DAS MITTELALTER                                 INNOVATIVE EPOCHE DER MENSCHHEIT

Leon. Kathedrale Santa Maria.

Einstimmung

Diese europäischen Jahrhunderte waren große, innovative Epochen der Menschheit. Europa machte einen großen technologischen Sprung. Nicht von ungefähr lehnten es 1981 die Autoren der 15. Auflage der "Encyclopaedia Britannica" ab, dieses Zeitalterdark ages zu nennen. Es werde damit fälschlich behauptet, diese Zeit sei eine Periode des geistigen Dunkels und der Barbarei gewesen.

 

Innovative Epoche Europas

TECHNIK IN EUROPA

Das Gegenteil war der Fall. Exemplarisch sei hier die Landwirtschaft genannt, die im 8. Jahrhundert eine Revolution erfuhr. Die Dreifelderwirtschaft wurde eingeführt. Die Muslime hingegen ließen, nach der Eroberung Ägyptens, des Mahgreb und Spaniens, das Rad wieder in die Versenkung verschwinden. Alle Waren wurden fortan von Menschen getragen oder auf Kamelen, Eseln oder Pferden transportiert. Man scheute den Straßenbau.

 

KULTURELLE HÖCHSTLEISTUNGEN

Auf kulturellem Gebiet sind unbedingt zu nennen:

  • Die Buchmalerei und die Goldschmiedekunst schon zu Zeiten des Merowinger Reiches im 5. - 7. Jahrhundert.

  • Die Schriftreform Minuskel von Karl dem Großen. Von dieser Vereinheitlichung profitieren wir noch heute; die Druckschrift Antiqua geht auf die karolingische Minuskel zurück.

  • Die monumentalen Wandmalereien und Mosaiken als Weiterführung antik-frühchristlicher Traditionen.

  • Die Dom- und Kathedralschulen als führende Bildungsstätten. Wo sonst?

  • Die Ausgestaltung der Kirchenmusik.

  • Die Gründung vieler monastischer Orden: einzige Orte der Caritas für die arme Bevölkerung.

  • Die städtischen Rechtsreformen und Körperschaften im 12. Jahrhundert.

  • Die Gründung teils heute noch existierender Universitäten.

  • Et ecetera.

Die Fränkische Kultur

FRANKEN REFORMIEREN DAS GESELLSCHAFTSBILD

DES ABENDLANDS

Die Franken reformierten das abendländische Gesellschaftsbild so nachhaltig, dass es im lateinischen Europa seither keine Ehrenmorde und keine Cousinenehen gibt - wie im Islam heute noch üblich, und keine Mädchentötungen - wie heute verstärkt auch und gerade in Indien und China gängige Praxis. (In zwanzig Jahren (2035) wird es dort 10-20% mehr Männer als Frauen geben.) Fatal.

 

Als Triebfeder galt das Christentum und die daraus abgeleitete Moral: "Was Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen. Mann und Frau sollen sein >ein Fleisch<“. Innerhalb weniger Generationen wichen patriarchalische Verwandtschaftstrukturen einem "bilateralen Verwandtschaftssystem.“

 

"SCHOLA PALATINA" KARLS DES GROßEN                                           GEISTIGE QUELLE DES ABENDLÄNDISCHEN EUROPAS

Karl der Große berief die gelehrtesten Männer seiner Zeit an seinen Hof. Zwei Protagonisten seien an dieser Stelle genannt. Alkuin (740-804), Sohn einer englischen Adelsfamilie, Schüler und späterer Leiter der über die Grenzen Britanniens anerkannten Dom- und Klosterschule in York. Er gilt als der Gelehrteste seiner Zunft. Karl lernt ihn 781 in Parma kennen. 782 folgt er Karls Ruf und übernimmt die Leitung der „Schola Palatina“ in Aachen, mutiert sodann zum einflussreichsten Berater des Königs und späteren Kaisers resp. zum Lehrer der Eliten des Frankenreiches. Hier werden außer Grammatik, Rhetorik und Dialektik (Trivium) auch Musik, Arithmetik, Geometrie und Astronomie (Quadrivium) gelehrt, nicht zu vergessen die Kunst des liturgischen Gesangs „Ars musica“. Übrigens, schon König Pippin der Jüngere hatte im Jahre 754 die Einführung der Römischen Liturgie im fränkischen Reich angeordnet, auch mit dem Hintergedanken, durch die einheitliche Religion und einheitliche religösen Riten die Einheit des Reiches zu gewährleisten.

 

Zum zweiten Protagonisten. Karls Biograph Einhard (770-840; erzogen im Kloster Fulda, Gelehrter, Kunstsachverständiger, Autor), Nachfolger seines Lehrers Alkuin als Leiter der Hofschule Karls des Großen, berichtet über seinen Mentor: „ Größte Aufmerksamkeit widmete er der Verbesserung des liturgischen Lesens und des Psalmengesangs: er war in beidem selbst wohl bewandert, wenngleich er in der Öffentlichkeit nie vorlas und nur leise im Chor mitsang“ - Vita Karoli Magni 26.

 

Fazit. Ohne den Kreis der Gelehrten und Künstler, die Karl an seiner Hofschule, der „Schola Palatina“, um sich versammelte, ist der Aufstieg des Abendlands nicht vorstellbar. Hier liegt die geistige Quelle einer Kultur, die aus einer Synthese von antiker Tradition und der Botschaft des Christentums besteht und entscheidend ist für eine dauerhaftes Überleben Europas. Text teilweise entnommen der Beschreibung von Dr. Michael Tunger zur CD Schola Carolina Aachen, Regali Natus, Gesänge aus dem Karlsoffizums

 

REFORMPOLITIK KARLS DES GROßEN

DAS GODESCALC-EVANGELISTAR

"Wer Gott gefallen will durch rechtes Leben, der soll nicht versäumen, ihm auch durch richtige Sprache zu gefallen", so ermahnte Karl der Große seine Bischöfe und Äbte im Jahre 785. Fünf Jahre zuvor, anlässlich seiner Romfahrt 780/81, hatte der König bei einem Schreiber namens Godescalc das Evangelistar in Auftrag gegeben, das damit eine größere Anzahl liturgischer Prachthandschriften anführt. Für die Geschichte der abendländischen Buchmalerei bedeutet dieser Codex mit seiner prachtvollen Bildausstattung und aufwendigen Textgestaltung einen entscheidenden Neubeginn, der vom kulturellen Engagement Karls des Großen Zeugnis ablegt. Es dokumentiert die gesellschaftliche Erneuerung, die Begründung und die Zielvorstellung der Reformpolitik des Herrschers entsprechend dem Leitbild der christlichen Weltordnung; vgl. auch das von Bruno Reudenbach 1998 im Fischer Verlag veröffentlichte Buch Godescalc-Evangelistar.

 

FRANKEN RETTEN ANTIKE TEXTE

Der Festlegung der fränkischen politischen Kultur auf die lateinische Sprache verdanken wir das Überleben des überwiegenden Teils der antiken lateinischen Literatur. Bis weit in die Neuzeit blieb das Latein der Franken die Sprache der Universitäten und bis ins 20. Jahrhundert in der katholischen Liturgie sowieso.

 

Der maßgebliche Teil der antiken Texte ist in den Schreibstuben christlicher Klöster zwischen 800 und 900 nach Christus kopiert worden und nur deshalb bis heute erhalten. Die Franken schufen damit ein Archiv antiker Ideen riesigen Ausmaßes.

 

BOETHIUS UND CASSIODOR - 5./6. Jahrhundert

BEWAHRER ANTIKER SCHRIFTEN

Dass die Franken überhaupt diese Archive schaffen konnten, verdankten sie Menschen wie Boethius (480-526; römischer Gelehrter, Politiker, neuplatonischer Philosoph und Theologe) und Cassiodor (485-580; römischer Staatsmann am Hof Theoderichs, Gelehrter und Schriftsteller). Letzterer brachte beispielsweise seine riesige Bibliothek, die das gesamte Schrifttum der griechisch-römischen Dichtung, Philosophie und Geschichtsschreibung umfasste, in das Kloster Vivarium in Süditalien ein, seiner eigenen Gründung. Quelle: Philosophen und Theologen im Mittelalter - Gestalten und Probleme - (topos taschenbücher, 2015) von Prof. Josef Pieper, berühmter Philosoph und Theologe. Wer mehr lesen will, zum Beispiel über Cassiodors Lehrplan und Studienordnung, den Institutiones, sollte im Internet nachforschen. Er schrieb über die Goten (Historia Gothorum), er schrieb eine Weltchronik, über Administratives, auch eine Auslegung der Psalmen und in seinem 93. Lebensjahr die De orthographia, eine Zusammenstellung der lateinischen Orthografie; sie enthielt Auszüge aus verlorengegangen antiken Werken. Auch gilt eine seiner Schriften als wichtige Quelle zur mittelalterlichen Musiktheorie.

 

ICH NENNE DAS FORTSCHRITTLICH,

hell leuchtend, keinesfalls dunkel, keinesfalls finster.

Wer Vorgenanntes überprüfen möchte, viele Leser dürften die Franken mit allem in Verbindung bringen, nur nicht mit antiken Texten, zumeist wird das theoretische Wissen den arabischen Muslimen attestiert, der besorge sich u.a. den Artikel von Berthold Seewald aus der "Welt" vom 15. April 2014 oder lese gleich das von ihm rezensierte Buch „Die Franken“ des Frankfurter Historikers Bernhard Jussen, Verlag C.H. Beck. Im selben Verlag erschien 2014 das Buch von Prof. Hans-Jörg Gilomen "Wirtschaftsgeschichte des Mittelalters." 

 

In diesen Kontext fällt auch das kleine Büchlein von Tommy Ballestrem mit dem Vorwort von Matthias Matussek: Ja, aber die Kreuzzüge. Fe-Medienverlag, Kissleg, 2. Auflage 2015. Es gibt einen kurzen Abriss über das christliche Abendland und räumt mit dem tradierten Vorwurf auf, das Christentum sei Schuld an allem. Das Gegenteil ist richtig. Unsere Fundamente, auf denen unsere Kultur, unsere Auffassung vom Menschen, unser Wissen, unsere Musik, unsere Künste, unsere gesamt Herkunft gründen. Heinrich Böll (1917-1985): "(Ohne das Christentum, ohne das Gebot der Nächstenliebe) - >Es wäre eine Welt, in der ich nicht leben möchte< ", so der katholisch getaufte und katholisch beerdigte Literatur-Nobelpreisträger.

 

Zum Schluss einige Worte zu Kaiser Karls angeblichen Gräueltaten betreffend die Sachsenkriege (772-804). Nach wie vor hält sich die unsinnige Behauptung, Karl der Große hätte auf einen Schlag 4.500 adlige Sachsen umbringen lassen. Diese sog. Nachricht fand sich in einer Chronik, die 100 Jahre nach Karl entstanden ist und die aus einer winzigen Notiz besteht. Historiker sagen heute, Karl habe die Sachsen nicht enthauptet (decollati), sondern umgesiedelt (delocati). Also: nur eine Buchstabenverdrehung machte ihn zum Sachsenschlächter. Auch die Zahl 4.500 wird mittlerweile bezweifelt. So viele Rädelsführer und Verräter habe es gar nicht geben können.

 

Fotos

1. Reihe: Flavius Magnus Aurelius Cassiodorus Senator.

              CassiodorHandschrift Institutiones divinarum et saecularium

              litterarum, 8. Jahrhundert, Staatsbibliothek Bamberg. 

2. Reihe: Boethius. Der Anfang von Aristoteles "De interpretatione"

              in der lateinischen Übersetzung des Boethius.  Handschrift Rom,

              Bibliotheca Apostolica Vaticana; Ende des 13. Jahrhunderts.

               Boethius. Handschrift De hypothetics syllogismis. 2. Hälfte                des 10. Jahrhunderts.  Bibliotheque Nationale Paris.                                                   

Man beachte: Die Römer Cassiodor und Boethius des 5./6. Jahrhunderts vermachten resp. hinterließen den Goten/Germanen nicht nur antike Handschriften aus dem lateinischen Raum - sondern auch und gerade über den griechischen Philosophen Aristoteles. Sehr viel früher als die arabischen Muslime des 7./8. Jahrhunderts, die sich übrigens bei der Übertragung der entsprechenden Schriften aus dem Griechischen ins Arabische prinzipiell der Hilfe der dhimmis, der (unterdrückten) Schutzbefohlenen, bedienten, mehrheitlich Christen. Dieser Aspekt wird gerne verschwiegen.            

Einhard (770-840). Denkmal in Eschweiler zu Ehren des Gelehrten. 

Inschrift:

+ 770 EINHARD 840 +

GELEHRTER FREUND KARLS DES GROSSEN

MITGESTALTER DER ERSTEN KUNSTEPOCHE

DES ABENDLANDES

AUS CHRISTLICHEM GLAUBEN

ERSTE URKUNDLICHE ERWÄHNUNG VON

ESCHWEILER DURCH IHN ANNO 828

ALS KAROLINGISCHES KÖNIGSGUT

FUNDUS REGIUS ASCVILARE 

Unübertroffene Dombaumeister

Kölner Dom. Thomas Wolf, www.foto-tw.de.

 

EINMALIGE BAUKUNST

"Strahlend ist das edle Werk, aber dies Werk, das edel erstrahlt, Erleuchte die Köpfe, damit sie durch das wirklich (physische) Licht Aufsteigen zu dem Wahren Licht (Gottes), zu dem Christus, der die Wahre Tür ist. Wie der (Bau) innen wirken soll, zeigt die goldene Pforte: Der träge Geist hebt sich durch das Stoffliche empor zum Wahren, der zuvor ins (Irdische) verstrickte (Geist) wird wieder aufgerichtet, wenn er dieses Licht gesehen hat." Abt Sugers Torinschrift von Saint-Denis. Quelle: Archichektur vor 1900, Rolf H. Johannsen, Gerstenberg Verlag.

 

Die Baukunst stand in höchster Blüte, unübertroffen bis heute. Monumentale Bauprogramme wie die Kaiserpfalz in Aachen, wie die Klosterkirche in Fulda, wie die westgotischen und mozarabischen Kirchen in Spanien, wie die Abteikathedralen in England, et ecetera. Heute rätseln die Fachleute, wie es den Bauleuten im 11./12. Jahrhundert möglich war, gotische Kathedralen / Dome / Münster solchen Ausmaßes -  wie Saint-Denis nördlich Paris (Grablege der französischen Könige), Notre-Dame von Reims (Krönungsort der französischen Könige), Notre-Dame in Chartres, Notre-Dame in Amiens, Notre-Dame in Paris, den Kölner Dom (erbaut nach dem Vorbild von Reims und Amiens), die Münster von Straßburg und Freiburg, die spanischen  Kathedralen am Jakobsweg in Burgos, Leon und Santiago de Compostela - überhaupt in diese Höhe treiben, bauen zu können. Und sie stehen noch immer, die tragenden, gotischen Glasfensterkonstruktionen. Höher als die Pyramiden in Ägypten, so groß wie die Freiheitsstatue und so schwer wie das Empire State Building in New York.

 

Nordamerikanische Fachleute vermuten dahinter, so neueste TV-Sendungen (März 2015), einen Code aus der Bibel, Heilige Zahlen auf Basis des Salomonischen Tempels der Israeliten. Bei Gottes ewiger Baustelle in Barcelona, Antonio Gaudis Sagrada Familia (Grundsteinlegung in 1882), wird ähnliches vermutet.

Nein, es ist kein ominöser Bibelcode. Alles ist nachzulesen bei dem Propheten Ezechiel ab Ez 40: Die "Tora" des Ezechiel - Der zukünftige Tempel.

 

Warum nur die imposanten Kathedralen erwähnen? Kunibert Bering spricht auf Seite 65 f. in der von Reclam (3. Auflage 2002) herausgegeben Reihe Kunst-Epochen - Kunst des frühen Mittelalters - bezogen auf die Architektur Asturiens - von einem ausgesprochen komplizierten Raumgefüge mit einer vielfältigen Verwendung des Tonnengewölbes. Auftraggeber dieser Kirchen waren zumeist die Herrscher, anfangs Ramiro I. und sein Nachfolger Ordono I., zum Beispiel des Kirchenneubaus - östlich von Leon an der Pilgerstraße nach Santiago gelegen - des Klosters Miguel de Escalda. Der Baumeister Abt Oliva Cabreta holte sich unter anderem Anregungen vom italienischen Kloster Monte Cassino; andere nahmen sich Alt-St. Peter in Rom als Vorbild.

 

Festzuhalten ist, dass die Abmessungen, die Grundrisse in Form eines Kreuzes, aller Kathedralen einander gleichen. Immer das himmlische Jerusalem vor Augen. In den hohen Fenstern erscheint die siegreiche Kirche mit ihren Heiligen und Zeugen der Wahrheit. Jedes Glasfenster verwandelt sich in eine Quelle mit tausend Farben und voll von einer transzendentalen Nachricht: Wird das Licht zum Wort oder das Wort zum Licht?

 

Fazit: Unübertroffene, grandiose Baumeisterkunst, grazile Riesen, ohne Hightech. Die Bauhütten waren europaweit vernetzt. Hier wurden sowohl die zukünftigen Steinmetze und Baumeister ausgebildet wie die sogenannten Hüttengeheimnisse tradiert: Baupraktiken, Regeln der Geometrie und Proportion, Erfahrungswerte. Die Reimser Bauhütte soll weiland über die rationalste Betriebsorganisation verfügt haben. Heute würde man von Baulogistik und Ingenieurskunst sprechen, Computeranimationen inklusive.