SECHSUNDZWANZIG KILOMETER SPIRITUELLES, MEDITATIVES, NACHDENKLICHES, EINDRUCKSVOLLES, UNVERGESSLICHES.

26. Etappe von Rabanal del Camino über Foncebadon, Cruz de Ferro, Manjarin, El Acebo, Riege de Ambros nach Molinaseca: 26 km

Cruz de Ferro. Zwei Stunden von Rabanal del Camino entfernt. Dreihundertfünfundfünfzig Höhenmeter Unterschied - von 1162m auf 1517m. Bis auf die beiden Franzosen menschenleer: still.

Weitere Fotos von der Umgebung des Cruz de Ferro.

Cruz de Ferro. Elke legt ein Steinchen ab. 

 

Etappe 26.

Sechsundzwanzig Kilometer Spirituelles, Meditatives, Nachdenkliches, Eindrucksvolles, Unvergeßliches.

Schnell sind die Rucksäcke gepackt, die Wanderstiefel geschnürt, das tags zuvor aufgeladene Mobile in die Tasche gesteckt. Es ist dunkel. Na klar, ist ja auch erst viertel vor sechs. Klar auch, dass es um diese Uhrzeit kein Frühstück gibt. Keiner stört uns. Hoffentlich finden wir den Weg nach Molinaseca. Elke schreitet voran, sie hat die besseren Augen, sie genießt die Stille, ich konzentriere mich auf den Weg — über die einsamen Montes de León. Die Gedanken nehmen ihren Lauf. Elke erzählt mir von ihren Beweggründen, sie hat ihren Gott längst gefunden, sie will ihm danken. Ich gebe zu, mir schwirrt der Kopf: Gottsuche, Vernunft, Selbstfindung, 7-Jahres-Rhythmus. Ein tiefes Gefühl durchströmt mich, wie schön kann doch die Welt sein, wie schön Fauna wie Flora. Gut, dass keine Bergbahn hierauf führt. Zum ersten Mal in meinem Leben achte ich penibel darauf, nicht mal eine Ameise zu zertreten. Man wird ja immer wieder gefragt, Was hat dir denn der Weg gebracht, bist du ein anderer Mensch geworden?“ Ich weiß, diese beiden Stunden des Meditierens, der Gespräche mit Elke, auf dieser speziellen Etappe, weit und breit keine lärmenden Touristen, werden mir immer gegenwärtig bleiben. Danke.

 

Das Cruz de Ferro liegt in Sichtweite vor uns, nach zwei Stunden und 342 Höhenmetern auf 1504 m; für mich der Höhepunkt schlechthin. Zu Hause werde ich meine Fotoshow mit der Musik von Emerson, Lake & Palmer unterlegen. Die Fanfare for the Common Man spiegelt exakt die Stimmung wider — punktgenau justiert. Ein Highlight.

 

Cruz de Ferro. Der höchste Punkt des Camino Frances. Nur der Somport-Pass in der Pyrenäen ist höher. Man vermutet, dass hier ein mittelalterlicher Gutsherr einen seiner Grenzsteine gesetzt hat. Eine andere Variante berichtet von einer Schenkung König Alfons VI. im Jahre 1103 an einen Einsiedler namens Gaucelmo, der hier wohl sein Kreuz aufstellte. Es könnte auch möglich sein, dass bereits die Kelten den Platz für ihre Rituale genutzt haben. Heute bringt jeder Pilger sein Steinchen mit, von zu Hause, legt es auf den großen Haufen, eingedenk der Hoffnung, sich damit von irdischen Unzulänglichkeiten, von den Sorgen befreien zu können. Mittlerweile nutzen viele das Kreuz als Pinnwand für persönliche Dinge (Briefe), aber leider auch für Unschickliches. Auf jeden Fall ein mystischer, für die Kelten ein mythischer Ort.

 

Traumhaftes Wetter. Die Sonne scheintIch bin ein wenig vorgelaufen, schnell nehme ich das Steinchen, werfe es auf den Steinhaufen, es symbolisiert die auf dem Weg hinter sich gelassenen Sünden, vielleicht schon die erfahrene Läuterung? Ich halte inne. Elke steht die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben. Sie ist eine willensstarke, mittlerweile gut trainierte Frau. Stehen minutenlang vor dem Kreuz, registrieren abwesend, gedankenverloren die dort abgelegten Gegenstände, manches Unnützes und Profanes ist darunter.

 

Nach 45 Minuten zeigt sich Manjarineine eigenwillige, dem Templerorden nachempfundene Albergue, mit vielen Hunden. Interessant ist der Eingang. Schilder zeigen die Richtung an, unter anderem nach Galicien 70 km, Santiago 222 km, Jerusalem 5000 km, Rom 2475 km. Ebenso zu entziffern sind die Orte Trondheim, Finisterre und Machupichu, eine alte Ruinenstadt der Inkas. Ein sympathisches französisches Ehepaar spricht uns an, erzählt, dass die Besitzer für Kaffee und Kekse nur eine kleine Spende (Donation) erwarten. Beim Cruz de Ferro hatten sie uns nicht stören wollen. Später werden wir sie in Molinaseca wieder treffen. Danach verlaufen sich die Wege.

 

Domenico Laffi, 1670/73

Wir gingen weiter den Berg hoch.

Hier wurden wir von einem fürchterlichen Sturm erwischt,

wir bangten um unser Leben.

Dem Regen und Wind folgte eine sehr heiße Sonne,

die schnell unsere Kleidung trocknen ließ.

 

 

El Azebo – 11:25h. Sind noch guter Dinge. Genehmigen uns in einer Bar einen Cafe con Leche, kommen mit einem Nordiren ins Gespräch. "Where are you from? Why are you here? You like the camino?” And so forth. Wir verlassen den Ort, betrachten nachdenklich das Denkmal für einen vor Jahren hier an dieser Gabelung tödlich verunglückten deutschen Radfahrer. 

 

Foncebadon. Auf dem Weg zum Cruz de Ferro. 

 

Das berühmt-berüchtigte Foncebadon liegt schon lange hinter uns, hatten dort an sich mit einer Hundeattacke gerechnet. Enttäuschend, völlig öde und verlassen, einige Fensterklappen schepperten im Wind; die viel beschriebenen, angeblich so gefährlichen Hunde waren wohl ausgerückt. Jahre später lese ich, wie just eine Deutsche sich erfolgreich um die Wiedereröffnung der Herberge in Foncebadon eingesetzt hat.

 

Foncebadon. Im 12 Jahrhundert errichtete San Gaucelmo hier ein Hospital. Paulo Coelho nutzte den dunklen Ort als Hintergrund für eine dunkle Szene seines Tagebuchs Auf dem Jakobsweg: “Ein starker Schmerz durchfuhr mein Bein, er hatte mir eine tiefe Fleischwunde gerissen. (…) Der Hund griff sofort wieder an. Da stieß meine Hand an einen Stein. Ich packte ihn und schlug verzweifelt auf den Hund ein (…).” Viel schöner klingt es da an anderer Stelle: “Stelle dir vor, dass sich die Heiligen dir nähern, um ihre Hände auf deinen Kopf zu legen, und dir Liebe, Frieden und das Gefühl von Gemeinschaft mit der Welt wünschen.

 

 

Wer das elent bawen wel, 13. Jh., Strophe 12

Der vierte haist der Rabanel (von Rabanal zum Cruz de Ferro),

darüber laufen die brueder und schwester gar schnell,

der fünfe hast in Alle Fabe (O Cebreiro), da leit vol manches bidemans

kint auß teutschem lant begraben

Fotos von links.

1. Reihe: Herberge Rabanal del Camino. 5Uhr47: bereit zur nächsten Etappe.

              Noch dunkel. Keiner auf dem Weg, nur wir.

2. Reihe: Blick auf die Montes de Leon und das Cruz de Ferro.

              Cruz de Ferro. 

3. Reihe: Cruz de Ferro. 

              Manjardin. Dem Templerorden nachempfundene Herberge.

4. Reihe: Manjarin sechs Jahre später.

              El Azebo. Denkmal für einen tödlich verunglückten Radfahrer.

5. Reihe: Riege de Ambros. Nachtigallental.

              Herberge Molinaseca.

6. Reihe: Herberge Molinaseca. Auf engstem Raum.

              Diese Pilger waren froh, einen Platz gefunden zu haben, auch

              wenn er draußen war: es war eine laue Sommernacht.