkenswert aufopferungsbereite Heilige, keine „Wohlfühlkleriker“. Keine Mainstreampriester.

 

Ein Abriß der Viten.

Dem heiligen Dominikus, geboren 1019 als Domingo Garcia in Viloria de Rioja, schreibt man neben der Stadtgründung (Bau des Pilgerhospitals) im 11. Jahrhundert unter anderem den Bau der Brücke (1044) über den Fluß Oja zu, kurz hinter dem Ortsausgang Richtung Belorado gelegen, ebenso die Befestigung der Wegstrecke zwischen Najera und Redecilla. Er grundierte Straßen und Wege, baute Brücken, versorgte Pilger, linderte ihre Leiden, machte Ländereien fruchtbar. Domingo muß ein einfacher Mann gewesen sein. Seine Kindheit verbrachte er als Schäfer, wurde dann Schüler im riojanischen Benediktinerkloster von Valbanera. Wie später das Kloster San Millan de Yuso lehnte Valbanera sein Ansinnen auf Eintritt als Mönch ab - seines minderen Bildungsstandes wegen. Man sollte ergänzen, daß beide Klöster eng miteinander verbunden waren. Ein Eremit kam ihm zu Hilfe, nahm ihn zunächst auf. Später soll der heilige Kardinalbischof Gregor von Ostia seine Betreuung übernommen und ihn zum Priester geweiht haben, so erwähnt es ein Marinaeus Siculus 1530 in seinem De Rebus Hispanie memorabilibus. Als Ursprung des Ortes Santo Domingo de la Calzada kann, wie erwähnt, der Bau seines Pilgerhospitals in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts gelten. Domingo selbst betreute und versorgte die vorbeiziehenden Peregrinos. Nur 1,6 Fußkilometer nördlich von der Kathedrale entfernt befindet sich die Ermita Mesa del Santo, die Kapelle "Tisch des Heiligen". An jenem Ort, wo sich jetzt die Ermita befindet, verteilte Dominikus, also noch vor dem Bau des Pilgerhospitals, auf einer Wiese am Fluß Essen unter den Pilgern. Heute sollen dort noch sechs mächtige Steineichen als Reste eines größeren Waldes stehen.

Rechtlich abgesichert wurde Domingos Lebenswerk durch König Alfons VI., der ihn hier 1076 besuchte, seine Taten bewunderte und ihm in Folge den nötigen Grund und Boden übertrug. Die Ortschaft wuchs kräftig. Am 12. Mai 1109 verstarb der Heilige. Die Ortschaft trug mittlerweile den Namen Burgo de Santo Domingo. Auch nach seinem Tod hörte San Domingo nicht auf, die Pilger zu beschützen. Mehrere Mirakel werden seinem posthumen Wirken zugesprochen: beispielsweise einem französischen Pilger, den er vom schlechten Geist befreite, einem deutschen Pilger namens Bernard, dem er Ende des 14. Jahrhunderts sein Augenlicht wiedergab.

 

Juan de Ortega (1080-1163), ein Schüler von Domingo, also Diener Gottes. Seine ersten Brücken, gebaut mit Unterstützung von König Alfons VI., von Logroño und Najera ersparten den Pilgern des 11. Jahrhunderts mindestens drei Tage Gehzeit. Der legendäre Kampf zwischen Roland und Ferragut soll an der Brücke von Najera, der Brücke San Juan, stattgefunden haben. 1866 wurde die alte Brücke durch eine neue ersetzt und 2003 verbreitert. Eine original erhaltene Brücke steht bei Ages. Auch soll er für den Bau der Straße von Ages nach Atapuerca verantwortlich sein.  Königin Isabella die Katholische ließ 1474 ihm zu Ehren ein prachtvolles Grabmal bauen. Es befindet sich in der Klosterkirche von San Juan de Ortega. Aus Dank dafür, dass sie, die zunächst als unfruchtbar galt, nach ihrem Besuch schwanger wurde. 

Juan de Quintana Ortuno, Sohn des Ritters Vela Velazque, lernte als 15jähriger den 75 Jahre alten Dominikus in Burgos kennen. Nach seiner Priesterweihe schloß sich der adlige Sproß Dominikus an, unterstützte mit ihm gemeinsam die Hilflosen und Armen. Nach Dominikus` Tod am 12. Mai 1109 pilgerte er zu den heiligen Stätten der Christenheit. Der Legende nach rettete ihn auf der Rücktour der heilige Nikolaus von Bari nach einem Schiffbruch. Als Dank und zu Nikolaus`Ehren errichtete er sodann am Pilgerweg in der Wildnis der Montes de Oca eine Kirche für die Armen und Verfolgten, ebenso für seine Schüler und für die Pilger ein Refugium, eine Herberge. Dort gründete er mit seinen Neffen die Gemeinschaft der Regularkanoniker (Mitglieder einer Stiftskirche) des heiligen Augustinus.

Nachdem sein Vermögen, das er für seine Vorhaben eingesetzt hatte, verbraucht war, er den Pilgern und Armen nicht mehr helfen konnte, füllte ihm der Herrgott der Legende nach die Truhen mit Brot, um alle versorgen zu können. San Juan erfreute sich der besonderen Unterstützung von König Alfons VII. von Kastilien (1126-1157), der ihn mit größeren Ländereien im Gebiet der Montes de Oca bedachte, um den Armen vor Christo zu helfen. Juan starb am 2. Juni 1163 in Ortega, nachdem er zuvor in Najera schwer erkrankt war. An seinem Grab sollen viele Wunder geschehen sein. 

 

Zurück zum Pilgern. Es kann sehr beschwerlich sein. Nicht nur in den Pyrenäen, nicht nur kurz vor Viana oder hoch zum Cruz de Ferro, wie wir später sehen werden, auch der Weg nach Belorado ist es. Nur Regen plus eine unfreundliche Bedienung in Villamayor del Rio. Lassen wir das. Es kommt ja noch schlimmer. Das Hostal in Belorado, ein anderes gab es für uns nicht, laut, völlig verraucht, feuchte Betten, alles, was man sich so als Pilger (nicht) wünscht. Nun gut, es gibt nicht jeden Tag ein First Class-Hotel, will sagen ein Paradores in Santo Domingo. Da tut es letztlich gut, wieder geerdet zu werden. Das Hostal in Villafranca Montes de Oca (auch diese Herberge überfüllt), reiht sich ein analog Belorado. Erst in Burgos werden wir zufrieden sein. Aber bis dahin braucht es noch drei Etappen, die geschafft sein müssen. Nur, dass wir uns richtig verstehen, wir werden auch Herbergen und Hostals beschreiben, als Vorbild nenne ich diejenige von Roncesvalles, von denen wir noch heute schwärmen.  

 

Fortsetzung

WO HAT MAN DAS NOCH?

Stille, Einsamkeit, Genügsamkeit, Ursprünglichkeit

Elke und ich sind ein eingespieltes Paar. Wir nehmen Rücksicht aufeinander. Die körperlichen wie psychischen Befindlichkeiten wechseln sich ab. Der, die eine baut den anderen auf. Du merkst, es wird schwierig, dem verordneten Genderwahn zu folgen. Sei`s drum, ich wähle weiterhin die männliche Form und impliziere - zumeist - die weibliche.

Das berühmte Weinanbaugebiet Rioja liegt hinter den Pilgern, den Grenzstein passierten sie bei Redecilla del Camino kurz hinter Santo Domingo, sie bewegen sich jetzt in der Keimzelle Spaniens, Kastilien-Leon. San Juan de Ortega liegt ebenso hinter ihnen. Das Lichtspiel zu bestaunen, war nicht möglich. Kirche und Kloster geschlossen. Zur falschen Zeit da.

 

Der nachdenklich verfaßte Essay von Jose Angel Gonzalez Sainz entschädigt die Pilger: „Der Lichtstrahl im Gesicht“; veröffentlicht in „Wege und Umwege nach Compostela – Ein literarischer Jakobsweg in Castilla y Leon“, Verlag Ludwig, Kiel. Die Protagonisten des Essays investieren Zeit, haben es nicht so eilig, warten auf die Öffnung des Klosters, an jenem Tag der Vollkommenheit, der Reinheit, mit der der Lichtstrahl am Morgen der Tagundnachtgleiche durch die Fenster einfällt und exakt das Kapitell mit der Darstellung von Mariä Verkündigung beleuchtet.

Der Autor, er spricht in der Ichform, beobachtet die attraktive Pilgerin, fünfzig  Jahre alt vielleicht, gedankenverloren, staunend, das sieht er ihr an, sie steht immer noch vor dem Fenster in der Apsis. Irgendwann spricht sie ihn von sich aus an, lädt ihn ein, das wenige, das sie an Eßbarem im Rucksack habe, mit ihr zu teilen. Er will lieber in ein Restaurant. Nein, sie will nicht. Sie will auch einfache Herbergen. Keinen Luxus. Sie spricht von verlorenen Seelen, von Stille, von Einsamkeit, von Besinnung, von Genügsamkeit, von Ursprünglichkeit. Wo hat man das heute noch? Später wird sich herausstellen, dass sie eine erfolgreiche Managerin ist, mit sehr viel Befehlsgewalt. Spricht davon, was das internationale Unternehmen letztlich von ihr fordert, will sie erfolgreich sein: Selbstsucht, Gewinnstreben, Macht und nochmals Macht, Ehrgeiz, Drogen helfen manchmal, langsam aber sicher schlichen sich schlechte Charaktereigenschaften ein: Kälte, Desinteresse am anderen, Verachtung, Rücksichtslosigkeit. Zum Schluß der Geschichte wird sie sich entschuldigen. Sie hat ihn erkannt. Bitte lies selbst. Auch die anderen Essays lohnen.

 

Fortsetzung

Tatort Atapuerca. In der Sierra hatte man 1992 ca. 800.000 Jahre alte menschliche Überreste gefunden. Wieder ein abweichendes Mosaiksteinchen mehr in der Beurteilung, von wem der moderne Mensch, der homo sapiens, nun wirklich abstammt: Neandertaler, Afrika, iberische Halbinsel. Das ist Wissenschaft, der fast jeder unserer Mitbürger blindlings vertraut: Spekulatives wissenschaftliches Anhäufen von Vermutungen und Erkenntnissen.

 

Die Pilger suchen sich nachmittags ein Pilger-Restaurant. Die Panderia ist rappelvoll. Es wird laut diskutiert, sie versuchen es eine Oktav tiefer, am Tisch sitzt ein Amerikaner. Zwischendurch, es läßt sich nicht vermeiden, wird schnell ein geschäftliches Telefonat geführt. Es dampft, die Luft ist zum Schneiden. An der Theke stehen gestikulierend mehrere Pilgerinnen, sie haben keine Lust, die triste Strecke nach Burgos zu Fuß gehen. Sie suchen sich eine Busverbindung, das Taxi ist zu teuer.  Uns tangiert es nicht. So wie wir später die Meseta für uns entdecken, für viele Pilger ein Graus, weil langweilig, so wollen wir auch diese Strecke gehen.

Anfangs geht es noch auf holprigen Wegen hinauf zum Matagrande, ganz schön anstrengend, nicht so anstrengend wie der regnerische Aufstieg tags zuvor in die Montes de Oca, eine Hammerstrecke. Den Matagrande hinunter: Straßen, Teer, Straßen, Asphalt. That`s the camino I like it.

Das Pilgermenü im „comosapiens“ ist spitze; Sechsundzwanzig Euro incl. Tipp und Rotwein. Am Nachbartisch ganz allein ein junger, sympathisch wirkender Trierer, wir fabulieren über den Weg. Er ist einer derjenigen Gläubigen, der sich voll und ganz dem Mainstreamkatholizismus angeschlossen hat. Der Frage, wie oft der Katholizismus sich denn dem jeweiligen Zeitgeist anpassen solle: alle 5 Jahre, alle zehn, wann nicht, wer entscheidet wie?, antwortet er mit Achselzucken.

 

Warum bleibt uns das "comosapiens" in Erinnerung? Zunächst wegen des sehr bemühten und freundlichen Obers, der sich dann als Inhaber outete, und weil eben jener Inhaber-Ober die von uns im Restaurant liegengelassenen Pilgertaschen in die Herberge nachgebracht hat. Eine nicht alltägliche Geste. Das Trinkgeld war gerne gegeben. Das Nichtwiederauffinden der Taschen hätte fatale Folgen mit sich gebracht. Am nächsten Tag kurz vor Burgos wird er uns noch einmal begegnen, aus dem Auto heraus uns erkennen, grüßen, anhupen.

 

Fortsetzung

Der Leser weiß, dass es auf dieser Seite um den Camino Frances geht. Nicht umsonst beginnt er für die aktuelle Pilger im reich beschenkten Navarra. Für den mittelalterlichen Pilger immer von zu Hause aus. Aus Deutschland, der Schweiz, aus Frankreich, aus Cluny. Warum Cluny? Die Benediktiner-Mönche der wohl berühmtesten Abtei des Mittelalters nahmen großen Einfluß auf den Camino de Frances, viele Kirchen und Hospitäler am Jakobsweg gehen auf ihr segensreiches Wirken zurück. Ein Grund mehr, an dieser Stelle einmal abzuschweifen, sich diesem Benediktinerkloster zu widmen.

BITTE WEITERLESEN

MENÜPUNKT FRANZÖSISCHE JAKOBSWEGE > CLUNY.

 

Ich schweife ein weiteres Mal ab. Beschäftige mich noch einmal, obwohl ich es gar nicht mehr wollte, mit der Corona-Pandemie. Jeden Tag das gleiche: auf allen Kanälen der ARD, Erstes Programm wie alle Dritten, Sondersendungen im Anschluß an die Tagesschau. Das Jahr der Wissenschaft scheint ausgerufen, wie weiland in der Aufklärung, wie weiland nach der französischen Revolution.

 

  • Das Wesen der Wissenschaft ist (nun einmal) Streit,
  • der Streit um die bessere Theorie.
  • Wissenschaftliche Theorien müssen immer widerlegbar sein.
  • Der Philosoph Karl Popper nennt es das Kriterium der ‚Falsifizierbarkeit‘.
  • Eine Theorie kann sehr gut sein, brillant sogar, aber sie ist niemals wahr.
  • Sie ist nur im Moment noch nicht widerlegt.

Quelle: Ferdinand von Schirach, Weser-Kurier 2. Mai 2020, S. 24.

Wem also sollen verantwortliche Politiker vertrauen? Wem soll ich, wem sollen wir vertrauen? Bleiben wir also skeptisch und vorsichtig, glauben wir nicht alles, was uns, von wem auch immer, vorgesetzt wird.

 

Fortsetzung, 3. Mai 2020

JAKOBSWEGE AB 22. JUNI FREI

(NUR) FÜR SPANIER. So sieht es der Autor der spanischen Webseite gronze.com. Warum?

 

Vorbemerkung. Die Aufhebung der internationalen Reisebeschränkungen dürfte noch auf sich warten lassen. Die deutsche Bundesregierung hat die Bürger entsprechend voreingestellt und davon abgeraten, jetzt schon Reisen und Flüge außerhalb Deutschlands für dieses Jahr zu buchen.

 

Zur spanischen Situation, wie sie der Autor von gronze.com sieht.

Premierminister Pedro Sanchez (Anm.: ein Sozialist, kein Freund der katholischen Kirche) habe einen Deeskalationsplan vorgelegt, der zum 22. Juni greifen solle. Dann sollen, falls nichts dazwischenkommt, Unterkünfte, Bars und Restaurants mit Einschränkungen wieder öffnen dürfen.

 

Zur Zeit sei die Mobilität, das Reisen zwischen den Provinzen nicht möglich. Anmerkung: so ungefähr wie es bei uns die Bundesländer Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern lange Zeit praktiziert haben.

Ab dem 22. Juni werde diese Zwangseinschränkung wohl fallen. Gleichwohl dürfe niemand das Land verlassen. Die Spanier blieben also unter sich.

 

Nun schlägt die Stunde

des Camino de Santiago - für die Spanier.

Endlich wieder reisen, endlich die eigene Region verlassen, endlich wieder nach Santiago de Compostela pilgern dürfen.

Und dennoch. Der Autor beklagt die fehlenden Pilger aus Frankreich, Deutschland, Italien, Portugal, Nord-Amerika, Südkorea, Holland oder der Schweiz. Der Camino werde einen sehr wichtigen Teil seiner Seele verlieren. Die Herbergen sollten es auch finanziell spüren, manche die Pandemie nicht überstehen.

 

Die Rahmenbestimmungen seien - leider - noch nicht formuliert: Tägliche Desinfektion. Installation von Schutzwänden. Rücksichtnahme auf über 65-jährige Pilger. Einhaltung der Abstandsregelung von 1,50m zwischen denen, die nicht gemeinsam pilgern. Handhabung und Protokollerfassung bei möglichen Corona (Covid-19) - Erkrankungen. Und. Und. Und.

 

Fazit für uns Nicht-Spanier. Wir werden wohl, wenn überhaupt,  frühestens ab Herbst 2020 pilgern dürfen. Eine traurige Aussicht.

 

Fortsetzung

Auf dem Weg nach Hornillos del Camino. Burgos. Mittlerweile kennen wir die Stadt von mehreren Besuchen. Eine imponierende, eine pulsierende, eine mittelalterlich religiös geprägte Stadt: Kathedrale mit Jakobus als Pilger wie als Matamoros, Stadttor Santa Maria, El Cid, Castillo de Burgos, Altstadt-Flaniermeile mit elegant gekleideten Menschen, Kartäuserkloster Santa Maria de Miraflores, Nonnenkloster La Huelgas, und vieles andere mehr. Wer sich intensiver informieren möchte - bitte nachstehende Seiten anklicken: CAMINO FRANCES > Burgos > Las Huelgas oder REISEBERICHT 14. Etappe. oder KATHEDRALE > Burgos.

 

Die Pilger konzentrieren sich auf die nächsten Etappen. Sie freuen sich auf die Meseta. Zunächst gilt es, das Trinken nicht zu vergessen. Es ist heiß. Die Meseta: anstrengend, still, keine lauten Gespräche. Die Pilger nehmen alles sinnlich auf, die Gegend, den Weg, die Blumen, soweit vorhanden, die Berge, die Felder, die flirrende Hitze. Klar doch, für einige wenige Tage ist es gut auszuhalten. Jedoch, viele Mitpilger wollen auch das nicht, absolute Stille macht sie krank, macht sie unruhig.

 

Vor Hornillos de Camino ändert sich das. Es wird wuselig, laut. Es wird immer heißer. Jeder döst vor sich herum. In der Pfarrkirche ist es auszuhalten, fast schon zu kühl. Und dennoch: Ich bin der einzige dort, sehe das große Bild eines Priesters und Mönchs. Es ist Teodula Gonzales Fernandez, ermordet 1936 in Madrid von den Republikanern, den Roten Garden, der Volksfrontregierung. Keiner will es an sich wissen. Der Mainstream hat sich auf die Seite der Gegner von Franco geschlagen, der Volksfrontregierung während der Bürgerkriegs - unterstützt von den Sowjets.

 

Die Herberge ist überfüllt. Die Pilger ergattern die letzten Betten. Um sie herum Australier, Engländer, Dänen, Koreaner, Spanier. Für alle eine Toilette, zwei oder drei Duschen. Einige Pilger nehmen die "versiffte" Wolldecke als Zudecke?! Heute unmöglich. Alles wäre heute unmöglich. Mehrere Meter Abstand zu einander, im Zimmer wie im Aufenthaltsraum, wie draußen vor der Kirche, et ecetera. Ich möche es eigentlich gar nicht wissen. Das Flair dieser Zeit: Vergangenheit. Man wird sich vollständig registrieren lassen müssen: Adresse, Telefonnummer des Smartphones, letzte und künftige Übernachtung in Hostal oder Herberge, wo das Pilgermenü eingenommen, mit wem gesprochen?, et ecetera. Wollen die Pilger das eigentlich? Ja, denke ich. Das Pilgern lockt.
 

Fortsetzung

7. Mai 2020. Wehmut kommt auf. Vor fast genau zwei Jahren brachen Elke, Stefan und ich nach Frankreich auf, genauer gesagt nach Lourdes ins Nonnenkloster. Mit dem Auto. Stefan, der Erstgeborene, fungierte über weite Strecken als Fahrer. Elke und ich sind nach 2010 das dritte Mal in Lourdes. Einprägsame Erlebnisse, die ich um keinen Preis missen möchte. Übrigens, 2014 im Rahmen einer Jakobswegtour. 2011 war Fatima dran gewesen. Wer sich für die Geschichte der Bernadette von Soubirous interessiert, klicke bitte die betreffende Webseite an.

Tage später führte uns das Auto über St. Jean und die bekannten Orte des Camino weiter nach Puente la Reina und letztendlich nach Santo Domingo de la Calzada. Wie sich später herausstellen sollte, eine der wichtigsten gemeinsamen Touren mit Stefan, nicht nur, weil er es gar nicht glauben wollte, dass wir „alten Leute“ die Strecke von St. Jean nach Roncesvalles gegangen waren, mit dem Rucksack, bei der Hitze und dem teils steilen Anstieg; einige Kilometer dorthin konnten wir ihm mit dem Auto zeigen; nein, es war die letzte gemeinsame Tour, wenige Monate später war er nicht mehr. In Burlada sehe ich uns im Restaurant sitzen, hatten mit der Bedienung ein lustiges Gespräch geführt; in Pamplona beobachten wir gemeinsam das Treiben am großen Platz direkt vor dem „Hemingway“-Hotel, in Navarrete und Santo Domingo de la Calzada durchschreiten wir staunend die prachtvollen mittelalterlichen Kathedralen; für die mittelalterlichen Menschen war diese Pracht eine Selbstverständlichkeit - alles zur Ehre Gottes. Und für uns? In Lourdes hatten wir das selbstlose Wirken der ehrenamtlichen Malteser bewundert. Das Dinner im Paradores wie später der Strand am MIttelmeer von Narbonne auf der Rückfahrt rundeten diese Kurzreise geradezu optimal ab. Danke.

 

Wehmut kommt auf. Just im Mai 2020 wähnten Elke und ich uns in Spanien am Camino de Santiago, präziser gesagt am Camino de San Salvador. Von Bilbao mit dem Mietwagen über Toribio und Covadonga nach Oviedo. Von dort zu Fuß als Pilger nach Leon – immer die Salvadorana im Blick. Die besondere Pilgerurkunde. Der Weg hätte uns viel abverlangt, auch wenn es nur 122 Kilometer sind, einfache Unterkünfte, körperlich anstrengende Etappen. In Leon würde uns ja die Belohnung winken. Auf unserem ersten Jakobsweg hatten wir uns nur getraut, im Paradores einen Kaffee zu trinken. Wird es nächstes Jahr klappen? Ohne Corona? Wer weiß das schon. Das Leben geht weiter. Unerbittlich. In einigen Tagen nehme ich dich mit auf unsere real Pilgertour nach Leon - zur schönsten Kathedrale Spaniens. Für Angelo Kardinal Roncalli auch. 

 

Fortsetzung

Das Ritual hat sich eingespielt. Das frühe Aufstehen, gerne kaschiert mit dem Hinweis, daß es ja heiß werde. Unsinn. Das preiswerte Herbergsbett lockt. Wer mittags zu spät kommt, hat halt Pech gehabt. Entweder auf dem Fußboden schlafen oder erschöpft weitermarschieren oder ein Hostal buchen. Es war irgendwo am Camino, das Top-Erlebnis schlechthin. Die Pilger sitzen gemütlich, entspannt in einem Pilgerrestaurant. Das Menü ist preiswert und schmeckt, der Rotwein gleichermaßen. Die Unterhaltung mit den Pilgern am Nachbartisch bricht jäh ab. Unvermittelt stehen sie auf, zahlen rasch, streben Richtung, ja wohin eigentlich? Irgendwo soll es noch freie Schlafplätze geben.

 

Wir lassen uns anstecken, ordern mit Hilfe der freundlichen Bedienung ein Zimmer in Morgade, die Spannung fällt, innere Ruhe stellt sich ein, die ein zweites Mal jäh unterbrochen wird – temporär jedenfalls. Ein Pilger entsteigt einem Taxi, direkt vor dem Eingang frei nach dem Motto: warum sich verstellen und einige Hundert Meter vor der Herberge den Taxifahrer bezahlen, um dann schwer gebeutelt von den Anstrengungen des Wandertages der Herberge entgegenstolpern? Eine Mitpilgerin übersetzt seine an uns gerichteten Worte in etwa wie folgt: "Pech gehabt. Was soll`s, Sie hätten es ja auch so machen können." Werden wir nicht. Obschon, manchmal hatte es schon gejuckt: Wollen wir nicht doch? Nur ein paar Kilometer im Taxi ausruhen? Nein, haben wir nicht. Gehen frohen Mutes weiter.

 

Zurück nach Hornillos des Camino. Es ist fünfnachsechs, es ist noch dunkel. Auf das Frühstück haben wir verzichtet. Ein Mars muß vorerst reichen. Die Dänen sind jünger, schreiten voran, schreiten vorüber. Die Pilger sind jetzt fast allein auf dem Camino, eine herrlich lange Zeit, nahezu zweieinhalb Stunden. Der alte Pilgerweg nimmt uns ein, exakt der gleiche Weg der mittelalterlichen Pilger. Keine Straße, keine Autobahn habe ihn je zerstört, so jedenfalls sieht es Dr. Höllhuber vom Pilgerführer DuMont. Hontanas, ein Gewusel. Die Pilger haben sich den falschen Platz ausgesucht, der Tisch paßte nicht zu dem Restaurant, rigoros die Besitzerin, andererseits auch verständlich. Der Blick in die Kirche: verwehrt, geschlossen. Ebenso später die Stiftskirche Virgen del Manzano, wie die anderen Gotteshäuser in Castrojeriz auch. Es ist wirklich sehr heiß geworden, fast kein Mensch auf den Straßen. In der Bar läuft der Fernseher, ein Stierkampf wird übertragen. Ein Sakrileg, nicht politisch korrekt, daß wir uns nicht abwenden, oder?

 

San Anton? Die Klosterruine. Fast vergessen. Hermann Künig von Vach brachte es 1495 auf den Punkt: Dann stößt du auf die Sant Thonges-Kirche (Sankt Antonius), dahin kannst du eilen. Dort gibt man dir das Brot, das du nötig hast. Die  zugemauerten Ausgabestellen sind gut erkennbar. Französische Mönche hatten sich seit dem 12. Jahrhundert speziell um die Kranken gekümmert, die am Antoniusfeuer litten. Später werde ich dann in Carrion de los Condes Zeuge eines Gespräches sein, bei dem sich die Protagonisten aus England wie aus Deutschland überboten, die katholische Kirche schlecht zu reden, um dann schnurstracks in die von den Nonnen gemanagte Herberge zu eilen.

Zurück zu San Anton. Eine beeindruckende Szene. Mehrere junge Pilger scharen sich um den musikalischen Herbergsvater. Er greift sich die Klampfe, singt, die Anwesenden stimmen ein, es sind wohl spanische Volkslieder, wir hören zu.

 

Fortsetzung

Mich treibt Carola um. Nein. Natürlich Corona. Ein Jux des Heizungsmonteurs. Nicht ganz ohne Hintergrund. Ich stelle mir Fragen, schon seit Ende Januar. Es geht an dieser Stelle um die spanischen Jakobswege. So mancher Pilger ist sich mittlerweile gewiß, dass es für die Nichtspanier vor 2021 nichts wird. Die Behörden, ob in Deutschland, Österreich, der Schweiz, in Frankreich wie in Spanien, werden es uns künftig nicht leichtmachen. Jedes Land auf seine eigene Weise. Unabgestimmt, befürchte ich.

 

Beispiel Deutschland. Warum verlassen sich die uns Regierenden, auf Bundes- wie auf Länderebene, nur auf einige wenige Virologen oder Epidemiologen? Warum wird nicht die geballte Expertise, gut verteilt in den 16 Bundesländern, berücksichtigt? Aller Fachrichtungen? Warum hat man sich nicht rechtzeitig vorbereitet? Warum anfangs beschönigt? Warum den Mundschutz als Virenschleuder bezeichnet? Heute ist er Pflicht? Warum haben Bundesregierung wie Bundestag nicht das vom RKI in 2012 erstellte Memorandum zu erwartbaren Pandemien berücksichtigt? Eine nahezu 100%-ige Blaupause der jetzigen Corona-Situation.

 

Ich möchte eine korrekte mediale Berichterstattung, die auch Minderheits-Meinungen berücksichtigt, frei nach Voltaire: Ich gäbe mein Leben hin für die Meinung des Anderen. Es gibt immer ein Für und Wider. Warum werden von den Medien Personen desavouriert, die sich und ihre Kinder aus ethischen und gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen wollen? Man macht sich lustig? Ich weiß nicht, welche Expertise die richtige ist. Ich weiß nur eines, der Eingriff in die Grundrechte sollte recht bald ein Ende haben.

 

Erinnern wir uns jetzt in dieser Stunde an einen der größten Theologen.  An Thomas von Aquin. Warum? Er studierte weiland an der Pariser Universität, in der es zu jener Zeit zwingend üblich war, die Argumente des anderen ernst zu nehmen. Die Diskutanten mußten sich zunächst mit den Ausführungen ihres Gegenüber auseinandersetzen, sie quasi zunächst verteidigen, als wären es die eigenen, um sie dann, nach dem man sie verinnerlicht hatte, im positiven Sinne zerpflücken zu können. Der Aquinat lebte im 13. Jahrhundert, nach Meinung der Mehrheitsmeinung im schlimmsten, dunklen, verabscheuungswürdigen Mittelalter. Wie man sich doch täuschen kann.  Die „Tagespost“ hat just am vorgestrigen 7. Mai 2020 auf Seite 40 ein neues Buch rezensiert mit der Überschrift: Ein positives Bild vom Mittelalter. Von Jacques Le Goff, Menschen des Mittelalters – Von Augustin bis Jeanne d`Arc. Leider nicht ganz billig.

 

Fortsetzung

Vierhundertsechsundsechzig Kilometer liegen vor den Pilgern, knapp 42% sind geschafft. Eine Zwischenbilanz, besser gesagt, eine Vorschau der Etappen bis Leon – in knappen Worten.

Nach Fromista. Ein äußerst steiler Anstieg zu Beginn zum Alto Mostelares macht zu schaffen. Auf der Meseta wenig Schatten.                        

Durch die Campos, Weizenfelder, über gebahnte Fußwege (Pilgerautobahn) nach Carrion de los Condes.  Villalcazar de Sirga. Adobehäuser. Pilgermenü zum Spottpreis.

Der Camino nach Terradillos de los Templarius beschert Naturpfade, absolut keinen Schatten, keine Bäume, flach. Für die Pilgerführer eines der härtesten Strecken. Na, ja.

Die relativ flache, leichte Strecke nach Bercianos de Real Camino kompensiert sich an jenem Tag durch eine unerbittliche Hitze. Sahagun das Highlight. Rosario um fünf in Bercianos.

Die Etappe nach Mansilla de las Mulas führt über den Real Camino Frances. Interessante Koreaner stellen sich vor. Ein leichter Abschnitt. Wie nach Leon, nur dass die nach Leon noch langweiliger ist. Der Besitzer des Cafe`s VIEL GLÜCK, der kein Deutsch spricht. Leon ruft. 1800 Buntglasfenster. Wird das Licht zum Wort oder das Wort zum Licht?   

 

In Fromista werden die Pilger wieder auf Shaun treffen. In Boadilla del Camino eine Gerichtssäule bestaunen, die das Fürchten lehrt. Mittelalter pur. Erinnerungen an das Gespräch mit dem Chefredakteur der hiesigen Regionalzeitung kommen hoch. Sein Bild vom Mittelalter? Kurz gesagt, Nachgeplappere des tradierten Mainstreams.

 

Fortsetzung

Fromista. San Pedro. Aus dem Pilgertagebuch. Nahezu ungekürzt, unrein. Castrojeriz. Aufstehn um 6, weg um 6:45h, ohne Frühstück, nur zwei Kuchen + Wasser. Es ist schon wieder schwül. Sehr starker Anstieg nach Ortsende 1,2 km 12%, oben die 4 Spanier mit Gepäckservice gesehen = laut schwatzend. Später dann überholt. Bis 9:40 keine Sonne, angenehm, bin top drauf. An Boadilla 11:05, 7,80 + Tipp, Soup = strange, 2 x Cafe con Leche, Wasser, Twix, Mars, Soup. Weg 12:00, an Fromista 13:45 für 6,1 km. An sich hätte man dort bleiben sollen, s.g. Atmosphäre, witziger Typ, schönes, gr. Anwesen. Aber die Vernunft siegte. Unterkunft in Fromista an der Bahn gewöhnungsbedürftig. Elke mußte in Boadilla unbedingt eine längere Pause haben = völlig v. d. Rolle, regenerierte schnell, wollte weiter nach Fromista. Überlegte sogar, bei den kommenden Etappen eine Etappe einzusparen. Dieser Gedanke verflog auf dem Weg nach Fromista schnell. Tschechischer Priester überholte uns vor Boadilla. Nachmittags in Fromista. Shaun *) from Denver (Colorado) ging mit uns zu einem kl. versteckten Laden, empfahl die Kirche San Pedro mit toller sakraler Musik und schönem Altar. Netter Typ. War gut zu verstehen. Machte mir Komplimente zu meinem (verbesserungswürdigen) Englisch. Vorher San Martin mit Phallus. Eintritt 2 x 1,00 als Peregrino. Sehr schwül. Vorher 2 Bier auf Marktplatz. Dritte Kirche Sta. Maria = geschlossen. 18:30 Pilgermenü in Herberge, 2 x Salate mixto, 1 x Schwein, 1 x Beefsteak, Wino Rosado, Aqua (Weißwein not included).  In der Stadt die Mutter mit den beiden Kindern (3/4 Jahr + 2 ½ J. Mädchen) im umgebauten Anhänger 3rädig wiedergesehen, sie schiebt. Während des Menüs von einem Koreaner (Seoul)  vom Nachbartisch angesprochen, der etwas Deutsch (Grammatik, Präpositionen in der Schule) sprach, sonst Englisch; seine Frau hatte ihn auf uns aufmerksam gemacht. Danach Gespräch, per Zufall,  mit einer Polizistin/Oberkommissarin aus Erfurt, zuvor kurzes Gespräch mit einer Französin. 20:35 Telefonat mit Gero. Jetzt schöne irische Musik von einer Engländerin, Blockflöte, 20:45h. Menü 21,xx (Cafe con Leche + Tipp).

*) Shaun hatten wir in San Juan de Ortega auf dem Weg in die Montes de Oca kennengelernt. Er ist viel jünger als wir, ging also schneller, machte aber mehr Pausen, sodass er uns letztlich nicht enteilte.

"Kurz nach der Jahrtausendwende. OStR Ingrid Davids kommt sofort zur Sache.  „Vaganten, PilgerInnen und Beginen im Mittelalter“, so lautet der Untertitel ihrer Seminarreihe. Schnell schält sich heraus, die Frauen interessieren sich zumeist für die Beginen, die mittelalterlichen Frauengemeinschaften, ich mehr für die Bettelorden und religiösen Armutsbewegungen. Ich lerne, dass es zu den mittelalterlichen Pilgern durchaus Parallelen gibt, nämlich zu den damaligen Outsidern, den Vaganten (Fahrendes Volk) und Scholaren (Fahrende Schüler. Studenten. Kleriker): Leben als Wanderschaft — Subkultur des Pilgerns am Beispiel des Jakobsweges damals und heute.

Das Wort „Pilger“ leite sich nicht von ungefähr vom lateinischen „peregrinus“ ab: die in der Fremde Seienden.

 

Natürlich weiß ich von den drei großen Pilger–resp. Wallfahrtswegen Europas. Der wichtigste führt nach Jerusalem zur Grabeskirche Jesu Christi: zu anstrengend, weil zu weit, außerdem zu gefährlich; die Flugreise 1990 tat`s auch. Auf die Idee, zu Fuß nach Rom zu pilgern, in die Stadt der Apostelfürsten Petrus und Paulus, bin ich gar nicht gekommen. Auch dorthin ging es mit dem Flieger bequemer. 

 

Aber der dritte Pilgerweg, der nach Santiago, von dem hatte ich schon viel gelesen, zuletzt bei Paulo Coelho in seinem 1991 erschienenen Buch „Die heiligen Geheimnisse eines Magiers“; später dann umbenannt in „Auf dem Jakobsweg — Tagebuch einer Pilgerreise nach Santiago de Compostela“, mit ihm könnte es `was werden. Coelhos innerer Kampf mit seinem imaginären Begleiter, seinem alter ego, den er Petrus nennt, faszinierte mich. Der brasilianische Autor, wer kennt nicht seinen berühmten Roman „Der Alchimist“, bezwang 1986 den Camino de Frances. Siebenhundert Kilometer, als es noch nicht en vogue war, prominenten Vorturnern zu folgen. 

Coelho war auf der Suche nach Spiritualität. Er wollte den Geheimnissen der Welt, den mysteriösen Wegen auf die Spur kommen. Erfolgreich. Sein Meister überreichte ihm nicht nur am Schluss der Reise das begehrte Schwert, er lehrte ihn auch das Ritual der Agape, der bedingungslosen Liebe. Seiner profanen Zusammenfassung: „Es ist wichtig, für seine Träume ein paar Kämpfe durchzustehen, nicht als Opfer, sondern als Abenteurer,“  fühle ich mich ebenso verbunden wie den Worten des Erzbischofs Juan Barrio Barrio von Santiago, der den Camino wie folgt begreift: „Der Weg, verstanden als Übergang von einem Ort zum anderen oder als ein Prozeß von einer Situation zur nächsten, ist eingeschrieben in den genetischen Kodex des ganzen Menschen. Der Weg zeigt sich als Lebensnotwendigkeit.“ 

 

Jahre später, es wird in 2005 gewesen sein, die Route 66 mit meinem Zweitgeborenen schon Geschichte, erzählt Elke von ihrem Chef Herrn Hillermann, wie begeistert er immer wieder von seinen Jakobswegerlebnissen berichte. Ich verdrehe die Augen, bin total perplex, als sie ergänzt, sie könnte es sich auch für uns vorstellen. Alles was es über den Camino Frances gibt, wird jetzt – gemeinsam - verschlungen. Lange Rede kurzer Sinn, ein langgehegter Traum beginnt konkret zu werden, wird schließlich wahr. Pilgern im Geist und in der Wahrheit.

 

Gedankenverloren nehme ich neben Elke Platz; vor mir, hinter mir, alles Pilger, die Kleidung verrät es. Jedoch: Kein vertrautes Gesicht mehr dabei - alles Windhauch. Die profane Wirklichkeit fängt uns ein, denken an das Ankommen daheim. „Hoffentlich sind die Blumen nicht vertrocknet.“ „Nein, ist doch alles geregelt.“ Gegenüber, auf der anderen Gangseite, läßt sich die Frau aus Paderborn in den Sitz fallen. Noch vor wenigen Minuten hatte sie uns beim Einchecken auf dem Airport die Zeit vertrieben und von ihren spirituellen Erlebnissen erzählt. Ich wende mich Elke zu. Rasch sind wir uns einig. Das wird nicht unsere letzte Jakobspilgertour gewesen sein. Über diesen Gedanken hinweg nickt Elke ein. Der Flieger startet endlich, schließe die Augen, die Synapsen interagieren: Träume die Ankunft in Santiago de Compostela …"

Text: Kurz nach der Jahrtausendwende entnommen meinem Reisebericht Westwärts nach Galicien.

 

Fortsetzung

CAMINO DE SANTIAGO (nach Corona)

Wer stellt die Weichen? Die Tourismus- oder die Jakobswegexperten?

Die Debatten darüber sind voll im Gange. Der Autor von gronze.com stellt grundsätzliche Fragen. Werde die Krise nur von der Politik, der Wissenschaft und Technologie gelöst? Reichte es, die Staatsverschuldung ins Unermeßliche zu treiben? Sollte die Pandemie nicht Anlaß genug sein, unsere Art des Reisens überhaupt auf den Prüfstand zu stellen? Soll weiterhin die Natur ausgebeutet werden? Sie wird sich rächen. Sollte nicht die Tourismusbranche nach völlig neuen Konzepten suchen?

Schon bei diesen ersten Sätzen wird klar, dass diese Gedankenwelt nicht in jedem Fall zum Vorteil des Jakobswegs ausgehen wird. Sehen wir weiter.

 

Die Camino-Hoteliers, Herbergsbesitzer sehen ihre Felle davon schwimmen; sie haben offensichtlich lange Zeit zu sehr auf die Jakobspilger gesetzt; ein Mißmanagement? Beispiel Deutschland. Wie viele Zulieferer setzen noch immer, weil es bequem ist, zu sehr auf die deutschen Autohersteller, um sich dann zu wundern, wenn ihnen die Preise diktiert werden, sie möglicherweise Konkurs anmelden. Das beredte Beispiel schlechthin ist gegenwärtig Deutschlands Abhängigkeit von China, nicht nur was den Import von Gesichtsmasken angeht, oder Deutschlands politische gewollte Abhängigkeit von Rußlands Energievorräten. Diversifikation ist das Zauberwort.

 

Die Xunta de Galicia erwarte, so der Autor, von den Betroffenen die Erarbeitung von Lösungsansätzen, Ideen, wobei offensichtlich unterstellt werde, dass es eine Rückkehr zur Normalität nicht geben werde. Die Xunta subsumiere den Camino de Santiago unter dem Rubrum „Tourismus“. Die weiland in 1993 anläßlich der Wiederbelebung des Camino vorherrschenden Werte spielten keine Rolle mehr. Die große Rede von Papst Johannes Paul II. in 1982 gibt für mich die richtige Richtung vor. Der Autor spricht von der lange Zeit gepflegten rücksichtslosen Ausbeutung der Mittelmeerküste, eindeutig zu Lasten der Natur.

 

Ist also der Massentourismus der richtige Ansatz? Seiner Meinung werden im Jacobean Council derzeit die falschen Diskussionen geführt und Lösungsansätze besprochen, die quasi die Vergangenheit wiederaufleben lassen wollen. Schon in 2010 habe die Zusammenarbeit mit Google nicht geklappt, im Gegenteil viel Geld gekostet. Der erhoffte Erfolg sei ausgeblieben, da Google wenig Interesse an der Xunta-Plattform Kunst & Kultur in Verbindung mit Street View gezeigt habe.

Weiters sollen Steuervorteile bis 2022 vereinbart gelten. Das erinnert mich wiederum an das Statement eines hiesigen Bundespolitikers, der meinte, die Restaurantbesitzer sollten doch die Coronazeit dafür nutzen, ihre Räumlichkeiten zu renovieren. Woher nehmen, wenn nicht stehlen, wenn wochen-resp. monatelang keine Einnahmen generiert werden? Auch werde die Empfehlung ausgesprochen, dass die Hoteliers, Herbergsbesitzer in der Zwischenzeit Englisch erlernen sollten, um Pilgern aus Übersee den entsprechenden Service bieten zu können. Touristische Analysen sollten das Bild abrunden, Kampagnen a la „Coronavirus Free, Safe Destination.“  Kurzum: Der Jakobswegherbergen werden nicht anders betrachtet denn übliche Hotels und Hostals.

 

Ist es das, was wir wollen? Was ist mit den christlich grundierten Werten und Geschichten, die den Jakobsweg über die Jahrhunderte hinweg so groß, so glaubwürdig gemacht haben? Oder einfacher und profaner ausgedrückt, was wird mit der Solidarität? Was mit der Hilfe untereinander? Was mit der Spiritualität? Warum das ständige Streben nach Rekorden? In 2006, unserem ersten Jakobsweg, pilgerten gut 100.000 Menschen, in 2019 waren es über 330.000 Pilger, Wanderer.

 

Die Pandemie wird uns so schnell nicht loslassen. Back to the roots? Kann`s auch nicht wirklich sein. Innehalten. Uns nicht ausschließlich den Interessen von Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und der Tourismusbranche leiten lassen.

 

Warum nicht auf lokaler Ebene Kolloquien einrichten, verteilt auf die betreffenden Camino-Regionen, in denen auch und gerade die Repräsentanten der Jakobusgesellschaften Frankreichs, Deutschlands, der Schweiz, Italiens, Portugals, der USA, Großbritanniens, um nur einige zu nennen, zu Wort kommen, sie ausdrücklich bitten, ihre Ideen einzubringen?

Ohne die vielen nichtspanischen Pilger wird der Camino de Santiago recht bald ein Schattendasein führen. Und das kann doch keiner wollen. Wanderwege gibt es daheim zuhauf, in jedem Land, nicht aber den Camino Frances.

Fortsetzung, 16. Mai 2020

Wie viele Camino Frances-Kilometer haben die Pilger noch vor sich? Zu Hause hat man Mitleid mit uns. Die Telefonate bringen es zum Vorschein. Muß das denn sein? In eurem Alter? Ihr seid verrückt. Könnt ihr nicht hier im Sauerland, im Harz wandern? Diejenigen, die fragen, haben es einfach nicht kapiert. Leute, das ist ein Pilgerweg. Natürlich haben auch die täglichen Etappen ihren Sinn - frei nach dem Motto „der Weg ist das Ziel“ - , für uns zählt das Ziel, das Jakobusgrab in Santiago de Compostela. Warum pilgert, warum wallfahrtet man? Kurz gesagt, zur Ehre Gottes, nicht weil ein bundesdeutscher Spaßvogel den Jakobsweg gegangen ist. Nur zur Klarstellung, noch vor dem Erscheinen seines Buches „Ich bin denn mal weg“ im Sommer 2006 waren die Pilger wieder zu Hause, glücklich über ihren Camino Frances.

Kapelle Bercianos de Real Camino. Also, wie viele Kilometer sind es? Von Bercianos de Real Camino noch 367 km. Die Pilger sitzen in der provisorischen Kirche des Ortes. Warten auf den Rosario, den Rosenkranz um 17:00h. Sie sind die einzigen Pilger, neben ihm noch ein Mann, der Vorbeter, was nicht übersehen ist, sonst nur Frauen.

Es wird zum ersten Gesätz keinen freien Platz mehr geben. Die Frauen grüßen. Es ist noch Zeit, die Pilger meditieren, beten, die Gedanken schweifen ab, er läßt die drei letzten Etappen Revue passieren.  Alles im allem leichte Strecken: durch die Campos, gebahnte Fußwege, auch Pilgerautobahn genannt, Kirche in Villalcazar de Sirga geschlossen, von Carrion de los Condes aus nach Terradillos de los Templarius Hitze, teils absolut kein Schatten, keine Bäume.   Wirklich unangenehm an diesem Tag waren die laut schwatzenden Mitpilger, die Männer zuvörderst.

Die Iglesia Santa Maria in Carrion de los Condes steckt voller bewundernswerter Heiligen- und Marienfiguren. Für das Betrachten der Front der ehemaligen Iglesia Santiago, jetzt Museum, sollte man sich Zeit nehmen. Ein Schatz für den Interessierten. Die Strecke mit rund achtundzwanzig km nach Terradillos de los Templarius machte müde. Und dabei stand ja noch die Wäsche auf dem Programm. Es war mein Job, nicht Elkes. Hitze und Wind ließ sie schnell trocknen. Schön, dass es in der Herberge eine superfreundliche Bedienung gab. Über die im Ort früher residierenden Templer wird spätestens in Rabanal del Camino einige Worte zu verlieren sein.

Der königlich privilegierte Weg, der echte Camino, von Calzada del Coto entschädigte, die Pilger lange Zeit alleine, fast kein anderer zu sehen. Hat es vielleicht daran gelegen, dass der Outdoorführer von diesem Weg abrät, weil zu langweilig? Die Pappeln gab es im Mittelalter noch nicht, sie sind 1991 auf einer Strecke von zweiunddreißig km gepflanzt worden, finanziert von der Regierung der Provinz Kastilien und Leon quasi als Vorbereitung des Heiligen Jahres 1993. Alle 9 bis 10 Schritte ein Baum. Ich genieße den Weg. Liebe das Wiederkehrende, wie bei den Stones den einfachen, wiederkehrenden Rhythmus, vorgegeben von Drummer Charlie Watts, umgesetzt von Keith Richards’ Lead Guitar. Dieser alte Weg zieht sich hin von Calzada del Coto über Bercianos de Real Camino, wo die Pilger übernachten, bis nach El Burgo Ranero.

„Die Stille ist der Ort des Wortes Gottes, und der Pilger muss auf dem Weg seiner Pilgerschaft meditieren, wie es auch die Pilger von Emmaus taten. Im Wort Gottes begegnen wir einer Art und Weise, uns verschiedene menschliche Erfahrungen aufzeigen zu lassen auf der Suche nach dem Guten und der Wahrheit, und um die Zusammenhänge zu erkennen“, so Erzbischof Barrio Barrio, Santiago de Compostela.

 

Der Rosenkranz beginnt. Die Gedanken an Sahagun und Karl dem Großen verschwinden. Ggfs. bitte Etappe 20 anklicken. Der Altar ist wunderschön geschmückt. In Front von ihm zwei Heiligenfiguren auf Tragegestellen. Was das wohl zu bedeuten hat? Die Pilger lassen sich mitnehmen in die Andacht der Frauen. Der Vorbeter gibt den Takt.

 

Ja, auf dem Camino trifft man immer wieder auf Menschen, die helfen, die sich kümmern, fünfe gerade sein lassen. Die einem mit einem Pflaster aushelfen, mit einem Papiertaschentuch, mit einem guten Rat, oder mit einer Mütze, wie mir auf dem Caminho Portugues geschehen; viele andere Beispiele mehr zeigen das Besondere des Jakobswegs. Umso betrüblicher folgendes. 

Tatort: eine katholische Propsteikirche in einer norddeutschen Großstadt. Eine Besucherin aus München, es ist Coronazeit, möchte die Toilette aufsuchen, es ist dringlich. Der zufälligerweise in Jeanshosen und sehr lockerer Freizeitkleidung vorbeikommende Pfarrer versagt es der Dame, Hygiene und so. Eine Nonne komplettiert das Ganze, sie verscheucht einen Obdachlosen. Die Intervention einer hiesigen Gläubigen läßt sie nicht gelten. Ob Pfarrer wie Nonne wohl das Matthäus-Evangelium kennen? Mt 25, 31-46. Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.

 

Fortsetzung

Mansilla de las Mulas werden wir insoweit nicht vergessen, als dass wir dort zwei der kurzweiligsten Stunden erlebt haben, nicht draußen auf dem Camino, nein, draußen vor dem Herbergsgebäude Jardin del Camino. Der „Chef“ der „Südkoreaner“ spricht uns an, bittet uns an ihren Tisch. Es würde zu weit führen, hier an dieser Stelle das Gespräch mit ihnen Revue passieren zu lassen. Hierzu darf ich auf Etappe 21 verweisen. Soviel in Kürze: Alle vier sind sehr christgläubig, sie beginnen jede Etappe mit einem gemeinsamen Gebet.

Herr Choi, ihr „Chef“, outet sich ehemaliger Deputy Minister of Culture and Sports and Secretary General of the Organizing Committee of 2002 Fifa World Cup. Seine Frau war ehemalige Olympiasportlerin (Volleball-Nationalspielerin) in Mexiko 1968 und München 1972. Bemerkenswert interessante Leute.

 

Bercianos del Camino hatten die Pilger im Dunklen verlassen. Die nächsten 2 ½ Stunden genießen sie, weil nahezu keine Mitpilger zu sehen sind. Also dürfte die Bar in El Burgo Ranero „ihnen“ gehören. Denkste, gerammelt voll. Ein Mirakel, so scheint es. Mansilla de las Mulas ist langweilig, allein das Pilgerdenkmal, wie die Ermita de la Virgen de Gracia sind erwähnenswert, unabhängig von seiner mittelalterlichen Geschichte.  Ritter Arnold von Harff, 1499:  Von Reliegos nach Mansilla 3 Lieux einer Stadt, alles in Spanien gelegen. Dort reitet man über eine Steinbrücke. Der Fluß heißt Isla. 

Die Hitze ist gut zu ertragen. Der Rucksack fühlt sich leicht. Mansilla menschenleer. Leon ruft, nur 20 km entfernt. Nach 4 Stunden zwanzig stehen die Pilger vor der Kathedrale. Ein traumhaftes Gotteshaus. In den Fenstern erscheint die siegreiche Kirche mit ihren Heiligen und Zeugen der Wahrheit. Jedes Glasfenster verwandelt sich in eine Quelle mit tausend Farben und voll von einer transzendentalen Nachricht: Wird das Licht zum Wort oder das Wort zum Licht?

 

Mein Traum, in Leon die Karwoche zu verbringen mit den stimmungsvollen Umzügen, oder der Fronleichnamsprozession beizuwohnen, dürfte sich wohl so schnell nicht realisieren lassen, Corona läßt grüßen.

 

Corona. Jakob Augstein, Erbe des Spiegels und Herausgeber von Der Freitag, bemängelte Mitte Mai (Augstein und Blome auf Phoenix) die fehlende objektive Berichterstattung seiner Kollegen von der schreibenden Zunft wie der Nachrichtensender. Hatte sich nicht der Chefredakteur der „Zeit“ noch 2016 selbstverpflichtet, sich nie wieder nur auf eine Seite zu stellen, nie wieder einseitig zu berichten und zu kommentieren, sondern künftig wieder Fragen zu stellen, der Hauptjob des seriösen Journalisten schlechthin. Hatte nicht Tagesthemenchef Hanns Joachim Friedrichs (1995 verstorben) deklamiert, der gute Journalist würde sich nie gemeinmachen mit einem Politiker, auch wenn er persönlich dessen Meinung vertrete! Nein, heute gibt es nur noch den Meinungsjournalismus, ganz im Sinne des ehemaligen Chefredakteurs der hiesigen Regionalzeitung im Gespräch mit mir in 2018. Henryk M. Broder, bekannter Publizist, Buchautor, er schrieb für den Spiegel und seit 2011 für die "Welt", thematisiert hingegen das neue „alte“ Denunziantentum der Deutschen, wenn es darum geht, die Ordnungsbehörden resp. die Polizei zu informieren, dass irgendwer irgendwo irgendwie die Pandemievorschriften einseitig ausgelegt habe. Warum das alte? Na ja, üblich, gängig während des Nazireichs und der SED-Herrschaft, ebenso wird das teilweise harte Durchgreifen der Polizei Demonstranten gegenüber getadelt. Alles in allem: ungute Themen. Lassen wir es heute dabei bewenden.

 

Die letzten dreihundertzwanzig Kilometer sind mir noch heute nahezu 1:1 gegenwärtig. Dieser Abschnitt bietet alles, was den Camino Frances (für mich) ausmacht. Reich an Historie, Geschichten und Heiligenlegenden, León und Astorga, die ansehnlichen Provinzstädte von Kastilien-León, das Land der Maragatos, die Montes de León mit dem Cruz de Ferro, der Camino duro, der harte Weg, nach O Cebreiro, durch mittelalterlich anmutende, verarmte Bauerndörfer ins hügelige, grüne, bewaldete, häufig regnerische Galicien, Monte de Gozo.

 

Wir werden sehen. Die Ruhepause haben die Pilger sich verdient. Weiland im Mittelalter ging es ohnehin ruhiger zu. Keine festen Rückflugzeiten zu beachten, kein wartender Arbeitgeber, kein Garten, der verwuchert. Man hatte sich ja von den Lieben zu Hause - für eine unbestimmte Zeit - verabschiedet, sicheren Gefühls, mit Hilfe des Herrgotts, der Gottesmutter Maria, des Heiligen Apostels Jakobus Compostell erreichen, die Muschel dann als Beweis mit nach Hause bringen, gestärkt durch den Segen des Priesters zu Beginn der Reise wie vor Antritt des Rückwegs in der Kathedrale Sant`iago.

 

Fortsetzung

Immer noch in Mansilla de la Mulas, 18:00h, warten auf Dinner. Es wird um sieben serviert. Wir sitzen mittlerweile mit einer Holländerin am Tisch. Sie hatten wir gestern in Bercianos del Camino kurz kennengelernt. Sie ist Krankengymnastin. Sie erzählt gerne, warum auch nicht, von ihren Beweggründen, den Camino zu gehen. Einen Schnitt machen, nannte sie es. Ihren Namen habe ich leider nicht behalten. Wir werden sie auf dem Weg nach Leon wiedersehen, diesmal nicht mit Reto aus der Schweiz, diesmal mit einer uns bisher – nomen est omen – nicht über den Weg gelaufenen Pilgerin. Jakobspilger sind offensichtlich gesellige Menschen. Das liegt daran, dass jeder etwas zu erzählen hat, warum, weshalb, wieso den Jakobsweg gehen. Später werde ich mich mit diesem Phänomen beschäftigen. Die Analyse der Jakobusbruderschaft Trier aus 2017 ist interessant; vgl. dazu vorab die Webseite PILGERSTATISTIKEN > Analyse. Von Berufswegen spreche ich gerne Menschen an, Mitarbeiter und Geschäftspartner gleichermaßen motivieren. Elke möchte an sich auf dem Camino ihre, unsere Ruhe haben. Ständig im Job mit vielen Menschen, Kunden zu tun haben, schlaucht irgendwann. Wir arrangieren uns. Das Menü ist um 21:00h beendet, zahlen vierundzwanzig Euro, es schmeckte, es paßte. Das Trinkgeld entsprechend, darauf achtet Elke noch mehr als ich ohnehin.

Am Nachbartisch sitzt immer noch das koreanische Ehepaar, ihre beiden Freunde sind wohl schon zu Bett gegangen. Wir verabschieden uns sehr herzlich voneinander, umarmen uns. Wiederum schauen die Mitpilger an den Nachbartischen irritiert? Was haben die bloß miteinander? Ja, auch die erste Frage der Holländerin bezog sich, kaum hatte sie sich zum Dinner zu uns gesetzt, auf unser nachmittägliches Gespräch mit den Koreanern. Ist es so verwunderlich, wenn Mitteleuropäer sich mit Asiaten unterhalten? Offensichtlich.

 

"Ich fühle, dass ich bin. Ich habe den Ruf des Weges gehört, verarbeitet, könnte immer so weitergehen." Das ist nicht mein Spruch, das ist der eines Autors, der seinen Jakobswegfilm irgendwann im letzten Jahrzehnt vorgestellt hatte. "Nein, ich bin nicht gläubig, die Kirche interessiert mich nicht, ich wollte einfach `mal `raus, mich testen"; spöttisch seine Worte, spöttisch seine Augen. Um dann, welche Kehrtwende, zum Ende des Films hin fairerweise zu subsumieren, dass ihn der Camino wider Erwarten verändert habe, fast so, als hätte ihn gerade diese  Filmaufführung zu diesem Zugeständnis ermuntert; mit oder ohne Herrgott bleibt dahingestellt.

 

Christus ist auferstanden. Der Vatertag dürfte heuer Corona-bedingt nicht im Mittelpunkt stehen, Christi Himmelfahrt ist es. Plastisch dargestellt in den vielen bisher uns begegneten Kirchenportalen; innehalten, schauen, ergründen, meditieren.

 

Fortsetzung

Warum nach Öffnung der Grenzen

nicht erstmal mit dem Auto (Mietwagen) pilgern?!

Ich weiß, ein gewöhnungsbedürftiger Vorschlag. Ab Herbst müßte es so weit sein. Keine Quarantäne mehr für Einreisende. Die Außenminister der EU-Staaten bereiten bekanntlich eine Lösung vor. Warum mit dem Auto und nicht gleich zu Fuß, wie bisher? Nun, die Infrastruktur dürfte sich erst langsam wieder dem alten Stand annähern, so ist man mit dem Auto flexibler, kann problemlos andere Destinationen ansteuern.

 

Quasi im Vorgriff der Corona-Pandemie kreierte bereits ein Millan Bravo Lozano in 1998/99 seinen REISEFÜHRER FÜR PILGER auch für Autoreisende. Im Mittelalter war es das Pferd, das nicht wenige Pilger als Fortbewegungsmittel nutzten.

Bsp. St. Jean nach Roncesvalles, S. 42. Kilometersteine: N 133, km 1: Saint-Jean, km 8: Arneguy; C-135, km 66,7: Grenze; km 64: Valcarlos, km 52,5: Casa del Guardiano (Haus des Wächters); km 48,9: Alto de Ibaneta, km 47,6: Roncesvalles.

 

Zwei Fliegen werden mit einer Klappe geschlagen. Unterstützung der gebeutelten Einheimischen am Camino, andererseits verbleibt parallel viel Zeit für Besichtigungen aller Art: Kirchen, Kapellen, Abteien, Nationalparks, Monumente - auch abseits des Camino, die bislang ausgespart wurden. Natürlich ist das Unterfangen teurer. Aber! Haben wir in den vergangenen Monaten nicht auch Kosten eingespart, keine Reisen unternommen, weil untersagt? Eine Investition in die Zukunft. Ich trage mich mit dem Gedanken der Umsetzung. Wahrscheinlich werden diejenigen, die zwischenzeitlich in „Kurzarbeit“ gegangen sind, vielleicht sogar Konkurs anmelden mußten, diesem Gedankengang nicht näher treten wollen.

 

Natürlich werden sich ohnehin nur wenige angesprochen fühlen, für die Puristen kommt es eh nicht Frage, für andere vielleicht doch, zum Beispiel für diejenigen, die gerne noch einmal ihre persönlichen Highlights in Augenschein nehmen möchten, gar bei dieser Gelegenheit auf für sie neue, unbekannte Wege stoßen, die sie dann später fußläufig bepilgern können. Den Gedanken sind also keine Grenzen gesetzt. In Kürze werde ich an dieser Stelle meine Points of Interests benennen.  

 

Fortsetzung, Sonntag, 24. Mai 2020

Spanien wird den Tourismus nun doch erst im Juli 2020 öffnen, so  Ministerpräsident Pedro Sanchez in seiner Rede an die Nation am 23. Mai 2020, verknüpft mit dem Vorbehalt, dass zuvor der Vier-Phasen-Plan zur Deeskalation der Pandemie beendet sein müsse. WEITERLESEN DIE ZEIT.

 

Viele Spanier scheinen unzufrieden zu sein, die Demonstrationen nehmen zu. 

In einer norddeutschen Großstadt äußerten vor wenigen Tagen 64% der Befragten, dass sie durch die Corona-Krise keine Veränderung ihrer privaten finanziellen Verhältnisse erwarten. "Das macht mich betroffen", sagt dazu ein führender Oppositionspolitiker, und weiter "denn das offenbart eine völlige Unkenntnis wirtschaftlicher Zusammenhänge." Selbstverständlich werde es im Gefolge der Krise "einen massiven Rückgang des Wohlstandes in unserem Leben geben." Was nützt das beste Gesundheitssystem, wenn dieses irgendwann infolge fehlender Steuereinnahmen nicht mehr bezahlt werden kann, es kollabiert analog Bergamo Anfang März 2020?

 

Für die Pilger Spaniens wird es besondere Einschränkungen, Hygieneregelungen und Sicherheitsvorkehrungen geben. WEITERLESEN (spanische Webseite). Zudem wird seitens der Behörden empfohlen, den Camino erst dann zu gehen, wenn sich alle Abschnitte in der NEUEN NORMALITÄT befänden, was auch immer das heißen mag. Behördenvertreter betonen die große Ansteckungswahrscheinlichkeit. Ich befürchte, es verheißt nichts Gutes. Weitere Informationen via Föderation spanischer Jakobusvereinigungen. Quelle: santiagofreunde.de

 

ALSO. Warum nicht jetzt meinem Vorschlag ERSTMAL MIT DEM AUTO PILGERN folgen? Die Ansteckungsgefahr dürfte sich minimieren.

Wie wär`s mit folgenden Destinationen? Mit dem Mietwagen gut erreichbar.

 

  • Camino Ignaciano. Ignatiusweg. Heiligtum Ignatius von Loyola / Azkoita, südlich-östlich Bilbao. Vom Airport Bilbao nach Azkoita: 72 km.
  • Camino Lebaniego. Kreuzreliquie. Kloster Santo Toribio de Liebana. Vom Airport Bilbao über Santander: 207 km.
  • Abseits des Camino del Norte. Covadonga. Grundstein eines Europas, dessen christliche Wurzeln seine Geschichte und Kultur prägen. Vom Kloster Santo Toribio: 85 km.
  • Camino Primitivo. Camino de Invierno. Oviedo. Das Schweißtuch Jesu Christi. Der älteste Jakobsweg. "Gehst du nach Santiago und nicht nach San Salvador, so besuchst du den Diener und vergißt den Herrn." Von Covadonga: 80 km.

Für die verbleibende Zeit evtl. den Weg nach Santiago de Compostela einplanen, via Küste (394 km) oder via Leon (483 km), dem Camino Frances folgend.

Du wirst Land und Leute mit ganz anderen Augen sehen, auf dem Weg zu den einzelnen Destinationen einen Abstecher in die Nationalparks wagen, letztlich in die Geschichte der Basken, Asturiens, Galiciens und Kastillien-Leons eintauchen. Mein Vorhaben für das kommende Frühjahr.

 

Fortsetzung

Die tristen Vororte Leons sind geschafft. Irgendwo stand das Verkehrsschild N-120: km 310, darunter ein Wappen. Nach meiner Berechnung werden wir unsere Füße einige Kilometer mehr (als 310 km) bis Santiago strapaziert haben. Und schon kommen wir zu einem zentralen Punkt des Pilgerns. Es sind die Blasen. Ich bin verschont geblieben, viele andere, wie meine Elke, nicht. Ja, das Schuhwerk ist äußerst wichtig, wie eben auch die Salben, vor Beginn jeder Etappe und nach Ankunft am Zielort. Vor uns junge Leute in Sandalen, die Wanderschuhe hängen am Rucksack, am Wegesrand junge Pilger, die sich die Füße eincremen, ihre Blasen verarzten. Noch wissen wir nicht, dass wir „Bekloppte“ es wieder einmal besser wissen und wieder eine Hammeretappe einlegen, wie von Navarette nach Santo Domingo de la Calzada mit jeweils 37/38 km. Was war passiert? Einmal nicht aufgepaßt, sehr wahrscheinlich zuviel meditiert, in Fresno del Camino den Abzweig nach Villandangos del Paramo verpaßt, und schon befinden wir uns auf dem Weg nach Villar de Mazarife. Wir sind nämlich gut drauf. Elke marschiert vorneweg. Ich sag`s ihr immer wieder, teile deine Kräfte besser ein. Das Ergebnis dann gegen halb fünf nachmittags.

Wie schon zu Burgos angeführt, empfehle ich dir, soweit du über Leon und später über Astorga mehr wissen willst, die Extra-Webseiten anzuklicken. Jede Stadt hat es verdient, sich dort mehrere Tage aufzuhalten. Die Strecke ist eintönig, ebenso der Belag. Zähle die Schritte 1,3,5 … nach 100 dann 2,4, 6 ….

Bis Villar de Mazarife ist es nicht mehr weit. Gerade mal vier Stunden sind vergangen, die Uhr am Pilgerdenkmal vis a vis des Paradores hatte auf 08:15h gestanden, die kleine Pause in Choza de Abajo war nicht der Rede wert gewesen. Wie gesagt, wir sind ja top drauf. Was sollen wir bloß in diesem Kaff die ganze Zeit machen? Erstmal die Herberge vorne rechts ansteuern. Irre, wir unterbieten Dietrich Höllhubers vorgeschlagene Gehzeit (gemeint ist sein DUMONTaktiv-Pilgerführer aus 2006) gleich um 2 ¾ Stunden. Ich schaue mir die Herberge an, alles schön sauber, noch keine Menschenseele in ihr, vor ihr die nette Bedienung, eine junge Frau aus Deutschland, und Pedro aus Bilbao. Beide leben hier, zumindest temporär. Die junge Frau empfiehlt Schokolade mit Schmalz, wir ergänzen um zwei Cola. Pedro ist Fußballfan, kennt sich mit der Bundesliga aus. Der Ort ist wie ausgestorben, einige Pilger huschten nach links weg zur alten Herberge. Nein, was sollen wir hier? Den Störchen ist es auch zu heiß, sie ruhen sich hoch oben in ihrem Nest auf der Pfarrkirche St. Jakobus aus.

Sind immer noch gut drauf. Die breite Staubstraße hat den kilometerlangen Asphalt abgelöst. Wir sind allein. Keine Bewohner, keine Pilger zu sehen. Es wird heißer. Es wird ungemütlicher. Die gute Stimmung ändert sich. Meine Fußballen schmerzen. In La Milla del Paramo legen wir endlich Rast ein, nutzen den Brunnen, um die Wasserflaschen aufzufüllen. Wir verlassen die Straße, gehen weiter auf eine sogenannte Staubstraße nach links über den Kanal, rechts weiter auf dem Karrenweg, so die Bezeichnung von Höllhuber, erreichen das völlig verschlafene Dorf Villavante. Es ist brütend heiß, die Wege schlecht, Elke fummelt an ihrem Rucksack herum, sucht ein Pflaster für die Blasen, sie ist völlig erschöpft. „Warum hast Du, sie spricht ihren Herrgott an, mir das angetan? Mir tut alles weh. Und Peter, der geht jetzt (plötzlich) wie ein Uhrwerk. Diese Strapazen …“. Am Ortsausgang gibt es eine Bank. Schlapp, hocken uns hin, ohne die Rucksäcke abzunehmen. Ist es die totale Schwäche? Gehen an der Bahn entlang, stoßen auf eine Brücke. „Elke, wir schaffen das, nur noch diese Brücke.“ Und jetzt wird es skurill. Behenden Fußes kommt uns ein älterer Herr entgegen, grüßt freundlich. Es ist ein netter Franzose, stellt sich im Hostal heraus. Hospital de Orbigo um halb fünf Uhr, nach 8 ½ Stunden. Laut Pilgerführer hätten es elf Stunden plus Rast sein sollen. Laufe vorweg, will sehen, wie es mit der Herberge aussieht. Completo. Oh Gott, hilf uns. Sehe hinten links den Namenszug eines Hostals aufleuchten. Egal, was es kostet, ich nehme es. Elke kommt – endlich, völlig erschöpft. Der Juniorchef spendiert uns eine große Flasche kalten Wassers. Werfen uns mit voller Montur auf die Betten, fallen in den Tiefschlaf. Aber, wie das Leben so spielt, der Mensch ist sehr belastbar, wenn er denn will. Wir wollen. Machen die Wäsche, gehen Einkaufen, gehen in die Kirche, der (Pilger-) Gottesdienst ist noch im Gange. Gehen zurück ins Hotel, sitzen in der Bar, an der Theke, lauschen den Einheimischen, sind glücklich und zufrieden. Morgen soll es ja nur bis Astorga gehen, achtzehn Kilometer oder so. Denken an zu Hause. Morgen muß ich unbedingt Mama anrufen

 

Fortsetzung

CORONA VERÄNDERT UNSER LEBEN. Verändert die Religiosität. Verändert das Miteinander in der Kirche. Italien beabsichtigt, so der Minister für Regionalangelegenheiten und der Bürgermeister von Bari, den Einsatz von 60.000 Freiwilligen, die unter Anleitung des Zivilschutzes Bürger - verbal - anleiten sollen, sich Corona-gerecht im Freien, besonders am Meer zu verhalten. Der Welt-Autor vom 29. Mai 2020 „Italiens totalitäre Ängste“ wertet diesen Ansatz euphemisierend als freiwilliges Bürgerengagement. Ist Italien auf dem Weg in den Bespitzelungsstaat a la Stasi-DDR? Nein, sicherlich nicht. Papst Franziskus feiert offenbar auch Pfingsten die Heilige Messe im Vatikan ohne die körperliche Anwesenheit der Gläubigen.

 

Prof. Andreas Wollbold, Pastoraltheologe, deklamiert in der „Tagespost“ vom 28. Mai 2020, „dass die Kirche geradezu servil alles zu 150% richtigmachen wollte, was staatliche (Corona-) Vorgaben erwarteten“ (…) „Propheten, Frauen und Männer des geistlichen Wortes, echte Krisenhelfer, deren Wort aufatmen und das Herz weit werden läßt, mußte man in dieser Zeit schmerzlich vermissen.“ Man wollte nichts Falsches sagen, auch und gerade nichts Theologisches. Überschrift des Artikels, Seite 2: "Wenn`s eine Chance war, haben wir sie vertan."

 

Die spanische Regierung tut weiterhin alles, um der katholischen Kirche das Leben schwer zu machen, Erinnerungen an die Volksfrontregierung der 30-ziger Jahre des 20. Jahrhunderts werden wach. Es wurden Strafanzeigen gegen Kardinäle und Priester ausgestellt, die angeblich gegen die Corona-Auflagen verstoßen hätten, Gottesdienstfeiern wurden polizeirechtlich unterbrochen. Letztlich quasi unterstützt, wie schon einmal erwähnt, von einem Kardinal aus Valencia, der deklamierte: „Die Verhinderung der weiteren Ausbreitung des Virus (Anm.: gemeint ist das Abhalten der Messfeiern) sei der Wille Gottes.“ 

 

Nun denn, der Kardinal von Valencia möge sich einmal fragen, ob denn die frühen Christen, inklusive Jünger und Apostel, vor der staatlichen Willkür und ihren Mitmenschen eingeknickt seien, es ging immerhin um ihr Leben und dennoch feierten sie ihre Gottesdienste – im Geheimen. Nein, nur weil sie sich widersetzten, konnte  sich überhaupt das Christentum ausbreiten, wegen eben jener abertausend Märtyrer, die für Jesus Christus in den Tod gegangen sind. Gleichermaßen haben sich ihre Vorsteher, Priester und Bischöfe aktiv den immer wieder auftretenden Pest-Epidemien entgegengestellt, Bitt-Gottesdienste und - Wallfahrten abgehalten, Caritas geleistet, Trost ausgesprochen, die Letzte Ölung (Krankensalbung) gespendet.

 

Wie viele Sterbende, ob an Corona oder nicht, wurden in den vergangenen Wochen in den Krankenhäusern und Altenheimen in ihren letzten Stunden alleingelassen? War das christlich?  

 

Fortsetzung folgt

Dann werde ich mich wieder dem Jakobsweg widmen, unseren Erfahrungen. Von Söhnke aus Astorga erzählen, Worte über eine schluchzende junge Pilgerin verlieren (Rabanal del Camino), um dann endlich im zweiten Schritt zum Highlight unseres Camino Frances zu kommen, zum Aufstieg Cruz de Ferro, die Ankunft in Santiago de Compostela bleibt davon natürlich unbenommen.

Pfingstsonntag, 31. Mai 2020. Die Pilger denken zurück an ihren zweiten Pilgerweg nach Santiago de Compostela. Vor dreizehn Jahren am 27. Mai waren sie dabei, als der (Erz-) Bischof zusammen mit mehreren Co-Zelebranten die Pfingstmesse zelebrierte. Die Kathedrale war übervoll (heute undenkbar), Gläubige, Wallfahrer und sehr viele PilgerInnen. Wie üblich hatte die Nonne die Namen der Nationen derjenigen Pilger vorgelesen, die sich am Schalter des Pilgerbüros gemeldet hatten. Die Predigt ist mir nicht in Erinnerung geblieben, zumal sie spanisch gehalten wurde. Vier Jahre später, anläßlich des Caminho Portugues, wird ein afrikanischer Bischof zelebrieren und predigen, spanisch und deutsch.

 

Sprung nach vorne, zum heutigen Pfingstsonntag. Gerade ist das feierliche Hochamt im Kölner Dom mit Rainer Maria Kardinal Woelki an der Spitze zu Ende gegangen. Seine Predigt wie gewohnt unübertroffen spitze, christ-katholisch, an den Lesungen und dem Evangelium orientiert.

Zwei Sätze stechen hervor: Jesus Christus hat Pfingsten SEINE Kirche gestiftet, nicht unsere, frei verfügbare Kirche. Seinen Aposteln hat der Herr den Auftrag gegeben, sie für alle Zeit in seinem Namen weiter zu führen. Kardinal Woelkis nachfolgenden Worte waren so eindringlich und eindeutig, in feiner Sprache und Diktion gehalten, dass jede/r sofort wissen mußte, ob er, ob sie sich angesprochen fühlen mußte.

 

Die Pilger sind mittlerweile in Astorga angekommen. Wie immer am Schluß der Etappe wurde es eng nach dem Motto, wann sind wir endlich da, jeder Schritt wird, das Ziel vor Augen, zuviel. Die Kathedrale im Blick und noch eine weitere Straße, weitere Stufen. Wir hatten nicht vorreserviert, waren gespannt auf die Herberge. Es ist die Albergue de Peregrinos San Javier. Ein Glücksfall für uns. Söhnke reserviert einen Raum nur für uns. Die nach uns kommenden Pilger verteilt er, wie später sein Chef, auf die verbleibenden Zimmer. Söhnke ist uns, warum auch immer, wohlgesonnen. Seine Lebensgeschichte, seine Camino-Erlebnisse beeindruckend, 7x war er schon den Camino Frances gepilgert, hin und zurück. Ob er seinen Traum, auf eigenes Risiko eine Herberge zu leiten, wahrgemacht hat, zusammen mit seiner Partnerin, wissen wir nicht. Es wäre ihm zu wünschen.

 

Kurz nach sieben Uhr finden sich die Pilger in der wunderschönen Kathedrale Santa Maria wieder. Der Rosenkranz wird gerade gebetet, eine halbe Stunde später die Heilige Messe gefeiert. In der Kathedrale fällt ihnen eine junge Frau auf, sie betet tief versunken; sie war ihnen bereits am Bischofspalast über den Weg gelaufen. Einen Tag später werden die Pilger sie dann in der Templerkirche von Rabanal del Camino wiedertreffen, ebenso einen Japaner; von ihm wird eine „tolle“ Lebensgeschichte erzählt, die eben in diesem Camino de Santiago mündet, ähnlich die der von Paul aus Kanada in Morgade.

 

Fortsetzung

Santa Catalina de Somoza. Die Pilger tauchen ein in die morgendliche Kühle. An diesem Morgen mit einem guten Frühstück ausgestattet statt irgendwelcher Schokoriegel, relativ günstig: je drei Euro. Das menschenleere Santa Catalina de Somoza empfängt sie gegen viertel vor elf, drei Stunden ununterbrochenes Gehen, Schritt für Schritt, den Rucksack spüren sie schon lange nicht, sie sind mit ihm verwachsen, wenn denn nicht immer das Wäschewaschen, das Ein- und Auspacken der Klamotten wäre. Er ist halt kein Koffer. Man sollte den Rucksack intelligent packen, was nicht immer gelingt, das ein oder andere Mal kann schon `mal etwas einfach hineingestopft worden sein, jedenfalls ist es so beim Pilger.

 

Somoza, ein mittelalterliches Dorf wie aus dem Bilderbuch, die Zeit scheint still zu stehen im Land der Maragatos. Das stimmt so ganz nicht. Der Blick wendet sich nach oben zum Glockenturm. Ein Glöckner traktiert die Glocke, warum auch immer. Jedenfalls nicht zur vollen Stunde. Die Pilgerin schreitet voran. Auf der rechten Seite eine Reihe verlassen wirkender, wie soll man sie bezeichnen, Häuser, Schuppen? Vorweg ihr Schatten. Pilger auf den Spuren vergangener Zeiten – Westwärts dem Schatten nach. Die Service Area von El Ganso ist menschenleer; sie wirkt erschöpft, es wird immer heißer. Noch sind 1 ¾ Stunden zu gehen, fünf Stunden inklusive Pausen. Die Einsiedelei Ermita del Santo Christo auf der linken Seite lassen sie – nomen est omen – linksliegen. Es geht jetzt um viertel von eins nur um das eine, um die Reservierung zweier Herbergsbetten. Es gelingt.

Das privat geführte Refugio Nuestra Senora del Pilar ist genau das, was wir brauchen. Stop, erstmal bezahlen, bevor das Tor durchschritten werden darf: 2 x 5 Euro, günstig. Alles sehr sauber, wir beziehen nebeneinanderliegende Etagenbetten, über uns nicht belegt, sonst ist alles „voll“.  Die freundliche Herbergsmutter nimmt sich der Blasen an. Sie hat einen geschulten Blick. Elke ist erleichtert, obschon die Methode mit Nadel und Faden erstmal verdaut werden muß. Im Innenhof pulsiert das Leben, durchaus nicht unangenehm, mehrere Männer des Dorfes schwatzen miteinander. Nur wenige Meter entfernt hängt Elke die Wäsche auf, die, und das muß an dieser Stelle unbedingt gesagt werden, von mir gewaschen worden war; meine prinzipielle Aufgabe. Nur das Aufhängen traut sie mir offensichtlich nicht so zu. Nun denn.

Die Pilger nehmen rasch Kontakt auf, zu einem französischen Paar mittleren Alters, zu einer allein reisenden französischen Pilgerin gleicher Altersklasse. Das Pilgermenü, das im Dorf angebotene war zu teuer, schmeckt, wie der Rotwein. Mit Händen und Füßen klappt die Unterhaltung mit der lieben Frau, sie spricht kein einziges Wort Englisch.

 

Die Dorfbewohner scheinen sich zu verstehen. Sie musizieren draußen am Ortsausgang gen Cruz de Ferro, die Templerkirche im Rücken. Ein Kanadier nimmt das Konzert auf, er scheint von seinem Fach etwas zu verstehen; nur für seinen Privatgebrauch, wie er den Pilgern Tage später auf dem großen Platz vor der Kathedrale von Santiago de Compostela erzählen wird.

Gut, dass die Pilger sich rechtzeitig zur Vesper um 19:00h in der Kirche eingefunden haben. Es wird übervoll. Viele bleiben auch noch zur Komplet um 21:30h. Die Padres singen gut, Gregorianisches. Den Pilgersegen spenden sie allerdings nur auf spanisch. Warum eigentlich? Sind sie doch dem Benediktinerkloster von St. Ottilien aus dem Schwarzwald unterstellt. Neben uns schluchzt leise eine junge Frau, die aus Astorga. An wen oder was sie wohl gerade denkt? Erfreuliches, Schmerzhaftes; dankt sie ihrem Herrgott für das bislang Geleistete? Ein nachahmenswerter Gedanke. Und überhaupt, es sind viele junge Pilger in der Templerkirche; warum nicht auch back home? Wer mehr über die Templer wissen will, schlage bitte die betreffende Webseite auf.

 

Morgen geht`s zum Cruz de Ferro. Ein wunderschöner, sonniger Tag, ein ereignisreicher Tag kündigt sich an. Wir werden minutenlang die einzigen Pilger am Kreuz sein. Ein Highlight.

 

Fortsetzung, 3. Juni 2020

 

OVERTOURISM CAMINO FRANCES

SCHON BALD GESCHICHTE? Öffnung der Herbergen ab Herbst?

Ist das gut so, wie einige finden, heilsam für die Pilgertradition? Mag sein.

Ich mache mir Sorgen um den Camino Frances. Ausweislich des Spanien-Reisemagazins (22.05.2020) ist das Pilgern derzeit verboten, illegal. Die Guardia Civil kassiert bei Zuwiderhandlungen bis zu sechshundert Euro. Der Consejo Jacobeo, spanischer Verband zur Förderung des Jakobswegs (von der Regierung unterstützt) geht davon aus, daß die privat und staatlich geführten Herbergen vermutlich bis Oktober geschlossen bleiben. Eine schlimmere Virenschleuder als die Herbergen bisherigen Zuschnitts am Jakobsweg gäbe es nicht. Erst wenn das Virus komplett beseitigt sei, sei wieder mit dem Pilgern zu rechnen. Vielleicht zunächst auf dem Caminho Portugues von Porto aus. Anstatt 80.000 in 2019 werden es dann wohl kaum mehr 2.000 Pilger sein.

Ganz schlechte Aussichten. Fast könnte man vermuten, der Bedeutung des Camino de Santiago einen Stoß zu versetzen. Die Sozialisten haben bekanntermaßen nichts für die Kirche übrig (unten mehr), erst recht nichts für den Nationalheiligen Spaniens, dem Apostel Jakobus.

Anekdote am Rande. Im Zuge des Corona-Ausgehverbotes durften die Spanier ihre Wohnung ausschließlich zum Zwecke des notwendigen Einkaufs verlassen. Nach Rückkehr hatten sie sich komplett (splitterfasernackt) auszuzuziehen, zu duschen und die getragene Kleidung nach links gedreht komplett in einem Beutel gestopft von der Waschmaschine waschen zu lassen, Chlor-Behandlung inklusive. Quelle: Info einer mittlerweile in Spanien lebenden älteren deutschen Dame. Was will uns das sagen? An sich doch nur, dass der spanische Staat rigorosen Einfluß auf seine Bürger nimmt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Nimm ihnen das gesetzlich verbriefte Recht der Freizügigkeit, gib ihnen irgendwann ein Minimum davon zurück, und schon sind die Menschen happy und ihrer Regierung dankbar. 

 

Mir wird wehmütig. Mittlerweile sind wir siebenmal auf dem Camino de Santiago gewesen, zumeist als Pilger, auch als Tourist, in Spanien, Frankreich, Portugal, Deutschland. Erlebten und durchlitten Faszinierendes, Anstrengendes, Schmerzhaftes, Eindrucksvolles, Meditatives, Kulturelles, Traumhaftes, Leichtes, Liebevolles, Religiöses, Mystisches, Spirituelles, Historisches, Unvergeßliches.

Ich möchte die achthundert Kilometer von St. Jean bis Compostella nicht missen: reich an Historie, Klöstern, Kathedralen, Kapellen, mittelalterlichen Ruinen, Geschichten und Heiligenlegenden. Von Navarra, durch La Rioja, via Burgos, León und Astorga, den Provinzstädten von Kastilien-León, durch unendlich scheinende Getreidefelder der Meseta, der heißen spanischen Hochebene, durch das Land der Maragatos, über die Montes de León mit dem Cruz de Ferro, auf dem Camino duro, dem harten Weg, nach O Cebreiro, durch mittelalterlich anmutende, verarmte Bauerndörfer ins hügelige, grüne, bewaldete, häufig regnerische Galicien, über den Monte do Gozo nach Santiago de Compostela.

 

Fortsetzung

Etappe 26. Sechsundzwanzig Kilometer Spirituelles, Meditatives, Nachdenkliches, Eindrucksvolles, Unvergeßliches - von Rabanal del Camino über Foncebadon, Cruz de Ferro, Manjarin, El Acebo, Riege de Ambros nach Molinaseca.       

 

Das Cruz de Ferro scheint an jenem Tag im Mai 2006 wie für uns geschaffen zu sein. Bis auf zwei Franzosen vor uns, mit ihnen sprechen wir später in Manjarin (sie hatten uns am Kreuz nicht in der Meditation stören wollen), minutenlang keine Pilger zu sehen, nicht am Cruz, nicht am Horizont. Für uns nur knapp 1 3/4 Gehstunden von Rabanal del Camino entfernt. Es ist zehn vor acht Uhr. Das Wetter spielt mit. Der gemeinsame Weg mit Elke, die Stimmung, alles spielt mit. Dreihundertfünfundfünfzig Höhenmeter auf 1517m irgendwie locker weggesteckt. Es mag pathetisch klingen, aber es ist so, es war so. Die eindrücklichen, in die Tiefe gehenden Gespräche – nomen est omen – über Gott und die Welt werde ich wohl nie vergessen; Fauna und Flora plötzlich mit ganz anderen Augen sehen, sich darüber freuen; keine lärmenden Touristen – und in Sichtweite die Montes de Leon, schneebedeckt. Das Leben ist schön, schön mit Elke.

 

Ich bin wie aufgedreht. Weiter mit dem Reisebericht, 26. Etappe: Traumhaftes Wetter. Die Sonne scheintIch bin ein wenig vorgelaufen, schnell nehme ich das Steinchen, werfe es auf den Steinhaufen, es symbolisiert die auf dem Weg hinter sich gelassenen Sünden, vielleicht schon die erfahrene Läuterung? Ich halte inne. Elke steht die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben. Sie ist eine willensstarke, mittlerweile gut trainierte Frau. Stehen minutenlang vor dem Kreuz, registrieren abwesend, gedankenverloren die dort abgelegten Gegenstände, manches Unnützes und Profanes ist darunter.“

Domenico Laffi hatte es weiland im 17. Jahrhundert nicht so gut getroffen, er sprach von einem furchterregenden Sturm. Vierhundert Jahre zuvor taten die Pilger alles, so das Lied „Wer das elent bawen wel“ des 13. Jahrhunderts, um den Rabanel (von Rabanal zum Cruz de Ferro) schnell zu überwinden. Er galt es sehr gefährlich.

 

Rückblick Foncebadon. Aus dem Reisebereicht. „Das berühmt-berüchtigte Foncebadon liegt schon lange hinter uns, hatten dort an sich mit einer Hundeattacke gerechnet. Enttäuschend, völlig öde und verlassen, einige Fensterklappen schepperten im Wind; die viel beschriebenen, angeblich so gefährlichen Hunde waren wohl ausgerückt. Jahre später lese ich, wie eine Deutsche sich erfolgreich um die Wiedereröffnung der Herberge in Foncebadon eingesetzt hat. Im 12. Jahrhundert errichtete San Gaucelmo hier ein Hospital. Paulo Coelho nutzte den dunklen Ort als Hintergrund für eine dunkle Szene seines Tagebuchs „O Diario De Um Mago“ (Auf dem Jakobsweg): “Ein starker Schmerz durchfuhr mein Bein, er hatte mir eine tiefe Fleischwunde gerissen. (…) Der Hund griff sofort wieder an. Da stieß meine Hand an einen Stein. Ich packte ihn und schlug verzweifelt auf den Hund ein (…).” Viel schöner klingt es da an anderer Stelle: “Stelle dir vor, dass sich die Heiligen dir nähern, um ihre Hände auf deinen Kopf zu legen, und dir Liebe, Frieden und das Gefühl von Gemeinschaft mit der Welt wünschen.“

 

Nun ist es ja nicht so, dass wir alles so mir nichts dir nichts weggesteckt haben. Es wurde noch happig. Der Abstieg nach El Azebo, wie das Hinunterstolpern auf dem mittelalterlichen Nachtigallenweg von Riege de Ambros aus, das Suchen nach einer Unterkunft, all` das war wirklich nicht zum Lachen. Dass wir die beiden letzten Betten in der Herberge San Roque in Molinaseca ergattern durften, rundete den gelungenen Tag ab, die netten Mitpilger taten ihr Übriges. Gut, dass es diese spezielle Etappe gab. Danke.

 

Fortsetzung

Molinaseca. Bin gut drauf. Die Französin aus Rabanal muß draußen schlafen, so voll ist es in der Herberge, macht aber nichts, es ist warm. Siegfried, dem Richter aus Bayern, macht es auch nichts aus. Liege auf dem Etagenbett, mehr oder weniger voll angezogen, wollen morgen früh weg, planen keine (intensive) Morgentoilette, und überhaupt, der Schnarcher stört mich. Was soll ich machen, wenn der Schlafsack plötzlich zu eng ist, die Knie schmerzen? Man denkt, sinniert, meditiert, geht nochmal die abgeschickten Emails durch, an Gero, Stefan, Anne, an die Firma, …, flucht noch einmal in Gedanken über den mittelalterlichen Nachtigallenweg von Riege de Ambros, nur Felsensteine, abschüssig dazu, wir total down, und die Bustouristen?, sie überholten uns leichten Fußes, ohne Gepäck auf dem Rücken, unten in Molinaseca wartete ja der Bus. Believe or not. Also: Zeit zum Nachdenken. Corona zwingt zum Nachdenken.

 

Landauf landab wird seit Jahren über den überlaufenen Camino Frances fabuliert. Wir sprechen von Hundertausenden. Gerne wird aus deutscher Sicht für eben jene Zunahme unser ehemaliger Entertainer No.1 bemüht, der im Sommer 2001 "Ich bin dann mal weg" gewesen ist (Buchveröffentlichung im Sommer 2006). In 2006 waren es gut 100.000 PilgerInnen, in 2019 schon weit über 300.000. Wir vergessen dabei, dass der Camino in den mittelalterlichen Hochzeiten ähnlich überlaufen gewesen ist, so dass hierüber staunend dem moslemischen Großwesir berichtet wurde. Nach und nach hatte sich das Pilgerverhalten verändert, weg vom rein religiös motivierten Weg – hin zu profanen Motiven aller Art.

Und dennoch. Irgend etwas läuft heute schief. Vielleicht kommt Corona da gerade recht. Zeit zum Innehalten, zum Reflektieren, weg vom touristischen Wanderweg, den gibt es besser in den Alpen oder auf dem Appalachian Trail: 3.500 Kilometer von Georgia des tiefen Südens der USA bis zum Mount Katahdin in Maine des hohen Nordens der US-Staaten. Ein Wahnsinnstrail, den nicht viele Wanderer am Stück schaffen. Hin zum Pilgerweg.

 

Unsere Erfahrungen differieren. 2006 im April/Mai, unserem ersten Jakobsweg, drehten sich die Fragen nicht nur um das Woher, Warum, Wohin; nein: ob man es wollte oder nicht, die PilgerInnen schilderten ihre persönlichen Beweggründe, ihr teils gebrochenes Leben, das wieder in Schwung gebracht werden sollte, Religiöses schwang mit, Dank dem Herrgott für das bisher Erlebte ausgesprochen. Die Pilgergottesdienste waren teils gut besucht, die Gotteshäuser häufig geöffnet. Ich erinnere mich an Mitpilger von Format, entsprechend die Gespräche. Mit zunehmender Zeit wurde es schick, zu betonen, dass einem die Kirche gleichgültig sei, wenn sie denn nicht sogar abgelehnt wurde. Ich erinnere an die Diskussion in Carrion de los Condes. Viele Kirchen sind jetzt geschlossen, religiöse Symbole am Weg bleiben unbeachtet. Der gesellige Aspekt hat sich durchgesetzt. Anstatt die prächtigen Kathedralen zu betreten, wird auf dem Vorplatz laut gelacht, getrunken. Der sportive Charakter entwickelt sich, das kostengünstige Woanderssein gleichermaßen, das Niveau läßt nach.

Aus dem Reisebericht unseres Caminho Portugues des Jahres 2011:

 

„Wir haben Menschen kennengelernt, interessante, nette, freundliche darunter, unter anderem einen SPD-Ortsbürgermeister aus der Nähe Wolfsburgs, eine Seniorchefin einer Großbäckerei aus Schleswig-Holstein, zwei junge sympathische Burschen aus Andorra, eine Buspilgertruppe gesehen, eine fünfköpfige Familie aus der Eifel gesprochen, eine zehnköpfige Gruppe einer evangelischen Bruderschaft war darunter, die sich zumeist abschottete, und last but not least mit Harold (er schenkte mir seine Zweitmütze, weil ich meine irgendwo liegengelassen hatte, und es war doch so heiß) und Irene, einem kanadischen Ehepaar aus Alberta, viele Gedanken ausgetauscht, aber eben auch Wanderer kennengelernt , die die Infrastruktur des Caminho Portugues wie selbstverständlich für sich reklamierten, viele Herbergsplätze kosten ja nicht mehr als fünf oder sechs Euro; mit der Kirche, dem Pilgern allerdings nichts am Hut haben. Ich denke, wir müssen gegensteuern, der Camino de Santiago darf nicht vollends zum profanen Wanderweg mutieren. Die örtlichen Kirchen am Jakobsweg sollten tagsüber geöffnet sein, Messen angeboten werden.“

 

Meine Antwort richtet sich aus an den nachfolgenden Zeilen; sie sind nicht von mir, sie sind entnommen dem Jugendgebetbuch – Pray! – erschienen zum XX. Weltjugendtag Köln 2005. Sie stimmen mich hoffnungsvoll.

 

Menschen auf diesem Weg

  • Wie viele Menschen sind diesen Weg vor mir gegangen?
  • Wie viele Menschen haben den Sonnenuntergang von diesem Hügel aus betrachtet?
  • Wie viele Menschen haben Rast im Schatten dieses Baumes gemacht?
  • Wie viele Menschen sind an dieser Wegkreuzung stehengeblieben?
  • Wie viele Menschen haben an diesem Berg fast aufgegeben?
  • Wie viele Menschen suchen sich selbst?
  • Wie viele Menschen suchen Dich?

Keine Antwort auf all diese Fragen.

Aber ich habe das Gefühl, auf diesem Weg mit ihnen verbunden zu sein.

Das treibt mich voran, dem Ziel entgegen.

 

Fortsetzung

DAS ZEITALTER DER WISSENSCHAFT

Mittlerweile zweifle ich an meinem Eingangsstatement, dass die Pandemie irgendwann (in Gänze) überstanden sein wird. Heute am 9. Juni 2020 lese ich im Spiegel, dass das Virus die Stadt Wuhan möglicherweise schon im Herbst des vergangenen Jahres im Griff hatte. Werden wir überhaupt jemals zur gewohnten Normalität zurückkehren können? Ich denke an die vielen Konzerte, teils Hunderttausend Fans wie Gero, Stefan und mich, zuletzt bei den Rolling Stones im Herbst 2017 in Hamburg. An die ungezwungenen Begegnungen zusammen mit Elke und Stefan 2018 mit Wallfahrern in Lourdes, mit Pilgern am Rande des Camino in Frankreich und Spanien. So atheistisch, mindestens aber agnostisch Deutschland geworden sein mag, die Menschen wenden sich von der Kirche ab, die entscheidende Frage bleibt virulent, warum die Pandemie jetzt bei uns? Unsere Tour nach Fatima in 2011 wird lebendig. Wenn schon von Porto aus den Caminho Portugues gehen, dann bitte schön Fatima besuchen, nur wenige Kilometer abseits des Caminho. Ein Erlebnis besonderer Art. Mehr auf der Webseite.  

 

Die Corona-Pandemie eine Strafe Gottes? Natürlich nicht, so der evangelische Bischof Heinrich Bedford-Strohm. Jesus strafe nicht. Kennt der Bischof die Bibel? Altes wie Neues Testament? Diejenigen, die es moderater mögen, schließen nicht aus, dass Gott die Pandemie möglicherweise zugelassen habe. Die Begrifflichkeit Strafe gibt es heute nicht mehr. Kardinal Raymond Burke aus den USA hat da so seine eigene Sicht; er reflektiert in diesem Zusammenhang die Botschaft von Fatima 1917. Fatima sei „die Antwort des Himmels auf eine Welt in der Krise.“    Es geht ihm um den atheistischen Materialismus, gestern wie heute. Der bekannte italienische Historiker Roberto de Mattei komplettiert Burkes`Ansage im Bezug zur Coronakrise (beide sprachen vor kurzem auf dem virtuellen Rome Life Forum 2020) mit der apodiktisch vorgetragenen These, dass Teile des Weltepiskopats (also die Gesamtheit aller katholischen Bischöfe) dem Atheismus verfallen sei.

Nicht ganz unberechtigt dieses Diktum. Ich stelle mir schon seit langem, vor Corona, die Frage, sind unsere Bischöfe eigentlich noch katholisch, vertreten sie noch das bei ihrer Bischofsweihe Versprochene, also den Glauben an Jesus Christus, Jesu Christi Offenbarung, zu wahren, zu lehren, zu leben?

 

Wahrheitsanspruch der Wissenschaft nur

eine wandelbare Übereinkunft?

Trunken von Wissenschaftsgläubigkeit hängen unsere Politiker und Journalisten, wie einige Kirchenleute, an den Lippen unserer wirkmächtigen Virologen und Epidemiologen mit ihren letztlich sich doch ständig ändernden Wahrheiten: „Wir wissen heute, dass...“!

 

Das Magazin Spektrum erläuterte 2001 seine Sicht. Die Überschrift: „Wahrheitsanspruch der Naturwissenschaft nur eine historisch wandelbare Übereinkunft?“ Danach sei es uns nicht möglich, überhaupt über Wirklichkeit zu reden. Wir reden über bestimmte Sätze, die Wissenschaftler über Wirklichkeit produzieren. Die Wirklichkeit bleibt danach immer draußen. Wissenschaftler beeinflussen mit der ihnen genehmen Kommunikation andere Kommunikation. Deutlich zu sehen in den Geschichtswissenschaften. Historiker erzählen Geschichten, die man auch anders erzählen kann. Man könnte gar von einer künstlerischen Konstruktion sprechen. Es gibt keine ewigen Wahrheiten – außerhalb Gottes. Im 19. Jahrhundert deklamierten die Wissenschaftler: „Mit absoluter Wahrheit wollen wir nichts zu tun haben; das würde uns in Konkurrenz zur Religion bringen; wir haben es allenfalls mit relativen Wahrheiten zu tun, mit vorläufigen Urteilen.“

 

Fazit für mich. Ich bewundere die medizinischen und technischen Fortschritte, nicht mehr und nicht weniger, die Geistes- und Geschichtswissenschaften zählen nicht unbedingt dazu. Selbstverständlich verhalte ich mich Corona-gerecht und beachte die Verhaltensmaßregeln „meines“ Arztes. Hellhörig werde ich, wenn Sätze fallen wie: „Heute wissen wir, dass… !? Gesunde Skepsis ist angesagt. Betreutes Denken nicht. Wie kommen wir aus der Nummer heraus? Gronze, ein spanisches Forum, empfiehlt erstmal den Konsum mehrerer Jakobswegfilme, einer aus den 60-ziger Jahren ist dabei. Zwecks Einstimmung und Wachhalten?  

 

Fortsetzung

San Roque. Molinaseca, 5 Uhr 15. Ohne Waschen, ohne Frühstück weg. Die Taschenlampe in der Hand tasten sich die Pilger die Treppe runter, überall liegen sie auf ihren Matratzen, nur nicht stolpern, nicht unnötig den Lichtschein kreisen lassen. Geschafft, die Pilger stehen vor der Herberge, es ist dunkel, sie sind nicht die einzigen Frühaufsteher. Wichtig, dass sie sich noch die Füße eingekremt haben, über sieben Stunden liegen ja vor ihnen, zweiunddreißg Kilometer, sie ahnen es bloß noch nicht. Die Tagesetappe wird nervig, sie wird heiß, sie wird ungemütlich, rücksichtslose Lkw-Fahrer donnern an ihnen vorbei, sie wird anstrengend ab Cacabelos, das Bildhauerstudio bleibt rechts liegen, so erschöpft ist die Pilgerin, das französische Ehepaar ist auch nicht schneller, geht in Sichtweite der Pilger, das Wasser wird knapp, warum die Flaschen nicht vorhin am Brunnen aufgefüllt, in Fuentes Nuevas; einige Kilometer zuvor, gut und preiswert gefrühstückt, zwei Österreicherinnen am Nachbartisch gaben den Ton an; in der Nähe ein Kirchplatz zum Ausruhenden, Nachdenken.

 

Ja, gestern am frühen Nachmittag hatte mich der da oben doch tatsächlich in Molinaseca auf die Probe stellen wollen. Mehrere Hostals completo, irgendein Fest wurde gefeiert, Trubel, Jubel, Heiterkeit. Nichts zu machen. Wo jetzt schlafen? Weitergehen? Nein! Zu anstrengend für Elke. Wir lernen Heidrun aus Bremen kennen, sie ist in Begleitung eines nach Australien ausgewanderten Spaniers. Von ihr hören wir, dass es am Stadtrand noch freie Herbergsbetten geben soll; San Roque. Wir gehen fortan gemeinsam. Ich fühle mich fit. Gedanklich allerdings nicht. Sekundenlang schwirrt der Gedanke im Kopf, wenn ich jetzt schneller gehe, und ich bin schneller als die anderen, dann kann ich uns noch möglichweise die letzten Betten sichern. Ich kam mir richtig schäbig vor, trottete also immer schön hinterher, überließ den Beiden den Vortritt. Und was soll ich sagen, wir konnten überglücklich die beiden letzten Betten ergattern.  Alle waren zufrieden, ich auch.

 

Villafranca del Bierzo kündigt sich an; es ist viertel nach zwei. Die erste Herberge lassen die Pilger unbeachtet, die zweite führt einen Weg hinunter, also weiter in den Ort. Wieder das gleiche, wie in Molinaseca. Überfüllte Hostals. Wieder entmutigt, wieder umsonst die steile Stiege zum Hostal hochgestürmt. Was machen? Hatten wir nicht irgendwo das Schild vom Parador-Hotel gesehen? Der Rezeptionist mustert die erschöpften Pilger, ihr Outfit vom staubigen Weg gezeichnet, die passen nicht zu uns. Elke sitzt in Sichtweite auf einer Bank, ich verhandele. Nichts zu machen. Kein Zimmer frei. Der Rezeptionist telefoniert nach einem Taxi, ein anderes Hostal suchen, von Herbergen hatten sie erstmal genug. Ich versuche es noch einmal, gestikuliere, zeige auf meine erschöpfte Frau.

 

Das nicht gerade preiswerte Hotelzimmer macht uns nicht verlegen. Nein, nein, an diesem Tag soll es so sein. Völlig erschöpft geht der erste Blick zur Minibar, sie wird geplündert, wir schlürfen ein kaltes Bier, duschen minutenlang, telefonieren, genießen das Ambiente, das Dinner exzellent. Neben uns eine gut gekleidete Vierergruppe, zwei Paare, offensichtlich keine Pilger. Wie man sich täuschen kann. Der morgige Tag wird die Pilger herausfordern, der Camino duro. Für den Rezeptionist ein Unding, den harten Weg mit geschultertem Rucksack zu gehen. Gibt es nicht einen Rucksackservice? Die Pilger schaffen das schon.

Fortsetzung, Fronleichnam, 11. Juni 2020

Heute morgen meinten zwei Moderatoren von Radio Bremen, sich über Fronleichnam lustig machen zu müssen. Irgend etwas Abstoßendes Richtung Leichnam und Party. Verkehrte Welt. Blasphemie. Wann haben sie sich jemals über die beiden anderen monotheistischen Religionen lustig und verächtlich geäußert? Natürlich niemals.

 

Ordne meine Gedanken, kehre zurück – zu unserem Jakobusweg – zu unserem Camino de Santiago. Mein Leben lief vergleichbar gut ab. Durch und durch katholisch sozialisiert. Volksgläubigkeit und Vernunft bedingen sich für mich.  John Henry Kardinal Newman: "Ich wünsche mir (...) Menschen, die ihre Religion kennen, die sich auf sie einlassen, die ihren Standpunkt kennen, die wissen, woran sie festhalten und was sie unterlassen, die ihr Glaubensbekenntnis so gut kennen, dass sie darüber Rechenschaft ablegen können, die über so viel geschichtliches Wissen verfügen, dass sie ihre Religion zu verteidigen wissen." – in Anlehnung an 1 Petr 3,15: „Und seid allezeit bereit zur Verantwortung einem jeden gegenüber, der von euch Rechenschaft über eure Hoffnung fordert.“ 

 

Mich interessiert der mittelalterliche Pilger. Sein Befinden auf dem Weg, seine Beweggründe für den Camino. So dumm, wie ihn viele Mainstreamfollower darstellen, war er nicht. Er mag zuvörderst vom christlichen Weltbild eingenommen gewesen sein, seine Fähigkeit zu denken, zu meditieren, Großes zu leisten, ist jedoch nicht hoch genug einzuschätzen. Zweifler gab es schon immer, in allen Jahrhunderten. Warum wohl haben sich ein Thomas von Aquin und ein Anselm von Canterbury dermaßen intensiv mit der Gottesfrage beschäftigt? Ihre Umgebung erwartete plausible Antworten, die heute noch diskutiert werden. Warum wohl? Von Augustinus, dem großen lateinischen Kirchenlehr und Philosophen, gar nicht zu sprechen. Dagegen verblassen die Analysen unserer aktuellen Theologen, abgesehen von Joseph Ratzinger,  Papst Benedikt XVI., dem größten Theologenpapst dieses Jahrhunderts.

 

Blicken wir zurück.  Der mittelalterliche Pilger kannte die Bibel, viele von ihnen konnten lesen und schreiben, zumindest beobachten, die Eingangstore der Kathedralen und ihre Zeichen, Symbole deuten. Wer von uns kann das? Der Peregrino autentico kannte das Alte Testament und seine nicht zu überbietenden Psalmen, vielleicht nicht unbedingt das jüdische Reisegebet, sicherlich aber derjenige gebildete Pilger des 15./16. Jahrhunderts, der von einem Nicolaus Cusanus gehört hatte, dem Universalgenie. Sein Pilgergebet als Ergänzung des Ave Maria, des Magnifikat, des Vaterunser. Wer meine Webseite Travel-Infos aufschlägt, wird eine Vielzahl von Gebeten finden; für jeden sollte etwas dabei sein, Trost spenden auf dem beschwerlichen Camino de Santiago. Liest man den Liber Sancti Jacobi, den Codex Calixtinus, wird einem klar, dass das Beten für den mittelalterlichen Pilger selbstverständlich war, nach Sprachen getrennt in der Kathedrale zu Compostela, gemeinschaftlich in Latein die Hauptgebete Ave Maria, Magnifikat und Vaterunser.

 

PILGERGEBETE

DU BIST BEI MIR  Du, Herr, bist mein Gefährte auf dem Pilgerweg. Dein Blick ruht auf mir, wohin ich auch gehe. Dein Sehen ist Deine Bewegung: Du bewegst Dich mit mir, und solange meine Bewegung dauert, hält auch Deine Bewegung nie inne. Wenn ich ruhe, bist Du bei mir; wenn ich emporsteige, steigst Du empor; wenn ich hinabsteige, steigst Du hinab; Du bist gegenwärtig, wohin ich mich auch wende. In der Stunde der Prüfung verlässt Du mich nicht; wenn ich zu Dir rufe, bist Du an meiner Seite, denn Dich rufen heißt, mich zu Dir zu wenden. Pilgergebet Nikolaus von Kues.

 

»ICH BLICKE HINAUF ZU DEN BERGEN: Woher wird mir Hilfe kommen?« »Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat! Und du sollst wissen: Der HERR läßt nicht zu, dass du zu Fall kommst. Er gibt immer auf dich Acht. Er, der Beschützer Israels, wird nicht müde und schläft nicht ein; er sorgt auch für dich. Der HERR ist bei dir, hält die Hand über dich, damit dich die Hitze der Sonne nicht quält und der Mond dich nicht krank macht. Der HERR wendet Gefahr von dir ab und bewahrt dein Leben. Auf all deinen Wegen wird er dich beschützen, vom Anfang bis zum Ende, jetzt und in aller Zukunft!«  - Psalm 121. Gott ist bei dir! - Ein Lied, zu singen auf dem Weg nach Jerusalem.

 

HERR, UNSER GOTT und Gott unserer Väter, möge es Dein Wille sein, uns in Frieden zu leiten, unsere Schritte auf den Weg des Friedens zu richten und uns wohlbehalten zum Ziel unserer Reise zu führen. Behüte uns vor aller Gefahr, die uns auf dem Weg bedroht. Bewahre uns vor Unfall und vor Unglück, das über die Welt Unruhe bringt. - Jüdisches Reisegebet.

 

Fortsetzung

Intermezzo. Unser Camino paßt - bis jetzt, nach dem Erreichen der Stadt der Sehnsucht sowieso. Natürlich hatten wir Strecken, wie in den Pyrenäen oder vor Viana, die uns schwer fielen, wegen des Wetters, wegen der nervtötenden Anstiege, wegen, wegen.

 

Dennoch, unser erster Camino Frances paßte, maßgeschneidert. Wie soll man das feststellen? Ganz einfach, indem man ihn ein zweites Mal geht oder einige Strecken davon, in unserem Fall sechs Jahre später als Tourist. Das Cruz de Ferro diesmal nebelverhangen, trübe Stimmung. Manjarin mit anderem Outfit. Villafranca del Bierzo mit neuem Parador-Hotel, nicht mehr drei Sterne, nunmehr vier davon. Das Zimmer, na ja. Die Kirchen alle geschlossen, auch die Iglesia Santiago, vor sechs Jahren war wenigstens noch die Iglesia de San Nicolas el Real geöffnet; geöffnet hingegen der schöne Friedhof, er ist so ganz anders als die norddeutschen. Der Blick in die Herberge Ave Fenix bestärkte uns, sechs Jahre zuvor mit dem Hotel die richtige Entscheidung getroffen zu haben, ziemlich unordentlich. In der Stadt herrscht Stille, es ist auch kühl gewesen, vor sechs Jahren schon fast zu heiß. Die wenigen Meter hoch den Camino duro verdeutlichen uns, dass wir damals eigentlich verrückt gewesen waren, diesen sehr anstrengenden Abschnitt gewählt zu haben; du wirst es noch lesen. Der Hotel-Rezeptionist hatte richtig gelegen, als er uns den Weg an der Straße empfahl; auf jeden Fall hätten wir den Transport-Rucksackservice nutzen sollen. Nun gut, jede Medaille hat zwei Seiten. Unsere zweite Seite bedeutete, heuer genug Zeit für Fotos gehabt zu haben, für die wir damals einfach keinen Nerv hatten. Diesmal stand auch nicht die Suche nach einer Apotheke auf dem Programm resp. zum Arzt. Wenden wir uns also wieder unserem Camino zu, dem Camino Frances, der paßte, maßgeschneidert. Morgen mehr.

 

Fortsetzung

Wir hätten das Paradores genießen sollen, einfach `mal ausruhen, so bis mittags. Ausgiebig mit allem Drum und Dran frühstücken, sich Zeit nehmen, den Weg meditieren. Es wird für die Pilger ein harter Weg werden. Der Pilgerführer verheißt nichts Gutes. Neunundzwanzig Kilometer, sehr anstrengend, mit zwei wichtigen Anstiegen, alte Maultierstraßen, et ecetera. Gehen wir ins Detail. Villafranca del Bierzo liegt auf 500 Höhenmeter. Es folgt ein erstes sehr steiles Stück – 30 Minuten lang. Dann etwas abgeflacht weiter bis auf 930 Meter. Von dort abwärts auf 578 Meter mit dem Ort Trabadelo, Vega de Valcarce liegt auf 620 Meter. Ab Ruitelan, 630 Meter, wird`s wieder heftig. Gerade die Streckenabschnitte nach La Faba 920 Meter und von dort nach La Laguna 1150 Meter haben es in sich, und das ist ja noch nicht alles – bis O Cebreiro weitere 100 Höhenmeter auf 1.250 Meter. Alles in allem eine reife Leistung. Die Pilger mussten ja auf den preiswerten Rucksack-Transportservice der Herberge O Ave Fenix verzichten. Vielleicht lag es auch daran, dass sie dort nicht übernachtet hatten und nicht fragen mochten.

 

Also, was mache ich? Mich kümmert nicht mehr das Paradores, das war gestern, heute geht`s ans Eingemachte, wir verlassen das Hotel bereits um 7Uhr20, das kurze Frühstück fast im Stehen eingenommen. Gut, dass wir den Siegfried aus Bayern kennengelernt hatten. Er ist Wanderprofi. Nach einer halben Stunde, Siegfried verzögert seine Schritte, zeigt, wie man den Rucksack richtig trägt, bergaufwärts und bergabwärts, die Riemen lösen und/oder schließen. Das Wichtigste bemerken die Pilger ganz alleine, Siegfried pflegt einen gleichmäßigen Schritt, bergauf wie bergab. Ohne ihn hätten wir wohl Probleme bekommen. Vor allem bei den mörderischen Steigungen garniert mit der fürchterlichen Hitze, die aber plötzlich ab La Laguna von einem Gewitter mit prasselnden Regen abgelöst wird.

Ab Vega de Valcarce stößt Bunter Vogel, so hat sie der Pilger insgeheim genannt, zu uns; sie erzählt von sich, von zu Hause, von fürchterlichen Erlebnissen, die sie auf ihren Caminos zuvor erleben mußte (Anmache, Vergewaltigung). Irgendwo am Weg sehen sie ihre Mitpilger, auch die Franzosen; sie haben sich den Weg an der Straße ausgesucht – die meisten von ihnen ohne Rucksack. Wer es mag.

Siegfried ist Richter irgendwo in Bayern, er hat seinen Camino in drei Abschnitte, sprich drei Jahre, unterteilt. Er möchte Zeit haben zum Nachdenken. Er erzählt, wie unterschiedlich in den einzelnen Bundesländern Recht gesprochen wird; je nördlicher je weniger Jahre. Das geht sogar soweit, dass sich in Bayern verurteilte Straftäter in den Norden der Republik verlegen lassen, irgendwelche Gründe dafür gäbe es immer, da sie dort mit Strafminderung rechnen können. Viel Zeit verbleibt nicht zum Ausruhen in La Laguna, es donnert. Über die Stuttgarter-Herberge in La Faber ist schon so viel geschrieben und fabuliert worden, dass hier an dieser Stelle nicht darüber berichtet werden muß; ebenso wenig über das Hostienwunder von O Cebreiro.

Richtig trist schaut`s in Cebreiro aus, kein Wunder, bei dem Regen. An diesem Abend wird keine Heilige Messe gelesen, die nachmittägliche Meditation, das Dankgebet, muß reichen. Das Pilgermenü wird in großer Runde eingenommen: es wird gelacht, nicht zuviel, es wird geschnattert, nicht zu laut, es wird Rotwein getrunken, nicht übermäßig viel, es schmeckt. Das Paar aus dem Paradores von Villafranca del Bierzo sitzt uns  gegenüber: es sind doch keine Touristen, es sind Pilger, wie man sich doch täuschen kann. Die Stimmung ist gut. Heidruns Begleiter, der Spanier aus Australien, tut ein Übriges: er übersetzt für die Runde die Menükarte ins Englische.

 

Aus dem Reisebericht einige Worte zu O Cebreiro. „Früher von den Kelten verehrt, heute ein überlaufener Wallfahrts– und Ausflugsort. Die Pallozas, die zumeist runden oder elliptischen, auf jeden Fall uralten Steinbauten, vermitteln einen interessanten Einblick in die Lebenswelt der Menschen von vor dreitausend Jahren. Alfons II. der Keusche stiftete 836 n. Chr. ein Pilgerhospital nebst Kloster.

Wichtig ist der Ort auch deshalb, weil von hier aus die moderne Jakobswallfahrt ihren Lauf nahm. Pfarrer Don Elías Valiña Sampedro (1929-1989) markierte von 1984 an weite Strecken des Camino Frances neu. Auf ihn geht auch der gelbe Pfeil als Wegmarkierung zurück.“

 

Ein Corona-Gebet des Bischofs von Trier soll diesen letztlich ereignisreichen, schönen Tag abschließen. Wann spielte jemals eine Pandemie eine Rolle für uns Europäer? Epidemien gibt es nur woanders.

Halten wir dennoch inne, schließen die Augen, danken dem Herrgott für unser Leben, das uns doch alle, will ich meinen, letztlich ein gutes Leben beschert hat; meditieren wir das Gebet, das Bischof Stefan Ackermann zu Ostern betete:

 

Jesus, unser Gott und Heiland, in einer Zeit der Belastung und der Unsicherheit für die ganze Welt kommen wir zu Dir und bitten Dich: für die Menschen, die mit dem Corona-Virus infiziert wurden und erkrankt sind; für diejenigen, die verunsichert sind und Angst haben; für alle, die im Gesundheitswesen tätig sind und sich mit großem Einsatz um die Kranken kümmern; für die politisch Verantwortlichen in unserem Land und weltweit, die Tag um Tag schwierige Entscheidungen für das Gemeinwohl treffen müssen; für diejenigen, die Verantwortung für Handel und Wirtschaft tragen; für diejenigen, die um ihre berufliche und wirtschaftliche Existenz bangen; für die Menschen, die Angst haben, nun vergessen zu werden; für uns alle, die wir mit einer solchen Situation noch nie konfrontiert waren; für die Menschen, die am Virus verstorben sind, und für diejenigen, die im Dienst an den Kranken ihr Leben gelassen haben. Herr, steh uns bei mit Deiner Macht, hilf uns, dass Verstand und Herz sich nicht voneinander trennen. Stärke unter uns den Geist des gegenseitigen Respekts, der Solidarität und der Sorge füreinander. Hilf, dass wir uns innerlich nicht voneinander entfernen. Stärke in allen die Fantasie, um Wege zu finden, wie wir miteinander in Kontakt bleiben. Wenn auch unsere Möglichkeiten eingeschränkt sind, um uns in der konkreten Begegnung als betende Gemeinschaft zu erfahren, so stärke in uns die Gewißheit, dass wir im Gebet durch Dich miteinander verbunden sind. Als Auferstandener bist du deinen Jüngern erschienen und hast ihnen versprochen: „Ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ Auf dieses Wort vertrauen wir auch in dieser Zeit und preisen dich in Ewigkeit. Amen.“ Quelle: Internet, 16.06.2020.

 

Fortsetzung

Wieder ein Wetterumschwung. In Galicien gang und gäbe. Es regnet viel in Galicien. Eindrucksvoll von Dr. Höllhuber im Pilgerführer DumontAktiv beschrieben: „Wenn die Sonne durchbricht – und es kommt ja bisweilen vor, hat man von der Sierra einen weiten Ausblick über die grünen Berge, Hügel und Täler Galiciens. Doch meist hüllen Neben und Wolken die aus Schiefer gebauten Dörfer in geheimnisvolles Grau.“ Ich hätt es nicht besser formulieren können.

 

Es regnet, es ist kühl geworden. Mit klammen Klamotten sitzen die Pilger in der Bar Posada am Alto de Poio. Es ist neblig. Der steile Hohlweg zum Alto war einfach zu steil gewesen, bewußt Schritt für Schritt setzen, erforderte viel Aufmerksamkeit und dann noch der glitschige Untergrund. Sie hat keine Lust mehr, sie ist bedient. Siegfried, Bunter Vogel und die Franzosen waren ständig in Reichweite der erschöpften Pilger, bloß nicht den Abstand größer werden lassen. Siegfried und Bunter Vogel wollen noch nach Samos. Sie haben keine Zeit. Die Pilger bleiben. Zum Mittagessen ist es zu früh, Kit-Kat, Kuchen, Kekse und `ne Cola müssen reichen. Wieder geht es bergab. Von 1337 Meter auf 671 Meter. Es nimmt kein Ende, jedenfalls nicht für die erschöpften Pilger. Sie wollen heute keine Herberge von innen sehen, um 13:30h ist sie in Triacastela sowieso noch geschlossen, den abgelegten Rucksäcken ist es anzusehen. Das Zimmer des Hostals vis a vis der Herberge ist kalt, der Lärm von der Bar schallt herüber. Wie man da dennoch so schnell einschlafen kann, ist nicht erklärlich, bleibt aber gut. Heidrun und ihr Begleiter, der Spanier aus Australien, sind Pilgerpuristen. Sie übernachten nur in Herbergen, koste es, was es wolle. Das Gespräch mit Beiden draußen vor dem Hostal dauert nicht allzulange, eine dunkle Wolkenfront schiebt sich näher. Zurück ins Hostal. Das Pilgermenü wartet, ein Bier trinken, nachdenken, die morgige Etappe planen: über Sarria nach Morgade, durchweg nicht so schwierig – trotz der siebenundzwanzig Kilometer.

Pilgerdenkmal am Alto de San Roque. Was ist passiert? Anderthalb Stunden zurück. Irgend etwas an der Figur stimmt doch nicht. Es ist der obere Teil des Pilgerstabs mit Kreuzabschluß und Kalebasse. Von wem abgerissen, von wem mutwillig abgebrochen? Von einem Pilger doch wohl nicht!

 

Der Edilesa-Reiseführer „Der Pilgerweg nach Santiago“ (2. Ausgabe 2002) dokumentiert das Original.

Nun gut, Vandalen gibt es auch unter den Pilgern, ebenso Anmacher, ebenso Angeber, ebenso Schwätzer, ebenso Diebe, man muß vorsichtig bleiben. Nein, nein, die meisten Pilger sind gut zu ertragen, und wenn nicht, muß man sich gelegentlich selbst hinterfragen. Die Pilger sind ein eingespieltes Team. Jeder paßt auf, beim Duschen, beim Waschen, im Rucksack sowieso keine Wertgegenstände drin lassen. Back home in der Kirche während der heiligen Messe ist es nicht anders. Frauen nehmen zur Kommunion ihre Handtaschen mit, das Gebet-/Gesangbuch kann liegenbleiben. In Molinaseca ist mir das Duschgel gestohlen worden. An sich nicht der Rede wert. Aber, wo ein neues kaufen? Passanten ansprechen, nach einem Geschäft fragen, wer spricht Englisch, die wenigsten Spanier tun es (in Portugal sprechen viele junge Menschen Englisch), Ausschau halten. Ach, was soll`s. Alles nicht der Rede wert. Lächerliche Imponderabilien. Rückblickend gesehen sowieso. Und überhaupt, wenn alles glatt verläuft, ist es langweilig, es gibt keinen Gesprächsstoff. Jahre zuvor in San Francisco. Beide Söhne sind mit von der Partie. Beide überlassen ihrem Vater die Gesprächsführung. Und dann passiert halt so etwas: "You have pommes?" Was haben sie sich schlapp gelacht. French fries natürlich. Gesprächsstoff damals wie heute.

 

Fortsetzung, 22. Juni2020.

Brea. Kilometerstein K 100. Endlich soll es soweit sein. Am 2. Juli 2020 öffnet die Kathedrale ihre Tore, ebenso das Pilgerbüro von Santiago de Compostela seine Türen. Ob dann schon die ersten Pilger eintrudeln werden? Einen Tag nach der offiziellen Wiedereröffnung des Camino de Santiago. Hoffentlich verhalten sich diese Pilger angemessen und revoltieren nicht gegen die nach wie vor gegebenen Beschränkungen, wie in Holland, wie in Göttingen, et ecetera. Ich denke, die spanische Polizei wird unnachgiebig sein.

 

In vier, fünf Tagen werden wir vor der Kathedrale stehen – völlig überwältigt vom Erreichten, Tränen in den Augen. Wir werden Paul und seine Tochter aus Toronto wiedersehen und -sprechen, in der Kathedrale nach der Heiligen Messe am Abreisetag, drei Tage nach unserer Ankunft.

Paul und seine Tochter hatten wir in Morgade kennengelernt, am lodernden Kamin. Ja, es war ein wenig kalt innen, tat der guten Stimmung aber keinen Abbruch, draußen um so wärmer. Was kann Pilgern Besseres passieren, als mit einem Glas Rotwein in der Hand mit netten Menschen am Kamin diskutieren. Paul, zweiundsechzig Jahre alt, ist Sozialarbeiter; zwei Herzinfarkte hatten ihn mit dem Sinn des Lebens konfrontiert, so weiterleben, oder innehalten? Aus Dankbarkeit seinem Herrgott gegenüber den Jakobsweg pilgern, mit seiner Tochter.

 

Das Casa Rual Morgade ist sein Geld wert. Das Pilgermenü klasse, der Rotwein gleichermaßen, Bedienung und Service ausgesprochen freundlich, weiblich dominiert. Der Kilometerstein K 100 von Brea, weiland total verschmiert, steht nicht mehr. Irgendein Bürokrat hat ihn abbauen lassen. Warum? Wahrscheinlich weil er an der verkehrten Stelle stand. Letztlich bleibt es doch gehupft wie gesprungen, ob von dieser Stelle tatsächlich noch 104 oder 98 Kilometer zu gehen sind. Sie, die Bürokraten, kapieren es halt nicht: begradigen an anderer Stelle den Originalweg oder verlegen ihn, alles aus touristischen Erwägungen. Und das wird der Tod des Camino sein. Die teils mittelalterlichen Straßenwege, nicht die ganzen siebenundzwanzig Kilometer über, aber immerhin, werden sich morgen fortsetzen, dann aber mit völlig anderem Blick: ein traumhafter Sonnenaufgang so gegen 7Uhr, eine ¾ Stunde nach Morgade, wird die Pilger auf den Tag einstimmen. Er ist glücklich, sie wieder gut drauf, ihre Blasen spielen keine Rolle mehr, ebenso nicht der Viehtreck, es müssen so ungefähr dreißg Kühe gewesen sein, die den Pilgern - wirklich plötzlich – entgegengekommen waren, kurz vor Morgade, einer Stampede gleich. Was tun? Sich an einem Baum festklammern, zu Gott beten.   

 

Fortsetzung

Intermezzo. "Kehr um, Europa! Sei wieder du selbst! Besinne dich auf deinen Ursprung! Belebe deine Wurzeln wieder!" 

Du merkst, ich komme wieder zurück auf diese grandiose Rede: "Ich sehe von Santiago de Compostela aus den europäischen Kontinent vor mir, das ausgedehnte Straßennetz, das die Städte und Nationen miteinander verbindet, und jene Wege, die schon im Mittelalter hierhin führten und immer noch unzählige Scharen von Pilgern zur Verehrung des Apostels lenken. (…) Hierher kam Christen aus allen sozialen Schichten, vom König bis zum ärmsten Dorfbewohner (…) mit unterschiedlichem geistigen Niveau. Es kamen Heilige - wie Franz von Assisi und Brigitte von Schweden - bis hin zu vielen offen um Vergebung suchenden Sündern. (…) Schon Goethe hat festgestellt, dass das Bewußtsein Europas aus den Wallfahrten gewachsen ist. Die Pilgerfahrt nach Santiago war eines der wichtigsten Elemente zur Förderung des gegenseitigen Verständnisses so unterschiedlicher Völker wie der Lateiner, Germanen, Kelten, Angelsachsen und Slawen. (…) Sie brachte die Menschen einander näher, verband und einigte sie. Jahrhundert und Jahrhundert begegneten sich auf der Pilgerreise Menschen als Zeugen Christi, die sich zum Evangelium bekannten und dabei zu verschiedenen Nationen entwickelten. (…) (Heute) ist Europa auf religiöser Ebene  geteilt. Nicht so sehr wegen der Spaltungen, die im Lauf der Jahrhunderte entstanden sind, sondern mehr noch wegen der Abkehr vieler Getaufter von dem tiefen Grund ihres Glaubens und der moralischen Kraft der christlichen Lebensanschauung, die den Personen und Gemeinschaften ihr Gleichgewicht garantiert. - Papst Johannes Paul II. am 9. November 1982 in Santiago de Compostela.

 

Johannes Paul II. bleibt ein glaubwürdiger Protagonist des Camino de Santiago: Verbindung von gelebtem Christentum und sportlicher Betätigung. Ja, Karol Wojtyla war sehr sportlich, Fußballtorwart, Kajak-Fahrer, u.a.m. In den ersten Jahren seines Pontifikats hatte er noch versucht, seine Begeisterung für das Skilaufen aufrecht zu erhalten. Seine Vorliebe für das ungezwungene Wandern wird er als Pontifex nicht mehr in dem gewohnten Maß nachgekommen sein. Seine Hinwendung zum Pilgern, zum Wallfahren (Schwarze Madonna von Tschenstochau) ist bekannt. Von daher ist er ein glaubwürdiger Protagonist des Camino de Santiago.

 

Von Joseph Ratzinger, Papst Benedikt XVI., weiß man, dass das Fach Sport nicht zu seinen Lieblingsfächern zählte. Das soll ihn aber als Kardinal nicht abgehalten haben, einige Etappen des Camino Frances zu absolvieren. Sein Papstwappen ziert die Jakobsmuschel. Auch er besuchte den Wallfahrtsort in Galicien. Auf seinen Besuch in Santiago de Compostela am 6. November 2010 werde ich später zurückkommen. Hier trafen die Päpste auf 1 Million junger Menschen - wie auf den Weltjugendtagen.

 

Dreißig Jahre später ergänzt Benedikt XVI. die Worte seines Vorgängers:

  • "Das Jahr des Glaubens (2012) ist eine Pilgerreise durch die Wüsten der heutigen Welt. (...) Die Reise ist ein Bild für das Leben, und der weise Reisende ist derjenige, der die Kunst des Lebens gelernt hat und sie mit anderen teilen kann - wie es den Pilgern auf dem Weg nach Santiago oder auf anderen Pilgerwegen geht, die nicht zufällig in diesen Jahren wieder in Mode gekommen sind."
  • "Wie kommt es, dass heute so viele Menschen das Bedürfnis haben, diese Wege zu gehen? Ist es vielleicht, weil sie dort den Sinn unseres Erdendaseins erahnen? (...)"

 

Kurz nach Zweiten Krieg bezeichneten sich weit über 90% der Deutschen als Christen, über 56% der Katholiken gingen regelmäßig zum sonntäglichen Gottesdienst, bei den Protestanten zeichnete sich mit 13-15% schon die kommende Entwicklung ab. Die heutige Situation ist – aus der Sicht eines Gläubigen – erschreckend. In seinen Worten spricht Papst Benedikt XVI. nicht von ungefähr vom weisen Reisenden, Pilger.

 

Papa Emeritus ist am gestrigen Montag, 22. Juni 2020, von seiner Spontanreise zu seinem kranken Bruder Georg nach Regensburg nach Rom zurückgekehrt. Der betreffenden Webseite ist alles wichtige zu entnehmen.

Ich beende mein Intermezzo mit einer Hommage an diesen Jahrhundert-Theologen, wie ihn Bischof Rudolf Voderholzer von Regensburg treffend beschrieb, mit dem Diktum des Bischofs aus dessen Predigt am 21. Juni 2020: "Papst Benedikt XVI. (Kardinal Ratzinger) ist der größte Prediger seit Papst Leo dem Großen (4. Jh.) resp. Papst Gregor dem Großen (5./6. Jh.)."

Ich füge hinzu. Wer je seine Predigten verfolgt hat, in den Bänden 14/1-3 seiner Gesammelten Schriften sind sie zusammengefaßt, kann nur staunen: höchste Theologie verständlich ausgedrückt, auch und gerade für einfache Gläubige. Von einem, der glaubt. Kein Politikgeschwafel.

 

Fortsetzung folgt. Dann werde ich von einem Südafrikaner erzählen, den es der Liebe wegen nach Portomarin verschlagen hat, von einem jungen französischen Paar, das sich über meine Deutschstunde in Coto gefreut hat und von der Rikscha; ja auch von Zidane und Beckham. Warten wir`s ab.

Fortsetzung

Die Region Kastilien-Leon liegt längst hinter ihnen. Kurz hinter Laguna de Castilla hatten sie die Grenze nach Galicien passiert. Die Gegend ist anders, das Wetter wechselvoller, die Sprache anders, sie soll dem Portugiesischen ähneln; kann ich nicht beurteilen.

 

Morgade, das Kleinod, hatten die Pilger im Morgengrauen verlassen, kurz vor sechs Uhr durch den Hintereingang, just so, wie von den Damen des Hauses am Abend zuvor vorgeschlagen. Portomarin das erste wichtige Zwischenziel: die in den Fluten versunkene Stadt. Von dort noch vierundneunzig Kilometer bis nach Santiago de Compostela. Das Wetter ist herrlich, die Sonne lugt hervor, vor ihnen wuchtige Felsensteine: Corredoiras. Möglicherweise noch aus römischen Zeiten. Wie auch immer. Es lohnt, eine kurze Pause einzulegen, ein Mars essen, Fotos schießen, der aufgehenden Sonne entgegen. Traumhaft. Ein Highlight.

 

7Uhr 53, kurz vor Portomarin. Ein Mann mittleren Alters lädt die Pilger zu einem Kaffee ein, an seinen Stand, kostenlos soll er sein. Sie kommen ins Gespräch. Er ist Südafrikaner, spricht neben Englisch etwas Deutsch, hatte in Bayern gearbeitet, der Liebe wegen dann in Spanien hängengeblieben. Das Gespräch nimmt im weiteren Verlauf möglicherweise Züge an, die heute von der political correctness nicht unbedingt goutiert werden würden. Er berichtet von Kapstadt, von den unzähligen Toten, mehr als im Irakkrieg, ermordet von zumeist Schwarzen, sie zählen zu den Armen. Hierüber würde in Europa nicht berichtet, über den Irakkrieg aber rauf und runter. Heute (2020) ist es ja nicht anders. Afrika – der vergessene, gerne übersehene Kontinent, den wir, so selbstkritisch muß man schon sein, ausgebeutet haben, weiterhin ausbeuten. Unser Reichtum u.a. zu Lasten Afrikas. Wer thematisiert es? Keiner. Im Gegenteil, wir ziehen die Besten der Drittländer zu uns ab und sind noch stolz darauf.

 

Die Pilger streben weiter, an Portomarin vorbei, über der Brücke hängen dunkle Wolken. In der Ferne zu sehen die wiedererbaute Kathedrale. Unten im See liegen zig Häuser, einfach so überflutet, der wirtschaftlichen Prosperität wegen. Die wacklige Brücke, eine Hängebrücke, einige Hundert Meter weiter, löst beim Pilger Angst und Schrecken aus. Sie ist da weniger empfindlich; ihre Blasen weg, die kurzen, steilen Anstiege werden gut gemeistert. Airexe ist nach einundzwanzig Kilometern erreicht, gerade einmal 14:00h. Die Herberge gefällt, sie sind die ersten, suchen sich die vermeintlich besten Betten aus. Die anderen Herbergen waren entweder zu laut oder noch geschlossen. Was liegt an? Die Wäsche. Mit zu Hause telefonieren, mit der Schwester, mit Mama. Kurz mit Siegfried und Bunter Vogel sprechen. Einen Drink nehmen. Das Pilgermenü auf den Nachmittag vorziehen; sie sind hungrig, die Hosen schlackern. Abends mit Christa aus Jena und der Sozialhelferin aus Osnabrück in der Bar fabulieren, ein Bier trinken, den Hund beobachten, er liegt unter dem Tisch, stoisch. Die Einheimischen sind mittlerweile weg, übriggeblieben ist weggeworfenes Papier, Zigarettenschachteln, unten zwischen den Barhockern. Interessant. Den Hund werden sie morgen wiedersehen, er kilometerlang in Sichtweite mitgehen.

Domenico Laffi, 1670/73. Nachdem wir Sarria verlassen haben, ging es in die Berge, die Montes de Sarria, und dann erreichten wir Portomarin, eine Distanz von drei Leguas. Eine schöne Stadt (…) In der Mitte fließt ein fischreicher Fluss mit Aalen und köstlichen Forellen. (…) Die beiden Stadthälften verbindet eine große, toll aussehende Brücke, die dem Gebiet den Namen gibt — Puente del Mino.

 

Fortsetzung, 26. Juni 2020

Der 1. Juli 2020 steht kurz bevor. Der Camino de Santiago soll seine Pforten öffnen - mit Einschränkungen, so die Entscheidung der spanischen Behörden. Alle fiebern, die ausgehungerten Pilger, die es nicht mehr abwarten können. Ich bin skeptisch. Hoffentlich verhalten sich die Pilger umsichtig, gefährden nicht die erneute Schließung des Jakobswegs. Wie soll das gehen? Auf dem Weg dürfte es klappen. Aber wie in der Herberge? Wie beim Pilgermenü? Wie in der gemütlichen Runde beim Bier, beim Wein? Ich befürchte nichts Gutes. Hoffentlich täusche ich mich.

Unsere Pilgertour neigt sich dem Ende zu. Perfektes Timing. Von Airexe über Palas de Rei, Melide und Rua (Pedrouzo) nach Santiago de Compostela. Das Tief in Melide werde ich nur kurz streifen; über die "versiffte" Herberge am Rande eingehen. Umso mehr auf die fünfköpfige Familie mit Rikscha und zwei Fahrrädern: eine tolle Familie. Auf dem Monto de Gozo werden wir länger verweilen, uns sammeln für die Ankunft am Grab des Apostels Jakobus; ein wenig so, wie es Domenico Laffi im 17. Jahrhundert beschrieben hat.

 

Fortsetzung

Eigentlich ist es ja viel zu banal. In allen Pilgerführern wird von streunenden, von bissigen Hunden gesprochen; die Anschaffung eines Wanderstabs sei unumgänglich. Bis jetzt haben wir nichts dergleichen bemerkt. Nicht in Foncebadon. Wer Paulo Coelhos Roman kennt, weiß darum. Aber jetzt ist soweit – auf dem Weg von Airexe nach Palas de Rei. Wir verlassen gegen 7Uhr die Herberge, wieder einmal ohne Frühstück. Und schwupp die wupp, der Hund von gestern abend gesellt sich zu uns. Wo mag er wohl seinen nächtlichen Rastplatz aufgeschlagen haben? Gestern war er zahm, lag unter dem Tisch. Er bleibt zahm. Trottet nach wenigen Kilometern den vor uns gehenden Italienern nach. Irgendwann verläßt er auch diese beiden jungen Männer und wendet sich dem französischen Pärchen zu. Ich will nicht verhehlen, dass wir froh über diese Entwicklung sind.

 

In Coto, kurz vor Melide, Ziel unserer Etappe, trifft man sich: Die jungen Franzosen, die Deutschen, Bunter Vogel (sie geht jetzt wieder allein, ohne Siegfried; beide hatten ja den Umweg nach Samos riskiert mit dem Ergebnis festzustellen, dass das Kloster geschlossen war), und andere mehr. Das junge französische Pärchen ist sehr aufgeschlossen, wir kommen ins Gespräch, sie wollen einige deutsche Grundbegriffe kennenlernen, also gebe ich ihnen eine kleine Deutschstunde: Guten Morgen, Guten Tag, Auf Wiedersehn, etc.). Sie sind begeistert. Ich hätte Lehrer werden sollen.

Mittlerweile haben wir so viele Gotteshäuser betreten, meditiert, gebetet, so viele Sehenswürdigkeiten am Weg bewundert. Es reicht – heute. San Tirso in Palas de Rei, schon im Liber Sancti Jacobi erwähnt, lassen wir aus, wollen endlich nach Santiago, streben weiter Richtung Melide, passieren Dörfer mit wohlklingenden Namen wie San Xulian, Ponte Campana, Casanova, Furelos.

San Juan, Furelos. Die kurz hinter der Puente Medieval de Furelos befindliche Kirche sieht unscheinbar aus, wahrscheinlich wären wir an ihr vorbeigegangen, hätte uns nicht der Pfarrer draußen angesprochen. Er trägt die typische Priesterkleidung. In vielen Teilen Deutschlands ist sie nicht mehr üblich. Man will offenbar nicht erkannt werden. Man trägt bunte Hemden, Freizeitkleidung. Nein, ich verkneife mir weitere Sätze, ich verlöre sonst die Kontenance. Wir sind dem Pfarrer dankbar. Sitzen minutenlang, bewundern den Altar, das besondere Kruzifix. Es hat sich gelohnt. Mehr über die Pfarrkirche San Juan via Menüpunkt Kathedralen.  

   

Melide empfängt die Pilger mit Nieselregen. Wir suchen eine Herberge. Keiner kann uns weiterhelfen. Schauen uns um. Trauen unseren Augen nicht, sehen von weitem ein junges Ehepaar, das seine Kinder versorgt. Der Vater muntert offensichtlich den Kleinen auf, nicht allzu traurig zu sein, sein Fahrrad nebst Gepäck liegt am Boden, die Mutter steht vor einer Karre, ein kleines Kind darin, die kleine Schwester im Blick der Mutter, auch sie mit Fahrrad. Unglaublich. Übermorgen auf der letzten Etappe werden wir mit ihnen kurz sprechen. Eine ungewöhnliche Familie. In Melide gibt es Palmen und viele Bars. In einer davon treffen wir Bunter Vogel, trinken ein Bier, darauf einen Wein, plaudern, schauen mit den Einheimischen zum Fernseher hoch. Real Madrid gegen Villareal. Zidane schießt nach Vorlage von David Beckham zwei Tore. Es endet dennoch unentschieden 3:3. Ich hatte versprochen, nicht näher auf die versiffte Herberge einzugehen, auf die völlig unzureichenden Sanitäranlagen, etc. Interessant war das laut geführte Gespräch eines sich fürchterlich laut streitenden deutschen Ehepaares. Er ist bedient, will abbrechen, will nach Hause. Sie steckt nicht zurück, gibt contra.

Die Iglesia de Sancti Spiritus ist nicht geschlossen. Ein Franziskaner ist der Erbauer, im 14. Jahrhundert. Die Mainstreamwissenschaftler und ihre Anhänger streiten bekanntlich ab, dass Franz von Assisi jemals in Spanien gewesen sei. Neben dem Altar ist der Matamoros zu sehen. Warum eigentlich nicht? Political correctness hin oder her. In Bremen gibt es eine Fatih-Moschee, von den Bürgermeistern zu jeder passenden Gelegenheit gerne besucht, die ihren Namen auf Sultan Mehmed II. zurückführt, dem „Eroberer“ (das bedeutet Fatih) von Konstantinopel Anno Domini 1453. Die verbliebenen Christen, gerne auch Nonnen und Kinder, wurden massakriert – trotz gegenteiliger Zusage, ihr Leben nicht anzutasten. Wer sich nicht dem Mainstreamwissen beugen will, der schlage bitte meine Webseiten auf – unter Menüpunkte Kathedralen und Jakobswege. Gestern und heute.

Noch etwas mehr als fünfzig Kilometer. Dann stehen die Pilger vor der Kathedrale von Compostella. Sie fabulieren, wie es wohl sein wird. Der Regen hat zugenommen, was man von unserem Gewicht nicht sagen kann, die Hosen schlackern, wir müssen unbedingt noch etwas Warmes essen, uns stärken für die morgige Tour, die nach unseren Berechnungen dreißig Kilometer lang sein dürfte.

 

Fortsetzung, 27. Juni 2020

„Pandemie ohne Hysterie.“ In den Jahren 1957/58 starben bis zu 50.000 Westdeutsche (weltweit 2 bis 4 Mio.) an der „Asiatischen Grippe“. Die Westdeutschen blieben ruhig, in der DDR wurden die sog. "USA-Besatzer" in Westdeutschland als Schuldige benannt, dabei brach die Grippe 1957 in China aus; thematisiert von der „Welt“ am 27. Juni 2020, Seite 21, im Gespräch mit dem Historiker Prof. Hartmut Berghoff (geb. 1960). Das Influenza-Virus bekam den Namen H2N2; die Weitergabe erfolgte durch Tröpfchen- und Schmierinfektionen. In Großbritannien kam auch die Mund-Nasen-Maske zum Einsatz.

 

Warum ist der Verweis so wichtig? Der Tod war, so der Historiker, allgemein viel präsenter als heute, er wurde eher als unvermeidlich akzeptiert. Heute stehe für den Wohlstandsbürger die Gesundheit und die Langlebigkeit an erster Stelle, der Tod werde zurückgedrängt. Mehrheitlich lehnten die Menschen von damals Impfungen ab. Die Übersterblichkeit war unsichtbar. Die Medien hatten nicht aufgebauscht. Auch konnte sich wohl keiner das präventive Herunterfahren, ein Novum heute, ganzer Gesellschaften vorstellen. Das heißt natürlich nicht, die Sorglosigkeit von damals zu adaptieren, dennoch sei mehr Gelassenheit angeraten, denn: Pandemien treten immer wieder auf, ob wir es wollen oder nicht, das besorge schon die Tierwelt mit ihrem ungeheuren Reservoir an tödlichen Viren. 

 

Fortsetzung

Monte de Gozo, 11Uhr. Noch anderthalb Stunden. Der Berg der Freude fängt uns ein. "Als wir die Höhe eines Bergzuges mit Namen 'Berg der Freude' erreichten und das so herbeigeflehte Santiago offen vor uns liegen sahen, fielen wir auf die Knie, und die Freudentränen schossen uns aus den Augen. Wir begannen das 'Te Deum' zu singen, aber kaum brachten wir zwei oder drei Verse hervor, denn allzusehr unterbrachen Tränen und Seufzer unseren Gesang und ließen das Herz erzittern." Ergriffen schauen die Pilger hin zu den Türmen der Kathedrale ihres Heiligen Jakob. Wer hier als erster ankam, der wurde von seiner Gruppe zum Pilgerkönig ernannt, und kamen so zu ihrem späteren deutschen Familien-Nachnamen wie König, Küng, Künig, etc. 

Die Pilger sind erschöpft, gestern wie heute. Sie können es gar nicht abwarten, sitzen auf der Steinmauer, kommen mit einem älteren französischen Paar ins Gespräch, fotografieren sich abwechselnd, telefonieren, sind glücklich, strahlen, regenerieren im Schnelldurchgang. Das zu Ehren des Papstbesuches in 1982 erstellte Denkmal ist wuchtig, kaum zu übersehen. Die Webseite geht ins Detail. Die Gedanken springen zurück, vorgestern noch in Melide, heute morgen von Rua die letzte Etappe angetreten, am Kilometerstein 12,5 eine kurze Pause im Stehen.

 

Gestern ein traumhafter Gang durch einen Eukalyptuswald. Die Morgensonne hatte langsam ihre volle Kraft entfaltet, wir inhalierten sie, genossen sie, wären da bloß nicht immer wieder die kurzen, dafür steilen Anstiege, egal ob im Wald oder auf den Fahrstraßen. Nun zehrte alles an den Nerven, die Kraftreserven schienen aufgebraucht. Begegneten laut schwatzenden Mitpilgerinnen; sie hatten offensichtlich ein Taxi genommen, gestern noch hinter uns. Der Gedenkstein mit den Wanderschuhen für den 1993 verunglückten Pilger hatte die Pilger nachdenklich gestimmt, die Endlichkeit des Lebens verdeutlicht, der kurzzeitige Regen tat sein übriges. Die moderne Waschstelle am Lavacollaflüßchen ist desillusionierend, die der mittelalterliche Pilger ganz sicher so lapidar nicht aufgenommen hat. Hier sammelte man sich, maß der Stelle höchste Bedeutung zu. Dort wuschen sie sich, reinigten symbolisch ihre Seele, zogen sich auf jeden Fall, soweit noch vorhanden, Sauberes an, machten sich fein für den Besuch beim heiligen Jakob, gingen die letzten Kilometer vom Monte de Gozo bis nach Compostela barhäuptig und barfuß, aus Demut vor ihrem Herrgott, so steht es geschrieben; für die Pferde wird es eine Wohltat gewesen sein. Auf jeden Fall ein hartes Unterfangen. Die Pilger halten noch einmal inne, schauen ergriffen zurück, wenden sich dem riesigen Herbergskomplex zu, hübsch-häßlich. 

 

Wie wird`s der imponierenden Großfamilie wohl ergangen sein? Die junge Mutter mußte heute das selbstgebastelte Vehikel ziehen, mit kostbarer Fracht darin: ein 2jähriges Kind, dazu weiteres Gepäck. Der Vater trug den Rucksack; die Geschwister, ein 5jähriger Junge und seine vier Jahre alte Schwester radelten parallel. Es ist unglaublich. Sie kommen aus dem Saarland, eigentlich NRW, hatten immer wieder darüber fabuliert, den Camino zu machen. Aber wie das bewerkstelligen? Da kam dem Jungen die rettende Idee mit dem Fahrrad. Man mag es nicht glauben. Chapeau. Eine Meisterleistung, sowohl was die Planung, die Logistik wie die Durchführung angeht. Viele Gebirgswege waren für sie tabu; wie auch die Radfahrer mußten sie des öfteren auf stark befahrene Landstraßen ausweichen. Eine bewundernswerte Familie.

Hermann Künig von Vach, 1495. Nach neun Meilen kommst du dann zu Sankt Jakob, wenn es dir vergönnt ist, in der Stadt Compostell, die seinen Namen hat. Darauf freuen sich viele brave Reisegefährten. 

 

Fortsetzung, 1. Juli 2020

Noch anderthalb Stunden. Es werden lange anderthalb Stunden. Ungefähr 4,7 Kilometer. Die Pilger durchqueren den gigantischen  Herbergsbereich im Schnelldurchgang. Ein kurzer Blick in einen der Wohnblöcke reichte. Es geht bergab, vorbei an einigen gut bewachten Einfamilienhäusern, vorbei auch an der kleinen Kirche San Lazaro, weiter über die Rua de San Pedro zur Porta de Camino. Es nimmt kein Ende. Links und rechts Herbergsschilder. Die Pilger ignorieren sie. Jetzt zählt nur noch das Ankommen. Es kann nicht mehr weit sein. Er fragt sicherheitshalber einen Polizisten nach dem Weg, auf der Plaza de Cervantes. Am Brunnen vollzieht die Pilgerin das Ritual, das sie beide eigentlich am Lavacollafluß hätten vollziehen müssen.

Noch wenige Meter und sie stehen vor dem Azabacheria-Portal der Kathedrale. „Das ist aber nicht der richtige Eingang!“, deklamiert die Pilgerin. Doch, sagt er, hier betraten die Pilger die Kathedrale schon vor hunderten von Jahren. Noch einige Treppen hinunter, der Blick nach links gerichtet.

 

"Jetzt endlich sind wir angekommen, sind am Ziel, stehen auf dem Praza do Obradoiro, Westfassade, 12 Uhr 41: Vor uns die Kathedrale in voller Pracht, leicht überzogen mit grüner Patina. Ich drehe mich, schaue staunend, lasse die Kamera arbeiten, ringsum nur interessante Gebäude, wende mich Elke zu, nehme sie in den Arm, viel zu spät. Bemerke, dass sie weint — vor Glück. Ich bin zu sehr mit dem Fotografieren beschäftigt gewesen. Jetzt fällt auch von mir alle Last ab. "Meine kleine, tapfere, willensstarke Frau, du hast viel geleistet. Ich bin dir dankbar, dass du dich auf dieses Abenteuer, auf diese Strapazen eingelassen hast. Das war nicht einfach. Hitze, Berge, Matsch, Regen, Einsamkeit, überfüllte Herbergen, Erschöpfung pur, aber eben auch Freude, Genugtuung, Gottvertrauen - zusammen im Gleichschritt und Gleichklang. Das muss uns erst `mal einer nach machen."

Ein unbeschreibliches Gefühl. Nur ein einziges Mal erlebt. Sind überwältigt. Ja, es klingt pathetisch. Es war aber so. 

 

"Minuten später steigen wir die Stufen hinauf, fotografieren einander, Elke kann ihre Anspannung noch immer nicht verbergen, gelangen zum Portalbereich, durchschreiten den Portico de la Gloria, den Portikus der Herrlichkeit, ein Meisterwerk von Meister Mateo des 12. Jahrhunderts. Ich bin überwältigt, wirklich. Wir werden nicht gestört, werfen einen ersten Blick in das Gotteshaus, Elke verharrt minutenlang bei der Marienstatue („Was sie wohl denkt?“). Letztlich siegt die Vernunft, entscheiden uns einvernehmlich, die morgige Pilgermesse um zwölf Uhr zu besuchen. So haben wir Zeit, welch ein Wort!, überzeugen den Rezeptionisten des gegenüber Paradores, uns ein rabattiertes Traumzimmer zu geben. Er macht es tatsächlich. Ich gebe zu, es verkörpert zu Recht den Anspruch der fünf Sterne. Wir genießen das Hotel mit jeder Faser." In Anführungszeichen gesetzter Text aus unserem Reisebericht Letzte Etappe.

 

Fortsetzung, 3. Juli 2020

ANKUNFT IN SANTIAGO DE COMPOSTELA

Liber Sancti Jacobi, 12. Jh.

Compostela, die erhabene Stadt des Apostels, voller Liebreiz aller Art, die Stadt, die die sterblichen Reste Santiagos aufbewahrt, Grund dafür, dass sie als die glückseligste und erhabenste der Städte Spaniens betrachtet wird. Ich habe mich auf die Beschreibung dieser Etappen beschränkt, damit die Pilger, die nach Santiago aufbrechen und dies hören, die nötigen Reisekosten im Voraus planen können.

 

Wer das elent bawen wel. Lied der Jakobspilger, 13. Jh., Strophe 25. Den Finstern Stern wellen wir lan stan und wellen zu Salvater *) ein gan, groß wunderzaichen an schawen; so ruofen wir got und sant Jakob an, und unser liebe frawen. Strophe 26. Bei sant Jakob vergibt man pein und schult, der liebe got sei uns allen holt in seinem höchsten throne! Der sant Jacob dienen tuot, der lieb got sol im lonen.

 

Arnold von Harff, 15. Jh.  Compostela ist ein kleines, schönes, gefälliges Städtchen in Galicien, dem König von Kastilien unterworfen. Hier liegt eine schöne große Kirche. Auf dem Hochaltar steht ein großes hölzernes Heiltum zu Ehren von St. Jakob mit einer Silberkrone auf dem Haupt, und die Pilger steigen von hinten an den Altar und setzen die Krone auf ihre Häupter. (...) Vor der Kirche siehst Du unzählige große und kleine Muscheln feilgeboten. Die kannst Du kaufen und Dir eine auf Deinen Mantel binden und sagen, Du seist dort gewesen.

 

Domenico Laffi, 1670/73. Wir dankten Gott und dem Apostel, dass sie uns sicher hierher gebracht hatten (…) Dann gingen wir hinter den Altar, einige Schritt hoch, wo wir die Statue des Apostels Jakobus umarmten. (…)

 

21. Jahrhundert. Vor uns die Kathedrale in voller Pracht (…) durchschreiten den Portico de la Gloria, ein Meisterwerk von Meister Mateo. Bin überwältigt.

 

*) hier ist offensichtlich die Salvatorkirche in Oviedo (Camino Primitivo) mit dem Schweißtuch Jesu Christi gemeint.

Im Pilgerbüro, es ist noch das alte, treffen wir die erfreute Christa aus Jena. Stolz hält auch sie das Zertifikat mit dem letzten Stempel in der Hand. Nun ist es Zeit, das Paradores zu genießen, zeigen dem älteren französischen Paar die vier Innenhöfe. Das ist insoweit interessant, als beide uns noch am Monte de Gozo empfohlen hatten, im Paradores unbedingt – zumindest – einen Kaffee zu trinken.

Wir schlendern durch die City, sprechen die Brasilianer, Peter aus dem Saarland ...

 

Besuchen am nächsten Tag die Pilgermesse um 12:00h; etwas viel Gewusel in der Kathedrale, nutzen die Zeit, die Silberbüste des Apostels Jakobus zu umarmen, melden ihm Vollzug: der Weg ist gegangen, zur Ehre Gottes – zur Ehre der Gottesmutter – zu seinen Ehren. Haben Glück, daß der Botafumeiro geschwenkt wird. Die Nonne singt mit klarer, deutlicher Stimme, stimmt die Pilger ein, gibt Informationen zum Ablauf der Messe, zur Herkunft der Pilger. Es sind viele Nationen: Inglaterra, Francia, Canada, Italia, Alemania, Suiza, Brasil, Portugal, Mexiko, Espana und andere mehr. Neben mir ein Mexikaner mit einem großen Stein in der Hand. Löste er vielleicht ein dem Herrn gegebenes Versprechen ein? Früher hatten die Pilger riesige Kreuze mit sich geschleppt. Und überhaupt, es sind viele junge Pilger hier. Sie lauschen andächtig dem Geschehen, sie sitzen auf ihren Rucksäcken (heute leider nicht mehr möglich), sie fotografieren für ihre Lieben zu Hause. Es wird still. Der Dechant zelebriert mit sechs Co-Zelebranten, Pilger wie wir. Tags darauf wird der Bischof selbst die Messe lesen. Die heilige Messe am Jakobusgrab unterhalb des Jakobusgrabes rundet den Aufenthalt in Santiago de Compostela ab. Was will man mehr, mit nur vierzehn deutschsprachigen Pilgern morgens um 8Uhr dem Gottesdienst beiwohnen. Ein weiteres Highlight. 

Der Obradoiro-Platz ist mittlerweile gut besucht, sprechen den völlig erschöpft auf dem Boden liegenden kanadischen Filmemacher, den von Rabanal del Camino, wie die Französin von der Herberge, mit der wir zusammen das Pilgermenü eingenommen hatten, die immer wieder auf dem Camino getroffenen Siegfried aus Bayern und Bunter Vogel aus Hamburg, sie wird am letzten Tag neben uns in der Kathedrale sitzen, et ecetera. Sie alle sind glücklich und zufrieden, haben wie wir nicht wegzudenkende Eindrücke gesammelt, viele schöne Gespräche geführt mit Pilgern anderer Nationen. Die Bustour nach Fisterra rundet das gelungene Experiment Jakobsweg ab. Es hätte ja auch schief gehen können: Aufgabe wegen völliger psychischer wie physischer Belastung, immer wieder bei Mitpilgern bemerkt, endloses und lautes Streiten von Partnern resp. Eheleuten. Jeder hat halt sein eigenes Tempo, hat eine andere Kondition, hat andere Vorstellungen; mancher mag die einsamen Strecken nicht, bevorzugt dafür die Geselligkeit, ist psychisch besser drauf; übrigens, meistens dann, wenn die Physis stimmt.

 

In Spanien sind derweil die ersten Pilger wieder on the road, on the camino. Die ersten fünf Pilger ließen sich bereits am 22. Juni 2020 in der Kirche von Roncesvalles segnen. Ein gutes Zeichen. Ganz sicher werden sie um „Seine“ Hilfe nachgesucht haben. Sie werden ein abenteuerliches Unterfangen eingeplant haben, denn: die Herbergsdichte dürfte ein wenig ausgedünnt sein. Wir werden an anderer Stelle berichten.

 

Es war, wie am Abflugtag prognostiziert, nicht unser letzter Camino. Jakobus begleitete uns in den folgenden Jahren in Spanien, in Portugal, in Frankreich, in Deutschland: Eindrucksvolles, Meditatives, Spirituelles, Traumhaftes, Leichtes, Anstrengendes, Schmerzhaftes, Liebevolles, Unvergeßliches.

 

„Es wird dir kein Übel begegnen (…) Denn Er hat Seinen Engeln befohlen über dir, daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“ – Paulo Coelho, Auf dem Jakobsweg.

 

- The End -