DIE ALBERGUE IN ASTORGA IST EIN GLÜCKSGRIFF. GAUDI UND RATZINGER.

24. Etappe von Hospital de Orbigo über San Justo de la Vega nach Astorga: 18 km

Astorga. Büroecke der Herberge San Javier. An der Wand (schwarzes T-Shirt) die Joseph Kardinal Ratzinger zugeschriebene Postkarte. 

Silhouette Astorgas.

 

Etappe 24.

Die Albergue in Astorga ist ein Glücksgriff. Gaudi und Ratzinger.

Achtzehn Kilometer liegen hinter uns, sind früh dran, es ist erst halb eins, 5 Stunden auf gut zu gehenden Wegen. Obschon: die letzten 5 km zogen sich sehr. Von weitem glänzte eindrucksvoll die Silhouette Astorgas mit ihren römischen Mauern: Asturica Augusta. Die letzten Stufen der schmalen Gasse, scheinbar ein Hindernis, auch sie werden überwunden. Elke cremt sich Beine und Füße ein. Keiner stört uns. Ein Raum mit zwölf Etagenbetten nur für uns. Das tut richtig gut.

 

Rückblende. Kurz hinter Villares de Órbigo nehmen wir das Frühstück ein. Es ist ein schöner Rastplatz mit einer modernen Pilgerfigur, angezogen mit Trainingshose, auf dem Kopf ein Herrenhut; davor steht ein für mich undefinierbares Schild mit einem Kreuz. Im Hintergrund, gen Astorga, schauen wir auf terrassenförmig angelegten Hänge für Obst und Wein. Im Ort befindet sich eine Albergue, nur zwei Kilometer von Hospital de Orbigo entfernt. Immer wieder bestaunen wir aufgeschichtete Erdhügel, mit verschlossenen Türen. Später werde ich bei Wikipedia lesen:


Bodega mit Kamin.

Dieser Weinkeller in der Erde scheint nicht mehr im Gebrauch zu sein. Zu sehen auf dem Weg von Hospital de Orbigo nach Astorga. 


Der Bau der Bodegas soll eine Folge der Reblausplage 1888 gewesen sein. Bei einer konstanten Temperatur von 8° bis 12° war das der ideale Ort zur Weinherstellung und Lagerung von Schinken bzw. für das Feiern von Festen. Im Spanischen Bürgerkrieg dienten sie als Unterschlupf der Republikaner, aber auch der Polizei als Waffenlager.

Blick vom Cruzero de San Toribo auf Astorga.

 

Jetzt ist es nicht mehr weit. Stehen vor dem Wegkreuz „Crucero de San Toribio“ in der kleinen Gemeinde von San Justo de la Vega. Es wurde erbaut in Erinnerung an Bischof Toribio, 5. Jahrhundert. Foto: vgl. Menue-Hauptpunkt ÜBER UNS

Der Blick auf Astorga ist phantastisch. Nur noch einige hundert Meter ins Tal und schon sind wir da. Denkste. 

 

Albergue San Javier bei SöhnkeDas tut richtig gut, keine schnarchenden Mitpilger neben sich zu haben, sich ordentlich ausbreiten zu können; die Duschen allerdings sind eindeutig zu heiß, kaum regulierbar, der Service dagegen gut. Jahre später kommt diese Herberge in der Beurteilung vieler Pilger nicht mehr so gut weg. Cest la vie. Ich bin Söhnke von der Herberge dankbar für dieses Arrangement. Er ist ein Aussteiger aus einer norddeutschen Kleinstadt; er will sich hier eine neue Existenz aufbauen – schon recht bald mit neuer Freundin eine eigene Herberge managen. Ob er es mittlerweile geschafft hat? Vielleicht sehen wir ihn ja wieder. Seine Geschichte mit allen denkbaren ups and downs des Lebens fasziniert. Den Jakobsweg kennt Söhnke wie kein anderer. Schon dreimal erwanderte er den kompletten Camino de Frances, hin und zurück. Ich rechne erst gar nicht nach. Bin froh, wenn ich die ausstehenden rund zweihundertsiebzig Kilometer schaffe, ohne Blessuren.

 

So, jetzt gehen wir erst mal essen, Söhnkes Empfehlung folgend. Gut gestärkt nehme ich neben Elke Platz auf einer Bank, nahe der Kathedrale und dem von Antonio Gaudi erbauten Bischofspalast, genießen die warme Sonne, tanken auf, sinnieren, oder wie Elke zu sagen pflegt, meditieren. Klar, es ist ja Wochenende. Deshalb hatten uns so viele laut schwatzende Spanier ohne Rucksäcke überholt. Andererseits sind sie sehr zuvorkommend gewesen. Kurz vor Astorga kamen wir mit ihnen ins Gespräch, schnell waren ein paar Fotos geschossen, am Crucero de San Toribio. —

 

Es wird Zeit. Schon sieben Uhr abends. Bestimmt wird es eine Messe geben. Sie ist gut besucht. Man muss nicht Spanisch verstehen, um den Gottesdienst verfolgen zu können, er ist überall auf der Erde identisch, katholisch halt. Ich gebe zu, beim zuvor gebeteten Rosenkranz war ich nicht ganz bei der Sache. Die Postkarte in der Herberge, befestigt an einem T-Shirt, ist sie wirklich von Joseph Kardinal Ratzinger, unserem jetzigen Papst Benedikt XVI., eigenhändig geschrieben?, wie uns Söhnke glauben machen will; fabelhaft.

 

Glück muss der Mensch haben. In der Herberge ist es mittlerweile voller geworden. Auch der Chef von Söhnke hat mit uns ein Einsehen, warum eigentlich? Er weist keinem der Ankommenden „unseren“ Raum zu. So stört mich keiner in meinen Gedanken an Antonio Gaudi, dem genialen Jugendstil‐Architekten; Elke liest derweil den Dumont‐Führer.

 

Astorga. Der Name der Stadt geht zurück auf das Volk der keltiberischen Asturer. Der Ort wurde 17 v. Chr. von den Römern einverleibt. Anfang des 8. Jhs. wurde Astorga, inzwischen christlich geworden, von den Mauren erobert, bereits 753 A.D. im Rahmen der Reconquista von König Alfons I. von Asturien aber wieder zurückgewonnen. Seit 850 Bischofssitz; heute eine der größten Diözesen Spaniens. Die Kathedrale Santa Maria aus dem 8. Jahrhundert kann mit einem prächtigen spätgotischen Hauptportal aufwarten, eingerahmt von vielen biblischen Figuren. Nebenan befindet sich der Bischofspalast von Antonio Gaudi; er beherbergt das Museum der Wege, Museo de los Caminos. Die Stadt blickt auf eine lange Tradition der Süßwarenherstellung zurück. Berühmt ist nicht nur die in allen Varianten kreierte Schokolade, vor allem das Blätterteiggebäck Hojadres und das feine Butterschmalzgebäck Mantecados hat es den Genießern angetan. 

 

Astorga. Bischofspalast. Heute ein Museum.

 

Antonio Gaudi. Wo hat Gaudi nicht überall seine Spuren hinterlassen? Wir kennen von ihm die Neogotische Casa de Botines in León, sein Beitrag zum Stadtbild dieser tollen Stadt, ehemals Hauptstadt des Königreiches AsturienLeón. León, geprägt von der Reconquista, beherbergt darüber hinaus die schönste gotische Kathedrale Spaniens. Gaudis Vita ist faszinierend, ein Künstler, der sich in bemerkenswerter Klarheit zu seinem katholischen Glauben bekannte; der Heilige Stuhl hat das Seligsprechungsverfahren eingeleitet. Gaudi heiratete nie, er entschied sich für ein asketisches, zölibatäres Leben. Der letzte weltliche Bau, bevor er sich ganz der Sagrada Familia widmete, war die Casa Mila in Barcelona (1906 bis 1910), sein größtes Wohnhausprojekt. Die von ihm erdachte natürliche Belüftung machte Klimaanlagen überflüssig. Gaudi plante bereits damals eine Tiefgarage ein.

 

 

Arnold von Harff, 1499

 Von Hospitale Grande nach Rabanal 2 Lieux. 2 *)

 

Fotos von links.

1. Reihe: Kurz hinter Hospital de Orbigo. Überschaubar.

              Hundezwinger.

2. Reihe: Rastplatz kurz hinter Villares de Orbigo.

              Astorga. Kathedrale Santa Maria.

3. Reihe: Hauptportal mit Figuren des Alten/Neuen Testamentes.

4. Reihe: Söhnke von der Albergue San Javier in Astorga.

              Aufenthaltsraum.