DIE 27. ETAPPE WIRD UNS HERAUSFORDERN. HITZE, STAUB, HITZE, STAUB, HITZE.

27. Etappe von Molinaseca über Ponferrada und Cacabelos nach Villafranca del Bierzo: 30 km

Irgendwo auf dem Weg zwischen Ponferrada und Villafranca del Bierzo.

Ponferrada. Templerburg.

 

Die 27. Etappe wird uns herausfordern. Hitze, Staub, Hitze, Staub, Hitze.

Mit einer Taschenlampe bewaffnet stolpere ich im Dunklen die Treppe hinunter, Elke hinter mir; im Eingangsbereich liegen sie kreuz und quer auf dem Boden, auf Matratzen. Ob das die Gewerbepolizei sehen dürfte? Es ist viertel nach fünf, noch schnell die Füße eingecremt, das Waschen muss ausfallen, ab nach links Richtung Ponferrada bzw. Villafranca del Bierzo. DuMont fällt zu dieser Etappe folgendes ein: „An einem langen Wandertag besucht man die Templerstadt Ponferrada, durchzieht die hügelige Weinberglandschaft des Bierzo und erreicht das kleine >Santiago>, die ganz auf Pilger eingestellte Stadt.“

 

Wer es im Mittelalter bis Villafranca schaffte, hatte einen Sündennachlass sicher. Um diese Uhrzeit, viertel vor acht, ist in Ponferrada, der Templerstadt, noch nicht viel los. Elke liest weiter vor: “Mittelschwer der Länge und der anstrengenden Stadtpassagen wegen, Fuhrwege, Staubstraßen, streckenweise Asphalt.“ As usual. Die fürchterliche Hitze nervt, ebenso die spanischen Lkw-Fahrer, die wenig rücksichtsvoll an uns vorbei donnern, auf staubigen Straßen. Ein Wunder, dass nichts passiert.

 

Fuentes Nuevas naht. Die erste Hälfte der Tagesstrecke ist geschafft. Zeit für ein ausführliches Breakfast, in netter österreichischer Damenbegleitung. Ich suche dringend eine Drogerie, mein kostbares Duschgel hat seinen Besitzer gewechselt, will sagen, nur wenige Augenblicke der Unachtsamkeit hatten gestern in der Herberge gereicht, es in andere Hände gelangen zu lassen. Es soll tatsächlich (böse) Menschen geben, die sich als Pilger verkleidet auf die Jagd begeben. In manchen Herbergen wird sogar explizit vor Langfingern gewarnt.

Der Wanderführer übertreibt nicht. Nach Cacabelos erwartet uns ein ziemlich anstrengender Anstieg ins Dorf Pieros, entlang einer nicht sehr stark befahrenen Straße, der Nationalstraße 6. So what, mittlerweile kann uns schon gar nichts mehr erschüttern. Bringt auch nichts. Können wir eh nicht ändern. Im Gegenteil: der Mensch vermag (fast) alles, wenn sein Geist nur will! Dem bäuerlichen Paar sind unsere Gedanken völlig fremd. Mit stoischer Ruhe ist es beschäftigt, den Boden zu pflügen. Man fühlt sich geradezu zig Jahrzehnte rückversetzt: ein Ochse, eine Kuh als Zugtier. Die Frau weist den Weg. Also, lassen wir mal das Klagen und Stöhnen sein. 

Open-air-Bildhauerstudio kurz vor Villafranca del Bierzo.

 

Bin erstaunt, dass Elke sich das Bildhauerstudio nicht anschauen will. Es ist wirklich zu heiß. In Pieros hätte ich für eine Rast sorgen sollen, mit einem Brunnen und kühlem Wasser. Aber nein, ich gehe weiter. Die Stimmung schlägt um. Alle von mir angesteuerten Unterkünfte Villafrancas sind überfüllt. Hätten wohl doch in eine der beiden Herbergen am Ortseingang einchecken sollen. Kann ja auch keiner ahnen. Zweiunddreißig heiße Kilometer stecken in den Knochen. Per Zufall sehe ich das Hinweisschild eines Parador-Hotels. Der Rezeptionist schaltet auf stur. Kein Zimmer frei. Jetzt beginnt es interessant zu werden. Ich insistiere gestenreich, zeige auf meine drüben erschöpft auf der Bank sitzende Elke. Er schaut noch einmal in den Computer. Glück muss der Mensch haben.

 

Genüsslich gleiten die ersten Tropfen kalten Bieres, die Minibar muß herhalten, in unsere Kehlen. Das Zimmer ist okay. Ein Parador halt. Eine langandauernde Dusche folgt, selten so genossen. Rufe schließlich zu Hause bei Anne an, meiner Schwester. Es gibt Ärger, im Pflegeheim meiner Mutter, lasse mich mit Pflegedienstleiter Thomas Westendorf verbinden, bereinige die Angelegenheit, richte meiner knapp 93-jährigen Mama liebe Grüße aus. Sie schläft gerade. Elke zieht es vor, noch ein wenig das Zimmer zu genießen, währenddessen ich Villafranca erkundschafte, wie immer die Kathedrale nicht auslassend. Mir ist es fast schon ein wenig zu laut in der Stadt, die Pilger lärmen, die Kirche ist nahezu leer. Nun gut, jeder nach seiner Facon. Das abendliche Dinner schmeckt vorzüglich, na ja, in diesem Hotel ein Selbstgänger. Elke wählt Sword-Fish, ich Duck. Ein Tisch weiter unterhalten sich zwei gut gekleidete Paare. Tags darauf, in Cebreiro, sitzen sie, diesmal als Pilger zu erkennen, wieder neben uns — in der Herberge.


Villafranca del Bierzo. Iglesia Santiago.

 

Villafranca del Bierzo verdankt sein Entstehen und seine Bedeutung dem Pilgerweg. Die fränkische Ansiedlung wurde zu Zeiten Königs Alfons VI. (1040-1109) gegründet. Alfons konzentrierte sich auf die Reconquista, auf die Rückeroberung der von den Mauren besetzten spanischen Gebiete. Bevor die mittelalterlichen Pilger die Stadt, das kleine Santiago betraten, besuchten sie die Iglesia de Santiago mit dem Nordportal Puerta del Perdon. Dort wurde ihnen der Sündenablass gewährt, ab dem 15. Jahrhundert gar der Jubiläumsablass, ausgesprochen vom spanischen Papst Calixt III. (1455-1458). Der nebenan liegende Friedhof zeugt davon, dass relativ viele Pilger es nicht bis Compostela schafften. Der Legende zufolge soll sich in Villafranca der hl. Franziskus von Assisi aufgehalten haben. Die Iglesia San Francisco erinnert daran. Der Pilgerpfad verläuft entlang der wuchtigen Burg, die der Marqueses de Villafranca im 16. Jahrhundert bauen ließ.

 

Hermann Künig von Vach, 1495

Wenn du nicht den Weg über den Berg Allefaber (La Faber—O Cebreiro) nehmen willst, so lasse ihn zur Linken liegen und gehe bei der Brücke rechts ab. (...) Da sollst du fünf Meilen weiter gehen, dann findest du ein Dorf, das auf einem steilen Berg liegt.

 

 

Fotos von links. Villafranca del Bierzo.

1. Reihe: Ortsschild.

              Blick auf Stadt und Burg.

2. Reihe: Herberge Ave Fenix.

3. Reihe: Richtung Dreisternehotel Parador.

4. Reihe: Iglesia de San Nicolas el Real.

              Promenade. 

5. Reihe: Brücke über den Rio Burbia.

              Camino duro Richtung O Cebreiro.