MESETA PUR. EINE GERICHTSSÄULE, DIE DAS FÜRCHTEN LEHRT.

17. Etappe von Castrojeriz über Boadilla del Camino nach Fromista: 26 km

Kurz hinter Otero Largo. Nach Verlassen der (tischflachen) Meseta noch circa vier Kilometer bis nach Boadilla del Camino.

Blick zurück auf Castrojeriz. 1,2km mit 12% Steigung.

 

„Wegen der steilen Strecke am Beginn mittelschwer,“ so schreibt Dr. Höllhuber von DuMont (13). Mann, das ist eine Hammerstrecke! Die Steigungen in den Pyrenäen haben mir nicht so viel Mühe bereitet wie diese 12% auf mehr als 1200 Meter Länge.  Es gibt nur wenige, die ohne anzuhalten durchlaufen.

 

Der Blick zurück auf Castrojeriz entschädigt für die erlittenen Qualen. Wobei: eine Gruppe lärmender Spanier macht alles zunichte. Wir lassen sie ein wenig vorgehen. Aber so langsam können Elke und ich gar nicht gehen. Sie spazieren im Zickzack den steilen Abhang hinunter. Das muss ja wohl `mal im Fernsehen gezeigt worden sein. Die Meseta ist schnell durchquert. Kuchen, Kit Kat, Schokoriegel, Aqua, das sind die Bestandteile von Frühstück und Wegzehrung, seit Tagen. Gestern hatte ich arge Probleme: zwei Bier bei der Hitze waren zuviel für meinen Kreislauf. Heute geht`s ausgesprochen gut. So ist das halt. Die Sonne kämpft sich erst im Laufe des Vormittags durch die Wolken, und das ist gut so; schwül ist ist es dennoch. 8Uhr30, Elke stößt mich an: "Jetzt sind wir schon fast zwei Stunden gelaufen, ich brauch ne Pause." "Warte noch ein paar Minuten, gleich kommt die Lausquelle." Auf Spanisch Fuente del Piojo. Die Steinbänke sind arg kalt. Für einen Kaffee reicht es. 

 

Boadilla del Camino liegt in der Senke. Bevor ich mich der Gerichtssäule widme, muß noch die mittelalterliche Brücke über den Rio Pisuerga überquert werden, unmittelbar in der Nähe der mittelalterlichen Ermita de San Nicolas, vor einigen Jahren von einer italienischen Laien-Bruderschaft renoviert. Der Wirt des En el Camino, Casa Rural (Herberge plus Hostal) ist ein lustiger, witziger Typ, er spricht Englisch und Deutsch recht gut. Leider ist es um viertel nach elf zu früh hierzubleiben, sodass wir sein tolles Anwesen nicht länger genießen können. Seine uns kredenzte Suppe schmeckt recht eigenwillig. Elke mag sie überhaupt nicht. Da wir bis dahin noch nicht viel gegessen haben, überwinde ich mich, schlürfe zwei, drei Löffel. Das soll aber den guten Eindruck von dieser Herberge überhaupt nicht trüben.

 

Fotos von links

1. Reihe: Fuente del Piojo / Lausquelle. 1 1/2 Stunden vor Itero. 

              Ermita de San Nicolas. 

2. Reihe: Romanische Brücke von Itero über den Rio Pisuerga.

              Auch eine Gerichtssäule in Itero de le Vega?

 

Gerichtssäule Boadilla del Camino. Rollo jurisdiccional, spätgotisch aus dem 14. Jahrhundert; mit reicher Verzierung — auf Jakobus bezogen.


Die damaligen Sitten waren recht übel. Die Verurteilten wurden an die Säule gebunden. Strophe 14 des Lieds Wer das elent bawen wel besingt das expressiv verbis.

 

Fotos Herberge, Restaurant und Casa Rural "En el Camino" in Boadillo del Camino.

Tierra de Campos. Kanal aus dem 18. Jahrhundert.

 

Es verbleiben noch etwas mehr als 6 km bis Fromista. Wir gehen die nächsten Kilometer immer einem Kanal entlang, ein Meisterwerk der Baukunst des 18. Jhs. Er dient der Bewässerung der Tierra de Campos. Wikipedia formuliert es auf englisch so: „(…) is a large and natural region, located on a plateau with an average height of around 720 m, it`s geography is typical of the Meseta Central. The ground is mostly made up of quite compact clay.“ Die rote Farbe des Bodens erinnert mich an Oklahoma. Später dazu mehr. Am Ortseingang staut es sich. Eine Gruppe Radrennfahrer diskutiert, wie das Rad über die Schleuse bringen.

 

 

Wer das elent bawen wel, 13. Jh., Strophe 15

Der könig der war eyn biderman, in bilgramkleider legt er sich an, seyn spital wolt er beschawen, was im die teutschen brüder sagten, das wolt er nit glauben. Strophe 16: Da gieng er in daz spital eyn, er hiesz im bringen brot und weyn, die supp die was nit reine: Spitalmeister, lieber spitalmeister mein! Die brot seint vil zu kleine.


 

“Ich fühle, dass ich bin. Ich habe den Ruf des Weges gehört, verarbeitet, könnte immer so weiter gehen.“ Das sind die Worte eines Reiseschriftstellers, der anfangs nicht glauben wollte, dass der Weg verändert. Von diesen philosophischen Gedanken weg zum Profanen des Weges. Wo eine Unterkunft finden? Wie Elke ist es mir zu heiß, weiter unnötige Schritte zu gehen, zu suchen. Direkt hinter der Bahn gibt`s eine Herberge. Okay, der Bahnhof sieht schnieke aus, die Herberge weniger, so la la. Schnell die Wäsche gemacht, aufgehängt. Minuten später muss ich sie wieder abhängen, die Besitzerin reklamiert die Leine für sich. Eine freundliche Koreanerin nickt Elke zu, als sie die trockenen Sachen abnimmt. An sich ist es viel zu heiß, einen Bummel in die Stadt zu machen. Nun, in Fromista steht eine der vier großen frühen romanischen Kirchen des Jakobsweges. Ein Muss. Bevor das in Angriff genommen wird, gibt`s zwei Bier: dos cerveza. Und jetzt bringt sich der nette Shaun wieder in Erinnerung. Er macht mir Komplimente: mein Englisch sei wirklich gut. Glatte Lüge. Sei`s drum, er empfiehlt Elke und mir, sich unbedingt die Kirche San Pedro anzuschauen. Das stimmt, im Hintergrund dezente, sakrale Musik und viele Heiligenfiguren. Vorher zeigt er uns den Weg zu einem kleinen, versteckt liegenden Laden, wo wir unsere Vorräte auffrischen können: Saft, Wasser, Süßigkeiten, Kekse, Kuchen. 

Fotos von links

1. Reihe: Schleuse Ortseingang Fromista.

              Bahnstation Fromista. Heiß, leer.

2. Reihe: Herberge, direkt an der Bahn in Fromista.

              Schlafsaal.

Fromista. San Martin.

 

Das Mittelalter war durchaus nicht prüde. Vom Unterlagenstudium weiß ich, dass es unter den 350 Konsolsteinen (Tiere, Fratzen, usw.) einen Stein geben soll, der einen Phallus darstellt. Ich wollte es nicht glauben, ich habe gefragt, es stimmt.

 

Eine äußerst erfreuliche Begegnung nimmt ihren Anfang, die sich im Verlauf der Tour ausweiten, gar herzlich wird. Vier Koreaner sitzen uns in der Herberge beim Pilgermenü im Rücken. Plötzlich spricht mich einer der vier an, englisch, deutsch. Er erzählt, dass seine Frau bemerkt habe, dass Elke und ich uns liebevoll einander zugetan sein müssen, so jedenfalls hätten wir uns verhalten. Das stimmt zwar, überrascht hat`s uns beide die Aussage gleichwohl. In der Schule hätte er Konjugieren, alle Präpositionen auswendig lernen müssen. Eine nette Geste der Koreaner. Es sind Personen des öffentlichen Lebens in Korea, wie ich später für mich subsumiere.

 

Domenico Laffi, 1670/73

An dieser Stelle sollte ich erklären, dass die Spanier ausgesprochen hilfsbereit sind. Überall gibt man dir ohne zu zögern Brot und Wein, und wenn es einmal kein Hospiz gibt, dann hilft dir der örtliche Polizist weiter.  

 

 

Laffis gute Einschätzung hat es wohl nicht zu allen Zeiten gegeben. Einhunderteinundsiebzig Jahre zuvor schrieb Arnold von Harff vom Niederrhein Bitterböses:

 

Arnold von Harff, 1499

Summa summarum ist Spanien ein noch schlimmeres Land (im Umgang) mit der Christenheit, als ich es in der Türkei angetroffen habe.

 

 

Elke und ich machen durchweg positive Erfahrungen. Hilfsbereitschaft ist immer angesagt; na ja, mit der Fremdsprache Englisch haben sie`s nicht so. Manche sind sehr geschäftstüchtig, manche weniger, wie überall, in Deutschland, anderswo. - Zeit für ein Telefonat mit Gero. Er muß für einige Tage nach Zürich-Schindelleggi zur Zentrale seiner Firma jetten. „Na ja, da kannste dich ja profilieren.“ „Ja, das stimmt schon, muss aber aufpassen, dass es nicht nach hinten losgeht.“ „Quatsch, du doch nicht.“ Es ist noch zu früh, zu Bett zu gehen. Wie das meine Art ist, spreche ich eine Pilgerin an. Sie ist eine Deutsche aus dem schönen Thüringer Land, genauer gesagt vom Eichsfeld, Polizistin, Oberkommissarin, katholisch dazu. Danach habe ich sie nun wirklich nicht explizit befragt. Das Menü schmeckt sehr gut. Wie gehabt für gut 10 Euro drei Gänge mit einer Flasche Rose, Aqua und Dessert, für mich selbstredend Helado. Elke bestellt —natürlich— Flan.

 

Fromista. San Martin. 1066 Anno Domini von Dona Mayor gestiftet, Witwe des bedeutenden Königs Sancho III. von Navarra. 1896 bis 1904 behutsam restauriert. Auch berühmt wegen der 350 Konsolfiguren am Dach: Pflanzen, Ornamente, Tiere (Raubkatzen), Fabelwesen, Monster, Menschen. Der Innenraum wirkt/ist kahl. Kapitelle zeigen fein gearbeitete Pflanzenbänder, Tierdarstellungen und sündige wie tugendhafte Menschen.

 

Domenico Laffi, 1670/73

Nach dem Kirchgang schauten wir uns in der Stadt um. Das Abendbrot mit Wein und Brot nahmen wir zusammen mit den Deutschen ein; sie waren auch in der Stadt gewesen und hatten dort ihre Pergament-Heiligenbildchen verkauft

Fotos Fromista.

1. Reihe: Innenraum San Martin.

              Konsolfiguren von San Martin.

2. Reihe: Kapitelle von San Martin.

3. Reihe: Iglesia San Pedro. Altar.

              Gottesmutter.