WARUM DER MITTELALTERLICHE PILGER SICH DEM LÄCHELN DER VIRGENES DEL CAMINO, DER SANTA MARIA ANVERTRAUTE.

8. Etappe von Los Arcos über Torres del Rio und Viana nach Logrono: 29 km

Los Arcos. Außenwand der Kathedrale Santa Maria de Palacio. Die Madonna mit dem Jesuskind im Arm.

Torres del Rio. Iglesia del Santo Sepulcro

Romanische  Heiliggrabkirche, Baubeginn 1192, Fertigstellung um 1220. Achteckiger  Grundriss. Für viele eine Kopie des Heiligen Grabes in Jerusalem. Das Oktogon  hat drei Geschosse. Die Zahl acht beschwört das göttliche, nie endende Leben - mit Jesus Christus auferstehn.

Etappe 8.

Warum der mittelalterliche Pilger sich dem Lächeln der Virgenes del Camino, der Santa Maria anvertraute.

Natürlich ist auch heute der Weg nach Santiago nicht ganz unbeschwerlich, für uns Wohlstandsbürger allemal, für den mittelalterlichen Pilger war er ein gefährliches, wenn nicht lebensbedrohendes Wagnis: Diebe, Räuber, habgierige Wirte, Prostituierte taten alles, den Gutgläubigen zu übervorteilen. Das  hinderte ihn nicht, seinen Camino nach Compostela zu gehen — voll Vertrauen auf  Gott und Maria, der Gnadenreichen. Der mittelalterliche Pilger vertraute nicht  von ungefähr auf das mütterliche Lächeln der Virgenes del Camino. Überall am Wegesrand sah er die Augen der Madonna herabblicken von den Eremitagen, von den  Kapellen, von den  beeindruckend schönen und mächtigen Kathedralen. Das vermittelte ihm Sicherheit  und Geborgenheit. Ich erinnere an die Marienstatue Òrisson in den Pyrenäen, an  das Gnadenbild der Gottesmutter von Roncesvalles, an den Bildstock am  MetzkiritzPass, an die wuchtige Kathedrale von Pamplona, der Santa  Maria de Real, gestern an jene in Los Arcos, heute noch an die in Viana, und so viele werden folgen. Die Kirche verehrt Maria als Sedes Sapientiae — als Gottes Weisheit.

Durch die Rioja.

 

Der Mix macht es.Gestern 21 km, morgen lächerliche 13; übermorgen, so viel kann ich schon verraten, strapaziöse  38 und heute 29 Kilometer bis Logroño. Ein ehrgeiziges Ziel. In Torres del Rio wie in Viana sollte man sich Zeit nehmen — für eine Kirche und für Cesare  Borgia. Also, worauf warten wir: auf holpriges Pflaster, auf ein ständiges Auf  und Ab. Anstrengend. In der Tat, die Steigungen in Torres del Rio, vor allem aber die vor Viana lassen mich verzweifeln. Klar, was muss ich auch an den anderen vorbeistürmen! Die Pilgerin Inweiß macht es exakt richtig, langsam überschreitet sie den Kamm und stolziert mir nichts dir nichts weiter, während ich, lange vor ihr angekommen, oben immer noch keuchend auf der Bank sitze.

 

Auf dem Weg nach Torres del Rio. Vor uns Pater Adalbert aus Tschechien.

 

Nun muss ich unbedingt von einem unserer intensivsten Erlebnisse erzählen. Ein Priester spendet uns beiden ganz allein seinen Segen — auf der Straße, kurz vor Torres del Rio. Gestern war es, in der Kirche in Los Arcos. Der Co‐Zelebrant outet sich deutsch sprechend. Was liegt da näher, ihn, als er uns auf dem Camino begegnet, anzusprechen. Nein, er ist kein Deutscher, er ist Tscheche, ist Benediktinerpater in einem Kloster nahe Prag, hat diesen Pilgerweg von seinem Prior zum 40zigsten Geburtstag geschenkt bekommen. So ungefähr nach 20 Minuten merke ich, er ist  viel zu dynamisch, sich weiterhin auf unser Tempo einlassen zu können. Wir verabschieden uns sehr freundschaftlich. Nach zehn Schritten kehrt Adalbert, so  sein deutscher Name, um, fragt, ob er uns segnen könnte, allerdings gewohnterweise auf Tschechisch. Bewegend. Später in Leon wird uns ein amerikanischer Diakon segnen, auf dem großen Platz vor der Kathedrale. Das sind Erlebnisse, die Elke und ich nicht vergessen werden.

 

Fotos von links

1. Reihe: Torres del Rio.

              Pater Adalbert, Tschechien.

2. Reihe: Santo Sepulcro, Torres del Rio. Vielleicht eine Templerkirche. Das

              aber ist erst ab 1325 belegt. Der Bau selbst dürfte 1169 erbaut

              sein. Ähnlichkeiten mit Eunate. Beim nächsten Mal werde ich

              mich ausführlich mit ihr beschäftigen.

3. Reihe: Noch bis Logrono 20,7km, Ermita del Poyo 3,3 km, Viana 11,2km.

              Eremitage Nuestra Senora del Poyo, ehemalige Pilgerherberge.

4. Reihe: Umgebung von Torres del Rio nach Viana. 

              Kathedrale Santiago. Viana

5. Reihe: Eingangsbereich.

              Gekreuzigter Jesus.

6. Reihe: Cesare Borgia. In Front der Kathedrale im Boden eingelassen.

              Madonnenfigur.

7. Reihe: Madonnenfiguren.

8. Reihe: Ruinen des Klosters San Pedro. Viana.

              Eingangsbereich.

9. Reihe: Alte Fresken.

              Fußpflege auf dem Weg irgendwo hinter Viana.

             

In Viana entscheiden wir uns, es ist erst kurz nach elf, nach Logrono weiter zu gehen. Das hindert uns aber nicht, schnell noch in der Iglesia (13./14. Jh.) die Pilgerpässe abstempeln zu lassen, von einem griesgrämigen, völlig lustlosen

Sakristan. Noch mehr interessiert mich der Stein vor der Kirche,

der von Cesare Borgia berichtet.

 

Cesare BorgiaDie katholische Kirche steht zu ihren Verfehlungen. Der

Renaissancepapst Alexander VI. (16. Jh.) war an Skrupellosigkeit nicht zu
überbieten. Sein unehelicher Sohn Cesare Borgia (1475
1507) brillierte auf allen Feldern, ob als Kardinal, Generalissimus, als Verschwender, als Stierkämpfer, etc. Seit 2007 sind seine sterblichen Überreste wieder in der Kathedrale beigesetzt. Die Kirche verzeiht. Übrigens, Niccolo  Machiavelli verarbeitete Borgias Geschichte in seinem Buch Der Fürst.

Der Familie Borgia entstammt, was viele nicht wissen und vielleicht auch nicht glauben mögen, ein großer Heiliger aus dem spanischen Aragon: Franziskus Borja y Aragon (Franz von Borgia); am 28.10.1510 in Gandia geboren, gestorben am 30.09./01.10.1572 in Rom. Nach dem Tod der Königin Isabella 1539 und dem Tod seiner Frau 1546 legte er alle Ämter als Herzog von Gandia und Vizekönig von Katalonien nieder und wurde 1551 Jesuit, später in Rom dann zum dritten Ordensgeneral der Jesuiten gewählt. Gedenktag in der Katholischen Kirche am 30. September resp. am 10. Oktober (Missa Trindentina). Mehr über ihn:

www.heiligenlexikon.de/BiographienF/Franz_de_Borja.html.

 

Wenige Meter vor Logrono. Maria, die Tochter von Dona Felisa.

 

Es wird immer wärmer, heißer sollte ich sagen, passieren die Regionsgrenze nach La Rioja, dem Weinland Spaniens schlechthin. Ungefähr zweiundeinhalb Kilometer vor Logrono wartet Maria, die Tochter der 2002 verstorbenen Doña Felisa. Sie führt  das Werk ihrer Mutter fort, stempelt die Pässe gegen einen Obolus von einem Euro, bietet Getränke und sonstige Kleinigkeiten an. Wohltuend dieser Kontrast auf  dem Camino. Kontrast ist das richtige Wort für das, was ich jetzt zu beschreiben habe. Ich glaube, dass das, was die örtlichen Bauplaner sich hier geleistet haben, kafkaesk zu nennen ist: sinnlos eine vorzüglich ausgebaute Straße mit einigen Unterführungen in die Landschaft zu setzen, auf der absolut kein Auto fahren wird. Vielleicht als Wiedergutmachung für die vielen schlechten Pilgerpfade? Morgen wollen wir mal so richtig ausschlafen. Das ausgesuchte Hotel eignet sich vorzüglich. In den Herbergen rumort es ja schon ab halb fünf. Zwei Kirchen stehen auf dem Besuchsprogramm.

  

Ritter Arnold von Harff, 1499

(…) nach Logrono 1 Lieu, einer Stadt des Königs von Spanien. Hier reitet man über eine steinerne Brücke. Der Fluss heißt Ebro. Dort endet das Königreich von Navarra. 2

 

Domenico Laffi, 1670/73

Morgens gingen wir zur Kathedrale (von  Logroño), um die Messe zu lesen. Das gemacht, verließen wir die Stadt und  gingen weiter nach Navarrete. Es hat eine große, herrliche Kirche, gut erhalten  und gut geführt. 6

 


Logrono. Konkathedrale Santa Maria de la Redonda.

 

Elke ist von der Konkathedrale Santa Maria de la Redonda des 16. Jahrhunderts geradezu begeistert. Neben den vielen  Heiligenstatuen ist es ein Himmel im Deckengewölbe, der ihr es angetan  hat. Aufgeregt erzählt sie mir von ihrer Sicht. Mit ein wenig Phantasie ortet  sie, wie soll ich es sagen, Himmlisches, Numinoses. Nur wer glaubt, kann sehen. "Komm`, lass uns ein wenig auf der Bank ausruhen." Sehe die Statue des Jakobus in der typischen Pose als Pilger mit Hut, Stab, Hund und Kalebasse, dem Trinkgefäß; erinnere mich andererseits an einen Jakobus als Matamoros, als Maurentöter; hoch oben an der Außenfassade der Kathedrale Santiago (Logrono) zu sehen.

 

 

Fotos von links.

1. Reihe: Auf dem Weg von Vinana nach Logrono.

2. Reihe: In Memoriam Dona Felisa. 

              Die Leinen waren relativ lang. 

3. Reihe: Herberge in Logrono.

              Iglesia Santiago.

4. Reihe: Konkathedrale Santa Maria de la Redonda.

              Deckengewölbe Konkathedrale.

5. Reihe: Jakobus als Pilger mit Hut, Stab und Hund.