REISEWEG DES HIERONYMUS MÜNZER, 1494/95.   "Suche nach der Wahrheit"

Einstimmung

Ein Nürnberger Arzt auf der "Suche nach der Wahrheit" in Westeuropa. 1437 oder 1447 in Feldkirch (heutiges Österreich) geboren, gestorben am 27. August 1508 in Nürnberg. Humanist, Arzt und Geograph. Mitverfasser der Schedelschen Weltchronik. An der Universität von Leipzig 1470 zum Magister artium ernannt. 1480 erwarb er das Bürgerrecht der Reichsstadt Nürnberg. Er hinterließ ein enormes Vermögen. Zusammen mit seinem Bruder stiftete er die berühmte Monstranz für die Pfarrkirche in Feldkirch.

 

Als Arzt erkannte Münzer die furchtbare Bedeutung der Pest und ihren Folgen, flüchtete vor ihr das erste Mal in 1484 nach Italien. Zehn Jahre später verließ er wieder seine Familie, um der erneut grassierenden Pest zu entkommen. Prof. Klaus Herbers, er beschreibt Münzers "Reiseweg" in seinem neuesten Buch aus 2020, geht mit keiner Silbe darauf ein, dass Münzer an sich egoistisch gehandelt hat.*)  Ein Wunder, dass er nach seiner Rückkehr seine Familie wohlbehalten vorfand; ca. 9.780 Menschen an der Epidemie gestorben. 

 

Rund 7000 Kilometer legte Münzer zusammen mit seinen drei Mitreisenden aus Nürnberg und Augsburg vom 2. August 1494 bis zum 15. April 1495 zurück, zumeist auf dem Pferd. Als einer der ersten christlichen Reisenden durften sie Granada besuchen, das wenige Jahre zuvor (1492) von den katholischen Königen Ferdinand und Isabella die Katholische von dem Moslems im Rahmen der Re-Conquista rückerobert worden war. In Madrid wie in Portugal sprach er vor den Königen. Als Höhepunkt kann man durchaus seinen mehrtägigen Aufenthalt in Santiago de Compostela betrachten. Seine Zeichnung zur Kathedrale ist vielfach verwendet und abgebildet worden.

Beginn der Abschrift von Hieronymus Münzers Reisebericht durch Hartmann Schedel, ca. 1.500. Gemeinfreies Foto. Deutlich darauf zu lesen das lateinische Wort Peregrinato, also begriff sich Hieronymus Münzer als Pilger.

 

Münzers Itinerarium (alle zu einer Reise zählende Informationen) sei, so Prof. Herbers, kein Pilgerbericht, aber Pilgerorte, Reliquien und Frömmigkeit gehörten gleichwohl zu seinen Reiseeindrücken.

 

Mich interessieren an dieser Stelle Hieronymus Münzers Eindrücke von Compostela, der Stadt des heiligen Jakobus, die er am 13. Dezember 1494 erreichte, wie von El Padron, einst Iria, wo der Apostel gepredigt hatte. Münzer sah sich, so Prof. Herbers, als Humanist von Aristoteles geprägt.

 

*) "Ich verdanke es meinem Glück und meinen medizinischen Kenntnissen, die Gesundheit bewahrt zu haben. Es war im Jahr des Heiles 1484 wie in 1494. Ich fürchtete die Ansteckung und begriff schnell, dass derjenige weder im Krieg oder durch die Pest stirbt, der nicht in ihrer Nähe ist. Ich beschloss also zu fliehen, um nicht das Leben durch eine Unaufmerksamkeit zu verlieren." Zitat S. 11. Der Reisebericht des Hieronymus Münzer. Klaus Herbers. Narr Francke Attempto Verlag, Tübingen 2020.

Der Reiseweg von Nürnberg durch Frankreich, Spanien, Portugal, Spanien, Belgien, Würzburg

Hieronymus Münzer zäumt das Pferd, nomen est omen, von hinten auf. Zunächst führt ihn sein Weg (2. August 1494) nach Ulm und Ravensburg, durchreitet die Schweiz (Zürich, Bern, Genf), weiter durch Frankreich mit Lyon, Avignon, Marseille, Arles, Narbonne,  Perpignon, der spanischen Ost- und Südküste entlang mit Barcelona, Montserrat, Valencia, Alicante, Almeria, Granada, Malaga, Sevilla, wendet sich Portugal zu mit Lissabon, Coimbra, Porto, Ponte de Lima Richtung Tuy, Redondela, nutzt dazu teils die bekannten Pilgerwege, erreicht Santiago de Compostela am 13. Dezember 1494.

 

Am 21. Dezember 1494 sagt er dem heiligen Jakobus Lebewohl, biegt in Ponferrada, von Saria, Villafranca und Ligonde kommend, ins iberische Landesinnere ab nach Zamora, Salamanca, Guadulupe, zurück via Toledo, Madrid, Zaragoza, Pamplona, quert die spanisch-französische Grenze in Roncesvalles Richtung Toulouse, Poitiers, Orleans, Paris, Amiens, Brügge, Gent, Antwerpen, Aachen, Köln, Mainz, Worms, Frankfurt, Würzburg um schließlich am 15. April 1495 wohlbehalten in Nürnberg anzukommen.

Ich gestehe, dieser Reise würde ich gerne folgen wollen; natürlich nicht mit dem Pferd, auch nicht zu Fuß. Quelle: Der Reisebericht des Hieronymus Münzer. Klaus Herbers. Narr Francke Attempto Verlag, Tübingen 2020.

Eindrücke Padron und Compostela

Am 9. Dezember 1494 verlassen die Protagnisten Porto, wenden sich wie wir Barcelos und Ponte de Lima zu. Zwei Tage später setzen sie in Valenca do Minho mit dem Schiff, heute gibt es eine Brücke, über den Mino (Minho), erreichen mit Tuy die erste Stadt Galiciens, reiten weiter nach Redondela, tags darauf nach Pontevedra, einer uralten Stadt mit einem Meerhafen. Die Menschen ernährten sich nicht nur hauptsächlich vom reichlichen Fischfang (Sardinen), sie trieben auch Handel damit. Es kommt einem alles so bekannt vor, als hätte sich fünf Jahrhunderte nichts verändert. So beschreibt Münzer gleichermaßen realistisch den Ort Caldas de Reis, der so hieße, weil er heiße und sulfatreiche Wasser und Thermen besitze.

 

In El Padron, einst Iria genannt, suchen sie zunächst die äußerst alte Jakobuskirche auf, sehen unter dem Altar die konkave Steinsäule, wo der Leichnam des Heiligen geruht haben soll. Sie schauen sich die Stelle des Flußufers, Rio Ulla, an, wo das Schiff mit dem Körper des Jakobus angelandet sei – von Judäa aus kommend, begleitet von einigen Jüngern ohne Ruderknecht. Sodann beschreibt Hieronymus die damit verbundene Legende von Iria Flavia (und als der Körper auf einem Felsen lag, zerschmolz dieser Stein wie Wachs und nahm den heiligsten Leichnam auf). Wir konzentrierten uns weiland auf den Besuch derjenigen Stelle, wo der Apostel den Einheimischen zum ersten Mal auf iberischen Boden das Evangelium verkündet haben soll. Münzer spricht von einem Berg, heute Monte de San Gregorio mit der Einsiedelei Santiaguino do Monte, die über einer Quelle errichtet worden sei.

Er beschreibt den Ort sehr ausdrücklich: Ansammlung größerer Steine, angelegt in der Art einer Pyramide, auf dem Gipfel ein flacher Stein in Form eines Stuhles. Sie sahen die Kapelle, unter der die Quelle entspringt, die der selige Jakobus durch die Berührung mit seinem Stab zum Fließen gebracht haben soll. In deutlicher Anlehnung an Moses. Die Reisenden trinken das Wasser, beschreiben es weich und süß, das ihnen gut bekam.

 

Vier Meilen weiter erreichen sie die heiligste Stadt Compostela, in der der Leichnam des heiligen Jakobus des Älteren, des  Zebedäussohnes und Bruder des Evangelisten Johannes, vollständig ruhe. Er geht damit auf diejenigen Zweifler ein, die auch der französischen Stadt Toulouse Reliquien des Apostels zuschreiben.

Die Reisegruppe betritt Santiago am 13. Dezember 1494; sie werden sie erst am 21. Dezember 1494 verlassen.

 

COMPOSTELA. Münzer beschreibt zunächst die schöne Lage Compostelas: kein Fluß, zahlreiche gute Quellen, die Größe, die Ummauerung, das gute Klima, die Gärten voll von Apfelsinen, Limonen, Äpfeln, Pfirsichen, Pflaumen und anderen Früchten, ebenso die vielen Klöster: Dominikaner, Benediktiner, Klarissen, Karmelitinnen, Franziskaner. Die Bevölkerung lebe hauptsächlich von den Pilgern. Sodann widmet er sich in seinem Reisebericht der Kirche des heiligen Jakobus. Erbaut worden sei sie von Karl dem Großen. Ein beeindruckender Bau in Form eines Kreuzes. Das Mittelschiff sei 10 Schritt lang, die Länge der Arme 120 und deren Breite 15; die Breite des Mittelschiffs 32, die Länge des gesamten Mittelschiffs mit dem Chorraum 150. Zwölf Kapellen umgrenzten den Chorraum, die Kuppel des Kreuzes sei äußerst hoch. In der Mitte davon werde von einer zur anderen Seite des Querschiffs eine riesiges Weihrauchfaß mit aromatischem Rauch geschwungen.

 

Im weiteren Verlauf geht Münzer auf die Schriften des Liber Sancti Jacobi und seines Protagonisten Papst Calixt II. ein. Er schreibt einige Passagen ab, offensichtlich, weil er von der Richtigkeit überzeugt ist: Über die Erscheinung des Heiligen Jakobus bei Karl dem Großen, über die Passion und Translation des heiligen Jakobus nach Galicien, et ecetera. Offensichtlich vertraute Hieronymus Münzer den Schriften. Er geht weiterhin auf die Bedeutung der Jakobsmuscheln ein, wie auf das Gebet zum heiligen Jakobus, wie auf den derzeitigen Erzbischof Don Alfonso, die Kardinäle, Kanoniker und Reliquien. Für den 16. Dezember beschreibt er die Festlichkeiten zu Ehren des verstorbenen heiligen Bischofs Fructuosus, für den 18. Dezember diejenigen zu Ehren der heiligen Jungfrau in allen Einzelheiten. Natürlich beklagt auch er den dauernden Lärm in der Kathedrale, dass man sich auf einem Marktplatz wähne. Der Apostel verdiene es, dass man ihn mit größerem Respekt verehre.

 

„Man glaubt, dass er mit seinen zwei Schülern unter dem Hochaltar beerdigt ist, einer zu seiner Rechten und der andere zu seiner Linken. Niemand hat aber seinen Leichnam gesehen, nicht einmal der kastilische König, als im Jahr des Herrn 1487 dort zu Besuch war. Allein durch den Glauben, der uns Menschen rettet, vertrauen wir darauf.“

Prof. Klaus Herbers ist sich nicht sicher, ob Münzer als schon neuzeitlicher Skeptiker nicht hier ironisiert habe. Schade, dass Herbers diese Meinung vertritt, offensichtlich als exegetischer Wissenschaftler. Ich sehe keinen Grund, den Worten des Hieronymus Münzer zu mißtrauen. Sein Reisebericht läßt nicht darauf schließen, dass er im Verlauf seiner umfänglichen Reise von seinem gläubigen Katholizismus abgerückt sei.

 

Die Reisegruppe verläßt nach 8 Tagen Aufenthalt die Stadt des heiligen Jakobus   am 21. Dezember, wendet sich fortan Ferreiros, Melide, Ligonde, Portomarin und Sarria zu, wo sie am 25. Dezember, dem Fest der Geburt des Herrn, verweilen, am 26. Dezember besteigen sie den Cebreiro, um schließlich am 28. Dezember 1494 Villafranca zu betreten. Im weiteren Verlauf geht Münzer auf die Irrlehre Mohammeds ein, auch darauf, dass Spanien einstmals vom katholischen Glauben abgewichen sei. Nur die Asturer und Biscayer wären starke Streiter Christi im Glauben geblieben, wie man in der Geschichte der Spanier ausgiebig nachlesen könne. Vermutlich meinte Münzer die Abhandlung De rebus Hispanie des Toledaner Rodrigo Jimenez de Rada des 13. Jahrhunderts (1209 bis 1247).

 

Ich könnte mir vorstellen, dass auch dieser Abhandlung seitens der "modernen" Wissenschaft mißtraut wird. Je mehr ich über diese unsere Exegteten nachdenke, je mehr verzweifele ich an ihnen. Sie stellen deklamieren ihre Meinung als wissenschaftliche Erkenntnisse, klären ihre die Leser aber nicht darüber auf, dass diese immer nur als vorläufige, subjektiv begründete Annahmen zu betrachten sind. Quelle zu meinen Eindrücken: Der Reisebericht des Hieronymus Münzer. Klaus Herbers. Narr Francke Attempto Verlag, Tübingen 2020.