DREIHUNDERT SIEGREICHE LANZEN, ASPHALT UND KARRENWEGE.

23. Etappe von León über Fresno del Camino, Villar de Mazarife nach Hospital de Orbigo: 37 km

Hospital de Orbigo. Auf dieser mittelalterlichen Brücke mit ihren 20 Bögen kämpfte der Ritter Suero de Quinones seine dreihundert siegreichen Lanzen. 

 

León. Pilgerdenkmal. Plaza San Marcos. 

 

Etappe 23.

Dreihundert siegreiche Lanzen. Asphalt und Karrenwege. Die Ruhetage tun gutschlafen aus, besichtigen aufgeräumt, entspannt Kathedrale wie das Pantheon von San Isidoro, sehen zu unserer Überraschung, dass wir nicht die einzigen sind, die sich das Intermezzo haben einfallen lassen. Auch vermeintlich Durchtrainierte gönnen sich den Luxus. Die Holländerin, der Engländer, der junge Deutsche, der uns kurz vor Leon das erste Mal über den Weg gelaufen ist, und so weiter und so fort. Na ja, wenn das Zeitfenster in Sachen Rückflug es zulässt, warum nicht? Ich vermute, der Leser wird gleichwohl sich beim Durchlesen der nächsten beiden Seiten an den Kopf fassen. Fassungslos wird er konstatieren: die Beiden sind doch nicht ganz dicht. Warum muss der Mann immer übertreiben? Die arme Frau.

 

Ich muss noch mal auf den Gottesdienst vorgestern zurückkommen. Rechtzeitig streben wir der Seitenkapelle zu, mit Argusaugen wachen die Bediensteten des Doms darauf, dass ich keine Fotos schieße: bitte schön nur bei der Besichtigung. Schnell füllt sich der Raum, nicht nur Pilger, viele Einheimische dabei. „Du, Elke, kniet dort nicht der Pilger, den wir schon in Atapuerca gesehen haben?“ „Ja, wirklich, er hat ein dickes Gebetbuch (ein Schott) in der Hand.“ Kurz darauf wird er vom Küster herausgebeten. „Siehste, er ist Priester, wie Pater Adalbert.“  Tatsächlich, er sekundiert dem ortsansässigen Pfarrer beim Gottesdienst, teilt die Kommunion aus. Es ist schon komisch, wen man sonst noch so hier sieht. Den Engländer von Carrion de los Condes, tief versunken im Gebet, auch noch nach Beendigung der Messe, den Peter von Sahagun und einige seiner Mitstreiter, und, und, und. Minuten später, Elke und ich unterhalten uns mit dem Peter, sehe ich den Pilger-Co-Zelebranten an der Kirchenmauer stehen, etwas in sein Notizbuch schreibend. Ich natürlich sofort zu ihm hin: „May I ask you something?“ „Yeah, for sure.“ Sodann schält sich heraus, er ist Amerikaner, nicht Priester, aber Diakon, zeigt mir seinen kirchlichen Ausweis; er ist Peregrino auf dem Camino de Santiago. Ich geh zu Elke zurück, erzähle das gerade Erlebte, und schon steht der Deacon vor uns, unterhalten uns; er legt seine rechte Hand nacheinander auf Elkes wie auf meine Schulter, spricht einen englisch gesprochen Segen, wir bekreuzigen uns, er wünscht uns alles Gute, verschwindet. Der Platz vor der Kathedrale ist voll von Menschen, es stört uns überhaupt nicht. Beeindruckend! 

 

Acht Uhr. E ultreia. Auf geht`s zur nächsten Runde. E sus eia! Elke postiert sich am Pilgerdenkmal auf dem Plaza San Marcos, direkt vor dem Paradores. Ein super Hotel. Für uns reichte es gestern nur zum Nachmittagskaffee.  

 

Fotos Parador de Leon, Plaza San Marcos:

1. Reihe. Fassade Hotel Paradores. Oberhalb des Eingangsbereichs ein Santiago-

              Ordensritter.

              Fassadeausschnitt.

2. Reihe: Innenbereich. Kirche und Marienaltar.

León. Hotel Paradores. Plaza San Marcos. 

 

Das 5 Sterne‐Hotel Parador de León ist ursprünglich ein Pilgerhospital gewesen. Das angeschlossene Kloster San Marcos, Bauzeit 1513 bis 1549 unter der Ägide von Kaiser Karl V., quasi das Ansinnen von Ferdinand von Kastilien aufgreifend, ergänzt ein Gebäude des 12. Jahrhunderts: Die Infantin Dona Sancha hatte 1152 das Grundstück gestiftet für den Bau einer Kirche und eines Pilgerhospitals. San Marcos diente sodann den Mitgliedern des Santiago‐Ordens als Versammlungsort; als Ritterorden während der Reconquista  gegründet, also zwecks Rückeroberung der von den Mauren eroberten spanischen Gebiete. Papst Alexander III. bestätigte 1175 nach Christus den 1170 von König Alfons VII. gestifteten Orden.

 

Anfangs nannte sich der Orden auch Santiago vom Schwert in Anlehnung an Jakobus als Matamoros, dem Schutzheiligen der Pilger. In der frühen Phase sahen die Ritter deshalb ihre Hauptaufgabe darin, die Pilger auf ihrem Weg nach Compostela zu schützen. Bis zu seiner Auflösung Anfang des 16. Jahrhunderts organisierte sich der sehr groß gewordene Orden nach den Regeln des hl. Augustinus: Armut, Gehorsam, nicht jedoch Keuschheit. Ein Novum, auch die Ehefrauen wurden als Ordensmitglieder geführt.

 

Juan de Badajoz war der Baumeister, zusammen mit seinen Schülern. Er schuf einen viereckigen Bau, der rechts mit einer einschiffigen Kirche abschloss. Die Südfront ist als Fassade reich mit plateresken Schmuck dekoriert. Über dem Hauptportal ist das Relief des heiligen Jakobus als Maurentöter zu sehen, ein Hinweis auf den Ritterorden. Die Wappen des Kaisers sind im Giebel angebracht.

Die Betriebstemperatur steigt an. Langsam aber sicher kommen wir in Trott. Die im Boden eingelassenen Muscheln weisen den Weg hinaus über die alte Pilgerbrücke, die über den Rio Bernesga führt. So schön wie León selbst ist (wir werden garantiert wieder kommen), so trist sind die Vororte ‐ wie eigentlich überall. Es wird Zeit, sie hinter uns zu lassen. Plötzlich laute Stimmen: „Ihr seid falsch, dort ist der richtige Weg, wollt ihr denn zur Autobahn?“ „Nein, ihr seid falsch, hier steht es doch.“ Ein zweiter Blick auf die Karte überzeugt und schon geben wir uns geschlagen. Es wird schon richtig sein. Die jungen Leute machen einen guten Eindruck. Längst liegt Fresno del Camino hinter uns, die Autobahn ist unterquert, der staubige Feldweg genommen. Die Füße sind okay, die beiden Pilger drüben auf der Bank sehen das nicht so, behandeln ihre Blasen. Elke hat für eine gute Ausstattung gesorgt. Konsequent cremen wir die Füße morgens wie abends ein — mit zwei unterschiedlichen Salben. Vor allem der Gehwol Frische Balsam tut gut. Kann ich nur empfehlen. Elke schreitet forsch aus — wie immer zu Beginn einer Etappe. Nun sind aber bereits zwei Stunden vergangen, sie ist wider Erwarten kein bisschen müde oder kaputt. Das wird sich bald ändern. 

 

 

Villar de Mazarife. Pfarrkirche St. Jakobus.

 

 „Wann kommt eigentlich der Abzweig nach Villadangos del Paramo?“ Wieso?“, antwortet Elke, wir hätten in Fresno nach rechts abbiegen können, habe ich dir das nicht gesagt?“ Nun gut, bleib` ruhig und gelassen, sage ich mir, wir sind auf dem Camino, gehen wir halt nach Villar de Mazarife, der Umweg ist machbar, dort können wir übernachten. Plötzlich wirkt der Weg endlos, eintönig, vor allem auf den langen, geteerten Geraden. Zähle die Schritte, abwechselnd 1, 3 ,5 bis 99, dann 2, 4, 6 bis 100; erreichen endlich Villar de Mazarife. Gleich vorne rechts liegt die neue Herberge. Schnell kommt Elke mit der jungen Frau ins Gespräch. Es ist eine sehr freundliche Deutsche, die das hier managt. Nur wenige Euro für zwei Cola und eine Trink‐Schokolade ‐ man beachte ‐ mit Schmalz sind nicht zu viel. Es ist heiß geworden. Pepe aus Bilbao, ich nenne ihn einfach `mal so, trägt kurze Hosen. Er lebt hier, outet sich als Fußballfan, weiß nicht nur Einiges über Bayern München, er kennt auch Werder Bremen. Leider ist sein Englisch arg limitiert. Der Blick in den Schlafraum bestätigt den ersten Eindruck: alles sehr sauber und ordentlich. Wir wären die ersten. Der Ort ist wie ausgestorben. Auch die Störche in ihren Nestern hoch oben auf der Pfarrkirche St. Jakobus ruhen sich aus. Ich werde ungeduldig. Nun sitzen wir hier schon über eine halbe Stunde und es ist erst knapp ein Uhr. Elke will es genau wissen, vergewissert sich im Führer. Warum eigentlich? Wegen der Wegführung; auf keinen Fall wegen der angegebenen Gehzeiten, die unterschreiten wir ja regelmäßig. Mir scheint, als hätten sich alle Wanderführer auf mehr oder weniger gemütlich daher gehende Spaziergänger fokussiert.

 

Villar de Mazarife.  Der kleine Ort beherbergt eine Bar, zwei Läden und drei Herbergen. Zu beachten ist ein Mosaik, das mittelalterliche Pilger vor der Kirche zeigt. Es ist das Werk eines ortsansässigen Künstlers, der auch die InnenMosaiken der Pfarrkirche, die dem Apostel Jakobus geweiht ist, geschaffen hat.

 

Hospital de Orbigo. Ritter Suero de Quinones. Was es mit ihm auf sich hat, she. unten.

 

Unsere jungen Leute, mal vor, mal hinter uns, sind plötzlich nach links in Richtung alter Herberge verschwunden. Jetzt schon? Sollte mir eigentlich klar sein. Nein, heute wollen wir es wissen. — Meine Füße schmerzen. Genauer gesagt, meine Fußballen. Wieder nur Asphalt. Im nächsten Dorf, La Milla del Paramo, lädt uns ein Brunnen und eine Bank zum Verweilen ein, nehmen das Angebot gerne an, füllen die Wasserflaschen auf, es ist genießbar. Endlich können wir die Straße verlassen. Passend dazu DuMonts euphemistische Wegbeschreibung (ich könnte ihn würgen): „(…) geht man geradeaus auf einer breiten Staubstraße weiter. Sie macht einen Linksbogen über einen von Bäumen gesäumten Kanal und wendet sich als Karrenweg sofort wieder nach rechts. Nach Überquerung eines weiteren Kanals erreicht man das Dorf Villavante.“ 13

 

Nun gibt es nur noch uns. Keine Pilger weit und breit zu sehen. Es ist brütend heiß. Die Wege sind schlecht, völlig einsam. Elke ist erschöpft, sie hat jetzt auch noch mit Blasen zu kämpfen. Ich zücke die Tasche mit dem Pflaster. Der Unmut steht Elke ins Gesicht geschrieben. „Wollen wir jetzt etwa schlapp machen? Kommt ja gar nicht in Frage! Oder, was denkst du?“ Elke nickt tapfer, geht weiter. Villavante. Noch toter als tot, keine Menschenseele auf der Straße, vor uns ein großer Wasserturm. Später wird mir Elke erzählen, dass sie ab zwei, drei Uhr immer wieder ihren Herrgott gefragt hat: „Warum hast Du mir das alles bloß angetan? Mir tut alles weh, und Peter, der geht jetzt wie ein Uhrwerk. Ich wollte doch nur ...., und jetzt diese Strapazen!“ Ich frag` mich, warum wir eigentlich DuMonts Etappenvorschlag gefolgt sind. Am Ortsausgang steht eine Bank. Den Rucksack nehme ich schon gar nicht mehr ab.

 

 

Hermann Künig von Vach, 1495

 (...) auch darüber will ich ansprechende Belehrung geben, wo sich jeder Bruder in acht nehmen soll. 1

 

 

Hospital de Órbigo. Es ist kurz vor halb fünf. Ich laufe voran, im wahrsten Sinn des Wortes. Will sehen, ob die Herberge noch freie Plätze hat. Belegt. Das hat mir noch gefehlt. Ich mache ein Foto — von der tollen Brücke. Die mit ihr verbundene Geschichte des Ritters Suero de Quinones wird mich erst in zwei Stunden interessieren. Ich gehe schnell weiter. An der Brücke hinten links gibt`s ein Hostal. Egal, was ein Zimmer kostet, ich nehme es. Elke kommt, der Juniorchef spendiert uns eine große Flasche kaltes Wasser. Das Zimmer ist okay. Bar jeder Vernunft lasse ich mich mit allen Klamotten am Körper aufs Bett fallen, versinke in den Tiefschlaf. Halb sieben, es hilft nichts, stehe auf, der Schüttelfrost hat sich gelegt, die Unterwäsche muß ausgewaschen werden, Elke bleibt noch ein bisschen liegen, ich beeile mich, der Laden nebenan macht gleich zu. Ist doch toll, wie schnell man regeneriert.

 

Beeindruckend ist die mittelalterliche Brücke mit 20 BögenSie wurde berühmt durch den leonesischen Ritter Suero de Quinones. Er soll während des Heiligen Jahres 1434 in der Zeit vom 10. Juli bis 9. August auf dieser Brücke alle vorbeikommenden pilgernden Ritter herausgefordert und, so heißt es, dreihundert Lanzen siegreich geritten haben. Er tat dies aus einer Verpflichtung einer Dame gegenüber. Die Besiegten verpflichtete er, fortan keine Pilger mehr zu berauben, sodass diese weiter ungehindert nach Santiago reisen konnten. Er selbst pilgerte im Anschluss der Wettkämpfe zum Sant`iago nach Compostela. Das Blaue Band der Dame mit der Liebeserklärung an ihren Ritter soll in der Reliquienkapelle von Santiago aufbewahrt sein.

 

Kurz nach zehn. Liegen auf dem Bett, sind wieder gut drauf, voll motiviert, beeindruckt. Morgen sind es ja nur 18 Kilometer bis nach Astorga. Das Bier schmeckte gut in der Hotelbar, lauschten den Einheimischen an der Theke. Freue mich, dass wir noch in die Messe haben gehen können. Nur einige Wortfetzen sind der Predigt des Pfarrers zu entnehmen: Er grüßt nicht nur die anwesenden Peregrinos, er erwähnt immer wieder die heilige Katharina von Siena? Namenspatronin meiner Mutter. Warum? Die katholische Kirche feiert den Gedenktag dieser großen, heiligen Mystikerin und Kirchenlehrerin des 14. Jahrhunderts. Sie überzeugte 1376 Papst Gregor XI., von Avignon nach Rom zurückzukehren.

 

 

Hermann Künig von Vach, 1495

 (...) oder wenn du nach Storgeß ziehen willst, dann sollst du über drei Brücken gehen und dann eine Steigung hinauf; dort findest du ein großes, steinernes Kreuz stehen, dort sollst du dich nach links wenden (...). Willst du aber meiner Empfehlung folgen, sollst du dich nach rechts halten, da brauchst du keinen Berg zu bewältigen.1

 

Pilgerführer Liber Sancti Jacobi, 12. Jh.

Es folgen Mansilla und Leon, Königs– und Hofstadt, die reichhaltige Kostbarkeiten aufweist. Dann geht es über Orbigo, die Stadt Astorga, Rabanal, das den Beinamen captivus trägt, den Irago-Pass, Molinaseca, Cacabelos, Villafranca an der Mündung (…) 3

 

Fotos von links.

1. Reihe: Leon. Pilgerwegzeichen zur Pilgerbrücke über den Rio Bernesga.

2. Reihe: Trister Voror von Leon. Noch 310 Kilometer.

              Endlos weiter Weg. Abzweig nach Villandangos del Paramo verpasst.

3. Reihe: Villar de Mazarife. Jakobusfigur.

              Albergue in Villar de Mazarife. Zu früh für uns.

4./5. R.:  Hospital del Orbigo. Hier wird die Geschichte des Ritters Suero de

              Quinones nachgespielt. 

5. Reihe: Anstelle der Hl. Katharina von Siena, Namenstag am 29. April,

              hier eine Figur der Hl. Katharina von Alexandria aus dem 15. Jh., 

              Kirche St. Katharinen, Hamburg. In Memoriam Mama.