JOURNAL-NEWS

Jakobsweg. Kirche. Gesellschaft. Nachdenkenswertes.

Einstimmung

Ein Leben lang sind wir Menschen unterwegs, sind Pilger auf ein Ziel hin. Der Camino startet im Osten, dort, wo die Sonne aufgeht: das Licht Christi Jesu. Der Weg führt gen Westen, dorthin, wo die Sonne untergeht: Das Symbol für das Unterwegssein des Menschen von der Geburt bis zum Tod, dem Ende des Pilgerstandes.

Einführung

“In den einfachsten Herbergen“, fuhr sie jetzt mit einer merkwürdigen Fröhlichkeit fort, „stellt man dir eine Pritsche zur Verfügung.“ Freundlich aber bestimmt werde sie einem zugewiesen, ohne Widerspruch zu akzeptieren. Man dürfe Waschräume und Toiletten benutzen; eine Nacht Unterschlupf, Schutz vor Kälte oder Hitze finden, geschundene Füße pflegen können, morgens ein kleines Frühstück zu sich nehmen. Danach wieder der gleiche Trott, das gleiche Ritual: sich wieder auf den Weg machen, Ruhe finden, wohltuende Ruhe für die im Leben gebeutelten – auf tausenderlei Arten – verlorenen Seelen. Wer mag, findet Gesellschaft, findet Stille, wie auf dem Weitermarsch am nächsten Tag.Quelle: Wege und Umwege nach Compostela – Ein literarischer Jakobsweg in Castilla y Leon: Der Lichtstrahl im Gesicht. J.A. Gonzalez Sainz.

 

Im Folgenden verwende ich prinzipiell der Einfachheit halber das generische Maskulinum. Die Leserinnen mögen sich bitte immer angesprochen fühlen. Danke.

Jakobsweg. Kirche. Gesellschaft. Nachdenkenswertes. Philosphisches

DER EINZIGARTIGE CAMINO DES SANTIAGO. - VERSUCH EINER PHILOSOPHISCHEN BETRACHTUNG.

Jeder Pilger, jede Pilgerin (im weiteren verwende ich nur das generische Maskulinum, die Pilgerinnen mögen sich bitte prinzipiell gleichberechtigt und gleichwertig angesprochen fühlen); also jeder Pilger wird seine persönliche Sicht einfließen lassen: Die einen den Camino als Wanderweg begreifen, die anderen als Pilgerweg, wiederum andere als Mischung von beidem. Stichworte: Selbstfindung, Wunsch nach Verbesserung der Lebenswirklichkeit, Gastfreundschaft, Solidarität, Respekt für andere, Empathie, Toleranz, Spiritualität.

 

Auch wenn der Durchschnittsbürger (nicht abwertend gemeint) mit der Begrifflichkeit Mittelalter zunächst nichts Gutes in Verbindung bringt, was intellektuell überhaupt nicht nachvollziehbar ist (dazu an anderer Stelle mehr), wird er nicht umhin kommen, die mittelalterliche Geschichte des Jakobswegs in seine heutigen Betrachtungen des Camino miteinzubeziehen. Ohne den Apostel Jakobus kein Jakobsweg. Ohne das Grab des Heiligen keine Kathedrale in Santiago de Compostela. Ohne die mittelalterlichen Pilger kein Jakobsweg. Das sich einzugestehen, sollte selbstverständlich sein, auch wenn es schwerfallen sollte. In der Regel führt der moderne Mensch sein Dasein ja maximal auf seine Großeltern zurück.

 

Im Nachfolgenden gehe ich unter anderem ein auf die Abhandlung von Anton Pombo von der spanischen Internetplattform gronze.com vom 21. Februar 2021. Pombo zieht die oben benannten Stichworte hinein in die Frage, was den Camino so reizvoll macht, was den Camino-Pilger der Nachkriegszeit so radikal vom Wanderer oder Touristen unterscheidet. Sie, die Werte, basierten seiner Meinung nach auf den Prämissen des mittelalterlichen Christentums. Sie seien also immer noch abrufbar, rudimentär gestützt auf Familie, Bildung und dem soziokulturellen Umfeld - trotz Aufklärung und Französischer Revolution und den aus beiden ableitendem Rationalismus, und wie ich hinzufüge Relativismus, Subjektivismus und teils offener Gegnerschaft, wenn nicht Feindschaft der (katholischen) Kirche gegenüber; auf jeden Fall die Säkularisation.

 

Der christliche Beitrag konzentriere sich auf die theologischen Tugenden Glaube, Hoffnung, (Nächsten-)Liebe, wie auf die Kardinaltugenden Stärke, Mäßigung, Gerechtigkeit und Klugheit – verzahnt mit dem Mandat der vierzehn Werke der Barmherzigkeit, den sieben geistigen und den sieben leiblichen.

Wer kennt sie?

 

Die sieben Werke der leiblichen Barmherzigkeit

  1. Dem Hungrigen zu essen geben,
  2. den Durstigen zu trinken geben,
  3. die Nackten zu bekleiden,
  4. die Fremden aufzunehmen,
  5. den Kranken beizustehen,
  6. die Gefangenen zu besuchen und
  7. die Toten zu begraben.

 

Die sieben geistigen Werke der Barmherzigkeit

  1. Dem Rat geben, der ihn braucht;
  2. den lehren, der nichts weiß;
  3. den korrigieren, der irrt;
  4. den Traurigen trösten;
  5. die Beleidigungen verzeihen;
  6. die unangenehmen Menschen mit Geduld ertragen; und schließlich
  7. beten.

Je mehr ich den Aufsatz von Anton Pombo lese, verarbeite, durchdringe, je mehr bringe ich ihm meine Hochachtung entgegen. Interessante Gedankengänge aus der Sicht eines offensichtlich christlich geprägten Spaniers.

 

Welche Werte setzt die Französische Revolution dagegen? Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Antagonistische Werte? Nachahmenswerte Ansprüche? Humanistische Werte? Man kommt leider nicht umhin zu konstatieren, so mein Diktum, das unter diesem Rubrum die fürchterlichsten Kriege und Vernichtungskämpfe aller Zeiten geführt worden sind: 1. und 2. Weltkrieg, Leninismus, Stalinismus, Hitler-Deutschland, et ecetera. Die Kriege, die dem Christentum zugeschrieben werden, sollen nicht vergessen werden, jedoch: in erster Linie waren sie initiiert von christlichen Staatslenkern, Königen, Kaisern, Landesherren. Sie waren nicht unbedingt konfessionell gebunden. Der katholische König von Frankreich verbündete sich einst während des 30-jährigen Krieges 1618-1648 mit dem schwedischen, protestantischen König gegen den deutschen, katholischen Kaiser. Pombo verortet den Camino als einen Schmelztiegel, der alles absorbiere, verarbeite, also Geschichte annimmt, keine Gewinner und Verlierer beider Seiten sieht. Alte und moderne Schule seien sich einig, alle genannten Werte mehr oder weniger überzeugend anzuerkennen, umzusetzen Richtung Faszination des Abenteuers Camino de Santiago.

 

Derjenige Pilger, der die Fernroute des Jakobswegs wählt, zum Beispiel von St. Jean aus, wird sich darüber im klaren sein, dass er auf dieser heiligen und historischen Route bewußt die Hektik des modernen Lebens abstreifen wird, das Gehetztsein des Alltags, die Kurzlebigkeit mit ihren Marktgesetzen eintauscht gegen ein Pilgerdasein, das sich ihm neue Horizonte erschließt, durch Langsamkeit Neues erkennen, vielleicht im Zwiegespräch mit dem Herrn. Dabei werden ihm Mit-Pilger, Freiwillige der Herbergen und gastfreundliche Anwohner helfen: in dieser geballten Form auf keinem anderen Wanderweg anzutreffen. Neugierige und wißbegierige Pilger saugen Landschaft wie Infrastruktur auf, eine über Jahrhunderte alte sich entwickelnde christ-katholische Infrastruktur. Pombo fragt sich zu Recht, wie es eigentlich angehen könne, dass beispielsweise ein amerikanischer oder ein deutscher Geschäftsmann, zu Hause nur allerbeste Hotels gewohnt, nun plötzlich bescheidene Herbergen und Hostels ansteuern Gastfreundschaft und brüderliches Zusammenleben suchen; dies alles offensichtlich als wesentlichen Bestandteil des Camino begreifen, zu Hause dies niemals auch nur in Erwägung ziehen würden. Alle Pilger sind halt Pilger, unterschiedlich, unabhängig von Geschlecht, Beruf, Einkommen, Status, Herkommen, Hautfarbe. Kurzum, ist das die Magie des Camino? Stimmt das wirklich?

 

Soziologen und Psychologen stellten schon in den 70ziger Jahren Verschiebungen fest. Alte Pilgerwege des Westens erfuhren eine neue Interpretation, gestützt auf den Individualismus des Einzelnen: introspektive Prozesse, Reflexion und persönliche Vorstellungen, gepaart mit einer diffusen Spiritualität.

Irgendwie die alte Art und Weise des Pilgerns mit den eigenen Vorstellungen in Verbindung bringen, geleitet von leichtverständlichen Codes oder deren Rituale in der Art einer Therapie zu (be-) nutzen. Der so individuell gesteuerte Pilger werde nicht unbedingt das Kontemplative suchen, er suche irgendwie auch immer das Compostela-Abenteuer: die Gemeinschaft der Mitpilger, die Interaktion mit den Hospitaleros, kurzum, nicht in völliger Einsamkeit durch die Felder streifen. Wer kann schon die völlige Ruhe und vor allem die absolute Stille ertragen? Offensichtlich muß diese Fähigkeit neu erlernt werden. Dazu verhilft in abgespeckter Form ein mehrtägiger Aufenthalt in einem kontemplativen Kloster.

 

Zum Abschluß zieht der Autor einen interessanten Vergleich zu Papst Johannes XXIII. und dessen berühmten Ausspruch Aggiornamento (auf den Tag bringen / Anpassung an die Gegenwart). Der Papst meinte allerdings nicht damit, was viele nach wie vor glauben, das Zurückdrängen traditioneller Werte und vor allem nicht das Negieren überlieferter Glaubensinhalte. In keiner anderen heiligen wie religiös geprägten Route sei diese große Lehre gespiegelt – denn in diesem Camino de Santiago. Der Jakobsweg sei also mutmaßlich der einzige Weg, der ein wirksames Aggiornamento durchlaufen habe, bei dem christliche und profane Werte zusammengeführt wurden und übergehen in einen globalen Geltungsbereich, somit verständlich auch für Menschen anderer Kulturen denn nur der westlichen.

 

Zusammenfassung. Die Pilgerreise gleiche einem gut gefilterten Kompendium der Lehren der westlichen Philosophie, Religion und Geschichte. Sie ermögliche, viele der guten Prinzipien und Einstellungen zu erkennen und zu praktizieren, die einen Menschen tugendhaft machen, in einem linear verlaufenen Raum offen sein, mit anderen interagieren. Mithin ein Anreiz für die persönliche Entwicklung learning by doing. Jede der Herausforderungen stelle eine Prüfung dar, bei der eine Metapher weiterentwickelt werde und deren Werte das Rezept für Wachstum darstelle. Wie die Guten von Star Wars sagen würden, sind und bleiben die Werte des Camino die Kraft, die die Pilger immer begleiten.

 

Ich hingegen möchte schließen mit einem Rekurs auf Javier-Gomez-Montero`s in 2010 herausgegebenem Buch „Wege und Umwege nach Compostela – Ein literarischer Jakobsweg in Castilla y Leon“:

  •  Gar sehr wollte Gott Spanien ehren, als er den heiligen Apostel dorthin sandte, besser als England und Frankreich wollte er es stellen, denn dort gab es nirgends einen Apostel. *)
  • Seit die Spanier Christus kennenlernten, seit sie nach seinem Gesetz die Taufe empfingen, wollten sie nie mehr unter einem anderen Gesetz leben, und weil sie sich zu ihm bekannten, litten sie manche Pein. *)

*) S. 59. Literarischer spanischer Text um 1250, des Poema de Fernán González.

 

Erzählungen, Gedichte, Essays und Erinnerungen von fünfundzwanzig spanischen Autoren des Zeitraumes 2010/2017; allesamt Träger des El Premio Castilla y León de las Letras (Preis für Briefe). Erstausgabe 2010, deutsche Übersetzung Verlag Ludwig, Kiel 2017.

Das Jakobsland - die autonome Region Kastilien-Leon - macht mehr als die Hälfte des 800 km langen Pilgerwegs aus. Die Autoren begeben sich auf Spurensuche nach den Ursprüngen der Pilgerfahrt. Kindheitserinnerungen wie Landeskundliches und Sprachgeschichtliches fließen in die einzelnen Erzählungen ein, wobei der Apostel Jakobus wie Santiago de Compostela eine dominierende Rolle einnehmen –  der aktuellen Säkularisierung und dem Massentourismus zum Trotz.

 

Ich beschränke mich auf die Erzählung von J. A. Gonzales Sainz. Sie hat mich besonders angesprochen. Zwei Protagonisten, unterschiedlicher sie nicht sein können, kommen vor der Kirche von San Juan de Ortega ins Gespräch. Sie eine Top-Managerin, er ein Angestellter, ein Durchschnittsbürger. Ohne der Geschichte vorgreifen zu wollen, sie lohnt es, in Gänze gelesen zu werden, thematisiert sie doch sehr das von Anton Pombo angesprochene Faszinosum, dass back home erfolgreiche Manager sich auf dem Camino wohlfühlen, dort auch ihre Probleme reflektieren.

 

Bewegend wie Gonzalez Sainz die Geschichte einläutet. 23. September. Tag der Vollkommenheit, der Reinheit, mit der der Lichtstrahl am Morgen die Tagundnachtgleiche durch das Fenster der Kirche fallen läßt auf "Mariä Verkündigung" mit Gabriel, dem Verkündigungsengel: Begegnung und Erfüllung. Schwärmend fügt er hinzu, dass Hände wie Gesichter eine unglaubliche Ausdruckskraft besäßen: Verkündigung der Vollkommenheit und Verheißung einer denkwürdigen Gabe. Unglaublich toll formuliert. Ein außergewöhnlicher Schriftsteller halt.

 

Eine äußerst erfolgreiche und kühl bis kalt agierende Managerin verliebt sich geradezu in die Einfachheit des Pilgerns – auf dem Camino Frances gen Santiago de Compostela. “In den einfachsten Herbergen“, fuhr sie jetzt mit einer merkwürdigen Fröhlichkeit fort, „stellt man dir eine Pritsche zur Verfügung.“ Freundlich aber bestimmt werde sie zugewiesen, ohne Widerspruch akzeptiert. Man dürfe Waschräume und Toiletten benutzen; eine Nacht Unterschlupf, Schutz vor Kälte oder Hitze, geschundene Füße pflegen, morgens ein kleines Frühstück zu sich nehmen, danach wieder der gleiche Trott, das gleiche Ritual: sich wieder auf den Weg machen, Ruhe finden, wohltuende Ruhe für die im Leben gebeutelten – auf tausenderlei Arten – verlorenen Seelen. Wer mag, findet Gesellschaft, findet Stille, wie auf dem Weitermarsch am nächsten Tag.

 

„Wissen Sie, mein Leben lang erreiche ich alles, indem ich es befehle, klipp und klar, denn ich verfüge über genügend Mittel und Unmengen von Mitarbeitern, und die Ziele, die ich verfolge, zeigen mir, wenn sie erreicht sind, neue auf. Doch hier suche ich genau das Gegenteil: über nichts zu verfügen, nicht zu befehlen, ohne Abhängigkeiten oder Hast, ohne Überfluß, Berechnung, Interessen oder Luxus.“

Traum? Ja. Wunschvorstellung? Ja.

Realität? Ja, manchmal.

 

FREITAG, 6. März 2021. OFFENE GESELLSCHAFT IN GEFAHR. Intellektuelle fordert freiere Debatte über Corona-PolitikWEITERLESEN NDR KULTUR 25.03.21

Es will schon was heißen, wenn sich die Tochter von Rudolf Augstein, Spiegel-Gründer, sich zu Wort meldet, eine Debattenkultur fordert: sie sei nicht die Einzige, die das Gefühl habe, sich nicht mehr äußern zu können.

 

Das sehen offensichtlich viele Prominente aus Wissenschaft, Politik und Kultur (Schauspieler, Regisseure, Schriftsteller, Intendanten. Musiker, Galerist, Professoren, Journalisten, Historiker, Opernsänger, Kabarettist) ebenso. Sie alle, inklusive Franziska Augstein, unterstützen das von der "Welt"  am 25. März 2021 veröffentlichte Manifest der offenen Gesellschaft, zu lesen auf Seite 21 - Feuilleton. Mit dabei u.a. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (Bundesjustizministerin a.D.), Jan Josef Liefers (Schauspieler, Musiker, Regisseur), Ulrike Guerot (Professorin für Europapolitik). Zwei Beiträge haben es mir besonders angetan:

 

"Das Schlimme am Totalitarismus ist ja nicht, dass Böse Böses vorhaben, sondern, dass das Gutgemeinte maßlos ausgedehnt wird, bis es schließlich alles andere in der Gesellschaft verschlingt. Der oder die 'total Gute' ist auch deswegen so gefährlich, weil die total Guten bis zum letzten Momant glauben, sie seien auf der richtigen Seite." - Rebecca Niazi-Shahabi, Publizistin.

 

"Am Anfang der Corona-Zeit wollte man wegen Überlastung nicht entscheiden müssen, wen man überleben läßt und wen nicht. Heute warnen Schäuble und Welthungerhilfe wegen unerbrochener Lieferketten für Bauern aufgrund der Maßnahmen vor Millionen von Hungertoten. Läßt man also Millionen verhungern, damit Zehntausende nicht an Corona sterben? Das ist hoher politischer Sarkasmus. Der ergänzt wird, wenn beliebige Politiker anmerken, man wolle nicht, dass Menschen sterben. An Corona. Man entscheidet also doch. Denn an allem anderen dürfen sie verenden." - Mathias Richling, Satiker und Kabarettist.

 

MITTWOCH, 17. März 2021. DIE KATHOLISCHE KIRCHE RÜHRT SICH, wird sich wieder ihrer Bedeutung bewußt, die sie in den vergangenen Jahrhunderten für Abermillionen Jakobspilger gehabt hat.  Die Corona-Pandemie macht es möglich: der Jakobsweg liegt brach, die Pilger bleiben aus. In den letzten Jahren schien es, als wären ihre Repräsentanten abgetaucht, als hätten sie den Pilger nichts mehr zu sagen; es boomte ja. Man schloß die Kirchen aus Angst vor Vandalismus, anstatt sie für die Pilger offenzuhalten. Nein, die Kirche, ihre Priester, Pastoren und Pfarrer müssen auf die gläubigen Pilger zu gehen, ihnen zeigen, dass sie willkommen sind, nicht nur im Rahmen der Pilgermesse,  auch, indem sie zum Beispiel den Pilgern Anbetungsstunden offerieren, also die Aussetzung des Allerheiligsten. Ja, alles eine Frage des Wollens, des Interesses und der Organisation. Warum nicht Hand in Hand gehen mit den Wirtschaft, beides übereinbringen?

 

FORTBILDUNG JAKOBSWEG

PRIESTER IM BISTUM LEON

Offensichtlich gibt es viele Priester, die sich der Bedeutung des Jakobsweges gar nicht bewußt waren, vielleicht weil sie auch mit ihren Alltagssorgen überreichlich beschäftigt waren. Nur so kann ich es mir erklären, dass das Bistum Leon seine Priester zu einer Tagung zum Jakobsweg aufrief. Ein Franziskaner referierte vor rund 50 Geistlichen, er verdeutlichte ihnen eben jene Bedeutung des Jakobsweges, von der ich sprach. Die vom Referenten benannten Werte des Camino de Santiago kann jeder nachvollziehen, als da sind: Spiritualität, Religiosität, Begrüßung, Gastfreundschaft, Brüderlichkeit, Universalität. MEHR LESEN via spanischer Webseite caminosantiago.org, 16. März 2021.

In meiner Heimatstadt, hoch oben im Norden der Bundesrepublik, hat offensichtlich noch kein katholischer Priesters, kein Pfarrer, kein Propst etwas vom Jakobsweg gehört: Null-Reaktion. Die evangelische Domgemeinde sieht es anders, sie ist aktiv, bietet Andachten und Bet-Wanderungen an. Eigentlich verwunderlich, war es doch ihr Religionsgründer Martin Luther, der von der Wallfahrt nach Santiago de Compostela abgeraten hatte; dort lägen möglicherweise nur Hundeknochen. Times changes.

 

MONTAG, 29. März 2021: EINTRITT IN DIE KARWOCHE. Semanta Santa 2021. Gedanken zu Ostern. Christus wahrhaft auferstanden oder naive Vorstellung?

Erzbischof Josef Kardinal Ratzinger, nachmaliger Papst Benedikt XVI., predigte hierüber Ostersonntag, 26. März 1978, in München. Seine über dreiundvierzig Jahre alten Gedanken sind es wert, hier an dieser Stelle in Erinnerung gerufen zu werden. -  Vgl. Joseph Ratzinger. Gesammelten Schriften. Predigten. Verlag Herder, 2019. Band 14/1, S. 454 ff.  

 

Um es vorweg zu sagen, natürlich ist Jesus Christus wahrhaft auferstanden. „Was wäre denn gewesen“, so der Erzbischof, „wenn Jesus nicht erstanden wäre? Dann würde die Geschichte am Karfreitag enden, dann wäre er verwest und ein Gewesener.“

Es hätte kein Christentum geben können. Alles nur Lug und Betrug: seitens der Frauen Ostersonntag am Grab, seitens der Apostel, seitens der Jünger, seitens Paulus. Der bedeutendste Missionar aller Zeiten als Transporteur des größten Betruges der Geschichte. Nein!

 

„Psalm 16,10: Du läßt deinen Frommen die Verwesung nicht schauen.""Zum Kern der Botschaft gehört, dass wirklich das universale Gesetz der Geschichte, der Tod und die Verwesung aus den Angeln gehoben worden sind.“  

 

MODERNE AUSLEGUNG

Wie legen nun die Zweifler, die ungläubig Gewordenen, die Modernisten, gar so manche Pfarrer (evangelische wie auch katholische) auf der Kanzel und in die Katechese hinein, die Osterbotschaft aus? „Sie (die Auslegung) sagt, Ostern bedeute natürlich nicht, dass da ein Toter auferstanden sei, sondern dies sei nur eine altertümliche Umschreibung dafür, dass die Sache Jesu auch nach seinem Tode weitergeht.“  

 

Die Jünger hätten diese Erkenntnis, nachdem sie die Phase der Entmutigung und der Depression endlich überwunden hatten, in der Form von montierten Auferstehungsgeschichten erzählt. Es könne ja nicht sein, drei Jahre lang einem Irrtum, der Lüge eines Mannes aus Nazareth aufgesessen zu sein. Für Ratzinger ist diese Deutung ein psychologischer Kitschroman des 20. Jahrhunderts.

 

Wie kommen nun die Protagonisten zu solchen haarsträubenden Erklärungen? Es ist das moderne Weltbild, das sie treibt, die unfehlbare Wissenschaft. Zu Ende gedacht hieße es, Gott überhaupt in Frage zu stellen. Es geht doch nicht um irgendein 2000 Jahre altes Mirakel. Es geht darum, ob Gott ist, ob Gott allmächtig ist, in die Naturgesetze eingreifen kann.

Das gesamte Neue Testament mit Jesu Christi-Offenbarung wäre ansonsten reif für die Tonne. Übrig bliebe ein außergewöhnlicher Wanderprediger, ein Revoluzzer seiner Zeit, nicht mehr und nicht weniger als ein Mahatma Ghandi, als ein Siddhartha Gautama (Buddha), als …

 

GOTT: EIN HANDELNDER GOTT

Die Naturwissenschaft sollte ihre Grenzen kennen. Gott ist ein handelnder Gott, ein trinitarischer Gott mit Jesus Christus als wahrem Sohn Gottes. Das ist die Wirklichkeit. Wie die Apostel, die vielen Jünger, die Jesus begleitenden heiligen Frauen, glauben und leben wir hin auf das ewige Leben. Dazu der spätere Papst: „Das Wort vom ewigen Leben ist zu leise geworden in der Kirche, als schämten wir uns dessen. Aber wir brauchen uns dessen nicht zu schämen. Christus ist wahrhaft auferstanden!“

 

ALMA REDEMPTORIS MATER

– Erhabene Mutter des Erlösers

Schließen möchte ich mit vorgenannter Marianischer Antiphon, belegt seit dem 12. Jahrhundert, die vorzugsweise in der Weihnachtszeit gebetet wird. Sie geht auf die Jungfrau und Gottesmutter ein, wie auf Gottes schöpferischen Eingriff in die Natur:

 

"Erhabene Mutter des Erlösers, du allezeit offene Pforte des Himmels und Stern des Meeres, komm, hilf deinem Volke, das sich müht, vom Falle aufzustehn. Du hast geboren, der Natur zum Staunen, deinen heiligen Schöpfer. Unversehrte Jungfrau, die du aus Gabriels Munde nahmst das selige Ave, o erbarme dich der Sünder."

 

OSTERFREITAG, 9. April 2021. DIE TOUGHEN SIND JETZT UNTERWEGS. 194 Pilger im März. Möglicherweise waren es mehr, sie mochten sich vielleicht nicht outen, weil auf verbotenen Wegen. Bekanntlich dürfen die Spanier gegenwärtig ihre Regionen nicht verlassen, zumindest nicht profaner Reisen wegen. Und sie taten es doch, so die spanische Presse vom 7. April 2021.

 

Die nicht so Toughen, oder sollte ich sagen, die Vernünftigen, bleiben zu Hause, schreiben ihre Wünsche auf, reflektieren Touren vergangener Jahre. Bemühen Stichworte wie Motive, Abenteuer, Spaziergang, Wanderung, langes Lernen, Weiterbildung, von A nach B gehen, Jakobsweg/Reise: langsamer Lehrer nach Theodore Monod, Transformationsprozesse, Bedürfnis nach Selbstverwirklichung, Selbstachtung, Gruppenzugehörigkeit (stabile Umgebung), Streß, Langeweile, Psyche, Moral, körperliche Anstrengungen, kein Glück ohne Freiheit, keine Freiheit ohne Mut, endlose Suche,  Camino-Therapie, Santiago-Therapie.

Kurzum: Der Jakobsweg, der einzige Weg, der reicher macht.

 

Wir leben in einer irren Zeit. Mehltau hat sich über das Land gelegt. Vage erinnert man sich an die einst so selbstverständlich genommene freiheitliche, plurale Gesellschaft mit divergierendem Meinungsaustausch.

 

Die katholische Kirche steht wieder einmal im Fokus der Leitmedien. Dem emeritierten Papst Benedikt XVI. wird Vertuschung vorgeworfen. Bullshit. Gerade er war es, der den Kampf zu seinem Hauptanliegen machte, als Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation wie als Papst. Mehr hierüber via Verlinkung: http://die-tagespost.de/216137.

 

Medien überschlagen sich unisono mit der Nachricht, dass die Kirche eine Austrittswelle zu beklagen habe, auch und gerade wegen der Mißbrauchsaufklärung im Erzbistum Köln, namentlich Kardinal Woelki. Bullshit. Lesen Sie die Tagespost, die einzige Zeitung, so ihr Anspruch, die diese Behauptungen verifiziert hat. Fakt ist allerdings auch, dass die Kirche von ihren eigenen Gremien, zumeist Laiengruppierungen, angegriffen wird. Anstatt die Kräfte zu bündeln, zu evangelisieren, werden bisherige Glaubensgewißheiten in Abrede gestellt, der Vatikan auf das schärfste kritisiert. Das Schisma droht. Die eingeschriebenen Kirchenmitglieder scheint es nicht zu stören; es gehen eh nur, wenn überhaupt, rund 10% plus minus in die sonntäglichen Gottesdienste.

 

Man paßt sich an, will Teil des Großen sein, übt den vorauseilendem Gehorsam. Lucas Wiegelmann von der „Welt“ am 7. April 2021: „Bräsige Weltverbesserer, die die Kirche nur als ein böses, zu demokratisierendes Herrschaftssystem betrachten. Die aus der Kirche am liebsten einen neuen grünen Ortsverband machen wollen und zur notdürftigen Begründung ein paar Bibelzitate auf ihre Flyer drucken.“ Die Bischöfe stört`s nicht. Im Gegenteil, sie schwimmen mit wie Lemminge. Letzten Donnerstag (2. April 2021) auf Servus TV: der Herr Bischof aus Tirol nickte zustimmend, als die Schamanin sich erklärte. Die Repräsentanten der katholischen Kirche machen sich klein, akzeptieren, dass sie nur noch ein Anbieter unter vielen sind, wobei das Angebot jeweils freibleibend betrachtet wird. Ein Armutszeugnis. Nun, einige Bischöfe wie jene aus Passau, Regensburg, Köln, Eichstätt, Görlitz wehren sich (noch), bleiben der tradierten Offenbarung Jesu Christi treu.

 

Der Historiker Roberto de Mattei vertrat beim „Rome Life Forum 2020“ die These, dass die durch das Virus ausgelöste Krise erwiesen habe, wie sehr der Weltepiskopat (also die Bischöfe und Kardinäle aller Kontinente) bereits dem Atheismus verfallen sei. Er zeigte sich sicher, dass die religiöse und die moralische Krise im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils eine größere Züchtigung sei als die beiden Weltkriege und mit logischer Konsequenz in die Katastrophe zum Pontifikat von Papst Franziskus geführt habe. Quelle: Tagespost, 4. Juni 2020, S. 12. Ein Schelm, wer sich nichts dabei denkt, dass die Kurie vor wenigen Wochen die Einzel-Zelebration in St. Peter untersagt hat - nichts anderes denn ein indirekter Angriff auf die Messe in der außerordentlichen Form des römischen Ritus, sprich Missa Tridentina, sprich Messe aller Jahrhunderte. Gerade die jungen Menschen, die Familien mit Kleinkindern, die diese Meßfeier bevorzugen, sollen indirekt angegangen werden. Zur Missa Tridentina verweise ich auf den betreffenden Menüpunkt.

 

Für Cora Stephan, Schriftstellerin und Publizistin, sollte Deutschland als christlich geprägtes Land so bleiben. Aber, und das ist ihr Diktum: „Die katholische wie die evangelische Kirche sind dabei, sich selbst abzuschaffen. Auch sie (die Kirchen) machten gern jede Mode mit, die sich fortschrittlich nennt, und hätten nicht bemerkt, dass sich mittlerweile andere Gruppen für die Moral zuständig fühlten.“ Quelle: Tagespost, 25. März 2021, S. 18. Alexander Riebel sagt in gleicher Ausgabe (S. 22): „Wie gut, dass christliche Liebe nicht im Bistum Limburg (Bischof Bätzing) definiert wird, sondern eine biblische Grundlage hat.“ Lucas Wiegelmann deklamiert in der „Welt“ vom 25. Februar 2021: „Eine Kirche, die die spirituellen Bedürfnis ihrer Mitglieder ins Zentrum ihrer Arbeit stellt, muß ein anderes Selbstbewußtsein ausstrahlen, wenn sie überzeugen will. Sonst kann sie sich das Grübeln über die Gründe der Austrittszahlen sparen.“

 

Eine Bremer sich katholisch nennende Initiative, ihr Protagonist konnte die kruden Vorstellungen im Regional-TV zum Besten bringen, fordert die Katholiken zum Austritt aus der Kirche auf, solange bis sich die katholische Kirche demokratisiert hätte, solange nicht alle ihre Vorstellungen realisiert worden seien: Frauenpriestertum, Wegfall des Zölibats, Wahl der Bischöfe durch das Volk, etc. Der Herr Protagonist scheint sich noch nie mit der Verfaßtheit der Katholischen Kirche befaßt zu haben. Die Kirche denkt nicht in Monaten, sie denkt in Jahrzehnten und Jahrhunderten. Die Kirche ist auch keine NGO, keine Partei, sie ist von Jesus Christus gestiftet worden und eben Jesu Christi-Offenbarung steht nicht zur Disposition.

 

Georg Weigel, ein bekannter katholischer US-amerikanischer Publizist, beklagt in seinem Aufsatz Der katholische Konflikt vom 11. März in der Tagespost: Deutschland falle vom Glauben ab. Das Glaubenserbe werde verraten. Als Instrument bediene man (Bischöfe wie Laien und Theologen) sich des Synodalen Weges. Es gelte das postmoderne Credo: deine Wahrheit, meine Wahrheit. Alles sei relativ, anything goes.

Selbst das Vaterunser bleibt von den sog. Erneuerern nicht verschont. Die Bitte „Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden“ wird als politische Aussage gedeutet.

Jetzt sollte eigentlich die Stunde des Papstes schlagen: deutliche Worte statt Verklausulierungen.

 

Zum Schluß dieses Abschnitts einige philosophische Gedanken, inspiriert von Prof. em. Dieter Hattrups Aufsatz in der Tagespost, 18. März 2021, S. 25. Es geht um die Theodizeefrage. Hat Gott uns die Pandemie geschickt?  Die oft zitierte philosophische Formulierung lautet bekanntlich: Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht: Dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft. Oder er kann es und will es nicht: Dann ist Gott mißgünstig, was ihm fremd ist. Oder er will es nicht und kann es nicht: Dann ist er schwach und mißgünstig zugleich, also nicht Gott. Oder er will es und kann es, was allein für Gott ziemt: Woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht hinweg?

 

Prof. Hattrup thematisiert zunächst die Anklage als umgekehrte Zustimmung. Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Kernfrage Martin Luthers. Diese Frage kippte dann schnell um: Wie bekommt Gott einen gnädigen Menschen? Hervorgerufen durch die Trennungsphilosophie der Neuzeit. Alle Dinge sollen getrennt sein, sowohl Objekte wie Subjekte. Gott wirke nicht in den Personen, keine Person wirke in einer anderen Person. Der Mensch sei völlig von Gott getrennt; es gäbe keinen Anteil an Gottes Leben. Die Lehre der Konkurrenz also Humus für den Atheismus. Der Mensch könne nur noch ein Ziel haben, nämlich die Stelle Gottes einnehmen. Bei Luther heiße es daher vom Menschen, ich zitiere Prof. Hattrup: „Von Natur aus kann er (der Mensch) Gott nicht Gott sein lassen; er muß vielmehr Gott nicht Gott sein lassen, um selbst Gott zu sein.“  Und weiter: Luther sei kein Atheist, er wolle am Abgrund stehen bleiben, aber noch einen Schritt weiter und der Mensch stieße Gott vom Thron.

 

Interessante, gewiß schwierige Gedankengänge. Andererseits wird es keinem bewußt aufmerksamen Menschen entgehen, dass die mehrheitlich moderne Gesellschaft bewußt und/oder unbewußt schon lange Gottes Position eingenommen hat. Zu glauben, dass die Wissenschaft sagen könne, was Wirklichkeit ist, ist schon lange nicht mehr haltbar, wird aber gegenwärtig gerne (Stichworte: Klima und Pandemie) wieder bemüht. Einen moralischen Menschen allein durch Vernunft, durch Erziehung oder seinen Willen zu erschaffen, ist schlechterdings unmöglich. „Die Wirklichkeit behält sich etwas vor, sie ergreift uns von sich aus. Das ist die Erkenntnis Gottes“ – so der Autor des Essays und er bemüht dabei den Philosophen Paul Feyerabend (1924-1994: „Ich war ein rabiater Atheist, aber jetzt im Augenblick – keine Spur“).  

 

Also, hat Gott uns nun die Pandemie geschickt, als Strafe? Ich weiß es nicht. Für Atheisten stellt die Frage sich eh nicht. Nachfolgende Generationen werden sie wohl eher beantworten können. Sie ist auf jeden Fall wert, gestellt zu werden, sollte nicht a priori rigoros abgebügelt werden - eine Reflexion allemal angebracht.

 

10. April 2021. Samstag der Osteroktav.

PILGERN IM GEIST UND IN DER WAHRHEIT

Mir gefällt der Pastoralbrief des Erzbischofs Julian Barrio Barrio vom Heiligen Compostelanischen Jahr 2010. Eine gute Vorbereitung auf das HEILIGE JAHR 2021.2022.

 

"Noch in derselben Stunde brachen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück und sie fanden die Elf und die anderen Jünger versammelt. Diese sagten: Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen. Da erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach." - Lk 24,33-35.

 

Seine Exzellenz Monsignore Barrio nähert sich dem Jakobspilger, in dem er ihn bewußt an die Geschichte der Emmausjünger von Lukas 24, 13-35) heranführt: Zweifel und Unsicherheiten auf dem Weg werden abgelöst vom Erkennen des Herrn am Tisch der Eucharistie: Vom Wanderer zu Hause zum Pilger in Santiago.

 

Die einzelnen Kapitel tragen die Überschriften:

I. Die Auferstehung, Fundament und Ziel christlicher Pilgerschaft

II. Die geistige Nahrung des Pilgers

III. Die Pilgerschaft, Ereignis der Verkündigung und Antwort auf den Anruf auf dem Weg

IV. Der Pilger und seine Teilhabe am Leben des Auferstandenen

V. Das Zeugnis und die gemeinschaftlich Erfahrung des Glaubens

VI. Pilgerschaft und die Sendung des Christen

VII. Die Jakobuspilgerschaft heute

 

"So ist der Weg nach Santiago für den, der im Geist und in der Wahrheit pilgert, ein geeigneter Ort, um mit Gott ins Gespräch zu kommen;
  • er ist ein Zeichen, das ihm hilft, sich von Gott geschaffen durch Christus befreit zu fühlen.
  • Und er ist eine Erfahrung, in der der Pilger lernt, zu geben und zu empfangen.
  • Wenn der Pilger zu den Seinen nach Hause zurückkehrt, in seine Gemeinde und in seine Berufswelt, werden sicher viele sein Verhalten beobachten und in ihm die wirksame Gegenwart der Liebe Gottes wahrnehmen, die er ohne Zweifel auf dem Weg der Pilgerschaft erfahren hat und die am Grab des Apostels ihre Vollendung fand ..."

DIENSTAG, 13. April 2021. ZEITEN WIEDERHOLEN SICH

- Stoßrichtung Katholische Kirche. Natürlich gibt es derzeit in Spanien keine  Kirchenverfolgung, wie Anno Domini 1926/31 und folgende; vgl. Webseite SPANISCHER BÜRGERKRIEG: Abertausende Katholiken, Priester, Bischöfe, Ordensleute aus Haß auf Kirche und Glauben ermordet; 20.000 Kirchen, Klöster zerstört  – von der sozialistischen Volksfront/Frente popular, von den Roten Brigaden bestehend aus Kommunisten, Sozialisten, Anarchisten und Freimaurern ; vgl. Etappe 15.

 

Heute geht man subtiler vor, die PSOE, die sozialistische Arbeiterpartei von Premierminister Pedro Sanchez, verlangt gar von Monsignore Juan Antonia Reig Pla, Bischof von Alcala de Henares unweit Madrid, seine Aussagen, seine Predigt am Josefstag, 19. März 2021, zurückzunehmen. Warum?

 

Der Bischof sprach von einem „Gesetzes-Tsunami“, der in den letzten Jahren „das kulturelle und geistige Erbe Spaniens untergraben habe: „Ehe für alle“. Einführung der straffreien Abtreibung. Assistierte Re-Produktionstechniken. LGTBI-Gesetze. „Recht“ auf aktive Sterbehilfe. Rahmenschulgesetz. Weitere Gesetze würden folgen, die den Transhumanismus begünstigten. Der Bischof sieht eine „Struktur der Sünde“ – einen „Krieg der Mächtigen gegen die Schwachen“ – eine Art “Verschwörung gegen das Leben.“ Harte Worte fürwahr.  

 

Seine Exzellenz bezog sich dabei auf die Enzyklika „Evangelium vitae“ von Papst Johannes Paul II. vom 25. März 1995. Die sozialistische Regierung beruft sich hingegen auf die Zustimmung der Mehrheit ihrer Bürger. Ist das ein ernstzunehmendes Argument? Nein. Meinungen der Demoskopie sind völlig unerheblich, wenn es um den Schutz von Leben geht.

 

In einem einst katholischen Land wird es als Mut bezeichnet, dass ein Bischof sein Wort erhebt, das Recht der Christen verteidigt, den Glauben zu bekennen und zu verteidigen. Wo bleibt eigentlich der Aufschrei der Europäischen Bischofskonferenz? Die konservative Plattform „Hazteo-ir.org hat zur Unterstützung des Bischofs aufgerufen. Quelle: Jose Garcia. Die Tagespost. 8. April 2021. S. 6.

 

Parallelen tun sich auf in Deutschland und Österreich. Ungefähr neunzig Prozent der Bischöfe bleiben fern, wenn Katholiken in Berlin, Wien und/oder München für das Leben demonstrieren. Denselben Bischöfen scheint es offenbar gleichermaßen egal zu sein, dass ihre Glaubensbrüder und -schwestern all over the world verfolgt werden.  

 

Ich vertraue darauf, dass es irgendwann einen neuen Franz von Asissi (1181 bis 1226) geben wird, der die Menschen aufrüttelt und die katholische Kirche back to roots führt oder eine neue Katharina von Siena (1347 bis 1380) oder eine neue Teresa von Avila (1515 bis 1582), die beide einen unermeßlich positiven Einfluß auf die Kirche nehmen konnten - ungeachtet des vorherrschenden Zeitgeistes damals wie heute und des veröffentlichten Mainstreams der Leitmedien *) von heute. Ich bin zuversichtlich. Kirche mag in Europa, vor allem in Deutschland, zu einer x-beliebigen NGO verkommen, in Asien und Afrika jedoch, wie in Teilen von Nord- und Süd-Amerika, wird sie neue Früchte bringen, "expandieren" - getreu Jesu-Offenbarung und der Weitergabe des Glaubens durch die Apostel als die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche

 

CATHOLIC DAILY RELECTIONS. DIENSTAG, 13. April 2021.

Nikodemus fragt Jesus - gemäß Johannes 3, 9-11: How can this happen?” Jesus answered and said to him, “You are the teacher of Israel and you do not understand this? Amen, amen, I say to you, we speak of what we know and we testify to what we have seen, but you people do not accept our testimony.”

 

Im weiteren Verlauf geht es darum, unter welchem starken Druck sich Nikodemus seitens der Pharisäer befunden haben muß, zumal er selbst ein Pharisäer war. Wie konnte er es wagen, des nachts Jesus aufzusuchen?

So also ist die nachfolgende Bitte „Reflect, today“ zu verstehen, die an die Leser von heute gerichtet ist. Der amerikanische Autor spürt offensichtlich auch den Druck, unter dem sich die US-Katholiken befinden.  

 

“Reflect, today, upon any way in which you, too, need a “holy push” from our Lord. What form of worldly pressure do you experience in life? Do friends, neighbors, family members or co-workers impose upon you in some way a peer pressure that is contrary to the life of true holiness? If so, ponder the ultimate courage of Nicodemus, Saint Paul and Gamaliel. Let their witness inspire you and allow our Lord to challenge you where you need it the most so that you, too, will receive the “holy push” that you need to be a more faithful follower of Jesus.”

 

DONNERSTAG, 6. Mai 2021. KOMMENTAR ZUM NEUEN REISEFÜHRER CAMINO CATALAN - vgl. Webseite

Ich denke, wir werden schon bald mit weiteren neuen Routen zu rechnen haben; der zur Zeit (Mai 2021) brachliegende Tourismus macht`s möglich, vielleicht auch nötig. Eine wie auch immer geartete Verbindung zum Camino de Santiago wird sich irgendwie herstellen lassen.

Einerseits verständlich, andererseits wird der Profanierung des Jakobusweges, des einstmals christ-katholisch grundierten Camino des hl. Apostels Jakobus, mehr denn je Vorschub geleistet. Fragt sich nur, wie lange die Veranwortlichen der Kathedrale von Santiago das mitmachen? Wahrscheinlich bleibt ihnen gar nichts anderes übrig.

 

FREITAG, 23. April 2021. GIBT ES JENSEITS DES GLAUBENS

ABSOLUTE WAHRHEITEN? Nein. Auch wenn Politik und Wissenschaft es uns so "verkaufen" wollen. In einer pluralen, demokratisch verfaßten Gesellschaft gibt es eh keinen Absolutheitsanspruch, denn Mehrheiten können sich ändern, wie Minderheiten reziprok gebührend berücksichtigt werden sollten, allein schon des gesellschaftlichen Zusammenhalts wegen. Ist dieser derzeit gegeben?

 

Markus Gabriel (geb. 1980), Professor für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Uni Bonn, deklamiert in seinem Essay für die "Welt" vom 23. April 2021 "Ein Angriff auf die Vernunft - Deutschlands postfaktische Pandemie-Politik ist eine reale Gefahr für den Fortbestand unserer liberalen Demorkatie. Sie darf, wie das Virus, nicht verharmlost werden", dass der öffentliche Diskurs nicht darin bestehen könne, eine absolute Wahrheit über die Pandemiebekämpfung zu finden (dafür sei die Sachlage zu komplex), sondern darin, "die Einheit der Vernunft in der Vielfalt ihrer Stimmen (Jürgen Habermas) zur Geltung kommen zu lassen", was aber eine Einstellung voraussetze, der an Freiheit und Ergebnisoffenheit gelegen sei. Ulf Poschardt, Chefredakteur der "Welt" postuliert in seinem Kommentar vom gleichen Tag "Wider den Freiheitsneid", dass das Melden und Denunzieren von Freiheitsgesten populär werde. Grundrechtseinschränkungen bekämen eine symbolische Nähe zum Hausarrest. Das Infektionsblablagesetz stelle den normal Freien unter Generalverdacht. Ist das so? Der Disput darüber sollte weitergeführt werden - in allen Leit-Medien, Zeitungen wie TV, vorurteilslos.

 

Am 19. Januar 2004 trafen sich in der Katholischen Akademie in Bayern zwei große Denker der Gegenwart, nämlich der Kurienkardinal Joseph Ratzinger (geb. 16. April 1927), ein Jahr später zum Papst gewählt als Benedikt XVI., mit dem wohl bedeutendsten Gegenwartsphilosophen Jürgen Habermas (geb. 18. Juni 1929) zu einem Gespräch über Grundlagen einer freiheitlichen und friedlichen Gesellschaftsordung, über vorpolitische moralische Grundlagen eines freiheitlichen Staates, als hätten sie unsere heutige Situation erahnt. Das 2005 im Herder Verlag dazu herausgegebene Buch trägt den Titel "Dialektik der Säkularisierung - Über Vernunft und Religion." Auf Seite 22 fragt sich der Philosoph "Wie reproduziert sich die staatsbürgerliche Solidarität?" Auf Seite 26 dann "Wenn das soziale Band reißt ...". Kardinal Ratzinger antwortet auf Seite 43 zu "Macht und Recht" mit dem Satz "Aber auch Mehrheiten können blind oder ungerecht sein."

 

Ein lesenswertes Buch, das weiland die intellektuelle Welt durcheinanderbrachte. Ein zu Unrecht als Panzerkardinal verschriener Joseph Ratzinger trifft sich einvernehmlich mit einem der größten Philosophen der Nach-Frankfurter Schule; sie kommen sich näher, finden Gemeinsamkeiten. Ich wünschte, die uns Regierenden würden sich alle eine Stunde Zeit der Reflektion nehmen für dieses Dokument einer zukunftsweisenden Begegnung zur geistigen Situation unserer Zeit, seinerzeit erstrangig orientiert an der Thematik Vernunft und Religion, was aber die Leser und Leserinnen, sprich die Politiker und Politikerinnen, absolut nicht stören sollte - im Gegenteil.

 

SAMSTAG, 1. Mai 2021. TOUR d'HORIZON. Gesellschaft. Kirche. Camino de Santiago. "Die sog. „Notbremse“ ist ein autoritäres Feigenblatt, das ein Strategie-, Impf- und Testversagen kaschieren soll. Was für Covid nun ausprobiert wird, könnte künftig auch für Themen wie Klima, Gender oder Soziales als Regime von Verboten und Staatsdirigismus exekutiert werden. Umjubelt von einem verbots- und staatsgeilen Medienestablishment, diktieren die Unfreien den Gang der Dinge. Sie selbst stehen am Fenster und lauern auf freie Menschen: Geht das notbremsig genug zu? Das Infektionsblablagesetz stellt den normal Freien unter Generalverdacht."

Worte nicht von mir, geschliffen formulierte Worte des Chefredakteurs der „Welt“ Ulf Poschardt am 23. April 2021 in seinem Kommentar „Wider den Freiheitsneid“ -  nach der Abstimmung im Bundestag zur bundesweit einheitlichen Notbremse. Der Bund kann damit seine Befugnisse deutlich zu Lasten der Bundesländer (Aushebelung des föderalen Systems mit Zustimmung der Länderchefs) ausweiten: 342 Abgeordnete dafür, 250 dagegen, 64 Enthaltungen (offensichtlich die Grünen).

 

Die Welt ist im Umbruch. Deutschland will die Welt retten, nicht nur die profane Welt, wie das Klima, nein, eine Mehrheit der deutschen Bischöfe legt Hand an der Universalkirche an, will die katholische Kirche umkrempeln, dem gegenwärtigen Zeitgeist anpassen. Eine Professorin aus süddeutschen Landen verortet jeden Katholiken, jede Katholikin, der/die nicht für das Frauenpriestertum ist, als Rassist, als Rassistin.

Bischof Stefan Ostern von Passau fand die richtigen Gegenworte. Die meisten Bischöfe schwiegen, aus Angst, vom Mainstreamjournalismus in die Ecke gedrängt zu werden, oder als stillschweigendes JA, sei dahingestellt. In Rom hat das vatikanische Staatssekretariat entschieden, die Einzelzelebrationen in St. Peter zu beschränken, was im wesentlichen als Angriff auf die Messe aller Jahrhunderten, der Missa Tridentina, zu werten ist; auch als Angriff gegen den emeritierten Papst Benedikt XVI., der die „lateinische“ Messe 2007 ausdrücklich wieder in den Fokus gerückt hatte und amtlich festhielt, dass diese niemals verboten gewesen sei. Gläubigen wurde es nach dem Konzil ab 1970 aber anders erzählt.

 

DER JAKOBSWEG -

NUR NOCH EIN SCHATTEN SEINER SELBST?

13 PilgerInnen haben sich - lt. Webseite des Pilgerbüros - am gestrigen Freitag, 30. April 2021, registrieren lassen. Im März waren es ganze 194 gegenüber 1.948 in 2020 und 7.444 in 2019. Ein kurzes Aufflackern zu Ostern hatte für gute Stimmung gesorgt. Die Heiligen Compostelanischen Jahre 2021 und 2022 (ein Novum, dass ein zweites nach Absprache mit Papst Franziskus hinzugefügt wurde) sollen es nun richten. Und dennoch. Eine mulmige Stimmung breitet sich aus. Die Autoritäten von Regierung und Polizei befürchten Anschläge. 4.000 Beamte sollen den Sicherheitsplan umsetzen und an neuralgischen Stellen patroullieren.

 

Was ist aus unserer Welt geworden? Was aus dem Camino de Santiago. Fast könnte man versucht sein, die einladenden Worte von Erzbischof Julian Barrio als Windhauch (Kohelet 1,2) zu betrachten: "Der Apostel Jakobus erwartet euch in diesem Heiligen Jahr, um euren Schmerz zu umarmen und von euch umarmt zu werden."

 

Der spanische Jakobsweg steht seit 2019 wieder auf meiner Agenda, möglicherweise der Abschnitt von Leon nach Oviedo. Das letzte Mal war ich mit meiner Elke und Stefan in 2018 auf dem Camino, Fotos schießen, Highlights aufsuchen, denen wir Jahre zuvor nicht genügend Zeit und Beachtung schenken konnten. Wenn`s sehr gut läuft, alle Parameter auf "grün" stehen, werden wir den Frühsommer 2022 anvisieren können.

 

Der neue Pilgerpaß liegt vor. Er nennt sich Ano Santo Compostelano 2021. Credencial del Peregrino. Catedral de Santiago. SAL de tu tierra el Apostol le espera. El sepulcro del Apostol meta de la peregrinacion.

Unter diesem religiösem Vorzeichen den Erhalt der Compostela (Urkunde) als eine Selbstverständlichkeit zu betrachten, wie es Jakobsweg-Wanderer tun, erschließt sich mir nicht, vor allem dann nicht, wenn im Gegenzug die katholische Kirche veralbert, abgelehnt wird. Für die meisten Pilger vergangener Jahrhunderte, wie für christlich orientierte Pilger von heute, sie gibt es nach wie vor, hat der Weg, der Camino de Santiago, vorrangig ein Ziel, nämlich das Grab des Apostels Jakobus.

Der sich modern begreifende Pilger, Wanderer, sieht im Weg das Ziel, was nicht heißt, dass er, dass sie sich quasi häutet vom Wanderer zum Pilger, von der Wanderin zur Pilgerin, je mehr er, je mehr sie über sich selbst nachdenkt, über sich erfährt, Santiago näher kommt.

 

Die Besucher des Pilgerforums  interessieren sich für Sex auf dem Camino. Seit dem 27. Februar 2021 bis dato  weit über sechstausend Zugriffe und knapp achtzig Antworten. Der Camino de Santiago und sein christlicher Beitrag, am 11. April 2021 eingestellt, rangiert ganz unten mit einhundertneunundneunzig Zugriffen und einer Antwort, absolutes Desinteresse. Irgendwie auch wieder schlüssig. Sex sells. Ein fader Beigeschmack für einen einstmals christlich grundiertem Pilgerweg.

 

Wie hatte der spanische Autor, vgl. meine Ausführungen vom 26. März 2021, seine Protagonistin so treffend sagen lassen?

„Wissen Sie, mein Leben lang erreiche ich alles, indem ich es befehle, klipp und klar, denn ich verfüge über genügend Mittel und Unmengen von Mitarbeitern, und die Ziele, die ich verfolge, zeigen mir, wenn sie erreicht sind, neue auf. Doch hier suche ich genau das Gegenteil: über nichts zu verfügen, nicht zu befehlen, ohne Abhängigkeiten oder Hast, ohne Überfluß, Berechnung, Interessen oder Luxus.“

 

Wird diese Pilgerin jemals einen Gedanken an Sexabenteuer auf dem Camino verschwendet haben? Keinesfalls, undenkbar.

 

FREITAG, 7. Mai 2021. ZDFInfo: ARABISCHE BESETZUNG DER IBERISCHEN HALBINSEL im MITTELALTER

Erst nach der Re-Conquista, der Rück-Eroberung durch Christen, sei die Intoleranz auf die iberische Halbinsel gekommen, so der Fernsehsender ZDFInfo am 27. April 2021 auf Facebook. Im Verlauf wird die alte Mär, längst von seriösen Wissenschaftlern widerlegt, gebetsmühlenartig wiederholt, dass im moslemischen „Spanien“ die drei Religionen wunderbar zusammengelebt hätten.“

Unter einer Landkarte steht gar geschrieben: Über 780 Jahre waren Städte wie Córdoba und Granada Zentren von Kunst, Wissenschaft und oftmals religiöser Toleranz. Nach Vollendung der christlichen Rückeroberung 1492 mussten Muslime und Juden *4 konvertieren oder das Land verlassen.“ - Schlichtweg Fake-News.

 

VOM ZDF NICHT ERWÄHNT:

ERSTES POGROM IN GRANADA

Das Kalifat war kein Hort von Toleranz. Das erste Pogrom auf europäischem Boden fand 1066 im moslemischen Granada statt,  bei dem die jüdische Bevölkerung größtenteils ermordet wurde. Moslems waren gegenüber Andersgläubigen tolerant, sofern sie zum Islam konvertierten oder die Kopfsteuer (Dschizya) bezahlten.

 

ANDERSGLÄUBIGE

MüSSEN ERKENNUNGSZEICHEN TRAGEN

Was die Verbannung Andersgläubiger angeht, waren die Almohaden besonders kreativ. Ihr erster Kalif Ibn Tumart verfügte die Ausweisung derjenigen, die nicht zum Islam konvertierten. Selbst andalusische Juden, die den islamischen Glauben annahmen, mussten ein Erkennungszeichen tragen. Ja, zur Zeit des Kalifats von Córdoba (929-1031) gediehen Kunst und Wissenschaft:  Werke der griechischen Philosophie wurden aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzt, zumeist von gefangengenommenen Nicht-Arabern.

 

NIEDERGANG DURCH

INNERMOSLEMISCHE KÄMPFE

Der Niedergang  der "moslemischen Blütezeit" auf der iberischen Halbinsel wurde nicht von außen, vielmehr durch innere Kämpfe zwischen Arabern und Berbern eingeleitet. Die aus Nordafrika einfallenden Almoraviden *1 und Almohaden *2 begünstigten diese Entwicklung. Sie kreierten ihre eigenen kleinen Königreiche, die sogenannten Taifa-Reiche *3. Quelle: Die Tagespost, 6. Mai 2021

 

*1 Almoraviden: Berber „Krieger an der Grenze“ aus Nord-Afrika. Sie herrschten über weite Teile des heutigen Spaniens von 1086 bis 1147, bis sie von den Almohaden gestürzt wurden.

*2 Almohaden: Berber „Vereiniger, Bekenner der Einheit Gottes“ aus Nord-Afrika. Sie herrschen über al-Andalus von 1147 bis 1235, verloren sie an Ibn Hud.

*3 Taifa-Reiche: Kleinkönigreiche in al-Andalus (Berber, Araber, Amiriden); entstanden durch den Zerfall des Kalifats von Cordoba in den ersten Jahrzehnten des 11. Jahrhunderts.

*4 Juden:  Moses Maimonides (1135 bis 1204): (…) die Araber haben uns (Juden) sehr stark verfolgt und bannartig und diskriminierende Gesetze gegen uns erlassen. (…) Niemals hat uns eine Nation derart gequält, erniedrigt, entwürdigt und gehasst wie sie (…)“

Mehr via Webseite Jakobswege. Gestern und heute.

 

MITTWOCH, 19. Mai 2021. MUTATION DES CAMINO DE SANTIAGO

Die Icomos Charta der Kulturwege des International Council on Monuments and Sites, ratifiziert am 4. Oktober 2008 in Quebec (Canada), deklamiert unumwunden,  dass kulturelle Routen ein Alleinstellungsmerkmal besitzen. Sie implizierten nachweisbare historische Fakten, Authentizität, Kontinuität – jeweils im Austausch anderer Kulturen. Pseudo-kulturelle Routen, touristisch aufgepeppt, sind Produkte kommerzieller Art, zumeist ohne wissenschaftliche Basis.

 

Das scheint die Politiker und Tourismusmanager Spaniens am Weg nicht zu stören. Sie kreieren ständige neue Caminos de Santiago, versehen sie mit den Insignien des real Camino de Santiago, nämlich mit den gelben Pfeilen und der Jakobsmuschel. Das beklagt nicht zu Unrecht  Anton Pombo von gronze.com in seinem Aufsatz vom 16. Mai 2021. Überschrift (Google-Deutsch): Tausendundein Caminos de Santiago? Gelbes Pfeilfieber. Pombo nennt sie Straßen der B-Serie.

Entlang des Camino Frances kristallisierten sich demnach im Laufe der Zeit mehr oder weniger legitime Jakobswege heraus, die man durchaus eine gewisse Historizität attestieren kann: del Norte, Primitivo, El Salvador, Via de la Plata, Caminho Portugues, Camino Ingles, Sanabres, einige im Baskenland, in Katalonien, am Ebro. Quelle: gronze.com

 

JOHANNES PAUL II.

MOTOR DES CAMINO DE SANTIAGO

Gehen wir zurück in das Jahr 1982. Johannes Paul II. besucht Santiago de Compostela, hält am 9. November seine berühmte Europarede. Sieben Jahre später in 1989 betet er mit Tausenden Jugendlichen auf dem Monto do Gozo die Vigil, ermuntert sie zur Mission. Mit seinen Besuchen rückte er den Jakobsweg in den Fokus der Weltöffentlichkeit, attestierte ihm eine quasi-offizielle Anerkennung. Anfang der Neunziger erfolgte seitens des Europarats die Ausrufung zum ersten europäischen Kulturweg. Die UNESCO erklärte ihn zum Weltkulturerbe und die EU machte Santiago zur Kulturhauptstadt. Die Neuausschilderung nahm ihren Lauf und last but not least trug auch Paulo Coelhos Buch O Diario De Um Mago aus 1987 zur Renaissance des Camino bei, in Deutschland 1991 herausgegeben resp. neu übersetzt in 1999.

 

Santiago de Compostela wird mit seiner religiös-kulturellen-historischen Attitüde ein privilegierter Teil der Geschichte Europas, gestern wie heute. Gestern vor allem hinsichtlich der Verehrung des Apostels  Jakobus – heute als identitätsstiftendes Element das gemeinsame und friedliche Überschreiten von Grenzen. Der Massentourismus, sieht man von der gegenwärtigen Pandemiezeit ab, stellt den Camino de Santiago sicherlich vor große Herausforderungen, wenngleich man nicht außeracht lassen sollte, dass auch im Mittelalter Hunderttausende auf dem Weg waren – gut verteilt auf ca. 800 km Camino Frances. Möglicherweise wird die Stadt des Jakobus in Hochzeiten mehr unter dem Ansturm der Pilger zu leiden haben, zumal wenn die Turigrinos der Pseudo-Jakobswege dazustoßen.

 

ES IST NICHT WENIG ZEIT, WAS WIR HABEN, SONDERN ES IST VIEL, WAS WIR NICHT NÜTZEN. - L.A. Seneca (1-65 n. Chr.)

Ich plädiere dafür, dass sich die katholische Kirche Spaniens besinnt, die Ausgestaltung des Camino de Santiago nicht mehr nur den Tourismusmanagern und Politiker zu überlassen. Entlang der Jakobswege, ich nenne hier besonders den Camino Frances, die Caminhos Portugues wie die Via de la Plata, gibt es zig Diözesen. Diese Bischöfe, Erzbischöfe und Kardinäle hätten allen Grund, sich zusammenzutun, mit einer aufrüttelnden Charta des Glaubens den christ-katholisch müde gewordenen Spaniern authentisch gegenübertreten, die Peregrinos unterstützen, das Blitzlichtgewitter der Presse ignorieren, schlichtweg Jesus nacheifern; der Sohns Gottes bezahlte es vor 2000 Jahren mit der Kreuzigung, die Bischöfe möglichweise mit Spott und Hohn. Alles eine Frage der Organisation und des Wollens. Der Camino de Santiago muß sich seiner Wurzeln besinnen.

 

"Kehr um, Europa! Sei wieder du selbst! Besinne dich auf deinen Ursprung! Belebe deine Wurzeln wieder! Im Christentum finden sich jene gemeinsamen Wurzeln, aus denen die Zivilisation des Kontinents erwachsen ist. Die anderen Kontinente blicken auf dich und erhoffen von dir die Antwort des Jakobus zu hören, die er Christus gab: Ich kann es!"

 

Von keinem Geringeren denn Papst Johannes Paul II. stammen diese Worte, ausgerufen am 9. November 1982 in Santiago de Compostela. 

 

JESUS CHRISTUS NACHEIFERN

- wider den Mainstream/Zeitgeist

Der Glaubensabfall im westlichen Teil Europas ist mit den Händen greifbar, die Kirchen werden immer leerer, Bischöfe und Pfarrer halten sich mit Statements dann zurück, wenn sie nicht den Mainstream, nicht den Zeitgeist treffen. Sind sie ängstlich oder gar feige? Im April 2021 schrieb mir ein europaweit bekannter Professor-Mönch, dass er mittlerweile, aus eigenem Erleben, verstehen könne, warum sich Bischöfe und Kleriker schlechthin nicht mehr äußern mögen. Man werde bombardiert mit schlimmsten verbalen Angriffen, Verleumdungen, etc. - von außen wie vor allem von innen. Man brauche gute Nerven. In Afrika, augenscheinlich in Nigeria, boomt der Katholizismus, die Priesterseminare sind voll. Viele der Priester gehen dann nach Europa, wo sie nicht in jedem Fall willkommen sind.

 

Die gegenwärtige Situtation ist nur durch eine gemeinsame Kraftanstrengung zu verändern. Ungeachtet ihrer Befindlichkeiten, vielleicht auch Eitelkeiten, sollten  die Bischöfe sich zusammentun, auf Länder- wie auf Europaebene, gemeinsam vor die Presse treten, in den Talk-Shows den katholischen Glauben mit seiner Dogmatik aktiv vertreten, dem herrschenden Zeitgeist trotzen. Wenn sie dann noch den Papst auf ihrer Seite wähnen, dürfte der Erfolg nicht ausbleiben: nicht heute, aber übermorgen, frei nach Arthur Schopenhauer (Philosoph, 1788-1860): Ein neuer Gedanke (Aktion) wird zunächst verlacht, dann bekämpft, bis er nach längerer Zeit als selbstverständlich gilt.  Derzeit stehen besonders Ungarn und Polen im Fokus der deutschen Leitmedien wie der Europäischen Kommission und der Europäischen Parlaments, weil dort die Regierungen sich noch aktiv zum Christentum bekennen, die Familie hochhalten, das Leben schützen, den Abermillionen Dollars der NGOs (noch) widerstehen.

 

SAMSTAG, 22. MAI 2021 AM VORABEND VON PFINGSTEN - Geburtstag der Kirche. Im August im Schnitt über 2.000 Pilger; sie brachten die Herbergen in Santiago an den Rand der Aufnahmefähigkeit. Das abgelaufene Jahr hatte einen neuen Rekord gebracht: rund 350.000 ließen sich in Santiago das Pilgerdiplom aushändigen. Nicht dabei die vielen Pilger und Pilgerinnen, die entweder auf die Compostela verzichtet hatten oder nur Teilstrecken gewandert waren. Andreas Drouve sprach von „Rekorden als Normalzustand“, so die Headline seines Artikel in der „Tagespost“ vom 3. Januar 2020. „Der Weg nach Santiago de Compostela boomt dank der „Touristenpilger“ schon vor dem Auftakt zum Heiligen Jahr 2021“.

 

Klar, das sind die Zahlen von 2019. Über Sinn und Unsinn, den Jakobsweg zu pilgern, zu wandern, läßt sich trefflich streiten. Auch wenn der Satz stimmen mag: „Man geht als Wanderer los und kommt als Pilger an“; mag auch das Sprichwort zutreffen: „Nach Jerusalem wandert man, um Jesus zu finden, nach Rom geht man zum Papst, auf dem Pfad nach Santiago de Compostela sucht man sich selbst“; der Camino de Santiago mutiert mehr denn je zum „Touristen-Wanderweg“, gesteuert und beworben von den ortsansässigen Bürgermeistern und Gemeinderäten wie von den Tourismusmanagern.

 

Diese Entwicklung hat ja einen Vorlauf. 2006 überholten uns fröhlich wirkende Menschen mit kleinem Gepäck, wir hingegen schnauften, total geschafft von der Mühsal des Weges von Rabanal del Camino über Foncebadon, dem Cruz de Ferro, Manjarin, El Acebo nach Riege de Ambros mit dem felsigen Nachtigallental. In Molinaseca, nach 26 Kilometer bei traumhaftem, will sagen sehr warmen Wetter, wußten wir warum: unten am Ortsende der Stadt stand der Bus; ebenso ein Tag zuvor in Rabanal ein anderer. Die Protagonisten der Dt. Jakobus-Gesellschaft aus Aachen tragen letztlich dazu bei und bewerben Bustouren für Mitglieder: entlang des Camino Frances.

 

2011 hätten uns beinahe zig BuspilgerInnen im portugiesischen Ponte de Lima das Hotelzimmer streitig gemacht, es ging um Minuten; nach 38 km war uns nach einem Herbergsbett nicht zumute gewesen. Am Ponte das Tabuas hatten wir die älteren Damen noch freundlich begrüßt.

 

Jakobsweg 2006. "Sitzen in der Casa von Rente, hinter Sarria, möchten ein Zimmer buchen. Ausgebucht von Taxi-Pilgern, die direkt vor dem Haus aussteigen. O-Ton einer solchen Taxi-Pilgerin: „Pech gehabt, dann müssen Sie halt weitergehen!“ Die Herberge in Morgade entschädigte um ein Vielfaches unsere anfängliche Enttäuschung. Hornillos del Camino. Gerade hatten wir noch zwei Betten in der Herberge an der Kirche ergattern können. Es ist unerträglich heiß. Beim nachmittäglichen Dinner sitzen am Nachbartisch zwei deutsche Ehepaare. Wir erkennen sie wieder - von Burgos beim Kartenspielen. Der Kofferservice scheint prächtig geklappt zu haben. Gönnerhaft verlassen sie das Lokal mit der spitzen Bemerkung: „Die armen Pilger sollen ja auch noch etwas zu essen kriegen.“ In Castrojeriz das gleiche.

 

Puente la Reina. Noch angetan von dem anstrengenden Pilgerweg von Pamplona kommend, von den ersten Eindrücken der kleinen Stadt mit dem Pilgerdenkmal, so gegen 13Uhr, dem ersten Frischmachen im Hotel Jakue nebst Herberge, empfing uns eine traumhaft ruhige, mittelalterlich anmutende Calle Mayor. Spät nachmittags, es war ein Sonnabend, traf sich die Jugend zum Tanz auf dem Marktplatz, die älteren Herrschaften taten es ihnen auf der Calle Mayor gleich. Herrlich und berührend anzusehen. Jahre später in 2014, Elke und ich sind auf dem Camino Aragones unterwegs, ist von dem nichts mehr zu spüren. Das Hotel ist übervoll mit teils lamentierenden Pilgern ("Warum ist meine Wäsche noch nicht gewaschen?"), es gibt nichts mehr a` la carte zu essen, nur noch Pilgermenüs am Abend, Massenbetrieb, komplettiert durch eine Gruppe Oldtimerenthusiasten, die gleichwohl mein Autofahrerherz höher schlagen ließen. Die Stadt ist gleichermaßen wuselig, die Calle Mayor, in grellem Licht eingetaucht, quasi abgesperrt, von Musikern und ihren Begleiterinnen, sie bereiten ein Rockkonzert vor, die Bühne ist bereits aufgebaut. Sind desillusioniert.

 

Was hatte ich weiland geflucht, auf dem steilen Anstieg nach Maneru, im prasselnden Regen nach Cirauqui, eingesunken im Matsch, jeder Schritt eine Tortur; aber, that makes the difference: Uns hörte niemand zu, wir mussten dadurch - nomen est omen -, weit und breit war kein Pilger zu sehen.

In der Tat, in Puente la Reina beginnt die Pilger-Autobahn. Kommerzialisierung ist das Zauberwort, Segen und Fluch zugleich. Immerhin, die Kirchen sind noch leerer, keiner stört uns beim Meditieren, beim gedanklichen Eintauchen in das Mittelalter, beim Fotografieren. 

 

Erinnere mich an Gonzalo Torrente Ballesters Worte, galicischer Erzähler und Dramatiker des vergangenen Jahrhunderts: "Denn das Mittelalter war herrlich; seine Menschen hatten tief in ihrem Herzen einen glühenden Glauben, und von ihm entflammt errichteten sie Burgen und Klöster (und Kirchen)."

 

"Wir" *) hingegen glauben nicht mehr an Gott, nicht mehr an den Auferstandenen, "wir" glauben an den Klimawandel, ans Mülltrennen, ans Fahrradfahren, an veganes Essen, an sparsames Heizen, wir ersetzen Religion durch Lifestyle und Gebete durch Yoga, und alles aufgeladen mit einem ordentlichen Schuß Moralismus.“ Wie gesagt, das schrieb ich 2014. Heute gibt es eine neue Religion mit ihrem Glauben an die absolute Gesundheit, einhergehend mit dem Verdrängen des eigenen Todes. Er kommt.

 

Zurück zum Massenphänomen Jakobsweg. Nach der Pandemie wird`s so weitergehen wie vor 2020. Der Rubel muß rollen. Da werden selbst atheistische Politiker aus Madrid zu Befürwortern der Vermarktung des Camino de Santiago. Dass des Apostels Gebeine in der Kathedrale von Compostela liegen, ist für sie natürlich Unsinn, Kinderglaube, an sich Geschäftemacherei der Kleriker. Jetzt aber müssen die anwohnenden Bürger mit ihren Hotels, Hostals, Herbergen, Geschäften, Taxi-Unternehmen unterstützt werden. Irgendwelche Wahlen stehen immer vor der Tür.

 

Andreas Drouve läßt in seinem Artikel vom 3. Januar 2020 eine tiefgläubige Spanierin aus Pamplona zu Wort kommen, zigmal den Camino gepilgert, langjähriges Mitglied in der Jakobswegvereinigung von Navarra. „Den Rucksack nehmen, die vertraute Umgebung verlassen, das sei immer noch etwas Besonderes“, so die 56-jährige. Sie traut offensichtlich nicht mehr jedem „Pilger“ über den Weg; zuviel ist schon gestohlen worden, so auch mein Eindruck. Sie trauere der Zeit nach, als es noch eine Pilgergemeinschaft gab, die auf der gleichen Wellenlänge lag. Heute dominierten die Touristenpilger das Bild. Ein Grund mehr für sie, sich anderen Pilgerzielen zuzuwenden: Rom, Jerusalem.  

*) Elke und ich sind Christgläubige

 

DIENSTAG, 1. Juni 2021. SPANIEN LÄSST AB 7. JUNI WIEDER AUSWÄRTIGE TOURISTEN, PILGER INS LAND.

Vier Tage zuvor, am 3. Juni, wird König Felipe VI. das HEILIGE JAHR 2021 eröffnet haben - mit seiner Teilnahme am 1. XACOBEO WELTKONGRESS.

 

Die Dinge verstetigen sich, um in der Sprache der Pandemie-Virologen zu bleiben, hoffentlich exponential. Zeit einmal über St. Jean nachzudenken, für viele, leider nicht mehr für die meisten Pilgern, Start ihrer ersten Etappe auf dem Nararrischen Weg via Camino Frances gen Santiago de Compostela.

 

"Gleich zu Beginn auf dem Weg nach Roncesvalles erwartet den Pilger, die Pilgerin eine anstrengende Strecke. Dr. Höllhuber von DuMont charakterisiert sie als sehr schwer: 26 km bei 1.250 m Anstieg, avisierte Dauer: 8 Stunden.

Man sollte die Route Napoleon, so heißt dieser Abschnitt, nur bei gutem Wetter gehen. Und dieser Rat ist sehr, sehr ernst gemeint.

 

Über achthundert, teils strapaziöse Kilometer liegen nun vor dem Pilger. Ist er sich dessen bewusst?  Achthundert Kilometer reich an Historie, Geschichten und Heiligenlegenden. Von Navarra, durch La Rioja, via Burgos und León, den Provinzstädten von Kastilien-León, durch unendlich scheinende Getreidefelder der Meseta, der heißen spanischen Hochebene, durch das Land der Maragatos, über die Montes de León mit dem Cruz de Ferro, auf dem Camino duro, dem harten Weg, nach O Cebreiro, durch mittelalterlich anmutende, verarmte Bauerndörfer ins hügelige, grüne, bewaldete, häufig regnerische Galicien. Wieviel Etappen wird er einplanen? Ganz unterschiedlich. Zwischen dreißig und vierzig.

 

In John Brierley`s Reiseführer aus 2003/2013 fand ich einen bemerkenswerten Gedanken: Ihm gefällt die Vorstellung, 33 Tage gepilgert zu haben: einen Tag für jedes Jahr, das Jesus Christus auf der Erde gelebt hat, also 33 Jahre.

   

Je weiter der Pilger Compostela entgegenschreitet, je mehr wird er auf freundliche Mitpilger treffen, die ihm gleichwohl möglicherweise einen Herbergsschlafplatz streitig machen. Nicht selten wird er schon um die Mittagszeit die ersten Rucksäcke vor den Herbergstüren abgestellt sehen. Dann wird er weiter gehen, im nächsten Ort ein Refugium suchen, gegebenenfalls ein günstiges Hostal ansteuern. In 2006 ließen sich 82.407 Pilger des Camino Frances in Santiago registrieren, in 2014 waren es schon 161.993. Tendenz steigend. Auch darüber wird er nachdenken (müssen). 2019: 347.578; 2020: 53.905.

 

Eine gute Zusammenfassung ist diese. Ich weiß nicht, wo ich diese Sätze gelesen habe, die ich in etwa wie folgt zitiere. "Den eigenen Weg gehen. Das Bedeutungslose abstreifen. Die Natur fühlen, sich geborgen fühlen zwischen Himmel und Erde. Mit sich und anderen achtsam umgehen. Sich nicht dem Termindruck beugen."

 

Viele Gedanken werden dem Pilger durch den Kopf schwirren, warum er das eigentlich alles auf sich nimmt. Der Einfluss des Jakobswegs auf Europa war und ist nach wie vor immens: auf Architektur und Bildhauerkunst, auf Literatur, Musik und Malerei, auf Wissenschaft, Wirtschaft und Politik. Wird ihn das überhaupt interessieren? Denkt er an den mittelalterlichen Pilger, der ein Gelübde zu erfüllen hatte, der den Jakobusweg als Bußgang betrachtete zwecks Tilgung seiner schweren Sünden? Oder wandert er nur aus Neugier und Abenteuerlust, der körperlichen Herausforderung wegen?

Mein Diktum: Bei allen Menschen, die den Jakobsweg gehen, schwingt etwas mit, was ihnen anfangs gewiss nicht in Gänze bewusst gewesen sein wird. Es ist das sich nach und nach bildende unbestimmte Gefühl einer Sehnsucht, dem Leben Sinn und Erfüllung zu geben. Der Pilgerweg symbolisiert das lebenslange Suchen des Menschen nach einem Lebensziel.

 

Eine TV-Dokumentation aus 2015/16, Wiederholung im Frühjahr 2018, hat die Empfindungen einiger Pilger ganz gut zusammengefasst, die mein Diktum in etwa widerspiegeln. So sagte ein französischer Pilger, er sei barfuß aus Demut gegenüber dem Außergewöhnlichen gegangen. Ein deutsches Ehepaar gab zu, sich zum Schluss des Camino ertappt zu haben, ein Vaterunser gebetet zu haben, obwohl ansonsten nicht sehr religiös. Eine Dritte, sie kam aus Holland, sprach vom Pfad zur inneren Einkehr. Für einen Anderen war die Kathedrale des Jakobus das eigentliche Ziel. Die Spannbreite der Empfindungen und Betrachtungen der Jakobspilger ist sehr groß.  

 

Im Buch von Günter Fandel "Gemeinsam auf dem Jakobsweg" las ich Sätze, die die Situation gleichermaßen gut beschreiben. Da wird ein ehemaliger Direktor einer großen Fabrik nach seinen Beweggründen befragt. Nein, er sei (natürlich) nicht religiös, um dann fortzufahren, er habe ein schönes und erfolgreiches Leben gehabt, wofür er danken wolle (wem denn?); er wolle mit dem Jakobsweg einmal im Leben etwas wirklich Großes leisten."

*) Jose Antonio Gil Martinez from Vigo, Spain.

Hinweis. Unter "Pilger" sind selbstredend immer auch die Pilgerinnen gemeint; gilt auch für nachstehende Texte.

 

SAMSTAG, 5. Juni 2021. ERGRIFFEN VOR DER KATHEDRALE STEHEN.

Millionen Menschen sind vor uns den Camino gegangen, Millionen werden uns folgen. Warum? Pilgern ist heilsam. Pilgern verbindet. Pilgern hilft Spannungen abbauen. Pilgern öffnet den Menschen im Glauben.

 

Allen Pilgern gemeinsam ist die Ergriffenheit, wenn sie dann schlussendlich mit Tränen in den Augen vor der Kathedrale in Santiago de Compostela stehen, erfüllt vom Erlebten des Weges, ergriffen vom erreichten Ziel.

 

Über 347.000 waren es in 2019. Ein Jahr später in 2020 Corona-bedingt nur rd. 54.000. Jetzt im Mai 2021 schon wieder knapp 4.300, nur knapp 10% von 2019, aber immerhin. Heute morgen (Samstag, 5. Juni) waren es 476 glückliche Pilger. Was beneide ich sie. Und die Zahl wird ja ab 7. Juni sprunghaft in die Höhe schnellen. Warum? Touristen-Ausländer dürfen mit Impfpass wieder ins Land. Viele Spanier bevorzugen erfahrungsgemäß Sarria als Startpunkt, der Leser weiß warum, Auswärtige werden vermutlich mehrheitlich mehrere Hundert Kilometer pilgern wollen, wenn nicht von den Pyrenäen, dann mindestens ab Leon.

 

Ich würde die Meseta nicht missen wollen. Für mich echter Camino Frances.

Burgos - León: 187 Kilometer. Tardajos, Rabe, Hornillos del Camino, San Bol, Hontanas, San Anton, Castrojeriz, San Nicolas, Itero de Vega, Boadilla del Camino, Fromista, Villalcazar, Carrion de los Condes, San Zoilo, Calzadilla, Ledigos, Terradillos de los Templarius, San Nicolas, Sahagun, Hermanillos, El Burgo Ranero, Reliegos, Mansilla de las Mulas, Villarente, Alto del Portillo, Leon.

 

Abstecher für diejenigen, die nicht unter Zeitdruck stehen: 65 Kilometer südlich Carrion de los Condes. Kloster San Isidro de Dueñas. Trappistenmönch Rafel Arnaiz Baron am 11. Oktober 2009 vpn Papst Benedikt XVI. heilig-gesprochen.  Der 27-jährige Mystiker verfaßte bemerkenswert tiefe Texte; vgl. auch Journal. Jakobsweg. Ade? 15.10.2020.

 

León - Santiago de Compostela: 316 Kilometer. La Virgen del Camino, Villa de Mazarife, Hospital del Orbigo, San Justo, Astorga, Santa Catalina de Somoza, El Ganso, Rabanal del Camino, Foncebadon, Cruz de Ferro, Manjarin, Acebo, Riege de Ambros, Molinaseca, Ponferrada, Cacabelos, Villafranca del Bierzo, Trabadelos, Vega de Valcarce, La Faba, O Cebrreiro, Triacastela, San Xil, Sarria, Barbadelo, Morgade, Portomarin, Ligonde, Airexe, Palas de Rei, San Xulian, Melide, Castaneda, Ribadiso, Arzua, Santa Irene, Pedrouzo, Lavacolla, Monte de Gozo, Santiago de Compostela.

 

Umweg San Salvador. Leon - Oviedo: 120 Kilometer. "Gehst Du nach Santiago und nicht nach San Salvador, so besuchst Du den Diener und vergisst den Herrn!" Wer also den mittelalterlichen Pilgern folgen will, der akzeptiert gerne den Abstecher von León nach Oviedo zur Kathedrale San Salvador. Bitte auch die Seiten Leon bzw. Camino Primitivo anklicken.

 

Praza do Obradoiro. Fremde Menschen liegen sich weinend in den Armen. Dankbarkeit strahlt aus den Gesichtern. Mit einem Male ist alle Mühsal vergessen, das stundenlange Gehen, das Drücken des Rucksacks, die Schmerzen, die Fußblasen, die Hitze, der peitschende Regen, die Berge, das Geröll, das "sinnlose" Dahintrotten, die Gedanken über den vorzeitigen Abbruch, das Schnarchen der Mitpilger, der "Kampf" um einen Herbergsschlafplatz, das laute Geschnatter auf dem Weg.

 

Jetzt, nach der Pilgermesse in der Kathedrale, zählt in der Gesamtschau nur noch die Zufriedenheit über das Erreichte. Der Jakobsweg ist besonders, auf keinem anderen Wanderweg sind diese Emotionen spürbar, nirgendwo spüren die Menschen was der Camino de Santiago an ihnen als Pilger bewirkt.

 

SAMSTAG, 12. Juni 2021. TRANSLATIONS-LEGENDE. Ob Legende oder nicht, Fakt ist, viele Christgläubige sind, wie ich, davon überzeigt, dass sich die leiblichen Überreste des Apostels Jakobus im Schrein der Kathedrale von Santiago de Compostela befinden. Eine "Legende" spricht von zwei Jüngern, Atanasio und Teodoro, die den Leichnam des Heiligen mit Hilfe von Engeln über das Meer geführt haben - von Israel an die Westküste Hispanias; vgl. dazu auch Pkt. Auf den Spuren des heiligen Jakobus - vgl. auch Menüpunkt Jakobus in Spanien. Legende oder wahr? Eine Analyse.

 

Meine Legende

"Iria Flavia (heutiges Padrón). Mitte des 1. Jahrhunderts. Seit Stunden wartet der iberische Ritter am Flußufer der Ria (heute Rio Sar bzw. Rio Ulla), an einem Meilenstein, den die Römer hier gesetzt hatten, dem pedrón.

 

Es wird nicht mehr lange dauern, von weitem sieht er schon das Schiff, das den toten Apostel hierherbringen soll. Von Engeln auf wundersame Weise übers große Meer geführt, unterstützt von den Getreuen des Jakobus, nämlich Atanasio und Teodoro. Unwillkürlich schießen dem Ritter die Gedanken durch den Kopf: Ja, Jakobus war schon einmal hiergewesen. Dort drüben, fast mit den bloßen Augen zu sehen, hatte der Heilige seine erste Predigt auf iberischem Boden gehalten, dort, wo er sich selbst hat bekehren lassen, als einer der wenigen.

 

So, und nun kehrt der Heilige doch noch zurück, in sein Spanien. Schon bald wird der Ritter Atanasio und Teodoro helfen, den enthaupteten Leichnam ins Landesinnere zu bringen, auf einem Ochsenkarren nach Compostell. Voller Freude sieht er das helle, gleißende Sternenlicht, das das Boot und den Apostel umgibt. Hatte nicht auch der Stern von Bethlehem den Weisen den Weg zur Krippe Jesu gezeigt?

 

Das Pferd scheut, reist sich vom Stein los, galoppiert geblendet in die Fluten der Ria. Minuten später liegt der Ritter auf den Planken des Schiffes, über und über bedeckt mit Muscheln, mit Jakobsmuscheln. Wie hat das geschehen können? Ja, so muss es gewesen sein. Der heilige Jakobus hat ihn gerettet, seine Getreuen ihn auf jeden Fall ins Boot gezogen. Und jetzt liegt er da, immer noch benommen vom Sturz ins Wasser, hunderte von Muscheln auf seinem Körper. Er wird einige mitnehmen, zum Zeichen seiner wundersamen Rettung.

 

Ja, so könnte es sich doch abgespielt haben, oder?"

 

Heute gedenken die Gläubigen einmal im Jahr dieses Ereignisses und wallfahren zum Santiaguino do Monte, zum Jaköbchen vom Berge. Der römische Meilensteinder pedrón, an dem das Boot des Heiligen festgemacht hatte, befindet sich heute in der Jakobuskirche in Padron, in der Iglesia de Santiago Apóstol, rd. 25 km von Compostela entfernt. Neben diesem wertvollsten Stück der Jakobstradition gibt es dort Steininschriften, denen weiteres über die Heiligenlegende zu entnehmen ist. Der erste Erzbischof von Santiago de Compostela, Diego Gelmírez (1069 – 1149), ließ am Ufer der Sar nicht nur einen Hafen (Kai) anlegen, er kümmerte sich auch um die Rekonstruktion der vorhandenen Kirche. 

 

MONTAG, 14. Juni 2021.  ZÜNDE EINE ONLINE-KERZE AN. DONATION.

Warum nicht die Kathedrale von Santiago de Compostela unterstützen? Zum Beispiel fünf oder zehn Euro für einen guten Zweck.

 

"You never leave the Way of Saint James as you walked in; the magnitude of this change, the direction you take, will change you. You decide how. The of Saint James is a path to your inner self.

 

The Cathedral of Santiago welcomes your donations to keep the online candelabra lit. Contributions will be used to ensure the daily operations of the Cathedral and facilitate its character as an open space of prayer and cultural interest for everyone.ce of prayer and cultural interest for everyone."

WEITERLESEN KATHEDRALE:

 

SAMSTAG, 19. Juni 2021. ALLENSBACHER FORSCHUNGSINSTITUT: DER PLÖTZLICHE VERFALL BEGANN 1968 NACH DEM KONZIL.

Wer meine Webseiten auch nur querliest, wird rasch feststellen, dass mich Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. fasziniert. Ein Jahrhunderttheologe. Als junger Professor schrieb er im Oktober 1958 für die Zeitschrift „Hochland“ einen brillanten Aufsatz. Seine Vorahnungen sind eingetreten. Das christliche grundierte Europa Geburtsstätte eines neuen Heidentums.

 

"Dieses dem Namen nach christliche Europa ist seit rund vierhundert Jahren zur Geburtsstätte eines neuen Heidentums geworden, das im Herzen der Kirche selbst unaufhaltsam wächst und sie von innen her auszuhöhlen droht. Das Erscheinungsbild der Kirche der Neuzeit ist wesentlich davon bestimmt, dass sie auf eine ganz neue Weise Kirche der Heiden geworden ist und noch immer mehr wird: nicht wie einst, Kirche aus den Heiden, die zu Christen geworden sind, sondern Kirche von Heiden, die sich noch Christen nennen, aber in Wahrheit zu Heiden wurden. Das Heidentum sitzt heute in der Kirche selbst, und gerade das ist das Kennzeichnende sowohl der Kirche unserer Tage wie auch des neuen Heidentums, dass es sich um ein Heidentum in der Kirche handelt und um eine Kirche, in deren Herzen das Heidentum lebt." - vgl. Die Tagespost vom 19. Juli 2018, Artikel von Martin Lohmann - Gottes Werk oder Runder Tisch.

 

Prälat Prof. Georg May folgte ihm am 8. November 1992 mit seiner Rede, gehalten in Düsseldorf, zum Priestertum in der nachkonziliaren Kirche. Der Professor empfindet es als unbegreiflich, dass katholische Theologen, die mittlerweile protestantisch denken, weiterhin an katholisch-theologischen Fakultäten wirken dürfen. Jede Partei würde Mitglieder ausschließen, die nicht nur nicht mehr die Fundamente der Partei vertreten, sondern gar gegen sie agitierten. Unnötig hinzuweisen, dass jedes Unternehmen gleichermaßen handeln würde. In der katholischen Kirche jedoch sähe es anders aus. Es werde schlichtweg hingenommen, dass ihre Priester wie Pastoral- und Gemeindereferentinnen durch Wort und Tat die Fundamente der Kirche untergraben. Diese Kräfte würden gar gehegt und genährt und nicht daran gehindert, die Kirche von innen heraus zu zerstören. Eine Gemeinschaft, in der die eigenen Repräsentanten/Protagonisten gegen Lehre und Verfassung anrennten, verlöre alles Ansehen und werde verächtlich.

Quelle: Sonderausgabe Una Voce, April 2021, Seiten 22 und 23. Zum 70. Weihejubiläum von Prälat Prof. Dr. Georg. May.

 

Papst Benedikt XVI. bekräftigte in Teilen diese "Anwürfe" im Rahmen der Aufarbeitung der Mißbrauchsfälle: Die Kirche werde in erster Linie von innen, nicht von außen zerstört.

Eine Woche vor seinem Rücktritt am 28. Februar 2013 hatte ich die Gelegenheit, live seine Ansprache an die römischen Priester zu verfolgen. Er legte sein Konzept beiseite und „erzählte“ vom Konzil, vom Konzil der Medien und vom Konzil der Väter: brillant. Ergänzend dazu einige Sätze von ihm als Professor und als Papst.

Am 11. Februar 2009 sprach Papst Benedikt über das Petrus-Amt, also über Identität und Kontinuität. Für ihn war und ist es unerträglich, von einer vor- und nachkonziliaren Kirche zu sprechen, quasi von Dummen, Rückständigen und Fortschrittlichen und Guten. Denn zu Ende gedacht hieße das doch wohl, dass auch die Gründung/Stiftung der Kirche durch Christus doch "vorkonziliar" wäre, auch alle Apostel und fast alle Heiligen von der heiligen Cäcilia bis zu Edith Stein wären es demnach.

 

In seinem Vorwort zu einem Band der Gesamtausgabe seiner Werke zum II. Vaticanum brachte der Papst am 2. August 2012 auch einen Vorbehalt bezüglich bestimmter Inhalte in den Dokumenten Gaudium spes (Pastorale Konstitution) und Nostra aetate ("in unserer Zeit": Anfangsworte der Erklärung über die Haltung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen) zum Ausdruck. Nicht von ungefähr pflegen/pflegten große Teile des deutschen Episkopats (Gesamtheit der Bischöfe) eine deutliche Aversion gegenüber diesen ihren deutschen Papst.

 

Als Theologieprofessor 1971. "Wie konnte es zu dieser merkwürdigen babylonischen Situation kommen in dem Augenblick, in dem wir ein neues Pfingsten erhofft hatten? Wie war es möglich, dass gerade in dem Moment, in dem das Konzil die reife Ernte des Erwachens der letzten Jahrzehnte eingebracht zu haben schien, statt des Reichtums der Erfüllung sich plötzlich eine unheimliche Leere ergab? Wie konnte es geschehen, dass aus dem großen Aufbruch zur Einheit der Zerfall hervorkam?" 

Quelle: "Credo für heute - Was Christen glauben", Joseph Ratzinger / Benedikt XVI., Verlag Herder, Freiburg, 2006; Seite 192; zitiert aus seinem Buch mit Co-Autor Hans Urs von Balthasar "Warum ich noch in der Kirche bin"; Kösel-Verlag, München, 1971. 

 

Als Theologieprofessor 1975 - zehn Jahre dem Konzil:  „Daß unsere Kirchen, unsere Priesterseminare, unsere Klöster leerer geworden sind in diesen zehn Jahren, kann sich jeder von den Statistikern zeigen lassen, wenn er es selbst nicht bemerkt; daß das Klima in der Kirche zeitweise schon nicht mehr bloß frostig, sondern nur noch bissig-aggressiv war, braucht auch nicht umständlich bewiesen zu werden; daß allenthalben Parteiungen die Gemeinschaft zerreißen, gehört zu unseren täglichen Erlebnissen, die die Freude am Christlichen bedrohen. Wer solches sagt, wird schnell des Pessimismus geziehen und so aus dem Gespräch gestellt. Aber hier handelt es sich ganz schlicht um empirische Fakten, und sie leugnen zu müssen, verrät schon nicht mehr Pessimismus, sondern eine stille Verzweiflung“. Quelle: Summorum. Pontificum.de

 

MEIN FAZIT: Zurück zum Konzil der Väter, nicht zum Konzil der Medien, nicht zum Konzil der mittlerweile protestantisierten Kleriker, Bischöfe, Pfarrer, Pastoren, Gemeinde – und Pastoralreferenten. Zurück zu der von Jesus Christus gestifteten einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche - mit allen Konzilen vom Apostelkonzil um 48 nach Christus, über das Konzil von Trient bis zum dem Zweiten Vaticanum 1962 bis 1965. Das Motu Proprio Summorum Pontificum von Papst Benedikt XVI. aus 2007, wonach die Alte Messe, die Missa Tridentina, die Messe aller Jahrhunderte, wieder gleichwertig und gleichrangig zelebriert werden darf (ein explizites Verbot hatte es nie gegeben), muß erhalten bleiben. Papst Franziskus und die Kurie sollten von einer Neu-Bewertung Abstand nehmen. Sie riskierten ansonsten eine Spaltung der Kirche.

 

SAMSTAG, 26. Juni 2021. DIE KIRCHE WIRD IN ERSTER LINIE VON INNEN ZERSTÖRT - NICHT VON AUSSEN. Gut festzumachen in der katholischen Kirche in Deutschland. Unter der Sonne nichts Neues. So könnte man die derzeitige Situation der katholischen Kirche in Deutschland charakterisieren. Die heftigen Diskussionen sind alle schon geführt worden – vor gar nicht langer Zeit in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1962-65 allemal.

Heutige Stichworte: Synodaler Weg und Maria 2.0 unter Mitwirkung von Bischof Georg Bätzing von Limburg als Vorsitzendem der deutschen Bischofskonferenz, u.a. den (Erz-)Bischöfen Marx (München), Akkermann (Trier), Bode (Osnabrück), Heße (Hamburg) und Thomas Sternberg, dem Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken: Frauenpriestertum, Wegfall des Zölibats, Mobbing des unliebsamen Kölner Kardinals Woelki. Diesen Protagonisten geht es um Macht in der Kirche, Angleichung an den Zeitgeist: nicht mehr und nicht weniger. Der Glaube an den Auferstandenen spielt nur noch eine untergeordnete Rolle. Ganz anders bei den Bischöfen aus Regensburg, Passau, Görlitz: Voderholzer, Oster und Ipolt.

 

Die Predigten von Joseph Ratzinger, zumeist als Erzbischof von München-Freising und später als in Rom bei der Kurie residierender Kardinal und Chef der Glaubenskongregation, belegen dies  anschaulich; nachzulesen in seinen Gesammelte Schriften. Predigten: Homilien – Ansprachen – Meditationen. Bände 14/1-3. Herder Verlag 2019. Ein sagenhafter Fundus tut sich hier auf. Nicht umsonst nannte ihn Bischof Rudolf Voderholzer aus Regensburg in 2020 den größten Prediger seit den Päpsten Leo dem Großen (4. Jh.) und Gregor dem Großen (5./6. Jh.) Für viele der Jahrhundert-Theologe schlechthin.

 

1950: "Augustinus hat einmal in einer Predigt zu seinen Gläubigen gesagt: Wie oft betet ihr nicht: Zu uns komme Dein Reich und denkt dabei: Wenn es nur noch möglichst lange ausbleibt. Versuchen wir in diesem Advent ein klein wenig doch von jener atemberaubenden Hoffnung zu lernen, die am Morgen des Christentums so lebendig war." 1. Adventssonntag, 3. Dezember 1950. Freising, S. 48.

 

1971: "Das Zeitgemäße sei das Gute – gilt diese Meinung heute nicht bis weit in die Kirche hinein und zu den Kirchenmännern hin? Und muß man nicht sagen, dass damit nach dem überall verkündeten Tod des christlichen Gottes wieder der alte Chronos seinen Platz als oberster Gott eingenommen hat." - Ansprache 1971 zum Jahreswechsel, Bayerischer Rundfunk, S. 295.

 

1976: "Der Dienst des Priesters aber ist es, Evangelist zu sein, die Menschen ans Licht zu führen, und so wahrhaft Diener des Lebens zu werden. Sein Dienst ist es, ihnen die Weite der Wirklichkeit, die Welt Gottes zu zeigen und damit gerade auch Alltäglichkeit hell und sinnvoll zu machen." - Primizpredigt für Benedikt Voss, Menschenfischer im Dienst der Kirche, 4. Juli 1976, S. 1765.

 

1976:Selbst Theologen erwägen die Frage, ob man die Beichte nicht zweckmäßig durch Gespräche mit Rechtsanwälten, Psychologen, Soziologen ersetzen sollte: Es gibt eigentlich keine Sünde mehr, nur noch Probleme.“ Februar 1976. S. 755.

 

1977: "Die großen Kräfte der Versöhnung in der Geschichte sind immer von den großen Glaubenden gekommen und die Verwüstungen der Geschichte waren immer das Ergebnis des Glaubenszerfalls der emanzipierten Eigenmacht, die sich keinem Gott mehr verantwortlich wußte." Silvester, München 1977: Zwischen Terror und Hoffnung aus dem Glauben, S. 177.

 

1978: „Die Kirche ist nicht ein Club von hochgestochenen Intellektuellen; sie hat sich aus den Einfachen versammelt.“ – 29. Januar 1978, S. 743.

 

1978: „Denn in all den nachkonziliaren Debatten um das Amt und um die Strukturen der Kirche und in dem vielfältigen täglichen Kleinkram und seinem Streit tun wir in Wirklichkeit dasselbe. Der Rangstreit der Jünger geht in vielgestaltiger Weise weiter. Und obwohl wir immer wieder das Evangelium hören, obwohl es 2000 Jahre verkündigt wird, sind wir offenbar nicht imstande, wirklich etwas von Herrn zu erlernen. Denn das Evangelium kann man eben nicht wie irgendeinen technischen oder mathematischen oder einen Sprachkurs der Reihe nach mit dem Verstand verstehen. - Joseph Ratzinger. Gesammelte Schriften. Band 14/2 Predigten. Taufe und Becher. München, 31. Mai 1978. S. 759

 

1979: "Die Kirche könnte noch so mächtig sein, noch so viel Geld und Einfluß haben - wenn dieses Bekenntnis ('Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes' - Mk 8,29) verdorren würde, dieses innere Ja zu Christus, das Leben von ihm her als dem Sohn Gottes -, dann würde alles Übrige schnell einstürzen, und auch unser eigenes Christsein würde nicht lange bestehen." - Predigt zum 24. Sonntag im Jahreskreis, 15. September 1979, S. 936.

 

1979:  "Zu der Botschaft vom Reich Gottes gehören zwei Sätze, die nur einer sind: 'Das Reich Gottes kommt. Bekehrt Euch!' (Mk 1,15). Und dieses Wort 'Bekehrt Euch' müssen wir vom Hebräischen her übersetzen: 'Kehrt um!' - Lebt anders. An das Reich Gottes glauben, ist nicht eine Theorie, sondern es heißt: anders leben!" - Anders leben, 1. Fastensonntag, 4. März 1979, S. 327.

 

"Das seelische Erdbeben, das seit der Mitte der sechziger Jahre die Landschaft der Menschheit bedroht, ist auch bedingt durch die Mutlosigkeit, die Feigheit und die Glaubensarmut von uns Christen, durch unsere kindische Anbiederung an alles, was vom Zeitgeist als das Neueste angepriesen wird."  Seite 182.

 

1979: "Im Christentum geht es nicht um ein Gemeindekränzchen, um eine Freizeitunterhaltung, um einen Wohlfahrtsverband oder um ein politisches Gegenprogramm. Es geht um mehr: Gott hat uns angesprochen. Gott will uns." - Weihnachten, 25. Dezember 1979, München: Das wunderbar Geschaffene hat Gott noch wunderbarer erneuert, S. 159.

 

1981: "Christliche Liebe verzichtet auf das eigene Recht, aber nicht auf das Recht der anderen. - Man kann und darf niemals auf das Recht selbst, auf die Wahrheit selbst verzichten und das Unrecht, die Lüge anbeten."  - Silvester, München 1981: In Frieden leben: Anforderungen an Staat und Kirche, S. 221.

 

"Wenn die Religion und ihre Werte schaffende Macht nur im Privatleben Geltung haben (soll), dann wird die Öffentlichkeit werteleer, moralleer, gottleer."Seite 230

 

1984: "Das Gute im Menschen und in der Welt sichtbar machen! Die neue Gerechtigkeit ist das Anklagen, das Denunzieren. Es genügt sich selbst, wird zum eigentlich moralischen Akt des Menschen,  der Journalisten." - Rom, 27. Januar 1984, Messe für die Journalisten, S. 1341.

 

1989: „Wo gibt es heute noch Begeisterung darüber, der Kirche zuzugehören, Freude, ein Christ zu sein, Stolz darauf, Gott zu kennen, von ihm gekannt, angeredet, ja, geliebt zu sein. Stattdessen erscheint die Kirche nur rundum als ärgerlich: Die einen ärgern sich über das, was sie die ‚Amtskirche‘ nennen und von der sie sich ständig tyrannisiert fühlen: Und jeden Tag hören wir auf allen Kanälen, was wir dabei alles zu erleiden meinen.“ - Altötting, 15. Januar 1989, S. 711.

 

„Wir wollen ‚Kirche machen‘; wir wollen den Glauben selber ausdenken, sodass er für die Menschen verdaulich ist und bei ihnen ‚ankommt‘“w. v. S. 712.

 

1995: "Die Kirche wird auch heute nur in dem Maß Menschen überzeuge können, in dem ihre Verkünder bereit sind, sich verwunden zu lassen. Wo die Leidensbereitschaft  fehlt, fehlt die wesentliche Wahrheitsprobe, auf die die Kirche angewiesen ist." - Ansprache im Bayerischen Rundfunk, 29. Juni 1995; S. 1443,

 

1999: "(...) der Spruch >Jesus Ja, Kirche Nein< ganz töricht ist. Wir können Jesus nicht allein für sich selber haben, dann schafft sich jeder seinen eigenen Jesus und verherrlicht darin nur sich selbst." - Altötting, 14. März 1999. 4. Fastensonntag: Sich in die Liebe Gottes stellen, S. 368.

 

2001: "Nun sagt uns Paulus: Dieses Glaubensbekenntnis haben wir nicht erfunden, das kann man nur empfangen vom Heiligen Geist. Das bedeutet: Die Kirche und der Glaube der Kirche werden nicht von uns ausgedacht." - Pfingsten. Pentling, 2001, S. 624.

 

2002: "Der Bischof muß um den Frieden Christi, den Frieden in der Wahrheit ringen und daher auch ein Bekennender sein, der der Lüge entgegentritt." - Regensburg, 6. Oktober 2020. Aus der Kraft des Glaubens wieder recht zu leben lernen. S. 1826.

 

2002. "Aber es gibt (heute) neue und nicht weniger grausame Weisen der Folter (als im Mittelalter). Mit der Macht der Medien kann man Menschen an den Pranger stellen und kann sie zerreißen. Mit ihrer Macht kann man Menschen zum Schweigen bringen." - Fulda, 22 Juni 2022. Fürchtet Euch nicht - in einer Wolfswelt. S. 781.

 

2008 als Papst Benedikt XVI.   "Wenn der moderne Mensch seine totale Unabhängigkeit von Gott erklärt, wird er zum Sklaven seiner selbst und findet sich oft in einer trostlosen Einsamkeit wieder. Die Aufforderung zur Umkehr ist da ein Antrieb, in die Arme Gottes, des zärtlichen und barmherzigen Vaters, zurückzukehren, ihm zu vertrauen, sich ihm als Kinder anzuvertrauen, die von seiner Liebe erneuert werden. […] Umkehren bedeutet demnach, sich von Jesus ergreifen zu lassen (vgl. Phil 3,12) und mit ihm zum Vater „zurückzukehren“. Die Umkehr bringt es also mit sich, dass man sich demütig in die Schule Jesu begibt und vorangeht, indem man fügsam seinen Spuren folgt." – Generalaudienz, 6. Februar 2008, Aschermittwoch.

 

FREITAG, 9. Juli 2021. DURCH LA RIOJA.

Ich bin gespannt, wie sich die weitere Situation darstellen wird. Man könnte fast schon von einem kleinen Run sprechen. An manchen Tagen ließen sich tatsächlich über 800/900 Pilger im Pilgerbüro registrieren, holten sich die nach wie vor begehrte Compostela. Das deutsche Auswärtige Amt macht jetzt - zumindest den deutschen Pilgern gegenüber - einen Strich durch die Rechnung. Ab Sonntag, 11. JUli `21 gilt ganz Spanien als Risikogebiet. Spielverderber oder Realisten. Man wird sehen. Vor einigen Tagen hatte Außenminister Heiko Maas noch das Gegenteil behauptet, davon gesprochen, dass Spanien nicht zum Risikogebiet erklärt werden würde. War er nicht richtig informiert?

 

Wie auch immer, den nächsten Camino wird es geben, für mich, für Sie, für Euch. Einige wenige Sätze meines Berichtes hellen vielleicht die Stimmung auf.  

 

DER WEG DER HEILIGEN. Wird sich der Pilger bewußt sein, dass vor ihm auf diesem Weg schon sehr viele heilige Söhne der Kirche liefen? San Formerio, San Prudencio de Armentia, San Millan de la Cogolla, Santo Domingo de Silos, Santo Oria de Villavelayo, San Gregorio Ostiense und last but not least Santo Domingo de la Calzada wie San Juan de Ortega. Auch Franz von Assisi soll hier seine Spuren hinterlassen haben, gründete unterwegs einen Konvent. Für die historisch-kritischen Exegeten hat es den Heiligen natürlich mitnichten nach Spanien verschlagen.

 

Reisebericht Westwärts nach Galicien. "Stundenlang ist fast keiner weit und breit zu sehen, und was noch wichtiger ist, es ist still. Kein Geplapper.  Genauso hatten wir es uns vorgestellt. Zeit zum Meditieren: Nichts Existentielles, nein, nur den Gedanken freien Lauf lassen oder gar nicht denken; Fauna und Flora beobachten. Jedoch: Auf der 19. Etappe von Carrion de los Condes nach Calzadilla de la Cueza wird alles anders sein. Das Geschnatter raubte einem die Sinne.

 

Der Liber Sancti Jacobi / Codex Calixtinus, ein lateinisch verfaßter Pilgerführer des 12. Jahrhunderts schreibt unheilvoll: "(...) und hinter Los Arcos (...) fließt ein Strom, dessen Wasser den Pferden und Mannen, die aus ihm trinken, den Tod bringt."

 

Ritter Arnold von Harff geht 1499 auf die heutige Provinzhauptstadt Logrono ein: " (...) nach Logrono 1 Lieu (Entfernungsangabe), einer Stadt des Königs von Spanien. Hier reitet man über eine steinerne Brücke. Der Fluss heißt Ebro. Dort endet das Königreich von Navarra. In Logrono untersucht man dich, ob du Handelsgüter bei dir hast. Für sie musst du Zoll zahlen."

 

SONNTAG, 11. Juli 2021. MIT CHARLES FOUCAULD DEN INNEREN SCHWEINEHUND ÜBERWINDEN.

Auf dem Camino gibt es trotz aller Unkenrufe genug Zeit, in sich zu kehren, mit dem Herrgott ins Gespräche zu kommen; jetzt während der Pandemie allemal. Probiert es aus.

Wer mehrere hundert Kilometer gegangen ist, kennt die Situation, dass man am liebsten aufgeben möchte. Der physische wie psychische Druck scheint übermächtig. Wie sich aus dieser mißlichen Situation befreien? Aufgeben: nein. Ins Taxi und/oder in den Bus steigen: auch nicht das Wahre. Mit Pilgern sprechen: könnte klappen.

 

INNEHALTEN, SCHWEIGEN, MEDITIEREN

Am Besten in einer Kirche, einer Kapelle, für sich allein. 10 Minuten reichen. Das weltberühmte Gebet der Hingabe von Charles de Foucauld ist prädestiniert, sich darüber im Klaren zu werden, was man wirklich will.

 

Gebet der Hingabe - mir wieder in Erinnerung gerufen von der US-Amerikanischen Webseite Catholic Daily Reflections am heutigen Sonntag, 11. Juli. Werft einmal einen Blick auf die Webseite für den Seliggesprochenen (1858-1916) resp. auf seine Biografie: Vom Nichtgläubigen zum Priester, Mönch, Eremit und Mätyrer, in Algerien von Senussi ermordet. Text englisch wie deutsch.

 

Prayer of Abandonment

Father,
I abandon myself into your hands; do with me what you will.
Whatever you may do, I thank you: I am ready for all, I accept all.

Let only your will be done in me, and in all your creatures –
I wish no more than this, O Lord.

Into your hands I commend my soul: I offer it to you with all the love of my heart,
for I love you, Lord, and so need to give myself,
to surrender myself into your hands without reserve,
and with boundless confidence, for you are my Father.

 

GEBET DER HINGABE

Mein Vater,

ich überlasse mich dir, mach mit mir, was dir gefällt.
Was du auch mit mir tun magst, ich danke dir.
Zu allem bin ich bereit, alles nehme ich an.
Wenn nur dein Wille sich an mir erfüllt und an allen deinen Geschöpfen,
so ersehne ich weiter nichts, mein Gott.
In deine Hände lege ich meine Seele; ich gebe sie dir, mein Gott,
mit der ganzen Liebe meines Herzens, weil ich dich liebe,
und weil diese Liebe mich treibt, mich dir hinzugeben,
mich in deine Hände zu legen, ohne Maß, mit einem grenzenlosen Vertrauen;
denn du bist mein Vater.

 

Für weitere Meditationen bitte Menüpunkt PILGER AUF DEN SPUREN aufschlagen (bitte scrollen).

 

DONNERSTAG, 22. Juli 2021. WIR LEBEN IN KOMISCHEN ZEITEN.

Pandemiezeiten. Zeiten des Niedergangs der Kirche? Die Flutkatastrophe tut ein Übriges. Die Regierung und ihre ihr angeschlossenen Institutionen deklamieren unverdrossen, alles richtig zu machen resp. gemacht zu haben. Grauslich. Die Bürger und Bürgerinnen staunen, glauben ihr aber, frei nach Heinrich Mann, als Gerngläubige mehrheitlich. Die vielen Toten in den Altersheimen: Schwamm drüber. Die Toten in den Überschwemmungsgebieten von NRW und Rheinland-Pfalz: Schwamm drüber.

 

Die EU-Kommission meint, Ungarn und Polen mangelndes Demokratieverständnis attestieren zu müssen und sitzt dabei, Deutschland und Holland als größte Kritiker inklusive, selbst im Glashaus. Oppositionsmedien werden mir nichts dir nichts ihrer wirtschaftlichen Grundlage entzogen: Facebook , Twitter und YouTube sei Dank. Wer Regierungskritisches oder WHO-Kritisches bringt, darf nicht mehr in/auf besagten Medien schreiben, berichten, verdient kein Geld mehr. Europa spricht von Werten. Ich frage mich schon seit Jahren, welche Werte gemeint sind, dazu vielleicht später mehr, und vergißt, dass in mehreren EU-Staaten auf Monate hin die elementarsten Grundrechte außer Kraft gesetzt worden sind. Unsere obersten Gerichte, ihre Richter sind ausschließlich von den Parteien und der Regierung unter der Bundeskanzlerin bestimmt worden, schweigen, halten sich vornehm zurück, legen Beschwerden einfach aufs Eis. Ist jedem eigentlich bekannt, dass unsere Staatsanwälte Weisungsempfänger der Justizministerien sind, auf Landes- wie auf Bundesebene?

 

Journalisten arbeiten sich am Christentum ab (zählen nicht die sog. jüdisch-christlichen Werte des Abendlandes zu den viel beschworenen EU-Werten?), andere Religionen hingegen sind tabu, keiner will das Schicksal von Charlie Hebdo erleben. Berthold Seewald von der „Welt“ hat keine Skrupel, am 10. Juli 2021 Christgläubige zu beleidigen, dem trinitarischen Gottessohn Häme zu attestieren mit seiner Artikelüberschrift: „Jesu hämischer Witz über die Römer“. Am selben Tag ein Franz Alt, dem seitens der „Welt“-Redaktion Gelegenheit gegeben wird, wieder einmal in den Chor jener Halbwissender zu stimmen, die behaupten, die Bibel sei seit 2000 Jahren falsch übersetzt, das Vaterunser inklusive. Welche Anmaßung.

 

Was ist zu tun? Sich abkapseln? Keine News mehr konsumieren? Nicht im Fernsehen, nicht in Papierform? Tagesschau und "heute" ignorieren? Viele machen es so. Ich eher nicht.

 

Papst Franziskus würde am liebsten die "Alte Messe " (Missa Tridentina) komplett verbieten, nicht anders ist sein Schreiben vom 16. Juli 2021 zu verstehen. Wohl gemerkt, die Heilige Messe, die jahrhundertelang bis kurz nach Konzilsende 1965 gefeiert worden ist. Mehr hierüber auf der Hauptseite und via Menüpunkt: Missa Tridentina. Was hat den Stellvertreter Christi bewogen, so hart und unbarmherzig zu agieren? Ist das christlich, zigtausend Christen, viele junge Gläubige und junge Familien darunter, die geistliche Heimat zu entreißen? Vgl. dazu auch die Absurditäten und Auswüchse der "Neuen Messe" nach dem Konzil.

 

Was hat es mit dem 2. Vatikanischen Konzil von 1962-65 auf sich, dass Papst Franziskus, Pontifex maximus, unmißverständlich deklamiert, dass diejenigen, die nicht voll und ganz die Ergebnisse des Konzils bejahten, nicht mehr katholisch seien? Radio Horeb wie viele Bischöfe argumentieren in etwa analog. Wissen unsere Würdenträger und ihre Berater nicht, dass die Katholische Kirche ohne ihre gesamten Konzilien, beginnend mit dem Apostelkonzil von 48 n. Chr., über die Jahrhunderte hinweg absolut nicht zu begreifen ist? Inklusive des Konzils von Trient (Missa Tridentina) im 16. Jh. und des 1. Vatikanischen Konzils des 19. Jhs.?! Wie dümmlich ist es eigentlich, wenn ein Augsburger Bischof im Juni 2021 erklärt, dass der "Rückfall" (gemeint ist die kirchliche Situation während der Pandemiezeit) in vor-konziliare Zeiten ernüchtert? Hat mit dem 2. Vatikanischen Konzil eine neue Zeitrechnung der Katholischen Kirche begonnen - mit einem Federstrich? Nein. Joseph Ratzinger hat dazu schon früh Stellung genommen: als teilnehmender Professor der Konzils und Berater von Kardinal Frings, als Erzbischof von München-Freising, als Kurienkardinal und Glaubenspräfekt in Rom, als Papst Benedikt XVI.

 

Wenden wir uns lieber dem Wandern zu, dem Pilgern. Als befürchteten die Jakobspilger, dass der Camino de Santiago im Herbst der hohen Inzidenzen wegen wieder geschlossen werden könnte, gibt`s derzeit geradezu einen Run nach Compostella. Die täglichen Zahlen belegen es; vgl. Hauptseite. Innerhalb der letzten sieben Tage von Freitag, 16. Juli bis Donnerstag, 22. Juli 2021 insgesamt 7.069 Pilger und Pilgerinnen. Eine Hochrechnung dürfte sich verbieten. Die Xunta, also die Regionalregierung von Galicien, rechnet gleichwohl für 2021 mit 100.000 Pilgern und Pilgerinnen. Warten wir es ab. Wäre doch schön, nicht wahr?

 

In der katholischen Wochenzeitung „Die Tagespost“ war kürzlich ein schöner Artikel über das Wandern zu lesen, von Björn Hayer geschrieben: „Pfade der Verantwortung“ , und weiter: „Wanderschaft zwischen Zerstreuung und Moral – in Zeiten von Corona lohnt eine Philosophie über die Erkundung der Landschaft." "Im Lockdown leiden (litten) viele Menschen unter Enge. Das Wandern läßt dagegen Weite erfahren.“ Gewiss wird er sich dabei an die Zeit der Romantik orientiert haben. Auf jeden Fall eine ideale Beschreibung nicht nur des spanischen Jakobsweges; vgl. dazu Menüpunkt PILGER AUF DEN SPUREN...

 

ACHTHUNDERT strapaziöse KILOMETER

liegen vor dem Pilger mit schroffem Hochgebirge, sattgrünen Ebenen, grandiosen Landschaften. Faszinierende Gegensätze moderner Städte mit abgelegenen Dörfern, wo die Zeit stillgeblieben scheint.

 

ACHTHUNDERT KILOMETER von NAVARRA

durch La Rioja, via Burgos und León, den Provinzstädten von Kastilien-León, durch unendlich scheinende Getreidefelder der Meseta, der heißen spanischen Hochebene, durch das Land der Maragatos, über die Montes de León mit dem Cruz de Ferro, auf dem Camino duro, dem harten Weg nach O Cebreiro, durch mittelalterlich anmutende, verarmte Bauerndörfer ins hügelige, grüne, bewaldete, häufig regnerische Galicien, zum Grab des Apostels Jakobus.

 

ACHTHUNDERT KILOMETER reich an HISTORIE,

Geschichten, Heiligenlegenden, sichtbar in den romanischen und gotischen Gotteshäusern. Immer dabei im Fokus der Pilger die Jungfrau Maria und der pilgernde Jakobus zur Ehre Jesu Christi, dem Weltenherrscher, dem Pantokrator, umrahmt von seinen Aposteln, Jüngern, Evangelisten und den Protagonisten des Alten Testaments.

 

ACHTHUNDERT PILGERKILOMETER FASZINIERENDES,

Eindrucksvolles, Meditatives, Spirituelles, Traumhaftes, Leichtes, Anstrengendes, Schmerzhaftes, Liebevolles, Unvergeßliches — bis zum Grab des heiligen Jakobus nach Santiago de Compostela.

 

SAMSTAG, 7. August 2021. FAST KÖNNTE MAN MEINEN,

die Pilgerzahlen explodierten. Hatte noch die Xunta kurz vor Monatsende, die Regional-Regierung von Galicien, für den Monat Juli 25.000 Pilger prognostiziert, sind es ausweislich eines Zeitungsberichtes knapp 34.000 Pilger geworden - trotz der Pandemie. Als ob vor allem die Spanier, mit mindestens 75% stellen sie im Gegensatz zu den Vorjahren eine 3/4 Majorität der Pilger, dem Braten nicht trauen und schnell noch einmal den Camino de Santiago pilgern. Es bleibt abzuwarten, wie sich Spaniens Autoritäten, vor allem die Zentralregierung in Madrid, entscheiden werden. Ich weiß nicht, ob Spanien mit "Fachleuten" vom Schlage eines Karl Lauterbach aufwarten kann, oder Institutionen vom Range eines "RKI", oder über Medien, TV wie Print, verfügen, die täglich die Bürger mit Inzidenzzahlen überfluten: dann dürfte es bald wieder einen Lockdown geben.

 

Wie schön die Abwechslung, die katholische Wochenzeitung "Die Tagespost" im Abo zu haben. Bitte selbst einmal die Webseite anklicken, es lohnt sich.

Die Tagespost-Stiftung hat nun ein neues Internetportal kreiert: über Joseph Ratzinger / Papst (em.) Benedikt XVI. - www.benedictusXVI.org.

 

Schon der erste Blick begeistert, mich als "Fan" von Papst Benedikt XVI. allemal. 

Joseph Ratzinger, der Mozart der katholischen Theologie. "Keiner hat in 300 Jahren so tiefe Gedanken gehabt, wie er - niemand; der tiefste Denker" - sagt Filmregisseur Werner Herzog. Dr. Norbert Neuhaus, Vorstand der Stiftung, ergänzt in seinem Brief zum neuen Portal: "Sein Werk und sein internationales Wirken reichen weit über die Gegenwart hinaus und spiegeln sich in den Menschen, denen er Orientierung und geistliche Heimat gibt."

 

Es gibt nicht wenige, vor allem im deutschen Episkopat (Gesamtheit der Bischöfe) anzutreffen, die diese Einschätzung überhaupt nicht teilen, sie zeihen ihn eines überholten Denkens. Welcher Unsinn! Er wird oft angefeindet, aus theologischen und innerkirchlichen Kreisen, von den Mainstreammedien gar nicht zu sprechen. Leider hat sich nun auch sein Nachfolger Papst Franziskus in die Phalanx der Kritiker seines Vorgängers eingereiht, in dem er dessen Motu proprio zur Alten Messe aus 2007 quasi widerrufen hat. In den Hauptmedien kein Thema, wohl aber in den katholisch gefärbten.

 

Es brodelt. Entweder Franziskus nimmt sein Schreiben "Traditionis Custodes" vom 16. Juli 2021 zurück, oder er riskiert eine Kirchenspaltung, oder die Anhänger der Alten Messe gehen in den Untergrund, just so, wie es die Ersten Christen in den ersten Jahrhunderten getan haben.

 

Das alles kann nicht im Sinne des Heiligen Vaters sein. Was also bezweckt er mit seinem Angriff auf die Traditionalisten, wie er sie bezeichnet? Im April 2018 forderte er spanische Ordensleute auf, nicht "vergangener Glorie" nachzutrauern, um sodann fortzusetzen: "Aber betreibt bitte keinen Proselytismus (an sich negativ konnotierte Begrifflichkeit für Abwerbung)." Der spanische Google-Übersetzer übersetzte die spanische gehaltene Papstbotschaft mit "Aber missioniert nicht, bitte." In seiner August-Videobotschaft diesen Jahres sagt der Heilige Vater u.a. lt. Internetportal katholisches.info vom 4. August 2021:

" Beginnen wir die Reform der Kirche (Anm.: ohne zu missionieren) mit einer Reform von uns selbst. Ohne vorgefertigte Ideen, ohne ideologische Vorurteile, ohne Starrheit, sondern ausgehend von einer spirituellen Erfahrung, einer Erfahrung des Gebets, einer Erfahrung der Nächstenliebe, einer Erfahrung des Dienens. Ich träume von einer noch missionarischen Entscheidung, wo man hinausgeht, um dem anderen zu begegnen, ohne Proselytismus, und wo die Strukturen mit dem Ziel der Evangelisierung der heutigen Welt umgestaltet werden.“ vgl. dazu auch Webseite.

 

Liest man sein Motu proprio "Traditionis custodes" vom 16. Juli 2021 in diesem Lichte neu, wird man nicht umhinkommen anzunehmen, dass der Papst einen generellen Umbau der katholischen Kirche ansteuert, gar zu einer Universalkirche? Die Interkommunion bleibt bekanntlich seitens des Vatikans im Gespräch.

 

Die Frage, die sich der Heilige Vater aber zu stellen hat, ist, wie Matthäus 28,18-20 zu deuten ist: 

"Da trat Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen: Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde. 19 Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes 20 und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt." - EÜ 2016

 

Martin Mosebach hat Recht, wenn er deklamiert: "Die Tradition steht über dem Papst. Die "Alte Messe" war nie verboten gewesen, weil sie auch nicht verboten werden kann!"

 

August 2021. AUFGESCHNAPPTES.

  • "Deutschland, das Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten." - Verfasser unbekannt
  • "Souverän ist der, der über den Ausnahmezustand entscheidet" - Staatsrechtler Carl Schmitt
  • "Die wahre Tradition bestimmt Papst Franziskus" - Internetportal katholisch.de, Sprachrohr der deutschen Bischöfe
  • "Unglücklich ist, wer vor der Zukunft Angst hat." -- Seneca
  • "Laut Umfragen erwartet ein Fünftel der Befragtet bei der Bundestagswahl Wahlbetrug; weitere 18% schließen ihn nicht aus." WEITERLESEN - Weltwoche - Chefredakteur R. Köppel vor Jahren Chefredakteur bei der "Welt".

  • "Vollständig Geimpfte ähnlich ansteckend wie Ungeimpfte." - Neueste US-Studie in den Leitmedien nicht präsent. WEITERLESEN

  • Michel Houellebecq in der "Welt am Sonntag", 15. August `21: Der Selbstmord der Moderne:

  • "Die unvermeidliche Folge dessen, was wir Fortschritt nennen (auf allen Ebenen: wirtschaftlich, politisch, wissenschaftlich, technologisch), ist Selbstzerstörung." 

  • "(Die Franzosen) haben schon seit geraumer Zeit keine Religion mehr, und ihre frühere Religion ist eine, bei der man seine Kehle dem Schlachter anbietet.

  • "Hat unsere Zivilisation wirklich noch eine Substanz, auf die wir stolz sein können?" -

 

Freitag, 13. August 2021. HEUTE VOR 60 JAHREN MAUERBAU.

UMDEUTUNG DES CHRISTLICH BEGRÜNDETEN CAMINO DE SANTIAGO? Schon wieder in Spanien ein Kreuz entfernt *), so sieht es die spanische Zeitung "ABC", diesmal auf dem Monte do Gozo; vgl. auch den Artikel Galicische Zeitung vom 12. Mai 2021: Monte do Gozo - Das neue Gesicht. WEITERLESEN

*) Erinnerungen an 1932 werden wach, als die spanische Volksfrontregierung, bestehend aus Sozialisten, Freimaurern, Kommunisten und Anarchisten, alle Kreuze aus den Schulen abhängen ließ.

 

Gerade in einstmals katholischen Ländern wie Spanien, Portugal, Frankreich, Mexiko, einigen Latein-Amerikas, hat die Ent-Christianisierung wieder Fahrt aufgenommen, nur unterbrochen von einigen Jahrzehnten letztlich vermeintlicher Ruhe.

 

Die "Tagespost" vom 12. August 2021 läßt in ihrer Rubrik PRESSESTIMMEN die spanische Zeitung "ABC" zu Wort kommen. Jose Francisco Serrano titelt: In Spanien wieder ein Kreuz entfernt" und meint das weithin sichtbare Kreuz des mittlerweile abgerissenen Denkmals auf dem Monte do Gozo zu Ehren der Papstbesuche Johannes Pauls II. von 1982 und 1989. Für ihn, dem Autor der Zeilen, hätten die Landespolitiker Galiciens, was den Abriß angeht, nur bizarre Ausreden gehabt. Sicherlich gingen viele Pilger aus verschiedenen Gründen den Camino, aber zu leugnen, dass sein Ursprung in der katholischen Form des Pilgerns läge, würde ihn zur Bedeutungslosigkeit verurteilen. Übrigens, die kirchliche Hierarchie hat sich offenbar bis dato nicht dazu geäußert.

 

Der große Aufschwung sei ja erst nach dem Weltjugendtag 1989 mit Papst Johannes Paul II. in Santiago de Compostela begonnen. Im Juni 2021 hätte noch ein spanischer ehemaliger Europaabgeordneter einen Vortrag gehalten mit der Überschrift "Erinnerungen eines Pilgers auf dem Jakobsweg 2021" mit folgendem Statement:

 

"Das wahre Wesen des Europäers liegt in dem Glauben der Völker, welcher die gewaltlosen Waffen der Werte wiederentdeckten, die die Würde der menschlichen Person widerspiegeln."

 

*) "SPANIEN HAT AUFGEHÖRT, KATHOLISCH ZU SEIN."

- deklamiert am 13. Oktober 1931 vom nachmaligen Präsidenten der spanischen Republik Manuel Azana. Ein in die Geschichte eingegangener Satz, der den Bruch mit der historischen Lebensweise der Spanier besiegelte. Laut der modernen Geschichtsschreibung entsprangen diese Worte nicht einem großen Antiklerikalismus. Welche Verdrehung der damaligen Ereignisse: Die Volksfront, u.a. bestehend aus Sozialisten, Freimaurern, Kommunisten und Anarchisten, ließ mehrere Tausend Geistliche (Bischöfe, Priester) und Katholiken ermorden, mehr als 20.000 Kirchen, Klöster zerstören, etc. Ab 1932 wurden alle Kreuze in den Schulen entfernt. In Valencia rissen Aktivisten das Bild der Jungfrau Maria in der Kathedrale nieder, woraufhin Hunderte Gläubige kniend den Sühnekreuzug-Rosenkranz beteten, etc..

 

Die spanischen Bischöfe haben nun in 2021 Manuel Azana insoweit bestätigt, so der Autor von "ABC", als dass sie in ihrem neuesten Grundsatzpaper "Treu der missionarischen Sendung" deklamierten, dass die vorherrschende Kultur in Spanien keine mehr vom Glauben inspirierte sei. Das Papier nennt einen "bewußten Versuch, nach einem "neuheidnischen Entwurf" eine neue Gesellschaft aufzubauen." - Quelle u.a.: Spanische Zeitung "ABC" via "Tagespost", PRESSESTIMMEN, 5. August 2021.

 

Samstag, 21. August 2021. „WENN IHR WÜSSTET, MIT WIE WENIG AUFWAND von Verstand die WELT REGIERT WIRD, so würdet Ihr Euch wundern“, sagte einst Papst Julius III. (1550-1555). Nicht zu verwechseln mit Julius II. (1503-1513), mitnichten ein heiliger Mann, der der Nachwelt aber wundervolle Bauten schenkte, die genialsten Künstler seiner Zeit damit beauftragte. Donato Bramante: Neubau des Petersdoms. Michelangelo: Ausmalung der Sixtinischen Kapelle (ein Wunderwerk) und letztlich Raffael: die Stanzen im Vatikanpalast, nicht minder genial.

 

Zurück zu Papst Julius III. Er leitete u.a. das Trienter Konzil, heute in aller Munde (Thematik Quasi-Verbot der Missa Tridentina, Alte Messe, durch Papst Franziskus), schaffte die Mißbräuche in der Kirche ab. Wir dürfen die damalige Situation nicht mit der unsrigen vergleichen. Das fällt zugegebenermaßen vielen schwer, auch beispielsweise einem Chefredakteur einer namhafter Regionalzeitungen, wie ich vor wenigen Jahren staunend in einem längeren persönlichen Gespräch erleben durfte. Leider hatte ich weiland nicht mehr die Zeit, ihn daran zu erinnern, dass die Greueltaten des 20. Jahrhunderts mit keinem anderen Jahrhundert zu vergleichen wären.

 

Warum Julius III.? Oskar Lafontaine hat des Papstes Satz im August 2021 in den Umlauf gebracht. Bitte dreimal raten, welche Regierung er in der gegenwärtigen Situation gemeint haben könnte. Diese, durchaus kontrovers, zu diskutierende Zustandsbeschreibung macht betroffen. Heinrich August Winkler, der große Historiker (seine Abhandlung Der lange Weg nach Westen aus 2000 ist sehr zu empfehlen), wird am heutigen Samstag, 21. August 2021, in der „Welt“ mit der Headline zitiert „ Die Irrtümer der ersten Stunde rächen sich“. Bitte jetzt keine Reflexreaktion: nachher ist man immer schlauer. Nein, in seinen Büchern hat er immer wieder darauf hingewiesen, wie eben jetzt, dass der Westen seine eigene Rechtsstaats- und Demokratiegeschichte einer Jahrhunderte-langen Vorgeschichte verdankt. Ohne die Trennung von geistlicher und weltlicher Gewalt im hohen Mittelalter (Anmerkung: Das Mittelalter war herrlich), im Investiturstreit (11./12. Jahrhundert), gäbe es keine Geschichte der Gewaltenteilung in Europa, keine Geschichte des Pluralismus und des Individualismus. Schon Montesquieu (franz. Schriftsteller, Philosoph und Staatstheoretiker der Aufklärung, 17./18. Jahrhundert) habe darauf hingewiesen, dass die für das Christentum grundlegende Ur-Trennung zwischen göttlichen und irdischen Gesetzen in nicht westlich geprägten Gesellschaften nicht stattgefunden habe. Das sei der tiefere Grund für die heutigen Widerstände im fernen Afghanistan. Dieser Gedankengang wurde von mir schon seit zig Jahren vertreten, weil schlüssig nachvollziehbar.

Über sein, Winklers, nachfolgendes Statement ließe sich trefflich streiten: Der Drang, Deutschland als ein Land mit einer höheren Moral zu präsentieren, als man sie den westlichen Verbündeten attestiert, hat etwas von einem neuen Nationalismus an sich; also: Die Tendenz zur moralischen Selbstüberhöhung kommt einem deutschen Sonderweg gleich. Quelle: Literarische Welt, Seite 25, 21. August 2021

 

Warum diese lange Vorrede zum eigentlich anvisierten Thema, dem Matamoros, Abbild in vielen Kirchen entlang der Jakobswege? Nun denn, ist doch tatsächlich heuer das Domkapitular der Santiagoer Kirche endlich eingeknickt und hat die „große Statue des Maurenschlächters“ (O-Ton eines bekannten Jakobswegautors im Pilgerforum) entfernt  zwecks Renovierung, um sie dann offensichtlich im Museum einzumotten.

 

Was stört mich daran? Zum einen der vorauseilendem Gehorsam resp. die bedingungslose Angleichung unserer Kirchenoberen, all over the world, an den veröffentlichen Zeitgeist, häufig zu Lasten der katholischen Gaubensüberzeugungen, und zum anderen die moralische Überhöhung deutscher sog. Jakobswegpilger, Wanderer wäre die bessere Beschreibung, letztlich anderen Nationen und Kulturen zu attestieren, sie seien kulturell und moralisch auf niederer Stufe denn der eigenen angesiedelt. Wer sich ein wenig mit der hispanischen Geschichte auseinandersetzt, wird zweifelsfrei feststellen, dass „Germaniens“ kulturelle und religiöse Blüte erst mit Karl dem Großen begann; die Synode des „spanischen“ Elvira hingegen schon etwa fünf Jahrhunderte Geschichte war mit den Themen: Zölibat, Lebensführung, Kirchenrecht. Ein weiteres Beispiel: 11. Synode von Toledo, 675 nach Christus. Die dort festgezurrten, schwer verdaulichen, Sätze zur Trinität (Heilige Dreifaltigkeit) wurden 1215 nach Christus vom 4. Laterankonzil bestätigt, und haben heute noch Gültigkeit.  

 

  • „Der Vater ist dasselbe wie der Sohn, der Sohn dasselbe wie der Vater, der Vater und der Sohn dasselbe wie der Heilige Geist, nämlich von Natur ein Gott." (11. Syn. v. Toledo 675: DS 530).

 

  • ,,Der Vater ist nicht derselbe wie der Sohn, noch ist der Sohn derselbe wie der Vater, noch ist der Heilige Geist derselbe wie der Vater oder der Sohn" (11. Syn. v. Toledo 675: DS 530).

 

Auf meiner Webseite JAKOBSWEGE GESTERN UND HEUTE > RECONQUISTA-MAUREN… ….MATAMOROS habe ich das Thema „Matamoros“ aus meiner Sicht beleuchtet. Bitte scrollen. Nur soviel: Jede, vor allem profane Geschichte hat eine Vorgeschichte. Das scheinen einige Zeitgenossen nicht zu verstehen.

 

SAMSTAG, 28. August 2021. "EIN SCHÖNERER REISEWEG durch Spanien lässt sich nicht denken. Und Santiago de Compostela selbst ist in doppelter Hinsicht eine Wallfahrt wert".

Wer sich für Spaniens Geschichte interessiert, damit für den Camino de Santiago, und dies nicht aus dem Blickwinkel des Mainstreams tun will, der wird James A. Micheners Buch aus 1968/69 Iberia. Reisen und Gedanken lesen wollen. Es wird nicht einfach sein, es sich zu besorgen. Copyright in Deutschland by Random House. Dromerische Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. München, 1969. James A. Michener (1907-1997) war ein US-Schriftsteller von Weltruhm, Pulitzer-Preisträger. Seine Reiseberichte gelten als gut recherchiert

 

Der Autor schreibt im XIII. Kapitel ausführlich über Santiago de Compostela, wie über seine Wallfahrt im Sommer 1966 von Pamplona aus, eingedenk seines Gelübdes, nach der Genesung seines schweren Herzanfalls in 1965 nach Santiago zu pilgern. Sein Buch endet mit den Worten: „Und während ich stand und schaute, legte ich fast unbewußt den Arm um die steinerne Schulter Santiagos, meines Namenspatrons, des Schutzheiligen Spaniens.“

 

Auf den vorangegangenen Seiten geht er sehr eindrücklich und ausführlich auf die spanische Geschichte ein, beschreibt berühmte Gestalten, nähert sich den Protagonisten des Spanischen Bürgerkriegs, der Re-Conquista, der Schwarzen Legende, etc., ist begeistert von den zauberhaften maurischen Palästen und Gärten von Cordoba, Sevilla und Granada, nicht weniger von den verschiedenen Landstrichen Spaniens, den hitzeflimmernden Hochebenen Kastiliens undsoweiterundsofort; kurzum vom im ursprünglichen Wortsinn „eigenartigsten“ Land Europas.

 

Auszug Seite 137: „Einst wurde die Kluft (zwischen Moslems und Christen) durch eine in der Moschee (von Cordoba) aufbewahrte Reliquie noch vertieft: Mohammeds Arm. Es war der heiligste Gegenstand im ganzen moslemischen Spanien, den die maurischen Feldherren anriefen, ehe sie gegen die Christen loszogen. Mohammeds starker Arm flößte den Muslimheeren Kampfesmut ein, schreckte die Gegner und siegte fast ein Jahrhundert lang in allen Schlachten – bis dann die Christen in ihrer Not einen mächtigen Beistand fanden, der ihnen Unbesiegbarkeit verlieh.“ (Anm.: Santiago Matamoros)

 

Auszug Seite 149 zur Alhambra von Granada: „Nur zwei kleine Details möchte ich erwähnen.  In einer Nische entdeckte ich zu meinen Vergnügen die Jakobsmuschel als Schmuckelement, das Wahrzeichen jener Macht, die den Islam aus Spanien vertreiben sollte. Da war sie in den Palast mit eingefügt, gerade als hätten die Mauren ihr Schicksal schon geahnt.“

 

Diese beiden Zitate zeigen, dass es sich lohnt, sich einmal mit der Gedankenwelt eines anerkannten Schriftstellers auseinanderzusetzen, der eben nicht mainstreamkonform dachte und schrieb, der allerdings dafür verschiedene Denkprozesse durchlief unterschiedlichen Ansichten auf sich wirken ließ, verglich, vor Ort recherchierte, zu eigenen Konklusionen kam, nichts nachplapperte. Diese seine von ihm auf seinen vielen Spanienreisen eruierten Erkenntnisse sind heute vergessen, nicht mehr Gegenstand der Diskussionen, würden wohl auch als political incorrect eingestuft werden.

 

"Wir verließen die Kathedrale. Pater Vinayos Begleiter schalteten die Scheinwerfer aus, und Dunkelheit breitete sich über die riesige Masse aus Glas und schlankem Stein. (...) In diesem Augenblick gingen innen in der Kirche Lichter an, und ein überwältigender Anblick bot sich mir: eine riesige Kathedrale bar aller Schwere, bar aller Mauern, in Licht und Farbe aufgelöst; frei schwebende Fenster, die in tausendfältiger Farbenpracht glühten. (...) Ehrfurchtsvoll bewunderten wir diese Schönheit." - S. 639/640.

 

Welche Kathedrale am Jakobusweg ist gemeint? Santa Maria  de Regla von Leon. Was hätte ich dafür gegeben, an jenem Tag James A. Michener begleiten zu dürfen.

SAMSTAG, 4. SEPTEMBER 2021. UND SCHON STEHT DER DEACON VOR UNS, legt seine rechte Hand auf, segnet uns. Ja, als Nicht-Schriftsteller muss man schon viel Glück und Connections haben, will man "Dinge" erleben, wie sie letztlich James A. Michener zugefallen sind. Ich möchte mehrere Highlights nicht missen. Die Etappe zum mystischen Ort Cruz de Ferro, der Segen von Pater Adalbert (Tschechien) auf der Straße nach Torres del Rio, die vielen Gespräche mit "Richter Gnadenlos", und eben jene Kathedrale von Leon, von der Michener so schwärmte (s.o.)

 

"Wer nach Santiago pilgert, kann nicht der gleiche bleiben. Die Pilger werden in ihre Heimat zurückkehren, wie die Jünger von Emmaus nach Jerusalem zurückgekehrt sind!" - Papst Benedikt XVI. am 6. November 2010 in SdC.

 

Reisebericht, 22./23. Etappe. "Kathedrale Santa Maria de Regla. Die hohen Glasfenster deuten auf das Ziel des irdischen Pilgerweges des Menschen und der Kirche hin: dem Himmel entgegen. 1.800 qm Gesamtfläche Buntglasfenster, davon drei große Rosetten mit einem Durchmesser von je acht Metern. In den Fenstern erscheint die siegreiche Kirche mit ihren Heiligen und Zeugen der Wahrheit. Jedes Glasfenster verwandelt sich in eine Quelle mit tausend Farben, voll von einer transzendendalen Nachricht: Wird das Licht zum Wort oder das Wort zum Licht? Oder wie es der mittelalterliche Pilger empfunden haben mag: vom Sichtbaren zum Unsichtbaren.

 

Rechtzeitig streben wir der Seitenkapelle zu, mit Argusaugen wachen die Bediensteten des Doms darauf, dass ich keine Fotos schieße: bitte schön nur bei der Besichtigung. Schnell füllt sich der Raum, nicht nur Pilger, viele Einheimische dabei. „Du, Elke, kniet dort nicht der Pilger, den wir schon in Atapuerca gesehen haben?“ „Ja, wirklich, er hat ein dickes Gebetbuch (ein Schott) in der Hand.“ Kurz darauf wird er vom Küster herausgebeten. „Siehste, er ist Priester, wie Pater Adalbert.“ Tatsächlich, er sekundiert dem ortsansässigen Pfarrer beim Gottesdienst, teilt die Kommunion aus. Es ist schon komisch, wen man sonst noch so hier sieht. Den Engländer von Carrion de los Condes, tief versunken im Gebet, auch noch nach Beendigung der Messe, den Peter von Sahagun und einige seiner Mitstreiter, und, und, und.

 

Minuten später, Elke und ich unterhalten uns mit dem Peter: Ich sehe ich den Pilger-Co-Zelebranten an der Kirchenmauer stehen, etwas in sein Notizbuch schreibend. Ich natürlich sofort zu ihm hin: „May I ask you something?“ „Yeah, for sure.“ Sodann schält sich heraus, er ist Amerikaner, nicht Priester, aber Diakon, zeigt mir seinen kirchlichen Ausweis; er ist Peregrino auf dem Camino de Santiago. Ich geh zu Elke zurück, erzähle ihr das, und schon steht der Deacon vor uns, unterhalten uns; er legt seine rechte Hand nacheinander auf Elkes wie auf meine Schulter, segnet uns, wir bekreuzigen uns, er wünscht uns alles Gute, verschwindet. Der Platz vor der Kathedrale ist voll von Menschen, es stört uns überhaupt nicht. Beeindruckend!" - Zitat Ende.

 

"Du verläßt den Jakobsweg niemals so, wie du ihn betreten hast. Die Richtung, in die du gehst, wird dich ändern. Du entscheidest wie. Es ist notwendig, immer mit offener Geisteshaltung zu gehen." - Quelle: Webseite Kathedrale SdC.

 

SONNTAG, 12. SEPTEMBER 2021.  TEODULO GONZALES FERNANDEZ.

16. Sonntag nach Pfingsten (Traditionelle Messe). 24. Sonntag im Jahreskreis (Neue Messe). Warum, so werdet Ihr fragen, macht er schon wieder mit einem innerkatholischen Thema auf? Das Schicksal der Kirche steht auf dem Spiel. Das Schisma ist nicht mehr weit entfernt. Die Gegensätze Kirche und Gesellschaft sind nahezu unüberwindbar geworden, mit Auswirkungen auf innerkirchliche Gruppierungen. In NRW wird ein Priester der Petrusbruderschaft (von Rom anerkannte Gemeinschaft päpstlichen Rechts) von einer örtlichen Diözesangemeinde weggemobbt, weil er es in Predigten gewagt hatte, gegenwärtige Zeitgeistthemen (Gender, LGBT, Covid-19-Impfung, Abtreibungen) anzusprechen. Weihbischof wie Generalvikar sanktionieren das Vorhaben der Pfarrgemeinde.

Folgewirkungen nicht ausgeschlossen. Dürfte sich nicht jetzt jeder am Evangelium orientierter Priester die Frage stellen, was darf ich noch predigen, welcher der anwesenden Gläubigen wird mich denunzieren?

Und was tut Rom, der Papst? Anstatt einzugreifen, der NRW-Vorgang ist ja beileibe nicht singulär zu betrachten, versucht er mit seinem Schreiben vom 16. Juli 2021 Öl ins Feuer zu gießen. Gläubige, die die Traditionelle Messe lieben, sollen heimatlos gemacht werden.

 

Welche heilige Messe hat Teodulo Gonzales Fernandez (SDB, Salesianer-Orden), der katholische Priester von Hornillos del Camino, in den 30-ziger Jahren am 16. Sonntag nach Pfingsen gelesen? Natürlich die tradionelle Messe aller Zeiten, lateinisch, spanisch. Jeder Katholik, welche Muttersprache er auch immer gesprochen haben mag, hätte Teodulo Gonzales Fernandez`zelebrierte Liturgie verstanden, wie überall auf dem Erdenrund. Dieser Priester ist am 9. September 1936 in Madrid von den roten Brigaden ermordet worden; von Papst Benedikt XVI. am 28.10.2007 seliggesprochen. Der Reihe nach.

 

Etappe 15. "Elke und ich winken ein letztes Mal Burgos zu. Die Meseta hat uns eingefangen. Hitze, Einsamkeit, keine lauten Gespräche wandernder Menschen. Exakt so habe ich mir das vorgestellt: anstrengend, heiß, still, den Gedanken nachhängen, keine Seele weit und breit. Das ändert sich im Nu nahe Hornillos del Camino. Es gibt heuer nur zwei Hostals und eine Herberge; im Mittelalter waren es mehrere inklusive einer im 12. Jh. gegründeten Leprastation. Der Run beginnt. Das erste Hostal ist ausgebucht, mit dem zweiten kann ich mich nicht verständlich machen. Bis wir raffen, dass die Eingangstür zur Herberge nur mit Krafteinsatz zu öffnen ist, vergeht kostbare Zeit. Wir wenden uns ab und merken nicht, dass sich mittlerweile im Treppenhaus eine Warteschlange gebildet kann. Erkennen rechtzeitig den Irrtum, ergattern gerade noch zwei Plätze. Es wird immer heißer. Schattenspendende Plätze sind rar geworden. Mit uns im Raum liegen Menschen aus Australien, England, Dänemark, Korea, Spanien. Eine Toilette, zwei Duschen für 10 Personen. Ein Pilgerr nutzt die Gunst der Stunde, duscht "stundenlang".

 

Die Kirche ist wider Erwarten offen, kühl dazu. In der Nähe des Altars hängt ein Bild, das mich interessiert. Ein Priester, der 1936 im spanischen Bürgerkrieg ermordet worden ist. Die veröffentlichte Meinung in Deutschland hat sich, so mein Eindruck, zu einseitig auf die Seite der Republikaner, der roten Brigaden gestellt. Wenn von Franco die Rede ist, wird von der bösen Junta gesprochen. Dabei bedeutet das Wort Junta nichts anderes als (Regional-) Regierung, überall am Wegesrand zu lesen. Nicht nur die Franquisten haben Menschenleben auf dem Gewissen, die roten Brigaden, die Sozialisten stehen ihnen nicht nach. Tausende von Priestern und Nonnen sind ermordet worden, Kirchen geschändet, abgerissen. Das aber will heute keiner wissen."

 

FREITAG, 17. SEPTEMBER 2021. DIE PANDEMIE HÄLT UNS IN ATEM. In Deutschland mehr, in anderen Ländern weniger. Wir Jakobspilger haben darunter zu leiden, deutlich zu sehen an den Zahlen des Pilgerbüros von Santiago. Nur rd. 20% Nichtspanier im Monat August. Wann hat es das je gegeben? In einem Sommermonat nur 793 Pilger aus Nordamerika, 718 aus Lateinamerika, aus Asien 193, Afrika 53 und Oceanien 17. Aus Deutschland wagten sich 878 Pilger über die Grenze, Italiener mit 2.404 Pilgern waren mutiger.

 

Was erwartet uns in den nächsten Jahren? Stichworte Pandemie und Klimawandel. Das sagen uns Institutionen wie die Rockefeller Foundation, sie hatte die Pandemie en Detail prognostiziert, schon in 2010. Der Gründer vom Weltwirtschaftsforum (Davos), Prof. Klaus Schwab, zählt zu diesem erweiterten Kreis. Alles nachzulesen in seinem Bestseller The Great Reset, für deutsche Leser beschönigend übersetzt mit Der Grosse Umbruch. Publiziert Mitte des letzten Jahres 2020, also in Pandemiezeiten. "Sobald die Coronakrise abklingt und die Menschen wieder anfangen, an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren, werden die Unternehmen zu einer stärkeren Überwachung übergehen." - Seite 194. Das dann weiters geschilderte mögliche Szenario läßt einen nur noch erbeben. Aber: Erleben wir nicht gerade (September `21) die öffentliche Diskussion darüber, dass den Arbeitgebern gestattet sein müsse, nachzufragen, ob ihre Mitarbeiter geimpft sind? Dass Nichtgeimpfte keine Lohnfortzahlung mehr erhalten sollen? Und leserbriefschreibende Angestellte zeigen gar Verständnis. Prof. Klaus Schwab ist mitnichten ein Verschwörungstheoretiker, er reiht sich ein bei den gegenwärtig wichtigsten Persönlichkeiten der Welt wie Bill Gates, Larry Fink, George Soros und den Big Five der Digitalwelt. Leider wird sein Buch in den hiesigen Medien nicht en Detail besprochen.

 

MONTAG, 27. SEPTEMBER 2021. DIE HERBERGE IST EINE WUCHT.

Impressionen Etappe 2. Einige Meter noch, Roncesvalles ist in Sicht. Einer der berühmtesten und wichtigsten Orte des Camino. Das erste am Weg liegende Refugio, laut Reiseführer eine Jugendherberge innerhalb des Klosterareals, ist geschlossen; die zweite, etwas weiter nahe der Landstraße, öffnet erst um vier Uhr. Zeit genug, im Restaurant einen wärmenden Kakao zu trinken. Glücklicherweise werde ich darauf hingewiesen, rechtzeitig für das abendliche Pilgermenü zu reservieren. 

 

Die Herberge ist eine Wucht, zumindest an diesem Tag. Es ist ein alter, mittelalterlicher Schlafsaal mit rund 120 Betten, gemanagt von Holländern. Sie ist völlig ausgebucht, manche schlafen auf Matratzen — direkt vor den Sanitärräumen. Eine traumhafte Atmosphäre, absolute Ruhe ist angesagt, keine lauten Gespräche sind zu hören.

Der Raum hat eine besondere Akustik, und der Clou des Ganzen, morgens um sechs Uhr werden wir mit sakraler Musik geweckt. Wie viele andere auch gehen Elke und ich abends zur Messe. Der mittelalterliche Pilgersegen um acht stimmt uns ein - erteilt in drei Sprachen. Die Mitpilger vom Vorabend in Huntto begleiten uns. Gemütlich sitzen wir später mit dem bayerischen Brüderpaar und Franz aus Bad Waldsee am Pilgermenütisch. Es wird in zwei Etappen gegessen, so groß ist der Andrang.

 

Fabulieren, die Gedanken springen zurück. Jeder am Tisch hat etwas zu erzählen. 

Französischer Grenzstein Saint Jacques de Compostela. Fotografieren einander. Erkennt man uns überhaupt? Das Regencape lässt nicht viel frei vom Gesicht. Die Wanderschuhe voller Matsch. Bis zum Cisa-Pass sind es weitere einhundert Höhenmeter. Jetzt läuft jeder für sich, unendlich viele steile Meter hoch auf Schotterstraßen. Der Sturm peitscht ins Gesicht. Wir sollten uns eigentlich ordentlich ausruhen; wie denn, wo unterstellen? Es regnet. Der Weg nimmt scheinbar kein Ende. Die Uhr schlägt viertel drei, stehen vor dem Rolandsdenkmal, der Ibaneta-Pass (1057 m) liegt hinter uns. Das Ende ist nun abzusehen.

 

DONNERSTAG, 30. SEPTEMBER 2021. DIE WINTER IN CEBREIRO MÜSSEN HART GEWESEN SEIN.

„Auch ich bin diese Nacht gekommen, um die Messe zu hören, denn auch ich bin eine Hirte!“ Der Mönch sprachlos, konsterniert, sodann demütig. Hatte er nicht gerade die Stimme seines Herrn Jesus Christus gehört, als sich vor ihm auf dem Altar das Brot in den Leib Unseres Herrn und der Wein in dem Kelch in Sein Blut verwandelt hatte; hatte er nicht den Bauern innerlich einen Dummkopf gescholten, an das Mysterium der Wandlung zu glauben? Alles ein Märchen? Eine Legende? Oder doch Wirklichkeit? Die Leute damals haben es geglaubt, die katholischen Könige Isabella I. und Ferdinand II. as well.

 

Die Winter in Cebreiro müssen hart gewesen sein, im Mittelalter, wie noch in den letzten Jahrzehnten: meterhoher Schnee,  Schneestürme. Wer wagt sich da schon aus dem Haus heraus? Auf jeden Fall ein einsamer einheimischer Bauer, der für dieses Wunder letztlich verantwortlich zeichnet. Auch ein protestantischer Pilger und Reiseschriftsteller aus den USA tut es - James A. Michener in den 60zigern.

 

Vom „Bad“ im Rinnsal von Lavacolla waren es nur noch wenige Kilometer den Berg hinan bis Compostella, für ihn, für alle vor und nach ihm. Plötzlich ein Schrei: „Ich bin König!“ Der Begleiter hatte sich des alten Brauches erinnert, der da hieß, wer als erster auf dem Monte do Gozo die Türme der Kathedrale erblickte, galt als König seiner Gruppe. Vgl. Letzte Etappe. Viele Familien namens King, König, Leroy oder Rex, etc. wissen vielleicht gar nicht, dass sie ihren Namen einem Vorfahren zu verdanken haben, der die Kirchtürme von Compostela als erster erspäht hatte.

 

Wie auch immer, die Kathedrale von Santiago nimmt eine Sonderstellung unter den spanischen Kathedralen ein. Ringsherum von mehreren Plätzen umgeben, der Praza do Obradoiro zum Beispiel. Die Westfassade dominiert. Reiche Verzierung. Fast schon poetisch schwebende Türme, so Michener in seinem oben beschriebenen Buch Iberia. Romanisch die theologische Fakultät, das Hostel de los Reyer Catolicos plateresk, das Rathaus klassizistisches 18. Jahrhundert, die Kathedralfassade wildestes Barock. Ein Blick auf die Südfassade genügt zu erkennen, hier hat man die echte Kathedrale vor sich: eine prächtige, rein romanische Fassade mit der wohl berühmtesten Skulptur, dem König David, am linken Türpfeiler geigend, darüber der Glockenturm und davor die Plaza de las Platerias (Silberschmiede). Michener liebt den östlichen Platz mit der Heiligen Pforte, der Puerta Santa, die nur anläßlich der Heiligen Jahre für die Wallfahrer und Pilger geöffnet wird. Eingerahmt von vierundzwanzig ausdrucksstarken Apostel- und Prophetengestalten, über der Tür beschützt vom Apostel Jakobus selbst und seinen Begleitern, den heiligen Athanasius und Theodor, ein Meisterwerk der europäischen Skulptur.

 

Santiago mit breitkrempigen Hut, Gurde und Muschelschale dürfte wohl von allen Jakobus-Darstellungen die bekannteste sein, geschaffen 1694 vom portugiesischen Künstler Pedro do Campo. Die nördliche Plaza de la Azabacheria kommt für Michener nicht so recht zur Geltung, die drei schöneren Plätze stechen sie aus. Auch wirkt für ihn die Nordfassade eher durchschnittlich, weil barockes Durcheinander. Michener ist da sehr streng, ich weniger. Ich denke da zurück an die vielen Pilger der vergangenen Jahrhunderte, die gerade durch dieses Tor schritten, sehnsüchtig auf dem Weg zum Hauptaltar mit der alles dominierenden Büste des Apostels.

 

Gegenüber das klassizistisch anmutende Kloster, links die Herberge „Hospederia San Martin“. Hoch oben auf ihm ein großer Reitersmann, mitnichten Jakobus, es ist, wie der Name der Hospederia vermuten läßt, der hl. Martin von Tours, gut zu erkennen an Mantel und Schwert. Der umtriebige Ungar gilt als Schutzpatron der Herumtreiber, Wirtshausschreier und gebesserter Säufer, einer der beliebtesten Heiligen des Mittelalters.

 

Was fehlt in der Beschreibung? Natürlich die Westfassade mit den vor kurzem renovierten Treppenaufgängen, hin zur Portico de la Gloria. Sich mit ihr zu beschäftigen: scheinbar unmöglich, zu viele aussagekräftige Figuren, 185 sollen es sein, jede davon erzählt eine Geschichte. Für Michener erstaunt die Komposition durch eine an Dante Alighieri (Göttliche Komödie) erinnernde Ausdruckskraft: Paradies plus Hölle. Nicht von ungefähr führen zwei Kinder die Geretteten ins Paradies und schließen damit die ganze Szene mit dem zentralen Bogenfeld über dem Hauptportal zusammen. Grandios.

 

Mich fasziniert das Mittelalter, an anderer Stelle beschrieben als das hell leuchtende Mittelalter, mitnichten ein dunkles Mittelalter, wie die heutigen, vielfach nicht gut informierten, Mainstreamfollower, es beschreiben. Kompletter Unsinn.

 

Anfang der 62-ziger. Michener pilgert zum wiederholten Male den Jakobsweg, ich verbringe vier Wochen mit weiteren tollen Jungs im Holdheim - irgendwo im Sauerland. Sklilaufen - und wandern ist angesagt. Keine Lifte. Keuchend hoch und "todesmutig" hinunter. Wehmut kommt auf; Frl. Voss und Frl. Siefkens unsere Begleiterinnen, nicht zu vergessen Artus, der Schäferhund. Ja, so nannte man sie früher. Die Jungs verstreut in alle Lande: Mecki, Leuchtturm, wie sie alle hießen; so mancher hat Karriere gemacht. Alles Windhauch (Kohelet). Bin der einzige Katholik in der Gruppe, in der Schulklasse der einzige Praktizierende von dreien. Parallelen tun sich auf zum O Cebreiro des 13./14. Jahrhunderts, von seiner Geschichte werde ich erst 40 Jahre später erfahren. Es ist früh am Sonntag, der Wind schneidend, Schnee war über Nacht gefallen, bin auf dem Weg zur Kirche nach Willingen, zum katholischen Gottesdienst, für mich selbstverständlich, trotz mehrerer Kilometer Fußmarsch. Nützt ja nichts. Die Heimleitung erstaunt, die neuen Freunde nicht minder. Schlicht und einfach Überzeugung begünstigt durch mütterliche Erziehung und einem guten Religionslehrer. Für mich, aus der Rückschau betrachtet, durchaus eine kleine Wallfahrt. Heraus aus dem Alltäglichen der Herberge; Zeichen setzen für den persönlichen Glauben; zu ihm stehen, ihn erklären können.

 

Am 24. Mai 1983 hält Kardinal Josef Ratzinger eine seiner viel beachteten Predigten, in Rom, zur Lesung: 2 Kor 5-17 – 6,2: „Jetzt ist die Stunde des Heils.“ Der spätere Papst Benedikt XVI. nennt drei Zeichen, der Einladung Gottes zum Weg der Erlösten zu folgen: Die Wallfahrt. Das Durchschreiten der Heiligen Tür. Der Ablass. Für gläubige  Jakobspilger allesamt auf dem Camino wie in der Kathedrale von Compostela erreichbar. Diese faszinierende Predigt wird mich weiter begleiten.

 

MITTWOCH, 6. OKTOBER 2021. DAS GEWOLLTE BESSER, REINER verwirklichen mit größerer Einfachheit und größerer Zielstrebigkeit.

Das letzte Heilige Jahr der Kirche wurde von Papst Franziskus ausgerufen für die Zeit vom 8. Dezember 2015 (Mariä Empfängnis) bis zum 20. November 2016. Das erste fand 1300 unter Papst Bonifatius VIII. statt. Kathpedia erklärt: Das Wesentliche des Heiligen Jahres ist der Jubiläumsablass, d.h. ein besonders feierlich ausgeschriebener vollkommener Ablass unter der Bedingung, dass nach dem würdigen Empfang des Sakramentes der Buße und der Eucharistie die vom Papst bestimmten römischen Kirchen besucht und dort besondere Gebete oder Tätigkeiten nach Anweisung des Papstes getätigt werden. Die Beichtväter haben in diesem Jahr besondere Vollmachten, von vorbehaltenen Sünden und Kirchenstrafen loszusprechen.

 

In Santiago wird das Heilige Jahr gefeiert, wenn der 25. Juli, der Gedenktag des Apostels, auf einen Sonntag fällt, wie in diesem Jahr 2021. Was ist zu tun, will der gläubige Katholik den Ablass erwerben? vgl. dazu auch meine Webseite.

  • Besucht die Kathedrale von Santiago und das Grab des heiligen Jakobus.

  • Sprecht ein Gebet: wenigstens das Glaubensbekenntnis des Apostels, das Vaterunser und ein Gebet für den Papst.

  • Besucht nach Möglichkeit die Heilige Messe.

  • Empfangt spätestens 15 Tage nach dem Besuch der Kathedrale das Sakrament der Versöhnung, also die Beichte,

  • und empfangt anschließend das Sakrament der Eucharistie (Kommunion).

Soviel zum Procedere. Kommen wir zurück zu Joseph Kardinal Ratzinger des Jahres 1983 und seiner Predigt zum Jubiläumsjahr. Im Evangelium hatte es geheißen:"Heute hat sich dieses Schriftwort (Erlösung) an euch erfüllt" - Lukas 4,21. Wer tiefer einsteigen und verstehen will, in welchem Zusammenhang Jesu Worte zu verstehen sind, der schlage bitte das Neue Testament auf. Die Erlösung ist nicht Vergangenheit, sie ist Gottes Jetzt für uns.

 

Jetzt ist die Stunde des Heils. 

Jetzt auf der Pilgertour nach Compostela, auf der Wallfahrt nach Santiago. Wallfahrt ist eine der Urgebärden der Menschheit. Der Mensch macht/e sich immer auf den Weg; er sucht nach dem Größeren. Wie weiland das Volk der Israeliten während der 40-jährigen Wüstenwanderung. Es geht darum, die Vorläufigkeit all unserer Dinge nicht zu vergessen. Deswegen gehört Wallfahrt (Pilgern) von den frühesten Zeiten an auch zu den Gestalten, in denen sich der christliche Glaube ausdrückt. Wallfahren/Pilgern muss mehr sein als Tourismus: Das Gewollte besser, gründlicher, reiner verwirklichen mit größerer Einfachheit und größerer Zielstrebigkeit.

 

In der Wallfahrt geht es in erster Linie eben nicht um irgendwelche Sehenswürdigkeiten oder Erlebnisse; das mögen Randerscheinungen sein. Das Ziel ist eben nicht der Weg, das Ziel ist das Aufbrechen hin zum lebendigen Gott, zum Apostel Jakobus. Wir wandern gleichsam in die Geografie der Geschichte Gottes hinein. Wir gehen auf das Vorgezeichnete und nicht auf das Selbstgesuchte zu. Wir suchen nach der Tür, durch die wir endlich in die Freiheit hinauskommen. Die Heilige Pforte symbolisiert nicht unmittelbar die Paradiestür, wohl aber die Tür, die wir am Morgen unseres Lebens durchschritten haben, die Tür der heiligen Taufe.

 

Die Tür der Taufe heißt vor allem: Tür der Buße. Da beißt die Maus nicht den Faden ab, ob die liberalen Katholiken des Synodalen Weges es nun wahrhaben wollen oder nicht. Buße heißt, so Ratzinger weiter, das wir in der Gnade der Vergebung die Flamme durchschreiten können, ohne verbrannt zu werden. Eine schöne Metapher.

 

Und wenn wir dann nach den Mühen der Pilgertage, für manche von uns ging es an die physischen Belastungsgrenzen, vor der Heiligen Pforte, vor der Kathedrale stehen, wird uns Johannes 10,9 einfallen: "Ich (Jesus Christus) bin die Tür." Wir durchschreiten sie im Mitglauben, im Mitleben, im Mittragen und Mit-ertragen der Kirche.

 

Das dritte oben erwähnte Zeichen, der Ablass, fasst eigentlich all dies zusammen: Einladung in die Wallfahrt, Einladung in die Pilgertour nach Compostela, Einladung ins Sakrament, Einladung ins Gebet. Aus der Alltäglichkeit, aus dem Eigenwillen, hin in Gottes Raum der Vergebung. Er lädt uns ein, ins Sakrament zu gehen, weil sich keiner selbst absolvieren kann. Die tiefste Sehnsucht nach ihr kann auch die Psychoanalyse und Psychotherapie nicht befriedigen: die Sehnsucht nach Absolution. Dann nimm` die neue Tonart des Lebens an, lass` dich umstimmen in den neuen Rhythmus Gottes hinein. Beten nach Meinung des Heiligen Vaters heißt, dass wir dieses Gebet in die Hände der Kirche hineinlegen. Heute Anno Domini 2021 wichtiger denn je. Der katholische Glaube steht auf der Kippe, angegriffen von inner-katholischen Gruppierungen, Klerikern (Bischöfe, Priester, Pfarrer) und leider auch von Ordensleuten. Beten wir alle, dass der Heilige Vater alle Strömungen heiligen Lebens akzeptiert (lex orandi - lex credendi) und zusammenführt - als Pontifex maximus, als Brückenbauer. Quelle: Joseph Ratzinger. Gesammelte Schriften. Predigten. Band 14/3, Seite 1718. Herder 2019.

 

DONNERSTAG, 21. OKTOBER 2021. RABANAL DEL CAMINO EMPFÄNGT UNS IN DER MITTAGSZEIT. 

25. Etappe. 2006. Rabanal del Camino empfängt uns in der Mittagszeit, die Sonne scheint erbarmungslos, sie wirft keinen Schatten. Rabanal ist komplett auf die Jakobspilger ausgerichtet. Die ehemalige Templerkirche wird von deutschen Benediktinern unterhalten. Zuhause werde ich mit einem Mönch in Emailkontakt treten.

Die angeschlossene Herberge ist, wie sollte es sein, überfüllt. Ich haste weiter. „Dort drüben ist noch ne` Herberge.“ Jetzt muss alles sehr schnell gehen, die Kräfte lassen nach, trotz der relativ frühen Zeit. Es ist immer das gleiche, am Zielort angekommen, will man sich nur noch hinhocken, die Beine hochlegen. Elkes Gebete zum Herrgott scheinen geholfen zu haben. Die liebenswürdige Herbergsmutter nimmt sich resolut ihrer Blasen an – mit Nadel und Faden bekämpft sie das Übel. Und überhaupt, die Herberge ist klasse, nur fünf Euro für die Übernachtung, sauber dazu, ein Treffpunkt der Einheimischen. Ich mache die Wäsche, Elke hängt sie auf; ihr Steckenpferd — wie zu Hause: gut aufgehängt, halb gebügelt.

 

Rabanal del Camino. Schon Aimeric Picaud (Liber Sancti Jacobi) erwähnt im 12. Jahrhundert den Ort als Ende der 9. Etappe — lange Zeit wichtig wegen seiner Lage vor dem Übergang über den Monte Irago. Mehrere Hospize und Kirchen bezeugen dies. Rabanal erfuhr seine frühere mittelalterliche Bedeutung erst wieder mit der Renaissance der Wallfahrten im letzten Jahrhundert. Sowohl die Pilgerherberge San Gaucelmo der englischen Jakobsbruderschaft Confraternity of Saint James als auch die Benediktiner taten sich hervor; vor allem der von der deutschen Erzabtei Sankt Ottilien geförderte Neubau des Klosters Monte Irago in 2001.

Heute gibt es im Ort mehrere Restaurants, Hostals und Refugios, privater und kirchlicher Prägung.— Täglich werden bis zu fünf Gottesdienste bzw. Stundengebete wie die Laudes als Morgenlob gehalten. Wir erlebten Vesper und Vigil, das Abend– und Nachgebet, gesungen in gregorianischer Liturgie. Man geht davon aus, dass auch hier, wie übrigens an vielen Stellen des Camino, der Ritterorden der Templer aktiv war.

 

Die Templer, gegründet 1119 Anno Domini von Hugo de Payens, hatten sich zum Ziel gesetzt, das Heilige Land vor den Muslimen zu schützen. Das schafften sie bis 1291. In der Schlacht von Akkon wurden sie schließlich von den Mamelucken vernichtend besiegt. Das Heilige Land war verloren, es gab keine Pilger mehr, die es zu schützen galt. MEHR LESEN

 

638 A.D. war Jerusalem das erste Mal erobert worden — von Muhammads Gefolgsmann Umar. Der fatimidische Kalif al-Hakim beließ es 1009 nicht mehr bei der nur den Christen auferlegten Religionssteuer: Die konstantinische Auferstehungskirche wurde zerstört, das Heilige Grab, damals eine komplett erhaltene Felsenhöhle, geschleift, dem Feuer ausgesetzt. In seinem Reich wurden in den Folgejahren 30.000 Kirchen enteignet, geplündert, die Christen aus den öffentlichen Ämtern gedrängt oder zur Annahme des Islam gezwungen.

Papst Urban II. rief daraufhin 1095 zum gerechten Krieg auf, später als 1. Kreuzzug bekannt geworden.

 

GENIESTREICH 13. OKTOBER 1307: HAFTBEFEHL KÖNIG PHILIPP IV., ausgestellt am14. September 1307, dem Fest Kreuzerhöhung.

Eine Meisterleistung. Für alle Templer galt ohne Ausnahme: verhaften, gefangenhalten, dem Urteil der Kirche zuführen (capti tenantur et ecclesiae iudicio preserventur), ihre Besitztümer und bewegliche Habe beschlagnahmen, zu treuen Händen aufbewahren (omnia bona sua mobilia et immobilia saisiantur et ad manum nostram saisita fideliter conserventur), so stand es im o.g. Haftbefehl.

Die königliche Kanzlei hatte an alle „Dienststellen“ in Frankreich versiegelte Briefe mit der Auflage versenden lassen, sie erst am Freitag, den 13. Oktober 1307 zu öffnen. Offensichtlich hatten sich alle Dienststellen daran gehalten (auch heute denkbar!?), und nicht nur das, sie verhielten sich strikt entsprechend dem Inhalt, führten die Haftbefehle exakt aus. Diese landesweit konzertierte Aktion verhinderte den Austausch der Templerbrüder untereinander, Warnungen waren nicht mehr möglich. Die fast gleichzeitigen Verhaftungen überraschten sie völlig -  in Philipps gesamtem Machtbereich. Nur zwölf Ritter konnten entkommen, darunter nur ein einziger Würdenträger. Die Verhaftungswelle war das bis dato best durchorganisierte, polizeiliche Kommandounternehmen, wie das erste bekannte seiner Art in der Geschichte. Quelle: Wikipedia (26.10.21).

 

Warum das Ganze? Dem französischen König Philipp IV. dem Schönen war der Orden zu groß und zu mächtig geworden. Dessen Pfründe wollte der König selbst einstreichen. Er entblößte sich nicht, falsche Beschuldigungen zuzulassen, zum Beispiel Homosexualität, u.a.m. Wie oben erwähnt, wurde der Orden an einem einzigen Tag des Jahres 1307 komplett zerschlagen (aus seiner Sicht ein Geniestreich), und 1312 von Papst Clemens V. schließlich verboten, einem Papst, der völlig vom König abhängig war.

Den macht– und vor allem finanzpolitischen Vorteil, den sich der König damit verschafft hatte, konnte er selbst nicht mehr lange genießen. Wie der äußerst schwache Papst starb auch er im Jahre 1314.

 

Die französische Polizei ging bei ihren Verhörmethoden äußerst brutal vor, ließ sich dabei von Denunziationen leiten, erpresste die Geständnisse mit brutaler Folter. Der letzte Hochmeister Jacques de Molay starb 1314 auf dem Scheiterhaufen. Historiker erkennen in dem von König Philipp IV. initiierten und überwachten Inquisitionsverfahren einen Vorläufer der politischen Schauprozesse des 20. Jahrhunderts.

 

Die Politiker lernen halt nichts dazu. Wie auch? 

"Wenn ihr wüsstet, mit wenig Aufwand von Verstand die Welt regiert, so würdet Ihr Euch wundern“, sagte über zweihundert Jahre später Papst Julius III. (1550-1555).

 

MITTWOCH, 27. OKTOBER 2021. EINE BETRACHTUNG: "Vor dem Aufbruch sollst du allen Mitmenschen verzeihen,  die dir selbst Unrecht angetan haben!" - 12. Jahrhundert, Codex Calixtinus. Liber Sancti Jacobi.

Für die Mehrzahl der heutigen, sich modern begreifenden Menschen ist die Sachlage klar: Im „finsteren“ Mittelalter waren sie alle ungebildet, rückständig, abergläubisch, barbarisch.

 

Und dann kommt dir obiger Satz in die Queere. Lass` ihn doch einige Minuten auf dich wirken. Was sagt er dir, was uns? Auf jeden Fall, dass die oben erwähnten Zuschreibungen zumindest in diesem Fall wohl nicht stimmen können. Der Verfasser dieser Zeilen wie die von ihm Angesprochenen sind gebildet, christ-gläubig, bibeltextsicher, sonst würden sie den Satz gar nicht verstehen; auf gar keinen Fall sind sie barbarisch, im Gegenteil. Im übrigen sind die Zuschreibungen gleichermaßen dumm wie unwissend, weil auch wissenschaftlich nicht haltbar, weil Nachgeplappertes aus dem 14. Jahrhundert resp. verstärkt im 18./19. Jahrhundert.

 

Der Verfasser des Codex Calixtus entstammt dem Hochmittelalter, der Epoche der berühmtesten Theologen der Welt, nämlich Thomas von Aquin und Bernhard von Clairvaux. Dieser Verfasser, ob nun Papst Calixt II. persönlich oder einer seiner Schreiber, bleibt dahingestellt, verlangt von dem Pilger, dass er, bevor er seine lange Reise gen Compostell antritt, jedem seiner Mitmenschen, die ihm selbst, also ihm dem Pilger, Unrecht angetan haben, verzeiht. Irre, oder?

 

Man darf davon ausgehen, dass der Pilger tief geschluckt hat, tagelang darüber sinniert, sich mit seiner Frau sich besprochen hat. Vielleicht hat er diese Sätze gesprochen, stockend zunächst, unsicher, wie wird sein Gegenüber reagieren? 

 

Freund, Du weißt, ich breche morgen nach Compostell auf. Mit dem Pfarrer habe ich auch schon gesprochen, natürlich habe ich auch gebeichtet. Es fällt mir nicht leicht, Frau und Kinder so lange alleine zu lassen. Aber: Ich habe es dem Herrgott versprochen, dass ich mich auf dem Weg mache. Das wird viel Kraft fordern, viele Monate lang, bis ich wieder zu Hause bin. Du weißt, ich sollte dir eigentlich gram sein, was du mir angetan hast. Das will aber nicht. Ich brauche einen klaren Kopf für den Weg. Ich verzeihe dir. Lass uns in Frieden auseinandergehen. Gott segne dich.“

So ähnlich könnte doch ein Gespräch abgelaufen sein. Ein schwieriges Gespräch, ein nicht einfaches Gespräch, zumindest aus der heutigen Perspektive betrachtet; damals vielleicht nicht.

 

Natürlich wird der Angesprochene überrascht gewesen sein, vielleicht dankbar, weil er sich bis dato nicht getraut hatte, auf den Freund zuzugehen, ihn um Verzeihung bitten, was er ihm angetan hatte: Und nun bittet ihn der Freund um Verzeihung, das hätte er doch gar nicht nötig gehabt. Die Beiden werden hinknien, vor dem Kruzifix, das Vaterunser und das Ave Maria beten, sich umarmen, freundlich verabschieden. Jeder froh und zufrieden.

 

Normalerweise, so würde man meinen, ginge doch der Pilger vor seiner Abreise zu jenen Mitmenschen, denen er persönlich Ungemach zugefügt hatte, um sein Gewissen zu reinigen. Das wird er auch wohl gemacht haben. Hier aber ist alles anders. Es muss ja einen Sinn haben, dass der Verfasser des Liber Sancti Jacobi des 12. Jahrhunderts gerade diese Empfehlung ausspricht. Den Hintergrund dazu würde ich gerne erfahren wollen.

Na klar, hatte nicht Jesus selbst gesagt: Du sollst nicht 7 x, sondern 7 x 70 x verzeihen, Matthäus 18,22. Jesus bezieht sich dabei auf das Alte Testament mit Jesaja 55,7 und Micha 7,19. Der Markus des Neuen Testaments geht in 11,25.26 auf das Thema ein. Im Klartext: Du sollst immer, möglichst  vorbehaltlos, verzeihen.   

 

Pilger. Die nächste geöffnete Kirche kommt auf jeden Fall: irgendwann, irgendwo längs deines Caminos. Einfach mal paar Minuten länger sitzen bleiben, den obigen Satz meditieren. Und falls du eine Lösung hast, oder deine Gedanken willst, vielleicht mit mir, nur zu.

 

DIENSTAG, 2. NOVEMBER 2021. LOURDES LIEGT AM JAKOBSWEG. GRACIA PATRIZIA UND DAS WUNDER VON LOURDES. Lourdes liegt am Jakobsweg, dem ältesten Frankreichs von Narbonne aus kommend. Ideal gelegen für diejenigen Pilger, die Religiöses und Wandern als Symbiose betrachten. Von Lourdes weiter zum Somport-Pass und dem Camino Aragones. Der aber steht heute nicht im Fokus meiner Betrachtung; vgl. dazu die entsprechenden Webseiten. Ich konzentriere mich heute auf Grace Kelly, der späteren Fürstin Gracia Patricia. Alle Welt weiß um ihren tödlichen Unfall vom 14.September 1982; eine Ikone, aber nicht vom Wunder von Lourdes des Jahres 1961.

 

Die Zeitschrift "FATIMA RUFT" berichtet auf Seite 3 ihrer Ausgabe Nr. 228, 01.2015, davon, vom Lourdes-Erlebnis der Fürstin von Monaco aus 1961. Anna Spainani, eine 18-jährige junge Frau, verunglückt im Sommer 1960. Während ihr Bräutigam den Unfall nicht überlebt, wird sie abseits der Hüften gelähmt. Sie lernt die Fürstin bei einem Gottesdienst in Monte Carlo kennen. Gracia Patricia bezahlt ihr in Folge die Reise nach Lourdes. Nur wenige Tage nach der Ankunft im Wallfahrtsort lernt die junge Frau am 2. Juli 1961 wieder gehen, ganz allein. Übrigens, Stephanie, ihre Tochter, überlebte den Unfall.

 

Die junge Italienerin wird im Wasser von Massabielle gebadet haben, d.h. eingetaucht worden sein. Wasser, das keinerlei besondere Qualität und keinerlei Heilwirkung aufweist: schlichtweg normales Trinkwasser. Es scheint so, dass nur der pure Glaube hilft.

 

Bischof Ambroisus von Mailand (340-397), der große Kirchenlehrer der lateinischen Kirche, hat eine mögliche Erklärung, quasi im Vorgriff. Damals in Bezug zur Perikope des Alten Testaments (2. Buch der Könige 5,1-15a), in welchem der Feldherr Naamann am Wort des Propheten Elischas gezweifelt hatte, sich sieben Mal im Jordan zu waschen.

 

Ambrosisus: "(..) Wasser nur sehe ich, wie ich es alle Tage gesehen: das soll mich reinigen? So oft stieg ich hinein und nie ward ich rein? Lerne daraus, dass das Wasser ohne den Geist nicht reinigt! Eben darum hast du gelesen, dass die drei Zeugen bei der Taufe eins sind: Wasser, Blut und Geist (1 Joh 5,8); denn wenn du sie auf einen derselben einschränkst, besteht das Sakrament der Taufe nicht zu recht. Was ist denn das Wasser ohne das Kreuz Christi? Ein gewöhnliches Element ohne irgendwelche sakramentale Wirkung. Und umgekehrt: ohne Wasser kein Geheimnis der Wiedergeburt; denn „wer nicht wiedergeboren ist aus dem Wasser und dem Geiste, kann in das Reich Gottes nicht eingehen“ (Joh 3,5). (...)

 

Insgesamt hat die Kirche bis heute (Stand: 2017) lediglich 69 (neunundsechzig) Heilungen als Wunder anerkannt - innerhalb eines Zeitraums von 150 Jahren. Wunder würden Gewissheiten erschüttern und diejenigen bestätigen, die bereits glauben, sagt Bischof Nicolas Brouwet von Tarbes und Lourdes in seinem Interview mit der "Tagespost" (Ausgabe 01.02.18).

 

Wen interessiert`s: Das Anerkennungsverfahren ist ausgesprochen langwierig und obliegt nicht nur der Kirche. Zunächst wird neben dem Ortsbischof der Leiter des Ärztebüros (2.700 Ärzte haben sich in 2017 registriert) involviert, sodann die Mediziner der Internationalen Ärztevereinigung von Lourdes eingeschaltet; ebenso externe Ärzte sowie Gutachten des Internationalen Ärztekomitees von Lourdes berücksichtigt. Bevor die Kirche das Wunder dann (endlich) anerkennt, wird noch einmal das diözesane Ärztekomitee und eine Diözesankommission vorgeschaltet.

Außenstehende Mediziner betrachten dieses Verfahren gleichwohl als pseudowissenschaftlich; ausführlich dokumentierte Untersuchungen interessieren sie nicht. Die NZZ schrieb hierüber in 2020, über einen Chefarzt aus Winterthur, der für den Vatikan Wunderheilungen von Lourdes prüft. NZZ

 

8. November 2021. Papst Johannes Paul II. hatte das Spezifikum Europa begriffen. Aus der Geschichte lernen, heißt, sich mit großen wegweisenden Reden auseinanderzusetzen. Mit der Europarede des heilig-gesprochenen Papstes vom 9. November 1982, wie auch mit der Rede seines Nachfolgers Benedikt XVI. vor dem deutschen Bundestag am 22. September 2011. Dazu später mehr.

 

Papst JP II. am 9. November 1982.

"Ich sehe von Santiago de Compostela aus den europäischen Kontinent vor mir, das ausgedehnte Straßennetz, das die Städte und Nationen miteinander verbindet, und jene Wege, die schon im Mittelalter hierhin führten und immer noch unzählige Scharen von Pilgern zur Verehrung des Apostels lenken. Seit dem elften und zwölften Jahrhundert pilgerten die Gläubigen aus allen Teilen Europas über den berühmten Jakobsweg zum Grab des Jakobus bis zur Finis terrae: dem Ende der Erde, wie die Menschen damals diese Landschaft noch sahen.

 

Hierher kam Christen aus allen sozialen Schichten, vom König bis zum ärmsten Dorfbewohner (…) mit unterschiedlichem geistigen Niveau. Es kamen Heilige - wie Franz von Assisi und Brigitte von Schweden - bis hin zu vielen offen um Vergebung suchenden Sündern. (…) Schon Goethe hat festgestellt, dass das Bewusstsein Europas aus den Wallfahrten gewachsen ist.

 

Die Pilgerfahrt nach Santiago war eines der wichtigsten Elemente zur Förderung des gegenseitigen Verständnisses so unterschiedlicher Völker wie der Lateiner, Germanen, Kelten, Angelsachsen und Slawen. (…) Sie brachte die Menschen einander näher, verband und einigte sie. Jahrhundert und Jahrhundert begegneten sich auf der Pilgerreise Menschen als Zeugen Christi, die sich zum Evangelium bekannten und dabei zu verschiedenen Nationen entwickelten.

 

Schließlich deckten sich die europäischen Grenzen mit dem Verbreitungsgebiet des Evangeliums. Trotz blutiger Konflikte zwischen den Völkern Europas und trotz der geistigen Krisen, die das Leben des Kontinents erschütterten, muss man nach zwei Jahrtausenden unserer Geschichte zugeben, dass die europäische Identität ohne das Christentum nicht verständlich ist. Gerade im Christentum finden sich jene gemeinsamen Wurzeln, aus denen die Zivilisation des Kontinents erwachsen ist, seine Kultur, seine Dynamik, seine Unternehmungslust, seine Fähigkeit zur konstruktiven Ausbreitung auch in andere Kontinente, kurz alles, was den Ruhm Europas ausmacht.

 

Von daher bleibt auch in unserer Zeit die Seele Europas geeint. Wir haben einen gemeinsamen Ursprung, wir leben von den gleichen christlichen und humanitären Werten. Dazu gehört die Würde der menschlichen Person, das Empfinden für Gerechtigkeit und Freiheit, der hohe Ruf der Arbeit und der Unternehmungsgeist, die Achtung vor dem Leben, die Toleranz, der Wunsch zur Zusammenarbeit und zum Frieden.

 

So richte ich meinen Blick von hier auf Europa als den Kontinent, der so viel zur Entwicklung der Welt beigetragen hat, im Bereich der Ideen wie im Bereich der Arbeit, der Wissenschaft und der Künste. Ich danke Gott, dass er Europa seit den Tagen der Apostel mit dem Licht des Evangeliums erleuchtet hat.

 

Aber ich kann nicht von der Krise schweigen, die das christliche Zeitalter an der Schwelle zum dritten Jahrtausend kennzeichnet. Auf ziviler Ebene ist Europa geteilt. Die unnatürlichen Brüche erlauben den Völkern nicht mehr, sich in einem Klima der Freundschaft zu begegnen und freiwillig ihre Kräfte und Fähigkeiten solidarisch im Dienst eines friedlichen Zusammenlebens zur Lösung gemeinsamer Probleme zu verbinden. Das Zivilleben ist säkularisiert und von Ideologien geprägt, die von der Leugnung Gottes und der Beschränkung der Religionsfreiheit bis zur Überbewertung des wirtschaftlichen Erfolgs gegenüber den menschlichen Werten der Arbeit und der Produktion reichen. Das reicht von den Weltanschauungen des Materialismus und Hedonismus, die die Werte der Familie, des empfangenen Lebens und den moralischen Schutz der Jugend in Frage stellen, bis zu einem Nihilismus, der den Willen zur Auseinandersetzung mit entscheidenden Problemen lähmt, wie etwa den neuen Armen, den Emigranten, den ethnischen und religiösen Minderheiten, den rechten Gebrauch der Medien - und gleichzeitig den Terrorismus mit Waffen versorgt.

 

Auch auf religiöser Ebene ist Europa geteilt. Nicht so sehr wegen der Spaltungen, die im Lauf der Jahrhunderte entstanden sind, sondern mehr noch wegen der Abkehr vieler Getaufter von dem tiefen Grund ihres Glaubens und der moralischen Kraft der christlichen Lebensanschauung, die den Personen und Gemeinschaften ihr Gleichgewicht garantiert.

 

So rufe ich, Johannes Paul, Sohn der polnischen Nation, (…) dir, altes Europa, von Santiago aus voller Liebe zu: Kehr um! Finde wieder zur dir selbst! Sei wieder du selbst! Besinne dich auf deinen Ursprung! Belebe deine Wurzeln wieder! Baue deine geistige und freie Einheit wieder auf in einer Atmosphäre der Achtung gegenüber anderen Religionen! Gib Cäsar, was des Cäsars ist, und Gott, was Gottes ist! (…) Noch immer kannst du Leuchtturm der Zivilisation und Anreiz zum Fortschritt für die Welt sein. Die anderen Kontinente blicken auf dich und erhoffen von dir die Antwort des Jakobus zu hören, die er Christus gab: “Ich kann es.“

 

Wenn Europa wieder eins wird bei Berücksichtigung all seiner Unterschiede, wenn Europa seine Tore wieder Christus öffnet und keine Angst hat, die Grenzen der Staaten, der wirtschaftlichen und politischen Systeme, die weiten Bereiche der Kultur, der Zivilisation und des Fortschritts seiner rettenden Macht zu öffnen (…), dann wird seine Zukunft nicht von Unsicherheit und Furcht beherrscht sein, sondern dann wird Europa sich einer neuen Epoche des Lebens öffnen zum Segen für die ganze Welt - die doch immer noch und ständig von den Wolken des Krieges und einem möglichen Orkan atomarer Massenvernichtung bedroht ist.

 

(Im weiteren Verlauf spricht der Heilige Vater über den heiligen Benedikt von Nursia (5./6. Jh.), Gründer des Benediktinerordens und Patriarch des Abendlandes und über Kyrill und Method (9. Jh.), den griechischen Brüdern, die zu Aposteln der slawischen Völker wurden. Allen verdanke Europa sehr viel.)

 

Ihrer Fürsprache vertraue ich deshalb nun noch einmal Europa an, zusammen mit der seligsten Jungfrau, wobei ich an die Verehrung der Mutter Gottes in so vielen Heiligtümern Europas erinnere, von Fatima bis Ostra Brama, von Lourdes und Loreto bis Tschenstochau, und bitte sie, die Gebete so vieler Herzen zu erhören, damit das Gute in Europa weiter wirklich bleibt und Christus unseren Kontinent immer in Gott verankert hält." - Quelle: Vatican Magazin, Ausgabe 10/2010; Übersetzung L´Osservatore Romano, Paul Badde.

Zu Papst Johannes Paul II. 

Als Karol Wojtyla geboren am 18. Mai 1920 in Polen. Priesterweihe Allerheiligen 1. November 1946 in Krakau. Bischofsweihe am 28. September 1958 daselbst. Erzbischof seit 1964. Kardinal seit 1967. Pontifex und Nachfolger von Papst Johannes Paul I. ab 16. Oktober 1978; gestorben am 2. April 2005. Seligsprechung am 1. Mai durch Papst Benedikt XVI. Heiligsprechung durch Papst Franziskus am 27. April 2014.

 

SAMSTAG, 13. NOVEMBER 2021. SICH VORBEHALTLOS ALS CHRIST OUTEN. Der Jakobsweg, so scheint es, wird langsam aber sicher seiner religiösen Kleider beraubt. An mehreren Stellen habe ich darüber geschrieben. Nüchtern betrachtet eine logische Folge der seit längerer Zeit bestehenden aggressiven Säkularisierung in den USA, Kanada, Europa, wie in Spanien.

 

Ein Teil unserer sog. Eliten zeigt wenig Interesse an Religion, auch keine echte Bindung an die jeweilige Nation, erst recht kein Interesse an Tradition und Kulturen. Diesem Teil der Eliten-Führungsschicht schwebt eine globale Zivilisation vor mit den Ingredienzen: Schlagworte Wissenschaft, Konsumwirtschaft, Technologie, Humanismus, Technokratie. Diese Führungsschicht beherrscht, so Prof. Küpper, schon eine stattliche Zahl von Unternehmen, Regierungen, Medien, Universitäten. Ein Blick in die angelsächsischen Länder genügt.

 

Das Christentum stört. Einige Päpste haben auf diese Entwicklung hingewiesen   (bei dem gegenwärtigen Amtsinhaber bin ich mir nicht so sicher). Säkularisierung bedeute Entchristlichung: das bewußte Bestreben, die christlichen Wurzeln der Gesellschaft (vgl. oben: Papst JP II. große Rede 1982 in Santiago de Compostela) auszulöschen und jeden immer noch vorhandenen Einfluß von Christen zu unterdrücken. Papst Franziskus herzte und umarmte den indischen Premierminister Modi bei dessen Besuch im Vatikan November 2021, während zur gleichen Zeit in 21 von 28 Bundesstaaten Indiens die Christen – mit teilweiser Zustimmung der lokalen Behörden – seitens hindu-nationalistischer Kreise bekämpft, verfolgt werden. Deutsche Bischöfe, evangelische wie katholische, versteckten 2016 bei ihrem Besuch auf dem moslemischen Tempelberg in Jerusalem ihr Brustkreuz, wie sie sagten, aus Rücksichtnahme auf die Gastgeber.

Ein Trauerspiel.

 

Wer sich fortschrittlich wähnt, beruft sich auf die Errungenschaften der französischen Revolution und auf die Aufklärung: Protagonisten Voltaire, Jean-Jacques Rousseau; mißt der Kirche keine große Bedeutung zu; im Gegenteil, attestiert ihr den Widerstand - im begrenzten Maße im vorletzten Jahrhundert zutreffend.

 

Jedoch: Universelle Menschenrechte, Trennung von Glauben und Vernunft, Trennung von Staat und Kirche, Anti-Rassismus, Gleichstellung der Geschlechter, Vermeidung exzessiver Gewaltanwendung, Gleichheit, Verbot der Slaverei, Menschenwürde sind ohne das Christentum nicht denkbar. Jeder Mensch verfügt danach über eine von Gott geschaffene Seele, ist also als Gottes Abbild ein Individuum. Weiteres Stichwort: Nächstenliebe; gut zu beobachten beim heiligen Martin von Tours, dessen Fest wir am 11. November feierten, der bekanntlich einem Bettler die Hälfte seines Mantels schenkte, damit ihn vor dem Kältetod rettete. Im Nächsten Christus sehen, so Martins Epiphanie. In der Antike wurden nicht mehr lebensfähige Menschen, Alte, ausgesetzt.

 

Die Frage, die sich mir stellt, auch angesichts der weltweiten Christenverfolgung heute, ist doch, warum stemmen wir uns nicht dagegen? Die Kirche nicht; sie zerreißt sich lieber von innen! Der Papst nicht wirklich; ihm schwebt offenbar eine Art Weltethos vor frei nach Prof. Hans Küng! Die Bischöfe nicht; sie orientieren sich am Zeitgeist! Die Gläubigen nicht; vielfach unwissend, desinteressiert! Die Medien sowieso nicht! Die Regierungen nicht; und diejenigen, die aufbegehren, wie die polnische und ungarische, werden in der EU zerrissen, dagegen anti-katholisch agierende Regierungen wie die spanische unter Pedro Sanchez beklatscht. Letztlich prinzipiell nahezu also alle gesellschaftlichen Gruppierungen!   

 

Was nun den Camino de Santiago angeht gibt es meines Erachtens nur ein Weg. Sich auf dem Camino vorbehaltlos outen: als Christgläubiger, als betender Pilger, als kniender Pilger im Gottesdienst, in den Gesprächen mit anderen Pilgern und Pilgerinnen. Resultat: Gegenwind > Staunen > Nachdenklichkeit > Zustimmung. Inspiriert durch Prof. em. Joachim Küpper. Die Welt, 11.11.21. Erzbischof Jose Gomez. Los Angeles. Vorsitzender der amerikanischen Bischofskonferenz. Die Tagespost. 11.11.21.

 

SONNABEND, 20. NOVEMBER 2021. ERSTES FAZIT FÜR 2021. Ich gestehe, noch im Frühjahr des Jahres hielt ich es für unmöglich, dass heuer der Camino de Santiago diesen Aufschwung nimmt, dass die Xunta de Galicia für 2021 mit 200.000 Pilgern rechnet. In 2019: 347.578. In 2020: 53.905.

Maskenpflicht im Freien, im Wald inklusive, so manche Pilgerherberge geschlossen, Distanzregeln auf dem Weg wie speziell in den geöffneten Herbergen,  Maximalauslastung perdu, häufig nur zu 50% belegbar. Wer sicher gehen wollte, mußte vorab reservieren; eine Praxis, die sich wohl so schnell nicht wieder ausmerzen läßt.

 

Nur ein Bruchteil wagte es bis dato, den Camino Frances in Gänze zu gehen, also von St.-Jean-Pied-de-Port resp. Roncesvalles aus. Verständlich angesichts der zurückgefahrenen Infrastruktur in Navarra, der Rioja und Kastilien-Leon; die Dörfer nahezu ausgestorben. Selbst in den boomenden Sommermonaten betrug der Anteil der Wagemutigen nur zwischen 4% und 6%, beide Einstiegsorte addiert. In 2006, unserem ersten Camino, starteten rd. 25,4% von den Pyrenäen aus, in 2019 derer nur noch rd. 11%. Eine Entwicklung, die sich also abzeichnete.

 

Zur Erinnerung. In 2020 war der Camino über drei Monate gesperrt. Knapp 54.000 ausgestellte Pilgerurkunden. Und so ging es erstmal Anfang 2021 weiter. Der Januar „glänzte“ mit 60 Pilgern, der Februar mit 14, im März dann schon 194 (5 Deutsche darunter); der April mit dem sich anbahnenden Aufschwung und 977 Pilgern (41 Deutsche), Mai 4.295 (130 Deutsche), Juni 14.825 (424 Deutsche), dann schließlich im Juli die Explosion mit 33.962 Pilgern und dem August als Höhepunkt mit 43.575 ausgestellten Urkunden (Deutsche 878); ab September der zu erwartende Rückgang mit 37.465 Registrierten (Deutsche 1.823) und last but not least schrieben sich im Oktober 31.170 Pilger in Santiago de Compostela ein, darunter 1.901 Deutsche. Ob die angepeilte 200.000er Marke geknackt werden wird, ist nach diesen Zahlen fraglich. Aber auch wiederum nicht, zählt man die vielen nichtregistrierten Pilger hinzu, die nur Abschnitte gegangen sind.  

 

Indes, der Aufschwung scheint fragil. Das belegt folgendes Zahlenwerk. Anteil der Spanier am Pilgeraufkommen 2021: 65%; Ausländeranteil 35%, davon über 50% Portugiesen. Der Camino steht und fällt aber letztlich mit den US-Amerikanern und den Zentraleuropäern, die als Langzeitpilger gelten und das Geld in die Kassen spülen. So betrug der Anteil der Spanier in 2019 nur 42,11%. Hoffentlich lassen sich die künftigen Pilger nicht von den gestiegenen Corona-Preisen abhalten. Beispiel Santo Domingo de la Calzada. Der Besuch der Kathedrale kostet jetzt sagenhafte sieben Euro, zuvor noch fünf Euro. Ob sich die Verantwortlichen eigentlich klar darüber sind, dass Angebot und Nachfrage sich einander bedingen? In der Kathedrale von Santiago de Compostela das gleiche Übel. Der örtliche Klerus verlangt für das Schwingen des Weihrauchfasses 400 Euro. Offensichtlich befinden sich keine Kaufleute unter den Entscheidungsträgern. Dafür, so Andreas Drouve in seinem Artikel "Ein Leuchten in den Augen" in der „Tagespost“ vom 18. November 2021, sei der Wein des Weinbrunnens von Irache nahe Estella der langen Lagerung wegen ungenießbar gewesen, während Lifestyle-Aktivitäten auf dem Vormarsch seien; Beispiel Foncebadon, wo den Pilgern plötzlich aus Pop-Musik aus Lautsprechern entgegenschalle, auf den Besuch einer Kneipe aufmerksam mache.

 

Auch das Miteinander, das auf andere Rücksichtnehmen, scheint im Wandel begriffen zu sein.  O-Ton eines Pilgers zum gestiegenen Geräuschpegel (vgl. Andreas Drouves Artikel) in den Herbergen: „Manche hingen bis Mitternacht am Handy und andere ab vier, halb fünf morgens.“ Will man das? Wird sich die Rücksichtslosigkeit durchsetzen frei nach dem Motto: ich bezahle, ich habe also Ansprüche, welche auch immer. Wir werden wohl oder übel mit Lifestyle-Wanderern auf dem Camino leben müssen. Enthusiasten wie die 72-jährige Spanierin, die eigentlich nur einmal den Camino gehen wollte, und jetzt schon das elfte Mal unterwegs ist, werden die Ausnahme sein: „Wenn ich auf dem Weg bin, habe ich ein Leuchten in den Augen.“ Dazu die Zahlen des Pilgerbüros Thematik Pilger nach Motivation, die dieses Phänomen, wie ich meine, abbilden.

  • Nur religiöse Motive in 2006: 41,67% / Oktober 2021: 35,33%;
  • religiöse + kulturelle Motive 2006: 49,50% / Oktober 2021: 44,06%;
  • nicht-religiöse Motive 2006: 8,83% / Oktober 2021: 20,60%.

Unterstelle ich eine Situation für Spanien, wie sie sich gerade in Österreich und in Deutschland abspielt, dürfte dem Camino de Santiago wieder eine Schließung bevorstehen. Jedoch: vielleicht sind die Spanier ja mittlerweile vernünftiger geworden, die Politiker nicht so nervös wie die deutsche Administration; immerhin: es geht um viel Geld.

 

Abschließen möchte ich diesen kleinen Essay, so wie ich im März die Journal-News eingeleitet habe. Zurück zu den guten Zeiten des Camino, noch nicht allzulange her. Grandios formulierte Sätze eines spanischen Schriftstellers, die einer peregrino autentico in den Mund legte:

“In den einfachsten Herbergen“, fuhr sie jetzt mit einer merkwürdigen Fröhlichkeit fort, „stellt man dir eine Pritsche zur Verfügung.“ Freundlich aber bestimmt werde sie einem zugewiesen, ohne Widerspruch zu akzeptieren. Man dürfe Waschräume und Toiletten benutzen; eine Nacht Unterschlupf, Schutz vor Kälte oder Hitze finden, geschundene Füße pflegen können, morgens ein kleines Frühstück zu sich nehmen. Danach wieder der gleiche Trott, das gleiche Ritual: sich wieder auf den Weg machen, Ruhe finden, wohltuende Ruhe für die im Leben gebeutelten – auf tausenderlei Arten – verlorenen Seelen. Wer mag, findet Gesellschaft, findet Stille, wie auf dem Weitermarsch am nächsten Tag. Quelle: Wege und Umwege nach Compostela – Ein literarischer Jakobsweg in Castilla y Leon: Der Lichtstrahl im Gesicht. J.A. Gonzalez Sainz. 2010.

 

DIENSTAG, 23. NOVEMBER 2021. JEDER MACHT, WAS ER WILL, keiner, was er soll, und alle machen mit. 

Wen meine ich? Den deutschen Klerus mit den Diözesanbischöfen und den Priestern, Pfarrern vor Ort, wie die Verbandsorganisierten mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) als Speerspitze. Um gleich bei diesen Damen und Herren zu bleiben. Sie fordern die Demokratisierung der Kirche und ihren Strukturen, also die Demokratisierung der Lehre ihres Stifters Jesus Christus, nehmen es aber mehr als billigend in Kauf, selbst nicht demokratisch gewählt worden zu sein.

 

Einige Beispiele aus jüngster Zeit:

  • Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick ruft zur gegenseitigen Anerkennung von Ämtern, von Eucharistie und Abendmahl in der katholischen und evangelischen Kirche auf.“ kath.net
  • Der vormalige Präsident des ZdK, Thomas Sternberg, hofft offensichtlich auf den Tod, wenn Bischöfe den Vorstellungen des Synodalen Weges nicht folgen wollen:  „Außerdem: Selbst wenn das in ein paar Bistümern passierte, so etwas kann sich dann auch biologisch regeln.“ kath.net
  • Für den Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer ist die katholische Kirche nichts anderes denn ein Sinn-Anbieter, einer neben anderen. Die Kirche werde sich der Lebenswirklichkeit von Menschen stellen. Seine Exzellenz begreift Kirche als Anwältin für die Mühseligen und Beladenen. Christi Botschaft wird offensichtlich ausgeblendet. *) Quelle: KirchenZeitung vom 21. November 2021.
  • Abstecher Evangelische Kirche. Die Entweihung einer Kirche im Südharz beschönigt der Superintendent als Fehlverhalten des Afghanen, als verspäteten Frühjahrsputz. Dazu die NZZ aus Zürich am 2. November 2021:   „Unterwerfung auf Thüringisch. Wer der Entweihung seiner Kirchen nichts entgegensetzt, kann sich auflösen.“
  • Bischof Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, kann sich die Priesterweihe für Frauen vorstellen, wissend darum, dass Papst JP II. in 1994 dieses Ansinnen ein für alle Mal mit seinem Apostolischen Schreiben „Ordinatio sacerdoitalis“ ausgeschlossen hat. Bätzing: „Der Unglaube der Menschen sei doch eine theologische Qualität.“ Quelle: kathnews.
  • Ein Priester schreibt Gedichte: “Bei dem, was mich beschäftigt, kommt aber naturgemäß einiges vor, was mit Religion zu tun hat.“ Man beachte den Terminus Religion, von katholisch ist nicht die Rede, warum auch? In die Kamera lächelt ein  Mann in Freizeitkleidung mit buntem Hemd, hellem Pullover und blauen Jeans. Der Tod sei für ihn rätselhaft, so der Protagonist. Quelle: Die Tagespost vom 18. November 2021.
  • Ein US-Bischof attestierte letzte Jahr dem Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode Häresie: die Lebenswirklichkeit der Gläubigen (und damit auch ihr sündiges Leben) sei neue Offenbarungsquelle.
  • Gender-Gott* für Osnabrücker Weihbischof Wübbe vorstellbar.Für das Gendern, für das Frauenpriestertum, für die Aufhebung des Zölibats, für das gemeinsame Abendmahl. Erinnert sich der Jugendbischof der deutschen Bischofskonferenz an seine Weiheversprechen? Quelle: Interview mit dem Weser-Kurier, 30. Oktober 2021. vgl. auch Peter Winnemöller.

 

Diese Liste ist beliebig fortsetzbar. Nahezu jede Woche meldet sich ein Diözesanbischof und dient sich den Mainstreammachern an, anstatt die Lehre Jesu Christi offensiv zu verkünden. Ich will dieser LeserInnen nicht übermäßig strapazieren, verweise auf den Papst. Seine Heiligkeit müßte jetzt doch eigentlich tätig werden. Tut er aber nicht. Vielleicht fehlen ihm die Informationen. In einem 90-minütigen Interview, das er im Spätsommer dem Radiosender COPE gegeben hat, gab er zu, täglich nur eine italienische Zeitung flüchtig zu lesen und kein Fernsehen zu schauen. Wer berät ihn? Wer versorgt ihn mit erstklassigen Informationen? Quelle: Die Tagespost vom 9. September 2021, Rubrik Internationale Zeitungsschau, Seite 21.

 

Zum Schluß ein Wortspiel – einst bezogen auf die Geschichte der Klöster: “Zucht bringt Reichtum, und Reichtum zerstört Zucht“. Wie wahr - auch und gerade heute; mehrere bekannte Klöster fielen mir spontan ein. Heute würde man stattdessen deklamieren: Fortschritt bringt Konsum, und Konsum zerstört den Glauben. Die Lehre vom versprochenen himmlische Paradies wird verlacht; nein, wir wollen das Paradies hier und jetzt! Wir bauen es uns selbst. Martin Heidegger, der große Philosoph, Anno Domini 1966 im Spiegel-Interview: "Nur noch ein Gott kann uns retten."

 

*) Dazu Erzbischof Jose Gomez von Los Angeles, Vorsitzender der amerikanischen Bischofskonferenz, in einer kürzlich gehaltenen Rede per Viedeoschalte beim Kongress der Katholiken und des öffentlichen Lebens in Madrid: "Mit dem Zusammenbruch des jüdisch-christlichen Weltbildes und dem Aufkommen des Säkularismus haben auf sozialer Gerechtigkeit oder persönlicher Identität basierende politische Glaubenssysteme den Platz eingenommen, der einst von christlichen Glauben und christlicher Praxis besetzt war. Diese Bewegungen nennen sich Woke-Culture, Identitätspolitik, Intersektionalität, Nachfolgeideologie, etc. Sie behaupten, so der Erzbischof, das zu bieten, was die Religion nicht gibt. Sie geben einen Sinn. Anmerkung: Hat nicht Bischof Wilmer just von der katholischen Kirche als Sinn-Anbieter, einer neben anderen, gesprochen? Quelle: Die Tagespost, 11. November 2021.

 

29. NOVEMBER 2021. PROLOG REISEBERICHT 2006. Coelho war auf der Suche nach Spiritualität. Jahrtausendwende. "Aber der dritte Pilgerweg, der nach Santiago, von dem hatte ich schon viel gelesen, zuletzt bei Paulo Coelho in seinem 1991 erschienenen Buch Die heiligen Geheimnisse eines Magiers; später dann umbenannt in Auf dem Jakobsweg — Tagebuch einer Pilgerreise nach Santiago de Compostela. Coelhos innerer Kampf mit seinem imaginären Begleiter, den er Petrus nennt, faszinierte mich. Der brasilianische Autor, wer kennt nicht seinen berühmten Roman Der Alchimist, bezwang 1986 den Camino de Frances. Siebenhundert Kilometer, als es noch nicht en vogue war, prominenten Vorturnern zu folgen.

 

Coelho war auf der Suche nach Spiritualität. Er wollte den Geheimnissen der Welt, den mysteriösen Wegen auf die Spur kommen. Erfolgreich. Sein Meister überreichte ihm nicht nur am Schluss der Reise das begehrte Schwert, er lehrte ihn auch das Ritual der Agape, der bedingungslosen Liebe.

Seiner profanen Zusammenfassung: „Es ist wichtig, für seine Träume ein paar Kämpfe durchzustehen, nicht als Opfer, sondern als Abenteurer,“ 11 fühle ich mich ebenso verbunden wie den Worten des Erzbischofs Juan Barrio von Santiago, der den Camino wie folgt begreift: „Der Weg, verstanden als Übergang von einem Ort zum anderen oder als ein Prozess von einer Situation zur nächsten, ist eingeschrieben in den genetischen Kodex des ganzen Menschen. Der Weg zeigt sich als Lebensnotwendigkeit.“ 10

 

Ein lang gehegter Traum beginnt konkret zu werden, wird schließlich wahr. Pilgern im Geist und in der Wahrheit.

 

Gedankenverloren nehme ich neben Elke Platz; vor mir, hinter mir, alles Pilger, die Kleidung verrät es. Jedoch: Kein vertrautes Gesicht mehr dabei - alles Windhauch. Die profane Wirklichkeit fängt uns ein, denken an das Ankommen daheim. „Hoffentlich sind die Blumen nicht vertrocknet.“ „Nein, ist doch alles geregelt.“ Gegenüber, auf der anderen Gangseite, lässt sich die Frau aus Paderborn in den Sitz fallen. Noch vor wenigen Minuten hatte sie uns beim Einchecken auf dem Airport die Zeit vertrieben und von ihren spirituellen Erlebnissen erzählt.

 

Ich wende mich Elke zu. Rasch sind wir uns einig. Das wird nicht unsere letzte Jakobspilgertour gewesen sein. Über diesen Gedanken hinweg nickt Elke ein. Der Flieger startet endlich, schließe die Augen, die Synapsen interagieren: Ankunft in Santiago, vor drei Tagen am Dienstag, im Mai 2006, Praza de Obradoiro, Westfassade, 12 Uhr 41:" .... Mehr lesen

 

Ihr Kürze mehr zum IV. Forum des Camino de Santiago, zur Kunst auf dem Jakobsweg mit Burgos, Carrion de los Condes und Sahagun, et ecetera.

 

MITTWOCH, 1. DEZEMBER 2021. "WAS ALLE ANGEHT, MUSS VON ALLEN BESPROCHEN WERDEN." - Papst Franziskus.

 

Was alle angeht, muß von allen besprochen werden. (Quod omnes tangit ab omnibus tractari debet). Der Papst oberster Zeuge des Glaubens der gesamten Kirche (fides totius Ecclesiae). Der Bischof von Rom (Papst) Garant des Gehorsams und in der Übereinstimmung ... mit der Überlieferung der Kirche.


Zur 50-Jahr-Feier der Errichtung der Bischofssynode am 17. Oktober 2015 richtete Papst Franziskus eine Ansprache an die Bischöfe wie an die Gläubigen der Welt.

Warum an dieser Stelle der Rekurs dieser über sechs Jahre alten Worte. Nun, der Papst verwendete Worte, die es wert sind, heute zu zitiert werden. Bekanntlich hatte Franziskus mittels eines Schreibens im Juli 2021 der Traditionellen Messe aller Zeiten quasi den Todesstoß (ich berichte darüber; bitte auch nach oben scrollen) versetzt. Neue Berichte aus Rom lassen keinen anderen Schluß mehr zu. Vor-Gespräche mit den Betroffenen, Priestern und Gläubigen des Alten Ritus, waren nicht geführt worden. Besagtes Schreiben traf die Betroffenen unvorbereitet und mit voller Wucht.

 

Nachstehend Auszüge

der oben benannten Rede des Heiligen Vaters.

 

  • Eine synodale Kirche ist eine Kirche des Zuhörens, in dem Bewusstsein, dass das Zuhören »mehr ist als Hören«[12]. Es ist ein wechselseitiges Anhören, bei dem jeder etwas zu lernen hat: das gläubige Volk, das Bischofskollegium, der Bischof von Rom – jeder im Hinhören auf die anderen und alle im Hinhören auf den Heiligen Geist, den »Geist der Wahrheit« (Joh 14,17), um zu erkennen, was er „den Kirchen sagt“ (vgl. Offb 2,7).
  • Die Bischofssynode ist der Sammelpunkt dieser Dynamik des Zuhörens, das auf allen Ebenen des Lebens der Kirche gepflegt wird. Der synodale Weg beginnt im Hinhören auf das Volk, das »auch teilnimmt am prophetischen Amt Christi«[13], gemäß einem Prinzip, das der Kirche des ersten Jahrtausends wichtig war: »Quod omnes tangit ab omnibus tractari debet – Was alle angeht, muss von allen besprochen werden«.…
  • Und schließlich gipfelt der synodale Weg im Hören auf den Bischof von Rom, der berufen ist, als »Hirte und Lehrer aller Christen«[15] zu sprechen: nicht von seinen persönlichen Überzeugungen ausgehend, sondern als oberster Zeuge der fides totius Ecclesiae [des Glaubens der gesamten Kirche], als »Garant des Gehorsams und der Übereinstimmung der Kirche mit dem Willen Gottes, mit dem Evangelium Christi und mit der Überlieferung der Kirche«[16].

https://www.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2015/october/documents/papa-francesco_20151017_50-anniversario-sinodo.html

 

DONNERSTAG, 2. DEZEMBER  2021. ICH MÖCHTE NICHT IN EINER WELT OHNE KATHEDRALEN LEBEN. ICH BRAUCHE IHRE SCHÖNHEIT UND ERHABENHEIT.

- Sakrale Kunst auf dem Camino.

 

Menschen, die sich von der ursprünglich christlichen Vergeistigung des Camino de Santiago angesprochen fühlen, werden sich auf ihrem Weg zum Grab des Apostels Jakobus des Älteren nach Compostela automatisch mit der sakralen Kunst des Camino auseinandersetzen, wie Millionen der vergangenen Jahrhunderte. Sie sind Menschen, die ihre Pilgerschaft nicht als eine Flucht, nicht als Selbstzweck begreifen, nicht sich selbst zum Ziel machen. Sie sind Menschen, die ihre Pilgerschaft als Suche nach der größeren Wahrheit verstehen. Es sind Pilger und Pilgerinnen, die sich die Fähigkeit des Staunens bewahrt haben, die sich neugierig den teils wuchtigen, imposanten und zugleich wunderschönen  Sakralbauten nähern. Eine gerade zu Ende gegangene Ausstellung LUX – Licht konzentrierte sich auf besondere sakrale Kunstgegenstände, die in den Kirchen der Städte Burgos, Sahagun und Carrion de los Condes zu bestaunen waren: vgl. dazu Webseite von gronze.com.

 

Ich möchte die Leser einladen, ihren Blick zu weiten, ihn zunächst auf die Gotteshäuser selbst zu lenken, ob Kathedrale, Dom, Pfarrkirche, Kloster, Kapelle, Ermita, eingedenk der Tatsache, wenn wir ihre Stufen übertreten,  wir uns in einem sakralen, heiligen Ort befinden: innehalten, ein Gebet sprechen, meditieren; uns dem Sichtbar-Sakralen zuwenden, sei es der Altar, das Retabel, die Statuen, das Kreuz, die Fresken. Natürlich wird nicht jedes Gotteshaus geöffnet sein, ich kann ein Lied davon singen. Nevertheless, einige werden geöffnet sein.

 

WIE VORGEHEN?

Ein gangbarer Weg wäre, sich am Menüpunkt KATHEDRALEN zu orientieren. Ein Blick hierauf genügt zu erkennen, dass er sich entlang der Caminos Aragones resp. Frances schlängelt. Von Jaca über Javier nach Eunate auf dem Camino Aragones. Auf dem Navarrischen Weg, einmündend in den Camino Frances, von St.-Jean-de-Pied-de-Port in den Pyrenäen nach Santiago de Compostela via Roncesvalles, Pamplona, Puente la Reina, Estella, Torres del Rio, Los Arcos, Viana, Logrono, Navarrete, Santo Domingo de la Calzada, Belorado, Burgos, Hornillos del Camino, Fromista, Carrion de los Condes, Bercianos de Real Camino, Mansilla de las Mulas, Leon, Astorga, Rabanal del Camino, Villafranca del Bierzo, O Cebreiro, Furelos, Melide.

 

Jedes Gotteshaus hat seine - teils bis ins tiefe Mittelalter rückverfolgbare – von Pilgern geprägte Geschichte: einfache Pilger, reiche Pilger, berühmte Pilgerinnen, königliche Pilger, bischöfliche Pilger. Eine herrliche Gelegenheit, sich mit der Geschichte unserer Vorfahren auseinanderzusetzen.

 

Peter Bieri (1944), Schweizer Philosoph und Schriftsteller, besser bekannt unter seinem Pseudonym Pascal Mercier, bringt meine Intentionen, meine Gedankenwelt auf den Punkt, wenn er in seinem Roman Nachtzug nach Lissabon (2004) deklamiert:

  • Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben. Ich brauche ihre Schönheit und Erhabenheit.
  • Ich brauche sie gegen die Gewöhnlichkeit der Welt. Ich will zu leuchtenden Kirchenfenstern hinaufsehen und mich blenden lassen von den unirdischen Farben. Ich brauche ihren Glanz.
  • Ich will mich einhüllen lassen von der herben Kühle der Kirchen. Ich brauche ihr gebieterisches Schweigen.
  • Ich brauche es gegen das (…) geistreiche Geschwätz der Mitläufer. Ich will den rauschenden Klang der Orgel hören, diese Überschwemmung von überirdischen Tönen.
  • Ich liebe betende Menschen. Ich brauche ihren Anblick. Ich brauche ihn gegen das tückische Gift des Oberflächlichen und Gedankenlosen.
  • Ich will die mächtigen Worte der Bibel lesen. Ich brauche die unwirkliche Kraft ihrer Poesie. Ich brauche sie gegen die Verwahrlosung der Sprache und die Diktatur der Parolen.
  • Eine Welt ohne diese Dinge wäre eine Welt, in der ich nicht leben möchte.

 

NOTRE-DAME PARIS

Wie anders die Intentionen der Protagonisten, die für den Wiederaufbau der Kathedrale Notre-Dame von Paris verantwortlich zeichnen. Ihnen schwebt eine nahezu entsakralisierte Kathedrale vor.

Die Tagespost berichteteWird Notre-Dame zu einem ‚woken Disneyland‘?: Die Pläne sähen vor, dass Beichtstühle, Altäre und klassische Skulpturen modernen Wandgemälden mit Klang- und Lichteffekten weichen und ausrangiert werden sollen, um mit den Neuerungen „emotionale Räume“ zu schaffen. Darüber hinaus solle ein „Erlebnispfad“ entstehen, der die Besucher durch vierzehn verschiedene „Themen-Kapellen“ leite, wobei der Akzent auf Afrika und Asien liege - Europa und Amerika seien hinter der Apsis versteckt.

 

Kehren wir stattdessen

zurück zu uns Pilgern. Ehrfürchtig staunend stehen wir vor den Portalen, versuchen zu begreifen, was sie uns sagen wollen. Der mittelalterliche Pilger konnte sie deuten; dazu mußte er nicht lesen können. Sind wir Modernisten dazu in der Lage? Beispielhaft nenne ich die Portale von Viana, Burgos, Leon oder Santiago de Compostela. Wer tiefer einsteigen will, klicke bitte den Menüpunkt Kathedralen an. Ich beschreibe beispielhaft das Portal von St-Marie-de-Oloron in Frankreich.

 

WER EINE KIRCHE BETRITT,

DER IST IM GLAUBEN!

Oder kommt zum Glauben, wie der 18-jährige Paul Claudel, nachmaliger berühmter französischer Schriftsteller. Notre-Dame Paris am 25. Dezember 1886. Quasi aus Langeweile geht Claudel in die Kathedrale, verfolgt das gerade begonnene Weihnachtshochamt, hört das Magnifikat („Meine Seele preist die Größe des Herrn …“) …., es haut ihn um, er bekehrt sich.  

 

WENN DU EIN GOTTESHAUS BETRITTST,

„spürst du sofort die Weite des Raumes. Dein Blick zum Altar (Navarrete), hinauf zu den bunten Fenstern (Leon) und bis zum hohen, bemalten Deckengewölbe. Ein leichter Duft von Weihrauch und Kerzentalg vermischt sich zu einem würzigen Aroma. Du kniest dich in eine Bank, deine Lippen formen das "Vater unser" und das "Gegrüßet seist du, Maria...". Dann einige selbst zusammengewürfelte Bitt- und Dankes-Worte. Die Weite des Gotteshauses tut gut; die Anwesenheit unseres Herrn im Tabernakel *) und die angenehme Stille rücken für eine Viertelstunde die Sorgen und Probleme des Alltags weit in den Hintergrund.

Du wirst ganz ruhig, fühlst dich leicht,

frei und entspannt - und unendlich geborgen ..."  

Quelle: Zeitschrift der Pallotiner, Juli/August 2015.

*) Tabernakel: In vielen Kirchen nach dem Konzil in die Seitenschiffe verbannt, nicht mehr im Blickpunkt der im Hauptschiff betenden Gläubigen.

 

"Wer nach Santiago pilgert, kann nicht der gleiche bleiben.“

– Papst Benedikt XVI., 2010 in Santiago.

 

SONNTAG, 12. DEZEMBER 2021. Etappe 31. KAPSTADT VERSUS IRAKKRIEG. Eine hilfsbereite Kanadierin.

Auszug Reisebericht. "Wie sollte es anders sein, keiner bemerkt uns kurz vor sechs, alle schlafen noch, katzengleich verlassen wir das Haus durch den Hintereingang über die neu verlegte Terrasse, die freundlichen Damen hatten es uns gestern genauso vorgeschlagen. Das gestrige Abendmenü war nicht nur nicht schlecht, nein, es war ausgesprochen gut und reichhaltig, inklusive Schinken, Tomaten und der obligatorischen Flasche Rotwein, und das Ganze nur für € 14,20. Das muss erst mal für den heutigen Vormittag vorhalten, die Kekse sind ja auch noch da, die zwei im Hostal gekauften Flaschen agua mineral ohnehin. Auch wenn die Gemäuer eine rechte Kälte verströmten, im Hochsommer sehr angenehm, uns hat es gut gefallen. Beim nächsten Camino werden wir Morgade ganz bestimmt auf der Agenda haben.

 

Warum, so wird der Leser spätestens jetzt fragen, warum nur stehen diese Pilger immer so früh auf? Ich will noch `mal darauf eingehen. Ganz einfach, bei heißem Wetter ist es halt angenehmer zu gehen, aber, und das ist der eigentliche Hauptgrund, immer wenn du in die Herberge willst, musst du in der Regel spätestens vor zwei Uhr angekommen sein – es gleicht einem Wettrennen, ansonsten hast du die A….karte gezogen und darfst weiter ziehen. Ich möchte nicht wissen, wie viele Pseudopilger diese preiswerte Unterbringungsmöglichkeit für sich nutzen. Für Elke und mich steht deshalb fest, dass wir, soweit es geht, auf Hotels oder Hostals ausweichen, dort kannst du wenigstens, neben den anderen Annehmlichkeiten, problemlos die nassen oder durchgeschwitzten Klamotten waschen und trocknen. Zwischenzeitlich bin ich nämlich ein Fachmann in Sachen Wäsche waschen geworden, weil mein Ding: Ankommen, auspacken, waschen, die kleine Tube Sil darf nicht fehlen, spülen, aufhängen (wo sind die Klammern?), trocknen, abnehmen. Das Wetter ist angenehm, wir sind mehr oder weniger fit."

Wer wissen will, was Kapstadt mit dem Irakrieg zu tun hat, der sollte die 31. Etappe anklicken.

THIRD SUNDAY OF ADVENT (Year C). "John answered them all, saying, ”I am baptizing you with water, but one mightier than I is coming. I am not worthy to loosen the thongs of his sandals. He will baptize you with the Holy Spirit and fire. His winnowing fan is in his hand to clear his threshing floor and to gather the wheat into his barn, but the chaff he will burn with unquenchable fire.”  Luke 3:16–17

Mehr lesen: Catholic Daily Reflections.

 

DIENSTAG, 14. DEZEMBER 2021. SIE BETETE DIE GANZE NACHT.

Edith Stein (12. Oktober 1891, ermordet am 9. August 1942 in Auschwitz-Birkenau), Jüdin, 1916 Promotion in Philosophie, 1921 zum katholischen Glauben konvertiert, Taufe und Erstkommunion am 1. Januar 1922. Rege Vortragstätigkeit, gefragte Referentin, stand kurz davor, einen Lehrstuhl für Philosophie als Professorin zu übernehmen. Das 3. Reich stoppte sie. Nach der Konversion wurde ihr eine Stelle als Lehrerin im Kloster der Speyerer Dominikanerinnen vermittelt.

 

Von ihrem kleinen Zimmer an der Pforte waren es nur wenige Schritte zur Kirche, dort, wo sie stundenlang vor dem Allerheiligsten kniete, betete, meditierte.

So auch am 1. Weihnachtstag. Die Mesnerin (Küsterin) schloß die Kirche auf, sah das "Fräulein Doktor" vor der Weihnachtskrippe knien, tief im Gebet versunken. Man hatte sie abends zuvor nach der Christmette versehentlich eingeschlossen. Als die Mesnerin sich entschuldigen wollte, sagte Edith an sich Unfaßbares: "Wer kann denn schlafen in einer Nacht, in der Gott Mensch wurde." Für Edith Stein gehörten Krippe, sie hatte sich auch in ihrem kleinen Zimmer eine völlig unscheinbare, schlichte Krippe aufgestellt, und Kreuz zusammen. Quelle: Fatima ruft. 04.2021. Ludwig Gschwind. An der Krippe.

 

DIENSTAG, 21. Dezember 2021. WEIHNACHTEN. DARUM GIBT ES GOTT.

Was feiern wir eigentlich an Weihnachten? Ein stimmungsvolles Familienfest? Wenn es gut geht, ohne Streit? Die Geburt eines berühmten Babies? Die Heilige Nacht? Das Christkind, das Jesuskind in der Krippe, umsorgt von seiner jungen Mutter Maria und seinem Ziehvater Josef? Nach Lukas 2 den Hirten auf dem Feld von Engeln verkündet mit den Worten „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden.“ Vor über zweitausend Jahren geschehen in einem kleinen Dorf namens Bethlehem: Haus des Brotes. *)

 

Wir feiern die Herabkunft des dreifaltigen Sohnes Gottes als Christus, als Heiland, als Messias, als Retter, als Erlöser: aus Gottes unerschöpflicher Liebe zu den Menschen. Pater Recktenwald FSSP drückt es in seinem Aufsatz „Der doppelte Ruf“, veröffentlicht im Informationsblatt der Priesterbruderschaft St. Petrus (Januar 2022), ergänztend so aus: „Ich existiere, weil Gott, die absolute Güte, mich liebt und zu einem ewigen Glück berufen hat.“ Und nur deshalb feiern wir zu Weihnachten die Heilige Nacht, die Geburt des Herrn, die alles Leben auf dem Globus verändert hat. Roger Köppel spricht in seinem Aufsatz vom gnädigen Gott. Ohne ihn hätte sich die Menschheit längst zerfleischt.

 

Ich bin Roger Köppel, dem Chefredakteur der Schweizer „Weltwoche“, sehr dankbar, dass er mir persönlich die Erlaubnis gegeben hat, seinen vor einigen Tagen veröffentlichen Artikel „Warum es Gott gibt“ auf meiner Homepage abdrucken zu dürfen. Warum? Es ist ziemlich ungewöhnlich, dass ein bekannter Zeitungsmann (früher einmal Chefredakteur der "Welt") sich in dieser letztlich so areligiös gewordenen, teils sich anti-christlich verhaltenden westlichen Gesellschaft so dezidiert zu Gott bekennt, Gegenwind eingepreist. Köppel geht noch weiter und postuliert, in weiteren Beiträgen, dass Europa ohne das Christentum nicht zu denken sei.  

 

WARUM ES GOTT GIBT

Roger Köppel, Chefredakteur „Die Weltwoche“, Zürich, Dezember 2021

https://weltwoche.ch/story/warum-es-gott-gibt/

 

„Kürzlich besuchte mich ein deutscher Journalist. Er war ziemlich niedergeschlagen. Vor lauter Corona verzweifelte er an der Gegenwart. Die Politik, sagte er, missbrauche doch diese Pandemie schamlos, um ihre Macht auszubauen. Die Demokratie gehe zugrunde, der Rechtsstaat löse sich auf. Man dürfe kaum mehr sagen, was man denke. Die Welt stürze in die Finsternis.

Ich musste widersprechen.

Aber bitte keine Missverständnisse: Der Kollege hatte mit vielen seiner Befunde recht. Trotzdem bleibe ich zuversichtlich. Ein Blick ins Alte Testament genügt: Schon vor dreitausend Jahren rannte die Menschheit falschen Göttern hinterher. Es gibt nichts Neues unter der Sonne: Als Moses zu Gott auf den Berg stieg, tanzten die Israeliten im Tal bereits ums Goldene Kalb.

 

Das Bild hat sich eingeprägt. Menschen sind wundervolle Kreaturen, faszinierende Lebewesen, zu Unglaublichem imstande, im Guten wie im Schlechten. Eines aber sind sie nicht: unfehlbar. Im Gegenteil. Jeder Mensch ist eine einzigartige, rätselhafte Ansammlung von Widersprüchen und Irrtümern, die ihm selber oft am wenigsten einleuchten.

Und besonders verflixt: Meistens sind die Irrtümer dann am grössten, wenn sich die Menschen ihrer Sache am sichersten sind. Nichts ist gefährlicher als eine Gruppe unbeirrbar Überzeugter, eine Gruppe von Erleuchteten, die glauben, auf einem Fundament unerschütterlicher Gewissheiten zu stehen, die letzten Wahrheiten erblickt zu haben.

 

Auch das ist nichts Neues. Schon immer mussten die Menschen mit sich selber fertig werden. Heute lächeln wir über den Aberglauben früherer Jahrhunderte. Wir wundern uns rückblickend, zu welchen Exzessen des Irrsinns, zu welch namenlosen Verbrechen unsere Vorfahren im Namen irgendwelcher Ideale, die wir längst als Wahnvorstellungen durchschaut zu haben glauben, fähig gewesen sind.

Selbstverständlich halten wir uns für etwas Besseres, für so erhaben über die Abgründe der Vergangenheit. Undenkbar, dass wir in frühere Rasereien verfallen könnten. Niemals.

Schön wär’s. Die Verfasser der Bibel hatten recht: Der Mensch ist dauernd, von Anfang an und für immer anfällig, gefährdet, absturzbedroht, geblendet, verblendet, unterwegs auf dem dünnen Eis seiner Illusionen und Fantasien, die er hartnäckig mit der Wirklichkeit verwechselt.

 

Das ist kein Abgesang. Im Gegenteil. Es ist ein Hohelied. Menschen sind aus krummem Holz geschnitzt. Trotzdem haben sie überlebt, Zivilisationen aufgebaut, wieder zerstört und zusammengesetzt, neues Leben blüht aus den Ruinen, die wundervollsten Kunstwerke geschaffen, eine Staatsform erfunden, die unserer herrschsüchtigen Natur widerspricht, Demokratie, Menschenrechte, Starke nehmen auf die Schwachen Rücksicht, im Grunde ein Wunder, nicht zu reden von der Schweiz, diesem menschengemachten Spezialfall, der auf die Provokation hinausläuft, dass der Mensch, dieser grossartige, himmeltraurige Geselle, sich am Ende selbst regiert.

 

Noch vor tausend Jahren, einem Lidschlag der Geschichte, hätte man einen für verrückt erklärt, der so etwas wie die Schweiz überhaupt für denkbar gehalten hätte. Wäre alles verloren, verdammt und verworfen auf diesem Planeten, würde es eine Schweiz nicht geben.

Es ist keine Kunst, aus wunderbaren Zutaten ein grossartiges Abendessen zu kochen. Die Menschen aber haben es geschafft, aus dem unzulänglichsten Rohstoff, den es gibt, sich selbst, funktionierende Demokratien zu formen.

 

Ich gehe noch weiter: Die Geschichte hat grössere Katastrophen gesehen als die Corona-Finsternis meines deutschen Kollegen. Wir wollen nichts verharmlosen, aber im Rückblick ist es ein Wunder, dass es die Menschheit überhaupt noch gibt. Denn nichts haben die Menschen unversucht gelassen, um sich gegenseitig auszurotten.

 

Warum eigentlich gibt es uns noch?

«Nur ein Gott kann uns retten», rief in seinem letzten Interview verzweifelt der deutsche Über-Philosoph Martin Heidegger, enttäuschter Katholik, der nie über Nietzsches «Gott ist tot» hinweggekommen war.

Heidegger irrte. Gott ist nicht tot. Er war immer da. Um uns vor uns selbst zu retten.

Ich behaupte: Es muss eine gütige Vorsehung geben, einen gnädigen Gott. Sonst hätte sich die Menschheit längst zerfleischt. Auf sich allein gestellt, wären die Menschen ausgestorben, zugrunde gegangen an sich selbst.

 

Der einleuchtendste Gottesbeweis, den wir haben, ist die schlichte Tatsache, dass es die Menschen immer noch gibt. Spielt es eine Rolle, ob wir an Gott glauben? Gott sei Dank glaubt Gott an uns.

Aber Achtung: Damit rechtfertige ich kein Verbrechen, das die Menschen begangen haben. Und man soll mir diesen Artikel auch nicht zum Freispruch unserer Corona-Politiker umdeuten.

Was ich aber meinem deutschen Kollegen antworten möchte: Die Welt ist nicht verdammt. Alle Probleme, die wir uns selber eingebrockt haben, können wir selber wieder lösen. Und für alles andere sind höhere Mächte zuständig.

Fürchtet euch nicht. Bald ist Weihnachten. R. K.“

 

*) Bethlehem, Haus des Brotes.

Wer denkt da nicht unwillkürlich an die Heilige Kommunion?

 

Ich wünsche allen Pilgern eine friedvolle Weihnacht,

auf dem Camino, back home.

Lasst uns aufeinander zugehen: Wenigstens für einige Stunden (besser: Tage) Corona und alle anderen Streithemen vergessen. Akzeptieren wir einfach divergierende Meinungen. Auch empirisch begründete Wissenschaft sollte sich der Falsifikation stellen: “Wann immer wir nämlich glauben, die Lösung eines Problems gefunden zu haben, sollten wir unsere Lösung nicht verteidigen, sondern mit allen Mitteln versuchen, sie selbst umzustoßen.” – Karl Popper (Philosoph, 1902-1994.) Logik der Forschung, 11. Auflage, Mohr Siebeck, Tübingen 2005, Seite XX.

 

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden. Beneidenswert diejenigen Pilger, die sich einen Platz in der Kathedrale von Santiago de Compostela sichern konnten, ob während der heiligen Messe in der Heiligen Nacht oder am Weihnachtstag.

Wer mag, schreibe mir von seinen/ihren Eindrücken.

 

MONTAG, 27. DEZEMBER 2021. NACHLESE WEIHNACHTEN.

Atheisten tun sich vermeintlich leicht, wenn sie erklären müssen, warum sie Weihnachten  feiern. Aber eins nach dem anderem. Zum ersten. In dem Wort Weihnachten steckt das Wort Weihe drin, das für sie natürlich nicht nur christlich konnotiert ist. Schwieriger wird es mit dem Heiligabend, wie selbstverständlich von den Medien verwendet. Der Heilige Abend, die Heilige Nacht nimmt eine Außenseiterrolle ein. Nicht zu toppen die Begrifflichkeiten Christfest, Christbaum, Christkind, vornehmlich in christ-katholischen Gebieten verwendet.

Synonyme: Weihnachtsfest, Jahresendfest, Happy Seasons, Festtage, Feiertage, etc.; Tannenbaum; Weihnachtsmann, Nikolaus. Und überhaupt, ich kann mir sehr gut vorstellen, wie selbige Atheisten, Wissenschaftsgläubige, Anhänger der Französischen Revolution, Verklärer der Aufklärung, Stichwort: Voltaire, Jean-Jacques (Johannes Jakob) Rousseau, geradezu jedes Mal aufheulen, wenn aller Orten die Zeitrechnung nach wie vor mit Christus verbunden wird: vor Christus und nach Christus. Christus: der Gesalbte, der Messias, der Heiland. Die Begrifflichkeit Vor und nach der Zeitrechnung müßte ja letztlich auch begründet werden, von wem wann und warum an was und/oder wem orientiert .

 

Kommen wir zurück zum Eingangsstatement. Dem Christentum nicht Wohlmeinende deklamieren mit Verve, dass die Einführung des Weihnachtsfestes ja eine Adaption des heidnischen Sonnenkultes gewesen sei. Also feiere man heute die Wintersonnenwende, zusammen in und mit der Familie.

Die neuere Forschung widerspricht. Unter anderem auch begründet durch die Tatsache, dass die Kirchenväter nirgends gegen den römischen Sonnenkult polemisiert hätten – im Gegensatz zu anderen heftigen Attacken auf andere heidnische Feste. Das impliziert, dass es in Rom gar keinen ausgeprägten Sonnenkult gegeben haben kann.

 

Der Termin für das Geburtsfest des Herrn Jesus Christus, des trinitarischen Sohnes Gottes, war rein innerchristlich motiviert. Anderes zu behaupten, scheint mehr dem Wunsch der Vater des Gedankens geschuldet zu sein. Neun Monate zurück, also am 15. März, feiert die katholische Kirche eines des ältesten Marienfeste, nämlich das Fest Mariä Verkündigung, wonach - dem Lukas-Evangelium zufolge - der Engel Gabriel der Jungfrau Maria die Geburt des Herrn verkündigte: empfangen vom Heiligen Geist (überschattet), ohne Zutun eines Mannes, ohne Joseph als Erzeuger. Inspiration und Quelle: Michael Karger in der "Tagespost" vom 23. Dezember 2021, Literarische Klassiker zum Fest.

 

EPILOG. JAHRESENDE 2021.  33 TAGE PILGERN - 33 JAHRE JESUS CHRISTUS AUF DER ERDE. - Die Mehrheit hat nicht immer recht.

Das uns alle beherrschende Thema Corona-Epidemie wird uns auch in 2022 - nomen est omen - beherrschen. Dafür werden  alle relevanten Protagonisten sorgen. Die Epidemie hat Auswirkungen auf den Camino de Santiago. Und schon hat die Bundesregierung eine Warnung ausgesprochen, möglichst nicht nach Spanien und Portugal zu reisen. Bei der Rückreise aus diesen Ländern droht möglicherweise die Quarantäne. Die diese Warnung transportierenden Medien sollten allerdings nicht vergessen zu erwähnen, dass Deutschland gleichermaßen von vielen Ländern als Hochrisikogebiet eingestuft wird. Nach Ansicht einer englischen Universität hat Deutschland weltweit die zweithärtesten Corona-Maßnahmen verfügt. Deuschland, das Land der Weisen und Denker.

 

Warum akzeptieren wir nicht divergierende Meinungen, nicht nur der Mitmenschen, der Freunde, innerhalb der Familie, im Betrieb, der Politiker, normalerweise auch die der Medien, aber auch und gerade die der Wissenschaftler untereinander? Karl Popper, wie oben erwähnt, sieht u.a. den Sinn darin, (vermeintlich) gefundene wissenschaftliche Lösungen zu hinterfragen, ggfs. umzustoßen.

 

Nach Max Bense (1910 bis 1990), deutscher Philosoph, Schriftsteller und Publizist, hat die Wissenschaft eine fundierende, eine kritische und eine utopische Funktion.

Die fundierende Funktion besteht darin, dass sie die Grundlagen für Aussagen erarbeitet.

Ihre kritische Aufgabe erfüllt sie, indem sie Fehler entdeckt und deren Beseitigung anregt.

 

Alle großen Ärzte der vergangenen Jahrhunderte, wie u.a. Robert Koch (Tbc), Alexander Fleming (Penicilin), Wilhelm Röntgen (Röntgenstrahlen), Louis Pasteur (Impfstoffe gegen Cholera, Tollwut, etc.), Emil von Behring (Diphterie), mußten große Gegenwehr aushalten; sie wurden teils von ihren eigenen Kollegen und der Presse verlacht, bis sie sich schlußendlich mit ihrer Minderheitenmeinung durchsetzen. Henrik Ibsen, der große norwegische Schrifttsteller und und Dramatiker (1828-1906) deklamierte: "Die Mehrheit hat nie das Recht auf ihrer Seite. Das ist eine der Gesellschaftslügen, gegen die ein freier, denkender Mensch rebellieren muß. Aus wem besteht die Mehrheit in irgend einem Land?...." 

 

Ich denke also, die Aufgabe unserer Leit-Medien wäre es, die Vielfalt der wissenschaftlich erarbeiteten Ergebnisse herauszukitzeln, dabei Wissenschaftler aller Kontinente befragen, sodann durchaus vergleichen und bewerten, auf jeden Fall aber der Öffentlichkeit und der Politik vorlegen.

 

Zurück zum Camino. John Brierley, dem englischen Caminoautor, gefiel die Vorstellung, dreiunddreissig Tage gepilgert zu haben: einen Tag für jedes Jahr, das Jesus Christus auf der Erde gelebt hat, also 33 Jahre. Erinnern wir uns an die vielen imposanten Kathedralen und wunderschönen Kapellen, als wir niederknieten, ein Gebet zum Herrgott sprachen, uns dankbar an die Gottesmutter und Jungfrau Maria wandten, den Apostel Jakobus nicht vergaßen; aus der Meditation Kraft schöpften für den sich fortsetzenden anstrengenden Camino gen Santiago den Compostela.

   

Eine gute Zusammenfassung,

irgendwo irgendwann aufgeschnappt, soll mein Jahr 2021 beschließen.

  • Den eigenen Camino gehen, nicht den der Mitpilger.
  • Mit sich und anderen achtsam umgehen.
  • Die Natur fühlen, sich geborgen fühlen zwischen Himmel und Erde.
  • Sich nicht dem Termindruck beugen: innehalten, meditieren.
  • Das Bedeutungslose abstreifen; sich dem wirklich Wichtigem zuwenden.
  • Sich dem Herrgott nähern.

 

Ich wünsche allen Jakobspilgern ein friedvolles Jahr 2022, die Erfüllung aller machbarer Wünsche und Vorhaben.

 

1. JANUAR. EINSTIMMUNG 2022. UNGEBREMSTER AUSBAU JAKOBINISCHER ROUTEN. Anton Pombo von Gronze.com hat wieder einmal den Finger in die Wunde gelegt. Die Google-Übersetzung „Die Vermehrung der Brote … und der Jakobswege läßt erahnen, was er meint, nämlich den ungebremsten Zuwachs von jakobinischen Routen. Pombo sieht darin ein ernsthaftes Problem. Warum?

 

Zunächst, was ist mit Brotvermehrung gemeint? Christi „Speisung der Fünftausend“ (Mt 14,13-23; Mk 6,30-46; Lk 9,10-17 und Joh 6, 1-15) für Pombo Wunder und Segen zugleich. „Hungrige“ Pilger hingegen mit immer mehr Pilgerwegen/-routen zufriedenstellen zu müssen, scheint ihm abwegig.

 

Pombo sieht drei Hauptphasen der Wiederherstellung der mittelalterlichen Routen. Die erste folgte den großen historischen Routen. Die zweite seitens der jakobinischen Vereinigungen hatte versucht, alle Autonomen Gemeinschaften und ihre Hauptstädte mit den zuvor festgelegten Hauptachsen zu verbinden.

 

Die dritte jetzige Phase stecke in einer Art Gelbfieber-Syndrom: Umwidmung der Compostela-Wege zur touristischen Monokultur. Er sieht Emporkömmlinge am Werk, die ohne Scham am Wirken seien, einen bedauerlichen Umgang mit der Geschichte und der Archäologie pflegten; kommerzielle Kunstgriffe operettenhaft einbrächten, ähnlich einer Netflix-Serie. Harter Tobak.

So beabsichtige Galiciens Regierung, die Xunta de Galicia, dem Wegenetz sieben Routen hinzufügen; die Liste möglicher weiterer Routen muß sehr umfänglich sein.

 

• Miñoto-Ribeiro: in Portugal da Geria und in Galicien de los Arrieros genannt

• Künig: Alternative durch Lugo zum Aufstieg auf den O Cebreiro

• San Rosendo: über Bande und Celanova nach Qurense

Mariñán: kurze Verbindungen mit den Camino Ingles

• Muros-Noia: mit Abzweigungen von Muro und Porto do Son

• Umgehungstraße nach Muxia über Brandomil

 

Hinten diesen Projekten stünden neben den Kulturvereinigungen vor allem die betreffenden Gemeinden und ihre Bürgermeister.

In diesem Zusammenhang mein Einwurf: Spanien, einst das katholische Land schlechthin, mutiert mehr denn je zum einem areligiösen Land, gefördert durch die sozialistische Zentralregierung unter Pedro Sanchez. Jetzt soll ausgerechnet ein christ-katholischer Camino de Santiago, ein Pilgerweg zum heiligen Apostel Jakobus herhalten, die Wirtschaft im Norden des Landes anzukurbeln. Schlimmer geht`s nimmer.

 

Pombo zweifelt an der dokumentierten Historizität dieser Wege, die die Macher dieser neuen Entwicklung behaupten; beispielhaft benennt er die beiden zuletzt aufgenommenen Wege A Guarda-Redondela (Portugals Küstenweg) und den Winterweg (Camino Invierno). In beiden Fällen sieht er gravierende dokumentarische Mängel. Er bezieht sich u.a. auf Prof. Dr. Paolo Caucci *) aus Perugia/Italien, Präsident der Confraternita di San Jacopo di Compostell (Internationales Expertenkomitee), der sogar die Implizierung einiger Straßen der sog. ersten Phase als nicht gerechtfertigt ansah. Als grobe Richtlinie, Pombo nennt es Formel, gelte, dass die über Jahrhunderte hinweg bestehenden Routen, letztlich über 1.200 Pilgerjahre, nicht nur über ein entsprechendes Gastgebernetzwerk verfügen müßten, und, das scheint auch mir sehr einleuchtend zu sein, sondern auch und gerade über zuverlässige Zeugnisse von Pilgern, diese Route auf ihren Weg nach Compostella genutzt zu haben.

 

In Bezug zu Frankreich, wo anscheinend gleiche Vorhaben umgesetzt werden sollen, zitiert der Protagonist Alexandre Nicolai, genannt Monsieur Saint-Jacques de Compostelle (Bordeaux 1897), der vor über einhundert Jahren schon davor gewarnt hatte, alle Straßen mit Überresten von Pilgerwegen oder Krankenhäusern wieder herzustellen. Am Ende würde das bedeuten, das gesamte mittelalterliche französische Straßennetz als Jakobspilger-Wegenetz zu definieren. Das könne es ja wohl nicht sein. Auf Pombos Einlassungen zu Portugal verzichte ich hier an dieser Stelle. Er geht nicht gerade zimperlich mit einem der Initiatoren um.

 

Kurzum: Anton Pombo beklagt, dass das politisch beherrschte Marketing die Oberhand gewonnen habe, größere Städte wie Vigo unbedingt einzubinden, erfundene Tourismusprodukte und Jakobsmuschel-Kopfbedeckungen inklusive. Bedauernswert die ahnungslosen Pilger, denen auf diesen „neuen“ Jakobwegrouten ein Krankenhaus, eine Kapelle, eine Kirche mit einer Santiaguista-Widmung oder ein Stein des Templerordens präsentiert werde, um den geschichtlichen Bezug zum Camino de Santiago untermauern. Ich denke, aus der Sicht kurzfristig denkender und handelnder Politiker, Gemeinderäte und Tourismusmanager irgendwie verständlich; nachhaltig mitnichten, im Gegenteil.

 

Pombo prognostiziert, wenn denn der Rat von Compostela entsprechend zertifiziere, es künftig einen rücksichtslosen Wettbewerb zwischen den Straßen gäbe, einhergehend mit schlechter Stimmung untereinander. Selbstmord in Raten. Trivialisierung pur. Denn, wenn alles der Jakobsweg ist, wird schlußendlich nichts der Jakobsweg sein. Ein bessere deutsche Übersetzung wird mir noch einfallen. Ach ja, welche Lösung schwebt Pombo vor? Stattdessen vorhandene historische und/oder spirituelle Wege schlicht und einfach fördern und ausbauen als ganz normale Wanderwege, wie beispielsweise den Camino de los Faros oder die Via Mariana Luso-Galaica.

 

Mir deucht, die vorhandenen Jakobswegrouten mutieren langsam aber sicher alle zu vom Tourismus beherrschten profanierten Wegen, ein Widerspruch in sich; eine Entwicklung, die nicht mehr aufzuhalten sein dürfte, und die „Kirche“ schaut zu. Die Entwicklung fiel ja nicht vom Himmel. Mir fiel schon vor mehreren Jahren auf, dass erste Pfarreien übergegangen waren, mehr und mehr ihre Sakralbauten zu schließen aus Angst vor Zerstörung und Entweihung; ohne Aufsicht geht`s nimmer. Männer nehmen ihre Kopfbeckungen nicht ab, Pilger schmausen, trinken, unterhalten sich lautstark, stören die Andacht Gläubiger, stören den Gottesdienst; alles wie zu Hause. 

*) korrespondierendes Mitglied der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft, Aachen.

 

SONNABEND, 15. JANUAR 2022. WAS GIBT´S NEUES IN 2022. Welcher Überraschungen wird uns das neue Jahr noch bescheren? Alles hängt davon ab, wie die einzelnen europäischen Regierungen, namentlich Spanien, Portugal, Frankreich und Deutschland, Omikron einstufen, und sich auf die kommenden Wellen, die es in Deutschland ganz sicher geben wird, einstellen werden. Spanien fabuliert darüber, sich langsam aber sicher auf eine Endemie vorzubereiten, Omikron dem Grippevirus gleichsetzen. Ich würde zu gerne wissen wollen, wie die spanischen Leitmedien diskutieren: die Spannung hochhaltend, analog den deutschen oder mehr dem „Laissez-faire“ folgend? Nicht anders kann man sich die TV-Bilder erklären, die Straßen- und Restaurant-Situationen zeigen mit eng beieinander-sitzenden zumeist jungen Leute, als gäbe es das Coronavirus gar nicht.

 

Ja, es gibt die toughen Januar-Pilger noch, wenn auch wenige, folgt man den Zahlen des Santiagoer Pilgerbüros. Am gestrigen Freitag, 14. Januar ließen sich 31 Pilger registrierten. Im Frühling dürfte es für die meisten losgehen. Zeit genug, Revue passieren zu lassen, sich auf den eigenen Camino vorzubereiten; bereit zu sein, Informationen aufzunehmen, zu verarbeiten, in den nächsten Camino zu integrieren.

Also, was gibt`s Neues? Der geneigte Leser weiß von mir, dass sich mein Hauptaugenmerk dem christlich konnotierten Jakobsweg zuwendet. Was liegt da näher, sich der spanischen mittelalterlichen Geschichte zuzuwenden, Stichwort Saragossa, der Stadt der Jungfrau auf der Säule, der Madonna del Pilar. Hier erschien in 40 nach Christus dem Apostel Jakobus die Jungfrau und Gottesmutter Maria; sie animierte ihn, auszuhalten, nicht sogleich den Kopf in den Sand zu stecken, zu missionieren, wie es Jesus Christus den Aposteln aufgetragen hatte, und damit auch uns; vgl. Matthäus 28, 16-20. Wer mehr über diese geschichtsträchtige Stadt wissen will, der folge meiner Verlinkung.

Spanien, das einstmals katholische Land Europas schlechthin, ist heute auf dem Weg, sich zu einem säkularisiertem Land, zu einem sich antichristlich gebendem Land zu entwickeln. Diese Entwicklung ist nicht nur dem Zeitgeist geschuldet, auch nicht den "Mißbrauchspriestern", nein, sie ist geschuldet den sich liberal gebenden Klerikern, bis in die höchsten Kreise hinein, die sich allzuleicht dem veröffentlichten Mainstream anpassen, statt das Evangelium des Herrn offensiv zu verkünden. Man hat den Eindruck, als schämten sich die „Würdenträger“ ihres eigenen Glaubens. Ganz anders der Chefredaktor und Herausgeber der Schweizer „Weltwoche“, der am 27. Oktober 2021 über das „Weltwunder Christentum“ schrieb. Einige Stichworte: Urknall der Philosophie im Mittelalter: Ohne die Kirchenväter, ohne die Christen hätten wir keine Wissenschaft. Das Christentum ist viel wichtiger, als wir alle glauben. Im Christentum stecken Schätze von Wahr- und Weisheiten, die uns zu dem gemacht haben, was wir heute sind. Wir laufen Gefahr, sie zu vergessen.“ -  Es gibt sie noch, die Christgläubigen aller Berufe, von der Professorin bis zum Angestellten, die sich seit Anfang Dezember 2021 mittwochs treffen, mittlerweile an über 635 Orten der Bundesrepublik, um öffentlich den Rosenkranz beten: https://www.deutschland-betet-rosenkranz.de/vorstellungen-und-ziele/. So mancher Beter wird dabei auch an die Christen denken, die weltweit in allen Kontinenten wegen ihres Glaubens verfolgt werden. Leider thematisiert Papst Franziskus dies nur sehr unvollständig; er scheut sich, Roß und Reiter zu nennen, was seine Vorgängerpäpste nicht abhielt es zu tun.

 

Am 7. August dieses Jahres wird der Papst offensichtlich nach Spanien reisen, Santiago de Compostela inklusive, dabei an die Besuche seiner Vorgängerpäpste anknüpfen. Wird er auch seine Schritte gen Monto de Gozo richten, dort wo Papst Johannes Paul II. in 1982 eindringliche Worte an die Jugend wie an die Menschen schlechthin richtete? Was werden ihm die Protagonisten der Xunta (Regierung) Galiciens sagen, dass das JP II-Monument mit dem weithin sichtbaren Kreuz auf ihm in 2021 abgerissen worden ist. Katholiken Santiagos sehen in der Begründung, das Denkmal sei marode geworden, nur einen Vorwand, sich des Kreuzes zu entledigen. Um so eindrucksvoller die Video-Serie von John Sikora, der nicht nur den gesamten Camino Frances in 5-facher Geschwindigkeit zeigt, vgl. Webseite Literatur. DVD, der in der jeweils vorgeschalteten Rubrik „Best of the day“ auch und gerade Fotos von Kathedralen und Kapellen zeigt, nicht nur von außen; das Beispiel „Burgos“ mag genügen: Stage 13: Highlights; also wird es ihn interessiert haben.

 

In meinem nächsten Bericht werde ich, so die Planung heute, auf eine irische Gruppe, die im 6. Jahrhundert als erste Pilger ihren Fuß auf Hispanias Boden setzte, zurückkommen; auch auf die „Fashion-Influencer“ und den entsprechenden Reaktionen seitens der Angesprochenen; auch auf die Sehenswürdigkeiten Santiagos abseits der Kathedrale; nicht zuletzt auf den neuen Hochgeschwindigkeitszug.

 

SONNABEND, 22. JANUAR  2022. Spirituelles, Meditatives, Nach-denkliches, Eindrucksvolles, Unvergeßliches 

versus Tourismus pur.

Noch benommen vom Video sitze ich vor dem Computer, versuche, meine Gedanken zu ordnen. Worum geht es? Um unsere, um meine Etappe von Rabanal del Camino Richtung Cruz de Ferro. Mein Highlight unseres Camino Frances 2006.

 

Was ist daraus geworden? Ein Wort genügt: Tourismus pur. Woran messe ich das? Am Video von John Sikora: Stage 24 A Rabanal to El Acebo. *) Wir waren seinerzeit durchgegangen bis Molinaseca: mit traumhaftem Wetter, fast keine Mitpilger um uns herum, traumhafte Stille auf traumhaften Pfaden, wir eins mit Fauna und Flora. Am liebsten würde ich sofort die Wanderstiefel schnüren, wenn da nicht die Masse Mensch wäre: Wanderer, Bus-Touristen mit/ohne Rucksäckchen auf dem Rücken, die vielen neuen „Pilger“-Bars am Weg. Nicht wieder zuerkennen Foncebadon, das Foncebadon, dass Paulo Coelho so geheimnisumwittert beschrieben hatte. Jetzt: Gewusel pur; ebenso in El Acebo. Nein, ich werde mir das nicht mehr antun, zumindest nicht in der Hauptsaison.

 

Vergleich Cruz de Ferro 2006: Vor uns weit voraus nur ein französisches Paar, hinter uns niemand. Minutenlange Stille am Kreuz, keiner stört uns. In Manjarin nahezu gleich: mit uns zusammen nur das französische Paar, plaudern ein wenig mit ihm und den Betreibern, trinken etwas, verzehren etwas, geben eine donacion.

Vergleich 2015 zum Zeitpunkt der Aufnahmen von John Sikora: mindestens ein Reisebus vor Ort, sehr viele Pilger auf dem Steinhaufen, am Rande; es muß sehr laut gewesen sein. Wie wird sich die Situation erst darstellen, wenn das Gelände um das Cruz de Ferro tatsächlich ausgebaut sein wird?: Busparkplätze, Rampe, etc. An anderer Stelle mehr. In Manjarin Gewusel pur, Touristen interessieren sich für Mitbringsel, machen Fotos, keiner sitzt im Inneren an den Bänken, verzehrt etwas, der Betreiber beobachtet. Was ist bloß aus dem Jakobsweg geworden? Diese Frage stelle ich ja nicht nur mir, auch Anton Pombo von gronze.com tut es, dem spanischen Jakobswegfachmann par excellence.

 

2006. Etappe 26.  "Schnell sind die Rucksäcke gepackt, die Wanderstiefel geschnürt, das tags zuvor aufgeladene Mobile in die Tasche gesteckt. Es ist dunkel. Na klar, ist ja auch erst viertel vor sechs. Klar auch, dass es um diese Uhrzeit kein Frühstück gibt. Keiner stört uns. Hoffentlich finden wir den Weg nach Molinaseca. Elke schreitet voran, sie hat die besseren Augen, sie genießt die Stille, ich konzentriere mich auf den Weg — über die einsamen Montes de León. Die Gedanken nehmen ihren Lauf. Elke erzählt mir von ihren Beweggründen…. Ein tiefes Gefühl durchströmt mich, wie schön kann doch die Welt sein, wie schön Fauna wie Flora. Gut, dass keine Bergbahn hierauf führt. Zum ersten Mal in meinem Leben achte ich penibel darauf, nicht mal eine Ameise zu zertreten. Man wird ja immer wieder gefragt, „Was hat dir denn der Weg gebracht, bist du ein anderer Mensch geworden?“ Ich weiß, diese beiden Stunden des Meditierens, der Gespräche mit Elke, auf dieser speziellen Etappe, weit und breit keine lärmenden Touristen, werden mir immer gegenwärtig bleiben. Danke.

 

Das Cruz de Ferro liegt in Sichtweite vor uns, nach zwei Stunden und 342 Höhenmetern auf 1504 m; für mich der Höhepunkt schlechthin. Der höchste Punkt des Camino Frances... Heute bringt jeder Pilger sein Steinchen mit, von zu Hause, legt es auf den großen Haufen, eingedenk der Hoffnung, sich damit von irdischen Unzulänglichkeiten, von den Sorgen befreien zu können. Mittlerweile nutzen viele das Kreuz als Pinnwand für persönliche Dinge (Briefe), aber leider auch für Unschickliches. Auf jeden Fall ein mystischer, für die Kelten ein mythischer Ort.

 

Traumhaftes Wetter. Die Sonne scheintIch bin ein wenig vorgelaufen, schnell nehme ich das Steinchen, werfe es auf den Steinhaufen, es symbolisiert die auf dem Weg hinter sich gelassenen Sünden, vielleicht schon die erfahrene Läuterung? Ich halte inne. Elke steht die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben. Sie ist eine willensstarke, mittlerweile gut trainierte Frau. Stehen minutenlang vor dem Kreuz, registrieren abwesend, gedankenverloren die dort abgelegten Gegenstände, manches Unnützes und Profanes ist darunter. Meditieren ein wenig.

 

Nach 45 Minuten zeigt sich Manjarin, eine eigenwillige, dem Templerorden nachempfundene Albergue, mit vielen Hunden. Interessant ist der Eingang. Schilder zeigen die Richtung an, unter anderem nach Galicien 70 km, Santiago 222 km, Jerusalem 5000 km, Rom 2475 km. Ebenso zu entziffern sind die Orte Trondheim, Finisterre und Machupichu, eine alte Ruinenstadt der Inkas. Ein sympathisches französisches Ehepaar spricht uns an, erzählt, dass die Besitzer für Kaffee und Kekse nur eine kleine Spende (Donation) erwarten. Beim Cruz de Ferro hatten sie uns nicht stören wollen. Später werden wir sie in Molinaseca wieder treffen. Danach verlaufen sich die Wege.

  

Das berühmt-berüchtigte Foncebadon liegt schon lange hinter uns, hatten dort an sich mit einer Hundeattacke gerechnet. Enttäuschend, völlig öde und verlassen, einige Fensterklappen schepperten im Wind; die viel beschriebenen, angeblich so gefährlichen Hunde waren wohl ausgerückt. Jahre später lese ich, wie just eine Deutsche sich erfolgreich um die Wiedereröffnung der Herberge in Foncebadon eingesetzt hat….  Im 12 Jahrhundert hatte San Gaucelmo hier ein Hospital errichtet. 

Paulo Coelho nutzte den dunklen Ort als Hintergrund für eine dunkle Szene seines Tagebuchs >Auf dem Jakobsweg<: “Ein starker Schmerz durchfuhr mein Bein, er hatte mir eine tiefe Fleischwunde gerissen. (…) Der Hund griff sofort wieder an. Da stieß meine Hand an einen Stein. Ich packte ihn und schlug verzweifelt auf den Hund ein (…).”

 

Viel schöner klingt es da an anderer Stelle: “Stelle dir vor, dass sich die Heiligen dir nähern, um ihre Hände auf deinen Kopf zu legen, und dir Liebe, Frieden und das Gefühl von Gemeinschaft mit der Welt wünschen."

 

*) YouTube John Sikora:

bitte Stage 24 A anklicken.