EIN KOREANISCHER EX-MINISTER UND EINE OLYMPIASPORTLERIN VON MÜNCHEN BEEINDRUCKEN.

21. Etappe von Bercianos de Real Camino über El Burgo Ranero nach Mansilla de las Mulas: 27km

Bercianos del Real Camino. Camino de Santiago. Ermita de Nuestra Senora de Perales S. XVII. Kapelle Unserer Lieben Frau von St. Perales XVII.

El Burgo Ranero. Seine einzige Straße hieß früher Camino Frances; sie wurde schon Anno Domini 1126 erwähnt. In der Kirche des hl. Petrus war früher eine herrliche romanische Marien-Holzstatue zu sehen; sie befindet sich heute im Museum der Kathedrale von Leon.

 

Etappe 21. 

Ein koreanischer ExMinister und eine Olympiasportlerin von München beeindrucken.

Langsam gewöhnen wir uns an die Dunkelheit, die morgendliche Kühle umfängt uns. „Schau mal, dort oben der Mond.“ Nach zwei Stunden sitzen wir um halb neun in El Burgo Ranero in einer Bar, verspreche Elke, nicht wieder so früh aufzubrechen, wollen endlich mal in aller Ruhe breakfasten mit Cafe con leche, Saft und einem riesengroßen Bocadillo. Wir werden wohl die ersten sein, denke ich so bei mir. Pustekuchen. Der Laden ist voll. Das ist immer wieder faszinierend. Auf dem Weg biste allein und in den Tiendas, Bars, Restaurants staut es sich. Wo sind die plötzlich alle hergekommen? Ein Mirakel — ist es natürlich nicht. El Burgo Ranero ist wie Bercianos del Real Camino ein typisches kastilisches AdobeDorf. An manchen Stellen ist gut zu sehen, welches Baumaterial verwendet worden ist:

 

Adobe. Luftgetrockneter Lehmziegel.

Weil Holz und Stein selten sind, werden Lehm und Stroh gemischt und in der Sonne getrocknet. Dieses kennt man auch von den Mesetas in den südwestlichen USA. Sollen die Bauten nicht verfallen, müssen sie jedes Jahr neu lehmverputzt werden.

 

 

Wer das elent bawen wel, 13. Jh. Strophe 19

Er gab dem pilgram einen schlak, daß er von herzen ser erschrak, er tet zu dem spitel auß laufen, die andern brueder teten den spitalmaister sere raufen.

Strophe 20: Da is an den morgen kam, man sach vil gewapender man zu dem spitel ein dringen, man fienk den spitalmaister und als sein hausgesinne. 

 

 

Heute bin ich meinem Vorsatz treu geblieben. Habe tatsächlich alle anderthalb bis zwei Stunden eine Pause eingelegt. Insgesamt befinden wir uns bis jetzt über zwanzig Kilometer auf der Loipe. Hinter uns läuft schon seit langer Zeit eine junge Frau, still. Mir scheint, sie passt sich unserem Tempo an, will wohl nicht allein gehen. Dann ändert sich die Sachlage. Ein junger Pilger, er hatte in Carrion de los Condes an unserem Tisch vor der Bar am Hauptplatz gesessen, stürmt heran, sofort entwickelt sich ein intensives Gespräch. „Was hast du die Tage macht, warum gehst du, wo hast du übernachtet?“ Eine Weile hören wir zu, lassen sie zwischenzeitlich uns überholen, und so kriegen Elke und ich mit, dass die junge Frau, ich schätze sie auf Anfang Zwanzig, im Klarissenkloster in Carrion de los Condes übernachtet hat, der Freund des jungen Mannes eine Ruhepause einlegen muss: sein linker Fuß sei kaputt, fahre mit dem Bus. Der Faden zu uns reißt ab. Eine halbe Stunde darauf, zu Beginn einer relativ starken Steigung, sind auch diese beiden nicht mehr beieinander.

 

Das Pulver scheint verschossen, der Student, er wird wohl einer gewesen sein, ist auf und davon. Sie ist wieder allein. Ich animiere Elke, wohlgemerkt ich, die Straße zu überqueren, um einen Rastplatz, an sich für die Autofahrer, anzusteuern: den Rucksack ablegen, ihn etwas neu ordnen, Wasser, Aqua trinken. Wir trinken zu wenig, die Abstände sind zu groß. In Reliegos, wir sitzen wie gesagt vor der Bar, beobachten das Geschehen, die vorbeistrebenden Peregrinos, neben uns zwei deutsche Wanderinnen mittleren Alters, beide hängen an ihrem Mobilegerät, erkundigen sich bei ihren Männern, was zu Hause so abläuft. Das Geplappere setzt sich fort, auch später auf dem Weg, wo wir uns dann bewusst zurückfallen lassen. Viele Pilger bleiben in Reliegos. Die Koreaner wählen unisono den rechten Weg zur Herberge. Das ist mir zur früh, um halb zwölf. Mansilla de las Mulas liegt nur 6,6 km entfernt. Kein Problem, denke ich. Elke ist skeptisch, geht derweil bezahlen, sechszwanzig für zwei Cola und Kuchen.

  

Die Strecke nach Mansilla de las Mulas erinnert an den königlich privilegierten Weg, dem Real Camino von Sahagun nach El Burgo Ranero: am Wegesrand in regelmäßigen Abständen gepflanzte Pappeln. Zeit zum Nachdenken, zum Philosophieren, nicht über Existenzielles, halt so, innehalten, die Ruhe genießen.

 

 

Hermann Künig von Vach, 1495

 Dann hast du sieben Meilen bis eine Stadt, die Mansilo (Mansilla de las Mulas)  heißt. Du kannst sorgenfrei hineingehen,dort findest du genügend Spitäler. 1

 

Ritter Arnold von Harff, 1499

 Von Reliegos nach Mansilla 3 Lieux einer Stadt,

alles in Spanien gelegen. Dort reitet man über eine Steinbrücke.

Der Fluss heißt Isla. 2

 

 

Mansilla de las Mulas. Stadtmauer des 12. Jhs. 

 

Mansilla de las Mulas

liegt vor uns, gut aus der Entfernung zu sehen. „Gottseidank,“ stöhnt Elke. Nur noch wenige Meter über die etwas zu groß geratene Brücke, die über die Umgehungsstraße führt, und auch diese Etappe ist Geschichte. Was heißt hier, etwas groß geraten, monströs ist das richtige Wort, auf Zuwachs gebaut, der wohl nicht eintreten wird. Sehr wahrscheinlich hat irgendein Brückenbauer, ein gewiefter Bauunternehmer besonders gute Kontakte zu den Autoritäten, Bürgermeister und/oder Bauamt, geknüpft. Mir macht die Hitze nichts mehr aus. Mein Rucksack fühlt sich leicht. Kurz hinter der Kreuzung liegt unser Domizil. Nach einer kurzen Ausruhphase, das obligatorische Duschen inklusive, ab in die Kleinstadt. Gegenüber stellt sich uns ein großes Kreuz in den Weg. Das Besondere daran ist, dass auf zwei Seiten lebensecht wirkende Pilgerfiguren aufgesetzt sind. „Leg` dich doch dazu“, frotzelt Elke. „Ja, klar, mach ich das.“

 

Mansilla de las Mulas. Mansilla bedeutet so viel wie Hand auf dem Reitsattel; das Wappen soll es bezeugen. Mulas steht für den Maulesel; folgerichtig, weil Mansilla auf eine lange Viehmarkttradition zurückblicken kann. Heute obsolet. Von den Stadtmauern, die König Fernando II. im Jahre 1181 wieder errichten ließ zwecks Abwehr der Mauren, sind noch einige existent. Das OstTor Arco de la Conception ist ganz erhalten.

 

Mansilla de las Mulas. Herberge. Mit den Koreanern im Gespräch.

 

Elke entfacht die Herzen unserer Koreaner. Wie macht sie das? Ich erkläre es. Es ist ganz einfach. Ich erinnere an das spät nachmittags in Fromista eingenommene Pilgermenü. Einer der Koreaner spricht mich an, damals wie heute. Ort: Herberge Jardin del Camino. Gerade als wir uns an den einzigen freien Tisch setzen wollen, kommt Herr Choi, bittet uns höflich, sich doch zu ihnen zu setzen. Seine beiden Freunde machen umgehend Platz, gehen zum Nachbartisch: ich bin irritiert.

 

Was soll ich sagen, es entwickelt sich ein ausgesprochen angenehmes, liebes, informatives Gespräch, lerne einiges von/über Korea. Wie wir später von einer Holländerin erfahren, werden die Mitpilger aufmerksam, so nach dem Motto, warum unterhalten die sich so lange mit den Koreanern. Über eine Stunde wird es gedauert haben. Ich denke, ich stelle die Beiden erst einmal vor. Sie, eine groß gewachsene, gut aussehende Frau, durchtrainiert, sehr schlank, heißt Kim, Young Ja. „Took part in the twice Olympic Games `68 — Mexico Olympic and `72 Munich Olympic. Korea. Volleyball player.“ So schreibt es mir der Herr Choi eigenhändig auf. Das heißt, und ich habe es natürlich via Internet verifiziert, weil ich Genaueres wissen wollte, Frau Kim war aktive Volleyball‐Nationalspielerin von (Süd‐) Korea. Die Mannschaft belegte vordere Plätze. Leider spricht sie kein Englisch. Kim ist der Surname. Was ist mit ihm? Wie das so meine Art ist, frage ich sehr gerne, schon von Berufs wegen gefordert. Ich notiere diesmal selbst: Name: „Choi, Changshin, deputy minister of culture and sports; secretary general of the organizing committee of 2002 Fifa World Cup.“

Wahnsinn, an meinem, an unserem Tisch sitzt ein ehemaliger stellvertretender Minister eines der wichtigsten Staaten des asiatischen Raumes, der gleichzeitig die Fußballweltmeisterschaft 2002 Korea/Japan managte. Im Internet konnte ich, was nicht einfach war, folgende Notiz finden, das heißt eine Rede, die Mr. Choi Ende der Neunziger in Japan gehalten hat. Vorab, man muss wissen, Japan und Korea waren Erzfeinde, ich denke, noch schlimmer ausgeprägt, als es jemals zwischen Deutschland und Frankreich war. Die Japaner hatten das Land während des 2. Weltkriegs auf das Schlimmste unterjocht. Ich zitiere aus dem Internet:„Overall, we are satisfied,“ deputy sport minister Choi Changshin told MBCTV in Thursday. „We are especially happy with the official name of the tournament, which puts South Korea ahead of Japan.“ Ich denke, jeder weiß, wovon er hier spricht. Ich stehe auf, verneige mich, versuche die typisch koreanische/japanische Ehrerbietung einzunehmen. Mrs. Kim, Young Ja strahlt.

 

Schnell schält sich heraus, alle vier sind gläubige Christen, Presbyterian Church. Seit 25 Jahren ist Herr Choi Ältester, leitet eine Gemeinschaft, der er streng vorsteht. So müssen seine Studenten das gesamte Eingangskapitel des Evangelisten Matthäus, also den Stammbaum Mt 117, auswendig lernen. Nur so würden sie das Neue Testament Jesu Christi richtig verstehen, also im Rückgriff auf das Alte Testament. Als ich ihm signalisiere, dass bei der Aufzählung der Generationennamen auch vier Frauen dabei sind, ist er baff vor Staunen: Tamar (Frau von Juda), Rut (Urgroßmutter von König David), die Frau des Urija (Mutter von König Salomo) und last but not least Maria als Mutter des Herrn. Etwas philosophisch wird es, als ich ihn nach den konfessionellen Gegebenheiten Koreas befrage. Seine Familie sei seit über 150 Jahren christlich. Das Land weise folgende Struktur auf: 30% Christen, 30% Buddhisten, der Rest huldige Konfuzius. Er erzählt, dass die Buddhisten ihm bis heute keine schlüssige Erklärung für das Entstehen unseres Erdballs gegeben hätten. Da würden sie nur mit den Schultern zucken. Für ihn sei es selbstverständlich, dass allein Gott die Welt erschaffen habe. Überdies suchten die Buddhisten nur gelegentlich ihre Gotteshäuser, die Tempel auf. Alle wichtigen Tempel lägen weit draußen in und auf den Bergen versteckt, teils schwer zugänglich. Auf den Jakobsweg seien sie gekommen, weil eine berühmte TVFrau Koreas hierüber berichtet habe. Jeden Morgen, hier auf dem Camino, gibt Herr Choi eine Tageslosung heraus, das heißt, sie setzen sich etwas abseits des Weges, singen und beten, zitieren Verse aus der Bibel. Währenddessen sitzt Elke daneben, lächelt, lässt sich Passagen von mir übersetzen, fragt nach, wie Frau Kim. Die kleine Frau neben dem großen Mann. Ich ärgere mich noch heute, dass ich auf Frau Kims Frage, ob wir auch mal beabsichtigten, nach Korea zu kommen, ich dieses verneinte. Welch ein Fauxpas.

 

Als wir uns zwei Stunden später nach dem Pilgermenü verabschieden, das heißt, die vier Koreaner stehen auf, wir sitzen mit einer Holländerin am Nachbartisch, kommen auf uns, nehmen beide Elke in den Arm, drücken sie herzlich, geben mir die Hand: „Goodby.“ Ich: „It was a great pleasure and honor for me to meet you.“ Sie wissen, dass wir in Leon uns einige Tage Ruhe, Erholung gönnen werden. (…)  Als er hört, dass wir eine ökumenische Ehe führen, fragt er erstaunt nach, zu welcher Kirche wir denn sonntags gingen. Elke hat nichts dagegen, dass ich die Frage ehrlich beantworte. Für mich als Papst Benedikt-Fan wichtig: er denkt durchaus positiv über die katholische Weltkirche und den Papst; letzterer könne/solle durchaus das Weltchristentum repräsentieren. Elke freut sich, als er schlussendlich auf Martin Luther zu sprechen kommt; ihr Herr Luther. Vielleicht halten wir den Kontakt aufrecht. Alles Gute, Mrs. Kim und Mr. Choi.

 

Fotos von links

1. Reihe: Die Koreaner beim täglichen Morgengebet.

              Stadtmauer von Mansilla de las Mulas.

2. Reihe: Mittelalterliche Esla-Brücke.

              Pilgerdenkmal Mansilla de las Mulas.

3. Reihe: Ermita de la Virgen de Gracia.

              Geschmückter Altar mit der Jungfrau Maria.