Foncebadon. Zwischen Rabanal del Camino und dem Cruz de Ferro gelegen. Im Frühjahr 2006 ein (fast) verlassener Ort. El Acebo, Ortsausgang. Denkmal zu Ehren eines deutschen Fahrradpilgers, der hier verunglückte. 

FONCEBADON, EL ACEBO und RIEGE DE AMBROS Mittelalterlicher Camino          

Gaucelmo. Geisterdorf. Paulo Coelho. Wer das elent bawen wel.    Nachtigallental. Maultierweg. Foncebadon 2022.    

Einstimmung

Foncebadon, El Acebo und Riege de Ambros exemplifizieren schlechthin das Mittelalterliche des Camino de Santiago. Erste Erwähnung im 10. Jahrhundert.  Wichtig für die frühen Jakobspilger. Der Einsiedler Gaucelmo errichtete 1103 n. Chr. sowohl ein Hospital wie eine Pilgerherberge. König Alfons VI. unterstützte sein Vorhaben. Auch spricht man vom Bestehen einer Salvadorkirche (Erlöserkirche) und eines weiteren Gotteshauses in Riege de Ambros, das der hl. Maria Magdalena geweiht war. Pfarrer Christoph Gunzinger aus Wiener Neustadt attestierte den oben erwähnten Orten in  seinem Reisebericht des Jahres 1654 eine gewisse Armseligkeit.

El Acebo hat sich zwischenzeitlich gemausert. Erwähnenswert ist die Überlieferung, wonach in früheren Zeiten die Bewohner des Fleckens von ihrem Tribut an den König nur durch das Aufstellen von 800 Pfählen befreit werden konnten - übrigens zwecks Pilgerwegmarkierung.

 

Ich gebe zu, als wir den Camino in 2006 gingen, habe ich noch nie so geflucht wie just auf dem Teilstück Riege de Ambros; der Herrgott möge es mir heute noch verzeihen. Bergab das Nachtigallental zu stolpern, völlig erschöpft von Sonne, Hitze und sonstigen Anstrengungen, lassen einen verzweifeln und sagen: Warum mache ich das eigentlich? Und wenn dann auch noch mehr oder weniger ausgeruhte Tageswanderer an einem vorbeieilen, munter unten im Ort in den für sie bereit stehenden Bus einsteigen, dann … aber lesen Sie selbst / Etappe 26 von Rabanal del Camino nach Molinaseca.

Foncebadon

2006. EIN GEISTERDORF

Foncebadon. Im 12. Jahrhundert errichtete San Gaucelmo hier ein Hospital.

 

Foncebadon wurde von Napoleonischen Truppen zerstört, das dann infolge der Landflucht im 20. Jahrhundert zu einem Geisterdorf mutierte. 

 

Die heutigen Jakobswegpilger retteten schlußendlich den Flecken vor dem totalen Verfall, allerdings erst nach 2006, unserem ersten Jakobsweg. Paulo Coelho, der berühmte brasilianische Autor und Romancier, nutzte Foncebadon für eine düstere Episode seines Tagebuchs Auf dem Jakobsweg aus 1987:

 

“Ein starker Schmerz durchfuhr mein Bein, er hatte mir eine tiefe Fleischwunde gerissen. (…) Der Hund griff sofort wieder an. Da stieß meine Hand an einen Stein. Ich packte ihn und schlug verzweifelt auf den Hund ein (…).”

Viel schöner klingt es da an anderer Stelle: “Stelle dir vor, dass sich die Heiligen dir nähern, um ihre Hände auf deinen Kopf zu legen, und dir Liebe, Frieden und das Gefühl von Gemeinschaft mit der Welt wünschen.

 

Wer das elent bawen wel, 13. Jh., Strophe 12

Der vierte haist der Rabanel (von Rabanal zum Cruz de Ferro),

darüber laufen die brueder und schwester gar schnell,

der fünfe hast in Alle Fabe (O Cebreiro), da leit vol manches bidemans

kint auß teutschem lant begraben

 

2022. AUF DEM WEG IN DIE MODERNE

Ist es das, was wir wollen? Einen Ort Foncebadon, Synonym für den Camino, auf den Weg in die Moderne? Wirklich? Ein Jakobsweg, der schon lange kein Jakobusweg mehr ist, auf dem Weg abzugleiten in einen profanen Touri-Wander-weg, dominiert von Tourismus-Experten und ehrgeizigen Bürgermeistern, die mehr denn je den peregrino autentico verdrängen, die privaten und kirchlichen Herbergen inklusive. Es herrscht allerorten ein Anspruchsdenken, das den Tourismus widerspiegelt, das so gar nicht mit diesem Weg und seiner Infrastruktur kompatibel scheint.

 

Eine spanische Initiative scheint die Problematik

erkannt zu haben; sie will die Voraussetzungen zum Erhalt der Pilgerurkunde ändern: von 100km auf 300km Mindestgehzeit. Demzufolge sehen mehrere jakobinische Plattformen die Zukunft des Camino Frances in Gefahr. "Jedes Mal sehen wir mehr Menschen mit Koffern statt Rucksäcken unterwegs, die die letzten 100 Kilometer ohne Anstrengung in vier oder fünf Tagen pilgern." Mehr lesen (deutsche Übersetzung möglich). Was soll erreicht werden? Nicht mehr Sarria steht im Fokus, sondern Leon mit seinem rund 315km, für die bis Santiago ungefähr zwölf, dreizehn Tage eingeplant werden dürften. Das Jakobspilger-Feeling dürfte sich dann von ganz allein einstellen, das Abbild des Tourgrino verschwindet langsam aber sicher. Man geht als Wanderer los und und kommt als Pilger an.

 

Karin Adams vom Pilgerforum, die mir freundlicherweise ihre Fotos vom Foncebadon des Jahres 2022 überlassen hat, aufgenommen am 1. Oktober während ihrer nahezu zweimonatigen Rad-Pilgertour von Deutschland aus, merkt in ihrer Mail an mich in etwa an, ohne Wertung, dass nicht nur Foncebadon sich verändert habe, so ihr Vergleich zu ihrer letzten Tour von 2015 (wir lernten Foncebadon übrigens 2006 kennen (Etappe 26)): überall auf dem Camino sei jetzt Luxus angesagt; vgl. auch Meine Journal-News, 12 Oktober 2022: Kann der Jakobsweg am Erfolg "sterben?"

 

Zu den Bildern des heutigen Foncebadon

und den Eindrücken von Karin Adams. Der Ort sei bis zu ersten Hälfte betoniert, dann schließe sich an, wie gehabt, das Katzenkopfpflaster; umrahmt von vielen renovierten und neu errichteten Gebäuden, zumeist Herbergen, Tiendas oder Bars; einige Ruinen hätten demzufolge noch nicht ihren Besitzer gewechselt. Die Verbindungswege vom Camino zur Autostraße seien noch nicht aufbereitet und selbst mit einem gut bepacktem (und damit recht schwerem) E-Bike kaum zu bewältigen, da Steinhaufen die Durchfahrt blockierten.

 

Times changes. Natürlich ist mir klar, dass die Zeiten sich ändern, gestern wie heute, dass der Fortschritt nicht aufgehalten werden kann. Die Frage ist, bei und in welchem Tempo das von vielen immer noch geliebte Camino-Feeling ab- oder ausgebremst werden kann oder erhalten werden sollte. Denn eines steht fest, mutiert der Camino de Santiago zu einem reinen profanen Wanderweg, läuten seine Befürworter seinen Untergang ein. 

 

“In den einfachsten Herbergen“,

fuhr sie jetzt mit einer merkwürdigen Fröhlichkeit fort, „stellt man dir eine Pritsche zur Verfügung.“ Freundlich aber bestimmt werde sie einem zugewiesen, ohne Widerspruch zu akzeptieren. Man dürfe Waschräume und Toiletten benutzen; eine Nacht Unterschlupf, Schutz vor Kälte oder Hitze finden, geschundene Füße pflegen können, morgens ein kleines Frühstück zu sich nehmen. Danach wieder der gleiche Trott, das gleiche Ritual: sich wieder auf den Weg machen, Ruhe finden, wohltuende Ruhe für die im Leben gebeutelten – auf tausenderlei Arten – verlorenen Seelen. Wer mag, findet Gesellschaft, findet Stille, wie auf dem Weitermarsch am nächsten Tag.“ 

 

Diese wundervoll formulierten Sätze legt J.A. Gonzales Sainz in seiner Erzählung Der Lichtstrahl im Gesicht seiner Protagonistin, Top-Managerin über Tausende Mitarbeiter, in den Mund. Sie unterhält sich mit einem Mitpilger vor der Kirche von San Juan de Ortega, kommt ins Philosophieren. Das Gespräch endet mit einer famos beschriebenen Überraschung - aber lest selbst.

Quelle: Wege und Umwege nach Compostela – Ein literarischer Jakobsweg in Castilla y Leon: Der Lichtstrahl im Gesicht. J.A. Gonzalez Sainz.

Fotos

Mit Ausnahme des ersten Fotos (links; von mir im Mai 2006 aufgenommen) alle von Karin Adams, Pilgerforum, aufgenommen am 1. Oktober 2022.

Riege de Ambros

Nachtigallental. Riege de Ambros, kurz vor Molinaseca. Mittelalterlicher Weg.

 

Wie fast in jedem mittelalterlichen Ort am Camino gab es auch in Riege de Ambros im 12. Jahrhundert ein Pilgerhospiz. Die Pfarrkirche ist der hl. Magdalena geweiht, die Kapelle dem hl. Sebastian. Heute erfreut sich der Ort besonders der Wochenendausflügler. Wir haben es gemerkt, wie oben erwähnt: lustig singend und plaudernd an uns vorbeiziehende Tageswanderer ohne Gepäck.

 

Der Verfasser des Reiseführers spricht euphemistisch von einer alten Maultierstraße mit ausgeschwemmter

Pflasterung. Cordula Rabe schreibt in ihrem Pilgerführer, den wir damals noch nicht kannten: Hinter Riege de Ambros erwartet uns ein sehr schöner, wenn auch zuweilen steil abwärts führender Pfad. Teilweise säumen beeindruckend mächtige Esskastanienbäume den Weg.

 

John Brierley erwähnt, dass der Hohlweg bei Nässe sehr glitschig sein kann. Es sollte erklärend hinzugefügt werden, dass es ab dem Cruz de Ferro nur abwärts ging: von 1528 m über El Acebo (dorthin ging es auf schmalen Wegen ganz steil nach unten), über Riege de Ambros mit 921 m schlussendlich nach Molinaseca auf 575m Höhe liegend. Von daher sollte ich für mein oben erwähntes Fluchen Verständnis finden.

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