WESTWÄRTS NACH GALICIEN                            DEM SCHATTEN NACH

JAKOBSPILGER                                                     AUF DEN SPUREN VERGANGENER ZEITZEUGEN

Wegmarkierungen des Jakobswegs.

Camino de Santiago

 

Über 800 Kilometer

von St.-Jean-Pied-de-Port in den Pyrenäen

 

bis nach

 

Santiago de Compostela

zum Grab des Apostels Jakobus

Prolog

Kurz nach der Jahrtausendwende. Raum C 4180, Sportturm Uni Bremen. Erschrocken drehe ich mich um, bin fast der einzige Mann unter lauter Frauen, will schon das Weite suchen. Zu spät, OStR Ingrid Davids erklimmt das Podium, kommt sofort zur Sache. Vaganten, PilgerInnen und Beginen im Mittelalter, so lautet der Untertitel ihrer Seminarreihe. Schnell schält sich heraus, die Frauen, despektierlich, wie ich nun `mal bin, nenne ich sie linke Emanzen, interessieren sich zumeist für die Beginen, die mittelalterlichen Frauengemeinschaften, ich mehr für die Bettelorden und religiösen Armutsbewegungen. Bin gespannt, was Frau Davids zum heiligen Franziskus sagen wird.

 

Das Aushalten hat sich gelohnt. Ich lerne, dass es zu den mittelalterlichen Pilgern durchaus Parallelen gibt, nämlich zu den damaligen Outsidern, den Vaganten (Fahrendes Volk) und Scholaren (Fahrende Schüler / Studenten / Kleriker): Leben als Wanderschaft — Subkultur des Pilgerns am Beispiel des Jakobsweges damals und heute. Das Wort „Pilger“ leitet sich nicht von ungefähr vom lateinischen „peregrinus“ ab: die in der Fremde Seienden.

 

Natürlich weiß ich von den drei großen Pilger–resp. Wallfahrtswegen Europas. Der wichtigste führt nach Jerusalem zur Grabeskirche Jesu Christi: zu anstrengend, weil zu weit, außerdem zu gefährlich; die Flugreise 1990 tat`s auch. Auf die Idee, zu Fuß nach Rom zu pilgern, in die Stadt der Apostelfürsten Petrus und Paulus, bin ich gar nicht gekommen. Auch dorthin ging es mit dem Flieger bequemer. 

 

Aber der dritte Pilgerweg, der nach Santiago, von dem hatte ich schon viel gelesen, zuletzt bei Paulo Coelho in seinem 1991 erschienenen Buch Die heiligen Geheimnisse eines Magiers; später dann umbenannt in Auf dem JakobswegTagebuch einer Pilgerreise nach Santiago de Compostela. Coelhos innerer Kampf mit seinem imaginären Begleiter, den er Petrus nennt, faszinierte mich. Der brasilianische Autor, wer kennt nicht seinen berühmten Roman Der Alchimist, bezwang 1986 den Camino de Frances. Siebenhundert Kilometer, als es noch nicht en vogue war, prominenten Vorturnern zu folgen.

 

Coelho war auf der Suche nach Spiritualität. Er wollte den Geheimnissen der Welt, den mysteriösen Wegen auf die Spur kommen. Erfolgreich. Sein Meister überreichte ihm nicht nur am Schluss der Reise das begehrte Schwert, er lehrte ihn auch das Ritual der Agape, der bedingungslosen Liebe.

Seiner profanen Zusammenfassung: „Es ist wichtig, für seine Träume ein paar Kämpfe durchzustehen, nicht als Opfer, sondern als Abenteurer,“ 11 fühle ich mich ebenso verbunden wie den Worten des Erzbischofs Juan Barrio Barrio von Santiago, der den Camino wie folgt begreift: „Der Weg, verstanden als Übergang von einem Ort zum anderen oder als ein Prozess von einer Situation zur nächsten, ist eingeschrieben in den genetischen Kodex des ganzen Menschen. Der Weg zeigt sich als Lebensnotwendigkeit.“ 10

 

Ein lang gehegter Traum beginnt konkret zu werden, wird schließlich wahr. Pilgern im Geist und in der Wahrheit.

 

 

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Gedankenverloren nehme ich neben Elke Platz; vor mir, hinter mir, alles Pilger, die Kleidung verrät es. Jedoch: Kein vertrautes Gesicht mehr dabei - alles Windhauch. Die profane Wirklichkeit fängt uns ein, denken an das Ankommen daheim. „Hoffentlich sind die Blumen nicht vertrocknet.“ „Nein, ist doch alle geregelt.“ Gegenüber, auf der anderen Gangseite, lässt sich die Frau aus Paderborn in den Sitz fallen. Noch vor wenigen Minuten hat sie uns beim Einchecken auf dem Airport die Zeit vertrieben und von ihren spirituellen Erlebnissen erzählt.

 

Ich wende mich Elke zu. Rasch sind wir uns einig. Das wird nicht unsere letzte Jakobspilgertour gewesen sein. Über diesen Gedanken hinweg nickt Elke ein. Der Flieger startet endlich, schließe die Augen, die Synapsen interagieren: Ankunft in Santiago, vor drei Tagen am Dienstag, im Mai 2006, Praza de Obradoiro, Westfassade, 12 Uhr 41:

 

>Vor uns die Kathedrale in voller Pracht, leicht überzogen mit grüner Patina. Ich drehe mich, schaue staunend, lasse die Kamera arbeiten, ringsum nur interessante Gebäude, wende mich Elke zu, nehme sie in in den Arm, viel zu spät; bemerke allmählich, dass sie weint — vor Glück. Jetzt fällt auch von mir alle Last ab. Meine kleine, tapfere, willensstarke Frau, du hast viel geleistet. Minuten später steigen wir die Treppe hinauf, durchschreiten den Portico de la Gloria, die Vorhalle der  Herrlichkeit, mit der überragenden Christus-Figur, werfen einen ersten Blick in das Gotteshaus, die 12Uhr-Messe ist noch im Gange, stecken eine Kerze an.<

 

„Wach auf, wir landen gleich.“ Schade, ich hätte so gerne weiter geträumt. Man kann`s nicht anders ausdrücken. Wir sind infiziert. Vom Camino Frances.