WEG DES CODEX CALIXTINUS, 12. Jahrhundert.    Pilgerführer des Liber Sancti Jacobi

Burgos. Der Bau dieser Brücke wird Sto. Domingo de la Calzada (11. Jh.) zugeschrieben. Einer seiner berühmtesten Schüler war San Juan de Ortega.

Einstimmung

Papst Calixtinus als Verfasser des Liber Sancti Jacobi/Codex Calixtinus. Webseite Pilgerbüro Santiago/catedralsantiago.es.

 

Einen großen Einfluss auf die einsetzende Pilgerschaft wird dem V. Buch des Liber Sancti Jacobi zugeschrieben, auch Codex Calixtinus genannt, weil man zunächst Papst Calixtinus II. (1119-1124) als Verfasser vermutete. Heute wird von einigen Fachleuten angenommen, dass Aymeric Picaud, ein französischer Gelehrter, den Liber Sancti Jacobi um 1130 n. Chr. zusammengestellt hat.  

 

Der Codex Calixtinus beginnt mit einer langen Predigt des Papstes, der Veneranda dies (Der ehrwürdige Tag) zu Ehren des Heiligen (Teil I). Teil II. geht auf zweiundzwanzig Wunder ein (vgl. unten), die dem Wirken des heiligen Jakobus zugeschrieben werden, Teil III auf die Translation (Überführung) Jakobi von Jerusalem nach Spanien. Der IV. Teil ist gleichermaßen interessant, thematisiert er doch den Feldzug Karls des Großen  A.D. 778 (bitte durchscrollen) gegen die Mauren, was laut Papst einher ging mit dem dann ungehinderten Zugang der Pilger zum Grab des Apostels in Compostell. Dieser Teil wird auch gerne Pseudo-Turpin genannt. Hinter ihm wird Erzbischof Turpin von Reims (748-794) vermutet.

 

Der Pilgerführer, Teil V des Liber Sancti Jacobi, beschreibt detailliert unter anderem die Wege nach Santiago, Tagesstrecken, Namen der an diesem Weg gelegenen Orte, die drei guten Pilgerhospize der Welt, Namen der Straßenbauer des Heiligen Jakobus, schlechte und gute Wasser am Pilgerweg, Eigenschaften der Länder und Völker entlang der Pilgerstraße, heilige Reliquienstätten, Beschaffenheit der Stadt Compostela und ausgesprochen ausführlich und detailgenau die Basilika des Jakobus wie Maße der Kirche, Anzahl der Fenster, alle Portale, Altäre, etc., und nicht zuletzt die würdige Aufnahme der Jakobuspilger in der Stadt; vgl. auch Menüpunkt CalixtinusII. Promoter des Camino.

Pilgerführer                                                          Vier Wege führen nach Compostela

Schnittpunkt Ostabat. Freies Foto entnommen dem Internet.

 

Für den Pilgerführer (Liber Sancti Jacobi) gibt es vier Wege, die nach Santiago führen.

Diese vier Wege vereinigen sich in Puente la Reina (Pons Reginae - Brücke der Königin) zu einem einzigen, dem Camino Frances.

Dona Mayor, die Ehefrau von König Sancho III. von Navarra (1004 - 1035), hatte die Brücke über den Rio Arga bauen lassen.

 

Die Pilger nutzten das vorhandene Wegenetz zum Teil sehr alter Handelsstraßen von Osten nach Westen. Nicht immer auf direktem Weg, nein, immer wieder unterbrochen von Um- und Seitenwegen, oft wegen besonderer Reliquienstätten und Gnadenorten. Für das Römisch-Deutsche Reich kann man drei größere Sammelorte festmachen, so das Ergebnis von Vera und Hellmut Hell in ihrem Bildband aus 1964 "Die große Wallfahrt des Mittelalters": Im Norden die großen Handelsstäde an der Ostsee wie Lübeck, Stralsund, Danzig bis Riga und Reval und an der Nordsee Hamburg und Bremen - zumeist via Schiff nach Südfrankreich (Bordeaux) oder auch zur galicischen Nordküste. Als zweiter Treffpunkt galt die alte Kaiserstadt Aachen mit ihren vielen Pilgereinrichtungen - Richtung Nordfrankreich über die Niederstraße. Und schließlich sind die Klöster Einsiedeln und Disentis (Jakobsbruderschaft) in der Schweiz zu nennen, von wo die sog. Oberstraße ihren Anfang nahm, via Genf, durch Savoyen rhoneabwärts.

 

Zurück zum Liber Sancti Jacobi: Die ersten drei Wege bündelten sich in Ostabat, kurz von Saint-Jean-Pied-de-Port in den Pyrenäen gelegen:

  1. von Ste-Marie-Madeleine im burgundischen Vezelay über La Chartre
  2. Via Turonensis. Benannt nach dem Apostel der Gallier St. Martin. Von Tours (St. Martin) über Poitiers und Bordeaux
  3. Via Podiensis. Von Notre-Dame in Le Puy über Conques (Statuette der hl. Fides) und Moissac

 

Vom Schnittpunkt Ostabat führte der Weg die Pilger weiter über St. Jean, den Cisapass/Ibaneta (1057 m hoch) zum Rolandshospiz, nach Roncesvalles, Viscarrret, Larrasoana, Pamplona, Eunate und schlussendlich nach Puente la Reina.

 

Für den Kunstfreund ein Eldorado; vgl. auch den Menüpunkt Camino Aragones. Glanzlichter des romanischen Baustils, wunderschöne Kirchen und Basiliken mit bemerkenswerten Skulpturen, ebenso die Hospitäler und Herbergen, Brücken und extra hergerichteten Straßen und Wege. Auf höchsten Niveau wurde hier der künstlerische Austausch nicht wegzudenkender sakraler Schätze verschiedener Epochen verschiedener Künstler fremder Länder (vor allem aus dem heutigen Frankreich und Deutschland) verewigt - alles zur Ehre des peregrinato, des Christus, die Madonna und Jakobus verehrenden Pilgers.

 

Via Tolosona oder Via Egidiana. Der vierte Weg startete in St.Gilles/Arles, weiter via Montpellier und Toulouse zum Somportpass. Von waren es nur drei kleine Etappen, so der Pilgerführer und zwar ausgehend von einem Dorf namens Borce südlich des Somportpasses auf der gascognischen Seite gelegen. Die erste Strecke bis nach Jaca, ca. 33 km, kann ich gedanklich nachvollziehen. Die zweite nicht, nämlich nach Monreal, um die 100 Kilometer. Dann wiederum als drittes Etappenziel die machbare Strecke von Monreal bis nach Puente la Reina mit ca. 34 km. Der Protagonist muss den Ritt mit dem Pferd zurückgelegt haben.

 

So ist es nicht verwunderlich, dass der Pilgerführer für die Strecke vom Cisapass oder Ibaneta (1057 m) in den Pyrenäen bis nach Santiago de Compostela, man will es gar nicht glauben, lediglich dreizehn (13) Etappen ansetzt, also 50 bis 60 Kilometer täglich. Der Durchschnittspilger gestern wie heute veranschlagt 30 bis 34 Etappen; damalige professionelle Eilboten schafften allerdings bei gutem Gelände, so wissenschaftliche Studien, 70 - 90 Kilometer. 

 

Etappenziele

1. kurze Etappe vom Ort St. Michel am Fuß des Cisapasses bis nach Viscarret 

2. kurze Etappe bis nach Pamplona

3. Etappe bis Estella

4. Etappe von Estella bis Najera mit dem Pferd

5. Etappe bis zur Stadt Burgos ebenfalls mit dem Pferd

6. Etappe bis Fromista

7. Etappe bis Sahagun

8. Etappe bis zur Stadt Leon

9. Etappe lediglich bis nach Rabanal

10. Etappe bis Villafranca, an der Mündung des Valcarce, nachdem man den Monte Irago überquert hat.

11. Etappe über den Cebreropass nach Triacastela

12. Etappe von Triacastela nach Palas del Rey

13. Eine kurze Schlussetappe nach Santiago.

 

Nicht wenige Pilger werden gleichwohl einen Abstecher nach Oviedo (rd. 100 km von Leon entfernt), dem Hauptort des angrenzenden Königreichs Asturien, der vielen Reliquien (Schweißtuch Jesu, Siegeskreuz, etc.) wegen gemacht haben; auch heute noch als Autonome Gemeinschaft Fürstentum Asturien existent.

 

Mehrere präromanische Kirchen aus dem 9. Jahrhundert zeugen davon. San Miguel de Lillo, Santa Maria del Naranco (848 in der Zeit von König Ramiro I., 842-850, zunächst als Sommersitz des Königs erbaut, später umgewidmet) und San Julian de los Prados. Die Kathedrale des Ortes, San Salvador, entstammt dem 14. Jahrhundert, der beeindruckende 82 m hohe Turm wurde vier Jahrhunderte später hinzugefügt.

Kloster San Anton, 12. Jahrhundert. Gelegen zwischen Hornillos del Camino und Castrojeriz.

 

Französische Mönche lebten die Caritas im wahrsten Sinn des Wortes, kümmerten sich verstärkt um diejenigen Kranken, die am Antoniusfeuer litten (Vergiftung durch Getreideparasiten) und gaben den vorbeiziehenden Pilgern Wegzehrung mit.

Die zugemauerte Ausgabestelle auf der rechten Seite zeugt davon.

 

Ich wünschte, so manches heutige Kloster würde sich wieder der ursprünglichen Idee und Motivation ihres eigenen Ordens annähern. Nicht die Ökonomie steht im Vordergrund. Nein, die Hilfe für die Armen, für die Obdachlosen und... , ja auch die vorbeiziehenden Jakobspilger sollten - bereitwillig - aufgenommen und beköstigt werden. 

Die Kirche erstrahlt im Glanze der Wunder...

... des heiligen Jakobus", so steht es im Pilgerführer Liber Sancti Jacobi. Und weiter über die Ankunft des Pilgers in Santiago: "Und wirklich, die Gesundheit ist den Kranken wieder gegeben, der Blinde wurde sehend, die Zunge des Stummen löste sich (...), die Gebete der Gläubigen wurden erhört, die Ketten des Sünders fielen ab, der Himmel öffnete sich denen, die anklopften (...) und alle fremde Völker, gekommen aus allen Teilen der Welt (...), bringen dem Herrn ihre Geschenke und ihre Lobpreisungen dar (...). Jener, der die Rampen durchschreitet und der in Trübsal heraufgestiegen ist, wird sich glücklich finden und voll der Freude, nachdem er sich versenkt hat in die vollendete Schönheit der Kirche." Quelle: Norbert Wolf, Die Macht der Heiligen und ihre Bilder, S. 162, 2004 Reclam.

Wunderbericht

An dieser Stelle beispielhaft eines der geschilderten zweiundzwanzig Wunder, das das Wirken des Apostels Jakobus eindrücklich unterstreicht:

 

"Dreißig lothringische Ritter sind auf dem Weg nach Compostell. Sie hatten sich zuvor gegenseitige Treue geschworen und Hilfsbereitschaft versichert. Wie das Leben so spielt, einer der dreißig wird krank, in der Gascogne. Die Ritter tragen ihn zunächst mit sich bis zum Cisa-Pass, wodurch sich ihr Reise entscheidend verlängert. Also verließen sie ihn. Derjenige von ihnen, der zuvor nicht den Treueschwur abgelegt hatte, blieb bei dem Kranken (vgl. auch biblische Erzählung vom barmherzigen Samariter). Dennoch, der kranke Pilger starb, seine Seele wurde der Legende nach sogleich vom Apostel ins Paradies geleitet.

 

Dem verbliebenen barmherzigen Ritter überkam indes die Angst in der Einsamkeit seines Camino nach Compostell und flehte die Hilfe des heiligen Jakobus an. Dieser erschien sodann im Gewand eines Ritters und brachte sowohl den Toten wie den barmherzigen, loyalen Ritter noch in der Nacht auf seinem Pferd nach Compostela. Nach dem der Ritter seine Gebete am Grab des Verstorbenen und in der Kathedrale beendet hatte, trug der Apostel ihm auf, den anderen, seinen ehemaligen Gefährten, nach Leon entgegenzugehen und ihnen zu erklären, dass ihre Pilgerfahrt nichts wert sein, wenn sie keine Buße täten. Die Gefährten kamen dem Gesuch nach und leisteten die ihnen vom Leoneser Bischof auferlegte Buße, bevor sie ihren Weg nach Santiago fortsetzten."

 

Alle Wundergeschichten enthalten Datumsangaben, bis auf die Mirakel 16 bis 18, beziehen sich alle in irgendeiner Weise auf den Psalm 117(118),23 (in Deutsch): Das ist vom HERRN geschehen, und ist ein Wunder vor unsern Augen. Und jede Geschichte wird mit einem Lobspruch zur Ehre des Herrn beendet. 

Quelle: Klaus Herbers, Pilger, Päpste, Heilige, 2011, Narr-Verlag.