WEG DES RITTERS ARNOLD VON HARFF, 15. Jh. "Meine wunderbare und denkwürdige Pilgerfahrt"

Ponferrada. Museum Templerburg. Mittelalterliches Buch. 

Einstimmung

Ritter Arnold von Harff, geboren 1471 auf Schloss Harff am Niederrhein, gestorben 1505, pilgerte wie viele seiner Zeitgenossen zu den drei wichtigsten Pilgerorten: nach Rom, in die Stadt der Apostelfürsten Petrus und Paulus, nach Jerusalem zur Grabes- und Auferstehungskirche Jesu Christi und nach Compostella zum Grab des Apostels Jakobus. Im Verlauf seiner Reise mutiert von Harff mehr denn je zum Abenteurer und Kritiker.

Sein Reiseweg in Kürze

Ponferrada. Statue eines Tempelritters.

 

Abreise in Köln am 7.11.1496. Über Meran und Verona nach Rom (Osterwoche 1497). Weiterreise zurück nach Rimini, Venedig (Ende April 1497), von Pula (Kroatien) per Schiff nach Kreta, Rhodos und Alexandria.

 

Auf dem Landweg nach Kairo (Juni 1497), zum Berg Sinai, zurück über Kairo nach Jerusalem (Dezember 1497).

 

Weiter auf dem Landweg nach Damaskus. Im März 1498 über Beirut, Konya (heutige Türkei) nach Konstantinopel (Istanbul) zurück nach Venedig. Von dort über Mailand, Turin, Nimes (Frankreich) nach Roncesvalles.

 

AUF DEN CAMINO FRANCES NACH COMPOSTELA.

Von Roncesvalles nach Larrasoana, Pamplona, Puente la Reina, Estella, Los Arcos, Viana, Logrono, Navarrete, Najera, Azofra, Santo Domingo, Burgos, Hornillos, Castrojeriz, Boadilla, Fromista, Carrion, Sahagun, Leon, Puente de Orbigo, Astorga, Rabanal, Molinaseca, Ponferrada, Villafranca (del Bierzo), (Santa Maria de) Cebreiro, Triacastela, Sarria, Arzua. Ankunft in Compostela im Juli 1498 - Sankt Jakob.

 

RÜCKWEG ÜBER FINISTERRE.

Zurück nach Köln über FinisterreBurgos, Bayonne, Bordeaux, Rennes,Paris, Brüssel. Ankunft in Köln am 10.10.1498.  

Einige Bemerkungen zum Reisebericht

Der Reisebericht des Ritters ist sehr umfänglich, so das mir als Quelle vorliegende Buch von Helmut Brall-Tuchel und Folker Reichert -  ROM - JERUSALEM - SANTIAGO. Das Pilgertagebuch des Ritters Arnold von Harff (1495-1498)  - (erschienen im Böhlau Verlag, 2009). Die Autoren beziehen sich wiederum mit ihrer Übersetzung und Kommentierung auf die 1860 erschienene Ausgabe von Eberhard von Groote (1789 - 1864), der die älteste verfügbare Handschrift des Protagonisten in das Ende des 15. Jahrhunderts datiert hatte. Brall-Tuchel und Reichert bemängeln, dass die Edition von Grootes nicht nach den Maßstäben heutiger Textkritik in Gänze möglich sei. Na klar doch, die historisch-kritischen Exegeten bezweifeln alles, sehen es durch ihre heutige Brille und beurteilen nach ihrem heutigen Empfinden, nach ihrem Gusto, berücksichtigen meines Erachtens zu wenig Denken und Handeln der damals agierenden Personen; so wie andere Exegeten den Verfassern der Bibel unterstellen, die Übertreibung, an sich Lüge,  zum Maß erhoben zu haben. Ich halte es mit Papst em. Benedikt XVI., der den Evangelisten vertraut, so seine Äußerungen in der Jesus-Trilogie. Wie werden wohl unsere Nachfahren unsere Veröffentlichungen bewerten? Vernichtend. Des ehemaligen Bundesverfassungsrichter Papier größte Sorge war/ist, dass er möglicherweise ein Urteil gesprochen haben könnte, dass der Beurteilung des Nachkommen nicht standhält, so ein Interview in der „Welt“ vor einiger Zeit.

 

Zurück zu Arnold. Er scheint mehr das Abenteuer, denn die Wallfahrt im Fokus gehabt zu haben. Das dokumentiert sehr schön der Umfang seines Reiseberichtes, den er dem Herzogspaar Wilhelm IV. und Sybilla von Jülich und Berg widmete. Nur auf einigen wenigen Seiten berichtet er von seinen Erlebnissen von Ostabat, dem Knotenpunkt der Jakobswege, resp. Saint-Jean-Pied-de-Port bis nach Santiago. Die Vorbereitungen für seine Reise nach dem fernen St. Jakobs in Galicien hatte Arnold auf seiner Rückreise vom Heiligen Land in Venedig getroffen, stattete sich dort u.a. mit Wechseln aus.

 

Im Folgenden benennt er vor allem die jeweiligen Entfernungen der Orte zu einander, zum Beispiel von Saint Jean nach Burguete 5 Lieux resp. Legua (entspricht etwa 5,5 km), von Larrasoana nach Pamplona 3 Lieux. Interessant für mich sein Hinweis auf Rolands, des Riesen Jagdhorn, das ihm im Kloster von Roncesvalles gezeigt worden sei, er lässt Zweifel aufkommen. Dem Kloster angegliedert sei ein vom Abt aufwändig geführtes Hospital für arme Leute und Pilger. Zu seiner Zeit sei der König von Navarra, hofhaltend in Pamplona, 20 Jahre alt gewesen, der Krone Frankreichs unterworfen.

 

Ungläubig registriert von Harff, dass die Mädchen und Jungfrauen im Lande unbedeckt und kurzhaarig auf den Straßen zu sehen seien. Orte wie Puente la Reina, Estella, Los Arcos, Viana erwähnt er am Rande. Ab Logrono begänne das Königreich Spanien, dort untersuchte man ihn nach Handelsgütern, für sein Pferd zahlte er zwei Real Zoll. Über Navarrete, Najera, Azofra gelangt er nach Santo Domingo und bezweifelt, dass der hl. Dominikus dort begraben sei. Das betreffende Grab sei ihm ja schon in Bologna gezeigt worden. Er fügt hinzu, dass Gott allein über die Irrtümer der Pfaffen entscheiden möge, die niemals Unrecht haben können und wollen. In derselben Kirche auf der linken Seite des Hochaltars seien in einem Käfig ein weißer Hahn und eine Henne gesetzt - auf mirakulöse Weise dort hingekommen.

 

In Spanien übe man eine sehr strenge Justiz, männliche Übeltäter würden an eine hohe Säule gebunden, auf einem Holzstiel sitzend mit unverbunden Augen, vor dem Herzen ein Papier, wonach zuerst die nächsten Verwandten des Missetäters mit Armbrüsten auf ihn schießen und danach seine weiteren Verwandten, bis er tot sei. Die weiblichen Übeltäter hänge man an ihren Hälsen an einen Galgen oder einen Baum, die Kleider unten an den Knien zugebunden. Er muss wohl viele dieser Hinrichtungen gesehen haben. Im weiteren Verlauf geht Arnold auf das Kloster San Juan de Ortega und die schöne Stadt Burgos ein und: auf das Kartäuserkloster „Ad mille flores“. Dort lägen alle Könige und Königinnen von Kastilien begraben. Im Prinzip steuert der Ritter, wie auch von anderen mittelalterlichen Pilgern benannt, dieselben Orte an, die auch wir heute kennen: Tardajos, Rabe de la Calzada, Hornillos, Hontanas, Castrojeriz, Boadilla, Fromista.

 

Hier ist es ihm wichtig, die generelle Pilgersituation in Spanien zu beschreiben: schlechte Herbergen, Essen und Getränke nur auf der Straße zu kaufen; Bänke, Stühle, Tischlaken und Bettwäsche seien extra zu bezahlen. Sein Fazit: Summa summarum sei Spanien ein noch schlimmeres Land (im Umgang) mit der Christenheit, als er es in der Türkei angetroffen habe; nirgends spotte man ärger über einen Mann als in Spanien. Starker Tobak, wie mir scheint. Über Carrion geht’s weiter nach Calzadilla, Sahagun, Bercianos, El Burgo Ranero, Reliegos, Mansilla, über eine Steinbrücke die Isla querend nach Leon, einer der vier Hauptstädte Spaniens. Dort stünde ein sehr schöner Dom „Zu Unserer Lieben Frau de Regula.“ Überganglos zieht es von Harff weiter nach Villadangos, Puente de Orbigo mit einer Steinbrücke, Astorga mit einer von schönen Türmen umzogenen Burg. In Rabanal ende Spanien, Galicien beginne, dem König von Kastilien unterworfen. Die heutigen Montes de Leon bezeichnet der Reisende als Berg Rabanal. An ihm lägen Orte wie Riege de Ambros und Molinaseca.

In Galicien bemerkt der Edelmann, dass die Frauen üblicherweise Silber- oder Goldring in ihren Ohren trügen.

Man merkt dem Reisebericht an, dass Arnold von Harff ansonsten seine Aufgabe nicht darin sieht, Land und Leute, Burgen und Kathedralen näher zu beschreiben, bis auf wenige Ausnahmen. Dort muss er es offensichtlich besonders schlimm angetroffen haben.

Von Ponferrada mit einer starken Burg, wo viel Wein wächst, nach Camponaraya, Cacabelos, Villafranca, einem Städtchen voller Weinreben, das dem Grafen von Benavente gehöre. Über Vega de Valcarce nach La Faba, den Berg hoch nach Santa Maria de Cebrero. Auf das ansonsten von den Pilgern nahezu immer erwähnte Hostienwunder geht von Harff nicht ein. Mir scheint ohnehin, dass der Reisende weiland wenig Lust verspürt hatte, in die Heilige Messe zu gehen, wie heute. In den wenigsten Pilger-/Reiseberichten wird der Besuch eines Gottesdienstes beschrieben, mit Ausnahme der Pilgermesse in Santiago, der Rührung wegen. 

 

Zurück zu Arnold. Den Berg La Faba hinunter nach Triacastela, Sarria, Portmarin mit einer großen Steinbrücke über den Fluss Mino, alles dem König von Kastilien unterworfen. Wie für uns ging`s weiter nach Palas de Rei, San Xulian do Camino, Furelos, Ribadiso, Arzua, nennt wie zuvor schon, Orte, die mir nichts sagen, um schlussendlich nach Compostela zu gelangen.

 

Er kommt nicht umhin, sich der Beschreibung der Kirche in Santiago zu widmen. Benennt den Hochaltar mit einem großen hölzernen Heiltum zu Ehren von St. Jakob mit einer Silberkrone; auch dass die Pilger von hinten an den Altar steigen und die Krone auf ihre Häupter setzen. Dafür würden die Deutschen seitens der Bewohner verspottet. Er bestreitet mehr oder weniger, dass der Leichnam des Apostels St. Jakobs des Älteren dort liegen könne, da er ja schon zu Toulouse im Languedoc liege. Seinem Anliegen, ihm den Leichnam zu zeigen, er hatte einen erheblichen Betrag ausgelobt, kam man nicht nach; er solle glauben. Zu glauben, dass erst wir, Kinder der Aufklärung, zweifelnde Fragen stellen konnten, hat sich mit Arnolds Verhalten und Denken wohl ad absurdum geführt, wobei ich nicht damit sagen möchte, dass er mit dieser seiner Skepsis Recht hatte. In der Sakristei zeigte man ihm allerdings das Haupt des Apostels St. Jakob des Jüngeren und viele andere Heiltümer. Seine letzten Sätze beziehen sich auf den Erwerb der Muschel, damit der Pilger sagen könne, er sei dort gewesen. Nach einem Abstecher zum Finsteren Stern, 8 Lieux entfernt, zog er zurück von Compostela über Leon nach Burgos, wo er die Pferde hatte stehen lassen zu Gunsten mehrerer Maulesel der besseren Verfügbarkeit des Futters wegen. In Leon seien zwei Mitpilger von den Spaniern zu Tode geschlagen worden. Das muss ihn arg getroffen haben. So ist auch sein Fazit zu verstehen:

„Darum ist diese Pilgerreise wie geschaffen für jenes Gesindel, das bei uns zu Lande gestohlen, Totschlag verübt, seine Herren ruiniert oder verraten hat.“  Ein Christoph Guntzinger und ein Domenico Laffi der Jahre 1654 resp. 1670 beurteilten ihre Reise prinzipiell positiver.