NADEL UND FADEN:                                    WICHTIGE UTENSILIEN DES JAKOBSWEGS.

25. Etappe von Astorga über Santa Catalina de Somoza nach Rabanal del Camino: 19km

Rabanal de Camino. Refugio Nuestra Senora del Pilar. Während eine Pilgerin die Wäsche aufhängt, halten die Honorationen der Ortschaft einen kleinen Schwatz. 

Rabanal del Camino.  Señora del Pilar hilft.


Etappe 25.

Nadel und Faden: Wichtige Utensilien des JakobswegsZwei bemerkenswerte Tagesetappen liegen vor uns. Der Reihe nach. Der Tag beginnt mit einem ausgesprochen guten Frühstück in der Herberge. Wenn`s nach mir ginge, wir wären schon längst weg. Es herrscht ein Gewusel am Buffet. Man kommt ins Gespräch, mit Heidrun aus Bremen, lässt den gestrigen Abend Revue passieren, der im Kreis mehrerer Mitpilger bei einem Glas Rotwein ausgeklungen war, mit einigen interessanten Geschichtenerzählern, unter anderen ein Radfahrer aus Freiburg, er sprach von zweitausendvierhundert zurückgelegten Kilometern. Hochachtung. Es wird ein schöner Tag. Der in Astorga erstandene Pilgerstab gibt endlich das richtige Feeling, wie geschaffen für die letzten Etappen. Fehlt nur noch die Kalebasse, die Trinkflasche aus Kürbis, und das Pilgergewand mit breitkrempigem Hut, die Muschel tragen wir bereits mit uns. Ein Radfahrer überholt uns. Er dreht sich um, ruft uns zu. Wer soll uns hier schon kennen? Meine Verblüffung legt sich. Tatsächlich, er hat uns wieder erkannt, es war auf dem Hinflug. Ein Hannoveraner, und schon ist Elke hellwach. Sie kommt aus Hannover. Wollen uns in Rabanal treffen.

 

Zu einem anderen Thema. Elke sind die Blasen nicht nur sehr lästig, sie schmerzen arg. In El Ganso legen wir die erste Rast ein. Warum fällt mir jetzt bloß Oklahoma ein? Ja, die Erde ist es, der eigenartig rötlich schimmernde Boden erinnert mich an den Mittleren Westen, den Bible Belt Amerikas, Ausgangspunkt von John Steinbecks berühmten Roman Früchte des Zorns, 1940 eindrucksvoll von John Ford in Szene gesetzt mit Henry Fonda in der Hauptrolle des Oakie Tom Joad. Exakt zwölf Monate zuvor hatte ich mir einen lang ersehnten Wunsch erfüllt, zusammen mit Gero, dem Zweitgeborenen aus Budapest, die Route 66-Tour gemacht: von Chicago via Missouri, Kansas, Oklahoma bis nach Amarillo/Texas.

 

Catalina de Somoza. Der Glöckner in action.

 

Die Gedanken spazieren weiter beziehungsweise zurück. In Catalina de Somoza, eine Stunde von hier, hat es mir der Glöckner der kleinen Ortskirche angetan. Alles scheint noch zu schlafen, nur er ist in action, traktiert die Glocke, ich nehme, an mit einer Stange oder so. Auf jeden Fall, sie läutet. Warum eigentlich? Es ist doch erst zwanzig vor zehn. Nun denn, es sind noch einige der insgesamt neunzehn Kilometer bis zum Ziel zu gehen. Die Intensität der Sonne nimmt zu.

Rabanal del Camino empfängt uns

in der Mittagszeit, die Sonne scheint erbarmungslos, sie wirft keinen Schatten. Rabanal ist komplett auf die Jakobspilger ausgerichtet. Die ehemalige Templerkirche wird von deutschen Benediktinern unterhalten. 

Zuhause werde ich mit einem Mönch in Emailkontakt treten. Die angeschlossene Herberge ist, wie sollte es sein, überfüllt. Ich haste weiter. „Dort drüben ist noch ne` Herberge.“ Jetzt muss alles sehr schnell gehen, die Kräfte lassen nach, trotz der relativ frühen Zeit. Es ist immer das gleiche, am Zielort angekommen, will man sich nur noch hinhocken, die Beine hochlegen. Elkes Gebete zum Herrgott scheinen geholfen zu haben. Die liebenswürdige Herbergsmutter nimmt sich resolut ihrer Blasen an – mit Nadel und Faden bekämpft sie das Übel. Und überhaupt, die Herberge ist klasse, nur fünf Euro für die Übernachtung, sauber dazu, ein Treffpunkt der Einheimischen. Ich mache die Wäsche, Elke hängt sie auf; ihr Steckenpferd — wie zu Hause: gut aufgehängt, halb gebügelt.

 

Rabanal del Camino. Schon Aimeric Picaud (Liber Sancti Jacobi) erwähnt im 12. Jahrhundert den Ort als Ende der 9. Etappe — lange Zeit wichtig wegen seiner Lage vor dem Übergang über den Monte Irago. Mehrere Hospize und Kirchen bezeugen dies. Rabanal erfuhr seine frühere mittelalterliche Bedeutung erst wieder mit der Renaissance der Wallfahrten im letzten Jahrhundert. Sowohl die Pilgerherberge San Gaucelmo der englischen Jakobsbruderschaft Confraternity of Saint James als auch die Benediktiner taten sich hervor; vor allem der von der deutschen Erzabtei Sankt Ottilien geförderte Neubau des Klosters Monte Irago in 2001. Heute gibt es im Ort mehrere Restaurants, Hostals und Refugios, privater und kirchlicher Prägung.— Täglich werden bis zu fünf Gottesdienste bzw. Stundengebete wie die Laudes als Morgenlob gehalten. Wir erlebten Vesper und Vigil, das Abend– und Nachgebet, gesungen in gregorianischer Liturgie. Man geht davon aus, dass auch hier, wie übrigens an vielen Stellen des Camino, der Ritterorden der Templer aktiv war.

 

Die Templer, gegründet 1119 Anno Domini von Hugo de Payens, hatten sich zum Ziel gesetzt, das Heilige Land vor den Muslimen zu schützen. Das schafften sie bis 1291. In der Schlacht von Akkon wurden sie schließlich von den Mamelucken vernichtend besiegt. Das Heilige Land war verloren, es gab keine Pilger mehr, die es zu schützen galt. 638 A.D. war Jerusalem das erste Mal erobert worden — von Muhammads Gefolgsmann Umar. Der fatimidische Kalif al-Hakim beließ es 1009 nicht mehr bei der nur den Christen auferlegten Religionssteuer: Die konstantinische Auferstehungskirche wurde zerstört, das Heilige Grab, damals eine komplett erhaltene Felsenhöhle, geschleift, dem Feuer ausgesetzt. In seinem Reich wurden in den Folgejahren 30.000 Kirchen enteignet, geplündert, die Christen aus den öffentlichen Ämtern gedrängt oder zur Annahme des Islam gezwungen. Papst Urban II. rief daraufhin 1095 zum gerechten Krieg auf, später als 1. Kreuzzug bekannt geworden. — Der inzwischen dem französischen König Philipp IV. dem Schönen zu groß gewordene Orden wurde an einem einzigen Freitag, dem 13. Oktober 1307 komplett zerschlagen (aus seiner Sicht ein Geniestreich), und 1312 von Papst Clemens V. verboten, einem Papst, der völlig vom König abhängig war. Den macht– und vor allem finanzpolitischen Vorteil, den sich der König damit verschafft hatte, konnte er selbst nicht mehr lange genießen. Wie der äußerst schwache Papst starb auch er im Jahre 1314. Die französische Polizei ging bei ihren Verhörmethoden äußerst brutal vor, ließ sich dabei von Denunziationen leiten, erpresste die Geständnisse mit brutaler Folter. Der letzte Hochmeister Jacques de Molay starb 1314 auf dem Scheiterhaufen. Historiker erkennen in dem von König Philipp IV. initiierten und überwachten Inquisitionsverfahren einen Vorläufer der politischen Schauprozesse des 20. Jahrhunderts.

 

Rabanal de Camino. Pfarrkirche. Vesper und Komplet.

 

Die klösterlichen Stundengebete sind Elke und mir nicht fremd, fahren ja schon seit Jahren nach Tettenweis ins Nonnenkloster zum Meditieren. Die Vesper ist für sieben, die Komplet für halb zehn angesetzt, Salve Regina inklusive. Schade, dass der Pilgersegen nur in Spanisch erteilt wird. Neben mir schluchzt leise eine junge Spanierin, die Tränen kullern die Wangen hinunter. Welche Gedanken mögen wohl in ihr vorgehen? Sie ist uns schon in Astorga aufgefallen.

 

Das im Restaurant angebotene Tagesmenü entspricht nicht unseren Vorstellungen. So kehren wir schnurstracks zu „unserem“ Refugio zurück. Hier pulsiert das Leben — Treffpunkt der Einheimischen. Und günstig ist es überdies. Das Gespräch mit Christine aus der Bretagne erweist sich allerdings als nicht ganz einfach. Sie spricht kein Englisch. Gleichwohl: PilgerInnen verstehen sich ohne viele Worte. Elke gestikuliert mit Händen und Füßen; mir ist das zu anstrengend. Heute wird`s nicht spät. Ab in die Etagenbetten, morgen stehen respektable sechsundzwanzig Kilometer auf dem Programm – mit einem absoluten Highlight des Camino. Noch beschwingt von der Musik, per Zufall waren wir in ein kleines Fest Einheimischer geraten, fallen mir endlich die Augen zu.

 

Domenico Laffi, 1670/1673

Wir verließen Astorga und gingen nach Rabanal, 5 Leguas entfernt (…) Hier über-nachteten wir am Fest des hl. Johannes des Täufers, setzten den Weg fort, den Berg hoch zu einem kleinen Dorf (Foncebadon), wo wir die Messe hielten. 5

 

Hermann Künig von Vach, 1495,

Hütte dich vor dem Rabenel. 1 *)

*) gemeint ist der Berg zum Eisenkreuz, das Cruz de Ferro 

 

 

Fotos von links.

1. Reihe: Rastplatz Sta. Catalina de Somoza. 

              Kirche von St. Catalina de Somoza.

2. Reihe: Der Glöckner bei der Arbeit.

              Richtung Rabanal del Camino.

3. Reihe: Rastplatz El Ganso.

              Herberge/Refugio in Rabanal del Camino.

4. Reihe: Innenbereich der Refugio Nuestra Senora del Pilar. 

5. Reihe: Templerkirche in Rabanal del Camino.

              Statue des hl. Jakobus.

6. Reihe: Einheimische beim Feiern.

              Buspilger.