FRAUENPOWER. KAMINFEUER.

30. Etappe von Triacastela über den Alto Riocabo und Sarria nach Morgade: 27 km

Casa Morgade. Ein Pilger schaut den Damen des Hauses bei der Arbeit zu.

Kurz hinter Triacastela.

 

Etappe 30.

Frauenpower. Kaminfeuer.

Wo werden wir heute ankommen? Ich weiß es nicht. Sieben Uhr in der Früh. Es gibt Frühstück. Let`s go. Triacastela hinter uns lassend durchstreifen wir den Wald mit seltsam anmutenden Häusern, wie im Märchen, verwunschen irgendwie. Eine riesige Muschel mit einem großen Brunnen erregt Aufmerksamkeit, ein ideales Fotomotiv. Die Schritte werden langsamer, der 910 m hohe Alto de Riocabo baut sich vor uns auf, weiter geht es durch mehrere Bauerndörfer, die galicische Sprache dominiert. So schön das ja ist, wenn man sich noch immer so viel zu erzählen hat, hätte uns nicht ein junges französisches Paar rechtzeitig zugerufen, ich vermag es mir nicht recht vorstellen.

 

Zumeist sind die Wege gut ausgeschildert: gelber Pfeil an Hauswänden oder als Markierungsstein mit der Muschel. Jedoch, wie gesagt, man muss schon aufpassen, die Zeichen sind gelegentlich von parkierenden Autos verdeckt. So gibt es Situationen, in denen nur eine gepflegte Diskussion zum Ergebnis führen kann. Was meint der Autor, die erste links, die mittlere Variante? „Was meinst du, Elke?“ „Nein, was du, Peter?“ Wie auch immer, ich denke, es ist wie bei der Route 66-Tour, sich verfahren oder verlaufen gehört einfach dazu, das Salz in der Suppe. Elke ist anderer Meinung.

Sarria. Friedhof.

 

In Sarria halte ich händeringend Ausschau nach einem Geldautomaten. Wenn man etwas sucht, dann ....

Die Kirche liegt unmittelbar am Camino, sprechen ein Gebet, zünden Kerzen an, bewundern die schöne und eindrucksvolle Marien– wie Jakobusfigur: ein wiederkehrendes Ritual, wie fast an jedem Tag, bis auf den Pilgerstempel, den vergessen wir heute.

 

 

Domenico Laffi, 1670/73

Nachdem wir diese heilige Reliquie (Cebreiro) gesehen haben, setzen wir unseren Weg über jene Berge (…) fort, von wo wir mit einem langen Abstieg beginnen.

 

 

An dieser Stelle ein generelles Wort zur Credencial, dem Pilgerausweis. Jede Herberge, jeder Pfarrer gibt den Stempel in der Regel bereitwillig, Hostals und Hotels manchmal nur mit Nachdruck. Er ist aber wichtig, ohne Pilgerausweis keine Übernachtung im Refugio. Das Pilgerbüro in Santiago achtet penibel darauf, dass mindestens die letzten einhundert Kilometer nachgewiesen sind, bei Radfahrern sind schon zweihundert Kilometer vonnöten, die begehrte Urkunde, die Compostela zu erhalten. Wenn mich nicht alles täuscht, müssen die Reiter, und die soll es tatsächlich geben, ebenfalls die letzten 200 km nachweisen. Uns sind leider keine begegnet. Soweit der Vorname es zulässt, wird er in der Compostela latinisiert geschrieben, in meinem Fall Petrum Augustum, was im übrigens nichts anderes heißt denn: Petrum — der Felsen, Augustum — der Ehrwürdige. Ob meine Eltern weiland an diese Konstellation gedacht haben? Ich möchte es bezweifeln.

 

Von der Kathedrale kommend geht es leicht bergauf, bewundern die Andersartigkeit spanischer Friedhöfe. Sind an sich froh darüber, in Barbadelos ist es, dass die Herberge geschlossen ist, erst in einigen Wochen öffnet. So sind wir gezwungen, weiter zu gehen. Die Restaurantbesitzer halten Siesta. Die Wiese lädt zu einer Rast ein, sie ist trocken, die Kehlen auch. Die Wasserflaschen am Rucksack tun mal wieder ihren Dienst. Ein wenig ungeduldig motiviere ich Elke, weiterzugehen, sie ist nämlich gut drauf, das muss genutzt werden.

 

Kurz darauf: eine geballte Ladung Kühe kommt auf uns zu, dreißig werden es wohl sein. Eng presse ich mich an einen Baum, um nicht tot getrampelt zu werden. Es ist noch `mal gut gegangen - auf diesem schmalen Weg. Ein kleiner Weiler namens Rente liegt links des Weges. Die Casa ist natürlich ausgebucht, reiben uns unisono die Augen: Pilger entsteigen Taxis, verschwinden schnell im Haus. O-Ton einer solchen Taxi-Pilgerin: „Pech gehabt, dann müssen Sie halt weitergehen.“ Hektik breitet sich aus, mehrere Pilger beenden plötzlich den Mittagstisch, streben davon, es gilt, einen der wenigen Herbergsplätze zu ergattern. Nun gut, wenn es denn sein muss. Ich motiviere eine freundliche Bedienung, telefonisch für uns in Morgade ein Zimmer zu buchen, und das ist gut so, wie sich herausstellen wird. Ich kehre zum Tisch zurück, begleiche die Rechnung für zwei Salat, eine Suppe, 1 x Tortilla, zwei Bier, zwei Wasser: vierzehn Euro. Günstiger kann es kaum ausgehen. Zufrieden reißen wir die verbleibenden Kilometer bis Morgade ab; insgesamt werden es dann von Triacastela aus gerechnet siebenundzwanzig gewesen sein. Zufrieden mit mir und meiner Welt weckt mich plötzlich Elkes Ruf, meine Gedankenwelt verflüchtigt sich: „Wo ist denn dein Stock?“ „Schon wieder!“ Kehrt marsch, mehrere Hundert Meter zurück zur Casa, meinen Pilgerstab glücklich in Empfang nehmend. Dieses Missgeschick unterlief mir des Öfteren, zuletzt im Hotel in Santiago.

 

 

 

Domenico Laffi, 1670/73

Nach Tre Castelli kommt man zu einer herrlichen und reichen Ebene mit allen Arten von Früchten, wo es viele Häuser, Gemüsegärten und Gärten gibt. Man überquert einen Fluß mit vielen Mühlen, steigt ein bißchen bergan und kommt nach Sarria. Dieses ist ein prächtiger und reicher Ort, mit schönen Gebäuden; es gibt ein Kloster mit Mönchen, die weiß gekleidet gehen und den Pilgern die Ration geben.

 

 

Weiler Brea. Markierungsstein 100 km.

 

Staunend blickt Elke auf den völlig beschmierten Kilometerstein K 100. Jetzt `mal ehrlich. Warum muss es diese Schmierfinken geben? Wenigstens haben sie die Steinchen darauf gelassen. Wie auch immer, vier Tage werden wir wohl noch bis Santiago brauchen; das sollte zu schaffen sein, pro Tag 25 km. Ist das nicht eine gute Nachricht?, freuen uns.

 

Ebenso freuen wir uns wenig später über ein uriges Hostal, von geballter Frauenpower gemanagt, über ein Gespräch mit Paul aus Toronto, einem 62jährigen Sozialarbeiter, der uns am lodernden Kaminfeuer seine Geschichte nahebringt. Den Camino de Santiago geht er zusammen mit seiner Tochter als Dank an seinen Herrgott für zwei überstandene Herzinfarkte. Ich erzähle ihm von unseren beiden Kanadareisen in den 90zigern. In Rabanal del Camino hörten wir von einer ähnlichen Geschichte, von einem Japaner aus Kobe. Seinem Gelübde/Versprechen, es ging um Krebs, ließ er ebenso Taten folgen. Bevor er nach Europa aufbrach, trainierte er mehrere Hundert Kilometer auf der heimatlichen Insel. Jedoch: der Camino de Frances sollte es schon sein. Nur hier fühlt er sich Sant`iago nahe. Durchaus nachvollziehbar, nicht wahr?

 

Ein Wort zu den Powerfrauen. Wie es sich mir darstellte, verlegten die vier Damen die Terrassenplatten selbst, der Vater/Großvater half bloß erklärend. Die Mutter transportierte die Platten vom Grundstück gegenüber mit einem kleinen Radlader. Alle Achtung. 

 

Weiler Brea. Von hier sind es nur noch 100 km bis nach Santiago. DuMont empfiehlt, die Sektkorken knallen zu lassen. Der arg verschmierte Markierungsstein lädt aber nicht gerade dazu ein. Minuten später gilt es, sehr vorsichtig zu sein, geht es doch einen Kilometer über eine halsbrecherische corredoira weiter. Corredoiras bestehen aus großen Felsensteinen — wie zu römischen Zeiten.

 

Casa Rual Morgade, direkt am Jakobsweg. Hier sind die Besitzerinnen ganz auf die Pilger eingestellt. Dazu die Website der Jakobusfreunde Neuss: „Sieben Schlafplätze, gutes Restaurant, gute Betten, sauber, abends Pilgermenü.“ 

 

Fotos von links.

1. Reihe: Sarria. Iglesia El Salvador.

              Casa Rual Morgade.

2. Reihe: Morgade. Schmiereien.

              Morgade. Viehwirtschaft.