CHIGONG IN DEN PYRENÄEN.           KULTIVIERUNG VON KÖRPER UND GEIST.

1. Etappe von Saint Jean nach Huntto: 6 km

Bayonne. Auf dem Weg von der Bushaltestelle (von Bilbao) zum Bahnhof Richtung Saint-Jean-Pied-de-Port.

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Huntto. Pilgermenü in der Herberge. Kurz darauf wird uns die "Holländerin" zum Chigong animieren.

 

 

Etappe 1. 

Chigong in den Pyrenäen. Kultivierung von Körper und Geist.

Was ein verlorener Tag doch für Auswirkungen hat. Okay, wir haben ein wenig Bilbao (bask. Bilbo) kennenlernen können, die Metropole der Basken, häufig in den Gazetten wegen des Eta-Terrors. Sie kämpfen für ein selbständiges Baskenland - mit falschen Mitteln.

 

In St. Jean startet der Navarrische Weg, bis er 90 km weiter in Puente la Reina mit dem Aragonischen Weg zusammenstößt und dort den eigentlichen Camino Frances begründet. Der Aragonesische beginnt traditionell am Puerto de Somport, südwestlich von hier, im Herzen der Pyrenäen, 1632 m hoch, an der franz.-spanischen Grenze. Resultat der Malaise: Unser Plan gerät bereits am ersten Tag ins Wanken. Die schon von Deutschland aus in der Auberge de Òrisson reservierten Plätze sind nicht mehr verfügbar. Von den Diskussionsforen der JakobspilgerInnen weiß ich, dass es sehr leichtsinnig sein kann, für die französischen Pyrenäen nicht vorgebucht zu haben; die spanischen Herbergen hingegen akzeptieren in der Regel keine Vor-Reservierungen. Ich habe Glück, in Huntto sind noch gerade zwei Betten nicht vergeben, müssen also nicht draußen campieren oder auf einem kalten Boden schlafen.

Die morgendliche Busfahrt von Bilbao bis nach Bayonne ist ermüdend, sie dauert über drei Stunden. Nach 1 1/2 Stunden Aufenthalt geht es weiter mit der Eisenbahn für knappe 75 Minuten.

 

Saint Jean, 13:16h. Alle streben zum Pilgerbüro. Es ist überfüllt. Zig Rucksäcke liegen vor der Tür, an der Mauer. Es dauert, die Ausweise sind endlich abgestempelt, wichtige Erstinformationen eingeholt. Was sollen wir uns noch mit der Geschichte des baskischen Ortes beschäftigen, warum die Zitadelle (12. Jh.) anschauen?

 

Wir wollen endlich starten. Ein letzter freundschaftlicher Talk mit Florian — sicheren Gefühls, dass wir ihn bald wieder sehen werden, obwohl er erst morgen starten will. Wir werden sehen. Der Mensch ist ein Herdentier, prompt schließen wir uns kenntnisreich aussehenden Mitpilgern an — und prompt geht es in die Hose. Das falsche Tor, der falsche Weg, mindestens zwei Kilometer umsonst gelaufen. Die Hitze hat zugenommen, sind jetzt auf dem richtigen Weg. Elke ist einverstanden, nicht den alten Pilgerweg zu nehmen, heute eine moderne Autostraße, sie wird von den Fahrradfahrern bevorzugt, sondern die Route Napoleon. Lächerliche fünf bis sechs Kilometer sind es bis Huntto, bis zur Herberge, die es aber in sich haben, weil sehr steil. „Wie soll das bloß weitergehen? Der 1430 Meter hohe Cisa-Pass kommt ja noch,“ so ahnt Elke völlig zu recht. Saint Jean liegt auf 180 Meter.

 

Pilgerführer Liber Sancti Jacobi, 12. Jh., Kapitel 1

Vier Wege führen nach Santiago, die sich zu einem einzigen in Puente la Reina vereinen; einer geht über (…) den Somportpass, ein anderer über Notre-Dame in Le Puy (…), ein letzter über St-Martin in Tours (…) und die Stadt Bordeaux (…), und nach dem Überschreiten des Cisapasses treffen sie in Puente la Reina auf (…)

 

Drei Uhr nachmittags vor der Herbergenur wenige Wolken am Himmel lenken ab von einem phantastischen Blick ins Tal, bei strahlendem Sonnenschein. Schnell entwickelt sich mit zwei Deutschen ein Gespräch, es sind Brüder aus Würzburg. Wir werden sie die nächsten Tage nicht aus den Augen verlieren. Das abendliche Pilgermenü schmeckt, es herrscht eine gute Stimmung, erzählen einander die ersten Geschichten, wunder-same Geschichten. Ein Ehepaar aus Sachsen will es in zwei Wochen bis Santiago schaffen: zu Fuß, mit der Bahn oder dem Bus. Jeder nach seinem Gusto; andere die Gesamtstrecke in Teilstrecken gehen. Ich übernehme die Wäsche, lege die Socken auf die Mauer zum Trocknen, die Sonne nutzend. Eine Holländerin, sie spricht gut Deutsch, animiert Elke zum Chigong. Mehr oder weniger lustvoll schließe ich mich der Gruppe an. Es ist dunkel geworden. Sie macht vor, wir machen nach, geschlagene zwanzig Minuten. Kann ja nicht schaden. In der Tat, die Übungen haben gut getan, alle fallen müde ins Bett, es ist eng im Schlafsaal. Schnell ziehe ich den Vorhang zu. Ich schlafe wider Erwarten gut – im Schlafsack. 

 

Wer das elent bawen wel, 13. Jh., 5. Strophe

So ziehen wir durch Schweizerlant ein, sie haißen uns got welkuum sein, und geben uns ire speise, sie legen uns wol und decken uns warm, die straßen tount sie uns weisen. 6. Strophe. So ziehen wir durch die welschen lant, die seint uns bruedern unbekannt, das elent mueßen wir bawen, wir rufen got und sant Jacob an und unser lieben frawen. 

 

Fotos

lks.: Kurz hinter Saint-Jean-Pied-de-Port. Über die Pyrenäen oder doch lieber über die sichere Landstraße?

re.: Schlafhaus der Herberge in Huntto; haben Gott-sei-Dank noch zwei Plätze für uns alleine ergattern können.