DAS GALGEN- UND HÜHNERWUNDER

Santo Domingo de la Calzada und Toulouse

Einführung

Wie wir noch feststellen werden, kann davon ausgegangen werden, daß sich das berühmte Mirakel im französischen Toulouse des 11. Jahrhunderts (1090) zugetragen hat. Im 13./14. Jahrhundert kam über Umwegen Santo Domingo de la Calzada ins Spiel. Eine gelungene PR-Maßnahme, würde man vermuten können, um den Ort für die vorbeiziehenden Pilger attraktiver zu machen. Fortan sprach man nicht mehr nur von Vater und Sohn auf der einen und von einem habgierigen Wirt auf der anderen Seite mit einhergehende Selbstjustiz einer aufgebrachten Menge. Zu den vorgenannten Protagonisten gesellten sich hinzu eine liebestolle Wirtstochter, ein Richter, und, das ist das ganz Besondere an dieser Variante, einige vom Herd auffliegende Hühner.

In Toulouse stand eindeutig der Apostel Jakobus im Vordergrund, nun der heilige Dominikus von der Straße. Das sollte lange andauern - bis in die Neuzeit. Im nachfolgenden die Erzählung, wie sie Papst Calixtinus II. zugeschrieben wird.

Mirakelerzählung nach Papst Calixtinus II.

Libellus Miraculorum II, Cap V. des Liber Sancti Jacobi um 1140

Ort und Zeit des Geschehens: Toulouse um 1090. Deutsche Pilger, durchaus wohlhabend, übernachten auf ihrem Weg nach Santiago de Compostela in Toulouse bei einem, wie sich nachträglich herausstellt, habgierigen Wirt. Wie der Verfasser es im Buch I des Codex Calixtinus / Liber Sancti Jacobi schon mehrere Male hat angeklingen lassen, macht auch dieser Wirt seine Gäste betrunken in der schäbigen Absicht, sich des beträchtlichen Besitzes seiner Gäste zu bemächtigen. Dazu versteckt er einen Silberbecher im Gepäck der frommen Reisenden. Am Morgen des Folgetages läßt der Wirt die Deutschen abreisen, um sie dann kurz darauf von seinen Kumpanen verfolgen und festnehmen zu lassen. Warum? Wegen Diebstahls des Silberbechers, der im Gepäck des Vaters resp. seines ihn begleitenden Sohnes gefunden wurde. So genau ist es nicht mehr zu eruieren. Vater und Sohn streiten. Jeder will sich für den anderen opfern. Schlußendlich wird der Sohn vom Richter zum Tode verurteilt und gehängt. Es waren halt harte Zeiten.

Trauernd setzt der Vater seine Reise nach Compostell fort. Noch immer kann er nicht begreifen, warum denn sein Sohn nicht sein Angebot, die Strafe auf sich zu nehmen, angenommen hat. Anmerkungen. Das Mittelalter war herrlich. Man half sich untereinander. Auch sehr deutlich zu sehen an der Hilfsbereitschaft der hll. Domingo de la Calzada resp. Juan de Ortega.

 

Was kann der Vater anderes machen, als intensiv am Altar des heiligen Apostels Jakobus in Compostell zu beten. Gestärkt kehrt er nach 36 Tagen zur Richtstätte zurück. Unglaublich, unfaßbar: sein Sohn lebt noch. Er hatte durch die Hilfe des Apostels weder Schmerz noch Hunger und Durst erlitten. Der Vater eilt ins Dorf, informiert die ungläubigen Bewohner. Die aufgebrachte Menge läßt daraufhin den habgierigen und bösen Wirt am selben Galgen aufhängen, an dem zuvor der junge Deutsche gehangen hat.

 

Und die Quintessenz der Mirakelgeschichte? Der Bösewicht erhält seine gerechte Strafe. Als Vorbild diente den Protagonisten der Geschichte offensichtlich die schon im Alten Testament bei Genesis 44 wiedergegebene in etwa analoge Perikope. Gleichermaßen wird die in der Antike übliche Tradition von Freundschaft beschworen, beispielsweise die von Castor und Pollux, in diesem Fall das besondere Verhältnis von Vater und Sohn. Schlußendlich aber obsiegt die Beschreibung der Wundermacht des heiligen Apostels Jakobus immer dann, wenn er zuvor betend um Hilfe angerufen wurde.

Variante Santo Domingo de la Calzada

Kathedrale Santo Domingo

 

Jakobus von Voragine, Dominikaner, übernahm 1298 diese Geschichte und übertrug sie in seine „Legenda aurea“, einer Ansammlung von diversen Legenden, die noch heute editiert wird; im Mittelalter eines der meistgelesenen und zitierten Bücher.

 

Im 13. Jahrhundert wurde die Geschichte ausgeschmückt, die Hühner kamen hinzu, ebenso wie konkrete Orte, ebenso wie ein Richter, der, als er den Vorfall zu beurteilen hatte, gerade zu Tisch saß. Sein Ausspruch zu den Eltern: „Ihr Sohn ist so lebendig, wie die hier vor mir liegenden gebratenen Hühner lebendig sind.“  - In jenem Moment springt das Federvieh von seinem Teller, gackert, kräht. Die betreffenden Hühner lebten noch sieben Jahre lang und wurden am Tag des Heiligen Domingo, 12. Mai, im Käfig ausgetauscht.

 

Hermann von Fritzlar berichtete 1343/1349 hiervon in seiner Erzählung „Heiligenleben.“ Er verortete das Geschehen in Gelferate, dem heutigen Belorado. Danach seien dieselben Hühner nach einigen Jahren zu einer anderen vier Meilen entfernten Stadt geflogen – „di heizit zu sancte Domine.“ Ihm zufolge befand sich der Käfig in der Kathedrale von Santo Domingo de la Calzada direkt hinter dem Altar.

 

Während Hermann von Fritzlar noch davon sprach, daß der Jüngling nur durch das Zusammenwirken von Jakobus und der Muttergottes am Galgen überleben konnte, bringt der französische Pilger Seigneur Nompar de Caumont die liebestolle Wirtstocher resp. Magd des Wirts ins Spiel. Er hatte sich offensichtlich an das Potifar-Motiv des Alten Testaments mit Genesis 39, 7-20 orientiert, wonach Josef (Stammvater der 12 Stämme Israels) nur deshalb beim hohen ägyptischen Beamten namens Potifar in Ungnade fiel, nachdem ihn Potifars Frau aus verschmähter Liebe der versuchten Vergewaltigung bezichtigt hatte.  Man sieht, die damaligen Erzähler waren bibelfest.

 

Andererseits existiert eine im Jahr 1350 in Avignon von mehreren Bischöfen ausgestellte Bulle (eine an sich vom Papst ausgestellte rechtlich wirksame Urkunde), in der bei der Aufzählung der Reliquien der Kathedrale von Santo Domingo de la Calzada auch besagte Hühner erwähnt werden. Später im 14. Jahrhundert gefundene Pilgerzeichen zeigen den heiligen Dominikus/Santo Domingo mit ausgestreckten Händen, auf denen eine Henne und ein Hahn sitzen; rechts zu seinen Füßen ein aufgehängter Pilger mit einem Galgenstrick in den Händen.

 

Auch die nahe gelegene Kathedrale Santa Maria de Villasirga von Villalcazar de Sirga wollte mit einem solchen Mirakel glänzen und übertrug an Stelle der hll. Jakobus und Domingo der Muttergottes die alleinige Wundergewalt.

 

Im Jahre 1606 erwähnt ein Ludovicus de la Vega die betreffende Geschichte. Domenico Laffi, ein italienischer Geistlicher und Reiseschriftsteller, er pilgerte dreimal im 17. Jahrhundert nach Santiago, erwähnt ergänzend und bestätigend eine kleine Kapelle am Ortsausgang Richtung Belorado. Dort soll weiland der Pilger aufgehängt worden sein. Künig von Vach empfiehlt im 15. Jahrhundert, nicht nur das Spital von Santo Domingo aufzusuchen, sondern sich auch die Hühner hinter dem Altar anzuschauen. Er bekräftigt das Wunder mit dem Ausspruch „Ich weiß sicher, daß es nicht erlogen ist“, indem er weiterhin anfügt, er selbst hätte den Herd gesehen, auf dem die Hühner gebraten worden waren.

 

Es entwickelte sich darüber hinaus beispielsweise jene Tradition, daß die Pilger sich Federn der wundertätigen Hühner besorgten, sie an ihren Hut befestigten als spirituelles und gutes Zeichen für den weiteren Weg; und weitere mehr. Zu guter Letzt sei erwähnt, daß sich im heutigen Käfig noch ein Holzteilchen des vermeintlichen Galgens befinden soll, an dem der Pilger aufgehängt worden war - Rechtszeugnis seiner Zeit. Autor Robert Plötz, auf dessen unten bezeichneten Ausführungen ich mich unter anderem in meinen Ausführungen beziehe, deklamiert 2009 zur 900sten Wiederkehr des Todestags Santo Domingos, daß heute nicht mehr der hl. Dominikus als Wundertätiger im Vordergrund stehe, sondern richtigerweise wieder der Apostel Jakobus. Diesen seinen Eindruck vermag ich nicht zu bestätigen.

 

Quelle u.a. Robert Plötz Abhandlung Santo Domingo de la Calzada: Ein Panorama (aus 2009) in den Jakobus-Studien Pilgerheilige und ihre Memoria. Narr Verlag, Tübingen 2012.

Fotos

Reihen 1/2.: Hühnerkäfig Kathedrale von Santo Domingo de la Calzada.

Reihe 3: Ausschnitte Pilgerdenkmal am Ortsausgang.

             Der hl. Dominikus hilft einem Pilger und dem Jüngling vom Galgen. Zu  

             seinen Füßen die Hühner.