REGEN. SCHLAMM. DIE PSYCHE GEHT DEN BACH RUNTER. EIN VERLORENER OHRCLIP.

6. Etappe von Puente la Reina über Mañeru, Cirauqui nach Estella/Lizarra: 22 km

Blick auf Cirauqui. Nur Regen, Matsch. Ein schlimmer Tag.

Rio Salado. Lorca.

 

Etappe 6.

Regen, Schlamm. Die Psyche geht den Bach runter. Ein verlorener Ohrclip.

Nomen est omen. Wie der mittelalterliche Peregrinus weilen auch wir in der Fremde, gehen über Land, über den Acker, so eine andere Übersetzung. Abenteuer inklusive. An sich wünschenswert. Schau`n mer mal. Die Heilige Messe muss heute ausfallen. In Burgos wird sie nachgeholt. Um acht Uhr ist nicht viel los.

 

Mit einem guten Hotelfrühstück im Magen steuert Elke voranschreitend die Brücke an. Die Wege sind okay, gut zu gehen - noch. Langsam aber sicher zeichnet sich ein Wetterwechsel ab, fange an, mir Gedanken zu machen. Es sind nämlich nicht viele, die hier gehen: teils extrem steile Pfade auf rotem Erdreich, serpentinengleich den Berg hochschlängelnd. Die meisten wählen die N 111. Wir natürlich nicht. Mañeru empfängt uns mit stürmischen Regen, es plattert, stellen uns am großen Platz einige Minuten unter, wundern uns über die vielen Pilger, die sich hier aufhalten; wo sind sie alle hergekommen? Elke beobachtet, dass einer nach dem anderen nach rechts zur Nationalstraße abbiegt. Ich hingegen interessiere mich mehr für das Paar, das schemenhaft in der Ferne zu sehen ist, den originären Weg geht. „Komm, das schaffen wir.“ Hätte ich bloß der inneren Stimme gelauscht! Rien ne va plus, nichts geht mehr, stehe knöcheltief im Schlamm, total aufgeweichter Ackerboden, jeder Schritt anstrengend. Vor mir eine ein Meter breite Furt, vor kurzem wohl noch ausgetrocknet, jetzt zu einem reißenden Bach mutiert. Die Böschungen sind schräg abgeflacht. Elke ist weit hinter mir, vor mir das Paar, das lange an der Furt gestanden hat. Ich überlege, ich überwinde mich, immerhin schultere ich 12 Kilo, wenn ich dann ausrutsche …; ich springe.

 

Endlich kommt Elke heran. Sie ist fix und foxi. Will einfach nicht weiter. Ich verkürz` an dieser Stelle die Schilderung: biete ihr meinen rechten Arm, schaffe es, dass sie ihn richtig umgreift, ziehe sie mehr oder weniger mit nachhaltigem Druck zu mir herüber. Seit diesem Tag weiß ich, was es heißt, Nerven zu haben. Kurz darauf baut sich das an sich malerische Cirauqui vor uns auf. Mir kommt es gar nicht in den Sinn, im Reiseführer nachzuschlagen, bei dem Regen; orientieren uns nach rechts, lassen den Ort links liegen. Schade, wir verfehlen einen alten Weg, „Römische Straße“ genannt, den DuMont so beschreibt: „Diese kurze Passage durch den Ort, über die Pflasterstraße und die uralte Brücke gehört zu den eindrucksvollsten des gesamten Wegverlaufs des Jakobswegs auf spanischem Boden.“

Zu den obigen Fotos. Einige sind nachträglich aufgenommen worden anlässlich unserer Pilgertour 2014 entlang des Camino Aragonés. Es wäre so schön gewesen, hätten wir weiland auch so gutes Wetter (über 32°) gehabt und nicht den stundenlang andauernden Regen, der uns damals schwer zu schaffen gemacht hatte.

 

Reihe 1: Mañeru. Pilgerweg durch das Zentrum des Ortes. Damals im     

             strömenden  Regen.

Reihe 2: Kirche San Pedro, 16.Jh., Neubau 18.Jh. Über dem Eingangsportal

             befindet sich in einer Nische die Sitzfigur des heiligen Apostels Petrus in

             der Tracht eines Papstes.

Reihe 3: Richtung Cirauqui über die Felder. Im strömenden Regen, nur zwei

             Pilger weit vor uns schemenhaft zu sehen.

Reihe 4: Weiter Richtung Cirauqui. Noch wissen wir nicht, dass uns eine

             Hindernis erwartet.

             So in etwa kann man sich den Bach vorstellen, der wir zu überwinden

             hatten.

Reihe 5: Weiter über die rotbraunen Felder, nur noch Matsch, knöcheltief.

             Cirauqui.

Reihe 6: Cirauqui. Informationen zum Ort.

             Jakobsweg am Rathaus vorbei.

Reihe 7: Cirauqui.

             Antiker "römischer" Weg.Wahrscheinlich aus dem Frühmittelalter.

Reihe 8: Steil bergab die Fußgängerbrücke auf alten römischen Fundamenten.

             Es ist geschafft, sind wieder auf der Straße. Nur noch Regen, kein

             Matsch mehr. 

Reihe 9: Villatuerta. Links die Iglesia Anunciacion de Nuestra Senora aus der

             der Zeit um 1200. Nach der Zerstörung in 1378 durch kastilische

             Truppen wieder errichtet. Vor der Kirche die Figur des hl. Veremundo.

             Villatuerta in der Mittagszeit. Die Lage hat sich beruhigt, kein Regen  

             mehr.

            

Zu Mañeru: Eine Bronzestatue des Merkur weist auf die römische Besiedelung aus dem 2. Jh. hin. 1193 verlieh König Sancho VI dem Ort die fueros, also Sonderrechte. Die mittelalterliche Stadtstruktur ist bis heute erhalten, teils mit repräsentativen Portalen und Wappen aus der Zeit von 1500 bis 1900.

 

Zu Cirauqui: In römischer Zeit besiedelt; vgl. obige Fotos. In 1046 erstmals unter dem Namen Ciroqui erwähnt. Das Stadtbild wird dominiert von der Kirche San Roman aus dem 12. Jahrhundert. Zu ihr verlief auch die Wegstrecke des mittelalterlichen Camino.

 

Zu Villatuerta am Rio Iranzu. Der Name vilatorta geht auf auf das Lateinische tortus (krumm, verdreht) zurück. Ende des 10. Jhs. erstmals erwähnt. Geburtsort des oben erwähnten hl. Veremundo, 1010 bis 1092, ehemals Abt des Klosters von Irache nahe Estella, Schutzpatron der Pilger durch Navarra. In der Kirche, vgl. oben, ist auch das romanische Portal der Ermita San Roman zu sehen.

Estella/Lizarra.Iglesia de San Pedro de la Rua. 

 

Uns ist das egal, denken ans Weiterkommen, wollen endlich festen Boden unter den Füßen haben. Geschafft, jetzt kann nichts mehr passieren, queren die N 111, sind auf dem Weg von Lorka nach Villatuerta. Elke geht vorweg. Scheinbar alles okay. Die Kirche des hl. Grabes Iglesia del Santo Sepulcro ist in der Tat sehenswert, nehmen uns Zeit, das gotische Portal zu bewundern.

 

Codex Calixtinus, 12. Jh.

Der Fluss in Logroño heißt Ebro, sein Wasser ist gut und reich an Fischen. Alle Flüsse zwischen Estella und Logrono führen ein für Pferd und Menschen todbringendes Wasser, und vom Verzehr ihrer Fische wird abgeraten.

 

Eine Stunde später, mittlerweile früher Nachmittag, nichts Gutes bahnt sich an. Die Schritte werden schwerer, die Psyche passt sich an. Estella la Bella (die Schöne), so wurde die einst wichtige Stadt im Mittelalter von den Pilgern genannt, ist für uns heute trist, wir haben absolut keinen Sinn für den Palast der Könige von Navarra aus dem 12. Jh., für das Rathaus auf der Plaza San Martin, für die Kirche San Pedro de la Rua, Estellas bedeutendstem Monument. So ist es auch nicht verwunderlich, dass ich die Pilgerherberge gleich am Anfang der Stadt übersehe. Elke ist müde und kaputt, ich könnte jetzt auch eine Pause einlegen. Mit viel Glück ergattere ich ein Hotelzimmer; die Kielerin aus Pamplona hat vor uns eingecheckt. Die Moral ist nicht zum Besten bestellt, Elke hat zudem einen Ohrclip verloren, das gibt ihr den Rest, sie will nicht mehr. Was spricht eigentlich gegen eine Auszeit? Nichts. Betrübt beschließen wir, einvernehmlich wie ehedem, Estella erst mal mit dem Bus zu verlassen. Dann werden wir weiter sehen. Dass uns dabei das berühmte Kloster Irache/Iraxe mit den Anlagen der Weinkellerei und dem schönen Pilgerbrunnen entgeht, direkt am Brunnen gibt es nämlich neben Wasser auch kostenlosen Wein zu trinken, schert uns wenig. 

Fotos von links (Estella)

1. Reihe: Gotisches Portal Santo Sepulcro. 

              Portal San Pedro de la Rua.

2. Reihe: Pilgermesse in der Iglesia San Miguel.

              Gottesmutter mit Jesuskind

3. Reihe: Kapitell Kampf zwischen Roland und Ferragut.

              Palacio de los Reyes de Navarra, 12. Jh.

4. Reihe: Mittelalterliche Brücke Puente de la Carcel.

              Ausfalltor auf dem Camino de Logrono Richtung Los Arcos.