SAN ANTON. CASTROJERIZ. Iberische Mesta

San Anton. Castrojeriz. Iberische Mesta. 12% Steigung. Hitze pur. Engländer mit Klampfe und Hut.

Klosterruine San Anton. Cruz del Peregrino

Diese mystisch anmutenden Ruinen des Spätmittelalters zeigen nur unvollkommen, welche Bedeutung dieses Kloster einmal für die Menschen jener Zeit hatte. Das Wort "Caritas" (Nächstenliebe) umschreibt es wirkmächtig. Die noch erhaltenen Mauern entstammen dem 14./15. Jahrhundert.

 

Das Kloster wurde im 12. Jahrhundert von französischen Antoniter-Mönchen erbaut. Die Antoniter siedelten gleichermaßen in Villafranca de Oca wie auf der Anhöhe Alto de Anton in der Nähe von Ventosa, nur wenige Kilometer abseits des Camino Frances von Navarrete nach Najera. Der Orden wurde 1095 vom französischen Adligen Guerin in St. Didier-de-la Mothe (im Dauphine) gegründet. Auslöser: Die Reliquien des Heiligen Antonius aus dem 4. Jahrhundert waren von Konstantinopel dorthin überführt worden.

 

Kurzbeschreibung des heiligen Antonius dem Großen

(251 - 356): ägyptischer Mönch, Einsiedler, Asket. Antonius wird als der "Vater der Mönche" bezeichnet, als Begründer des christlichen Mönchtums schlechthin, und dies ungeachtet der Gefahren der schlimmen Christenverfolgungen des Kaisers Diokletian (236 - 312). Die ägyptischen Kopten verehren ihn auch heute noch sehr. Ein Bibelvers hatte Antonius verändert, nämlich Matthäus 19,21:"Wenn du vollkommen sein willst, verkauf`deinen Besitz und gibt ihn den Armen; und du wirst einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir nach."

Unter anderem der große Kirchenvater Hieronymus (347 - 420) bezeugte seine Vita. Papst Urban IV. (1200-1264) anerkannte recht bald die Statuten des neuen Ordens, und so breitete dieser sich rasch in ganz Europa aus: 369 Hospize.

 

Ruf des Ordens

Worauf begründete sich der Ruf des Ordens? An sich auf seine Fähigkeit, das "fuego de Sant Anton" (Das Feuer des Hl. Antonius) zu heilen: Vergiftung durch Getreideparasiten (Alkaloide im Mutterkorn). Diese Krankheit geißelte das Europa des 10. und 11. Jahrhunderts. Hautausschläge und Rötungen der Gliedmaßen waren erste Symptome. Folgerichtig schrieb man dem hl. Antonius die Merkmale Feuer und Schwein zu, beide eng mit mit dieser Krankheit verbunden.

 

Antonius der Große (3./4. Jh.) wird zumeist mit einem Taukreuz-Stab abgebildet, quasi sein ikonographisches Attribut, deshalb auch die Bezeichnung Antoniuskreuz. Antonius und seine Gefolgsleute wirdmeten sich jahrhundertelang der oben beschriebenen Krankenpflege. Im 14. Jahrhundert betrieb der Orden in Europa über 350 Hospitäler. Nicht von ungefähr trugen die Ordensleute ein schwarzes Chorkleid, darüber einen schwarzen Mantel mit hellblauem Taukreuz.

 

Der Heilige Franz von Asissi (1181-1226) adaptierte das Tau-Kreuz und machte es zum Symbol des Franziskanerordens; als Segenszeichen wie als Zeichen der Demut und Erlösung; auch unterzeichnete er mit diesem Symbol.

Klosterruine San Anton.

Zurück zur gelebten Caritas der Antonitermönche von San Anton kurz vor Castrojeriz.

 

Sie kümmerten sich nicht nur um die Kranken (Antoniusfeuer), auch und gerade um die vorbeiziehenden Pilger, gaben ihnen zu essen und trinken. Je nach Lage wurden den Pilgern die Wegzehrung durch eine Maueröffnung gereicht.

Die Ausgabestelle mit den beiden Nischen ist heute zugemauert.

 

HILFE FÜR ARME UND KRANKE

NUR VON DER KIRCHE

Auch diese Mönche stehen dafür, wie all die anderen, wie eng im Mittelalter Kirche und "Staat" verbunden waren. Echte Hilfe, besonders für die Armen, Kranken, ggfs. auch Leprakranken, konnten die Menschen nur von der Kirche, von den Mönchen und Nonnen erwarten. Kurzum: das Mittelalter war herrlich; herrlich wegen der grandiosen Kathedralbauten zur Ehre Gottes, herrlich wegen der Hilfsbereitschaft aus eigenem Antrieb tätiger Ordensleute. Wer sich heute noch über das christliche Mittelalter, dass ja so dunkel gewesen sein soll, echauffiert, die damit verbundene Caritas (Nächstenliebe) völlig vergißt, häufig festgemacht in den Klöstern, dem ist wahrlich nicht mehr zu helfen.

 

Auf ihrem schwarzen Habit trugen sie als Symbol des Ordens den Buchstaben "T" für das "Tau"-Kreuz, in blauer Farbe aufgetragen. Folgt man Cordula Rabe in ihrem Pilgerreisebuch nannten die Menschen es fortan das "Cruz del Peregrino." Es sollte vor Unheil und Krankheit bewahren. Noch heute, jeweils am 17. Januar, gedenkt man des Schutzheiligen, auch in San Anton.

Tau-Kreuz. Cruz del Peregrino. Das Taukreuz findet der aufmerksame Pilger in den Ruinen des ehemaligen Klosters San Anton.

Die Ursprünge des Taukreuzes liegen in Ägypten. Seine Beziehung zum Antoniuskreuz ist evident, und damit seine Nähe zu San Anton.

Aus heraldischer Sicht ist es kein Kreuz, es handelt sich vielmehr um die Verschmelzung eines Pfahls und eines abgeledigten Balkens in durchgehender Tinktur, so Wikipedia.

 

Die Bezeichnung Taukreuz "T = Tau" leitet sich vom letzten Buchstaben des hebräischen Alphabets ab und entspricht dem 19. Buchstaben des griechischen Alphabets. Weitere Namen Antoniuskreuz, Antoniterkreuz und Ägyptisches Kreuz.

Im Christentum gilt das Taukreuz u.a. als Bußzeichen. Als Papst Innozenz III. 1215 das IV. Laterankonzil eröffnete, rief er im Sinne des Taukreuzes zur Buße auf. Sicherlich erinnerte er sich dabei auch an den Propheten Ezechiel des Alten Testaments, der den Glaubenstreuen die Stirn mit einem Zeichen markierte, das eben diesem Taukreuz ähnelte. Auch das in der Offenbarung des Evangelisten Johannes erwähnte Siegel, womit die Gläubigen gekennzeichnet wurden, wird mit dem Taukreuz in Verbindung gebracht.

 

Zurück zur Ruine

Das Taukreuz findet der Pilger natürlich auch in den Ruinen des ehemaligen Klosters wieder. Foto rechts.  Seine Ursprünge liegen in Ägypten; es ist der letzte Buchstabe des hebräischen Alphabets und entspricht dem griechischen Buchstaben "T" = "Tau". Der Heilige Franz von Asissi (1181-1226) adaptierte das Tau-Kreuz und machte es zum Symbol des Franziskanerordens.

 

Von den gotischen Nebengebäuden (14. Jh) steht noch der doppelte Spitzbogen, durch den heute die Straße führt, die Pilger passieren. Auf der linken Seite erahnt man das spitzbogige, trompetenförmirge Kirchenportal mit sechs Archivolten, leider voll verwitterter Figuren. Gegenüber ist, wie bereits angeführt, in einer Mauer die nunmehr zugemauerte "Fensternische" erhalten, wo die Mönche die Verpflegung für die Pilger bereitstellten. Quelle: Millan Bravo Lozano, Der Jakobsweg, 1999.

 

Der Herbergsvater, es gibt hier tatsächlich eine Unterkunft, ist nicht nur sehr freundlich, er ist auch musikalisch. Er greift zur Klampfe und singt spanische Volkslieder. Die Herberge ist bewusst einfach ausgestattet, zwölf Betten. Der Reiseführer sagt allerdings, dass das Camino-Feeling nur bei schönem Wetter rüberkommt; auf jeden Fall sehr urig, was besonders junge Pilger anzieht und dort übernachten. Unser Zeitplan sah anderes vor.

Vgl. auch Etappe 16.

Fotos

1. Reihe: Ruinen des Klosters.

2. Reihe: Ausgabestelle im Mittealter.

              Treffpunkt der Pilger.

3. Reihe: Impressionen der Pilgerherberge.

Castrojeriz

Ein Ort mit Geschichte, wie fast überall auf dem Camino. Und deshalb lohnt sich ein erhellender Blick. Hermann Künig von Vach nannte den Ort, er reiste auf dem Camino in 1495, „Castle-Fritz“ resp. die Burg „fritz“.  Die frühen französischen Pilger bezeichneten ihn Quatre Souris.

Und damit kommen wir zum Highlight des Ortes. Zur Burg. Die Burg wird auf die Westgoten zurückgeführt - Castrum Sigerici -, erbaut im 9. Jahrhundert. Vorgängerbauten soll es bereits in keltischer und römischer Zeit gegeben haben. Strategisch war der Ort ebenso wichtig wie Burgos. Die Reste der Burg, die man heute von weitem sehen kann, entstammen dem 13. Jahrhundert. Nur Ruinen sind vom starken Erdbeben von 1755 zurückgeblieben.

 

Selbstverständlich war der Flecken - aufgrund seiner Lage auf der Hochebene - nicht nur militärstrategisch wichtig, sondern auch und gerade für die Jakobspilger; umso mehr nach der Rückeroberung von den moslemischen Mauren; die hernach einsetzende Wiederbesiedlung tat ein übriges.

In seiner Hochzeit gab es hier sieben Pilgerhospize und mehrere Kirchen. Zu sehen heute u.a. noch an Santo Domingo, Santa Maria del Manzano am Ortseingang, San Juan, am Monasterio de Santa Clara außerhalb des Ortes. Leider waren auf unserem Camino de Santiago alle Gotteshäuser geschlossen, teilweise gehen einzelne Bauteile auf das 9. Jahrhundert zurück.

So müssen wir uns mit den Beschreibungen von Bettina Marten (vgl. an anderer Stelle) zufriedengeben. Santa Maria del Manzano: Wundertätige Marienstatue und Hauptaltar vom Hofmaler König Carlos` III im 18. Jh. Zwölfteiliger Altar von Ambrosius Benson (um 1495 - 1550) mit Bildtafeln zur Messe des hl. Gregor des Großen (6. Jh.), zur Verkündigung, Heimsuchung Kreuzigung Christi, zum Kreuzgang aus dem 15. Jahrhundert. Das Franziskanerkloster aus dem 14. Jh. (sie unterhielten auch eine Schule) wurde aufgrund der Umwidmung des Areals zum Friedhof bis zum Jahr 1889 hernach dem Verfall überlassen. Viele Adelsfamilien ließen sich gleichwohl hier nieder.

 

Wir erlebten ein verlassenes Castrojeriz

in brütender Hitze, Kirchen geschlossen, die Geschäfte erst spät geöffnet, aber eben auch ein gutes Hostal mit sehr gutem Pilgeressen und: die TV-Übertragung eines Stierkampfes in der Gaststube. 

Fotos:

1. Reihe: Auf dem Weg nach Castrojeriz.

              Colegiata de Santa Maria del Manzano am Ortsbeginn: geschlossen.

2./3. R.:  Impressionen Castrojeriz.

Anstieg Castrojeriz-Meseta

Anstieg von Castrojeriz auf die Meseta - Alto de Mostelares.

 

Der Autor des Reiseführers Dumont aktiv bemerkt lakonisch, dass die Etappe Castrojeriz nach Fromista der steilen Strecke am Beginn wegen nur mittelschwer sei.

Wahrscheinlich hat er alle paar Meter eine Pause eingelegt, was eigentlich auch angesagt gewesen wäre.

 

Einmal oben auf dem Tafelberg angekommen, sind die Anstrengungen recht bald vergessen: 1,2 km mit 12% Steigung, auf dem Rücken sie 10 Kilo, er 12 Kilo. Die mittelalterliche Brücke über den Pisuerga brachte die erste Abwechslung. Wenige Minuten später beginnt dann - jedenfalls für uns - der hammerharte Aufstieg. Das Plateau hoch oben markiert die Wasserscheide zwischen dem Talbecken des Odrilla und dem Pisuerga-Becken. Oben ist die Meseta - nomen es omen - tischflach.

 

Ference Tolvaly, Autor des 2006

produzierten 3-teiligen Filmes El Camino - Der Jakobsweg beschreibt den Anstieg folgendermaßen: Das Besteigen des Berges ist die Kunst der Langsamkeit. Hätte ich mich doch bloß daran gehalten. Der Abstieg ist kurz und steil, die Pilger vor uns meisterten ihn in vielen Schleifen, Serpentinen.

 

Robert Ward *) widmet sich dem Abstieg,

dem Blick auf die Berge. Ihn befällt offenbar - nomen est omen - der Winterblues, später in Rabanal del Camino wird er vom Schneefall überrascht. Ward schreibt: "Nach Castrojeriz dehnen sich fast eine Woche lang die  Horizonte im Westen, Osten und Süden endlos in die Ferne. Doch vom Norden her tasten sich die ganze Zeit die mit Schneekappen versehenen kantabrischen Berge ins Land und verstellen dem Pilger den Blick ins Weite."

*) Robert Ward. Pilgerwege eines Ungläubigen. Unterwegs zwischen Santiago, Fatima und Lourdes. 2002: Virgin Trails. A secular pilgrimage, Kanada. 2004: deutsche Ausgabe Kreuz Verlag, Stuttgart.

 

Passen nicht Vincent van Goghs Eindrücke, geschrieben an seinen jüngeren Bruder Theo einhundertzehn Jahre zuvor um den 10. Juli 1890, gut zu Roberts Wards Beschreibung?

"Es sind endlos weite Kornfelder unter trüben Himmeln, und ich habe den Versuch nicht gescheut, Traurigkeit und äußerste Einsamkeit auszudrücken. (...) ich glaube fast, diese Bilder werden Euch sagen, was ich in Worten nicht sagen kann, nämlich, was ich Gesundes und Kraftbringendes im Landleben erblicke."

Quelle: Edition Kunsthalle Bremen. Brief 649.

Fotos

 

1. Reihe: Der Engländer mit Klampfe Richtung Meseta.

              Mittelalterliche Brücke.

2. Reihe: Blick zurück.

              12% Steigerung

3. Reihe: Plateau mit Schutzhütte.

              Rückblick vom Plateau auf Castrojeriz.

4. Reihe: Vom Plateau Richtung Boadilla del Camino.

 

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NACH GALICIEN

Etappe 16 - Ein Hostal, das Freude macht. Eine Etappe zum Nachdenken.

Etappe 17 - Meseta pur. Eine Gerichtssäule, die das Fürchten lehrt.