KAPSTADT VERSUS IRAKKRIEG.                        EINE HILFSBEREITE KANADIERIN.

31. Etappe von Morgade über Portomarin nach Airexe: 27 km

Dreiviertel Stunde hinter Morgade. Traumhafter Sonnenaufgang um kurz vor sieben.

Galicischer Horreo. Traditioneller Speicher für Mais, zurückgehend auf die Zeit der Kelten. Wie auf dem Foto ersichtlich befinden sich steinerne Obelisken, spitze Pfeiler oder Kreuze auf den Dächern. Sie sollen die bösen Geister fernhalten.  

 

Etappe 31.

Kapstadt versus Irakkrieg. Eine hilfsbereite Kanadierin.

Wie soll es anders sein, keiner bemerkt uns kurz vor sechs, alle schlafen noch, katzengleich verlassen wir das Haus durch den Hintereingang über die neu verlegte Terrasse, die freundlichen Damen hatten es uns gestern genauso vorgeschlagen. Das gestrige Abendmenü war nicht nur nicht schlecht, nein, es war ausgesprochen gut und reichhaltig, inklusive Schinken, Tomaten und der obligatorischen Flasche Rotwein, und das Ganze nur für € 14,20. Das muss erst mal für den heutigen Vormittag vorhalten, die Kekse sind ja auch noch da, die zwei im Hostal gekauften Flaschen agua mineral ohnehin. Auch wenn die Gemäuer eine rechte Kälte verströmten, im Hochsommer sehr angenehm, uns hat es gut gefallen. Beim nächsten Camino werden wir Morgade ganz bestimmt auf der Agenda haben.

 

Warum, so wird der Leser spätestens jetzt fragen, warum nur stehen diese Pilger immer so früh auf? Ich will noch `mal darauf eingehen. Ganz einfach, bei heißem Wetter ist es halt angenehmer zu gehen, aber, und das ist der eigentliche Hauptgrund, immer wenn du in die Herberge willst, musst du in der Regel spätestens vor zwei Uhr angekommen sein – es gleicht einem Wettrennen, ansonsten hast du die A….karte gezogen und darfst weiter ziehen. Ich möchte nicht wissen, wie viele Pseudopilger diese preiswerte Unterbringungsmöglichkeit missbrauchen. Für Elke und mich steht deshalb fest, dass wir, soweit es geht, auf Hotels oder Hostals ausweichen, dort kannst du wenigstens, neben den anderen Annehmlichkeiten, problemlos die nassen oder durchgeschwitzten Klamotten waschen und trocknen. Zwischenzeitlich bin nämlich ein Fachmann in Sachen Wäsche waschen geworden, weil mein Ding: Ankommen, auspacken, waschen, die kleine Tube Sil darf nicht fehlen, spülen, aufhängen (wo sind die Klammern?), trocknen, abnehmen. Das Wetter ist angenehm, wir sind mehr oder weniger fit.


Airexe. Xunta-Albergue.

 

In Airexe, nach lediglich einundzwanzig Kilometern, gefällt es uns am besten, die anderen Herbergen sind entweder zu laut oder noch geschlossen. Die Xunta-Albergue (18 Betten) nennt keinen festen Preis, sie erwartet eine donación. Da wir außerdem die ersten Pilger sind, viele wandern weiter, suchen wir uns natürlich die besten Betten aus, wie immer gibt es keine Trennung nach Geschlechtern. — Bin nach draußen gegangen, Elke gesellt sich dazu, die Wäsche ist aufgehängt, das Telefonat mit der Mama und Annegret absolviert, jeder hängt seinen Gedanken nach, die Blasen spielen keine Rolle mehr.

 

 

Rückblick. Kaum zu glauben, was uns der gebürtige Südafrikaner erzählt hatte. Kurz vor Portomarin, in Vilacha ist es gewesen. Jeden Morgen baut er vor seinem Haus den Getränkestand auf, bietet Kaffee an, wie anderswo gegen eine Spende. Schnell ergibt sich ein Gespräch. Er spricht etwas Deutsch, Englisch sowieso. Er kennt, so seine Worte, das schöne Bayernland, hat dort gearbeitet, ist jetzt der Liebe wegen in Spanien gelandet. Gleichwohl pflegt er nach wie vor beste Kontakte zu seinem Heimatland. O -Ton: „In Kapstadt gibt es täglich mehr Tote als im Irak-Krieg.“ Keiner spräche darüber, die Weltöffentlichkeit interessiere es nicht. Der Leser wird überrascht sein, wenn ich an dieser Stelle die weltweiten Christenverfolgungen thematisiere. Viele mögen es nicht glauben, sie haben im 21. Jahrhundert größere Ausmaße angenommen als damals im Römischen Reich. Vor allem die europäische, antiklerikal eingestellte Presse nimmt von ihnen keine Notiz.

 

 

Domenico Laffi, 1670/73

Nachdem wir Sarria verlassen haben, ging es in die Berge, die Montes de Sarria, und dann erreichten wir Portomarin, eine Distanz von drei Leguas. Eine schöne Stadt (…) In der Mitte fließt ein fischreicher Fluss mit Aalen und köstlichen Forellen. (…) Die beiden Stadthälften verbindet eine große, toll aussehende Brücke, die dem Gebiet den Namen gibt — Puente del Mino.

 

Portomarin, die versunkene Stadt, kommt auf uns zu. Warum versunken? Nun, 1962 wurde der Fluss aufgestaut, die alte Stadt verschwand völlig im Stausee von Belesar, nachdem zuvor allerdings einige wichtige Bauten abgetragen und an neuer, erhöhter Stelle wieder original getreu aufgebaut worden waren. Portomarin bleibt rechts liegen. Nach langer Zeit verspüre ich starke Fußschmerzen. An die Fußgängerhängebrücke denke ich noch heute mit Grauen zurück. Elke hingegen stolziert mir nichts dir nichts hinüber, ich sehe mich schon hinabstürzen, zig Meter ins Tal, meine Schmerzen verschwinden. Es geht steil bergauf.

 

Faszinierend zu beobachten, wie hilfsbereit einige Menschen sein können. Diesmal profitiert Elke von einer Kanadierin. Sie sieht, dass Elke, den Kopf in den Nacken gelegt hat, stoppt, fragt, zückt ein Päckchen Papiertücher. Ein Small-Talk folgt. Elkes Nasenbluten kann nun gestoppt werden. „Jetzt brauche ich endlich mal `ne Pause.“ Um viertel nach elf Uhr durchaus verständlich. Kurzentschlossen steuert Elke auf eine Bank zu, setzt sich, lüftet Schuhe und Socken. Ich verzichte. Wenige Schritte später bewundere ich in Ligonde ein altes Steinkreuz, ein Cruceiro mit skulptierter Kreuzigungsszene und Marienbild, typisch für Galicien. Auf dem Sockel sind ein Kreuz und Werkzeuge eingemeißelt.

 

Der Tag neigt sich, zusammen mit Christa aus Jena und der jungen Sozialhelferin aus Osnabrück gehen wir einen Trinken. Das ausreichende Pilgermenü für jeweils knapp zehn Euro liegt ein paar Stunden hinter uns — nachmittags im Restaurant direkt gegenüber der Herberge. Der spanische Wein, Aspilicueta Rioja Crianza, war nicht schlecht. Jetzt begnüge ich mich mit ein, zwei Glas Bier, die üblichen Gespräche folgen. Das ist keine Kritik, das ist halt so. Man wünscht sich zunächst Hola (Hallo) oder Buen Camino (Guten Weg); man kommt fast immer ins Gespräch, fragt, fabuliert, manche tragen auf, andere entbieten einem einfach nur einen Willkommensgruß – Ultreia.

 

Wir sind auf den Hund gekommen, dazu morgen mehr. Derweil staune ich über den Abfall, den die Spanier an der Theke hinterlassen. Für uns im sauberen Deutschland ein Fauxpas, in Spanien gehört es offensichtlich dazu.

 

 

Pilgerführer Liber Sancti Jacobi, 12. Jh., Kapitel 3

Namen der Orte am Jakobsweg (...) Es folgen Triacastela (...) Dort empfangen die Pilger einen Stein und nehmen ihn bis Castaneda mit, damit Kalk für den Bau der apostolischen Basilika gemacht werden kann.

Fotos von links.

1. Reihe: Portomarin, die versunkene Stadt.

              Aufgang in die Citiy von Portomarin.

2. Reihe: Blick von der Fußgängerhängebrücke. Für mich ein Gräuel.

              Auf dem Weg nach Ligonde.

3. Reihe: Ligonde. Cruzeiro.

              In Airexe. Abends ein Bier.

4. Reihe: Leider zu später aufgenommen. Das war schon gefegt.

              Unser Begleiter für einige Stunden.