"ELKE, WIR MÜSSEN MEHR TRINKEN." AUFMERKSAME ZUHÖRER.

15. Etappe von Burgos über Tardajos nach Hornillos del Camino: 21 km

Rabe de las Calzadas. Die meisten Brunnen von Burgos bis Leon sollen kein sauberes Wasser führen.

Hornillos del Camino. Ein Engländer meditiert. In Carrion de los Condes sprechen wir ihn wieder. Ein lustiger Typ. Und noch einmal treffen wir ihn in Leon, in der heiligen Messe. Ein nachdenklicher Typ.

 

Etappe 15.

„Elke, wir müssen mehr trinken.“ Aufmerksame Zuhörer.

Es ist langweilig, immer wieder erwähnen zu müssen, dass die Spanier es vorziehen, morgens auszuschlafen. Keck, wie ich nun `mal bin, frage ich die Hotelrezeptionistin, warum das so sei. Lachend, gleichwohl entrüstet antwortet sie, ob ich gar sagen wolle, die Spanier seien nicht so fleißig? Wie wer…? Outdoor empfiehlt den Weg durch den Park El Parral. Wir nehmen den neben der Straße, überqueren dabei eine geschichtsträchtige Brücke, hinter der eine Statue steht, die mich fasziniert. Ist doch gut, wenn man sich nicht immer auf den Reiseführer verlässt. Es ist Santo Domingo, Heiliger und Brückenbauer zugleich, Namensgeber der Stadt Santo Domingo de la Calzada. Auf ihn soll der Bau obiger Brücke zurückgehen, wohlgemerkt: wir sprechen vom 11. Jahrhundert.

 

Du mit deinem Trinken, ich will nicht.“ Ich lass mich aber nicht darauf ein, insistiere so lange, bis Elke nachgibt. Wir müssen einfach mehr trinken. Auch wenn`s jeweils nur ein kleiner Schluck ist. Auf die meisten der jetzt kommenden Brunnen können wir uns nicht verlassen, sie führen kein sauberes Trinkwasser. Hinter Leon wird`s dann wieder besser. 

Die Meseta hat mich eingefangen. Hitze, Einsamkeit, keine lauten Gespräche wandernder Menschen. Exakt so habe ich mir das vorgestellt: anstrengend, heiß, still, den Gedanken nachhängen, keine Seele weit und breit. Das ändert sich im Nu nahe Hornillos del Camino. Es gibt nur zwei Hostals und eine Herberge. Der Run beginnt. Das erste Hostal ist ausgebucht, mit dem zweiten kann ich mich nicht verständlich machen. Bis wir raffen, dass die Eingangstür zur Herberge nur mit Krafteinsatz zu öffnen ist, vergeht kostbare Zeit. Wir wenden uns ab und merken nicht, dass sich mittlerweile im Treppenhaus eine Warteschlange gebildet kann. Rechtzeitig erkennen wir den Irrtum und ergattern gerade noch zwei Plätze. Es wird immer heißer. Schattenspendende Plätze sind rar geworden. Mit uns im Raum liegen Menschen aus Australien, England, Dänemark, Korea, Spanien. Eine Toilette, zwei Duschen für 10 Personen. Der Spanier nutzt die Gunst der Stunde, duscht ausgiebig. Später werden wir überrascht feststellen, dass er nicht nur keinen Schlafsack dabei hat, dass er sich mit der versifften Wolldecke des Hauses zudeckt.  

Herberge. Hornillos del Camino.

 

Und womit ich überhaupt nicht gerechnet habe, nicht nur der Spanier, nein, auch die junge, sympathische Koreanerin schnarcht ordentlich. Beim nachmittäglichen Dinner (Pilgermenü) sitzen zwei deutsche Ehepaare neben uns. Sie hatten wir im Burgos-Hotel Kartenspielen gesehen. Ihr Kofferservice scheint prächtig zu klappen. Gönnerhaft verlassen sie das Lokal mit der spitzen Bemerkung: "Die armen Pilger sollen ja auch noch was zu essen kriegen."


Es ist unerträglich heiß. Das einzig Positive daran ist, die Wäsche trocknet ausgesprochen schnell. Alle hängen herum, die schattenspendenden Plätze sind belegt. Neben uns sitzt ein Engländer, so vor sich hin dösend, eine Dose Bier auf dem Tisch. Die gegenüberliegende Bar wird bald keine Getränke mehr ausschenken können, oder vielleicht doch? Die Müllsäcke quellen über mit leeren Dosen. Ob der Brunnen trinkbares Wasser führt? Nur wenige machen sich an ihm zu schaffen.

 

Domenico Laffi, 1670/73

Wir setzten unseren Weg fort, trafen drei Deutsche, die auf dem Weg nach Galicia waren. Wir begleiteten sie. Da die Wölfe sehr gefährlich sind, rät man uns, den Ort erst in den Vormittagsstunden zu verlassen, nachdem die Schafsherden bereits auf die Felder getrieben worden sind.

 

 

Zu Räto. Räto, 45 Jahre, ist Schweizer Geschäftsmann, Branche Internet, offensichtlich erfolgreich. Mit 23 zum ersten Mal Vater geworden, drei erwachsene Kinder. Jetzt will er auch mal nur für sich sein. Nicht nur schuften, auf Geschäftsreisen sein. Was bietet sich da besseres an, als den Jakobsweg zu gehen? Seine Frau riet ihm zu. In gut dreißig Tagen will er am Ziel sein. Nach Möglichkeit für sich alleine gehen, mit wenigen Leuten sprechen, zu sich selbst finden. Tja, und was macht er? Er spricht nicht nur mich an, so oft wir ihn sehen ist er in Begleitung, in der Gruppe oder mit ….. Nachmittags auf dem Platz vor der Herberge und Kirche war es. Elke und ich schlappern ne Cola, blättern in den Reiseführern. Räto: „Darf ich mir mal Ihren Wanderführer ausleihen, ich muss mein Tagebuch nachholen. Bei so vielen Etappen weiß man schon gar nicht mehr, was, wann wo war.“ „Klar. “  

Kurz darauf erzählt er uns seine ganze Caminogeschichte, und als ich ihn nach seinem Beruf frage, komme ich überhaupt nicht mehr zum Zuge. So ist das. Was ist Wahrheit, was ist Fiktion? Wer weiß das schon? Caminogeschichten halt. Warum schreibe ich das so ausführlich? Weil es in ähnlicher Form immer wieder erzählt wird. 


 

Pfarrkirche Santa Maria in Hornillos del Camino. Muttergottes.

 

Die Kirche ist wider Erwarten offen, kühl dazu, für Elke zu kalt, holt sich extra eine Jacke. Ich bin da schmerzlos. In der Nähe des Altars hängt ein Bild, das mich interessiert. Ein Priester, der 1936 im spanischen Bürgerkrieg ermordet worden ist. Die veröffentlichte Meinung in Deutschland hat sich meines Erachtens zu einseitig auf die Seite der Republikaner, der roten Brigaden gestellt. Wenn von Franco die Rede ist, wird von der bösen Junta gesprochen. Dabei bedeutet das Wort Junta nichts anderes als (Regional-) Regierung, überall am Wegesrand zu lesen. Nicht nur die Franquisten haben Menschenleben auf dem Gewissen, die roten Brigaden, die Sozialisten stehen ihnen nicht nach. Tausende von Priestern und Nonnen sind ermordet worden, Kirchen geschändet, abgerissen. Das will heute aber keiner wissen. 

Ergänzung zum Reisebericht (Stand: Juni 2013)

Hornillos del Camino. Pfarrkirche Santa Maria.

Teodulo Gonzales Fernandez, ein Priester und Ordensmann, der am 9. September 1936 während des Spanischen Bürgerkriegs von den Republikanern resp. Roten Garden, also im Namen der Volksfrontregierung, in Madrid ermordet worden ist.

 

Der Vatikan-Newsletter vom 4. Juni 2013 hatte mich stutzig werden lassen. Seine Artikel-Überschrift hatte gelautet:

 

 

"Papst Franziskus anerkennt sechsundneunzig

im Spanischen Bürgerkrieg getötete Katholiken als Märtyrer."

 

Und weiter im Text: "Die betreffenden Priester, Ordensleute und Laien seien aus 'Hass auf den Glauben' umgebracht worden, heißt es in dem am Dienstag veröffentlichten Erlass." (rv/kna).

 

Papst Franziskus setzte damit die Seligsprechungen seiner Vorgänger Johannes Paul II. und Benedikt XVI. fort.

 

Die Recherchen ergaben, dass besagter Priester aus Hornillos del Camino am

28. Oktober 2007 von Papst Benedikt XVI. selig gesprochen worden war; vgl. auch Hauptmenüpunkt ÜBER UNS > Lesenswertes. Geschichtliches neu bewertet. > Märtyrer des Spanischen Bürgerkriegs. 

 

Fotos. 

1. Reihe: Tardajos. Zurück verfolgbar bis in die keltische Epoche des

              8. Jahrhunderts vor Christi.

              Mittelalterliche Brücke hinter Tardajos.

2. Reihe: Pfarrkirche Rabe de las Calzadas. Der Ort wurde erstmals um das Jahr

              946 erwähnt. Hier an dieser Stelle soll einstmals die römische Stadt 

              Deobrigula gestanden haben. Auch wird der Ort, die Burg diente 1475

              dem Bischof von Burgos als Zuflucht, im Testament der Königin

              Isabella die Katholische genannt.

3. Reihe: Impressionen Herberge in Hornillos del Camino.

4. Reihe: Lieber in der Sonne braten, als in die Kirche gehen. Den zur Karre  

              gehörenden Pilger hatten wir schon auf der 12. Etappe nach Villafranca  

              Montes de Oca bewundert.

 

Zum Ort Hornillos del Camino: Ersterwähnung im 9. Jahrhundert im Rahmen der Verteidigungskette Tardajos, Rabe de las Calzadas und Castrojeriz. Der Name leitet sich ab vom dort erwähnten "Forniellos" = Öfchen. Ab 1156 regierte der französische Abt von Saint-Denis, was einherging mit der Gründung eines Benediktinerklosters. Es wurde im 13. Jh. wieder aufgehoben und damit auch drei Pilgerhospize. Die Kirche Santa Maria gewährte einstmals einen Ablass von vierzig Tagen, den diejenigen Pilger erhielten, die zu bestimmten Zeiten bestimmte Gebete sprachen. Vor der Kirche steht ein Denkmal mit der Figur eines Hahnes: Während der napoleonischen krähte das gestohlene Tier kurz vor seinem Tod und konnte so seinen Dieb entlarven. Quelle: Bettina Marten - Der spanische Jakobsweg - Ein Kunst- und Kulturführer, Reclam, 2011.