Camino Aragones: Eunate. Irgendwo auf dem Caminho Portugues. Camino Frances: Matagrande. Leon. Pilger-Diakon aus den USA.

INTERPRETATION PILGERSTATISTIKEN           

Einführung

Der Jakobusweg ist maßgeblich von der christlich-katholischen Tradition geprägt; vgl. dazu meine Ausführungen zum Menüpunkt JAKOBSWEGE. GESTERN UND HEUTE. Gut zu beobachten an den vielen Kirchen, Kathedralen, Marien-Kapellen, Wegkreuzen, Riten, Gebräuchen. 

 

Jede Analyse wird sich zwar prinzipiell an objektiven Daten orientieren wollen, kann letztlich aber nur subjektiv begründet und ausgewertet sein. Es gibt viele Publikationen, die alle irgendwie aus ihrer Sicht gerechtfertigt sind, mehrere der hier skizzierten Punkte treffen:

 

  • Freude am Wandern
  • Spiritualität 
  • Sinnsuche
  • Selbstfindung
  • aus kulturellen Gründen, Interesse an Geschichte 
  • Religion spielt keine Rolle
  • Party feiern
  • just for fun
  • interessante Menschen kennenlernen
  • Partnersuche
  • sportive Betätigung
  • günstig Urlaub machen
  • weil Hape Kerkeling das auch geschafft hat
  • weil es gerade en vogue ist
  • als Peregrino autenticos
  • aus religiösen Gründen
  • aus Buße
  • aus religiöser Verpflichtung, Exerzitien
  • aus Dankbarkeit dem Herrgott gegenüber: auf dem Weg, in der Kathedrale von Santiago, am Grab des Apostels.
  • dem Apostel Jakobus zu Ehren

Pilger oder Wanderer?

"Ich fühle, dass ich bin. Ich habe den Ruf des Weges gehört, verarbeitet, könnte immer so weitergehen."               

Basis meiner Analyse, aber nicht nur, ist das 2017 von der ST. Jakobusbruderschaft Trier editierte Buch "Abenteuer Pilgern“ - Echter Verlag, Würzburg. In ihm sind u.a. die soziologisch-psychologischen Aspekte des modernen Pilgerns des Jahres 2010 und folgende niedergeschrieben – interdisziplinär erforscht von namhaften Theologen, Psychologen und Uni-Professoren, anhand von ausgewerteten Fragebögen, die in Herbergen des Jakobswegs ausgelegt waren. Ebenso habe ich natürlich die Statistiken (vgl. Vorseite) des Santiagoer Pilgerbüros herangezogen. 

 

Folgte man eins zu eins den Forschungsergebnissen, sollten die vom Pilgerbüro in Santiago ermittelten Daten zu den Beweggründen und Motivationen der Pilger hinterfragt werden. Denn, während auf dem Weg allerorten zu hören ist, man ginge/pilgere auf jeden Fall nicht aus religiösen Gründen, kehrt sich das offensichtlich am Desk des Pilgerbüros in Santiago in Erwartung der Compostela (Pilgerurkunde) um – vgl. dazu die unten aufgeführte Statistik. Analysiert man entsprechende TV-Dokus über den Jakobsweg, so fällt auf, dass befragte Pilger schon sehr sattelfest sein müssen, wenn sie der Fragestellung nicht gerecht werden wollen und sich auf ihren religiösen Aspekt des Pilgerns berufen.

 

Wie also interpretiere ich die mir zur Verfügung stehenden Zahlen, Fakten, wissenschaftlich begründeten Ergebnisse unter Implizierung meiner persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse und Gespräche auf den Jakobswegen von 2006 bis heute? Ob die in Spanien auf dem Camino Frances incl. des Navarrischen Wegs, auf dem Camino Aragones, in Portugal auf dem Caminho Portugues (von Porto aus) oder in Deutschland: in Bayern in Gesprächen mit Pilgern in einem Nonnenkloster, auf dem Teilabschnitt von Bremen nach Osnabrück; hier war ich fast der einzige Pilger. Wichtig sind gleichermaßen die in den bekannten Pilgerforen zu lesenden Meinungen und Statements, für mich seit über 10 Jahren. Die Gespräche anlässlich organisierter Pilgertreffen runden die Eindrücke ab.

 

STATISTIK

REGISTRIERTE PILGER

in 2000: 55.044 / in 2017: 301.036

 

MOTIVATION

nur religiös in 2006: 41,67% zu 2017: 43,36%

religiöse und kulturelle Gründe in 2006: 49,50% zu 2017: 47,38%

nur kulturelle Motive in 2006: 8,83% zu 2017: 9,15%

 

FASZINATION JAKOBSWEG

Was macht die iberischen Jakobswege, in erster Linie ist der Camino Frances gemeint, so interessant? Für gläubige Christen, für Nichtgläubige? Was ist so reizvoll daran, tagelang sich mit mehreren Blasen herumquälen, Knie- und sonstige Verletzungen ignorieren, nur um in Santiago de Compostela irgendwie anzukommen? Hinzu kommen Unbilden wie - sich abwechselnd - Hitze, Regen, Schnee und Gewitter, schwierig zu begehende Anhöhen/Bergrücken, hohe Luftfeuchtigkeit, Trockenheit, überlaufene Wege, einsame Wege, rücksichtlos vorbeirasende Trucker auf staubigen Landstraßen? Und last but not least der tägliche „Kampf“ um einen manchmal grenzwertigen Herbergs-Schlafplatz, Hygiene und so. Also irreale Zu- und Umstände.

 

 

WER SIND DIE PILGER UND PILGERINNEN? 

Die katholisch getauften Pilger und Pilgerinnen stellen mit 66% den Hauptanteil. Es folgen mit 21% diejenigen Pilger, die keiner Religion angehören, und dann erst kommen die evangelisch-sozialisierten (incl. der Freikirchler) mit rund 8%. Eigentlich logisch, hatte doch Martin Luther das Wallfahren und Pilgern verspottet und davon gesprochen, in Santiago könnten doch ebensogut Hundeknochen begraben sein.

 

Auf unserem Caminho Portugues in 2011 (unseren ersten Camino Frances pilgerten wir in 2006) begegnete uns beispielsweise eine evangelikale Gruppe, die sich bewusst absonderte, für sich abgeschottet betete und geistliche Lieder sang und abends das Pilgermenü einnahm, vorneweg der Leiter mit der Klampfe.

Andererseits haben meine Frau und ich auf der Strecke nach Leon eine vierköpfige evangelikal geprägte koreanische Gruppe kennengelernt, die uns in Mansilla de las Mulas an ihren Tisch bat. Mehr hierüber via Reisebericht Etappe 21. Ein koreanischer Ex-Minister und eine Olympiasportlerin beeindrucken …

 

 

Jeder Jakobspilger kennt

die alles beherrschenden Fragen auf dem Weg:

Woher? Wohin? Warum?

WER STELLT DIESE FRAGEN? Woher kommst du? Wohin willst du heute? In welcher Herberge übernachtest du? Warum pilgerst du?

Kann man diese Pilger typisieren? Wenn es nach der Studie der Trierer Jakobusgesellschaft geht, ja. Ich habe meine Erkenntnisse einfließen lassen.

 

PILGERTYP 1 – der Suchende. Suche nach Selbstfindung, Wunsch nach Veränderung, Suche nach Gemeinschaft, Erfahrbarkeit der spirituellen Atmosphäre, der Authentizität von Menschen auf dem Weg, Erleben von noch nie so erfahrener Hilfsbereitschaft. Wohlwollende Halbdistanz zur Kirche (keine regelmäßigen Gottesdienstbesuche). Bastelt sich seinen eigenen Glauben (christliche Konfessionen plus Buddhismus) und seine eigene Spiritualität *) häufig unter Implizierung fernöstlicher Methodik. Der Weg ist das Ziel.

 

PILGERTYP 2 – der Peregrino. Christlich, traditionell orientierter Pilger. Häufig katholisch, erinnert sich an die eigene Kindheit mit den Wallfahrten. Buße vor Gott, Danksagung an Gott, sieht religiöse Pflicht, will seinen  Glauben vertiefen, besucht gerne die Pilgergottesdienste, reflektiert die heiligen Orte der Vergangenheit. Das Apostelgrab als Ziel seines Caminos.

 

PILGERTYP 3: der Tourgrino. Jegliche Transzendenz fehlt. Ohne Glaubensbezug, ohne Bezug zur Kirche. Häufig junge Männer in Kleingruppen. Sportpilger, Spaßpilger, Abenteurer, Urlaubspilger (billige Infrastruktur), Fitnesstraining, der Weg als Ziel, goutiert strukturierte Etappen. Cooler Backpacker-Trip (Rucksacktouristen) mit dem besonderen Flair vor kirchlicher Kulisse.

 

Folgt man den Ergebnissen der Studie der Jakobusbruderschaft Trier bezeichneten sich knapp 37% der befragten Pilger als religiös, über 55% als spirituell; als nicht-religiös über 31% und als nicht-spirituell 18%.

 

WIE STEHT`s MIT DER TOLERANZ? 

Wird man belächelt, wenn man von sich als religiösem Pilger spricht, gar Papst Benedikt XVI. ins Gespräch bringt? Ja, unbedingt. Es spiegelt sich unumwunden ganz offen, zumeist mehrheitlich auf den ersten Etappen des Jakobswegs, und in den Pilgerforen wider. Die harmlosesten Sätze lauten dann: „Nein, ich bin nicht religiös.“ „Nein, die Institution Kirche lehne ich ab, will eigentlich austreten.“  "Ich glaube nicht an Gott."

Später am Schalter des Pilgerbüros in Santiago vollzieht sich dann die Metamorphose. Warum? Um die begehrte Compostela, die Pilgerurkunde zu erhalten. Jedermanns Recht sei das doch.

Mir bleibt ein Gespräch im Ohr, es war in Carrion de los Condes, als zwei Pilger, ein Deutscher und ein Engländer, mich und die Katholische Kirche auf das Schlimmste beschimpften, um dann in der von den katholischen Nonnen organisierten Pilgerherberge zu übernachten.

 

 

STATISTIK

EINSTIEGSORTE CAMINO FRANCES

St. Jean in den Pyrenäen 2006: 16,15% zu 2015: 11,83%

Roncesvalles 2006: 9,27% zu 2015: 2,82%

Sarria 2006: 16,15% zu 2015: 25,68%

 

Hape Kerkeling hatte weiland 2001 (Buchveröffentlichung im Sommer 2006) seine Pilgerwanderung von Saint-Jean-Pied-de-Port aus aufgenommen. Viele wollen sich das heute nicht mehr zumuten und antun. Sie scheuen offensichtlich die großen Anstrengungen in den Pyrenäen, den Weg zum Cruz de Ferro, immerhin über 1.550m hoch, finden die zumeist sehr heiße Meseta langweilig, eintönig, weil keine Abwechslung, etc.

Deutlich an den obigen Prozentzahlen zu erkennen. Die anderen Einstiegsorte wie Leon und weitere sind auf der Vorseite notiert. 

 

PILGERN - EIN SOZIALES PHÄNOMEN

Knapp 40% der PilgerInnen starten danach als Single, das muss aber überhaupt nicht heißen, dass sie auch in Santiago alleine ankommen, im Gegenteil. Mehrheitlich gehen die PilgerInnen mit Freunden (56%), mit dem Ehepartner (28%), mit Familienangehörigen (23%), mit Kollegen (25%) und last but least - meines Erachtens mit zunehmender Tendenz - in der Reisegruppe mit 8%.

Ich füge ergänzend hinzu, dass wir auf unseren Caminos weniger gute Erfahrungen mit Gruppen (ab 3 Personen) gemacht haben. Dann wurde es immer laut, auf dem Weg, abends beim Pilgermenü, draußen vor den Herbergen/Restaurants das Bierglas in der Hand. Dieser Umstand hatte allerdings einen entscheidenden Vorteil. In den Kirchen, wenn denn überhaupt geöffnet, waren wir zumeist allein, konnten in Ruhe meditieren, reflektieren, fotografieren. Ein krasses Beispiel in Hornillos del Camino: trotz brütender Hitze kein einziger Pilger in der kühlen Pfarrkirche, sie alle brüteten lieber in der Sonne. Wären sie doch hineingegangen. Aber lesen Sie selbst den REISEBERICHT Etappe 15. Elke, wir müssen mehr trinken.  

 

FAZIT

Ich befürchte, daß die von der Trierer Jakobusgesellschaft wissenschaftlich ermittelten Daten nur eine Momentaufnahme der Pilgerbefragungen widerspiegeln. Das Santiagoer Pilgerbüro erfasst bekanntlich ohnehin nicht die sog. profanen Pilger (die eigentlichen Typ 3-Pilger), weil sich selbige, wie oben ausgeführt, nicht outen respektive erst gar nicht im Pilgerbüro erscheinen. Insoweit ist meines Erachtens die Statistik des Pilgerbüros eine fromme Augenwischerei.

 

UND DENNOCH 

Viele Pilger kehren mehr oder weniger begeistert und bewegt nach Hause. Sie hat das Pilgervirus gepackt.

Man geht als Wanderer los und kommt als Pilger zurück.

 

 

 

*) zur Hochkonjunktur der Spiritualität

Der spirituelle Pilger, ich spreche nicht von allen, deutet die religiöse theozentrische Idee um zu einer eigenen, individuellen, nur von ihm allein zu bewältigenden Lebensaufgabe. Jeder ist sein eigener Priester, ist metaphysisch heimatlos, unsicher, was danach kommt, bleibt gleichwohl ein Hoffender.

 

Leider passen sich viele Geistliche, Kleriker auch hier dem veröffentlichten Mainstream an, sprechen nicht mehr von der verpönten Frömmigkeit. Und just das meint an sich Spiritualität oder wie der große Theologe Hans Urs von Balthasar herausarbeitete: Christliche Spiritualität sei die subjektive Seite der Dogmatik, die geistliche Lebensform der Hingabe an Gott.

Religiosität trägt darüber hinaus auch und gerade im Alter zur Stärkung der psychischen Widerstandsfähigkeit und damit zum subjektiven Wohlbefinden bei.

 

Es bleibt gleichwohl festzuhalten, daß nur noch eine Minderheit der deutschen Gläubigen, Katholiken wie Protestanten, an die Trinität glaubt, an das personale Gottesbild mit Gottvater, Gottessohn Jesus Christus, und dem Heiligen Geist.

Wer mehr von der Dreifaltigkeit wissen will, schlage bitte nach unter dem Menüpunkt WIR. KATHOLISCHES. HISTORISCHES < Religiöses. Katholizität > Frühmittelalterliche Theologie. Iberische Bischöfe zum Zölibat und zur Trinität.