KIT-KAT. KUCHEN. KEKSE.

29. Etappe von O Cebreiro über den Alto de Poio nach Triacastela: 22 km

Alto de San Roque. 1270 m. Die letzten steinigen, sehr steilen Meter hatten es in sich.

Etappe 29

Kit-Kat. Kuchen. Kekse.

Der Pilgerführer des 12. Jahrhunderts veranschlagt für rund 800 Kilometer dreizehn Etappen — von den Pyrenäen bis nach Santiago. Wir sprechen gerade von unserer neunundzwanzigsten. Jedoch: über 60 km je Etappe sind nicht zu schaffen, gestern wie heute. Der Autor wollte die Reisewilligen wohl nicht über Gebühr verschrecken und euphemisierte. Gleichwohl: ein Chapeau den mittelalterlichen Pilgern.

Bekannte, Nachbarn, Kollegen schütteln sowieso nur mitleidig mit dem Kopf. Für die meisten sind schon fünf Kilometer am Stück eine Zumutung, und dann noch mit einem Rucksack auf dem Rücken, der von Tag zu Tag schwerer wird.

 

Rasch verlassen zwei im Regenzeug eingehüllte Pilger den düsteren Ort in Richtung Passstraße. Die Anhöhe des Monte Pozo de Area schenken sie sich. Was sollen sie dort an diesem nebelverhangenen Morgen schon sehen? Es geht abwärts, scharf am Hang. Es könnte ja wie aus dem Nichts ein Auto auftauchen. Den vereinbarten Obolus hat der Mann im Zimmer deponiert und den Haustürschlüssel kunstgerecht auf den Tisch des Cafés fallenlassen. Er ist skeptisch. „War das richtig?“ „Werden wir ja sehen“, antwortet seine liebe Frau. Vom O Cebreiro bis nach Triacastela sind es nur zweiundzwanzig Kilometer. Nach sechs Stunden, es ist halb zwei, liegt der Ort vor ihnen. Linke Hand, auf einer großen Wiese, die Herberge. Sie ist noch geschlossen. Eine Reihe abgestellter Rucksäcke dokumentiert recht anschaulich das Procedere, das bald folgen wird. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst, will sagen, hat Anspruch auf ein Bett, eine Liege, mit oder ohne Decke oder Bettlaken. Und es warten bereits viele auf Einlass. Wäre also ein Vabanquespiel. Darauf wollen es die Beiden nicht ankommen lassen, Heidrun und ihr Begleiter sehr wohl. Für sie kommt die Übernachtung in einem Hotel nicht infrage: als Pilger nächtige man nur in Herbergen, so wie im Mittelalter. Das allerdings wage ich zu bezweifeln. Es wird seinerzeit sowohl billige, armselige wie teure und der Zeit entsprechend komfortable Unterkünfte gegeben haben. Das gegenüber liegende Hostal hat geöffnet. Das Zimmer liegt im hinteren Gebäudebereich, fern von jedem Laut. 


Triacastela. Hostal, direkt gegenüber der Herberge.

 

Wer das elent bawen wel, 13. Jh.

So ziehen wir zu sant Spiritus ein, man gibt uns brot und guoten wein, wir leben in reichem schalle.

 

Hermann Künig von Vach, 1495

(…) und sollst Gott und Maria Dank und Lob sagen, daß du bis dahin gesund gekommen bist, und du sollst Gott und Maria mit Eifer dienen.

 

 

Die langen Abstiege auf den Fuhrwegen, er nennt sie mittelalterlich, hatten ihnen zu schaffen gemacht, ebenso der kurze, aber sehr steile Anstieg zum Alto de Poio (1337 m). Der steile Hohlweg, der zum Pass führt, teils auf rutschigen Schieferplatten, ist nicht leicht zu gehen gewesen. Jeder Schritt eine Qual bei diesem Wetter, es regnet, die Umhänge tun ihren Dienst. Die Posada-Bar ist gut besucht, er ordert Getränke und Süßes, wie immer ist Kit-Kat dabei. Der anderthalb Stunden zuvor erreichte Alto de San Roque (1270 m) ist auch nicht ganz ohne gewesen. Siegfried und Bunter Vogel sind anscheinend besser drauf, sie wollen weiter nach Samos zum Kloster. Einschub: später wird ihm Siegfried erzählen, dass er sich den Besuch des Klosters hätte schenken können. Es war nämlich geschlossen. —Jetzt rächt es sich, dass er zu wenig Pausen eingelegt hat. Veranstaltest du eigentlich ein Wettrennen, oder was ist los!?“ deklamiert seine Elke. Das Mittagsschläfchen muss sein. Angenehm, das Hostal beherbergt eine Bar, ein Cafe. Das Pilgermenü schmeckt, knapp zehn Euro sind nicht zu viel, er komplettiert sodann die eiserne Ration, man kann ja nicht wissen, wieder mit Kit-Kat, Kuchen und den geliebten Keksen. Damit hatte ihn Gero schon auf der Route-66-Tour aufgezogen.

 

Nun sage aber keiner, das alles sei ja eine Tortur, nein, es sind tolle Erfahrungen, Grenzüberschreitungen, die einen prägen und beide wissen lassen, zu welchen Leistungen, körperlichen wie geistigen, man fähig ist.

 

Fotos von links.

1. Reihe: Man sieht sich immer wieder.

              Auf dem Weg von Cebreiro nach Triacastela.

2. Reihe: Ein neugeborenes Kalb.

              Triacastela am Abend.