EINE ETAPPE, DIE VIELEN PILGERN SORGE BEREITET. ALLES HALB SO SCHLIMM.

19. Etappe von Carrion de los Condes über Calzadilla de la Cueza nach Terradillos de los Templarius: 28 km

Meseta. Mit zunehmender Dauer wird es heißer. Um 06:43h rahmen noch Sträucher den Weg, um 08:46h nur noch Weite. 

Hier beginnt der angeblich so harte Weg.

 

Etappe 19.

Eine Etappe, die vielen Pilgern Sorge bereitet. Alles halb so schlimm.

Beide Reiseführer übertreiben maßlos. Der eine spricht von einem der härtesten und spirituell aufregendsten Wege, der andere empfiehlt, eine zusätzliche Flasche Wasser dabei zu haben, auch wenn der Rucksack aus den Nähten platzen sollte. Ich weiß nicht, wann die Herren gegangen sind. Sehr wahrscheinlich hat man von irgendeinem Autor abgeschrieben. Selbst bei größter Hitze ist diese Etappe gut zu schaffen, denn letzten Endes spielt sich das sogenannte Drama nur auf einigen wenigen Kilometern der in Rede stehenden Etappe, mitnichten auf den kompletten 17 km ab. Später mehr.

 

Morgens um halb sieben ist die Welt eben nicht in Ordnung. Wir reihen uns ein, ungelogen, in Pilgermassen, vor, hinter uns auf dem Camino. Alle haben sich verrückt machen lassen. Am Vortag in Carrion de los Condes sprach der Engländer vom no-mansland, „if you would see a skeleton, it would be mine.“ Das grenzt schon an Hysterie. Und was das schlimmste ist, von Spiritualität ist nichts zu spüren, aber auch rein gar nichts. Das Geschnattere raubt einem die Sinne. Nicht nur die Frauen sind es, nein, am lautesten sind die Südländer. Wenn sie doch nur Paulo Coelho richtig gelesen hätten. 

Calzadilla de la Cueza. Hostal-Restaurant. 

 

Elke läuft wie ein Uhrwerk, stoisch, ihr Jammern über die Füße nehme ich ihr nicht ab. Sie ist phantastisch — gut drauf. Das einzige Problem, das sich Elke vor allem heute stellt, ist, distinguiert ausgedrückt, der Toilettengang. Wo? Vor einem, hinter einem Menschen, kein Baum, kein Strauch. Glaubt es mir, eine Lösung gibt`s immer. Der Inhaber der auf halben Weg nach Calzadilla de la Cueza gelegenen Bar El Oasi stellt keine Toilette zur Verfügung. Ein geschäftstüchtiger Mann, warum? Er nutzt die Situation aus. In den Orten kostet die Cola einsfuffzig, er nimmt drei Euro. Um halb elf ist der Spuk vorbei. Elke reibt, cremt sich ihre Füße ein.


Tatort: Hostal-Restaurant in Calzadilla de la Cueza. Selbstverständlich besorge ich mir in der Bar den obligatorischen Stempel. Habe ich eigentlich schon gesagt, dass ich grundsätzlich dafür verantwortlich bin? Es ist wirklich noch zu früh hierzubleiben. Was sollen wir in diesem Kaff den ganzen Tag machen? Eine Hauptstraße, drei kleine Seitenstraßen. Elke stimmt schweren Herzens zu, Terradillos de los Templarios anzusteuern, weitere 10,1 km von dann insgesamt achtundzwanzig gelaufenen Kilometern. Ich kann es nur wiederholen: reife Leistung. 

Terradillos de  los Templarius. Albergue Los Templarius.

 

Mir reicht es, habe genug. Die Sonne brennt, es ist viertel nach eins. Elke möchte ein Doppelzimmer buchen. Die Albergue Los Templarios bietet es an. Fünfunddreißig Euro die Nacht, nur ein Mehr von rund 21 € für uns beide. Das ist machbar, vertretbar. Tja, wie fast an jedem Tag, muss ich jetzt ran, die Wäsche machen. Hinterm Haus gibt`s ein großes Waschbecken, genügend Leinen sind gespannt. Die Wäsche wird schnell trocknen, es ist sehr windig und heiß jenseits der 30°. Der Ort war früher im Besitz des Templerordens. In Terradillos gibt es noch eine zweite Herberge. Sie ist nach Jaques de Molay benannt, jenem Hochmeister des Ordens, der A.D. 1314 auf Geheiß des französischen Königs Phillip IV. auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden ist. Mehr zu den Templern werde ich im Rahmen der 25. Etappe nach Rabanal del Camino schreiben.


 

Wer das elent bawen wel, 13. Jh., Strophe 17

Der spitalmeister war eyn zornik man, der greulich hat dich herein gethan, daz nympt mich nimmer wunder, und werstu nit eyn welscher man, ich vergeb dir wie die teutschen hunde.


 

In Ledigos, laut Outdoor 6,6 km von Terradillos entfernt, kann man sehr gut die frühere Lebensweise nachempfinden: einfach, zumeist ärmlich in Lehmhäusern wohnen. Heute spielt sich alles in den Städten ab. Hier dagegen vollautomatisierte Landwirtschaft, also einerseits keine Tagelöhner mehr, andererseits bluten diese Dörfer aus.

 

Der Tag klingt mit einem Pilgermenü aus. Ich weiß nicht warum, als es ums Bezahlen geht, ich hatte Trinkgeld gegeben, bekomme ich von der Bedienung eine Flasche Aqua und einen Apfel gratis. Schöne Geste.


 

Wer das elent bawen wel, 13. Jh., Strophe 18

Und da is an den abent kam, die brüder wolten schlafen gan, der pilgram wollt schlafen alleine: Spitalmeister, lieber spitalmeister meyn ! Die pet sein nit gar reine.


 

Fotos von links

1. Reihe: Vorbei am alten Kloster San Zoilo. 948 als Klostergemeinde des hl.

              Johannes des Täufers erwähnt. Infolge der Translation der Reliquien

              der heiligen Felix und Zoilo aus Cordoba umbenannt. Zoilo entstammte

              einem römischen Adelsgeschlecht, konvertierte zum Christentum und

              wurde um 300 n. Chr. unter Kaiser Diokletian ermordet. Durch die

              besondere Lage am Camino kam das Kloster zu Wohlstand. Nach und

              nach verlor es (ehedem einer der wichtigsten Stützpunkte des franz.

              Cluny) seine Bedeutung. Der von Jesuiten 1851 übernommene

              Komplex (Priesterseminar) bestand bis 1958, bis 1992 weiterhin als

              als kleines Seminar der Diözese Palencia. Heute ist es ein Hotel.

              Halb sieben. Eine Stunde bereits auf Achse.

2. Reihe: Alter Grenzstein.

              Pilgerwegzeichen mitten auf dem Weg.

3. Reihe: Albergue Los Templarius in Terradillos de los Templarius.

              Wandbemalung Albergue Jacques de Molay in Terradillos. Einer

              Legende zufolge begruben die letzten Ordensangehörigen hier

              im 14. Jh. ein Huhn, das goldene Eier legte. Vor nicht langer Zeit     

              wurden Reste einer mittelalterlichen Nekrolpole mit rund zweihundert

              Gräbern und Resten einer ehemaligen Siedlung gefunden.