MESETA / TIERRA DE CAMPOS                        Echter Camino. Die Stille meditieren.                      

Einstimmung Iberische Meseta

Neun Monate Winter - drei Monate Hölle (Hitze)

Tardajos. Auf dem Weg von Burgos nach Hornillos del Camino. Sehr heiß damals. 

 

Die Meseta (spanisch für Tisch) ist eine Hochebene, ein Hochplateau, das durch Randgebirge begrenzt ist: im Norden durch die Kantabrischen Gebirge, im Süden durch die Sierra Morena; im Südwesten geht die iberische Meseta über in die Extremadura. Im Hochsommer kann das kontinentale Klima seine wahre Kraft entfalten: sengende Hitze, wenig Schatten, da fast keine Bäume. 9 Monate Winter - 3 Monate Hölle (Hitze).

 

Der Jakobspilger durchquert die Nordmeseta (etwa 650 bis 900 Meter hoch) und einen Teil der Tierra de Campos (von Fromista bis nach Carrion de los Condes) in Ost-West-Richtung. Das gesamte Gebiet umfasst in etwa die Provinz Kastilien-Leon. Auf der Nordmeseta wie auf der Tierra de Campos wird Getreide- und Weinbau, sowie Schafzucht betrieben.  

Bezogen auf den Camino des Santiago sprechen wir von einer kurzen Strecke: Bereich kurz vor Hornillos del Camino (925 m) bis Mostelares (910m) kurz hinter Castrojeriz.

 

REISEBERICHT - Etappe 15 und folgende.

IMPRESSIONEN

Ende des letzten Jahrtausends, also noch vor dem großen Run auf den Jakobsweg, charakterisierte ein Filmemacher vom Bayrischen Fernsehen die Etappen durch die Meseta mit beeindruckender Dichte, mit der er heute das Gros der Pilger nicht mehr erreichen dürfte.

 

„Von der Wanderung durch die Meseta sind die Pilger am tiefsten beeindruckt. Auch wenn streckenweise die Landstraße parallel läuft, bleiben sie in dieser abweisenden Landschaft ganz auf sich gestellt, allein mit ihren Gedanken, ganz in ihrem eigenen gleichmäßigen Rhythmus dem Wind und der grellen Sonne ausgesetzt - auf ein fernes Ziel ausgerichtet.

Beim einsamen Gehen lösen sich innere  Spannungen, Erinnerungen spülen frei, erlittene Kränkungen und Demütigungen schmerzen nicht mehr, langgehegte Wünsche werden bedeutungslos und ehrgeizig angestrebte Ziele relativieren sich, langes Gehen reinigt und heilt. Vielleicht erwacht darum der alte Pilgerweg zum neuen Leben.“

Tierra de Campos

Das Land der Felder, so die deutsche Übersetzung, liegt auf einer fruchtbaren Hochebene von durchschnittlich 720 m Höhe. Das kontinentale Klima ist im langen Winter sehr kalt, im kurzen Sommer sehr heiß. Den Bewohnern wird eine starke Identität nachgesagt. Ursprünglich von den Goten besiedelt, weshalb es auch als Campi Gothici oder Campi Gothorum bekannt ist. 

Die englischsprachige Ausgabe von Wikipedia beschreibt diese Region wie folgt "Land of Fields is a large historical and natural region or greater comarca that straddles the provinces of Leon, Zamora, Vallaloid and Palencia, in Castile and Leon. It is a vast, desolate plain with practically no relief, except for some wide undulations ot the terrain." Also völlig öde, ohne Gebirge, mit Ausnahme einiger Erhebungen. 

Informatives für den Pilger. Echter Camino

Der Weg führt von Burgos via Tardajos, Rabe de las Calzadas, Hornillos del Camino, Hontanas, San Anton, Castrojeriz, Fromista, Carrion de los Condes, Calzadilla de la Cueza, Terradillos de los Templarios, Sahagun, Bercianos del Real Camino, El Burgo Ranero, Mansilla de las Mulas bis nach Leon, der Stadt mit der schönsten Kathedrale Spaniens. Einhundertsiebenundachtzig geschichtsträchtige Kilometer. 

 

ECHTER CAMINO

Acht Tage Faszination. Eintönigkeit, also echter Camino. Peter vom Saarland hingegen erzählte 2011 von Regen, Gewitter, Sturm und Hagel. Es gibt nicht wenige Wanderer, die von der Meseta abraten: nichts los, keine Abwechslung, langweilig halt. In den Pilgerforen gab`s heftige Diskussionen.

 

Domenico Laffi, 1673:

(…) wir gingen in Richtung Brunello (El Burgo Ranero) mehr als 4 Leguas weit, (…) und suchten Unterkunft, aber sie war so ärmlich, dass wir auf dem Boden schlafen mussten, denn diese hier sind alle Schafhirten, die in diesem Ort aus strohgedeckten Hütten wohnen. 5

Die Stille meditieren

AUF DER MESETA. Einsamkeit. Eintönigkeit. Hitze. Gleichmut. Keine Abwechslung. Stille.

  • Die Stille ist der Ort des Wortes Gottes, und der Pilger muss auf dem Weg seiner Pilgerschaft meditieren, wie es auch die Pilger von Emmaus taten. 
  • Im Wort Gottes begegnen wir einer Art und Weise, uns verschiedene menschliche Erfahrungen aufzeigen zu lassen auf der Suche nach dem Guten und der Wahrheit,
  • und um die Zusammenhänge zu erkennen“,

so Erzbischof Julian Barrio, Santiago de Compostela, in seinem Pastoralbrief zum Heiligen Compostelanischen Jahr 2010.

 

STILLE

Bruno von Köln (1027 bis 6. Oktober 1101) gibt den Kartäusern *) das Geschenk der großen Stille.

"Sie schweigen. Die Lippen sind verschlossen. Der Mensch kann mit verschlossenen Lippen nur den Buchstaben M sagen. Die Erfahrung göttlicher Wirklichkeit läßt sich nicht in Worte fassen. Und wenn die Lippen sich öffnen, beginnen sie, mit Worten das Unsagbare zu stammeln: Jesus Christus hat das Reich Gottes verkündet."

Mitten in der Nacht rufen sie (die Kartäuser) zu Gott: "Herr, öffne meine Lippen. Damit mein Mund Dein Lob verkünde" - Psalm 51,17. "Kommt, laßt uns jubeln vor dem Herrn" - Psalm 95. Und dann öffnen sie ihre Lippen zum großen Lobgesang." Quelle: Betrachtungen von Hermann Rieke-Benninghaus, 2020. *) Kartäuser: Ordo Cartusiensis - von Bruno gegründet mit äußerst strenger Lebensweise/Askese. Der Film Die große Stille aus 2005, ausgezeichnet mit dem bayerischen Filmpreis 2005 und dem europäischen Filmpreis 2006, dokumentiert das Leben der Mönche recht anschaulich; gedreht in der Großen Kartause bei Grenoble.

 

AUF DEM JAKOBSWEG SICH

SELBST ERKENNEN

Jesu immer wieder deklamierter Anspruch "Tut Buße! Kehrt um! ist weitgehend in Vergessenheit geraten; bei Klerikern, Bischöfen wie Priestern, bei den Gläubigen. Warum? Man stört sich an der Begrifflichkeit "Buße". Man setzt Buße mit Strafe gleich. Völlig falsch. Richtig verstanden, so die wörtliche Übersetzung des griechischen Wortes Μετάνοια für Buße, bedeutet Buße Um-Denken, den Blick wenden, Sinnesänderung: Sich selbst sehen, wie man ist. Sich selbst ins Gesicht sehen müssen.

 

Und dieser Weg zur Selbsterkenntnis fängt an mit der zumindest temporären Abkehr von der Welt, die uns auf sich fokussiert und uns hindert, uns selbst wahrzunehmen.

 

Notger Slenczka, Professor für Systematische Theologie an der evangelisch-theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin, führt weiter aus, dass wir diesen Weg schmerzhafter Selbsterkenntnis gerne bei anderen sehen, manifestiert in den politischen und kirchlichen und persönlichen Tribunalen der Gegenwart. Nein, nicht andere zur Selbsterkenntnis treiben, so dass alle sehen, wie sie sind. Er schließt mit den schönen Worten: Ego te absolvo. Christi Leib, für dich (für mich) gegeben, zur Vergebung der Sünden. Oder: Der Gekreuzigte ist auferstanden. Quelle: Die Welt, 27. März 2021, S. 2. Fasten, eine Gebrauchsanweisung.

Zu den Fotos oben. Wenn der Pilger die Meseta verlässt, sieht er schon von weitem linke Hand ein kleines Anwesen, das sich später als eine spezielle Herberge herausstellt. Der Reiseführer von DUMONT beschreibt diese wie folgt: "Ob hier die alte Templertradition wieder aufgegriffen wird oder ein banaler Pantheismus esoterisch überhöht wird, ist letztlich gleichgültig. Was zählt, ist, dass hier Freiwillige den Pilgern helfen."  Unser Zeitplan sah eine Übernachtung nicht vor.

Erläuterung Pantheismus. Vereinfacht ausgedrückt: Alles ist Gott. Demgegenüber der von der katholischen Lehre präferierte Panentheismus, wonach Gott umfassender als die Welt, als die Natur gedacht werden muss.