SANTO DOMINGO DE LA CALZADA.                    EINE LIEBESTOLLE WIRTSTOCHTER MACHT GESCHICHTE.

10. Etappe von Navarrete über den Alto San Anton, weiter über Najera und Azofra nach Santo Domingo de la Calzada: 38 km

Navarrete. Romanisches Friedhofsportal aus dem 12. Jahrhundert. Morgens um sechs noch nicht geöffnet. Vormals Teil der romanischen Kirche des Pilgerhospizes von San Juan de Acre, eingangs der Stadt. Man beachte den fünffachen Bogen, der zweite und vierte ist mit Sägezähnen geschmückt. Auf dem Fries, am unteren Teil des Bogens, sind Engelsfiguren, eine Taube und die Verkündigung zu sehen.

Ventosa. Bilderbuch-Weinlandschaft Rioja.

 

Etappe 10.

Santo Domingo de la Calzada. Eine liebestolle Wirtstochter macht Geschichte.

Es ist zehn vor sieben, bloß weg. Uns erwartet die Bilderbuch-Weinlandschaft Rioja, der Alto de San Anton, das Najerilla-Tal, eine bemerkenswerte Tafel, auf der sich ein Pilger geoutet hat. Jeder Hügel habe seine eigene Geschichte, lese ich. Stimmt. Zweieinhalb Stunden später: der Poyo de Roldan, der Rolandsberg, ist erreicht.

 

Dazu die passende Sage: Der muslimische Riese Ferratgut hatte sich der Burg von Najera bemächtigt. Der Ritter Roland warf daraufhin einen riesigen Felsbrocken hinunter, traf das Tor, zerstörte es, und so befreite er viele Gefangene.

 

Auf dem Weg dorthin muss ich wider Erwarten mit starken Fußschmerzen kämpfen. Kenne ich gar nicht, sage Elke nichts, beiße die Zähne zusammen. In Nájera angekommen, nach 16 km, führt uns der erste Weg - wohin wohl? - natürlich zu einem Café, am Rio Najerilla. Elke besorgt die Getränke, ich vertiefe mich in beide Reiseführer. „Was sollen wir hier?“ „Okay, wir sollten es versuchen!“ Najera ist eine alte Pilgerstadt. Auf die Wundergeschichte um den navarrischen König Garcia el de Najera des 11. Jhs. kann ich hier nicht näher eingehen: ein Rebhuhn und ein Falke sollen sich jedenfalls friedlich vertragen haben.

 

Domenico Laffi, 1670/73

Nájera ist eine der schönsten Städte, die in dieser Region zu sehen ist. Die Brücke über den breiten Fluss verbindet zwei Stadtteile. Alle sind sehr fleißig, errichten viele Gebäude und Kirchen. (…) Wir kauften Brot und Wein, denn gerade in Spanien solltest du nicht ohne beides eine Stadt verlassen.

Fotos von links

1. Reihe: Nur noch 20 Kilometer bis nach Santo Domingo de la Calzada.

              Nahe Alto de San Anton. Von Pilgern aufgeschichtete Steinpyramiden.

2. Reihe: Poyo de Roldan, wenige Kilometer vor Najera. 

3. Reihe: Wer wohl die ausrangierten Sessel dort hinterlassen hat?

3./4. R.:  Tafel vor Najera: Pilger, wer ruft Dich? 

5. Reihe: Najera. Kloster Santa Maria la Real. 2

              Golfclub Cirueña.

6. Reihe: Baustelle Cirueña.

              Santo Domingo de la Calzada in Sicht.

 

The fight between Roldan and Ferragut

Near the town of Nájera, at the place of Alesón, stands the scene of one the first and most extended legends of the Road to Santiago. That is the fight between the knight Roldan and the giant Ferragut. The spot in Alesón where the event took place is still known as Poyo Roldan (Roldan`s Hill). It`s also the place where an enormous treasure is said to be hidden buried, as payment from the people of Alesón to Rodan`s French captains. Another reference to this legend is found in two chapitels in the village of Navarrete.

 

2 Ich bedaure, dieser geschichtsträchtigen Stadt auf unserem Camino nicht mehr Zeit gewidmet zu haben. Entweder war die Vorbereitung ungenügend oder wir waren weiland zu erschöpft gewesen; möglicherweise hatte auch das Zeitmanagement es nicht zugelassen, die Stadt zu erkunden. Stichworte: Wichtig für Konstituierung der christliche Königreiche im Norden Spaniens, Klosterkomplex Santa Maria la Real (in 1067 hier Abhaltung eines Konzils), Besiedlung schon für die Bronzezeit nachweisbar, römische Zeit, Besetzung durch muslimische Araber im 9. Jahrhundert, Rückeroberung durch Könige Sancho Garces I. von Pamplona und Ordono II. von Leon in 923, Bau eines Palastes von König Sancho III. el Mayor (1004-1035) um 1030, Verlagerung der  Pilgerroute durch Najera. Allein über das oben erwähnte Kloster, seiner Schätze, seiner Bewohner, gäbe es viel zu berichten - incl. Kreuzgang de los Caballeros der Kirche, Kirche erbaut zwischen 1422 und 1453 auf dem Fundament des romanischen Vorgängerbaus, Sarkophage und Prinzengruft; über die Burg Mota und über die Brücke San Juan Ortega (10. Jh., Erneuerung durch den hl. Juan de Ortega in 1152) mit dem Kampf Rolands und dem Riesen Ferragut, et ecetera.

Kurz hinter Najera.

 

Bis nach Santo Domingo sind es weitere einundzwanzig Kilometer. Das wird anstrengend, nicht vom Charakter der Strecke, es ist die Länge, achtunddreißig Kilometer insgesamt. DuMont veranschlagt für beide Teilstrecken elf Stunden. Vorbei am Kloster Santa Maria la Real (hier sollen unanständige Fresken zu sehen sein), der kurze steile Anstieg im Kiefernwald ist schnell geschafft, stellt sich in Azofra, gut eine Stunde ist vergangen, die nächste Frage. Die Herberge der Kölner Santiagofreunde scheint eine gute zu sein. Das jedenfalls erzählt uns ein freundlicher, älterer Mitpilger. Jedoch: es ist immer noch zu früh am Tag. Haben wir ja gestern gesehen, wohin das führt. Er fotografiert uns. 

Rast in Azofra. Vor der Herberge. Für uns nur eine Zwischenstation.

 

Azofra. 1168 gründete die Adelige Isabel de Azofra ein Pilgerhospital; es bestand bis 1835. Heute leben in diesem kleinen Ort, der Anno Domini 989 das erste Mal erwähnt wurde, gerade 250 Menschen.

 

Ciruena im Blick.

 

Die nächsten zwei Stunden wird es einsam. Die Wege ziehen sich. Einige wenige Einheimische queren den Weg, das Pilgerpaar aus Navarrete liegt drüben unter einem Baum, sie winken uns freundlich zu, haben uns also wieder erkannt. „Ich reserviere jetzt ein Zimmer, im Paradores, wenn schon, denn schon. Hab keine Lust auf ne Herberge.“ „Hast du denn die Nummer des Hotels?“ „Na klar doch.“ Wohlweislich hatte ich sie mir schon zu Hause ins Mobile eingetickert. Gesagt, getan. Bin beruhigt, kann relaxt weiter marschieren. Zeit für ein Telefonat mit Gerd und Wini in Bremen, sie sind so nett und schauen zu Hause nach dem Rechten. Etwas weiter in Cirueña schlägt mein Herz höher. Mehrere Golfcarts fahren an uns vorbei. Es scheint ein Golfplatz für vom Leben Bevorzugte zu sein. Wenn ich jetzt doch nur Golfschuhe dabei hätte… So unwillkürlich der Gedanke kam, so schnell verfliegt er auch wieder.

Santo Domingo de la Calzada. Kathedrale. 

 

Halb fünf, eine stilisierte Pilgerfigur und ein modernes Ortsschild stellen sich uns in den Weg, sind endlich da, in Santo Domingo de la Calzada. 38 Kilometer, verrückt, nicht wahr! Die Hauptstraße führt direkt zur Kathedrale und zum Hotel, rechts oder links die Herberge, ein Kommen und Gehen. Bin froh, dass wir im Paradores sind. Das Zimmer, man könnte fast von einer Suite sprechen, ist phänomenal. Die Auskünfte des Clerk am Desk sind es weniger. Er scheint desinteressiert.

 

So verpassen wir, rechtzeitig in die Kathedrale zu kommen, Hahn und Henne zu bestaunen. Aus Enttäuschung genehmigen wir uns einen Cognac, genießen die Atmosphäre des Raumes mit den wuchtigen Sesseln.  

 

Hermann Künig von Vach, 1495

In den Spitälern ist man dir gern zu Diensten, ausgenommen im Spital des hl. Jakobus, da ist das Personal durchweg bösartig. Die Spitalfrau tut den Pilgern viele Gemeinheiten an, aber die Betten sind sehr gut. 

Santo Domingo de la Calzada. Die Hühner in der Kathedrale. Foto freigegeben von Joergsam, 12.10.2011.

 

14. Jh.: Ein junger Pilger (nach Domenico Laffi, 1670, eine Geschichte aus 1090, auf dem Weg von Thessaloniki nach Compostela) macht mit seinen Eltern Rast in Santo Domingo. Da er sich partout von der liebestollen Herbergstochter nicht verführen lassen will, rächt selbige sich, schiebt ihm einen Diebstahl unter, indem sie ihm einen silbernen Becher ins Gepäck legt. Das wird bei der Abreise bemerkt, und so wird der junge Mann zum Tode verurteilt, aufgehängt. Als die Eltern später bemerken, dass er noch am Leben ist, der hl. Domingo hatte sich seiner erbarmt, insistieren sie beim Richter, der gerade beim Essen ist. Der Richter daraufhin ungläubig: „Ihr Sohn ist so lebendig wie die hier vor mir liegenden gebratenen Hühner lebendig sind. In dem Moment springt das Federvieh von besagtem Teller, gackert, kräht. Der junge Mann wird rehabilitiert, die Wirtstochter hingegen verurteilt.

 

Die Autorenschaft dieser — sehr variablen — Geschichte reklamieren sowohl das französische Toulouse wie das portugiesische Barcelos für sich. Sei`s drum, diesen Publikumsmagneten versäumen wir. Domenico Laffi beschreibt 1670 das Geschehen sehr ausführlich, attestiert ihm einen gewissen Wahrheitsgehalt. Alle sieben Jahre würden Hahn und Henne ausgetauscht. Jeder, der eine Feder von einem der Tiere mit nach Hause brächte, dem würde es künftig an nichts mehr fehlen. Ein Mirakel.

 

Luis M. Calvo Salgado hingegen schreibt in seiner Dissertation 1998 für die Uni Zürich, veröffentlicht in 2000 in seinem Buch Die Wunder der Bettlerinnen - Krankheits- und Heilungsgeschichten in Burgos und Santo Domingo de la Calzada (1554-1559), Gunter Narr Verlag Tübingen, dass die Basis dieser Geschichte, also die ursprüngliche Mirakelfassung, im französische Toulouse zu verorten sei. Das Mirakel wird im Codex Calixtinus resp. Liber Sancti Jacobi beschrieben und zwar im Buch II im Rahmen der dort notierten zweiundzwanzig Mirakelberichte. Hier ist von einem hl. Domingo keine Rede, auch nicht von einer Wirtstochter, wohl aber vom heiligen Jakobus und einem habgierigen Wirt.

Betroffen waren anno 1090 zwei Deutsche, Vater und Sohn. Diese Version macht auch insoweit Sinn, als nämlich im Buch I des Liber Sancti Jacobi, der Predigt Veneranda dies, der Autor des Pilgerführers ausführlich über die Betrügereien der Wirte und Gauner schlechthin berichtet und warnt.

Fotos. Alle Santo Domingo de la Calzada.

1. Reihe: Ortseingang.

              Turm der Kathedrale.

2. Reihe: Eingang der Kathedrale und Kapelle.

3. Reihe: Paradores-Hotel.

4. Reihe: Lobby Paradores-Hotel.

              Hauptflaniermeile Santo Domingo.

5. Reihe: Pilgerdenkmal am Ortsausgang.

              Brücke über den Rio Oja Ortsausgang Richtung Belorado.