SECHS STARKE MÄNNER SCHWENKEN EIN WEIHRAUCHFASS

Letzte Etappe von Rua-Pedrouzo über Lavacolla und San Marcos/Monte do Gozo nach Santiago de Compostela: 25 km

Catedral Sant`igao. Mit einer eleganten Bewegung bringt einer der sechs bis acht Tiraboleiros das Botafumeiro zum Halten.

Die Großfamilie aus dem Saarland. Kurz hinter Rua.

 

 

Letzte Etappe.

Sechs starke Männer schwenken ein Weihrauchfass.

In Spanien wird das Hotelfrühstück nicht vor acht eingenommen. Spätestens jetzt ist uns das klar. Das macht aber nichts. Aufgeregt verlassen zwei muntere Pilger um zwanzig nach sieben das Hostal. Knapp fünfzig Minuten später stoßen sie auf die Großfamilie. Er zieht den Vater ins Gespräch. Die junge Mutter muss heute das selbstgebastelte Vehikel ziehen, mit kostbarer Fracht darin: ein 2jähriges Kind, dazu weiteres Gepäck. Der Vater trägt den Rucksack; die Geschwister, ein 5jähriger Junge und seine vier Jahre alte Schwester radeln parallel. Es ist unglaublich. Sie kommen aus dem Saarland, eigentlich NRW, hatten immer wieder darüber fabuliert, den Camino zu machen. Aber wie das bewerkstelligen? Da kam dem Jungen die rettende Idee mit dem Fahrrad. Man mag es nicht glauben. Chapeau. Eine Meisterleistung, sowohl was die Planung, die Logistik wie die Durchführung angeht. Viele Gebirgswege sind tabu; wie auch die Radfahrer müssen sie des öfteren auf stark befahrene Landstraßen ausweichen. Eine bewundernswerte Familie. Die Kinder scheinen pflegeleicht.

 

"So geht das nicht weiter!" Elke drängt auf eine Pause, die Rikscha‐Familie ist Geschichte, irgendwo weit hinter uns sind sie. Nirgends eine Bank. Dann muss halt der Markierungsstein K 12,5 herhalten. Man stelle sich das einmal vor. Ein Stück Kuchen in der Hand, die Wasserflasche auf dem Stein; recht unwirtlich, muss ich zugeben.

Lavacolla, der nächste Ort, war für den mittelalterlichen Pilger von höchster Bedeutung. Dort wusch er sich, ich denke, er reinigte symbolisch seine Seele, zog sich auf jeden Fall, soweit noch vorhanden, Sauberes an, machte sich fein für den Besuch beim hl. Jakob. Die moderne Waschstelle nehme ich nur kurz in den Blick, schieße schnell von der Elke ein Foto, visiere als nächstes Ziel den Monte de Gozo an. Der Weg schlängelt sich hoch. Kaum dass wir die Gebäude des galicischen Fernsehens hinter uns lassen, da passiert es. Mein schlechtes Gewissen macht mir heute noch zu schaffen. Was war geschehen? Elke setzt sich einfach ins Gras, will nicht mehr weiter, total kaputt, so kurz vor dem Monte. Was soll ich tun? Ich probiere die verbale Brachialgewalt. „Okay, dann bleib hier liegen, ich jedenfalls geh weiter, wirklich!“ Sicherlich nicht die feinste Art, aber in diesem Fall notwendig, weil wirkungsvoll. Minuten später wird Elke strahlen, ich kenne sie ja, sie regeneriert wahnsinnig schnell.

Fotos

lks.: Lavacolla. Wichtig für den mittelalterlichen Pilger.

re.: Irgendwo hinter Rua-Pedrouzo.

Ortseingang Santiago

Die Statue des mittelalterlichen Peregrino lässt uns nicht wirklich die Moderne, den Lärm des nahe gelegenen Airports vergessen; er stimmt uns ein. Es ist fast geschafft. Nur noch eine knappe 3/4 Stunde bis zum Ziel.

Monte de Gozo. Denkmal zu Ehren des Papstbesuches Johannes Paul II. in 1989. 

 

Rückschau. Der Monte de Gozo fängt uns ein, der Berg der Freude, galizisch Montxoi. 12 Uhr. Ich denke, ich sollte Domenico Laffis emotionaler Schilderung aus dem 17. Jahrhundert nichts hinzufügen:

 

Domenico Laffi, 1670/73

Als wir die Höhe eines Bergzuges mit Namen 'Berg der Freude' erreichten und das so herbeigeflehte Santiago offen vor uns liegen sahen, fielen wir auf die Knie, und die Freudentränen schossen uns aus den Augen. Wir begannen das 'Te Deum' zu singen, aber kaum brachten wir zwei oder drei Verse hervor, denn all zu sehr unterbrachen Tränen und Seufzer unseren Gesang und ließen das Herz erzittern. 5

 

Das mächtige Denkmal erinnert an den Besuch von Juan Pablo II. ‐ Peregrenato en Santiago de Compostela 1989, ebenso an 1982. In jenem Jahr hatte Johannes Paul II. die jungen Gläubigen zum Weltjugendtag nach Santiago eingeladen. Nach dem obligatorischen Fotoshooting ist ein älteres französisches Ehepaar so freundlich und macht von uns ein Foto, gut platziert auf einer Mauer,

Elke strahlt. Ich zu ihr: „Sag mal, wollten wir nicht deinen Chef, Herrn Hillermann anrufen?“ Ist er es doch gewesen, der uns den letzten Anstoß gegeben hatte, den Camino zu gehen. Elke nickt. Klaus Hillermann ist Fachmann, ob zu Fuß, oder mit dem Fahrrad. Seine Stories darüber sind köstlich. Gesagt, getan. Leider ist er aushäusig. So spreche ich mit Frau Gnielka, seiner Sekretärin. Sie: „Ach, da haben Sie ja noch was vor sich, der Weg, der zieht sich…..“ Ich bitte sie inständig, Elke nicht kirre zu machen, es sind ja noch knappe neunzig Minuten zu gehen. Frau Gnielka kennt sich mit dem Camino aus, sie war ihn vor einigen Jahren zusammen mit einer Kollegin aus Duisburg gegangen — wie Elke von Klaus Hillermann inspiriert.

 

Früher gingen die Pilger die letzten Kilometer aus Demut vor ihrem Herrgott, so steht es geschrieben, vom Monte de Gozo bis nach Compostela barhäuptig und barfuß; für die Pferde wird es eine Wohltat gewesen sein. Ein hartes Unterfangen. Komisch, hatte diesen Passus wohl überlesen, sonst hätte Elke mich womöglich angestiftet, diesem Brauch zu folgen; nicht auszudenken…..!

 

Monte de Gozo im Mittelalter. Statue mittelalterlicher Pilger.

 

Ergriffen schauen die Pilger hin zu den Türmen der Kathedrale ihres Heiligen Jakob.

Wer hier als erster ankam, der wurde von seiner Gruppe zum Pilgerkönig ernannt, und kamen so zu ihrem späteren deutschen Familien-/Nachnamen wie König, Küng, Künig, etc.

 

Monte de Gozo in der Neuzeit

In Sichtweite des Denkmals mit Papst Johannes Paul II. sitzen zwei ältere Ehepaare auf einer Mauer, machen Rast, einträchtig nebeneinander: Franzosen und Deutsche, fotografieren einander. Im Hintergrund die Silhouette von Santiago des Compostela.

Beherbergungskomplex am Monte de Gozo.

 

Der sich anschließende Beherbungskomplex, extra für den Papstbesuch 1989 erbaut, strahlt Kälte aus, mit riesigen Ausmaßen, zum Verlaufen. Wer es mag, warum nicht. Heute wird das Areal auch als Studentenwohnheim genutzt. Quasi im Vorbeigehen werfen wir einen kurzen Blick in einen der hässlichen Containerbauten, es reicht, bloß schnell weg.

Frau Gnielka hat wirklich nicht übertrieben, Elke werde ich es allerdings erst im Hotelzimmer beichten: Es zieht sich tatsächlich, Meter für Meter auf dem Asphalt ‐ über eine Stunde lang, bis wir, von der Rua de San Pedro und der Rua das Casa Reais kommend, auf dem Praza de Cervantes stehen.

 

 

Hermann Künig von Vach, 1495 

 Nach neun Meilen kommst du dann zu Sankt Jakob, wenn es dir vergönnt ist, in der Stadt Compostell, die seinen Namen hat. Darauf freuen sich viele brave Reisegefährten. 1

 

Zielstrebig steuert Elke dem Brunnen zu, einer magischen Anziehung gleich. Sie taucht die Hände ins Becken, es tut gut. Es scheinen nur noch einige Meter bis zur Kathedrale zu sein. Ich will es genau wissen, frage nach dem Weg.

Sekunden später: wir stehen vor dem Nordportal der Kathedrale auf dem Praza de Immaculada (Platz der unbefleckten, makellosen Jungfrau). „Das ist doch nicht der richtige Eingang“, Elke leicht enttäuscht. Doch, doch, wie ich ihr später vorlese. Der mittelalterliche Pilger betrat just hier die Kathedrale, ehrfurchtsvoll, kniend, sich bekreuzigend. Es hilft nichts. Noch einmal um den Pudding, wie der Bremer zu sagen pflegt (um die Ecke gehen).

 

KathedraleNordportal mit der Azabacheria-Fassade, der eigentliche Pilgereingang, Praza de Immaculada. 1765 n. Chr. entworfen von Lucas Caaveiro, nachdem das alte Tor des Paradieses (Francigena) 1758 wegen seines Verfalls abgerissen werden musste. Dieses alte Tor wird auch im Codex Calixtinus erwähnt. Davor hatte jahrhundertelang ein Brunnen aus dem Jahre 1122 gestanden, von dem gesagt wurde, er habe kein Gegenstück in der ganzen Welt. Auf den Giebeln steht der hl. Jakobus als Pilger, flankiert von den knienden Figuren Alfons III. und Ordonos II.

Westfassade der Kathedrale am Praza do Obradoiro.

 

Von hier gelangt man über eine mächtige Renaissance-Treppe des 17. Jahrhunderts zur Loggia, wirft einen Blick zum Platz, dessen Name sich angeblich herleitet aus Obra de Oro — Arbeit aus Gold, durchschreitet den Portico de la Gloria…

 

Die Arbeiten an der Kathedrale begannen 1075 Anno Domini, als die Stadt den Höhepunkt ihrer Blüte erreichte. Zwischen den beiden Türmen schaut der hl. Jakobus als Pilger auf seine Pilger, beschützt von seinen Jüngern Athanasius und Theodorus, in den Bögen die Statuen der Eltern des Heiligen Zebedäus und Salome.

 

Jetzt endlich sind wir angekommen, sind am Ziel, stehen auf dem Praza do Obradoiro, Westfassade, 12 Uhr 41: Vor uns die Kathedrale in voller Pracht, leicht überzogen mit grüner Patina. Ich drehe mich, schaue staunend, lasse die Kamera arbeiten, ringsum nur interessante Gebäude, wende mich Elke zu, nehme sie in den Arm, viel zu spät. Bemerke allmählich, dass sie weint — vor Glück. Ich bin zu sehr mit dem Fotografieren beschäftigt gewesen. Jetzt fällt auch von mir alle Last ab. "Meine kleine, tapfere, willensstarke Frau, du hast viel geleistet, obwohl: viel trainiert hatten wir gar nicht. Ich hab`s genau ausgerechnet: knapp vierundzwanzig Kilometer pro Etappe, zwischen dreizehn und fast vierzig jeden Tag gewandert, gepilgert. Du mit satten zehn Kilo auf dem Rücken, ich mit rund zwölf, auch zu viel, aber gemessen an meiner Größe nicht so dolle. Ich bin dir dankbar, dass du dich auf dieses Abenteuer, auf diese Strapazen eingelassen hast. Das war nicht einfach. Hitze, Berge, Matsch, Regen, Einsamkeit, überfüllte Herbergen, Erschöpfung pur, aber eben auch Freude, Genugtuung, Gottvertrauen —zusammen im Gleichschritt und Gleichklang. Das muss uns erst `mal einer nach machen."

Minuten später steigen wir die Stufen hinauf, fotografieren einander, Elke kann ihre Anspannung noch immer nicht verbergen, gelangen zum Portalbereich, durchschreiten den Portico de la Gloria, den Portikus der Herrlichkeit, ein Meisterwerk von Meister Mateo des 12. Jahrhunderts. Ich bin überwältigt, wirklich. Wir werden nicht gestört, werfen einen ersten Blick in das Gotteshaus, Elke verharrt minutenlang bei der Marienstatue („Was sie wohl denkt?“). Letztlich siegt die Vernunft, entscheiden uns einvernehmlich, die morgige Pilgermesse um zwölf Uhr zu besuchen. So haben wir Zeit, welch ein Wort!, überzeugen den Rezeptionisten des gegenüber liegenden Hotels, genauer gesagt des Paradores, uns ein rabattiertes Traumzimmer zu geben. Er macht es tatsächlich. Ich gebe zu, es verkörpert zu Recht den Anspruch der fünf Sterne. Wir genießen das Hotel mit jeder Faser.

Ankunft in Santiago de Compostela

Liber Sancti Jacobi, 12. Jh.

Compostela, die erhabene Stadt des Apostels, voller Liebreiz aller Art, die Stadt, die die sterblichen Reste Santiagos aufbewahrt, Grund dafür, dass sie als die glückseligste und erhabenste der Städte Spaniens betrachtet wird. Ich habe mich auf die Beschreibung dieser Etappen beschränkt, damit die Pilger, die nach Santiago aufbrechen und dies hören, die nötigen Reisekosten im Voraus planen können.

 

 

Wer das elent bawen wel

Lied der Jakobspilger, 13. Jh., Strophe 25. Den Finstern Stern wellen wir lan stan und wellen zu Salvater ein gan, groß wunderzaichen an schawen; so ruofen wir got und sant Jakob an, und unser liebe frawen.

Strophe 26. Bei sant Jakob vergibt man pein und schult, der liebe got sei uns allen holt in seinem höchsten throne! Der sant Jacob dienen tuot, der lieb got sol im lonen.

 

Arnold von Harff, 15. Jh.

Compostela ist ein kleines, schönes, gefälliges Städtchen in Galicien, dem König von Kastilien unterworfen. Hier liegt eine schöne große Kirche. Auf dem Hochaltar steht ein großes hölzernes Heiltum zu Ehren von St. Jakob mit einer Silberkrone auf dem Haupt, und die Pilger steigen von hinten an den Altar und setzen die Krone auf ihre Häupter. (...) Vor der Kirche siehst Du unzählige große und kleine Muscheln feilgeboten. Die kannst Du kaufen und Dir eine auf Deinen Mantel binden und sagen, Du seist dort gewesen.

 

Domenico Laffi, 1670/73

Wir dankten Gott und dem Apostel, dass sie uns sicher hierher gebracht hatten (…) Dann gingen wir hinter den Altar, einige Schritt hoch, wo wir die Statue des Apostels Jakobus umarmten. (…)

 

20. Jahrhundert

Heil`ger Jakobus, wir rufen heut` an deinen Namen: Sieh her auf alle, die zu diesem Heiligtum kamen. Tritt für uns ein – Gott möge gnädig uns sein. Führ` uns den guten Weg.

 

21. Jahrhundert

Vor uns die Kathedrale in voller Pracht (…) durchschreiten den Portico de la Gloria, ein Meisterwerk von Meister Mateo. Bin überwältigt.


Meine Pilgerurkunde "Compostela"

‐ ausgestellt im Mai 2006 auf Petrum Augustum Schulze. Soweit die Vornamen lateinischen Ursprungs sind, werden diese in der Urkunde latinisiert vermerkt.

 

Nun fehlt noch der eigentlich wichtigste Part, die Abholung der Compostela. Das Glück verlässt uns nicht: nichts los, es dauert nur wenige Minuten, beantworten ehrlich die uns gestellten Fragen, warum, weshalb, wieso; vgl. dazu die Statistik, bezahlen die Gebühr. Die Urkunde wird ausgehändigt, sie ist mit formvollendeten Schriftzügen versehen, kein Geschmiere: Petrum Augustum. Kaum dass Elke sich umdreht, steht Christa aus Jena vor ihr. Selbst, wenn man wollte, man kann sich nicht aus dem Wege gehen, wie in Melide, wie anderswo. Mit Peter aus dem Saarland tauschen wir in Ruhe gemeinsame Erfahrungen aus. Seine Geschichten vom Camino sind phantastisch und wundersam und doch irgendwie glaubwürdig, verabreden uns. Beeindruckt von allem hakt sich Elke unter, schlendern die Straße hinweg von der Kathedrale zum Park, kaufen Andenken, Silberschmuck.

Es wird allmählich voller, besorge mir eine deutsche Zeitung, grüßen die Brasilianer, kehren zurück ins Hotel, winken überrascht dem netten französischen Ehepaar vom Monte de Gozo zu. Welch Duplizität der Ereignisse. Dort hatten sie uns noch eindringlich empfohlen, mindestens mal einen Kaffee im Paradores zu trinken... 

Innenhof der Paradores.

 

... Und jetzt laden wir es ein, die vier wunderschön angelegten Innenhöfe des Hotels anzuschauen. Selbstverständlich nutzen wir alle Annehmlichkeiten des Paradores und so fallen zwei rechtschaffend müde, gleichwohl entspannte und glückliche Menschen ins Bett, träumen den Camino Frances.

 

Deutsche Übersetzung der Pilgerurkunde. "Das Kapitel dieser heiligen, apostolischen und erzbischöflichen Kirche von Compostela, Kustos des Siegels des Altars des heiligen Apostels Jakobus, in der Absicht allen Gläubigen und Pilgern, die aus dem ganzen Erdkreis, aus Verehrung oder eines Gelübdes wegen, zum Tempel unseres Apostels und Schutzpatrons Spaniens, dem heiligen Jakobus, zusammenkommen, echte Urkunden zur Bezeugung ihres Besuches auszustellen, macht allen und jedem, die in das Vorliegende Einblick nehmen, bekannt, daß (Name des Pilgers) diesen hochheiligen Tempel ehrfürchtig aus Frömmigkeit besucht hat. Zu dessen Beglaubigung überreiche ich ihm vorliegende Urkunde, versehen mit dem Siegel eben dieser heiligen Kirche." 9

 

Generelle Voraussetzungen: Vorlage des Pilgerpasses (Credencial), dessen Stempel dem Inhaber bescheinigen, mindestens die letzten 100 Kilometer vor Santiago  de Compostela zu Fuß oder die letzten 200 Kilometer per Rad oder Pferd zurückgelegt zu haben. Die Stempel erhält man in den Herbergen, aber auch in Kirchen, Klöstern, Rathäusern, sowie teils in Cafés. Ohne den Pilgerausweis ist eine Übernachtung in den preiswerten Pilgerherbergen nicht möglich. In Deutschland wird der Pilgerausweis u.a. von der Deutschen Jakobusgesellschaft, Aachen herausgegeben.

Portico de la Gloria. Haupteingang der Kathedrale.

 

Christus als Weltenherrscher inmitten der vier Evangelisten, der Apostel, einiger Engel und der 24 Ältesten aus der Offenbarung des Johannes, die auf verschiedenen Instrumenten spielen. Jakobus sitzt unterhalb von Christus auf einer Säule. Was mag der mittelalterliche Pilger angesichts dieser Glorie wohl gedacht haben? Ich kann`s mir ausmalen.

 

Die Einstimmung von Hermann Künig von Vach Anno Domini 1495 trifft`s genau:

 

Nun möge uns Maria, die reine Jungfrau, mit ihrem lieben Kind helfen, daß wir dem Heiligen Jakob mit Andacht begegnen und daß wir nach diesem Leben unseren Lohn finden und die himmlische Krone empfangen, die Gott Sankt Jakob gegeben hat und allen Heiligen, die in Ewigkeit leben. 1

 

Botafumeiro in Sankt Jakob. Nach einem äußerst ausgiebigen Frühstück, mit allem was das Herz begehrt, man gönnt sich ja sonst nichts, ist Zeit genug vorhanden, rechtzeitig zur Pilgermesse um zwölf Uhr zu kommen. Die hineinströmenden Touristen interessieren sich nur für einen guten Platz, wo doch die steinernen Bibelfiguren jede Bewunderung verdienen:

 

Elke besteht darauf, just so wie es die Tradition gebietet, unsere Arme um die Silberbüste des heiligen Jakobus zu legen; sie birgt seine Reliquien. Wir melden Sant`iago Vollzug, der Weg ist gegangen. Für einen Dialog mit ihm, also des Dankes, ihm gar unsere höchstpersönlichen Wünsche anzuempfehlen, bleibt nicht viel Zeit. Der Andrang nachrückender Pilger ist zu groß. Die Büste befindet sich auf der Rückseite des Hochaltars. Rechtzeitig reserviert Elke im Bereich der vorderen Kirchenbänke zwei gute Plätze für uns. Fragen uns, ob wohl der Botafumeiro, das Weihrauchfass, geschwenkt wird? Heutzutage der Höhepunkt schlechthin.

 

Früher indes wollte man wohl mit dem Weihrauch den Schweiß und den infernalischen Geruch der dort nächtigen Pilger vertreiben. Das Kirchenhaus diente lange Zeit den ankommenden Pilgern auch als Übernachtungsstätte. Es ist nicht zu viel gesagt, es ist beeindruckend, das Schwenken, das Drehen, das Anhalten des 1,60 Meter hohen und 50 Kilogramm schweren Fasses, das an einem dreißig Meter langen Seil befestigt ist, und bis nah an die Decke des Querschiffes ausschwenkt. Viermal soll es in den vergangenen Jahrhunderten einen Unfall gegeben haben, zum Beispiel in ein Fenster des Südportals gekracht, jedoch: jedes Mal ohne Verletzungen der anwesenden Gläubigen. Neben dem Weihrauch und den Kohlen wird heute etwas esoterisches Öl beigefügt.

Ein Wort genügt: imposant. Normalerweise werden die sechs ausgewählten, mit wuchtigen Mänteln bekleideten Männer nur an hohen Festtagen tätig. Heute muss es wohl einen Finanzier gegeben haben. Uns soll`s recht sein.

Papst Johannes II. sieht in dem Botafumeiro mehr als nur das Schwenken eines Fasses: "Der Ritus des Botafumeiro, des Rauchfasses der Kathedrale, ist Zeichen der inneren Reinigung der Pilger, die durch ihre Wallfahrt nach Santiago zu neuen Menschen geworden sind. Der dargebrachte Weihrauch, der zur Gegenwart des Herrn aufsteigt, versinnbildlicht das neue Sein."

Der Gottesdienst soll beginnen, eine Nonne singt mit klarer, hoher Stimme, stimmt die Pilger ein, gibt Informationen zum Ablauf der Messe, zur Herkunft der Pilger. Soviel kann auch ich verstehen, sie nennt all die Ländernamen, deren Pilger sich heute im Pilgerbüro haben registrieren lassen: Inglaterra, Francia, Canada, Italia, Alemania, Suiza, Brasil, Portugal, España, und so weiter.

 

Neben mir steht ein Mexikaner mit einem großen Stein im Arm, fast schon krampfhaft festhaltend, scheint mir. Denkt er vielleicht an frühere Zeiten, als die Pilger noch riesige Kreuze mitschleppten, um dem Herrn zu gefallen? Welche Bürde hat er wohl zu tragen?

Fotos im Bereich der Kathedrale von Santiago de Compostela

1. Reihe: Westfront, heutiger Haupteingang der Kathedrale

              mit dem Plaza do Obradoiro.

2. Reihe: Die Nonne stimmt die Pilger zur Heiligen Messe ein.

              Rappelvoll mit jungen Pilgern.

3. Reihe: Ein mexikanischer Pilger mit seinem Stein.

              Mit mehreren Pilger-Co-Zelebranten am Altar.

4. Reihe: Botafumeiro. Das Rauchfass wird geschwenkt.

              Ein afrikanischer Bischof predigt.

5. Reihe: Der Bischof mit seinem Gefolge.

              Unser "Bunter Vogel". Neben ihr ein japanischer Pilger.

6. Reihe: Paul aus Toronto mit seiner Tochter; wir sprachen mit ihm in Morgade.

              Zwei brasilianische Pilger.

Es überrascht mich, wie viele junge Leute andächtig versammelt sind. Es ist rappelvoll, alle Gänge sind belegt, sie hocken neben oder auf ihren Rucksäcken. Es wird still. Die Pilgermesse beginnt nun wirklich, trotz der vielen Fotoklicks. Eine erhabene Stimmung greift um sich, nur unterbrochen von lautem Gesang und intensiven Gebeten. Ich versuche, an passender Stelle das Vaterunser zu murmeln. Am Altar stehen sieben Geistliche, der Dechant mit sechs Co‐Zelebranten, offensichtlich wie wir Pilger des Camino de Santiago. Einen Tag später wird der Bischof persönlich zelebrieren. So mancher kann mit dem parallelen Gewusel, dem ständigen Kommen und Gehen nichts anfangen. Alles sei doch nur Show. Ich sage, nein. Katholizismus heißt, die Menschen annehmen, so wie sie auch sind: laut, manchmal wenig rücksichtsvoll.  

 

Absoluter Höhepunkt ist tags darauf die heilige Messe direkt am Jakobusgrab, unterhalb des Hochaltars, extra gelesen um neun Uhr morgens für vierzehn deutschsprachige Pilger von Pater Fidelis Pezzei, einem Ladiner. Einige formulieren aus dem Stegreif eine eigene Fürbitte. Erst zwei Tage später geht unser Flug zurück nach Bremen.

 

Zeit für einen Ausflug nach Finisterre. Achtundneunzig weitere Fuß‐Kilometer zum Ende der Welt des mittelalterlichen Pilgers (so sagt man (heute). Ich bin davon überzeugt, dass auch die Mehrzahl der Jakobswegpilger wusste, dass die Erde eine Kugel ist (bitte durchscrollen). Wir nehmen den Bus.

 

Fisterra (galicisch). Gestern wie heute für so manchen Pilger das letzte Ziel seines Weges. Schweigend betrachtet er den Sonnenuntergang, verbrennt seine verschlissenen Schuhe, reinigt seinen Körper im Meer, sucht im Sand nach seiner Jakobsmuschel, sinniert über den nächsten Camino …

 

Zurück in Santiago treffen wir immer wieder alte Bekannte vom Camino: Siegfried aus Bayern, Bunter Vogel, den kanadischen Filmemacher aus Rabanal, der fix und foxi auf dem Praza do Obradoiro sitzt, Hajo aus Velpke. Das Stimmengewirr ist vielfältig.

Jetzt endlich nehmen wir uns die Zeit, die Kathedrale zu umrunden mit den vielen Plätzen, Türmen, Portalen, die wunderbar von Meisterhand geschaffenen Figuren des Alten und Neuen Testaments. Geschichte pur, katholisches Christentum pur. Nachstehend einige Impressionen:  

 

Santiago. Anfangs nur Compostella genannt. Neben Madrid und Barcelona eine der teuersten Städte Spaniens, Hauptstadt Galiciens. 95.000 Einwohner. Sitz des Erzbischofs. Universitätsstadt mit rd. 30.000 Studenten. Erste Besiedlungen seit dem 1.4. Jahrhundert nachweisbar (römisches Militärlager). Pharmazeutische Industrie. 1985 wurde die Stadt von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt und der Camino de Santiago, der Jakobsweg also, 1987 zum europäischen Kulturweg erhoben; im Jahre 2000 folgerichtig zur Kulturhauptstadt Europas ernannt. Zum Ehrentag des Apostels Santiago am 25. Juli gibt es mehrtägige Fiestas.

 

Plaza de la Quintana. Die obere Ebene wird Quintana de vivos — Haus der Lebenden genannt. Im Hintergrund das Weinrebenhaus Casa de la Parra aus dem 17. Jahrhundert; unterhalb der Treppe befand sich bis zum Ende des 18. Jhs. der Friedhof, deshalb auch als Quintana de muertos — Haus der Toten bezeichnet. Rechts zu sehen ist das benediktinische AntealtaresKloster, das zweitälteste Gebäude der Stadt.

 

Plaza Platerias. Platz der Silberschmiede. 16.Jahrhundert. Einer der bekanntesten Plätze Santiagos. Im Hintergrund die romanische PlateriaFassade (Baubeginn 1075) und der gotische Uhrturm aus dem 14. Jh.  Links  die Schatzfassade mit den Geschäften für Silberschmuck, die dem Platz seinen Namen und Charakter geben. Vorne der Pferdebrunnen Fuente de los Caballos aus dem 19. Jahrhundert.

 

QuintaFassade (Ostfassade der Kathedrale) mit dem Portal zur Heiligen Pforte. Sie wird nur in dem Jahr geöffnet, in welchem der 25. Juli, der Gedenktag des Apostels Jakobus, auf einen Sonntag fällt. Zuletzt wurde das Heilige Compostelanische Jahr in 2010 gefeiert. Das nächste wird 2021 sein. Dieser Brauch ist seit dem 15. Jahrhundert bekannt. Das Portal wurde zu Beginn des 17. Jhs. gebaut; rechts und links sind die von Meister Mateo im 12. Jahrhundert geschaffenen Figuren des Alten Testaments und der Apostel eingefügt — insgesamt vierundzwanzig. Darüber ist Jakobus in Pilgertracht zu sehen — mit seinen Helfern und Getreuen Atanasio und Teodoro; fertiggestellt 1694 von Pedro del Campo. Papst Leo XIII. ließ übrigens am 1.11.1884 die Authentizität der in der Kathedrale ruhenden Reliquien des Apostels und seiner Schüler Atanasio und Teodoro erklären. Die neuere historische Forschung bezweifelt die Authentizität. Die PilgerInnen scheint`s nicht zu interessieren, sie kommen nach wie vor, fühlen sich vom Weg und der Aura des Zielortes angezogen.

 

Außenfassade der Kathedrale. König David mit Harfe (Altes Testament). Ebenfalls von Meister Mateo im 12. Jahrhundert geschaffen. Die Figur befindet sich an der Südseite. Christus als Weltenherrscher  einmal anders (bäuerlich irgendwie) dargestellt.

 

Epilog. Ausblick.

 

Der Camino de Santiago wird uns weiter begleiten. Vom Somportpass in den Pyrenäen entlang dem Aragonischen Weg südwestlich bis nach Puente la Reina, von dort auf dem Camino Frances immer dem Schatten folgend westwärts — achthundertachtzig Pilgerkilometer Faszinierendes, Eindrucksvolles, Meditatives, Spirituelles, Traumhaftes, Leichtes, Anstrengendes, Schmerzhaftes, Liebevolles, Unvergeßliches — bis zum Grab des heiligen Jakobus nach Santiago de Compostela. Paulo Coelho. Auf dem Jakobsweg, 1987: „Es wird dir kein Übel begegnen (…). Denn Er hat Seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“ 11