JAKOBSWEGE. GESTERN UND HEUTE.

Vorbereitung. Einstimmung des mittelalterlichen Pilgers. Motive der modernen Pilger. Der Weg entsteht beim Gehen. Auf den Spuren des Apostels. Jakobusland. Ritterorden. Reconquista. Spanische, portugiesische, französische und deutsche Jakobswege. Marien-Wallfahrtsorte am Camino. 

Einstimmung Analyse vergangener Zeiten

Kurz gesagt. Das Betrachten vergangener Zeiten unterliegt immer der Brechung durch unsere Gegenwartsperspektive. Die Gefahr anachronistischer Geschichtsbetrachtung ist dann nicht mehr fern. Wir können unsere Vorfahren in gleich welcher Zeit, in diesem Fall dem Mittelalter, nicht mit unseren Moral- und Wertvorstellungen beurteilen. Die Menschen und ihre Mentalitäten, Politik wie Herrschaftsansprüche, haben sich fundamental verändert. Da hilft es auch nicht, wenn mir ein Chefredakteur einer  Regionalzeitung sagt, das Mittelalter sei nun einmal finster gewesen. Das nenne  ich postmoderne Arroganz. Wir wollen in diesem Zusammenhang gar nicht die weiland gebauten hellen gotischen Kathedralen unseren dunklen Betonkirchen gegenüberstellen; auch nicht die großartige Rezeption griechischer Philosophen in der Theologie der Scholastik.

 

Unser Blick wendet sich zu gerne eben diesem sogenannten finsteren Mittelalter zu, vergessen dabei gleichermaßen gerne unser 20./21. Jahrhundert mit den zig Millionen Toten des Kommunismus wie des Faschismus, gespeist vom Humanismus, et ecetera. Wir sind absolut keine besseren Menschen als diejenigen vergangener Zeiten. Ich erwarte just von den Historikern, dass sie sich der Mühe unterziehen, ihre Gegenwartsbrille abzunehmen, Geschichte mit den Augen damaliger Zeitzeugen betrachten; nicht mehr und nicht weniger.

Einführung                                                         

El camino comienza en su casa - Der Weg beginnt in deinem Haus

Nach Jerusalem wandert man, um Jesus zu finden, nach Rom geht man zum Papst, doch auf dem Pfad nach Santiago de Compostela sucht man sich selbst. Spanisches Sprichwort.

Der Jakobsweg beginnt vor der Haustür.

 

Mehr denn je trifft dieser Satz zu für die Pilger aus Übersee, aus den USA, Kanada, Süd-Korea, Mexiko, Brasilien, Japan, Australien.

So lernten wir nicht von ungefähr Pilger kennen, die wochenlang unterwegs waren, bevor sie überhaupt den beliebten Start-Ort des Camino de Santiago Saint-Jean-Pied-de-Port in den Pyrenäen erreichten; unter anderem von Würzburg, Freiburg und Hannover - zu Fuß oder mit dem Fahrrad. 

Die Mundpropaganda sprach gar von einem Pilger aus Weißrußland. Gerade diese Jakobspilger schwärmten von den französischen Wegen des Chemin de Saint-Jacques; inklusive Abstecher zum Marien-Wallfahrtsort Lourdes in den Pyrenäen. Der Caminho de Portugues nimmt in diesem Zusammenhang eine Sonderrolle ein. Gemeinsam ist allen das Ziel Santiago de Compostela.

 

An dieser Stelle bewusst drei Zitate aus Gonzalo Torrente Ballesters Pilger-Lesebuch von 1948 (mehr über ihn via Menüpunkt Literatur):

  • Wer sich einzig und allein auf wissenschaftliche Erklärungen verlässt, wird nur sehr wenig über Compostela erfahren.
  • Einzig diejenigen, die sich die Fähigkeit zu staunen bewahrt haben, finden den Weg in die Stadt.
  • Betrachtet, was ihr seht, als ein Geschenk.

 

Jeder Mensch wird seine eigene ihm vorgegebene Straße des Lebens gehen. Für den Christgläubigen - nomen est omen - nimmt der Glaube durch die Gnade die Antworten und Wahrheiten vorweg, die andere erst nach einem langen, bisweilen  

gewundenen oder nicht zusammenhängenden Weg finden. So begreift es Paolo Asolan, Priester und Jakobspilger in 2002.

 

Ein Lob ist den Ehrenamtlichen und Mitgliedern der deutschen Jakobus - Gesellschaften und Vereinigungen auszusprechen. Mit viel Liebe und Engagement zeichnen sie das größer werdende Netz der deutschen Pilgerwege aus, geben wertvolle Tipps.  

VORBEREITUNG / EINSTIMMUNG des MITTELALTERLICHEN PILGERS

NUR WER DIE GEFÄHRLICHE WALLFAHRT NACH COMPOSTELA WAGTE, DURFTE SICH SCHLICHT UND EINFACH "PILGER" NENNEN. 

Der Jerusalempilger hieß "Palmer", er kehrte gewöhnlicherweise mit einem Palmenzweig zurück. Der "Romero" war nach Rom gepilgert.

 

Wer nach Santiago geht und nicht zum Heiligen Erlöser1, besucht den Knecht und läßt den Herrn beiseite.

1 Das Schweißtuch Jesu in Oviedo

 

DER RECHTMÄßIGE PILGER, 12. Jahrhundert2

  • Vor dem Aufbruch allen Mitmenschen verzeihen, die einem selbst Unrecht angetan haben.
  • Unrechtmäßig Erworbenes zurückgeben.
  • Meinungsverschiedenheiten im persönlichen Beziehungsbereich einvernehmlich beilegen.
  • Haus und Hof wohl bestellen.
  • Sich vom Geistlichen, seinen Untergebenen, seinen Angehörigen und seiner Familie gebührend verabschieden.
  • Pilgertasche und Pilgerstab vom Priester segnen lassen.
  • Verhalten auf dem Weg: Mit den Armen teilen, fasten, keine Reichtümer anhäufen, sich von Laster und Begierden fernhalten.
  • Zum Nehmen und Geben bereit sein.

2 Codex Calixtinus / Liber Sancti Jacobi

 

Die Motive der mittelalterlichen Pilger waren durchweg christlicher Art: auf dem Weg zum Apostel Jakobus. 

 

Mehr darüber Menüpunkte

GESCHICHTE DER JAKOBSPILGERSCHAFT  - Bitte durchscrollen.

DIE VIA SACRA DES MITTELALTERLICHEN PILGERS

MOTIVE der MODERNEN JAKOBSPILGER

Direkt vor uns zwei Pilger, mit denen wir immer wieder einige Wegstrecken (hier: auf dem Weg nach La Faba) zusammen gegangen sind.

 

So unterschiedlich ihre Motive, den Camino zu gehen, so unterschiedlich ihre Vita: Er ein strenger Richter aus Bayern; sie eine Frau aus Norddeutschland, die schon viel auf der Via de la Plata erlebt hat. 

 

Freude am Wandern? Menschen kennenlernen? Sportive Betätigung? Weil es gerade en vogue ist? Just for fun? Zwecks Selbstfindung?

 

Weil die Reise auf den Spuren der Jakobswege eine faszinierende Entdeckungsreise in die europäische Kultur und Geschichte sein kann?

 

Oder aus religiösen Gründen? Als "Peregrino autentico"? Weil man einfach dem Herrgott für sein bisheriges Leben danken will. Auf dem Weg. Auf dem Camino Frances. In Santiago in der Kathedrale. Am Grab des Apostels.

 

Die Homepage des Klosters Einsiedeln, einer der Hauptorte des Schweizer Jakobsweges, drückt es (2013) klassisch wie folgt aus, ich zitiere: 

 

  • Beim Pilgern nehmen Menschen sich Zeit, hören nach Innen und spüren im Gehen dem eigenen Lebensweg nach. 
  • Die Motive für eine Pilgerreise können sehr unterschiedlich sein. Einige suchen Antwort auf die grossen Fragen nach dem Sinn, nach Gott und der Liebe,
  • manche wollen nur ein Stück Freiheit wieder gewinnen, und oft ist der Grund für eine Pilgerreise den Menschen selbst verborgen und enthüllt sich erst auf dem Weg selbst.
  • Auch wenn die Gründe für den Aufbruch unterschiedlich sind, in vielem sind Pilger auf der ganzen Welt einander ähnlich:
  • Sie sind Suchende, sie vertrauen auf die Kraft und Erfahrungstiefe alter Wege und Orte, sie nehmen sich Zeit, um ihrer Beziehung zu sich selbst und zu Gott Raum zu geben.

DER WEG ENTSTEHT BEIM GEHEN

Das Besteigen eines Berges ist die Kunst der Langsamkeit.

"Ich fühle, dass ich bin.

Ich habe den Ruf des Weges gehört, verarbeitet, könnte immer so weiter gehen." - unbekannter Autor.

 

Der "pelegrino autentico" sieht das Ziel vor Augen: den Reliquienschrein des Apostels in der Kathedrale von Santiago de Compostela. Für anders motivierte Pilger ist der Weg das Ziel. 

 

Und doch. Der heilige Jakobus wird, ob man es will oder nicht, ständiger Begleiter auf dem Weg sein. Überall am Wegesrand stößt man auf ihn. In den Kapellen, in den Kirchen, in den wuchtigen Kathedralen. So manches an den Heiligen gerichtete Stoßgebet hilft auch heute die Strapazen des Weges überstehen.

 

ÜBER 800 KILOMETER

Denn eines sollte dem Pilger vor Antritt des Camino de Santiago, spätestens in Saint-Jean-Pied-de-Port in den Pyrenäen, klar sein. Über achthundert, teils strapaziöse, Kilometer liegen vor ihm. Ist er sich dessen wirklich bewusst? Achthundert Kilometer reich an Historie, Geschichten und Heiligenlegenden. Von Navarra, durch La Rioja, via Burgos und León, den Provinzstädten von Kastilien-León, durch unendlich scheinende Getreidefelder der Meseta, der heißen spanischen Hochebene, durch das Land der Maragatos, über die Montes de León mit dem Cruz de Ferro, auf dem Camino duro, dem harten Weg, nach O Cebreiro, durch mittelalterlich anmutende, verarmte Bauerndörfer ins hügelige, grüne, bewaldete, häufig regnerische Galicien.

 

Je weiter er Compostela entgegenschreitet, je mehr wird er auf freundliche Mitpilger treffen, die nicht den sportiven Beweggrund ihres Caminos in den Focus rücken, die nachdenklich geworden sind, sich fragen, warum sie wirklich den Camino gehen, die ihm gleichwohl möglicherweise einen Herbergsschlafplatz streitig machen. Nicht selten wird er also schon um die Mittagszeit die ersten Rucksäcke vor den Herbergstüren abgestellt sehen. Dann wird er weiter gehen, im nächsten Ort ein Refugium suchen, gegebenenfalls ein günstiges Hostal ansteuern.

 

HUNDERTTAUSENDE PILGER GESTERN WIE HEUTE

In 2006, unserem ersten Jakobsweg, ließen sich etwas mehr als 100.000 Pilger in Santiago registrieren; davon pilgerten über 82.000 auf dem Camino Frances. In 2015 waren es schon über 262.000 (davon auf dem CF über 172.000) und in 2018 gezählte 327.342. Auch darüber wird er nachdenken (müssen).

 

Im Mittelalter klagten die Mauren,

sie hatten bis 1492 große Teile Hispanias unter ihrer Kontrolle, darüber, daß die Zahl der Gläubigen, die sich auf dem Weg nach Santiago befänden, und derer, die von dort zurückkämen, derart groß sei, daß fast kein Fleckchen auf der gesamten befestigten Straße gen Westen mehr frei sei.

 

ZUM SCHLUSS DIE PILGERMESSE

Die Pilgermesse in der Kathedrale des Santiago de Compostela ist bewegend. Emotionaler Höhepunkt für den Peregrino autentico wie für Nichtgläubige, Agnostiker und Atheisten. 

DER EINZIGARTIGE CAMINO DE SANTIAGO

Jeder Pilger, jede Pilgerin (im weiteren verwende ich nur das generische Maskulinum, die Pilgerinnen mögen sich bitte prinzipiell gleichberechtigt und gleichwertig angesprochen fühlen); also jeder Pilger wird seine persönliche Sicht vertreten: die einen den Camino als Wanderweg begreifen, die anderen als Pilgerweg, wiederum andere als Mischung von beidem. Einige Stichworte zu Beginn: Selbstfindung, Wunsch nach Verbesserung der Lebenswirklichkeit, Gastfreundschaft, Solidarität, Respekt für andere, Empathie, Toleranz, Spiritualität.

 

Auch wenn der Durchschnittsbürger (nicht abwertend gemeint) mit der Begrifflichkeit Mittelalter zunächst nichts Gutes in Verbindung bringt, was intellektuell überhaupt nicht nachvollziehbar ist (dazu an anderer Stelle mehr), wird er nicht umhin kommen, die mittelalterliche Geschichte des Jakobswegs in seine heutigen Betrachtungen des Camino miteinzubeziehen. Ohne den Apostel Jakobus kein Jakobsweg. Ohne das Grab des Heiligen keine Kathedrale in Santiago de Compostela. Ohne die mittelalterlichen Pilger kein Jakobsweg. Das sich einzugestehen, sollte selbstverständlich sein, auch wenn es schwerfallen sollte. In der Regel führt der moderne Mensch sein Dasein ja maximal auf seine Großeltern zurück.

 

Im Nachfolgenden gehe ich unter anderem ein auf die Abhandlung von Anton Pombo von der spanischen Internetplattform gronze.com vom 21. Februar 2021. Pombo zieht die oben benannten Stichworte hinein in die Frage, was den Camino so reizvoll macht, was den Camino-Pilger der Nachkriegszeit so radikal vom Wanderer oder Touristen unterscheidet. Sie, die Werte, basierten seiner Meinung nach auf den Prämissen des mittelalterlichen Christentums. Sie seien also immer noch abrufbar, rudimentär gestützt auf Familie, Bildung und dem soziokulturellen Umfeld - trotz Aufklärung und Französischer Revolution und den aus beiden ableitendem Rationalismus, und wie ich hinzufüge Relativismus, Subjektivismus und teils offener Gegnerschaft, wenn nicht Feindschaft der (katholischen) Kirche gegenüber; auf jeden Fall die Säkularisation.

 

Der christliche Beitrag konzentriere sich auf die theologischen Tugenden Glaube, Hoffnung, (Nächsten-)Liebe, wie auf die Kardinaltugenden Stärke, Mäßigung, Gerechtigkeit und Klugheit – verzahnt mit dem Mandat der vierzehn Werke der Barmherzigkeit, den sieben geistigen und den sieben leiblichen.

Wer kennt sie?

 

Die sieben Werke der leiblichen Barmherzigkeit

  1. Dem Hungrigen zu essen geben,
  2. den Durstigen zu trinken geben,
  3. die Nackten zu bekleiden,
  4. die Fremden aufzunehmen,
  5. den Kranken beizustehen,
  6. die Gefangenen zu besuchen und
  7. die Toten zu begraben.

 

Die sieben geistigen Werke der Barmherzigkeit

  1. Dem Rat geben, der ihn braucht;
  2. den lehren, der nichts weiß;
  3. den korrigieren, der irrt;
  4. den Traurigen trösten;
  5. die Beleidigungen verzeihen;
  6. die unangenehmen Menschen mit Geduld ertragen; und schließlich
  7. beten.

Je mehr ich den Aufsatz von Anton Pombo lese, verarbeite, durchdringe, je mehr bringe ich ihm meine Hochachtung entgegen. Interessante Gedankengänge aus der Sicht eines offensichtlich christlich geprägten Spaniers.

 

Welche Werte setzt die Französische Revolution dagegen? Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Antagonistische Werte? Nachahmenswerte Ansprüche? Humanistische Werte? Man kommt leider nicht umhin zu konstatieren, so mein Diktum, das unter diesem Rubrum die fürchterlichsten Kriege und Vernichtungskämpfe aller Zeiten geführt worden sind: 1. und 2. Weltkrieg, Leninismus, Stalinismus, Hitler-Deutschland, et ecetera. Die Kriege, die dem Christentum zugeschrieben werden, sollen nicht vergessen werden, jedoch: in erster Linie waren sie initiiert von christlichen Staatslenkern, Königen, Kaisern, Landesherren. Sie waren nicht unbedingt konfessionell gebunden: Der katholische König von Frankreich verbündete sich einst während des 30-jährigen Krieges mit dem schwedischen, protestantischen König gegen den deutschen, katholischen Kaiser. Pombo verortet den Camino als Schmelztiegel, der alles absorbiere, verarbeite, also Geschichte annimmt, keine Gewinner und Verlierer beider Seiten sieht. Alte und moderne Schule seien sich einig, alle genannten Werte mehr oder weniger überzeugend anzuerkennen, umzusetzen Richtung Faszination des Abenteuers Camino de Santiago.

 

Derjenige Pilger, der die Fernroute des Jakobswegs wählt, zum Beispiel von St. Jean aus, wird sich darüber im klaren sein, dass er auf dieser heiligen und historischen Route bewußt die Hektik des modernen Lebens abstreifen wird, das Gehetztsein des Alltags, die Kurzlebigkeit mit ihren Marktgesetzen eintauscht gegen ein Pilgerdasein, das sich ihm neue Horizonte erschließt, durch Langsamkeit Neues erkennen, vielleicht im Zwiegespräch mit dem Herrn. Dabei werden ihm Mit-Pilger, Freiwillige der Herbergen und gastfreundliche Anwohner helfen: in dieser geballten Form auf keinem anderen Wanderweg anzutreffen. Neugierige und wißbegierige Pilger saugen Landschaft wie Infrastruktur auf, eine über Jahrhunderte alte sich entwickelnde christ-katholische Infrastruktur. Pombo fragt sich zu Recht, wie es eigentlich angehen könne, dass beispielsweise ein amerikanischer oder ein deutscher Geschäftsmann, zu Hause nur allerbeste Hotels gewohnt, nun plötzlich bescheidene Herbergen und Hostels ansteuert, Gastfreundschaft und brüderliches Zusammenleben sucht; dies alles offensichtlich als wesentlichen Bestandteil des Camino begreift, zu Hause dies niemals auch nur in Erwägung ziehen würde. Alle Pilger sind halt Pilger, unterschiedlich, unabhängig von Geschlecht, Beruf, Einkommen, Status, Herkommen, Hautfarbe. Kurzum, ist das die Magie des Camino? Stimmt das wirklich?

 

Soziologen und Psychologen stellten schon in den 70ziger Jahren Verschiebungen fest. Alte Pilgerwege des Westens erfuhren eine neue Interpretation, gestützt auf den Individualismus des Einzelnen: introspektive Prozesse, Reflexion und persönliche Vorstellungen, gepaart mit einer diffusen Spiritualität. Irgendwie die alte Art und Weise des Pilgerns mit den eigenen Vorstellungen in Verbindung bringen, geleitet von leichtverständlichen Codes oder deren Rituale in der Art einer Therapie zu (be-) nutzen. Der so individuell gesteuerte Pilger werde nicht unbedingt das Kontemplative suchen, er suche irgendwie auch immer das Compostela-Abenteuer: die Gemeinschaft der Mitpilger, die Interaktion mit den Hospitaleros, kurzum, nicht in völliger Einsamkeit durch die Felder streifen. Wer kann schon die völlige Ruhe und vor allem die absolute Stille ertragen? Offensichtlich muß diese Fähigkeit neu erlernt werden. Dazu verhilft in abgespeckter Form ein mehrtägiger Aufenthalt in einem kontemplativen Kloster. Zum Abschluß zieht der Autor einen interessanten Vergleich zu Papst Johannes XXIII. und dessen berühmten Ausspruch Aggiornamento (auf den Tag bringen / Anpassung an die Gegenwart). Der Papst meinte allerdings nicht damit, was viele nach wie vor glauben, das Zurückdrängen traditioneller Werte und vor allem nicht das Negieren überlieferter Glaubensinhalte. In keiner anderen heiligen wie religiös geprägten Route sei diese große Lehre gespiegelt – denn in diesem Camino de Santiago. Der Jakobsweg sei also mutmaßlich der einzige Weg, der ein wirksames Aggiornamento durchlaufen habe, bei dem christliche und profane Werte zusammengeführt wurden und übergehen in einen globalen Geltungsbereich, somit verständlich auch für Menschen anderer Kulturen denn nur der westlichen.

 

Zusammenfassung. Die Pilgerreise gleiche einem gut gefilterten Kompendium der Lehren der westlichen Philosophie, Religion und Geschichte. Sie ermögliche, viele der gute Prinzipien und Einstellungen zu erkennen und zu praktizieren, die einen Menschen tugendhaft machen, in einem linear verlaufenen Raum offen sein, mit anderen interagieren zu können. Mithin ein Anreiz für die persönliche Entwicklung learning by doing. Jede der Herausforderungen stelle eine Prüfung dar, bei der eine Metapher weiterentwickelt werde und deren Werte das Rezept für Wachstum darstelle. Wie die Guten von Star Wars sagen würden, sind und bleiben die Werte des Camino die Kraft, die die Pilger immer begleiten.

 

Ich hingegen möchte schließen mit einem Rekurs auf Javier-Gomez-Montero`s in 2010 herausgegebenem Buch „Wege und Umwege nach Compostela – Ein literarischer Jakobsweg in Castilla y Leon“:

  •  Gar sehr wollte Gott Spanien ehren, als er den heiligen Apostel dorthin sandte, besser als England und Frankreich wollte er es stellen, denn dort gab es nirgends einen Apostel. *)
  • Seit die Spanier Christus kennenlernten, seit sie nach seinem Gesetz die Taufe empfingen, wollten sie nie mehr unter einem anderen Gesetz leben, und weil sie sich zu ihm bekannten, litten sie manche Pein. *)

*) S. 59. Literarischer spanischer Text um 1250, des Poema de Fernán González.

 

Erzählungen, Gedichte, Essays und Erinnerungen von fünfundzwanzig spanischen Autoren des Zeitraumes 2010/2017; allesamt Träger des El Premio Castilla y León de las Letras (Preis für Briefe). Erstausgabe 2010, deutsche Übersetzung Verlag Ludwig, Kiel 2017.

Das Jakobsland - die autonome Region Kastilien-Leon - macht mehr als die Hälfte des 800 km langen Pilgerwegs aus. Die Autoren begeben sich auf Spurensuche nach den Ursprüngen der Pilgerfahrt. Kindheitserinnerungen wie Landeskundliches und Sprachgeschichtliches fließen in die einzelnen Erzählungen ein, wobei der Apostel Jakobus wie Santiago de Compostela eine dominierende Rolle einnehmen –  der aktuellen Säkularisierung und dem Massentourismus zum Trotz.

 

Ich beschränke mich auf die Erzählung von J. A. Gonzales Sainz. Sie hat mich besonders angesprochen. Zwei Protagonisten, unterschiedlicher sie nicht sein können, kommen vor der Kirche von San Juan de Ortega ins Gespräch. Sie eine Top-Managerin, er ein Angestellter, ein Durchschnittsbürger. Ohne der Geschichte vorgreifen zu wollen, sie lohnt es, in Gänze gelesen zu werden, thematisiert sie doch sehr das von Anton Pombo angesprochene Faszinosum, dass back home erfolgreiche Manager sich auf dem Camino wohlfühlen, dort auch ihre Probleme reflektieren.

 

Bewegend wie Gonzalez Sainz die Geschichte einläutet. 23. September. Tag der Vollkommenheit, der Reinheit, mit der der Lichtstrahl am Morgen die Tagundnachtgleiche durch das Fenster der Kirche fallen läßt auf "Mariä Verkündigung" mit Gabriel, dem Verkündigungsengel: Begegnung und Erfüllung. Schwärmend fügt er hinzu, dass Hände wie Gesichter eine unglaubliche Ausdruckskraft besäßen: Verkündigung der Vollkommenheit und Verheißung einer denkwürdigen Gabe. Unglaublich toll formuliert. Ein außergewöhnlicher Schriftsteller halt.

 

Eine äußerst erfolgreiche und kühl bis kalt agierende Managerin verliebt sich geradezu in die Einfachheit des Pilgerns – auf dem Camino Frances gen Santiago de Compostela. “In den einfachsten Herbergen“, fuhr sie jetzt mit einer merkwürdigen Fröhlichkeit fort, „stellt man dir eine Pritsche zur Verfügung.“ Freundlich aber bestimmt werde sie zugewiesen, ohne Widerspruch akzeptiert. Man dürfe Waschräume und Toiletten benutzen; eine Nacht Unterschlupf, Schutz vor Kälte oder Hitze, geschundene Füße pflegen, morgens ein kleines Frühstück zu sich nehmen, danach wieder der gleiche Trott, das gleiche Ritual: sich wieder auf den Weg machen, Ruhe finden, wohltuende Ruhe für die im Leben gebeutelten – auf tausenderlei Arten – verlorenen Seelen. Wer mag, findet Gesellschaft, findet Stille, wie auf dem Weitermarsch am nächsten Tag.

 

„Wissen Sie, mein Leben lang erreiche ich alles, indem ich es befehle, klipp und klar, denn ich verfüge über genügend Mittel und Unmengen von Mitarbeitern, und die Ziele, die ich verfolge, zeigen mir, wenn sie erreicht sind, neue auf. Doch hier suche ich genau das Gegenteil: über nichts zu verfügen, nicht zu befehlen, ohne Abhängigkeiten oder Hast, ohne Überfluß, Berechnung, Interessen oder Luxus.“ Traum? Ja. Wunschvorstellung? Ja. Realität? Ja.

WAS SIE AUF DEN FOLGENDEN SEITEN ERWARTET

Die obigen Themen werden Sie hoffentlich schon entsprechend eingestimmt haben. Die Motive mögen sich über die Jahrhundert geändert haben, der Weg bleibt der gleiche.  Wenn Sie einen Blick nach links werfen, werden Sie feststellen, dass Sie viel Geschichtliches erwartet.

  • Pilger, wer ruft dich? Welche geheime Macht  lockt dich an?

  • Auf den Spuren des heiligen Jakobus. Translation. Eine Legende. Jakobus in Spanien. Jakobusland. Entdeckung des Grabes. Geschichte der Jakobspilgerschaft. Historisch-kritische Exegese.

  • Die Ritterorden. Calavatra. Santiago-Orden. Templer. Verfolgte Pilger.

  • Reconquista. Muslimische Eroberungen. Rückeroberung. Karl Martell. Karl der Große. Matamoros. Schlacht von Clavijo. Moses Maimonides. Muslimische Feldzüge gestern und heute.

  • Pilgerwege mittelalterlicher Zeitzeugen. Codex Calixtinus. Ritter Arnold. Hermann Künig von Vach. Domenico Laffi. Deutschsprachige Pilger. Wallfahren im Mittelalter.

  • Hell leuchtendes Mittelalter. Verknüpfung von Glauben und Wissen. Menschenrechte. Soziales. Innovative Epoche der Menschheit. Schriftreform. Dombaumeister. Erde als Globus. Bedeutende Theologen und Heilige. Franken retten antike Schriften.

  • Jakobswege. Spanien. Portugal. Frankreich. Deutschland.

  • Marien-Wallfahrtsorte Lourdes und Fatima. 

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