VATER. MUTTER. DREI KINDER. ZWEI FAHRRÄDER. EINE RIKSCHA.

32. Etappe von Airexe über Palas de Rei und Furelos nach Melide: 23 km

Melide. Vater, Mutter, drei Kinder, zwei Fahrräder, eine Rikscha.

Etappe 32.

Vater. Mutter. Drei Kinder. Zwei Fahrräder. Eine Rikscha.

„Dass du bei deiner Zettelwirtschaft durchsteigst, ich kann`s nicht glauben, alles durcheinander, wie auf deinem Schreibtisch!“ „Wieso?, hab` alles im Griff.“

 

Was gibt es zu berichten? Ziel: Melide. Entfernung: 23 Kilometer. Von einer staatlich geführten Pilgerherberge in Melide, die man sehr schnell wieder vergessen sollte. Die Beschreibung mit „unsauber“ ist stark untertrieben. Ich bin verstimmt, so mancher sucht sich eine andere Bleibe. Elke: „Komm` stell` dich nicht so an.“ Auch das ist zu überstehen: Duschen, die nicht funktionieren, außerdem noch einsehbar sind, Zimmer, die so schmal sind, dass die Rucksäcke nicht im Gang abgestellt werden können, sondern in dreckige Schränke zu verstauen sind. Ach, was soll`s? Ich zähle nicht weiter auf. Dafür habe ich noch die Stimme eines Deutschen im Ohr, der sich dermaßen gegenüber seiner Frau aufregte, dass wir schon einen Ehekrieg befürchteten.

 

Der Reihe nach. Gestern habe ich doch von einem Hund erzählt. Es folgt eine Story, die sich wirklich zugetragen hat, denn sie ist absolut nicht singulär, man kann fast in jedem Reisebericht davon lesen. Wie gesagt, Elke, Christa aus Jena, sie übernachtet übrigens auch hier in Melide, die nette Osnabrückerin und ich sitzen in Airexe beim Bier zusammen und denken uns zunächst nichts dabei, dass ein Schäferhund sich nicht nur unter unseren Tisch legt, nein, er bleibt dort die ganze Zeit über liegen. Ich weiß nicht, wo der Hund übernachtet hat, Fakt ist, der Schäferhund läuft heute in Sichtweite, begleitet kilometerlang zwei Italiener. Ich gebe zu, mich beschleicht der Gedanke, er könne sich anders besinnen und womöglich uns beschützen wollen. Nein, sehr viel später findet er Gefallen an einem jungen französischen Paar. Wir bleiben verschont. Es ist ja nicht so, dass ich Hunde nicht mag, möchte keine Verantwortung für ihn haben, ihn auch nicht verscheuchen müssen. Nein, nein, er wartet einfach; so geschehen vor der Frühstücksbar, bis sein temporäres Herrchen sich bequemt, seinen Weg fortzuführen. Die Frage ist jetzt, gibt es einen Besitzer, oder handelt es sich um einen streunenden Hund. Das scheint nicht der Fall zu sein, er schaut nicht ungepflegt aus. Jetzt kurz vor Ende unseres Camino können wir Gott sei Dank feststellen, dass alle Prognosen, die da vor bissigen, spanischen Hunden gewarnt hatten, nicht eingetroffen sind. Wie sagt Elke in solchen Fällen: hL— heiße Luft.

Furelos. Kleiner Ort mit knapp 150 Einwohnern. Kurz vor dem Knotenpunkt Melide.

 

Palas de Rei, wörtlich übersetzt mit Königspalast, ist nach gut zweiundeinhalb Stunden erreicht. Im 5. Jahrhundert residierte in der Stadt der Bischof — mit weltlicher wie kirchlicher Amtsfülle ausgestattet.

Wie das so ist, er konnte nicht überall seine Augen haben. Im Liber Sancti Jacobi beklagt der französische Gelehrte Aimeric Picaud deshalb unter anderem die Prostitution. Sie sei wohl besonders auf dem Weg von Portomarin nach Palas de Rei angeboten worden. Heute leben hier knapp 4000 Einwohner, die Kirche San Tirso soll von kunsthistorischem Interesse sein. Jedoch: wir können uns nun wirklich nicht jeden Sakralbau anschauen, streben weiter am Rathausplatz vorbei Richtung Arzua, passieren Dörfer mit so wohlklingenden Namen wie San Xulian, Ponte Campana, Casanova, Coto - überall die beschriebenen Horreos.

 

In der Bar in Coto gebe ich dem jungen, ausgesprochen freundlichen Franzosenpaar bereitwillig eine Deutschstunde: Guten Morgen, Guten Tag, Wie geht es Ihnen, Wie heißen Sie, und so weiter. Kostenlos, selbstredend. Bunter Vogel ist jetzt allein unterwegs, wie sie uns erzählt. Sie will auch in Melide übernachten. Tagelang hatte sie Siegfried begleitet, in Samos sich dann von ihm getrennt, was ihn wohl nicht traurig gemacht haben wird, denke ich. Furelos, eine gute halbe Stunde vor Melide gelegen, wartet mit einer mittelalterlichen Brücke auf, die schönste gibt es meines Erachtens in Puente la Reina, wie bestellt für ein Foto mit Elke. Und sofort kommt sie mit zwei Däninnen ins Gespräch, die wir dann kurz darauf in der Kirche wiedersehen. Der Pfarrer scheint auf uns zu warten, kaum niedergekniet, fragt er uns, ob er unsere Ausweise stempeln könne. Na klar. Warum hat er uns eigentlich nicht auf das ungewöhnliche Kruzifix im Stempel aufmerksam gemacht?

 

Puente Medieval de Furelos. Mittelalterliche Brücke. Romanischer Quaderbau des 12. Jahrhunderts. 

 

Furelos. Iglesia. Das Kruzifix in der Kirche, 14. Jahrhundert, ist insoweit ungewöhnlich, als der Gekreuzigte mit seinem rechten Arm zur Erde zeigt. Dazu die Website der Jakobusfreunde Paderborn: „Der Priester des Ortes erklärt es so: >Die Arme des Gekreuzigten bilden die Verbindung von unserer Erde zum Himmel.<“ Natürlich gibt`s auch eine Legende dazu — von 1512; nachzulesen auf der Website der Jakobusfreunde.

 

 

Domenico Laffi, 1670/73

(…) und gingen nach Mellid (Melide), weitere sechs Leguas. Hier verbrachten wir einige Zeit, schauten uns die Stadt an, die sehr attraktiv ist, aber nicht sehr groß.

 

 

Am Ortseingang von Melide, kurz vor der Hauptstraße, so um die Mittagszeit, vor uns folgendes Szenario, zu weit weg für ein gutes Foto: ein Mann richtet ein Kinderfahrrad auf, zwei kleine Kinder mit Helm um ihn herum, während die Mutter sich um einen größeren Kinderwagen kümmert; so schaut`s von weitem aus. In Rua traue ich mich, sie zu befragen. Schon mal vorweg, bei dem Kinderwagen handelt es sich um eine Art Rikscha, Marke Eigenbau.

 

 

Wer das elent bawen wel. 13.Jh., Strophe 24

Sih bruoder, du solt nit stiller stan! Vierzig meil hastu noch zu gan wol in sant Jacobs minster, vierzehen meil hin hinter baß zu einem stern haißt Finster (Finisterre, das Ende der Welt).

 

 

 

In Melide, so haben wir den Eindruck, kennt keiner der Einheimischen das Refugio. Melide ist der Dreh- und Angelpunkt verschiedener hier zusammentreffender Caminos. Bei leichtem Nieselregen hangeln wir uns durch. Zur Herberge selbst ist bereits alles gesagt. Jahre später ist sie wohl renoviert worden — hoffentlich. Leider kommen wir eine halbe Stunde zu spät, sonst hätten wir den umtriebigen Wochenmarkt erschnuppern können. Der Unrat ist noch nicht gefegt worden. So belassen wir es bei dem Besuch der alten Kirche, wie immer mit einem Jakobusbild oder einer Jakobusstatue ausgestattet, in diesem Fall außerdem mit Wandmalereien, die den Heiligen als Matamoros zeigen. Es erinnert uns an die Kathedrale von Burgos. Stromern ein bisschen umher. Sorry, Melide ist öd, und, wie das Leben so spielt, beim Besuch einer Kneipe, wir sind die einzigen Touristen, kaum haben wir also Platz genommen, sind wir unvermittelt zu Dritt. Bunter Vogel ist gekommen. Gemeinsam schaut sie mit uns in die Röhre; sehen das Fußballspiel Real Madrid versus Villareal, das 3:3 endete.

 

Eigentlich sollten Elke und ich jetzt unbedingt noch etwas essen, die Hosen schlackern, müssen die Gürtel enger schnallen. Monate später kann ich von diesem Kampfgewicht nur träumen. Gesagt, getan. Die bei Pilgern berühmte Gaststätte Pulperia Ezequiel, in der man die Krake Pulpo á feira zusammen mit Brot und Federweißen genießen kann, ist uns nicht in den Weg geraten. War vielleicht auch gut so. Fünfundfünfzig restliche Kilometer verbleiben, sollte in zwei Tagen gut zu schaffen sein. Elke ist gut drauf.

 

 

Domenico Laffi, 1670/73

Am Morgen, nachdem wir die Messe gelesen hatten, begaben wir uns nach Legondi, das ein kleines Dorf ist und gut vier Leguas weit weg ist.

 

 

Fotos von links.

1. Reihe: Furelos. Iglesia San Juan.

              Kruzifix mit dem herabhängenden rechten Arm.

2. Reihe: Melide.

              Abends mit den Einheimischem Fußball schauen.

3. Reihe: Xunta-Herberge.

4. Reihe: Melide. Iglesia de Sancti Spiritus.

              Altar.