SMALLTALK MIT EINEM FRANZÖSISCHEN PATER. ADELSSITZE IN NAVARRA.

3. Etappe von Roncesvalles/Orreaga über den Erro-Pass nach Zubiri: 23 km

Kurz vor Zubiri. Definitiv kein Adelssitz.

Ortsausgang Roncesvalles.

 

Etappe 3.

Smalltalk mit einem französischen Pater. Adelssitze in Navarra.

Der Schlafsack ist einfach zu eng für mich. Ständig werde ich wach. Da keiner schnarcht, stört es mich letztlich wenig. Elke, neben mir, bekommt von alledem nichts mit. Sie schläft tief, offensichtlich mit sich und der Welt im Reinen. Bereits eine Stunde nach dem Aufstehen geht’s weiter. DuMont empfiehlt den Weg nach Larrasoaina, mittelschwer des steilen, holprigen Abstiegs wegen, sechsundzwanzig Kilometer.


Kurz nach sieben. Vor uns viele Pilger, große, schwere Rucksäcke auf dem Rücken. Sehr wahrscheinlich werden sie später wie ich einiges an Gewicht entsorgen. Wir passieren das Ortsschild Orreaga, baskisch für Roncesvalles. Das Straßenschild verdeutlicht die Dimension unseres Unterfangens: 790 km bis nach Santiago. Viele junge Leute sind auf dem Weg. Eine junge Deutsche erzählt mir, dass sie im französischen Le Puy gestartet ist. Es geht weiter über einen Höhenweg bis zum Erro-Pass. Zumeist abwärts, unterbrochen von anstrengenden kurzen Anstiegen 50 bis 150 Höhenmeter. Leider übersehe ich den Bildstock am Metzkiritz-Pass mit dem Marienbildnis; er steht auf der anderen Straßenseite.


Rolandkreuz. Ob dieses Kreuz wirklich mit Roland zu tun hat? Ich weiß es nicht. Sein eigentlicher Name war Hruotland.

Dazu passt möglicherweise Domenico Laffis Bericht, 1670/73: „Von hier kannst du Frankreich auf der östlichen und Spanien auf der westlichen Seite liegen sehen. Das ist der Platz, wo Roland so heilig in sein Horn blies, Karl den Großen um Hilfe anrufend, dass es zerbrach. Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen.“

 

Unser Weg zeigt nach links — weiter durch einen herrlichen, alten Buchenwald. In Biskarret, einem der vielen bemerkenswerten navarrischen Gebirgsdörfer, macht Elke mich auf schöne Bauernhäuser aufmerksam, die DuMont völlig richtig beschreibt: „...als seien es kleine Adelsansitze.“ Der verfallene Kuhstall vor uns ist natürlich nicht damit gemeint.

 

Es ist so wie es ist, die Wege bleiben matschig, rutschig, teils beschwerlich. So übersehe ich auch die länglichen Steinformationen, die als Pasos de Roldan, als Schrittmaße des Riesen Roland bezeichnet werden. Halb zwei, hinter uns die Puente de la Rabia, vor uns Zubiri (baskisch für Ort der Brücke), dreiundzwanzig Kilometer sind geschafft. Der holprige Abstieg steckt mir noch in den Knochen. Elke ist einverstanden, wir bleiben. Eigentlich sollte es ja nach Larrasoaina gehen. Die Herberge scheint mir sehr karg ausgestattet zu sein, das kleine Hostal an der Hauptstraße macht einen guten Eindruck, für das Trocknen der nassen Klamotten allemal bestens geeignet.

 

Es wird Zeit für den obligatorischen Café con leche; eine junge Frau aus Verden erzählt, warum sie hier, in diesem kleinen Ort, lebt und arbeitet. Während Elke Einkaufen geht, komme ich mit einem Franzosen ins Gespräch. Er sitzt neben mir vis -a-vis dem Supermarkt. Schnell ergibt sich, er ist katholischer Priester, geht den Weg zusammen mit Freunden – irgendwo von Frankreich aus. Während uns die Bayern, wie auch der Florian aus Potsdam, nicht nur einmal im wahrsten Sinn des Wortes über den Weg laufen (werden), verschwindet der Abbé bald aus unserem Blickfeld — ab Pamplona.

Zubiri. Puente de la Rabia. 

 

"Das gibt`s doch nicht!" Elke sitzt auf den Stufen und kratzt den Dreck von ihren Stiefeln. Die Sorgen möchte ich haben. Die mittelalterliche Brücke von Zubiri ist sehenswert — wie Elke, sie hockt jetzt nicht mehr auf den Stufen, sondern unten am Bach, dem Rio Arga, malträtiert ihre Stiefel, diesmal mit Wasser. Die Trockenreinigung, wenige Minuten zuvor, hatte offensichtlich nicht das gewünschte Ergebnis gebracht. Na gut, wenn sie`s mag, es sie beruhigt.

 

Zubiri. Puente de la Rabia. Gotische Brücke mit Wunderheilkräften gegen die Tollwut. Die Kraft wird den im Pfeiler vergrabenen Reliquien der hl. Quiteria zugesprochen. Arnold von Harff bezeichnet im 15. Jahrhundert Brücke und Ort als Ponte de paradijs — Paradiesbrücke. Nicht so Domenico Laffi 1670. Er nennt sie Bridge of Hell. Der Gang dorthin muss furchterregend gewesen: steile Abhänge, immer der Gefahr ausgesetzt abzustürzen, felsiger Untergrund, kein gespurter Weg, geschweige denn eine Straße.


Laffi schreibt: „Die Höllenbrücke überspannt einen großen, tiefen Fluss, der umgeben ist von dichten Bäumen, sodass das Wasser, obwohl es klar ist, sehr schwarz aussieht. Es fließt so schnell, dass es den Reisenden große Furcht einflößt. Die Brücke wird von Soldaten bewacht, die man besser Diebe und Mörder nennen sollte. Wer nicht bezahlt, wird brutal behandelt, erschlagen in den Fluss geworfen.“ Die sog. Soldaten seien Halunken, angeheuert von einem gewissen Don Caime, Lord of Torbaca, Ritter der Bruderschaft von Cordoba. Später sei er Banditenchef geworden und verwüste nun mit seinen über eintausend Mann das Königreich.

 

Fotos

1. Reihe: "Pilgerdenkmal".

              Matschige Wege.

2. Reihe: Passo Erro.

              Brücke von Zubiri.

3. Reihe: Unsere bayerischen Freunde.

              Impressionen. Am nächsten Tag in der Früh.