DER WEG IST DAS ZIEL.                           FACUNDUS UND KARL DER GROSSE.

20. Etappe von Terradillos de los Templarius über Sahagun nach Bercianos del Real Camino: 24 km

Calzada del Coto bis El Burgo Ranero. Königlich priviligierter Weg. Echter Camino.

Sahagun. San Tirso.Romanisch. Backsteinbau des späten 12. Jahrhunderts. Dreischiffig endend in halbrunden Apsien. Als markantes Zeichen gilt der campanario, der Glockenturm.

 

Etappe 20.

Der Weg ist das Ziel. Facundus und Karl der Große.

Heute wird es ein wenig kompliziert. Elke wird fast bis zum Schluss der Etappe skeptisch bleiben. Ich möchte gerne Bercianos de Real Camino (24 km) anpeilen. Auf jeden Fall Sahagun in Beschlag nehmen. Vier Kilometer weiter beim Abzweig Calzada del Coto wird es interessant. Schaun mer mal, wer sich durchsetzt. Fakt ist, die Herrschaften im Zimmer neben uns sind sehr laut, es ist nämlich erst fünf Uhr: Stühle, Tische hin und her, sodass man es auch hören muss. Dass die Zimmer äußerst hellhörig sind, wird diesen Menschen doch klar gewesen sein. Die Herberge bietet zwar ein günstiges Frühstück an, aber: leider zu spät. Für uns heißt das: as usual.

 

Sahagun ist nach gut zehn Kilometer schnell erreicht. Die Reiseführer als Wegbeschreiber sind überflüssig, jedenfalls bis dato. Alle Wege sind sehr gut ausgeschildert. Die Kirchen San Tirso, San Lorenzo sind geschlossen. Enttäuscht marschiere ich weiter, erstens einen Bankautomaten suchend und zweitens eine geöffnete Bar. Ersteren finde ich nicht, in der Bar treffen wir altbekannte Mitpilger: den netten Shaun von Colorado zum letzten Mal, dafür den freundlichen Peter aus Bitburg, ihn sehen wir zuletzt nach der Messe in Leon, und die Brasilianer, usw. Die englisch sprechende Bedienung ist ausgesprochen zuvorkommend. Elke nimmt einen Saft, ich eine Cola.

 

Rückblende. Der Bocadillo, wir sagen Sandwich, hatte gut geschmeckt, in Moratinos, gleich zu Anfang der heutigen Etappe. Dafür waren die Örtlichkeiten umso bemerkenswerter. Toilettenpapier: Fehlanzeige. Man muss ja vieles mitmachen, akzeptieren, das wohl nicht, denke ich. 

 

Sahagun. Aus ursprünglich Sanctus Facundus bildete sich infolge sprachlicher Veränderungen im Laufe der Zeit der jetzige Ortsname heraus. Hier wurden im 3. Jahrhundert San Facundus und Primitivus zu Tode gemartert. Die Mauren zerstörten immer wieder das zu Ehren der Märtyrer 872 gegründete Kloster, u.a. durch Almansor Ende des 10. Jahrhunderts. Karl der Große soll der Gründer der Abtei Sahaguns und damit des Ortes selbst sein, was, wie sollte es anders sein, bezweifelt wird. Die Brücke über den Rio Cea steht auf römischen Fundamenten. Dahinter befindet sich die Wiese der 40.000 Lanzen. Der Frankenkaiser soll hier 778 seine berühmte Schlacht gegen die Mauren gekämpft haben. Legende, Wahrheit, wer weiß es? Vgl. dazu nachfolgenden Bericht des Liber Sancti Jacobi.

 

Hermann Künig von Vach, 1495

Nach einer weiteren Meile kommt eine Kirche, die baufällig ist. Zwei Dörfer, eine Kirche und eine Brücke liegen in der Nähe und eine Stadt, die Saguna heißt. Sie hat schlechtes Wasser und vier Spitäler.

 

Liber Sancti Jacobi, 12. Jh.

(…) Ebenso sind die Leichname der hl. Märtyrer Facundus und Primitivus zu verehren, deren Basilika von Karl gebaut wurde. Bei ihrer Stadt gibt es mit Bäumen bestandene Wiesen, auf denen die Lanzen der Kämpfer sich belaubten, wie man berichtet. Ihr Fest feiert man am 27. November.


„Welcher Weg ist der richtige?“ Elke lässt nicht locker — in Calzada del Coto. Wollen wir den von Dr. Höllhuber / Dumont präferierten Camino Principal einschlagen?: „(..) ist dieses Stück königlich privilegierten Weges echter Camino“, oder Outdoor folgen?, der abrät, weil zu langweilig, und dem Camino Alternativo das Wort redet. Der Outdoor-Autor scheint mehr die Wanderer denn die Pilger im Auge zu haben. Ich jedenfalls bin froh, dass Elke mir nachfolgt, obwohl sie fast bis zum Schluss der Etappe skeptisch bleibt. „Die Stille ist der Ort des Wortes Gottes, und der Pilger muss auf dem Weg seiner Pilgerschaft meditieren, wie es auch die Pilger von Emmaus taten. Im Wort Gottes begegnen wir einer Art und Weise, uns verschiedene menschliche Erfahrungen aufzeigen zu lassen auf der Suche nach dem Guten und der Wahrheit, und um die Zusammenhänge zu erkennen“, so Erzbischof Barrio Barrio, Santiago de Compostela.

 

Ich mag just diesen Abschnitt. Wir sind (fast) allein, nur wenige Radfahrer, sie grüßen im Vorbeifahren. Herrlich, genauso, wie ich es mir vorstelle. Die nahe Autobahn stört nicht. Kann ich ausblenden. Die Pappeln gab es im Mittelalter noch nicht, sie sind heuer extra gepflanzt worden: alle 9 bis 10 Schritte ein Baum. Ich genieße den Weg. Ich liebe das Wiederkehrende, wie bei den Stones den einfachen, wiederkehrenden Rhythmus, vorgegeben von Drummer Charlie Watts, umgesetzt von Keith Richards`Lead Guitar. Dieser alte Weg zieht sich hin von Calzada del Coto über Bercianos de Real Camino, wo wir übernachten werden, bis nach El Burgo Ranero.

 

Elke bleibt skeptisch. „Das kann nicht sein,“ deklamiert sie. Ich bleibe bei meiner Ansicht, und? Sie ist richtig. Im Übrigen ist jener Weg mehrere Hundert Meter weiter. Das muss bei der Hitze berücksichtigt werden, oder? Elke lässt jetzt ein wenig nach, die gleißende Sonne macht ihr zu schaffen. Bei mir ist das komischerweise so, dass ich zum Schluss fast jeder Etappe aufdrehe, munter werde. Anfangs oder mitten drin bin ich oft am Zweifeln, der Rücken tut weh ob des schweren Rucksacks, ständig lockere ich die Riemen, probiere alles aus, lamentiere so vor mich hin. Elke merkt natürlich nichts davon. Deshalb könnte ich auch nicht mit den Nordic Walking-Stöcken gehen. Ach ja, die Nordic Walker. Ehrlich, bis jetzt habe ich maximal 2-3 Walkerinnen gesehen, die die entsprechende Technik beherrschen. Elke und ich hatten vor Jahren bei den Nonnen in Tettenweis an einem Lehrgang teilgenommen, von einer externen professionellen Sportlerin geleitet. Fast alle Walker sind simple Stöcker-TrägerInnen, ob hier auf dem Camino oder in Deutschland.

 

Hermann Künig von Vach, 1495

Nach einer Meile findest du einen Hof, dort gibt man dir Brot in beschränktem Maße. Auch ist dort ein Spital und nach einer Meile noch eins und nach einer Meile wieder eins, wo man, wie du hiermit erfährst, Wein und Brot gibt.

 

 

Bercianos de Real Camino. Prozession.

 

Das Hostal in Bercianos de Real Camino ist Treffpunkt aller Bekannten vom Camino: Räto diniert mit einer Holländerin, die Koreaner tun gleiches, bleiben aber unter sich. Elke und ich warten bis acht, durchschreiten den kleinen Ort, sitzen draußen vor dem Hostal / Restaurant.


Plötzlich strömen sie von allen Seiten herbei, Männer wie Frauen, es ist kurz vor fünf. Gegenüber liegt die provisorische Kirche, die alte war 1998 eingestürzt, auf der anderen Seite des Ortes ist die neue noch nicht fertiggestellt. Der Rosenkranz wird gebetet. Vorbeter ist ein Mann. Die Kirche ist gerammelt voll. Vorne im Altarbereich stehen zwei Heiligenfiguren, befestigt auf Tragen. Wir sind die einzigen Pilger in der Kirche. Die Einheimischen scheint`s zu freuen, wie ich später beim Fotografieren merke, sind alle sehr freundlich. Draußen verläuft sich die Menge rasch, einige tratschen noch, tauschen das Neueste aus, die Frauen streben heim, zum häuslichen Küchenherd womöglich, die Männer hingegen zum Hostal-Restaurant, stehen an der Theke, palavern, über Gott und die Welt. Hier scheint die alte, tradierte Welt noch in Ordnung zu sein!? Für Elke ist der Rosenkranz nach wie vor ein bisschen fremd. Klar, er wird schon sehr schnell gebetet, man könnte meinen, einfach so daher gebrabbelt; er ist eine Art Meditation. Papst Johannes-Paul II. war ein begeisterter Anhänger dieses Mariengebets. Er kreierte ergänzende Gebete, Gesätze. Verbreitet ist der Rosario vor allem in überwiegend katholisch geprägten Gegenden. Der sogenannte aufgeklärte Norddeutsche hält nicht so viel davon.

 

Von der Prozession bin ich total überrascht worden. Ich weiß bis heute nicht den Grund des Geschehens. Fakt ist, ich höre aus der Ferne Gemurmel, schaue aus dem Fenster, sehe Leute in Reih und Glied gehen, renne raus, nur mit dem Mobiltelefon bewaffnet, sprinte der Prozession hinterher, sie ist auf dem Weg zur neuen Kirche, schieße auf die Schnelle Fotos. Starke Männer tragen zwei Statuen: Eine Marien– und eine männliche Heiligenfigur. Warum hat mich denn der Wirt nicht rechtzeitig informiert? Frage ich einfach `mal so. - Es war nicht immer so friedlich und fromm im katholischen Spanien. Ritter Arnold von Harff beklagt 1498, dass ihm im nur knapp 50 km entfernten Leon großer Frevel widerfahren sei. Es war auf der Rückreise. Spanier schlugen zwei seiner Mitpilger zu Tode, ergriffen seinen Diener unter Stößen und Schlägen; nur Gott habe ihm und einem Begleiter geholfen, zu Fuß zu entkommen, ohne ihre Maulesel. Die Pferde hatten sie in Burgos stehen lassen.

 

Elke: „Das ist mir hier im Schatten zu kalt. Bekomme noch eine Erkältung. Hast du noch deine Tabletten? Lass uns noch mal durchs Dorf gehen, zur Herberge, zur neuen Kirche.“ In Atapuerca hatte ich es versäumt, rechtzeitig die nasse Kleidung zu wechseln, und schon war es geschehen: grippaler Infekt nennt man das wohl. In Burgos gab`s Pillen in der Pharmacia. „That`s a big town,“ rufe ich der immer noch vor dem Hostal sitzenden jungen Koreanerin zu. Sie strahlt, versteht sofort meinen Humor. „Die Kirche, in der wir gerade gewesen sind, ist doch sehr schön, warum wird denn bloß ne neue gebaut?“ Elkes rhetorisch gemeinte Frage kann ich jetzt beantworten. Es ist tragisch, was hier 1998 passiert ist.

 

Bercianos del Real Camino. Die neue Kirche.

 

Die Erlöserkirche Iglesia del Salvador stand auf einer Anhöhe. In ihr waren viele Bodegas gegraben, Vorratskeller; nicht sehr vorausschauend. Kurz nachdem der Entschluss zur Renovierung gefallen war, stürzte die Kirche ein, begrub alles unter sich: einen Barockaltar, die Renaissance-Statue Johannes des Täufers und das Grabmal der Grundherrin, Doña Leonor de Quiñones, aus dem 16./17. Jahrhundert; vgl. auch Etappe 23 in Sachen 300 siegreiche Lanzen des Don Suero de Quiñones. Der Ort (knapp 200 Einwohner) hat mittelalterliche Ursprünge, er wurde schon im Rahmen der Jakobswallfahrt genannt. Siedler aus dem Bierzo, die Bercianos, gaben dem Ort den Namen. Im 18. Jahrhundert wird die Hauptstraße zum Camino Real, zum Königlichen Weg, zur Straße ersten Ranges ernannt — unter der Regentschaft Karls III. von Spanien.

 

Bercianos del Real Camino. Hostal.

 

Morgen geht`s nach Mansilla de las Mulas, das sind noch einmal strapaziöse siebenundzwanzig Kilometer. Leon, die Provinzhauptstadt der Autonomen Gemeinschaft von Kastillien-Leon, ist dann schon nach zwanzig Kilometer erreicht. Dort wollen wir ein wenig ausruhen. Das heißt, wir werden einigen, den meisten unserer lieben und weniger lieben Mitpilgern nicht mehr begegnen. Eigentlich schade. Aber das ist Fakt. Vorstellung und Wille korrelieren nicht immer mit der Wirklichkeit. Will sagen, wir haben uns etwas überschätzt. Sind nicht mehr die jungen Hüpfer, wie zum Beispiel der Räto aus der Schweiz, der pro Tag fünfunddreißig Kilometer wandern will. Oder ein Pater Adalbert aus der Tschechei, der geradezu davon stürmt. Ihm traue ich sein Ansinnen zu. Andererseits sehe ich so viele verletzte Pilger, die sich dahin schleppen, dass ich denke, wir sind noch gut drauf, bis jetzt jedenfalls von allem schmerzvollen Übel befreit. Der aufmerksame Leser wird später lesen, dass es auch anders kommen kann - in Sachen Blasen. Elke klagt zudem über Ermüdungserscheinungen ihrer Füße; wenn ich ehrlich bin, ist es bei mir nicht anders, Rückenprobleme komplettieren das Ganze. 

 

 

Domenico Laffi, 1673

(…) wir gingen in Richtung Brunello (El Burgo Ranero) mehr als 4 Leguas weit, (…) und suchten Unterkunft, aber sie war so ärmlich, dass wir auf dem Boden schlafen mussten, denn diese hier sind alle Schafhirten, die in diesem Ort aus strohgedeckten Hütten wohnen.


 

Wer das elent bawen wel, 13 Jh., Strophe 21

Man bant in auf ein hohes ross, man fuorten gen Burges auf das schloß, man tet in in ein eisen ein schleißen, es tet den spitalmaister gar sere und hart verdrießen. 

Fotos von links

1. Reihe: In irgendeiner Bar entlang des Camino.

              Kirche in Sahagun.

2. Reihe: Iglesia de San Lorenzo. Sahagun. Vorgängerbau belegt in 1110.

              Vierungsturm aus dem 12./13. Jh. Gotisch-mudejarer Stil.

3. Reihe: Sahagun. Pilgerkreuz an der mittelalterlichen Brücke über den Rio Cea;

              dahinter die Wiese der 40.000 Lanzen. Hier soll Karl der Große 778  

              seine berühmte Schlacht gegen den Mauren gefochten haben.

              Ermita de Nuestra Senora de Perales. Bercianos de Real Camino.

4. Reihe: Denkmal mit Santiagokreuz.

              Herberge von Bercianos del Camino.

5. Reihe: Jakobspilger im intensiven Gespräch.

              Einfache Häuser in Adobe-Bauweise wechseln sich ab mit

6. Reihe: Prunkvolle Villa in Bercianos del Real Camino.

              Rosenkranz um fünf in der provisorischen Kirche. Später waren alle

              Plätze belegt. 

7. Reihe: Madonnenfigur auf einem Tragegestell.

              Schwatz der Frauen nach dem Rosario. Die Männer verzog

              es in den Schankraum des Hostals.