BLOß SCHNELL ALLES VERGESSEN.                   EINE UNFREUNDLICHE BEDIENUNG SETZT ALLEM DIE KRONE AUF.

11. Etappe von Santo Domingo de la Calzada über Villamayor del Rio nach Belorado: 25 km

Ortsausgang Redecilla del Camino. Hier war ein Weiterkommen nicht möglich. Wir kehrten um, der Mitpilger wählte den kürzeren Weg.

Belorado. Iglesia de Santa Maria.

 

Etappe 11.

Bloß schnell alles vergessen. Eine unfreundliche Bedienung setzt allem die Krone auf.

Was für ein Tag! Nur Regen, fünfundzwanzig Kilometer lang, sechs Stunden mehr oder weniger ununterbrochen, mehrere Straßen und Wege unterspült. Mittlerweile ist es zwei Uhr, sitze neben Elke auf einem klamm-feuchten Bett, in einem nasskalten Hotelzimmer, in Belorado, massiere, creme meine Füße ein, bin wütend, friere, Elke wirkt beruhigend auf mich ein. Was, vielmehr wer um alle Welt hat mich bewogen, dieses Hotel anzusteuern? Völlig verraucht, Publikum so la la. Es hat uns nicht allein getroffen. Die Iren aus dem Paradores sind auch darauf hereingefallen: „This hotel is a little bit different.“ Noch einmal werden wir sie sehen und sprechen, in Burgos; dann nicht mehr.

 

Arnold von Harff, 1499

Von Medie de Ponte nach Villafranca de Montes des Oca 5 Lieux (1 Lieux = 5,5 km = 27,5 km zusammen) einem Städtchen neben einem anderen Städtchen namens Belorado.

 

Das Pilgermenü ist bemerkenswerterweise ausgesprochen gut, die Flasche Rotwein hilft über den Ärger hinweg. Die Iren sind eine lustige Truppe. In Villamayor del Rio, neunzig Minuten vor Belorado, saßen wir mit einigen von ihnen zusammen an der Theke im Restaurant Leson. An die Tische durften wir uns nämlich nicht setzen. Unsere nassen Klamotten waren der Bedienung ein Dorn im Auge. Die Rucksäcke mussten draußen bleiben. Soviel geballte Unfreundlichkeit war mir noch nicht untergekommen. Gerade will ich also meinen Unmut äußern, schon werde ich von den Iren wie von einer Osnabrückerin händeringend gebeten, es zu unterlassen. Sie haben – berechtigterweise – Angst, nichts mehr zu essen und zu trinken zu bekommen: hervorragenden Schinken und heißen Tee.

 

Belorado. Iglesia Santa Maria.

 

Rückblick. Ortseingang Belorado. Achtlos gehe ich an der Herberge vorbei, es gießt in Strömen, bitte Elke die Kirche anzusteuern: ein wenig ausruhen, meditieren, das Regencape abnehmen. Der Blick fällt auf eine wunderschöne Madonnenfigur, Ave Maria. Sie trägt ein langes, weißes Gewand, das Gesicht ist von einem Schleier umhüllt. Hinter ihr eine prächtige Altarwand.

 

Zurück zum Hotel. Liege auf dem klammfeuchten Bett. Elke blättert im Reiseführer. Was sagt er zur nächsten Etappe? „Die landschaftliche Schönheit der Überquerung der Montes de Oca nach San Juan de Ortega ist kaum zu übertreffen.“

 

Aber eben auch: Nach starken Regenfällen und bei Nebel sollte man auf keinen Fall gehen, lieber die Straße nutzen. Über diese Worte hinweg schlafe ich ein, träume von den Gänsebergen, nichts anderes heißt Montes de Oca, und seinen Geschichten. Sie haben nämlich einen schlechten Ruf —von alters her. „Wenn du stehlen willst, geh` in die Oca-Berge“, so lautet auch heute noch das kastilische Sprichwort, will man gegen jegliche Art von Halsabschneiderei protestieren. Der mittelalterliche Pilger durchquerte die Montes de Oca deshalb nicht von ungefähr nur in der Gruppe. Uns wird schon nichts passieren, die Einsamkeit stört uns nicht, im Gegenteil; obwohl: DuMont spricht von einer mittelschweren Etappe — wegen der Länge, des Höhenunterschieds und der oft grundlosen Wege, Forst– und Staubstraßen. Vielleicht sollten wir morgen die eigentlich anvisierte Strecke teilen.

 

Fotos von links

1. Reihe: Santo Domingo. Pilgerstatue am Ortsrand.

              Brücke über den Fluss Oca.

2. Reihe: Streckentafel vor Grañón.

              Grañón.

3. Reihe: Grenze zu Kastilien-León. 

              Redecilla del Camino.  

4. Reihe: Markanter Markierungsstein an der befahrenen Straße.

              Belorado. Marktplatz.