JAKOBSWEG-JOURNAL. JAKOBSWEG ADE?

Einstimmung

DER JAKOBSWEG WÄHREND CORONA

7. September 2020. Stellte ich mir in meinem ersten Journal noch die Frage, wie sich der Jakobsweg nach Corona verändern würde, ist diese Frage längst beantwortet. Er hat sich bereits fundamental verändert. Die Anzahl der Pilger ist dramatisch zurückgegangen. Kein Wunder: Auf den Caminos war der absolute Lockdown angesagt, die Menschen mußten zu Hause bleiben. Es herrschte Ausgehverbot. Für den März wurden seitens des Pilgerbüros in Santiago noch 1.710 Pilger und Pilgerinnen registriert, davon nur 304 aus Übersee. Der Juli sollte langsam aber sicher die Wende bringen. Letztlich waren es nur 9.752 Pilger, davon aus Nordamerika lediglich 66. Der Vergleichsmonat von 2019 notierte 53.319 Pilger und Pilgerinnen, davon aus Nordamerika 3.643, Asien 1.570, Süd-Amerika 1.398, Oceanien 564 und Afrika 278.

Für August liegen noch keine Zahlen vor. Da aber nunmehr Spanien allgemein zum Risikogebiet erklärt worden ist, muß davon ausgegangen werden, dass sich die Zahlen auf einem niedrigen Level einpendeln werden. Wer will denn schon mit Maske pilgern. Es herrscht Maskenzwang. In Galicien werden die staatlichen Vorgaben besonders stringent – nomen est omen - verfolgt. Viele Häuser (Herbergen wie Hostals) bleiben indes geschlossen, das Miteinander auf dem Weg wie in den noch geöffneten Herbergen ist auf ein Minimalmaß gesunken. Internationale Pilger-Gesellschaften raten ab, den Camino jetzt zu gehen; am besten ihn auf 2021 verschieben.

 

Europäische Tageszeitungen überschlagen sich mit ihren Corona-Meldungen. Man hat fast den Eindruck, dass sie, wenn die sog. Infiziertenzahlen einmal nicht steigen, es nicht verkraften können. Journalisten und TV-Moderatoren widersprechen vehement Ärzten, wenn diese ein differenziertes Bild zeichnen.  Korrekterweise sollten alle Beteiligten, Medien, Politiker, Institute (RKI) von positiv-getesteten Personen sprechen und nicht von akut-infizierten, denn mitnichten werden alle Getesteten krank resp. müssen im Krankenhaus behandelt werden. Und dann, bitte schön, alle Zahlen ins Verhältnis zur jeweiligen Einwohnerzahl des Landes setzen; die gerne beschworenen absoluten Zahlen sagen gar nichts aus. Die Süddeutsche veröffentlicht akzeptable Statistiken. Sie setzt zum Beispiel die Anzahl der Verstorbenen ins Verhältnis 1:100.000. Die Zürcher NZZ brachte im Sommer einen Aufsatz, der die gegenwärtige Situation gut beschreibt: Das Ende der Intellektuellen. Zu Claqueuren der Mehrheitsmeinung geworden, ohne es zu merken." Bitte ggfs. selbst recherchieren. Ich erwarte von unseren "Vorturnern" vorbehaltlos objektive Informationen und keine Panik.

 

Mir kommt eine Predigt von Erzbischof Joseph Kardinal Ratzinger in den Sinn. Gehalten am 15. September 1979 in München. Es gibt Parallelen. Der spätere Papst Benedikt XVI. hielt sie am am Fest der Sieben Schmerzen Marias, das in der schweren Pestepidemie der Jahre 1347 bis 1352, die in Europa 25 Millionen Tote gekostet hat, wie ein Klageruf aufgestiegen ist aus dem Inneren der Kirche. (…) Eine Religion (Anm.: durchaus übertragbar auf einen Teil unserer deutschen Bischöfe), und eine Weltanschauung, die den Menschen nichts zu sagen hätte, wenn sie im Leiden sind, hat ihnen überhaupt nichts zu sagen; denn wenn der Mensch nicht leiden kann und wenn sein Leiden keinen Sinn hat, kann er auch nicht leben. Und wenn er sein eigenes Leiden nicht annehmen kann, kann er auch nicht dass der anderen annehmen. Dann herrscht nur noch der Nutzen, dann herrscht die Barbarei in dieser Welt.“ 

Wohl wahr, eindringliche, für heutige Ohren fremd und hart anmutenden Worte. Laßt sie uns später meditieren, reflektieren. Nachzulesen in Joseph Ratzinger - Gesammelte Schriften. Predigten. Band 14/2, S. 935/7.

Meinen Camino Frances kennt ihr. Der Caminho Portugues inspiriert auch. Zeit genug, den Gedanken freien Lauf zu lassen. Stehen die iberischen Jakobswege vor dem Aus? Wir werden sehen.

Der französische Teilabschnitt vom Marien-Wallfahrtsort Lourdes zum Somportpaß und weiter entlang dem Camino Aragones wird auch uns heutige Pilger spirituell erfassen. Der Abstecher zum Marien-Wallfahrtsort Fatima, wenige Kilometer vom Caminho Portugues entfernt, geht in die gleiche Richtung. Einige deutsche Etappen Richtung Osnabrück können auch dabei sein, wie vielleicht später einige Etappen entlang der Mosel. 

 

Corona wird unser ständiger Begleiter sein, werde dabei das Management unserer Bundes- und Landespolitiker reflektieren, das - bei nähererer Betrachtung - jedenfalls bislang suboptimal verlaufen ist. Zeit der Vorbereitung gab es genug. Bundestag wie Bundesregierung waren seit 2012/13 informiert. Das betreffende RKI-Papier wurde ignoriert: eine Blaupause für die heutige Corona-Epidemie. 

Camino-infiziert

Es ist wie beim Golfen. Wenn der erste Schlag so richtig gut gelungen ist, nicht ins Gras gehackt, nicht getoppt, der kleine Ball das Eisen Sieben flüssig geschwungen verlassen hat, der Pro anerkennend die Weite auf über einhundert Meter taxiert, ja, dann ist man bereits infiziert - fürs ganze Leben. Das Spiel läßt einen nicht mehr los. Und genauso ist es mit dem Camino de Santiago, dem Jakobsweg. Kaum waren wir von unserem ersten Jakobsweg zurückgekehrt, schon saß ich am Schreibtisch und plante den nächsten Camino, wobei nicht ganz klar war, welcher es denn sein sollte. Und vor allem wann. Wie immer im Leben, alles Gute braucht Zeit, will sagen, einige Jahre. Wenn schon den Caminho Portugues pilgern, dann muß Zeit sein für einige Tage in Lissabon, für einen Abstecher nach Fatima.

 

Fortsetzung

Porto zu Fuß. Nein danke. Ich weiß, ich werde mir jetzt untreu, hatte ich doch auf dem Camino Frances vor Jahren deklamiert: Die letzten Kilometer hätte man sich gut und gerne schenken können. Aber danach geht`s ja nicht, dennoch: nur Asphalt ab Villafria de Burgos, zwei Stunden, so prall war das nicht. Was wird der mittelalterliche Pilger gemacht haben? Hermann Künig von Vach wie Arnold von Harff werden sich das Pilgerleben, dessen bin ich mir gewiss, auch so angenehm wie irgend möglich gestaltet haben. Gleichwohl, die Vororte aller größeren Städte sind nicht einladend, trist. Da muss man durch. Ach, was soll ich mich aufregen. Es gibt solche und solche. Die einen wandern, die anderen pilgern, die einen überbrücken Unliebsames mit dem Bus, mit dem Taxi, die anderen versuchen, den Unbilden des ganzen Weges zu trotzen.“ Text 14. Etappe.

 

Wir konnten ja gar nicht anders. Unseren Mietwagen, in Lissabon übernommen, Stop in Fatima, mußten wir vertragsgemäß draußen am Flughafen abgeben. Fein raus, nicht wahr; Selbstbetrug nenne ich das. Wie in meinem ersten Journal werde ich auf die Schilderung der Sehenswürdigkeiten in den größeren Städten verzichten; die kennt ihr alle selbst.

Vor dem Brunnen, irgendwo in Porto. Verweile, staune über meine Aktivitäten, über meine Lebensträume. In den Fünfzigern begeisterte mich Thor Heyerdahl. Mit der Kon-Tiki, einem selbstgemachten Floß, schafften er und seine Crew es, mit den technischen Möglichkeiten des präkolumbianischen Perus vor der Zeit der Inka, nach Polynesien zu segeln. Das waren noch echte Abenteurer. Das imponierte mir. Auf seine politische Gesinnung während der deutschen Besatzung Norwegens gehe ich lieber nicht ein. Das Museum in Oslo bleibt interessant.

Meinen ersten Lebenstraum verwirklichte ich mit Gero, meinem Zweitgeborenen mit der Route 66 von Chicago aus. Die Traumstraße der Welt, die Panamericana von Alaska bis Feuerland, werde ich wohl nie in Gänze – nomen est omen – erfahren. Für mich reichte es nur für das Teilstück von Dawson Creek in British Columbia, Kanada entlang der Westküste der Vereinigten Staaten bis nach San Diego. Der dritte Lebenstraum wird gleichermaßen nicht zu realisieren sein: der Appalachian Trail von Georgia/USA, Springer Mountain, hoch bis Main, zum Mount Katadhin. Er soll mit etwa 3.500 km einer der längsten Fernwanderwege der Welt sein. Träume!

 

Nun stehe ich vor dem Brunnen in Porto, die Synapsen agieren, sinniere, horche in mich hinein: We`re doing our next Camino. Schon in wenigen Stunden wird er realiter beginnen: in Giao nahe dem Flughafen bis nach Arcos. Als Einstieg mit seinen 15 km gerade richtig.

Die Formalitäten an der Mietwagenstation waren schnell erledigt. Die Taxifahrt dauerte nur wenige Minuten. Stehen noch ein wenig verloren am Straßenrand, sortieren uns, die Wanderstöcke in der Hand; ich werde sie noch brauchen; anders als vermutet. Schauen uns an, sehen den gelben Pfeil am Mast. Endlich.

 

Fortsetzung 9. September 2020

Vergessen wir gerade den Tod, das Sterben? Geht es nur noch um die Gesundheit? Sowohl die Philosophen der Antike wie die Kirchenlehrer hielten es weiland für ihre Pflicht, die Menschen auf den Tod vorzubereiten, sich zumindest mit ihm vertraut zu machen. Er stellt sich uns sowieso - zu 100%. Wir hingegen pflegen den Ruf des Lebens. Das allgemeine Wohl, durchaus ein sittliches Ziel, entfaltet sich in einem Gesundheitssystem, das uns als rettende Kraft erscheint. Alexis de Tocqueville, ein Liberaler und ein Katholik zugleich, fürchtete 1840, wenn der Geist der Freiheit unter dem Sicherheitsbedürfnis der Demokraten erschlaffe, den unvermeidlichen Übergang aus der Demokratie in einen totalen Interventionsstaat. Quelle: Aufsatz Eberhard Straub in der Tagespost vom 3. September 2020. Ist das so? Einige deutsche Staatsrechtler haben bereits erste Befürchtungen ausgesprochen. Laßt uns später darüber diskutieren.

 

Fortsetzung

Mittwoch im Mai 2011, 11 Uhr 15. Giao de Cima. Wenige Kilometer vom Airport Porto entfernt. Sind irgendwie unschlüssig, stehen herum. Menschenleer. Auch keine Pilger zu sehen. Das Pilgerfeeling hat sich (noch) nicht eingestellt. Es ist halt nur der Caminho Portugues – nicht der Camino Frances. Ich weiß, dass viele diese meine Einschätzung nicht teilen. That`s my opinion, nothing else. Der Sixt-Mitarbeiter hatte ohnehin ungläubig geschaut, gefragt, ob wir denn wirklich den Caminho gehen wollen. Bis Vilarinho nur Straße, der Gehweg, wenn überhaupt vorhanden, sehr schmal, wenig einladend. Die Autos rasen vorbei. Der Wanderstock, gen Straßenseite etwas ausgestreckt, hilft, die Autofahrer und -fahrerinnen sind jetzt vorsichtiger. Bewege mich dabei wohl auf glattem Terrain.

In Arcos erwartet uns der Tod. Der 82-jährige Vater des Inhabers der Quinta Sao Miguel de Arcos war kurz zuvor verstorben. Jetzt werden die Jahrhunderte-alten Riten vollzogen. Nachbarn wie Familienangehörige versammeln sich um den Sarg, beten ununterbrochen das Ave-Maria, wechseln sich nach einigen Stunden ab, Tag und Nacht. Für uns Glück im Unglück: die Kirche war nicht verschlossen, wir dürfen hinein, sollen uns vorsichtig und leise bewegen. Der jetzige Chef sieht es pragmatisch. Das sei nun einmal der Lauf der Zeit, besser so, als wäre er als Sohn vor dem Vater verstorben. Da schluckt man erstmal, denkt über den sehr sachlich formulierten Satz nach, kapiert, versteht. Es ist nicht immer so. Weiß ich. Wie wird dieser Mann, ich schätze ihn auf Mitte Fünfzig, heute über den Tod sprechen, über Corona? Über die überbordenden Maßnahmen zur Erhaltung der Gesundheit, nicht wenige Male zu Lasten der sonst Schwersterkrankten? Wie viele alte und nicht so alte Menschen scheu(t)en den Weg ins Krankenhaus, verschoben/verschieben nach wie vor aus Angst vor dem Corona-Virus ihre Krebs-OP, versterben vorzeitig!? Auf der Berliner Demo am 29. August 2020 interviewte irgendein „Covidiot“, irgendein „Corona-Leugner“, so werden ja diese Leute von vielen Medien und Politikern qualifiziert, eine angehende Ärztin aus Süddeutschland, die mit flammenden Worten dafür warb, „Leute, verschiebt nicht eure Operationen, kommt zu uns, dafür werde ich doch Ärztin, um Menschen zu helfen, für euch da zu sein.“

  

Es wird lustig. Zwei ältere Damen, ja, das sind sie wohl, wohlsituierte Witwen, zwei Freundinnen, die, obschon ihr Reisebüro die komplette Reise vorgebucht hat, uns in distinguierter Haltung erzählen, wie der richtige Pilger pilgern sollte. Den beiden anderen aus Dithmarschen und Wolfsburg werden wir des öfteren begegnen, miteinander eine Strecke gehen, im Pilgerrestaurant zusammen den Abend verbringen. Stelle `gerade fest, während ich meine Aufzeichnungen von 2011 durchblättere: durch geschicktes Fragen und Zuhören erzählen die Menschen - fast – alles aus ihrem Leben. Ich bin zurückhaltender. Neben mir liegt ein Artikel aus der „Welt“ mit der Überschrift: Früher war mehr Strafe Gottes. Er thematisiert die Pest-Epidemie Sommer 1679 in Wien und wie der Augustinerpater und Schriftsteller Abraham a Sancta Clara (1644 bis 1709) selbige christlich gedeutet, gleichwohl den Ablauf exakt beschrieben hat. Der Kaiser nebst Gefolge war geflohen; nicht die Priester. Sie versahen weiter ihren Dienst, nahmen die Beichte ab, einige starben für ihre Gläubigen. 40.000 Exemplare umfaßte seine Abhandlung Mercks Wienn; eine enorme Zahl, vielfach weitergegeben. Die Wiener Bevölkerung sollte es sich merken: auch die Reichen werden nicht verschont, die  Gelehrten wie die Politiker auch nicht; sie versagten damals, und heute? Zum Schluß deklamiert der Autor, warum denn eigentlich heute die Kirchen schweigen, warum sie sich um eine christliche Deutung herumdrücken? Warum gibt es keinen neuen Abraham a Sancta Clara? Da müßte sich jemand schon sehr trauen, sagt er. Schon in Kürze werde ich das Buch in Händen halten.

 

Prof. Norbert Bolz, Philosoph und Medienexperte, formuliert es in der Tagespost vom 10. September 2020 in etwa so: Statt "Was darf ich hoffen?" - eine Frage, auf die man früher von der christlichen Religion eine Antwort erwartete, fragt die heutige Wohlstandsgesellschaft: "Was muß ich fürchten?"

 

Morgen werde ich auf einen YouTube-Filmer und Pilger eingehen, der just in diesen Tagen im August/September den Corona-Caminho Portugues gegangen ist. Tui: gespenstisch leer.

 

Fortsetzung

Der angesprochene YouTube-Filmer (Stand: 02.09.2020) scheint seriös zu sein. Kurz gesagt, die Corona-Vorschriften in Portugal, wie noch mehr in Spanien, sind sehr strikt. Die Herbergsbetten sind maximal pro Raum zu 50% in Portugal und zu 1/3 in Spanien belegt. In Spanien herrscht danach quasi überall Maskenpflicht, auch auf dem Weg; Desinfizierung beim Betreten der Gebäude ist obligatorisch. Die Anzahl der Pilger ist stark zurückgegangen, nahezu 90% Einheimische. Viele der Pilger auf dem Caminho Portugues kehren an der spanischen Grenze wieder um. In Portugal sollte man vorsichtshalber den Herbergsplatz reservieren, in Spanien hatte der Autor keine Probleme. Zur Pilgermesse um 19:30h Einlaß erst um 19:00h – nur mit Sitzplatzkarte, für 100 Pilger.

 

Zum Zahlenwerk ein Ausschnitt meiner Webseite:

Im Juli 2020 ließen sich 9.752 Pilger registrieren, davon 81% Spanier; 336 Deutsche darunter. Im Juli 2019 waren es 53.319 Pilger und 2.391 Deutsche.

Der August verzeichnete einen Schub auf 19.812 Pilger, davon 15.168 Spanier, 1.203 Italiener, 732 Portugiesen und 642 Deutsche. Der Vergleichsmonat 2019 konnte mit 62.813 Pilgern aufwarten, davon 2.383 Deutsche. Interessant ist, dass der Anteil der nicht-religiös motivierten Wanderer stark zugenommen hat.

Fortsetzung

15. Sonntag nach Pfingsten, 13. September 2020

Die Kirche von Arcos wird der Jungfrau Maria und Muttergottes geweiht sein. Die sehr schönen Statuen sind ein Beleg. Links und rechts ehemals genutzte wunderschön gestaltete Seitenaltäre. Mir gefällt der Altarraum, hell ausgemalt, die Abendmahlszene im Blick. Der Tabernakel im Hochaltar (nicht wie in einigen Kirchen Norddeutschlands in ein Seitenschiff „verfrachtet“), dem ein geschnitzter Tisch vorgesetzt ist. Auch hier hat man die Ergebnisse des Zweiten Vatikanischen Konzils von 1962 bis 1965 fehlinterpretiert. Mitnichten war weiland davon die Rede gewesen, unbedingt den Volksaltar zu plazieren. Auch sollte die lateinische Liturgiesprache nicht abgeschafft werden. Schon sehr schnell in den Siebzigern erkannten katholische Würdenträger und namhafte Theologie-Professoren, die mit der Katholizität noch etwas anfangen konnten, daß einiges aus dem Ruder gelaufen, nicht im Sinne des Konzils, nicht im Sinne von Papst Paul VI. umgesetzt worden war. Eine Schande. Wenigstens hat man den Hochaltar nicht abgerissen, wie vielfach in Norddeutschland geschehen – analog des Bildersturms zur Reformationszeit. Wer sich für dieses Thema interessiert, der schlage bitte meine Webseite Missa Tridentina auf. Der angegliederte Friedhof ist ein Juwel, erhaben schön.

Wenige Kilometer hinter Arcos die nächste Kirche, in S. Pedro de Rates, ganz anderen Zuschnitts. Wuchtig, dunkel, aus groben Steinen gehauen. In ihr wieder eine Marienfigur, der Jungfrau von Fatima nachempfunden mit der typischen Krone. Auch im Inneren dunkel, vorne kniet ein junger Mann in Front des schlichten Volksaltars. Das direkt über dem ehemaligen Hochaltar einfallende Licht bescheint das hängende Kreuz, man erahnt den Corpus Christi. Irgendwie mystisch. Nur wenige Minuten der Stille verbleiben, Christa aus Dithmarschen möchte weiter.

 

Barcelos bleibt aus mehreren Gründen in Erinnerung. Zum einen durch die „tolle“ Igreja do Senhor Bom Jesus da Cruz und ihren Kacheln. Kurz nach der Erscheinung eines Kreuzes aus schwarzer Erde im Dezember 1504 errichteten die Bürger auf diesem Marktplatz eine kleine Kapelle, die dann 1704 von einer achteckigen Kirche abgelöst wurde. Involviert war der bekannte Architekt Joao Antunes. Die schwere Granitkuppel hat einen Durchmesser von 10 Metern. Hervorzuheben ist der Altar mit dem Bildnis des gekreuzigten Heilands aus dem 16. Jahrhundert sowie die im 18. Jahrhundert von Joao Neto, dem bekannten Kachelkünstler aus Lissabon, an die Wände gebrachten Azulejos – eindrucksvoll gestaltete religiöse Bibelmotive. Anfang Mai jeden Jahres feiern die Einwohner das 5-tägige Kreuzfest Festa das Cruzes. Der gesamte Kirchenfußboden ist dann mit herrlichen Blumenteppichen ausgelegt. Wir durften einige der Blumenteppiche bewundern, waren just zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Diese Kirche ist ein Juwel.

Zum anderen bleibt mir Barcelos auch deshalb in Erinnerung, alldieweil ich mit einem Einheimischen am Nachbartisch ins Gespräch kam, der irgendwie schwäbisch brabbelte, er schaffe bei Daimler in Sindelfingen, sei nur auf Besuch des Kreuzfestes wegen. Der Hahn von Barcelos tut ein übriges. Erinnert sei an die Geschichte von Santo Domingo de la Calzada. Der Kundige wird`s schon wissen.

Für die teils schöne Strecke von Arcos bis Barcelos (19 km) benötigten wir drei Pilger relativ entspannt gegangene 6 Stunden, inklusive einer längeren Pause in Pedra Furade. Genug Zeit und Gelegenheit für mich der Stille, der Meditation, hingegen die Damen unaufhörlich redeten. Der kommende Tag wird uns herausfordern, 34 km werden es wohl sein oder inkl. eingerechneter Höhenkilometer 38,8. Christa wird uns an der Brücke Ponte das Tabuas verlassen, sie hat eine vorgebuchte Reise mit kürzeren Intervallen. So genießen wir das Pilgermenü im Restaurant Vera Cruz nicht bis zur letztmöglichen Stunde im Kreise weiterer Pilger, erfahrenen wie einem Newcomer.

Fortsetzung

15. September 2020. Fest der Sieben Schmerzen Mariens

Derzeit wird die Diskussion in Deutschland, weniger in Europa, von der prekären Situation der Flüchtlinge in Griechenland bestimmt.

Zum Einstieg die ANSPRACHE VON PAPST BENEDIKT XVI. beim Neujahrsempfang für die Mitglieder des beim Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomatischen Korps am 7. Januar 2013:

"Meine Damen und Herren Botschafter, ich bitte Sie, Ihre Regierungen weiter dafür zu sensibilisieren, daß dringend die unerläßlichen Hilfen bereitgestellt werden, um der ernsten humanitären Lage entgegenzutreten." Der Papst erwähnte explizit Syrien, Irak, Libanon, Nordafrika, Ägypten, Nigeria, Mali.

 

Seit dem hat sich nichts getan! Nichts seitens der deutschen Bundesregierung! Nichts seitens der Europäischen Union resp. der Europäischen Kommission! Nichts seitens der Arabischen Liga resp. der Staaten der OIC! Nichts seitens der USA! Warum hat sich nichts getan? Warum nur Worthülsen? 

Fortsetzung

John Brierley’s Etappen-Beschreibung Barcelos nach Ponte de Lima ist an sich nichts hinzufügen. Die Etappe ist herausfordernd, die beiden Hügelpässe Alto de Portela wie Portela Vitorino tun ihr übriges, wobei wir unser persönliches Inferno am nächsten Tag mit dem Erklimmen des Portela Grande und dem Cruz dos Franceses erleben werden.

Inclusive Einberechnung der Höhenmeter werden wir 38,8 Kilometer gegangen sein, von kurz nach 8 Uhr bis 16:45h. An der Ponte das Tabuas hatte uns, wie angedeutet, Christa verlassen. Sie reihte sich ein in die vielen dort verweilenden Buspilger, ein Geschnatter sondergleichen, ältere Damen mit ausladendem Strohhut auf dem Kopf und einem Rucksäckchen vor sich liegend, das endlich ersehnte Pausenbrot verzehrend. Das klingt jetzt ein wenig hart, ist nicht so gemeint, beschreibt aber die Situation, die wir immer wieder erleben werden: Lärmende Pilgertouristen, das Bier in der Hand, leere Kirchen.

 

Mitpilger, die offensiv erzählen, daßs sie mit Gott und der katholischen Religion nichts am Hut haben, den Caminho als europäischen Wanderweg begreifen. Eine ungute Entwicklung. Ich weiß auch nicht, wie sie zu stoppen ist, ob sie überhaupt, wirtschaftlicher Gründe wegen, gestoppt werden soll. Folgt man der Studie der Jakobusbruderschaft Trier, mehr auf meiner Webseite ANALYSE, so bestimmen sich über 31% der Jakobspilger als nicht-religiös und 18% als nicht-spirituell. Meine in 2011 gesammelten Erfahrungen kommen in dieser Studie des Jahres 2017 voll zur Geltung. In 2006, unserem ersten Camino de Santiago, stellte sich die Situation, so jedenfalls von uns erlebt, anders dar. Sehr wahrscheinlich spielt die generelle mediale Gottferne eine Rolle, in Deutschland, in Europa, nicht in Übersee.

 

Ich führe diese Gottferne auf den sich ausbreitenden Relativismus innerhalb der katholischen Kirche und den Kirchengemeinschaften zurück. Viele Kleriker wie Theologen passen sich - teils im vorauseilendem Gehorsam - dem veröffentlichten Mainstream, dem Zeitgeist an. Der Modernismus hat uns alle in den Klauen; Papst Pius X. hatte davor am 8. September 1907 mit seiner Enzyklika Pascendi Dominici gregis gewarnt. Heute wird er „natürlich“ auch kirchenintern angefeindet.

Dennoch, will die katholische Kirche nicht vollends zu einer x-beliebigen NGO verkümmern, sollten wir uns daran erinnern, was die katholische Kirche einst ausmachte, warum sie über Jahrhunderte Bestand hatte, allen Anfeindungen inner- wie außerkirchlich zum Trotz. Gilbert Keith Chesterton (1874 – 1936, englischer Schriftsteller, TV-Autor von Father Brown; engagierter Katholik) hat es einmal prägnant formuliert: DIE KATHOLISCHE KIRCHE IST DIE EINZIGE INSTITUTION, DIE DEN MENSCHEN VOR DER SKLAVEREI BEWAHRT, EIN KIND SEINER ZEIT ZU SEIN. 

Irgendwo am Caminho Portugues, in irgendeinem Restaurant. Wir kommen mit zwei sympathischen Holländern ins Gespräch. Sie gehen den Caminho von Lissabon aus. Tauschen Erinnerungen aus, Lissabon ist voller Sehenswürdigkeiten, noch vor wenigen Tagen durchstreiften wir das Gelände des Castelo S. Jorge, schauten uns die Kirchen an, etc. Warum erwähne ich die Holländer? Man lernt ja ständig Mitpilger kennen. Diese beiden „retteten“ mir die Reise. Ohne sie wäre ich ohne mein Portemonnaie losgelaufen, es war mir aus der viel zu kleinen Hosentasche gerutscht. Warum hatte ich mir nur diese Wanderhose gekauft, die von 2006 hätte es auch noch getan. Wer weiß, wie sich ein anderer Finder verhalten hätte!

 

Wenn ich an das (Pilger-) Restaurant Gaio in Ponte de Lima denke, geht mir nachträglich noch die Hutschnur hoch. Ober wie Inhaber zeigten kein Einsehen, sie wollten unseren Pilgerausweis sehen. Einerseits kann ich ihr Verhalten nachvollziehen, andererseits war Elke und mir sehr deutlich anzusehen, daß wir keine Touristen, vielmehr Pilger waren. Was soll`s. Im nahegelegenen Restaurant Encanada war es teurer, dafür a la Card und gut.

 

Fortsetzung

Es wird Zeit, dass ich auf den Abstecher nach Fatima eingehe. Überall am Weg ist die Jungfrau von Fatima zu sehen. Als Statue, auf Kacheln gemalt, ...

 

Unsere Werte in Europa

Camino de Santiago inclusive - Cancel Culture

- bitte sich einfach einmal die Zeit nehmen, eine Gedankenwelt kennenzulernen, die Sie hier in dieser stringenten Diktion sicherlich nicht unbedingt erwarten dürfen.

 

Anläßlich des Festaktes zum 70-jährigen Bestehen des Zentralrats der Juden in Deutschland am 15. September 2020 zeigte sich die Bundeskanzlerin zutiefst besorgt über ein Erstarken des Antisemitismus in Deutschland. Drei Tage später erscheint in der „Welt“ am 18. September 2020 auf Seite 2 der Bericht „Wie die EU noch immer Judenhaß in Schulbüchern finanziert“. Die deutsch-israelische Autorin impliziert dabei ausdrücklich das Hilfswerk der UNO, nämlich das UNRWA. Die deutsche Bundesregierung beteiligt sich an der Finanzierung.

Ich möchte in diesem Zusammenhang gar nicht näher auf die von der deutschen Bundesregierung genehmigten Waffenexporte in die Krisengebiete der Welt sprechen. Nur so viel: Über zwischengeschaltete deutsche Tochterfirmen auf Sardinien wie in Süd-Afrika werden Rüstungsfabriken auf der arabischen Halbinsel gebaut, deren dort erstellte Waffen dann u.a. im Jemen eingesetzt werden. Über welche Werte sprechen wir da eigentlich? Ich möchte auch nicht näher darauf eingehen, daß unsere Wirtschaftsleistung unter anderem auf "billige" Arbeitskräfte Ost-Europas (Rumänen, Bulgaren, Ost-Polen) beruht; und nicht nur das, wir locken auch noch die jungen Ingenieure und Ärzte zu uns nach Deutschland, bluten dortige Landstriche aus. Sind das deutsche und europäische Werte, auf die wir stolz sein können? Gelebtes Christentum sieht anders aus.

 

SITUATION IN EUROPA

Die spanische Regierung unter Pedro Sanchez tut alles, das einstmals urkatholische Spanien zu entchristianisieren. Erinnerungen an 1932 werden wach. Viele spanische Bischöfe fügen sich, sind offenbar dankbar, dass man ihnen noch Raum läßt, wenigstens als NGO zu wirken. Das Königspaar hält sich vornehm zurück, auch wenn es den Würdenträgern von Santiago de Compostela am Jakobustag 25. Juli 2020 einen Besuch abgestattet hatte.

 

Die französische Regierung unter Präsident Macron tut nichts, sich den nahezu täglich stattfindenden Überfällen auf katholische Kirchen und Priester entgegenzustemmen, Abbrennen inklusive.

In England wird die anglikanische Kirche bald keine gesellschaftlich relevante Rolle mehr spielen - dafür Black Lives Matter, Extinction Rebellion (Rebellion gegen das Aussterben), Deplatforming (Betrebungen, nicht genehme Personen aus den sozialen Netzwerken nicht zu Wort kommen zu lassen, sie auszuschließen), Silencing (Andersdenkende ruhig stellen), Cancel Culture (Boykott von Personen und Organisationen, gerne auch historische): Run auf die Statuen. Run auf die Schriften und Musiken der Vorfahren. Jetzt ist übrigens Ludwig van Beethoven dran; seine 5. Sinfonie stehe für den Elitismus der weißen Kultur, behaupten neuerdings (18.09.2020) zwei US-Journalisten. Komplettiert wird das Ganze durch den Genderismus, die Political Correctness schlechthin. Diese Schlagwörter bestimmen das gesellschaftliche Leben, das der Medien - in Germany as well.

 

Deutsche Bischöfe, österreichische leider auch, dienen sich mehrheitlich dem Staat, den Medien, dem Zeitgeist an, schließen vorauseilend gehorsam die Kirchentüren, verbieten die Mundkommunion, erzwingen das Maskentragen – alles deutlich manifestiert Corona sei Dank!? Was und/oder wen soll ich fürchten, so lautet die Maxime des Corona-Virologen, des RKI, der Regierung!

Der Glaube an den trinitarischen Gott implodiert. Folgerichtig wird in weiten Kreisen der Gesellschaft die Frage „Was kann ich hoffen?“ nicht mehr gestellt.

 

HOFFNUNGEN. GEWISSHEITEN

Natürlich wird die von Jesus Christus gestiftete Kirche niemals untergehen, dessen bin ich gewiß. Hoffnungsvoll stimmen mich Berichte aus China, wo sich trotz rigider Gegenmaßnahmen der KPI und der Staatsregierung viele Chinesen christlich taufen lassen. Die Christianisierung auf dem afrikanischen Kontinent stimmt gleichermaßen hoffnungsvoll; leider nimmt parallel in mehreren Ländern Afrikas die Christenverfolgung zu, in den OIC-Staaten sowieso, was wiederum in Europa keinen interessiert.

 

Hoffnungsvoll stimmen mich back home die vielen, teils neu gegründeten, katholischen Kommunitäten, die unter anderem mit den Gläubigen die über 1.500 Jahre alte Messe aller Zeiten feiern (Missa Tridentina) - in Deutschland, Frankreich, England wie vor allem in den USA. Die Mitglieder dieser päpstlich anerkannten Gemeinschaften (Ordensleute, Padres wie Nonnen) glauben noch an den dreifaltigen Gott, glauben und vertrauen den Evangelisten, stehen zu ihrem Christ-Katholisch-Sein.

Hoffnungsfroh stimmen mich Orte wie die Basilika Sacre Coeur auf dem Pariser Montmartre (Berg der Märtyrer). Die weltberühmte Kirche gilt als Zentrum der Herz-Jesu-Verehrung und der Eucharistischen Anbetung - 24 Stunden lang. Jeden Tag werden vier heilige Messen (Liturgie) gefeiert, die letzte um 22:00h. Vor allem junge Menschen besuchen diese abendlichen Messen, auch werktags. Täglich werden acht Stunden Beichte gehört. In Deutschland sagte vor nicht langer Zeit der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, ein CDU-Politiker: er kenne keinen aus seinem Kreis, der beichte. Ohnehin sollen, so der Bericht in der Tagespost vom 17. September 2020, ganz unterschiedliche Menschen den Weg in die Pariser Basilika finden: Professoren, einfache Menschen, Studenten, Wallfahrer und Pilger, überhaupt viele junge Menschen. Papst Benedikt XVI. deklamierte bei seiner Deutschlandreise 2011 zu Recht: Die Kirche lebt. Der Synodale Weg von 2019/2020 ist ein falscher Weg, er führt vom Glauben weg - hin zur Protestantisierung.

 

SORGE UM DEN CAMINO DE SANTIAGO

Wann werden weitere Kleriker und Politiker umfallen, und weitere Matamoros-Statuen der political correctness wegen zerstören lassen? Einige Bildnisse hat es ja schon vor Jahren getroffen. EU-Kommission wie Bundesregierung werden nicht intervenieren.

 

Fazit: Auf der einen Seite gibt es die subtile Christenverfolgung in Europa, USA, Kanada, Australien/Neuseeland inklusive, den Relativismus und Subjektivismus unserer Eliten, inner- wie außerkirchlich.

Auf der anderen Seite aber auch Streifen der Hoffnung am Firmament, wie sie sich, neben Asien und Afrika, gerade in den europäischen Wallfahrtsorten Lourdes wie Fatima am Rande des Jakobswegs zeigen. Das wird den Camino de Santiago positiv beeinflussen. Was nützt den Pilgern, den Wanderern ein Jakobsweg, der sich schlußendlich von seinem Namensgeber gelöst haben wird? Ein stinknormaler europäischer Wanderweg wird`s dann sein, ohne Nimbus, ohne Fluidum, ohne Mysterium, ohne geschichtlichen Hintergrund. Insoweit stimmen mich die Maßnahmen der betreffenden Bürgermeister am Camino in Kastilien und Galicien hoffnungsvoll, die, natürlich auch aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus, die Via Küng entdeckt haben. Nicht wenige Pilger und Pilgerinnen werden sich mit dem Leben des 1495 von der Werra über Einsiedeln nach Santiago gepilgerten Hermann Künig von Vach beschäftigen und damit mit dem christlich-katholischen Hintergrund des Camino de Santiago. Ein richtiger Schritt.

 

Fortsetzung

400 Meter Anstieg, Geröll, Felsen, auf allen Vieren hoch zum ….

Es regnet. Wir betreten die Ponte de Lima, eine Brücke römischen Ursprungs, erst im 14. Jahrhundert wurde sie auf Geheiß des Königs erneuert. Die Igreja Matriz ist um viertel vor neun Uhr noch nicht geöffnet. So memorieren wir das Innere des Gotteshauses, den Marienaltar mit der Jungfrau von Fatima und die Figur des unter dem Holzkreuz leidenden Christus, sprechen ein Ave Maria, bekreuzigen uns. Wie viele Gläubige werden wohl sonntags noch die Hl. Messe besuchen?

Ich bereite mich auf den Aufstieg zum Alto de Portela Grande vor. Habe Elke bewußt verschwiegen, wie anstrengend es werden wird; verschwiegen auch, dass es einen anderen Weg gegeben hätte, auf der Straße, das Cruz dos Franceses umgehend. Die Pause am Fischteich (Forellenzucht) war viel zu kurz bemessen, wir gehen weiter, trotz des Regens. Eindreiviertel Stunde später. Das Drama beginnt. Der steilste Anstieg hinauf zum Alto de Portela Grande; das Cruz dos Franceses fünfunddreißig Geh-/Kriechminuten zuvor. Auch ich bin total gestreßt. 400 Meter Hammertour steil hinauf, nur Geröll und felsiger Untergrund, muß mich mit den Händen abstützen, auf allen Vieren also, habe Angst, daß ich nach hinten wegrutsche, umkippe. Ich kann Elkes Unmut verstehen. Was ist zu tun? Zurück geht`s nicht, viel zu gefährlich. Wir beißen uns durch, tragen immer noch das verschwitzte Regencape, sind total erschöpft, es nervt jetzt alles, auch das Fotografieren, lasse nicht locker. Das Cruz dos Franceses, das Kreuz der Franzosen, erinnert an die Geschehnisse der französischen Besatzungszeit um 1809. Ein wenig erinnert es auch an das Cruz de Ferro am Camino Frances, soweit man den geschichtlichen Hintergrund ausblendet. Wir sind uns einig, schließen die Übernachtung in einer Herberge aus. Wir brauchen ein Bett, eine Dusche nur für uns, ausreichend Platz zum Trocknen der Kleidung und Wäsche. Das finden wir in San Roque. Die Tortur ist endlich vorbei, lernen abends im Hostal zwei ausgesprochen nette Pilger aus Kanada kennen - beide eigentlich aus Europa.  Er, der Harold ist aus England und sie, die Irene aus Deutschland. Ein Glücksfall. Später mehr über dieses interessante Paar. Die Buspilger mit Koffer und kleinem Rucksack nehmen wir zur Kenntnis, ebenso die Pilger der evangelischen Bruderschaft, die sich bewußt von den anderen fernhalten, abschotten. Why not? Zu den Daten: Laut John Brierley ist die Etappe 18,1 km lang, inclusive der Anstiege 20,4 Kilometer. Der Alto de Portela Grande liegt 405 Meter hoch. Es regnet immer wieder.

Heute Abend soll es auf Servus TV, so die Anzeige in der Welt vom Vortag, 19. September, eine Diskussion geben, die ein wenig aus der Rolle fallen dürfte, vergleicht man sie mit den üblichen Talkshows von ARD und ZDF. Drei Professoren werden zu Wort kommen, die sich nicht dem Mainstream angeschlossen haben, die, so das Format der Sendung, nicht sofort ausgebremst werden. Zur Klarstellung. Covid-19 ist ernstzunehmen. Es gilt die Verhältnismäßigkeit der staatlichen Anordnungen zu diskutieren - vor dem Hintergrund des sich abzeichnenden wirtschaftlichen Abstiegs und steigender Arbeitslosenzahlen.

 

Fortsetzung

Die Politiker, Journalisten und Virologen scheint es nicht zu kümmern. Sie alle sind sich offenbar sicher, dass ihre Gehälter und Bezüge keinen Schaden nehmen werden, frei nach dem Motto: der Strom kommt aus der Steckdose. Sollte es nicht wenigsten einige Betriebs- und Volkswirtschaftler geben, die sich den Blick für das Ganze nicht vollends verstellt haben? Die Steuereinnahmen sinken um mehrere Hundert Milliarden. Steuererhöhungen sind in der Pipeline.

Der Bundestag hat sich quasi verabschiedet, er kontrolliert die Regierung nicht mehr. In den sechzehn Landtagen sieht es nicht viel besser aus. Man regiert mit Verordnungen. Welche Partei wird es wagen, beim Bundesverfassungsgericht ein Normenkontrollverfahren einzuleite?. Wir attestieren einigen osteuropäischen Präsidenten mangelndes Demokratieverständnis; sieht´s bei uns viel besser aus?

 

Die Reisebranche liegt danieder. Wer mag sich noch in das Auto setzen, wie wir drei (Mutter, Vater, Sohn) es im Mai 2018 getan haben? Von Norddeutschland über Lourdes und den Col du Tourmalet (von der Tour de France bekannt) nach Saint-Jean-Pied-de-Port und weiter bis kurz vor Burgos. Fotos schießen, zu denen wir auf unserem Camino Frances keine Zeit hatten, zu müde waren, Kirchen verschlossen vorfanden. Wer wird sich noch in den Zug setzen, vielleicht mit dem TGV und der Metro M4 nach Paris-Montparnasse weiterfahren, um endlich – via Bayonne - in St. Jean den langersehnten Camino Frances starten zu können? Bitte jetzt nicht reklamieren, dass selbiger ja eigentlich erst in Puente la Reina beginnt. Wer steigt noch in den Flieger - Destination Bilbao -, wenn er/sie doch weiß, dass gerade der Norden Spaniens von der Epidemie betroffen ist? Wenn er/sie doch weiß, dass er/sie anschließend in die Quarantäne muss. Vor einigen Tagen habe ich mich bei mehreren nordspanischen Zeitungen eingeloggt. Es geht nur um Neuinfizierte.

Und dennoch. Es gibt noch Tapfere, Pilger, die sich nicht schrecken lassen, zumeist wohl Spanier. Macht es aber Freude, wenn man sich gewiß sein muss, dass hinter der Kurve, hinter der Biegung möglicherweise ein Polizeiwagen steht und kontrolliert? Macht es Freude, wenn Einheimische Pilger bedrängen, sie doch bitteschön nicht anzustecken, wenn die Maske nicht angelegt ist?

 

Unser nächster Camino de Santiago wird auf sich warten lassen. Im Frühjahr / Sommer 2021 wird es noch keinen vertrauenswürdigen und verträglichen Corona-Impfstoff geben. Normalerweise dauert eine Testung 5-10 Jahre. Die Bundesregierung vertraut einer kürzeren Erprobungsphase, bestellte schon `mal auf Verdacht zig Millionen Dosen des berühmten AstraZeneca-Impfstoffs der Universität Oxford. Steuergeld.

Von Valenca bis nach Tui, bis nach Spanien, sind es nur wenige Schritte über den Minho. Die Ponte de Valenca oder Puente de Tuy, wir sprechen von der 1882 bis 1884 erbauten Gitterträgerbrücke, ist exakt 318 Meter lang. Das Parador de Tui ist leicht zu finden. Jetzt bis 75% sparen, so eine  Anzeige im September 2020. Der Deskmanager des Parador schaute  skeptisch drein. Na so was, verschwitzte Pilger in unserem ****Hotel. Erinnerungen an Villafranca del Bierzo werden wach. Hingegen das Parador von Santo Domingo de la Calzada – jedenfalls damals – auf Jakobspilger eingestellt ist. Und wenn er dann noch gewußt hätte, dass wir in seinem von uns für eine Übernachtung gebuchten Zimmer diagonal von der Tür bis zum Fenster eine Wäscheleine spannen werden, ein leichter Herzinfarkt hätt`s schon sein können. Wir waren auch nahe dran, hätte der Zimmerservice an die Tür geklopft. So machen wir uns gleichwohl in Ruhe fein, frisch geduscht und gekämmt, ordentliches Zeug an, gehen wir nach unten in die Bar, schlürfen ein Getränk, bereiten uns auf das Dinner vor. Es wird nicht preisgünstig sein, es ist ja kein Pilgermenü. Die Etappe von Sao Roque/Rubiaes ist schnell abgehakt, oder vielleicht doch nicht? Ich weiß es noch nicht. Schaue morgen in die Unterlagen.

 

Fortsetzung

Harold und Irene aus Calgary/Kanada sind liebenswürdige Menschen; they accepted our limited English knowledgement. Harold, 79 Jahre alt, ist Professor, kommt ursprünglich aus England, unterrichtete Englisch und Spanisch; hat 6 Kinder, 15 Enkel und 13 Urenkel. Seit 1957 ist Harold begeisterter Jakobspilger, ein Freund aus Logrono hatte ihm davon erzählt. Irene, 57 Jahre alt, ursprünglich aus Deutschland (hat Verwandte in der Nähe unseres Wohnortes), ist nach wie vor als Nurse tätig. Sie betreut, wie sie es formulierte, dem Tod geweihte Menschen. Ein ungewöhnliches Paar, nicht nur wegen des Altersunterschiedes, kontaktfreudig, man hört ihnen gerne zu, ist hilfsbereit, wie ich später noch merken werde. Back home wohnen sie in einem 200qm großen Condominium, ohne Garten. Harold ist durchtrainiert, geht bei jedem Wetter in kurzen Hosen; er ist zig Caminos gegangen, Strecken bis zu 48 km am Stück. Ich wünschte, ich hätte seine Kondition. Die Zeit mit ihnen verging wie im Fluge, am Abendtisch wie an der Bar, ich spreche immer noch von Rubiaes, während am Nachbartisch die deutsche (evangelische) Gruppe für sich dinierte, wenig Interesse zeigte, mit anderen Pilgern zu kommunizieren. Kurz vor Santiago sehen wir Harold und Irene ein letztes Mal, frühmorgens, noch im Dunklen in Padron beim Kaffee und Croissant im Stehen; in Santiago leider nicht mehr. Hoffentlich ist ihnen nichts passiert.

 

Samstag, 26. September 2020. Der bayerische MP Markus Söder, so die Meldung vom 21. September, will die Einhaltung der Maskenpflicht nicht nur von der Polizei, sondern ggfs. auch von der Bundeswehr kontrollieren lassen; in Spanien und Israel schon der Fall, in England ebenfalls geplant. Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz beabsichtigt, sich von seinem Nationalrat das Corona-Durchregieren - ohne erneute Einschaltung des Bundesparlaments - bis letztlich 31. Dezember 2021 genehmigen lassen. Das heuer modifizierte deutsche Infektionsgesetz ist übrigens zeitlich un-limitiert; es beinhaltet unter anderem das Durchgriffsrecht des Bundes gegenüber den Landesregierungen: Polizeien der Länder könnten dem Bund unterstellt werden. Ich will nicht hoffen, dass Frau Bundeskanzlerin und Herr Bundesgesundheitsminister dieses Procedere je durchgespielt haben gar umsetzen wollen. Da vertraue ich auf die Gegenwehr einiger Ministerpräsidenten - wohl nicht auf die von Daniel Günther, MP aus Schleswig-Holstein. Er übt schon `mal den Schulterschluß mit Jens Spahn und warnt die Bürger davor, in die Herbst- resp. Winterferien zu fahren. Volker Bouffier, MP von Hessen, hält von dieser Ansprache gar nichts - a la bonheur.

 

Unser Chefvirologe Prof. Christian Drosten, von Bundespräsident Steinmeier mit dem höchsten zivilen Ordens des Landes bedacht, bezweifelt offensichtlich die Wirksamkeit von Alltagsmasken auf die Krankheitsschwere? So von ihm vor dem Gesundheitsausschuß des deutschen Bundestages am 9. September 2020, ab Minute 8:18h, geäußert. "Wir wissen nicht, ob nicht die Verwendung von Alltagsmasken in großer Verbreitungsweite, ob das nicht dazu führt, dass im Durchschnitt die erhaltene Virusdosis in einer Infektion geringer ist und dass im Durchschnitt der Krankheitsverlauf auch weniger schädlich sein könnte, aber das ist eine reine Spekulation. Dazu gibt es keine wissenschaftlichen Belege. Und es gibt umgekehrt eben Länder, in denen man sagen kann, es wurde von Anfang an durchgängig Maske getragen, dazu gehören sehr viele asiatische Länder und trotzdem ist es zu großen Ausbrüchen gekommen.” Haben die öffentlich-rechtlichen Medien darüber berichtet? Quelle: Vera Lengsfeld, 23. September 2020.

 

Angst regiert das Land. Ältere Bekannte gehen nicht mehr vor die Tür, steigen nicht mehr in fremde Autos, sagen die Teilnahme am Bibelkreis der örtlichen katholischen Gemeinde ab, befürchten Bergamo-Verhältnisse. Es ist traurig. Das Gros der Menschen vertraut den Autoritäten bedenkenlos, rercherchiert nicht selbst, hinterfragt nicht. Ein Anwaltsteam geht zum Gegenangriff über. Über ein juristisches Konstrukt wollen die Advokaten Bundesbürgern und Unternehmern ermöglichen, sich Sammelklagen in den USA gegen den Virologen Prof. Drosten anzuschließen; es geht um die PCR-Tests. Ich bin traurig, darf nicht mehr ins Altenheim, darf als Ehrenamtlicher den Bewohnerinnen samstags nichts mehr aus der Zeitung vorlesen, darf nicht mehr der Männerrunde beistehen. Fünf Jahre von 2015 bis Corona, nahezu jede Woche. 

Fortsetzung

Die gegenwärtige Situation des Camino de Santiago ist gut ablesbar an den YouTubern von BDE-Travel. Der Protagonist, er bewegt sich offensichtlich beruflich auf dem Camino Frances, startete mit seiner Familie in 2019. Seine täglichen an US-Amerikaner gerichteten Videos, zumeist in der Hand das Steuerungsgerät für seine Drohne, wurden mehrere Tausend Mal angeklickt. Seine Luftbildaufnahmen sind sehenswert, verdeutlichen sie nicht nur die Schönheit der Landschaften, sie zeigen gleichermaßen, welche Qualen man weiland auf sich genommen hat, zum Beispiel in den Pyrenäen mit den steilen Anstiegen von Saint Jean via Cisa-Paß nach Roncesvalles. Der Blick des Gehenden verengt natürlicherweise.

Jetzt während der Pandemie bewegen sich seine Klickzahlen im Hunderter Bereich. Dass Interesse scheint rapide gesunken, festzumachen auch an den wenigen Pilgern, die er trifft; einige Dörfer versinken gar in den Dornröschenschlaf. Kann sich der Camino de Santiago davon erholen?

Kehren wir zurück zum Caminho Portugues. Einige Hostals waren ihr Geld nicht wert. Der Jakobspilger wird vielfach als normaler Gast betrachtet, so ist auch das Frühstück: Instantkaffee, Wasser, Milch, zugeteilte Marmelade, zugeteilte Brötchen. In O Porrino verlangte die Hotelwirtin von uns am Vorabend ihr aufzugeben, ob wir zum Frühstück ein Toastbrot mit einem Stück Butter und Marmelade oder ein Croissant mit Marmelade wünschten. Nur im Ausnahmefall werden wir jemals ein portugiesisches Zweisternehotel aufsuchen. Das Kasse machen, das Abzocken war zu evident. Vorboten der kommenden Entwicklung?

 

Wehmütige Erinnerungen an Astorga des Camino Frances kommen hoch. Das morgendliche Pilgerfrühstück in der Pilgerherberge war gut und mehr als ausreichend. Lebendig die parallel geführten Pilgergespräche. Ich bin wahrscheinlich ungerecht. Bei mir schwingt unterschwellig wohl das (Vor-) Urteil mit, dass ich mich nie so richtig mit dem Caminho Portugues anfreunden konnte. Die Bewohner am Weg waren sehr wohl freundlich und hilfsbereit, viele der englischen Sprache mächtig; beeindruckend auch die vielen Statuen und Fliesenbilder mit der Fatima-Jungfrau und den drei Seherkindern. Die Wanderer gingen vorüber, in der Regel nicht in die Kirchen hinein, wenn sie dann überhaupt geöffnet waren, geschlossen auch in Tui. Nicht die Kathedrale.

Der  wuchtige Eingang mit den vielen Figuren des AT und NT der Bibel überzeugt. Ganz oben die Muttergottes mit Kind. Wir treten in das Gotteshaus, stehen vor dem Bildnis von Papst Johannes Paul II. Hoch oben schwebt die umkränzte Muttergottes, das einfallende Licht im Rücken. Die mittelalterlichen Baumeister waren genial. Die Kathedrale (Baubeginn im 12. Jh.) ist Jesu Mutter geweiht. Das Internet gibt weitere Informationen. Das Museum ist geschlossen. Kreuzgang wie Garten mit der hohen Zypresse entschädigen, ebenso der Blick von dem angeschlossenen Burgbereich auf die Stadt wie auf die Kathedrale. Ich sitze auf einer Bank, hinter mir das Polizeigebäude. Die Gedanken schwirren, interagieren, gehen zurück bis nach Fatima, dem Highlight unserer Reise, wenige Tage zuvor. Fatima besticht durch eine einmalige Atmosphäre: junge Frauen rutschen auf den Knien zum Sanctuarium, viele junge Familien, junge Männer tragen riesengroße Kerzen in der Hand, verfolgen andächtig die heilige Messe, und zum Abschluß der einmalig intensive Kreuzweg. Bitte meine Webseite aufrufen. Jahre später werden uns in Lourdes, einem der größten Marien-Wallfahrtsorte schlechthin, zwei Padres im Nonnenkloster sagen, daß, wer nach Fatima pilgere, auf tiefgläubige Menschen treffe. Lest selbst.

Fortsetzung, 1. Oktober 2020

CORONA-PANDEMIE TRIFFT SPANIEN MIT VOLLER WUCHT

Vom Überflieger zum Sorgenkind. So lautet die Artikelüberschrift der „Welt“ vom heutigen 1. Oktober 2020. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sei im 2. Quartal des Jahres um 20 Prozent in die Tiefe gerauscht, im ersten Quartal seien es nur fast sechs Prozent gewesen. Die zweite Infektionswelle befördere den Abwachs. Eine Bankenkrise sei nicht mehr auszuschließen. Die Zahl der Kreditausfälle werde steigen; der IWF dazu: “Im schweren Streßszenario drohen Solvenzprobleme.“ Gut ein Viertel der spanischen Beschäftigten soll nur befristete Arbeitsverträge haben. Die Jugendarbeitslosigkeit sei auf 42% hochgeschnellt, noch höher als die in Griechenland. Noch sei unklar, wann die geplanten 140 EU-Rettungs-Milliarden dem Land zufließen. Kurzum: die Pandemie habe den einstigen wirtschaftlichen Überflieger zum zweiten Mal in diesem Jahrtausend entzaubert.

 

Die Tourismusindustrie trage fast 15% zum BIP bei; mit dabei das Geld der Jakobspilger. Deutschland hat Spanien zum Corona-Hotspot erklärt. Zugegeben, die sog. Infiziertenzahlen im Großraum Madrid wie im Norden Spaniens sind besorgniserregend. Spaniens Zentralregierung (sozialistisch-kommunistisch) wie die Autonomen Regionen werden zu ggb. Zeit ihren Wählern Rechenschaft abgeben müssen; in Deutschland 2021. Die Ausreden, wir haben es nicht besser gewußt, wir mußten ständig dazulernen, die Pandemie hat uns überrollt, werden dann hoffentlich hinterfragt werden – in Germany as well.

 

EINREISE-QUARANTÄNE der Bundesrepublik Deutschland

de facto zweiter Lockdown für die Reisebranche

Die neuen von Bund und Bundesländern Ende September 2020 beschlossenen Einreiseregelungen, wirksam ab 15. Oktober 2020, besagen, daß sich alle Reiserückkehrer aus einem Risikogebiet verpflichtend in eine fünftägige Quarantäne begeben müssen. Erst danach könne sie der Corona-Test ggfs. entlasten. Laut RKI kamen im Zeitraum 17.08. bis 13.09.2020 nur 5,5% der Reiserückkehrer aus Spanien. Nur 0,26% seien positiv getestet worden: Die „Welt“ subsumiert am 1. Oktober folgerichtig: Der Irrtum vom Urlauber als Risiko.

 

Ergo: Es sieht nicht gut aus. Für Spanien nicht. Für den Camino de Santiago nicht. Für die Bewohner und Gewerbetreibenden am Jakobsweg nicht. Für die Jakobspilger nicht. Mitnichten eine Schwarzmalerei.

 

Fortsetzung. Montag, 5. Oktober 2020

Ich mag mir das gar nicht ausmalen, was auf uns Europäer in der kalten Jahreszeit zukommt. In Madrid wurden letzte Woche besonders von der Epidemie betroffene Stadtteile abgeriegelt, jetzt ist die ganze Stadt dran und die Folge ist, dass die Menschen der zuvor abgeriegelten Stadtteile wieder Zugang zu den übrigen Stadtteilen inkl. City haben und reziprok. Wer soll das verstehen? Zentralregierung und Regionen bekämpfen sich munter.

 

Harter Schnitt. Wir befinden uns in der spanischen Grenzstadt Tui. Eine große französische Reisegruppe hat das Buffet leer geräumt. Wir sind die Dummen, die Uhr zeigt  8 Uhr40. Kein Renommee für ein Parador. Auch das ist zu akzeptieren.

Ein letzter Blick aus dem Hotelfenster stimmt hoffnungsfroh, Nebelschwaden ziehen am Bergrücken vorbei, auf ihm Sendemasten, vor ihm im Tal schemenhaft zu sehende Wohnhäuser. Ein heißer Tag kündigt sich an. Die Igrexa de San Bartolomeu ist noch geschlossen. Wenige Minuten weiter wird uns bewußt, daß wir uns auf historischem Boden befinden. Vor uns der Markierungsstein „VIA ROMANA XIX“, dahinter eine mittelalterlich anmutende Brücke. Und es wird noch mystischer. Im verwunschenen Wald ein alter Grenzstein, neben ihm ein mit Blumen geschmücktes mittelalterliches Kreuz, er verweist auf San Telmo, eigentlicher Name Petrus Gonzales, Telmo sein Beiname, der Bekenner. Wer sich für seine Bekehrung vom prunkvoll lebenden spanischen Adligen zum Einsiedler, Priester und Ordensmann  interessiert, schlage bitte auf der Plattform des Heiligenlexikon.de nach. Petrus, geboren am 9. März 1190 in Fromista bei Palencia, starb am 15. April 1246 in Tuy/Tui. San Telmo dürfte in den Augen heutiger Puristen und Culture Cancel-AnhängerInnen nicht gut wegkommen. Er bewog nämlich König Ferdinand III. zum Feldzug gegen die Mauren in Andalusien und begleitete seinen Herrn bei der Rück-Eroberung von Cordoba und Sevilla. Später ging er nach Asturien und Galicien, besuchte auch die entlegensten Orte, um dort zu predigen und sich der Armen anzunehmen. Nicht zu vergessen sein Einsatz für die Seeleute. Da diese in der Regel nicht die Kirchen aufsuchen konnten, besuchte er sie auf ihren Schiffen und verkündete dort das Evangelium. Kurz vor dem Industriegebiet O Porrinos, eine Palme weist auf eine Bar hin: Bar – Snack – Bocatas – Sello Pellegrino. Die Besitzer sind Elvis-Fans, anders ist das große Foto im Inneren nicht zu erklären. Jeder Stadt ist ein Industriegebiet vorgelagert, so auch hier. In meinen Aufzeichnungen steht „ätzend, heiß“; ebenso, daß wir auf dem Weg dorthin fast nur deutsche Wander-Rentner und eine deutsche Großfamilie trafen, sie nutzten einen Gepäckservice.    

 

Fortsetzung

Transformation Europas. Vor wenigen Tagen äußerte sich EU-Wirtschafts-Kommissar Paolo Gentiloni (italienischer Politiker der Partito Democratico) der britischen BBC gegenüber. Das wäre an sich nicht erwähnenswert, hätte er nicht mehrmals davon gesprochen, daß es nach Corona keine Rückkehr zur Normalität geben würde. Das Ziel sei, die entstandene Lage zu nutzen, um in Europa eine andere Gesellschaft zu etablieren: grüner, nachhaltiger, inklusiver. Unser ehemaliger Außenminister Joschka sieht das ähnlich, so sein Gastkommentar im Juni des Jahres im deutschen Handelsblatt. Was versteht Gentiloni beispielsweise unter „inklusiver“? Sollten wir nicht alle wachsamer sein? Von der pluralistisch verfaßten parlamentarischen Demokratie über die Expertokratie *) zur Neuen Normalität.

 

Jakobsweg ade? Mitnichten ein Unkenruf, keinesfalls herbeigeredet; im Gegenteil. Unumkehrbares Faktum? Ich weiß es nicht, befürchte es. Im August wagten sich 19.812 Pilger auf die Loipe (31,54% von 62.813 des Vorjahres), im September nur 10.441 (22,87% des Vorjahres mit 45.653).

Manche sprechen von einer Bereinigung, die dem Camino de Santiago an sich guttun würde. Knapp 350.000 Pilger in 2019 seien einfach zu viel gewesen. 2006, unser 1. Jakobsweg, verzeichnete 101.189 Pilger (59% männlich, 41% weiblich) . In 2019 drehte sich das Verhältnis zugunsten der Pilgerinnen mit 51,15%.

Jetzt in den Corona-Monaten scheinen die Damen vernünftiger, weniger risikofreudig zu sein: nur 44,1% zu 55,9%.

Zurück zu den Septemberzahlen. 70% Spanier. Nur 486 Pilger, rund 4,9%, aus Übersee. Der Flugbetrieb wird bald nur noch ein Schatten seiner selbst sein. Was soll`s? Wir kennen doch alles, vom eigenen Erleben vor Ort, vom Fernsehen fast jeden Winkel des Planeten, nicht wahr! Hingegen die deutschen Bundestagsabgeordneten (Regierung inklusive) nach wie vor mobil bleiben, von den Reisebeschränkungen innerorts nicht betroffen sein sollen. Exekutive und Legislative müssen ja weiterhin funktionieren; nicht anders die EU-Kommission nebst Parlament und Verwaltung. In den Neunzigern des vergangenen Jahrhunderts hatten wir das Vergnügen, uns die ehemalige Waldsiedlung Wandlitz anzuschauen.

*) Michel Friedmann und Harald Welzer (Soziologe) in der „Welt“ vom 7. Oktober 2020, Feuilleton, Seite 22: „Der Shutdown war ein großes Sozialexperiment“ mit dem Untertitel: "Eine gesunde Gesellschaft lebt vom Pluralismus ihrer Perspektiven. Über Mißverständnisse der Meinungsfreiheit, verantwortungslose Politiker und das Totalitäre der Expertokratie." Na, denn.

Virologe Christian Drosten im Interview mit "Zeit-Online" am 6. Oktober 2020:

"Ein weitgehend freies, möglichst ungestörten Leben mit dem Virus, wie Schweden es anstrebt, ist nicht tragbar." Seine coronapolitische Ethik formuliert unser Chefvirologe und einflußreichste Berater des Kanzleramts wie folgt: "Elementarste Rechte dürfen nicht nur, sie müssen sogar auf Dauer ausgesetzt werden, wenn es eine virologische Bedrohung gibt - sei es durch Corona, sei es durch jedes andere Virus mit ähnlicher Mortalität und Infektiosität." Quelle: Die Welt Online, 07.10.2020: Ausnahmezustand für immer.

 

Fortsetzung, 10. Oktober 2020

Elke und ich sind begeistert. Von Redondela. Von der Stadt am Ria de Vigo. Vom See. Von der Promenade. Vom heißen Wind. Wir genießen die Stunden, sitzen auf der Hotel-Terrasse in Cesantes, wenige Kilometer vom Ortskern. Vergessen die Imponderabilien des Weges, knappe 20 Kilometer, die öden Industriegebiete O Porrinos, das mäßige Zimmer der Stadt, einziger Lichtblick das Pilgermenü und der engagierte Wirt; und die Kapelle am Marktplatz, zwei Seitenaltäre luden zum Beten ein. Keiner außer uns hierinnen. Die geschmückten Bänke zeugen von einer Feier, einer Hochzeit vielleicht. Vergessen die mehrmals zu überquerende verkehrsreiche N-550, der steile Anstieg zum Monte Cornedo. Der von John Brierley versprochene erste Blick von hier auf den See, den gab es für uns nicht. Hinter dem Drahtzaun Geröll, einige kleinere Häuser in der Senke, dahinter in der Ferne eine im Bau befindliche Hochstraße. Rechts der Weg hinunter in die Stadt.

 

Das Bier zischt, der Salat schmeckt vorzüglich. Taxis fahren vor, entladen drei Pilgerinnen. Wir bestellen derweil das Dinner. Wir versuchen es. Irgendwann klappt es. Es ist unser Fehler, dass wir kein Spanisch sprechen. Die Damen der Bedienung sprechen halt nur spanisch, kein Englisch. Wohl aber die Chefin, sie zeigt sich verständnisvoll, erläßt uns mit den Worten „For your inconvenience“ die Bezahlung des Mineralwassers. Ein feine Geste. Auf dem Meer zig Boote. Auf der anderen Seite der kleine Yachthafen. Hier ist es auszuhalten. Vielleicht hätten wir ja doch in der Herberge übernachten sollen. Sie sei durchaus passabel gewesen, so die Info von Harold und Irena aus Kanada. Um halb eins war sie allerdings noch geschlossen und warten ist nicht so mein Ding, wenn es nicht unbedingt sein muß. Mußte es nicht in dieser Hitze.    

Ein schöner Ort zum Verweilen. Direkt am Wasser. Zeit zum Nachdenken, wie gut es doch einen im Leben getroffen hat. Man setzt sich in den Flieger, besichtigt Lissabon, hält inne im Marien-Wallfahrtsort Fatima, besichtgt die alten Ruinen von Batalha, setzt sich wieder in den Mietwagen, fährt weiter nach Porto, pilgert. Mehr oder weniger ohne Sorgen. Einfach so. Die Seeleute vergangener Zeiten hatten es definitiv nicht so gut getroffen, oder vielleicht doch? Wir stehen vor einer Marienstatue, die Muttergottes hat das Jesuskind auf dem Arm, davor ein geschmückter Rettungsring mit zwei Paddel. Ein Dankeschön für ihre Hilfe - ganz sicher.

Pilger des Glaubens und Zeugen des auferstandenen Christus: so ist der Weg nach Santiago für den, der im Geist und in der Wahrheit pilgert, ein geeigneter Ort, um mit Gott ins Gespräch zu kommen; er ist ein Zeichen, das ihm hilft, sich von Gott geschaffen und durch Christus befreit zu fühlen, und er ist eine Erfahrung, in der der Pilger lernt, zu geben und zu empfangen.– Erzbischof Juan Barrio Barrio von Santiago de Compostela zum Heiligen Compostelanischen Jahr 2010.

 

Die Nachrichten überschlagen sich. Unser vor Corona gebuchter Kurztrip an die Ostsee wird gecancelt werden müssen. Die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommerns ist sehr rigoros. Reisende aus Corona-Risikogebieten wollen sie nicht. Was ist bloß los? Dazu Ulf Poschardt - Chefredakteur der "Welt" in seinem Kommentar vom 10. Oktober 2020 Maske oder Maulkorb:

"Innerdeutsche Reisebeschränkungen setzen den autoritären Gesten beim Umgang mit der Corona-Krise eine weitere Krone auf. - Die stoische Hinnahme der Einschränkung fundamentaler Freiheitsrechte hat ein Ausmaß angenommen, das schockierend ist. - Alle die nicht in den Kontroll- und Überwachungsfetisch einwilligen, gelten als 'Covidioten', auch die(jenigen), die die wissenschaftlichen Erkenntnisse explizit nicht in Abrede stellen - aber sich wünschen, daß über die Konsequenzen diskutiert wird."

 

Fortsetzung

Auf dem Jakobsweg vergewaltigt. Schmerzhaft zu lesen. "Rettung suchte sie - vergeblich - im Kloster und in neuen Jobs. Es folgten neue Demütigungen und eine 'Nacht der Seele'. Auf dem Jakobsweg in Spanien wurde sie brutal vergewaltigt." - Eine junge Frau auf der Suche nach ihrem Ich - Irrwege zu Gott - Umkehr aus tiefster Seelennot. Aufgeschrieben in der Tagespost vom 24. September 2020. Unser erster Jakobsweg 2006 konfrontierte uns mit einer in etwa analogen Situation. Eine deutsche Pilgerin mittleren Alters, wir lernten sie näher kennen, berichtete fast emotionslos, offensichtlich ihre Art der Verarbeitung, daß sie wenige Wochen zuvor auf dem Silberweg, Via de la Plata, beinahe in toto von einem Bauern vergewaltigt worden sei. Letztlich hatte sie sich aber retten können.

 

Wie soll man als Außenstehender mit dieser Situation umgehen? Abschütteln, weitergehen? Natürlich nicht! Nachfragen? Zuhören? Sich Zeit nehmen? So wie mich die Mißbrauchsfälle in der Kirche zutiefst beschämen und ich mich frage, wie kann es geschehen, daß sich Priester, Bischöfe und Ordensleute in dieser Form versündigen, ich kapier es einfach nicht, haben sie sich doch Jesus Christus versprochen, so will mir eigentlich nicht in den Kopf, daß sich, in diesem Fall ein Einheimischer auf einem christlich grundierten Pilgerweg an einer schwächeren Frau vergreift. Anderserseits, und das beschönigt vorgenanntes überhaupt nicht, wird auf dem Camino 'auf Deubel komm raus' geflirtet, geschmust, getrunken, geliebt. Der Jakobsweg als Kennenlern- und Anmachmeile. Traurig. 

 

Fortsetzung, 15. Oktober 2020

SEHEN. STILL WERDEN. HÖREN. SICH RUFEN LASSEN. ANTWORTEN.

 

Was sehe ich?

Was spricht mich an?

Was ist mir als erstes aufgefallen?

Wohin richtet es mein Auge immer wieder?

Was löst das Bild für Reaktionen aus?

Gibt es etwas, wo ich mich wiederfinde?

Woran erinnere ich mich?

Was ist mir auf diesem Bild wichtig?

Welchen Namen würde ich diesem Bild geben?

Text: Hermann Rieke-Benninghaus, 2020.

 

 

 

SCHWEIGEN. INNEHALTEN. DEN JAKOBSWEG MEDITIEREN. 

Dazu paßt sehr schön der Text des heiligen Rafael Arnáiz Barón, Mystiker, Trappistenmönch aus Spanien; geb. 1911 in Burgos, gest. 1938 in Palencia:

„Gott ist in allem, aber dieses alles ist nicht Gott. Die Menschen, die daran gewöhnt sind, den Schöpfer in den unscheinbarsten Dingen der Schöpfung zu erkennen, in den Wundern der Natur, in der Harmonie des Introitus einer heiligen Messe oder im Herzen eines Menschen, empfinden zweifellos tiefe Freude an Gott, und Gott bedient sich recht häufig all dessen, um eine schlafende Seele aufzuwecken!


Dass die Seele Gott tatsächlich sieht, daran zweifelt niemand; aber es geschieht auf unvollkommene Weise; denn bevor sie die Landschaft erkennt, hat sich ihr Blick mit dem Nebel aufgehalten oder auch mit einem Insekt oder mit der Sonne, einem Musikstück oder mit der Großartigkeit eines Herzens. …


Wie deutlich erkennt man schließlich, dass es in der totalen Einsamkeit ist, in der man Gott wirklich findet! Wie groß ist Seine Barmherzigkeit, wenn sie, indem sie uns über alles Geschaffene hinwegblicken lässt, uns in diese unendlich weite Ebene versetzt, wo es weder Steine noch Bäume, weder Himmel noch Sterne gibt, in diese Ebene, die kein Ende hat, wo es keine Farben gibt, wo nicht einmal Menschen anzutreffen sind, wo nichts ist, was die Seele von Gott ablenken könnte!“ -  Quelle: Heiligenlexikon - Bitte hier nachschlagen:

 

Fortsetzung 17. Oktober 2020

Ist es normal, dass sich eine Gesellschaft nur auf eine einzige Krankheit fokussiert? Not, Elend und Hunger beispielsweise auf dem afrikanischen Kontinent negiert? Überraschenderweise ist dort nur ein moderater Corona-Ausbruch zu konstatieren. Eine Randnotiz für die Leitmedien, wenn überhaupt. Menschen, die täglich an Krebs, Lunge, schwerer Grippe qualvoll sterben, über sie wird nicht  berichtet. Nicht berichtet über den Marsch für das Leben in Warschau im September: 5.000 Demonstranten plus der polnische Präsident Duda. Nicht berichtet auch über Präsident Macrons Grundsatzrede am 2. Oktober 2020 gegen den radikalen Islam. Wichtiger sind die Infektionszahlen in Berlin, in den Hotspots, den Risikogebieten der Republik. Ein Unheil komme auf uns zu, so die Bundeskanzlerin.

Dramatik und Verunsicherung pur. Corona-Einsamkeit, Corona-Kummer, Corona-Leid. Wen interessiert`s? Die Wirtschaft geht den Bach runter. Wen interessiert`s? Der monatliche Lohn, die Gehälter fließen - wie beim Strom, der aus der Steckdose kommt. Die Steuereinnahmen werden aber  einbrechen, die Arbeitslosenzahlen in die Höhe schnellen. Aber es gibt doch Kreditaufnahmen – in Billionenhöhe. Das wirtschaftliche „Sterben“ der Tourismusgewerbetreibenden wird bewußt hingenommen. Gut, dass es noch einige mutige Verwaltungsgerichte gibt, die den Landesregierungen und damit auch dem Bund die Grenzen aufzeigen. Die Zürcher-NZZ titelte am 16. Oktober 2020: „Die Regelungswut der Politik ist Ausdruck von Hilflosigkeit“, und weiter: „Dass sich Bund und einzelne Länder bedenkenlos über Selbstverständlichkeiten der Verfassungsordnung hinwegsetzten (Beherbergungsverbot), zeigt einmal mehr, welche negativen Auswirkungen die Seuchenbekämpfung auf das Rechtsempfinden hat. (…) Staatliche Beinahe-Allmacht. Die Exekutive nutzt die Krise, um die Gewichte zwischen den Verfassungsorganen zu verschieben. Es ist eine schleichende Amtsanmaßung.“ Und die Parlamente schauen nahezu regungslos zu, wie Bundes- und Landesregierungen willkürlich Freiheitsbeschränkungen verkünden, einführen, durchzusetzen versuchen.

Das hält unsere Regierung, unsere Medien, wie die EU-Kommission gleichwohl nicht ab, weiterhin Ungarn wie Polen ob deren mangelndem Demokratieverständnis zu maßregeln.

Der Wallfahrer nach Chartres sucht das wohl bekannteste Fußbodenlabyrinth mit einem Durchmesser von 12,8 Metern und elf Umgängen. Ein Kranz mit 112 regelmäßig angeordneten Zacken bildet die Außenkante. Das Zentrum entspricht dem mit einem Durchmesser von 3,1 Metern dem inneren Teil des Fensters in der Hauptfassade der berühmten Kathedrale. So möchte der Wallfahrer auf Knien dem Muster folgen, seine Gebete sprechen. Innig ist der Wunsch des Pilgers, durch die Erfahrung des Labyrinths den eigenen Lebensweg mit seinen Verschlingungen zu überdenken. Wird hier nicht der Weg der Seele zur Erlösung spürbar?

Aber: Sind wir nicht die ganze Zeit auf dem Weg? Nicht immer finden wir den direkten Weg, biegen an Weggabelungen ab, entscheiden uns für die falsche Strecke. Oft muß man umkehren, den richtigen Weg wiederzufinden. Auf dem Jakobsweg scheint es uns einfacher zu sein: Westwärts nach Santiago de Compostela – immer der Sonne nach; auf mehr oder wenige geraden Wegen, Schilder, die uns führen. Nicht immer stört das Geschnattere der Mitpilger, und falls doch: Lassen wir uns zurückfallen, suchen ein Gotteshaus, eine Kapelle auf, verharren im Gebet, in der Meditation. „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ – Joh 14,6. Unser Weg führt uns zum Apostel Jakobus, zur Kathedrale des Santiago de Compostela, entlang den Marienstatuen zum Sohn Gottes. Was gibt es Schöneres? Inspiriert durch einen Text von Hermann Rieke-Benninghaus, Dinklage.

 

Fortsetzung, 20. Oktober 2020

Einmal im Jahr erhält die Statue von der Jacobus-Gesellschaft einen Blumenschmuck umgehängt. Warum? In 1369 hatte der Magistrat von Bremen in schwerer Zeit gelobt, alljährlich einen Pilger zum Grab des heiligen Jakobus zu entsenden. Was war geschehen? Der schwarze Tod hatte Bremen Anno Domini 1350 erreicht: Siebentausend (7000) Tote bei einer Einwohnerzahl von rund 15000. Zweihundertsiebenundsiebzig Jahre später in 1627 starben 10000 Menschen; fünfzig Jahre zuvor in 1577 beklagte man (nur) 1500 Tote, 1655/56: 1600. Sieben Jahre später in 1667: 62 und zuletzt in 1712 fünfzehn (15) an der Zahl.

 

What about 2020? La nueva pest negra? Die neue schwarze Pest namens Covid 19?

 

Noch einmal zu Verdeutlichung: Schon 4800 bis 3800 vor Christus; danach wiederkehrend. 165 bis 186 nach Christus - 542 - 746 - 1350 – 1577 – 1627 – 1655/1656 – 1667 – 1712 – 1889/1890 - 1896 - 1918 bis 1920 - 2020/2021.

Das heißt doch wohl, dass es Pest- und analoge Epidemien resp. -Pandemien zu allen Zeiten gegeben hat. Wir in Europa fühlten uns doch immun. Welch`ein Trugschluß.

Welches Bild verbinden wir mit dem Mittelalter? Auf jeden Fall nicht erster Linie  das der genialen Baumeister, die uns die majestätischen Dome und Kathedralen geschenkt haben. Nein: Wir assoziieren mit ihm Schmutz und Unrat, fehlende Hygiene. Wie sieht`s heute aus? Neben Abstand halten und Alltagsmasken tragen, heißt es allerorten HYGIENEREGELN beachten. Die  Eliten bringen dem Volk das Händewaschen bei. Mindestens 20 bis 30 Sekunden unter fließendem warmen Wasser, et ecetera. Na ja, geht mal in eine öffentliche Toilette, wenn`s nicht zu vermeiden ist, und beobachtet en passant …

 

Heute würde kein Magistrat, kein Gemeinderat, kein Stadtparlament auf die Idee kommen, über eine Wallfahrt nachzudenken; der Glaubensabfall ist geradezu körperlich spürbar.

Kehren wir zurück nach Bremen, Anno Domini 2017, Pfingstmontag. Ein herrlicher Tag um viertel nach acht Uhr. Der Marktplatz nahezu menschenleer. Stehe vor dem Dom: seit der Reformation nicht mehr katholisch. Meditiere. Spreche ein kurzes Gebet, wie weiland die mittelalterlichen - katholisch grundierten - Pilger. Später wird dann der Herr Luther die Pilgerreisen wie Wallfahrten als Narrenwerk bezeichnen: „Allein aus dem Glauben kommt ein Christ zu Gott und nicht durch das >Geläuff<. Lauf nicht dahin, man weiß nicht, ob Sankt Jakob oder ein toter Hund daliegt", spottete er über den Pilgerweg nach Santiago de Compostela.

 

Drehe mich um, fotografiere das Weserrenaissance-Rathaus, den Bremer Roland, Symbolfigur für Freiheit und Rechte der Stadt, wende mich dem Schütting zu, Sitz der Bremischen Kaufmannschaft, sehe die Steinplastik des Stadtpatrons Bremens, das heißt ein Fragment einer Steinplastik (1480), beginne langsam den Weg, die Schritte führen mich über die Weserbrücke, links an der kleinen Weser entlang bis schlußendlich nach Barrien, perfekt ausgezeichnet. Die Welt ist nicht stehengeblieben. Die Etappe wird mich herausfordern. Elke ist nicht dabei. Ich pilgere zum ersten Mal allein. Bin nach an sich läppischen 23 Kilometern groggy. Das Alter zehrt halt, ob ich es wahrhaben will oder nicht. Vor elf Jahren und einem Monat stand ich mit Elke vor der Westfassade der Kathedrale des Sant`iago, 23 Kilometer im Schnitt pro Tag, nacheinander. Glücklich, zufrieden, geschafft. Aber nicht groggy, wie jetzt in 2017. Dennoch: Ich will die Etappe Richtung Osnabrück nicht missen; die gesammelten Erfahrungen waren es wert: Ruhe. Nur Sonne. Der Rucksack zwackte zwar, die Beine schwer, die Klamotten durchnäßt. Jedoch Wege, die ich nie zuvor gegangen bin mit Wald und Wiesen. Keine Pilger weit und breit. Anfangs, an der kleinen Weser, nur joggende junge Leute, so mancher von ihnen schaute mich verständnislos an, nicht abweisend, hin und wieder freundlich lächelnd. Wie war`s auf dem Caminho Portugues? Sechs Jahre ist es her. Freundliche, hilfsbereite Pilger aus Andorra, aus Kanada. Die deutschsprachigen Rentnerwanderer brillierten mit ihren Fernwanderkenntnissen.

St. Johann in Bremen. Schmuckloser geht`s nimmer. Der Hochaltar abgerissen. Der weiße Volksaltar ohne Kruzifix darauf.  Im linken Seitenschiff der Tabernakel dem Blickwinkel der Gläubigen entzogen, der Seitenaltar im rechten Seitenschiff besticht durch eine preiswerte Plastikfigur.

 

Elke wird mich in wenigen Minuten abholen, muß mich sputen, drücke die Türklinke der evangelischen Kirche, sie ist: zufällig offen, der Organist probt. In der Apsis steht ein schöner Altar, die Kanzel ist gleichermaßen nicht abgerissen. Sie ist sehr schön; wie so häufig mit den vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes bemalt, nicht zu vergessen der Petrus. Wehmut kommt auf. Vor rund 50 Jahren war es. Der Bildersturm der Katholiken, derjenige der Protestanten des 16. Jahrhunderts schien vergessen. Deutsche Bischöfe, Pfarrer und Pfarrgemeinderäte maßten sich an, die Konzilsergebnisse von 1962-1965 mehr oder weniger willkürlich auszulegen: Kirche neu erfunden. Die über 1000 Jahre alte Liturgie, die Heilige Messe aller Zeiten, wurde im Handstreich abgeschafft, die geosteten, historisch wertvollen Altäre und Kanzeln entfernt, mancherorts gar demoliert, zertrümmert; ein schmuckloser Volksaltar in die Mitte gestellt. Eine Schande. Später, auf der Etappe von Visbek nach Vechta, eine katholische Gegend, werde ich allerdings schöne Hochaltäre  bewundern können. Der Weg hat mir gutgetan, die Schritte teils schwer, der Rucksack sowieso, die Klamotten durchnäßt, der Blick in die Bartholomäuskirche. Ich mache weiter. Nicht so sofort, muß regenerieren. Wer ruft dich? Pilger! welch` geheime Macht lockt dich an? Weder ist es der Sternenhimmel, noch sind es die großen Kathedralen ... Jeder Pilger, der von von Navarrete nach Najera geht, kennt die Tafeln. Ich will`s wissen.

 

Fortsetzung, 23. Oktober 2020

Pilgern, wallfahren nach Jerusalem, wo Jesus Christus gekreuzigt wurde. Nach Rom, wo der Apostel Petrus die Kirche etablierte. Nach Compostela, von wo aus Europa bekehrt wurde.

  • Der Jerusalem-Pilger hieß ‚Palmer‘: er kehrte mit Palmenzweigen zurück;
  • der Rom-Pilger ‚Romero‘
  • und nur derjenige, der die gefährliche Wallfahrt nach Compostela wagte, durfte sich schlicht und einfach 'Pilger' nennen.

Quelle: James A. Michener. Iberia. Reisen und Gedanken, 1968.

 

Der gestrige Weg nach Lüneburg zur Doppelausstellung 2020 PILGER SPUREN - Von Lüneburg an das Ende der Welt hat sich gelohnt. Stade mit der Überschrift Wege in den Himmel wird folgen; Zeit bis zum 14. Februar 2021, sofern Corona es zuläßt. Lüneburg thematisiert nicht nur, wie Stade, die Wallfahrt nach Compostela, auch Rom und Jerusalem.

Die Ausstellung folgt den Spuren von Reisenden aus Lüneburg und anderen norddeutschen Städten - anhand vielfältiger Exponate, darunter herausragende Objekte von rund 40 auswärtigen Leihgebern: Motive für den Antritt der Fernwallfahrt, der Aufbruch, die Ausrüstung von Pilgern, die teilweise abenteuerlichen Bedingungen des Unterwegsseins und der Aufenthalt vor Ort; Briefe, Wegekarten, Muscheln, Pilgerzeichen aus Rom, Modelle der heiligen Stätten in Jerusalem; Schrift- und Bildzeugnisse von bezahlten oder gescheiterten Reisen, falschen Pilgern oder dem Tod (Mord aus Habgier durch Begleiter) auf der Reise, natürlich mit dem Hinweis, dass es sich um fiktive Berichte handelt.

 

PILGERN NICHT ZU STÄRKUNG DES GLAUBENS

"Auch ich habe mir Pilgerstempel geben und eine Urkunde in Compostela ausstellen lassen, aber nicht zur Stärkung meines Glaubens oder als Zeichen von Absolution, sondern als touristisches Andenken oder Kuriosität des modernen Pilgerns" - Silke Ideker, Pastorin der ev.-luth. Kirchengemeinde St. Michaelis und Hochschulpastorin der EHG/KHG Lüneburg, so manifestiert auf dem Plakatständer: Pilgern in den Weltreligionen: Stimmen aus Lüneburg.

 

Fortsetzung folgt