WEG DES PFARRERS CHRISTOPH GUNTZINGER      Peregrinato Compostellana anno 1654                von Wiener Neustadt nach Santiago 

Villafranca del Bierzo. Mittelalterliche Brücke des 12. JahrhundertsRichtung Camino duro. Ohne Zweifel wird Pfr. Guntzinger diese Brücke passiert haben.

Einstimmung

Die abenteuerliche Pilgerreise des Pfarrers Christoph Guntzinger aus Wiener Neustadt - wiederentdeckt von Peter Lindenthal. Der Autor bezieht sich auf  Aufzeichnungen des Protagonisten, die dieser in seinem Buch von 1655 wie folgt überschrieben hatte:

"PERIGRINATO COMPOSTELLANA. Wallfarth und Weegweiser zu dem fernen S. JACOB in GALLICIA. Gott und seinen Heiligen zu ehren: Denen Wallferttigen zu nutzen: Anderen zu Christlichem Trost: Geschehne / und beschriben auff heuriges Iubileum Compostellanum M. DC. LV. Von M. Christophoro Gunzinger / Beneficiato Neostadi; Austria. Gedruckt zu Wienn in Oesterreich / bey Mattheo Cosmerovio / röm: Kays: Majes:Hoff-Buchdrucker / 1655."

 

Pfr. Christoph Gunzinger pilgerte auschließlich aus religiösen Gründen. Als er 6jährig erkrankte, trank er Wasser aus der Muschel eines Jakobspilgers und wurde gesund. Seine Mutter legte für ihn ein Gelübde ab, das er dann Jahre später einlöste, um dem  Hl. Jakobus, dem von Gott gesandten Bewahrer meines Lebens, meine Aufwartung zu machen. Gunzinger bewältigte die Strecke zu Land auf dem Pferd, ab Astorga allerdings zu Fuß .

Reiseweg des Geistlichen

Pfr. Guntzinger benötigte 11 Monate für seine Reise. Er nutzte, so der Autor Peter Lindenthal (vgl. auch nebenstehender Buchtitel), sowohl das herkömmliche Wegenetz wie die klassischen Pilgerwege. Lindenthal beschreibt in seinem Buch die von ihm selbst nachgereiste Strecke immer in Verbindung mit den Aufzeichnungen des Pfarrers. In etwa so, wie ich in 2012 meinen Reisebericht aus 2006 Westwärts nach Galicien - Pilger auf den Spuren vergangener Zeitzeugen nach Santiago de Compostella aufgebaut habe.

Ein lesenswertes Buch, zu beziehen beim Tyrolia Verlag in Innsbruck.

 

Die Reise führte Pfr. Christoph Guntzinger Anfang März 1654 von Wiener Neustadt durch Österreich (Graz, Villach) und Italien (Venedig, Padua, Vicenca, Verona, Brescia, Mailand, Pavia) bis nach Genua, wo er sich zunächst bis nach Korsika einschiffte, um letztlich in Xabia südlich von Valencia anzulanden. Von dort ging es weiter über Alicante, Murcia, Caravaca de la Cruz, Albacete, Villamayor de Santiago, Madrid, Valladolid, bis er endlich nahe Astorga auf den Camino Frances stieß.

 

Ist es nicht faszinierend zu lesen, dass Pilger vor Jahrhunderten just die selben Strecken des Camino Frances gegangen, gepilgert sind wie wir? Staunenswert. 

 

Pater Guntzinger ließ überraschenderweise Astorga rechts liegen, besuchte, durchstreifte zu Fuß, nun nicht mehr auf dem Pferd, das war wohl seinem Gelübde geschuldet, die auch uns heute bekannten Pilgerorte, die er teils sehr ausführlich beschrieb:

  • Rabanal de Camino

  • Cruz die Fierro

  • Foncebadon
  • Molinaseca
  • Ponferrada
  • Cacabelos
  • Villafranca del Bierzo
  • Pereje
  • Trabadelo
  • Cebreiro
  • Fonfria
  • Triacastela
  • Sarria
  • Portomarin
  • Hospital de la Cruz
  • Ligonde
  • Melide
  • Arzua
  • Dos Casas
  • Santiago de Compostella

 

Santiago erreichte der Pfarrer am Montag, 20. Juli 1654. Fünf Tage später, am 25. Juli, feierte die Stadt das Patrozinium, den Gedenktag des Apostels. In diesem Zusammenhang sollte hinzugefügt werden, dass er auf seinem Weg jede Gelegenheit nutzte, selbst die Heilige Messe zu lesen. Am 4. August 1654 verabschiedete er sich von Santiago, nachdem er zuvor Finisterrae und Muxia besucht hatte, um letztlich nördlich über Betanzos, Mondonedo, Ribadeo der Küste entlang auch in Oviedo, dem Ausgangort des ältestens Jakobsweges, dem Camino Primitivo, Halt zu machen; die vielen Reliquien hatten es ihm angetan. An anderer Stelle mehr. In Santo Toribo richtete er seinen Blick wieder auf das Landesinnere, auf den Camino Frances, steuerte Burgos an, pilgerte von nun an in entgegengesetzter Richtung gen Osten :

  • San Juan de Ortega

  • Villafranca / Montes de Oca

  • Belorado

  • Villa Pun/Castildegado

  • Granon
  • Santo Domingo de la Calzada,

um von dort sich dem nördlich gelegenen Vitoria zuzuwenden, Richtung San Sebastian und Bayonne, weiter quer durch Frankreich über Toulouse via Lyon in die Schweiz mit Genf, Lausanne, Solothurn, Zürich, Maria Einsiedeln (Marien-Wallfahrtsort und Jakobus-Pilgerort) und St. Gallen, nördlich nach Deutschland mit Lindau, Memmingen, Augsburg, Andechs, München, Altötting (Marien-Walfahrtsort). In Braunau betrat Guntzinger wieder österreichischen Boden mit Mondsee, Bad Ischl, Liezen, Bruck an der Mur, Graz, Mariazell (Marien-Wallfahrtsort), um schlussendlich am 24. Januar 1655 nach 330 Tagen, 40- jährig, seine Heimstadt Wiener Neustadt zu betreten.

 

Eine bemerkenswerte Reise - zu Beginn der Neuzeit, der reformatorischen Zeit zum Trotz - Martin Luther hatte bekanntlich die Pilgerreisenden nach Santiago verspottet. Der Prälat, 1651 war er zum Domherr der Domkirche Wiener Neustadt ernannt worden, hatte parallel zu seinem eigentlich Ziel jede Gelegenheit genutzt, viele Umwege in Kauf genommen, um die wichtigsten Marien-Wallfahrtsorte Mitteleuropas aufsuchen zu können. Wie ich ein großer Marienverehrer.