CAMINO DURO. DER HARTE WEG. O CEBREIRO. BUNTER VOGEL.

28. Etappe von Villafranca del Bierzo über Vega de Vallcarce und La Faba nach O Cebreiro: 32 km

Villafranca del Bierzo. Gleich zu Beginn kurzer schweißtreibender Aufstieg von 500 m auf 930 m. Zweiundeinhalb Stunden später dann von Trabadelo - 578 m nach O Cebreiro auf 1250 m. Ein harter Weg. 

Villafranca del Bierzo. Ein letzter Blick auf die Stadt, bevor der harte Weg, der camino duro beginnt.

 

Etappe 28

Camino duro. Der harte Weg. O Cebreiro. Bunter Vogel.

Es ist schon richtig gewesen, das Parador gewählt zu haben. So stört uns wenigstens kein Frühaufsteher, wobei: wir zählen ja selbst dazu.

 

Es erwartet uns eine wirkliche Hammeretappe. Die Wegmarkierungen sind schnell gefunden, drehe mich noch einmal um, schieße ein Foto von der alten Burg. Innerhalb weniger Kilometer schlängelt sich der Schotterweg von 500 Meter auf 930 Höhenmeter, später dann von 578 auf 1250 Meter. Die an einer Hauswand montierte Steinplatte mit dem Schriftzug: Solo per peregrinos – buen caminantes ignoriere ich, kann ich zunächst nicht recht deuten: Nur für Pilger, die gut gehen können. Na, klasse. Ein Stunde extremste Steigungen, schlechte Wege, Maultierstraßen halt, viel Geröll, Felsenuntergrund, die Hitze komplettiert das Ganze. Ab Laguna Regen und Donner. Das Gewitter überrollt uns. Hastig zerren alle das Regenzeug aus ihren Rucksäcken. Wir befinden uns jetzt im grünen, nicht selten regnerischen Galicien. Ab dem Grenzstein sind es noch rund einhundertdreiundfünfzig Kilometer bis Santiago de Compostela. Die grandiose Landschaft der Montes de León entschädigt für die Strapazen. 

Camino duro.

 

Ein gedanklicher Schritt zurück. Ortsausgang Villafranca del Bierzo. Vor mir ein keuchender Mitpilger. Zu offensichtlich, dass er diesen Aufstieg nicht eingeplant hat. Er hat sich schlichtweg verlaufen. Fragt mich, wo denn der eigentliche, der andere, der einfache Weg verlaufe. Gut vorbereitet, wie ich nun mal bin, helfe ich ihm, er biegt nach links ab, wir straight nach oben. Nach wenigen Minuten erkenne ich in der Ferne Siegfried aus Bayern, beeilen uns gleichwohl nur mäßig. Gott sei es gedankt, nomen est omen, schließen zu ihm auf - nach dreißig Minuten. Im Hotel hatten sie mitleidig mit dem Kopf geschüttelt, als ich davon erzählte, den Weg über die Berge zu gehen.

 

Camino duro – der harte Weg. Wer macht das schon! Später werde ich den Sinn erfassen. Siegfried ist ein Kenner des alpinen Wandersports. Er weist Elke und mich ein, wie der Rucksack richtig zu tragen ist, bergan wie bergab. Und schon geht alles besser, vor allem der gleichmäßige, nicht der zu schnelle Tritt ist es, der hilft, bergauf wie bergab. Medaillen werden ja nicht vergeben, es geht nur um neunundzwanzig Kilometer, die zu bewerkstelligen sind. Übrigens, Siegfried ist Richter. Fazit: irgendwie gehen die Uhren in Bayern anders denn im Rest der Republik. Ich denke, ich muss das nicht erklären.

 

Ab Valcarec sind wir nicht mehr allein. Ich nenne sie mal liebevoll und despektierlich zugleich meinen Bunten Vogel - ob der schrecklichen, kaum glaublichen Erlebnisse, die sie uns schildert, ob von zu Hause oder vom Via de la Plata, dem Silberweg von Sevilla quer durch Spanien. Wir werden uns häufiger sehen, miteinander plaudern, in Melide gar zusammen im Restaurant ein Fußballspiel im Fernsehen anschauen, zuletzt in Santiago nebeneinander im Pilgergottesdienst sitzen – nicht geplant, nicht abgesprochen. Jetzt ist es wirklich nicht mehr lustig. DuMont spricht von einem grob gepflasterten alten Pilgerweg. Dieser felsige Untergrund ist mit das härteste, was mir untergekommen ist. Klar, dass einige schlapp machen. Elke lässt es abreißen, nur für einige Minuten und Meter. Zum Schluss trifft es Bunter Vogel. Jeder hat so seinen eigenen Schritt. Dennoch: ich bin überrascht und erfreut, wie toll das mit uns beiden klappt, fast durchweg das gleiche Tempo. Man/frau nimmt halt Rücksicht. 


La Faba.

 

So lädt La Faba lädt zum Verweilen ein, hocken direkt am Brunnen, füllen Wasser nach. Rechts geht`s zur Herberge, links nach Cebreiro. Über diese Albergue ist zu lesen — sie wird von der Stuttgarter Jakobusgesellschaft betrieben —, dass derjenige kostenlos übernachten kann, der in der Lage ist, in mundartlicher Sprache ein Gedicht aufzusagen. Kommt für mich nicht infrage, kann zwar Plattdeutsch verstehen, aber nicht gut sprechen, und auswendig, wie angemahnt, sowieso nicht. Siegfried würde es schaffen, sagt er. Der aufmerksame Leser wird sich schon lange gefragt haben, warum reden die eigentlich nicht mehr miteinander? Das liegt nicht daran, weil ich möglichweise meinen Schreibstil geändert habe, nein, je länger der Weg, der Camino de Santiago dauert, je schweigsamer wird Elke, werde ich. Das ist natürlich nicht durchgängig festzustellen: Gruppen ab 3 bis 4 Personen sind per se schon mal laut und geschwätzig, hier wie daheim.

 

La Laguna, Dorfidylle; 1150 m hoch, eine gute halbe Stunde von O Cebreiro (1250 m) entfernt. Kurz darauf wird die Grenze nach Galicien überschritten. Von hier sind es noch 152,5 km bis nach Santiago de Compostela. Der Weg von Vega de Valcarce, quasi in der Ebene von 620 m, über Hospital Ingles (700 m) und La Faba (920 m) bis La Laguna ist sehr beschwerlich, gleichwohl schön und einsam; für Radfahrer absolut nicht zu schaffen. 


O Cebreiro.

 

Richtig trist schaut`s in Cebreiro aus, kein Wunder, bei dem Regen. Leider gibt es um acht keine Messe, gehen früh zu Bett, die einen in die Herberge, die anderen in das Hostal. Das Pilgermenü schmeckte diesmal ausgesprochen gut, saßen in großer Runde, das Paar aus dem Paradores

uns vis a vis. Eine gute Stimmung. Heidruns Begleiter, der Spanier aus Australien, tat ein Übriges: er übersetzte die Menükarte ins Englische.

 

O Cebreiro: Früher von den Kelten verehrt, heute ein überlaufener Wallfahrts– und Ausflugsort. Die Pallozas, die zumeist runden oder elliptischen, auf jeden Fall uralten Steinbauten, vermitteln einen interessanten Einblick in die Lebenswelt der Menschen von vor dreitausend Jahren. Alfons II. der Keusche stiftete 836 n. Chr. ein Pilgerhospital nebst Kloster.

Wichtig ist der Ort auch deshalb, weil von hier aus die moderne Jakobswallfahrt ihren Lauf nahm. Pfarrer Don Elías Valiña Sampedro (1929-1989) markierte von 1984 an weite Strecken des Camino Frances neu. Auf ihn geht auch der gelbe Pfeil als Wegmarkierung zurück.

 

Ein Hostienwunder soll es auch gegeben haben. Es wurde als Blutwunder von den Päpsten Innozenz VII. und Alexander VI. im 15. Jahrhundert anerkannt. 1300 A.D.: Ein Bauer kämpft sich trotz Sturmes zum Berg hinauf, will an der hl. Messe teilnehmen. Der zelebrierende Mönch, ein Zweifler, macht sich insgeheim über den dummen Bauern lustig. Konsequenz: Während der Eucharistiefeier wandelt sich tatsächlich Brot und Wein in Fleisch und Blut Christi. Der Mönch ist geheilt. Übrigens, für Richard Wagner Inspiration für seinen Parsifal. Die Wallfahrt findet jeweils am 8./9. September statt.

 

Noch ein Wort zum Camino duro. Die meisten gehen nicht ihn hoch, sondern unten der N 6 entlang, der Trasse des alten Jakobswegs folgend. Viele lassen sich überdies das Gepäck auf den Cebreiro bringen, die Herberge O Ave Fenix bietet nämlich einen preiswerten Rucksack-Transportservice an.

 

 

Liber Sancti Jacobi, 12. Jh.

Vom Cisapass bis nach Santiago verbleiben 13 Etappen (…) Die neunte von Leon bis Rabanal, die zehnte von Rabanal bis nach Villafranca, nachdem man den Monte Irago überquert hat. Die elfte nach Triacastela über den Cebreropass; die zwölfte reicht von Triacastela nach Palas del Rey; die dreizehnte bis nach Santiago ist kurz.

 

Fotos von links.

1. Reihe: Camino duro.

              La Faba. 

2. Reihe: La Laguna. Dorfidylle.

              Ein Platzregen kündigt sich an.

3. Reihe: O Cebreiro im Regen.

              Palloza. Uralte Steinbauten.

4. Reihe: O Cebreiro. Iglesia Santa Maria.

              Altar zu Ehren des Hostienwunders.