DER JAKOBSWEG                                                  ÜBT EINE UNGEBROCHENE FASZINATION AUS

Auf dem Weg durch die Rioja nach Logroño. Menschenleer. Gerade richtig.

 

Liber Sancti Jacobi, 12. Jh.

IV. Buch des heiligen Apostels Jakobus.

Vorwort des seligen Papstes Calixtinus

Wenn der gebildete Leser in unseren Werken die Wahrheit sucht, wird er sie in diesen Blättern bedenkenlos und ohne Zögern finden, denn was hier geschrieben ist, bezeugen viele, die noch leben, als wahr. 3

 

 

 

In den nächsten Wochen, so unser Ziel, wollen wir den Pilgern dieser Epoche nachspüren, uns inspirieren lassen. Sie lebten in einer spannenden Zeit, keinesfalls in einer nur dunklen. Der Investiturstreit zwischen Papst und Kaiser, heute als das Element der vormodernen Gewaltentrennung betrachtet, wurde Anno Domini 1122 ebenso beigelegt, wie die dem englischen König 1215 abgetrotzte Magna Charta den Rechtsstaat begründete. Die ersten in Bologna (1088) und Paris (1160) gegründeten Universitäten haben bis heute ihren Ruf erhalten. Die erste deutschsprachige Uni machte 1348 in Prag die Türen auf, gefördert von Papst Clemens VI. Hier wurden die Sieben Freien Künste u.a. des Rechts, der Medizin und der Theologie gelehrt. Protagonisten dieser Ausrichtung: Anselm von Canterbury (1033-1109), der Universalgelehrte Albertus Magnus (1193-1280), sein Schüler, Kirchenlehrer Thomas von Aquin (1225-1274), Bonaventura (1221-1274), einer der bedeutendsten Philosophen und Theologen der Scholastik, Bewunderer des heiligen Franziskus von Assisi (1181-1226), aber auch Mystiker vom Range eines Meister Eckhart (1260-1328) oder einer Katharina von Siena, Patronin Europas (1347-1380).

 

Sie alle stehen für ein ausgesprochen hell leuchtendes 

Hochmittelalter, ebenso wie Teresa von Avila, die zwei Jahrhunderte später in Spanien mit ihrem Buch Die innere Burg ein Meisterwerk der Weltliteratur entstehen ließ. Die große Mystikerin und Neuordnerin des Karmeliterordens offenbart im Bild der Burg einen praktischen Weg zur Einheit mit dem Göttlichen. Die ideale Reiselektüre für den nachdenklichen Jakobuspilger.

 

Der Jakobsweg übt eine ungebrochene Faszination aus. Millionen Menschen gingen den Weg. Millionen werden es weiterhin tun. Sie kommen aus Europa, von Übersee. Viele sehen in dem Jakobusweg den eigentlichen Vorläufer der Einheit Europas. Niemand kann diesen Weg vergessen, ob er nun des Wanderns wegen gekommen ist oder weil er sich an die Worte des Erzbischofs von Santiago, Juan Barrio Barrio, anlehnt, die dieser in einem Brief zum Compostelanischen Jahr zu Papier gebracht hat: „So ist der Weg nach Santiago für den, der im Geist und in der Wahrheit pilgert, ein geeigneter Ort, um mit Gott ins Gespräch zu kommen; er ist ein Zeichen, das ihm hilft, sich von Gott geschaffen durch Christus befreit zu fühlen, und er ist eine Erfahrung, in der der Pilger lernt, zu geben und zu empfangen.“ 10

 

Das Bischöfliche Ordinariat der Diözese Rottenburg–Stuttgart schreibt im Vorwort: „Allen, denen die prägende Kraft der Pilgerschaft auf dem Jakobsweg mehr bedeutet als bloßes Sich-Bewegen in einem europäischen Wegenetz, ist dieser Pastoralbrief zu empfehlen als Handreichung, um zur >größeren Wahrheit< des Jakobsweges und des Pilgerns überhaupt zu finden und das christliche Profil als eine >Existenz des Unterwegsseins< zu schärfen.“ 10

 

Buen Camino. Deus aia nos y Sant`iago.

 

Elke + Peter Schulze

 

 

 

Wer das elent bawen wel

Lied der Jakobspilger, 13.Jahrhundert

 

1. Wer das elent bawen wel, der heb sich auf

und sei mein gesel, wol auf sant Jacobs straßen!

Zwei par schuaoch der darf er wol,

ein schüßel bei der flaschen.

2. Ein braiten huot den sol er han und

an Mantel sol er nit gan, mit Leder wol besezet,

es schnei oder regn oder wähe der wint,

daß in die luft nicht nezet.

3. Sack und stab ist auch darbei, er luog,

daß er gebeichtet sei, gebeichtet und gebüßet!

Kumt er in die welschen lant,

er findt kein tuetschen priester.

4. Ein teutschen priester findt er wohl,

er waiß nit wo er sterben sol oder sein leben laßen,

stirbt er in dem welschen lant, man grebt ihn bei der straßen. 4