AUF HEMINGWAYS SPUREN

4. Etappe von Zubiri via Larrasoaina nach Pamplona/Iruñea: 22 km

Pamplona. Magdalenenbrücke über den Rio Arga. Direkt am Camino de Santiago. Mit Pilgerkreuz und Madonna.

Pamplona. Statue Ernest Hemingway vor der Stierkampfarena. Plaza de Toros.

 

Etappe 4.

Auf Hemingways Spuren.

Die rund zweiundzwanzig Kilometer nach Pamplona tun nicht weh. Nach fünf Stunden empfängt uns die berühmte Stadt, über Jahre hinweg Domizil des noch berühmteren Schriftstellers Ernest Hemingway. In seinem Welterfolg Fiesta beschreibt er die Sanfermines: einerseits die pompöse Prozession für den Schutzheiligen der Stadt, San Fermin, und andererseits das Treiben von sechs Kampfstieren durch die Altstadt, das für manche „Läufer“ schmerzhaft, manchmal sogar tödlich endet. Derzeit gibt es Initiativen, den Stierkampf wegen Tierquälerei gesetzlich zu untersagen.

 

 

Hermann Künig von Vach, 1495

Danach kannst du gerne in eine Stadt einziehen, in der der König von Nafern lebt. In dieser Stadt gibt man zwölf Brüdern zu trinken und zu essen. Neben der Hauptkirche, das sollst du nicht vergessen, liegt auf der linke Seite das Spital zu Unserer Lieben Frau (...) Du findest auch ein Spital Sankt Maria Magdalena.

 

 

Wir kennen Pamplona, konzentrieren uns, zwei Herbergsplätze zu ergattern. Die Tafel zeigt den Weg zur Paderborner Herberge. Das Gewusel lässt nichts Gutes erwarten. Es gibt keinen Platz mehr, und das um viertel nach eins. Wohin nun? Durch die Stadt zur zentral gelegenen Albergue Camino de Santiago (baskisch: Done Jakue Bidea: Aterpetxea). Es passt, zahlen den Obolus, suchen das vermeintlich beste Zimmer aus. Der Herbergsvater schüttelt ungläubig, mitleidig mit dem Kopf, als er meinen Rucksack betrachtet, ihn schließlich anhebt. „Your`re crazy.“

 

Was ist von dieser Etappe in Erinnerung geblieben? Matschige Wege, weidende Pferde — idyllisch romantisch, pflege ich in solchen Fällen zu sagen, zwei ansehnliche, mittelalterliche Brücken, eine riesige Magnesitfabrik, eine langgezogene, steil abwärts führende Treppe und hässliche Häuser in den Vororten, an denen auf Leinen - von Fenster zu Fenster gespannt - die gewaschene Arbeitskleidung flatterte. Die mittelalterliche Magdalenenbrücke über den Rio Arga mit dem alten Pilgerkreuz und der Madonnenfigur entschädigt für die tristen Anblicke. Es ist warm geworden, sommerlich bekleidete Menschen liegen auf den Wiesen in Sichtweite der Brücke. Pamplona ist wahrlich nicht klein, dennoch, man sieht sich: die beiden bayerischen Brüder, den Franz aus Bad Waldsee, den französischen Abbé und Florian aus Potsdam. Florian kauft ein, er hat sich zwei anderen Pilgern angeschlossen. Florian humpelt, er ist kaputt, er hat mit Blasen zu kämpfen, er will mindestens zwei Tage in Pamplona bleiben. Tja, wenn er so weiter macht, wird er es nicht weit bringen, gar abbrechen müssen? Es sind ja mal gerade drei Etappen geschafft, nicht zu Fuß, nein, nein, von Larrasoaina bis Pamplona ging es mit dem Bus. Die Bayern wollen nach Cizur Menor, fünf Kilometer mehr. Der ältere will den kompletten Weg von Würzburg bis nach Santiago gehen — am Stück. Dabei lässt er sich auf Teilabschnitten begleiten, von seinen Enkeln, oder wie jetzt von seinem jüngeren Bruder. A la bonheur – ob der Leistung und ob des familiären Zusammenhalts.

Pamplona bei Nacht. Plaza del Castillo.

 

Die Kathedrale liegt ziemlich versteckt. Klar, dass wir zu spät kommen, sie soll geschlossen werden, bis zum Gottesdienst um sieben. Es ist unheimlich, Elke und ich sind jetzt ganz allein in der Kirche. Man hat uns — einvernehmlich — eingeschlossen. Mir ist mulmig. „Was ist, wenn jetzt jemand kommt und uns fragt, was wir hier machen?“ Egal, mutterseelenallein bestaunen wir den Alabaster-Sarkophag Karls III. von Navarra und seiner Ehefrau Eleonore von Kastillien. 1392 ließ der König den romanischen Vorgängerbau des 12. Jahrhunderts, das Hauptschiff war eingestürzt, neu errichten — gotisch.

 

Zwanzig Minuten später ist der Spuk vorbei. Ich bin erleichtert, Elke wie immer schmerzlos. Am Praza del Castillo soll`s ein gutes Restaurant geben. Ein paar Biere spülen die lecker schmeckenden Tapas hinunter. So kann man es aushalten. Zufrieden lassen wir uns in die Calle Estafeta treiben. Zwischen dem 6. und 14. Juli ist hier, in der Stiertriebgasse, die Hölle los. Hunderte junge Männer meinen, sich beweisen zu müssen. Die Besitzer der angrenzenden Wohnungen mit ihren Balkonen machen dann das Geschäft ihres Lebens.

 

Weiter geht`s zur Herberge, müssen morgen früh aufstehen. Zuhause lese ich von Domenico Laffis Begeisterung, die er 1670 dieser großen, gut geführten Kathedrale zollt. Er darf nicht nur ein Hochamt lesen, begleitet von zwei Chören und vielen Musikern (Harfe, Zither, Spinett, Orgel); er sieht auch, wie währenddessen zwölf Pilgern geholfen wird, mit einem reichlich gedeckten Tisch, der in der Kirche aufgebaut ist; er bemerkt, wie andächtig die Spanier vor dem Allerheiligsten, der Monstranz, niederknien und beten, wie am Abend den Pilgern der Segen erteilt wird.

Pamplona. Albergue Camino de Santiago.

 

Der 6BettenHerbergsraum (116 Plätze insgesamt) ist gewöhnungsbedürftig. Sehr eng, von gediegener Atmosphäre wie in Roncesvalles nichts zu spüren. So ist das halt. Die einen geben einem das Gefühl, herzlich willkommen zu sein, andere sehen diesen Teilaspekt nüchterner, ob nun caritativ oder kommerziell betrieben. Neben uns liegt eine Dänin, die so laut schnarcht, dass Elke ihr am liebsten an die Gurgel gehen möchte. Gegenüber bereitet sich die Kielerin auf die Nacht vor; sie geht mit sehr leichtem Gepäck. Klar, dass sie keinen Haartrockner dabei hat. Sie keck zu Elke: „Du hast`s gut, du lässt deinen Mann für dich schleppen!

 

Wer das elent bawen wel, 13. Jh., 11. Strophe

Der andere haist der Monte Christein, der Pfortenberk mag wol sein brouder sein, sie seint einander vast gleiche, und welcher bruoder darüber get, vordient das himmelreiche.

 

 

Pamplona wurde 74 vor Chr. vom römischen Feldherrn Pompeius Magnus gegründet. Durch die Verballhornung seines Namens kreierte sich der Stadtname. Die Stadt wurde mehrmals zerstört: A. D. 466 von den Westgoten, von den Franken 542, durch Karl den Großen 778, von den Mauren 924, schließlich 1521 während des franz.-span. Krieges. Dabei wurde der baskische Offizier Íñigo López de Loyola lebensgefährlich verletzt. Er quittierte seinen Dienst, änderte radikal sein Leben, gründete die Gesellschaft Jesu, den Jesuitenorden - 1540 formal von Papst Paul III. zugelassen. Berühmt sind seine Exerzitien. Ignatius, so sein späterer Name, nannte sich schlicht „der Pilger“: unterwegs sein, wachsen und lernen.

 

Sancho III. der Ältere (1000-1035) förderte die Pilgerfahrten. Der wirtschaftliche Aufschwung Pamplonas ging einher. Er holte die Franken ins Land, als Handwerker und Händler. So entstanden die Marktflecken / Orte, auch die Burgos de Francos genannt. Wie später bei Friedrich dem Großen (Hugenotten) gewährte der König den Einwanderern Privilegien, was wiederum die Einheimischen erzürnte und einen Bürgerkrieg entfachte. Zeiten wiederholen sich. Heute wie gestern überquert der Pilger die Magdalenenbrücke, geht durch das Portal de Francia in die Stadt zur Kathedrale des Erzbischofs. Am Wegkreuz an der Brücke wird er sein Gebet gesprochen, Maria die Gnadenreiche um Hilfe gebeten haben. Die Stadtmauern des 15. Jhs. zeugen von der Wehrhaftigkeit Pamplonas.

Fotos von links

1. Reihe: Immer wieder matschige Stellen.

              Magnesitfabrikanlagen.

2. Reihe: Eine unangenehm zu gehende Treppe abwärts.

              Burlada. Vorort Pamplonas. Wehende Arbeitskleidung.

3. Reihe: Pamplona. Magdalenenbrücke über den Rio Arga.

              Pilgerwegzeichen zur Paderborner Herberge. Für uns completo.

4. Reihe: Kathedrale Santa Maria de Real.

              Säulengang.

5. Reihe: Altarbereich.

              Grablege Alabaster-Sarkophag Karls III. mit Ehefrau Eleonore.

6. Reihe: Calle la Estafeta. Stiertriebgasse.

7. Reihe: Stadion. Stierkampfarena.

              Plaza del Castillo.

8. Reihe: Restaurant am Plaza del Castillo, das Ernest Hemingway bevorzugte.