GEBAHNTE FUSSWEGE. WARUM NICHT?           EINE LEICHTE STRECKE.

18. Etappe von Fromista über Villalcazar de Sirga nach Carrion de los Condes: 20 km

Villalcazar. Iglesia Santa Maria. Voll von wahren Schätzen, so spricht man. Leider an diesem Tag (noch) nicht geöffnet.

Etappe 18.

Gebahnte Fußwege. Warum nicht? Eine leichte Strecke.

Halb sechs. Merke, dass Elke auch wach ist. Warum sollen wir die Zeit verplempern, stehen wir also auf, ruhig und leise wie gehabt. Obwohl: Elke würde so gerne mal wieder länger schlafen. Der Schichtdienst steckt ihr immer noch in den Knochen. Was ist zu tun? Für heute kenne ich das Programm, es geht in Richtung Carrion de los Condes. Werden wohl nur bis dorthin gehen, 20 km. Hinter Carrion sind die Unterbringungsmöglichkeiten rar gesät. Die angeblich so berüchtigte als Pilgerautobahn beschriebene Strecke ist gar nicht so übel. Wenn es danach ginge, sollte es nur Waldwege geben, natürlich ohne Regen und Schnee, und zu heiß dürfte es auch nicht sein. Rubbish.

 

Liber Sancti Jacobi, 12. Jh.

Dies sind die Namen einiger Straßenbauer, die zu Zeiten des Erzbischofs Diego von Compostela, des Kaisers Alfons von Spanien und Galicien und des Papstes Calixt den Jakobsweg von Rabanal bis zur Minobrücke aus Liebe zu Gott und zu seinem Apostel instand setzten. Dies geschah vor dem Jahr 1120 unter der Regierung des Königs Alfons von Aragonien und Ludwigs des Dicken von Frankreich: Andreas, Roger, Alvitus, Fortus, Arnold, Stephan und schließlich Petrus, der die von Königin Urraca zerstörte Minobrücke wiedererbaute. Die Seelen dieser Männer und ihrer Helfer mögen ewig in Frieden ruhen.



Villalcazar. Santa Maria la Blanca, 13. Jh., romanisch/gotisch.

 

Seit 1069 erstmals als Pilgerstation erwähnt. Längere Zeit infolge Schenkung im Besitz der Tempelritter bis zur Auflösung des Ordens 1312. Danach führte der Orden der Santiagoritter das Kommando.

Der Ort ist auch bekannt für seine wundersamen Heilungen, die eine Marienfigur vor allem im 13. Jahrhundert bewirkt haben soll. Das soll König Alfons X. der Weise angeregt haben, die Mariengesänge "Cantigas de Santa Maria" zu initieren.   

 

Fotos:

Der Ort Villovieco, knapp 2 Std. hinter Fromista.

Iglesia Santa Maria in Villalcazar de Sirga. Christus der Pantokrator, darunter die Gottesmutter Maria mit dem Jesuskind, jeweils von Heiligen umgeben.

Adobe-Bauweise. 

 

Die Gegend ist bekannt für ihre Adobe-Bauweise. Nicht nur die Taubenhäuser, auch Wohnhäuser und teils die Kirchen sind aus Lehm gebaut. Es gibt halt keine Steine hier.

 

In Villalcazar, einem an sich unbedeutenden Dorf, soll es wahre Kunstschätze geben. Was nützt mir der Hinweis, wenn auch diese Kirche geschlossen ist. Schon wieder einen prachtvollen, romanischen Toreingang abbilden? Elke will es wissen: „Peter, ist geschlossen.“

Man muss die Wirklichkeit so nehmen, wie sie ist. Sind wir dankbar für das, was gegeben ist: „Der Pilgerweg des Heiligen Jakob ist wie das Leben, wir sind in der Welt nur auf der Durchreise. (…) Der Berg der Verklärung (also die Kathedrale in Santiago) steht für die Sehnsucht nach einer zukünftigen Welt, in der keiner mehr weinen muss, außer vor Freude. Was bleibt sind die Bilder eines Himmels, der sich zuweilen öffnet.“ Das sagte 2006 der Autor eines wirklich mal guten TV-Films über den Jakobsweg.  

 

Es bleibt heiß. Sind uns einig, heute first class zu übernachten. In Carrion gibt es ein Dreisternehotel, das Real Monasterio San Zoilo, ein ehemaliges Kloster. Das haben wir uns redlich verdient. Obwohl: für die toughen, richtigen Pilger kommt nur die Herberge infrage.

 

Carrion de los Condes. Jakobuspilger. 

 

Ein grimmig ausschauender Jakobus-Pilger empfängt uns in Carrion de los Condes, mitten auf der Kreuzung. Unmittelbar hinter der Statue befindet sich die Iglesia Santa Maria del Camino mit vielen, wunderschönen Marienfiguren. Ich wiederhole mich gerne: Filigrane Arbeit vom Feinsten. „Der mittelalterliche Pilger vertraute nicht von ungefähr auf das mütterliche Lächeln der Virgenes del Camino. Überall am Wegesrand sah er die Augen der Madonna herabblicken von den Eremitagen, von den Kapellen, von den beeindruckend schönen und mächtigen Kathedralen. Das vermittelte ihm Sicherheit und Geborgenheit.“ Maria, Sedes Sapientiae, die Weisheit Gottes.

 

 

Hermann Künig von Vach, 1495

Nach einer einer Meile stößt du auf eine Stadt, die Garrion heißt, sie hat eine Brücke, die ansehnlich ist. Dort gibt man in zwei Klöstern Wein und Brot.

 

 

Elke stößt mich. „Du, die nette Koreanerin will was von dir.“ Ich dreh mich um. Aufgeregt spricht sie mich an: „Won`t you go with us to the albergue? That`s the right way.“ Die drei jungen Frauen, ihr Begleiter ist (noch) nicht dabei, folgen einer Nonne zur Herberge der Klarissen ins Kloster Santa Klara. Schade, dass wir uns schon anderweitig festgelegt haben. Nebenbei, das angebliche so tolle Hotel gefällt uns überhaupt nicht. Die Entlüftungsanlage gibt die ganze Nacht über unangenehme Geräusche von sich. Folge: ich schlafe wahnsinnig schlecht. Es hilft auch nicht, dass ich den Schacht mit einem Handtuch abdecke. Carrion lebt von den Pilgern, das Hotel offensichtlich nicht. Die vier Koreanerinnen jedenfalls haben es richtig gemacht. Ihnen wurde von den Nonnen ein schönes, auch kontemplatives Programm geboten.

 

Carrion de los Condes. Im Hochmittelalter war Carrión de los Condes eine sehr wohlhabende Stadt, in der Reichstage und Synoden abgehalten wurden. Der Pilgerführer Liber Sancti Jacobi aus dem 12. Jahrhundert rühmt es als reich an Brot und Wein. Das Portal der romanischen Jakobskirche zeigt 22 Handwerker, die durch die zahlreichen Pilger reichlich Arbeit fanden. Die andere romanische Kirche des Ortes, Santa Maria del Camino, konzentriert sich auf das „Stierwunder“, bei dem 100 junge Mädchen, die als Tribut an die Mauren ausgeliefert werden sollten, von zwei Stieren gerettet wurden. Hintergrund sind die maurischen Tributforderungen an Andersgläubige, auf denen der maurische Haushalt zu großen Teilen basierte. Dort kann man mehr lesen. Carrion de los Condes sollte jedem Spanier bekannt sein. Spielte sich doch hier ein Teil des Dramas Cantar de Mio Cid um eben jenen Nationalhelden El Cid ab, der sich lange nicht entscheiden konnte, ob er für die Christen oder die Mauren kämpfen sollte. Der Legende nach sollen die in Carrion herrschenden Grafen El Cid nachgestellt haben, wahrscheinlich aus Neid. Andererseits scheint alles nur fiktiv zu sein nach dem Motto, wo ein Guter agiert, muss auch ein Böser sein, schon allein der Dramaturgie wegen. Egal, auch der heutige Pilger verlässt eben auf jener mittelalterlichen Brücke die Stadt, auf der sich die Grafen mit den Cid-Anhängern heftige Scharmützel geliefert haben. Waren gar hier die Protagonisten Sofia Loren und Charlton Heston zu Besuch?

Ab dem 16. Jahrhundert verlor der Ort, die Ursprünge reichen bis in keltiberische Zeiten zurück, seine Bedeutung. Der Brand von 1811 und die Säkularisierung von 1835 taten ein übriges. Westgoten wie Mauren herrschten bis zur Re-Conquista König Alfonsos II. el Casto der Jahre 791 bis 842. Aus Dankbarkeit nannten die Bewohner den Ort Santa Maria de Carrion. 

Zurück zu den jungen Damen aus Seoul. Aus Funk und TV weiß man/frau, dass die Asiaten gerne und häufig lächeln, dass man sich letztlich fragt, ist das überhaupt echt. Nun, wenn ich diese jungen Damen betrachte, kann ich nicht umhin, ihnen eine herzliche, strahlende, ausgesprochen freundlich wirkende Aura zu attestieren. Elke und ich haben die Vier von Hornillos bis Bercianos jeden Tag mehrmals gesehen, gesprochen. Ein so strahlendes Lächeln und Zuwinken kenne ich gar nicht. Wie überhaupt festzustellen ist, die Nordeuropäer, dazu zähle ich auch die Deutschen, sind, was diese Adjektive angeht, mehr als sparsam. Brasilianer, Südeuropäer sind da ganz anders.

Vor ein paar Tagen war es. Wir sitzen in irgendeiner Bar, frühmorgens beim Frühstück. Neben uns ein Ehepaar, das die Koreanerinnen besser kennt. Kommt doch eine der drei auf uns zu, hebt den Zeigefinger, flüstert leise, dass ihre Freundin nichts mitbekommt, deutet an, dass selbige heute Nacht doch arg geschnarcht habe. Ja, ich weiß, wen sie meint. In Hornillos lag sie nur ein Bett entfernt von mir.


Die heilige Messe wird um sieben Uhr abends gelesen. „Nein“, sagt Elke, „den ganzen Weg vom Hotel zurück, bei dieser Hitze, das musst du verstehen.“ Okay. Man soll`s auch nicht übertreiben. Es wird nicht spät, noch schnell ein Bier auf der Hotelterrasse getrunken, ab ins Bett. Knappe sechs Stunden Marsch stecken in den Knochen.  

 

Drei Stunden zurück. Das Lokal direkt gegenüber der Kathedrale wirbt mit einem kostengünstigen Pilgermenü. Wollen wir, wollen wir nicht? Gibt`s andere Restaurants? Nein, dieses hat bereits nachmittags geöffnet, nicht erst ab acht Uhr abends. „Komm, lass` uns wieder rausgehen, ist viel zu voll hier,“ ich zu Elke. Elke schaut skeptisch, sie ist hungrig. Kaum aus der Tür getreten, ruft uns der geschäftstüchtige Ober nach: „You want to eat?“ „Yes.“ Er ist Chef des Servicepersonals. Ratzfatz sitzen wir an einem guten Tisch, dinieren wieder für einen Spottpreis mit allem Drum und Dran — im Hostal la Corte. “Wie finanzieren die das eigentlich?“ „Ich weiß es nicht, vielleicht werden sie subventioniert“, meine Antwort. Staunend beobachte ich das Geschehen: Zwei nicht miteinander bekannte Familien feiern, essen, trinken, vom Baby über den Halbwüchsigen bis zum Großvater; alles vertreten.

Fotos von links. Carrion de los Condes.

1. Reihe: Auf dem Weg in die Innenstadt. 

              Gediegener Alterswohnsitz.

2. Reihe: Iglesia Santa Maria.

              Direkt vor der Kirche. Er erfuhr alle Aufmerksamkeit.

3./4. R.:  Heiligenfiguren.

5. Reihe: Ehemalige Iglesia Santiago. 1160 geweiht. Auch hier zerstörte der

              Brand von 1811 das Innere der Kirche. Danach wurde sie noch bis

              1970 als Gotteshaus genutzt. Ab 1993 Museum für sakrale Kunst.

              Das Hauptportal zeigt neben Heiligenfiguren und Geschichten der

              Bibel viele unterschiedliche Handwerker und Zünfte der Stadt:

              verschiedene Schmiede, Wirt, Metallarbeiter, Münzer, Koch, einen

              Schreiber und Mönch, Soldaten, Klagefrauen, Musiker, etc. Im

              Zentrum steht wieder Christus als Pantokrator, Weltenherrscher,

              links neben ihm Jakobus der Ältere, und weitere Apostel.