BARFUSS IN DEN PYRENÄEN. WECKEN MIT SAKRALER MUSIK.

2. Etappe von Huntto über den Cisapass (1437 m) nach Roncesvalles/Orreaga: 22km

Eremitage. Paß von Roncesvalles oder Puerto de Ibañeta, 1057 m. Eine Gruppe Spanier wies uns den rechten Weg nach links.

Hier soll der Legende nach Roland den Tod gefunden haben; vgl. auch 3. Etappe. Das von Karl dem Großen hier gegründete Kloster nebst Hospital, in Dokumenten des 11./12. Jhs. erwähnt, wurde des öfteren zerstört. Alexander von Humboldt fand 1801 nur noch aufragende Mauern der S. Salvador-Kirche vor. Der nachfolgende Neubau brannte 1884 durch die Unvorsichtigkeit hier stationierter Soldaten ab. Bei den Ausgrabungen von 1934 fand man zwei Skelette von besonderer Körpergröße, die man gern als die von Roland und Olivier (Rolandslied) identifiziert hätte. Ein modernes Denkmal für Karl den Großen und seine 12 Paladine (adlige Ritter) wurde 1936 zerstört.

Etappe 2.

Barfuß in den Pyrenäen. Wecken mit sakraler Musik.

Das Wetter hat umgeschlagen, typisch für die Berge. Es ist regnerisch. Später wird es stürmen, es wird matschig. Es wird steil werden - von 490 m auf über 1437 m, dann bergab bis 952 Meter. Insgesamt an zwei Tagen 1250 Meter Anstieg. Na, klasse. DuMont aktiv beschreibt die erste Etappe wie folgt: „Anstrengender, langwieriger Anstieg, auf Asphalt wie auf Fuhrwegen (…). Der wichtigste Pyrenäenpass der Jakobspilger, der Cisa-Pass, hat eine lange Geschichte. Schon als Karl der Große ein Frankenheer darüber führte, war die Römerstraße 800 Jahre alt. Und am Ziel der ersten Etappe, in Roncesvalles, werden seit 800 Jahren Pilger aufgenommen.“ (Hinweis: Warum Dietrich Höllhuber von DumontAktiv hier den Col oder Alto de Lepoeder in Cisa-Pass umgetauft hat, vermag ich gegenwärtig nicht zu ergründen; an sich liegt er in Italien.) 

 

Elke und ich sind nicht die ersten, aber auch nicht die letzten, die frühmorgens den kurzen Weg zum Haupthaus queren. Mancher hat wohl auf das französische Frühstück verzichtet. Wir nicht, petit-déjeuner ist im Übernachtungspreis inbegriffen, und wer weiß, wann es wieder etwas Ordentliches zu essen gibt. Viertel vor acht Uhr, langsam reihen sich zwei zufriedene Pilger in die Schar Gleichgesinnter ein. Nur zweiundzwanzig Kilometer stehen uns bevor, die gestrigen 1 1/2 Stunden mit Hitze und steilen Wegen sind abgehakt, Schnee von gestern. Wir befinden uns jetzt auf einem Pfad, den Napoleon vor 200 Jahren als Nachschubroute nach Süden anlegen ließ. Seine Soldaten werden

gleichermaßen gekeucht haben.

 

Dazu passend die Jakobsfreunde Paderborn auf ihrer Website: „Bei unsicherer Witterung rate ich dringend ab, die Route Napoleon zu gehen. Immer wieder müssen unvernünftige Pilger (…) aus Bergnot gerettet werden!“ Der Reihe nach. Noch ist alles erträglich. Es ist wie an jedem Pilgertag, wie ich jetzt schon verraten kann, die ersten Kilometer spricht man noch mehr oder weniger ausgiebig miteinander, erzählt, was einem so auf dem Herzen liegt, bis, gerade-zu schleichend, die eigenen Gedanken überhand nehmen; man meditiert, freut sich, in dieser sonst so lauten Welt inne zu halten: nicht reden müssen und - schließlich - nicht denken müssen. Soweit ist es zu dieser frühen Stunde noch nicht.

Bilbao. Elegante Wohnanlage. 

 

Die Gedanken springen zurück, zur eleganten Wohnanlage in Bilbao mit dem Panther auf dem Dach; der berühmte englische Autobauer würde wohl vom Jaguar sprechen (XJ oder S-Type), zum Stones-Plakat, zu der von einem Bogen getragenen Zubizuri-Brücke, zur spanischen Bar mit der großen Auswahl an Kuchen und Tapas, und genauso gut schmeckte es. Wie gesagt, das war vorgestern, mittlerweile sieht alles anders aus. Es regnet, es stürmt, es ist steil, es ist diesig, es ist neblig, die Schönheiten des Weges werden nicht mehr richtig wahrgenommen: nicht die Marienstatue Òrisson, nicht das moderne Steinkreuz Thibault, nicht die Ruinen einer Kapelle in Elizaxar. Bis zur Herberge in Òrisson sollen es gut zwei Kilometer sein; sie ist nur in Umrissen zu erkennen, sie erinnert an eine Berghütte. Ohne Voranmeldung geht hier nichts, meine für vorgestern reservierten Betten sind, wie gesagt, für die Katz, alles ausgebucht. Schade, hier soll eine gute Atmosphäre herrschen. Selbst an guten, sonnigen Tagen ist die Pyrenäenüberquerung kein Pappenstiel.

Immer wieder wechseln sich halbwegs angenehm gehende Asphaltpisten mit steilen, in unserem Fall aufgeweichten Bergwegen ab, ob nun über Hochweiden oder durch einen Buchenwald. Bis zur Grenze, 150 Meter nach dem Rolandsbrunnen, sind es von hier noch knappe zehn Kilometer. Ich traue meinen Augen nicht, stoße Elke an, vor uns läuft doch tatsächlich ein barfüßiger Pilger. Es ist nicht gelogen „Was muss der für eine Hornhaut haben, wie lange muss der trainiert haben?“ Unter normalen Umständen hätte ich ihn ins Gespräch gezogen. Ich lass es, konzentriere mich auf den Weg. Der Matsch ist unerträglich, sacke manchmal knöcheltief ein. Fluche, bezweifele, ob meine Psyche und Physis ausreichen. 

Mitpilger kurz vor dem Grenzstein. Zuvor ging es noch durch knöcheltiefen Matsch.

 

Am französischen Grenzstein Saint Jacques de Compostela bitte ich Elke, mich zu fotografieren. Erkennt man mich überhaupt? Das Regencape lässt nicht viel frei vom Gesicht. Wenige Meter später Elke am baskischen Grenzstein Nafarroa, 1337 Meter hoch, etwas ungehalten: „Schon wieder ein Foto?“ „Ja.“ Bis zum Cisa-Pass sind es weitere einhundert Höhenmeter. Jetzt läuft jeder für sich, unendlich viele steile Meter hoch auf Schotterstraßen. Der Wind, der Sturm peitscht ins Gesicht. Elke naht, wir sollten uns eigentlich ordentlich ausruhen; wie denn, wo unterstellen? Es stürmt. Der Weg nimmt scheinbar kein Ende. Die Uhr schlägt viertel drei, stehen vor dem Rolandsdenkmal, der Ibaneta-Pass (1057 m) liegt hinter uns. Das Ende ist nun abzusehen. Obwohl: beinahe hätte ich mich doch tatsächlich verlaufen, wenn uns nicht einige Spanier zugerufen hätten. Dem Himmel sei Dank; nicht auszumalen, habe ich doch eh Mühe genug, Elke immer wieder anzuspornen.

 

 

Domenico Laffi, 1670/73

Die Hauptkirche (von Roncesvalles) liegt auf der linken Seite. Sie ist wirklich sehr alt, von Karl dem Großen gebaut, und bereits Bischof Turpin (8. Jh.) las dort eine Messe. Als wir ankamen, sangen sie eine feierliche Messe, in spanischer Tradition. Als Instrumente benutzten sie ausschließlich verschiedene Arten von Dudelsackpfeifen.

 

Wer das elent bawen wel, 13 Jh., 10. Strophe

Is ligen fünf berg im welschen lant, die seint uns pilgram wolbekant: der erste haist Runzevalle, und welcher bruoder darüber get, sein backen werden im schmale.

 

 

Roncesvalles. Das an der Straße nach Auritz/Burguete befindliche gotische Rolandkreuz erinnert an die Schlacht Karls des Großen vom 15.8.778. Die von Roland angeführte Nachhut wurde allerdings von den Basken völlig vernichtet. Diese schmerzvolle Niederlage, übrigens die einzige große Kaiser Karls, diente den Autoren des Chanson de Roland (Rolandslied) als Vorlage entstanden zwischen 1075 und 1110. Ein mittelalterliches Meisterwerk epischer Dichtung.

 

Hermann Künig von Vach, 1495

Nach einer weiteren Meile kommst du nach Sant Johans stat (St.-Jean-Pied-de-Port) (...). Nach fünf Meilen stößt du auf ein Kloster, das oben auf dem Rontzefall (Roncesvalles) liegt. (...) Dann folgen beträchtlich größere Meilen, bis du in eine Stadt kommst, die Pepelonia (Pamplona) heißt.

 

Domenico Laffi, 1670/73

Von hier (nahe Rolands Kreuz) kannst du Frankreich auf der östlichen und Spanien auf der westlichen Seite liegen sehen. Das ist der Platz, wo Roland so heftig in sein Horn blies, Karl den Großen um Hilfe anrufend, dass es zerbrach. Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen.

 

 

Roncesvalles (wörtliche deutsche Übersetzung: Täler der Dornensträucher), an sich ein völlig unbedeutendes baskisches Dörflein (baskisch Orreaga), wäre da nicht vor über 1200 Jahren der Spanienfeldzug Karls des Großen gewesen. Als Rache für die Zerstörung Pamplonas überfielen Basken die Nachhut des damaligen (Noch-) Königs und schufen so den Nimbus, den Heldenzyklus seines Vasallen Roland, mit eigentlichem Namen Hruotland. Später, einige Quellen führen das Jahr 813 n. Chr. an, wird der Ort immer wichtiger für die Jakobspilger vor allem aus Deutschland und der Schweiz. Roncesvalles gilt neben Cebreiro als eine der ältesten Stationen der Pilgerverpflegung. Die Stiftsherren von San Augustin übernahmen im 12. Jahrhundert das vom Bischof von Pamplona erbaute Kloster nebst Hospiz, das sich sodann der Pflege und der Speisung der compostelanischen Pilger widmete. Hier tankten die Pilger auf, hier bekamen sie endlich einmal, häufig nach etlichen Tagen, wieder etwas Anständiges zu essen und zu trinken. Die gotische Abtei des 13. Jahrhunderts beherbergt den gotischen Kapitelsaal mit dem Grabmal des navarrischen Königs und Erbauers der Real Colegiata, nämlich Sancho VII. dem Starken, einen schönen Kreuzgang, nicht zuletzt ein Museum mit dem Klosterschatz. Die Stiftskirche ist der Heiligen Maria von Roncesvalles gewidmet. Die holzgeschnitzte, sitzende Marienstatue ist von besonderer Schönheit. Die Santiago-Kapelle, unterhalb gelegen, weist ein spätromanisches Portal auf, daneben liegt der Silo de Carlomagno (eigentlich Heilig-Geist-Kapelle/Capilla Sancti Spiritus), das Gebeinhaus Karls des Großen. Die im Hospiz verstorbenen Pilger wurden hier bestattet, der Legende nach auch Roland und die Gefallenen der Schlacht von Anno Domini 778.

 

Herberge in der Abtei Roncesvalles.

 

Einige Meter noch, Roncesvalles ist in Sicht. Einer der berühmtesten und wichtigsten Orte des Camino. Das erste am Weg liegende Refugio, laut Reiseführer eine Jugendherberge innerhalb des Klosterareals, ist geschlossen; die zweite, etwas weiter nahe der Landstraße, öffnet erst um vier Uhr. Zeit genug, im Restaurant einen wärmenden Kakao zu trinken. Glücklicherweise werde ich darauf hingewiesen, rechtzeitig für das abendliche Pilgermenü zu reservieren. 

 

Die Herberge ist eine Wucht, zumindest an diesem Tag. Es ist ein alter, mittelalterlicher Schlafsaal mit rund 120 Betten, gemanagt von Holländern. Sie ist völlig ausgebucht, manche schlafen auf Matratzen — direkt vor den Sanitärräumen. Eine traumhafte Atmosphäre, absolute Ruhe ist angesagt, keine lauten Gespräche sind zu hören.
Der Raum hat eine besondere Akustik, und der Clou des Ganzen, morgens um sechs Uhr werden wir mit sakraler Musik geweckt. Wie viele andere auch gehen Elke und ich abends zur Messe. Der mittelalterliche Pilgersegen um acht stimmt uns ein - erteilt in drei Sprachen — Text she. Seite 127. Die Mitpilger vom Vorabend in Huntto begleiten uns. Gemütlich sitzen wir später mit dem bayerischen Brüderpaar und Franz aus Bad Waldsee am Pilgermenütisch. Es wird in zwei Etappen gegessen, so groß ist der Andrang. Nur am Rande: Franz ist passionierter Golfer. Ich kenne seinen Heimatplatz, hatte vor Jahren dort mit einem Geschäftspartner gespielt; ein interessanter, gut zu spielender Course.

Fotos von links

1. Reihe: Ein beschwerlicher Weg nimmt seinen Anfang. Später nur noch Regen.

              Grenzstein Frankreich / Spanien/Navarra

2. Reihe: Eremitage.

              Herberge Abtei Roncesvalles.

3. Reihe: Abteikirche Santa Maria.

              Gang zur Pilgermesse.

4. Reihe: Torbogen: Die Gottesmutter Maria beschützt von Engeln.

              Pilgermesse mit vier Zelebranten.

5. Reihe: Pilger beim Verlassen der Kirche nach der Hl. Messe.

              Kapelle des Heiligen Geistes. Silo de Carlomagno; Grabstätte der

              geschlagenen Nachhut (Roland) der Armee Karls des Großen.

              Pilgerkreuz, 14. Jh.; 1880 von Prior D. Francisco Polit aufgestellt.

6. Reihe: Das alte Kreuz war 1794 von den Franzosen zerstört worden. Es

              wurde damals Rolandkreuz genannt. 

              Marienbildstock: Maria mit dem Jesuskind. Mehr zu dieser Stele

              unter dem Punkt Kathedralen > Roncesvalles.