AUTONOME GEMEINSCHAFT GALICIEN

O Cebreiro. Früher von den Kelten verehrt, heute ein überlaufener Wallfahrts- und Ausflugsort. Über das Hostienwunder von Anno Domini 1300 lesen Sie unten mehr und im Reisebericht WESTWÄRTS NACH GALICIEN Etappe 28: Camino duro. Der harte Weg. O Cebreiro. Bunter Vogel.

Einstimmung                                                   Galicien (baskisch: Galiza)

Der Name geht auf ein kelto-iberisches Volk des Altertums zurück, den Galläkern, lateinisch Callaici/Gallaea. Eine typische, grüne Bergregion, durchschnittlich 400 Meter hoch, den schottischen oder irischen Highlands ähnlich. Der typische Jakobspilger wird, wenn er nicht bis Finistera weiterpilgert, wenig von Galiciens Küsten sehen, die eine Gesamtlänge von knapp 1.700 Kilometer aufweisen, davon über 800 Kilometer Steilküste. Fjordähnliche Flussmündungen, die sog. Rias, werden als charakteristisch bezeichnet. Charakterisch auch die nicht seltenen wilden Pferde. Für viele Galicier stellt das Wildpferd die Verbindung zwischen Gott und dem Menschen dar.  Alljährlich findet - wie vor zweitausend Jahren - eine Treibjagd statt. Nach der Markierung werden die Pferde wieder ihrer Bergwelt überlassen.

 

Galicien ist eine Autonome Gemeinschaft Spaniens. Hauptstadt: Santiago de Compostela. Seit 1981 ist Galicisch neben Spanisch offizielle Amtssprache. Unter Julius Caesar wurde die Region 60 vor Chr. römische Provinz. Im 5. Jahrhundert nach Christus ließen sich dort die germanischen Sueben nieder. Im Jahre 585 verwüsteten die Westgoten das Land. Eine flächendeckende Christianisierung erfolgte erst im 6. Jahrhundert.

 

Die Menschen sind außergewöhnlich heimatverbunden, aufgrund ihrer räumlichen Nähe mehr den Portugiesen denn dem übrigen Spanien verbunden. Zitat eines jungen Mannes in einer 3Sat-TV-Sendung in 2015: "Meine künftige Frau aus Andalusien müsste schon zu mir nach Galicien ziehen, in die Nähe der Eltern, der Verwandtschaft."

An den galicischen Stränden werden 80-90% des weltweiten Mies-Muschelumsatzes erbracht, zumeist von den Frauen geerntet.

 

Der mehr als eintausend Jahre alte Dudelsack (Sackpfeife), eine Verwandtschaft mit dem des schottischen ist nicht zu leugnen, zählt zu den wichtigsten Musikinstrumenten. Die schottische Variante töne laut, ursprünglich für den Kriegseinsatz geschaffen, während der galicische dezent und sauber klinge. Carlos Núñez, der 'neue König der Kelten', und sein Bruder sind derzeit die Protagonisten dieser Musikrichtung schlechthin. Neben dem Dudelsack spielt Carlos N. unter anderem die Drehleier. Ein Riesenexemplar stünde in der Kathedrale von Santiago. Dreißigtausend Galicier nennen den Dudelsack ihr Eigen, der immerhin bis zu neuntausend Euro kostet.  Die Brüder schwärmten vom Mittelalter, von der Tradition. Der Galicier lebe quasi das Mittelalter, in einem ewigen Mysterium, mit geheimnisvollen Mythen der Vorfahren wie Geister, Hexen und Zauberei. Geprägt vom Ende der Welt, vom Kap Finisterre, so nannten es schon die Römer, abgeleitet vom lateinischen finis terrae. Hier steht der letzte Markierungsstein des Camino de Santiago resp. in dessen Fortsetzung der Camino a Fisterra, nahe der Steilküste, der Todesküste, der Costa da Morte/Costa de la Muerte mit seinen vielen Schiffsunglücken - noch heute. So gibt der Galicier ungern ein „ja“ oder ein “nein“ preis; er bevorzugt das „kann sein.“

 

Der heilige Jakobus lässt jährlich ungefähr fünfhunderttausend Touristen nach Galicien strömen, zumeist auf ihrem Weg in die Provinzhauptstadt Santiago de Compostela. Die größte Stadt der Region ist jedoch Lugo mit 300.000 Einwohnern von insgesamt rund 2,8 Mio. in der Region. In der Hafenstadt La Coruna steht der älteste noch im Gebrauch befindliche Leuchtturm, der Herkulesturm/Torre de Hercules aus dem 2. Jahrhundert.

Informatives für den Pilger

Der aufmerksame Jakobspilger wird kurz nach Verlassen des Ortes La Laguna den Grenzstein auf dem Weg nach O Cebreiro bemerken; froh, dass er den beschwerlichen Weg von La Faba bis hierher geschafft hat. O-Ton Christoph Gunzinger in 1654: Er windet sich in langen Schlingen am Hang den steinigen Berg hinauf, um dann bis zum Kloster (Cebreiro) wieder etwas angenehmer zu verlaufen. (Quelle: Peregrinato Compostellana von Peter Lindenthal).

Er wird den Alto de Poio passieren, weiter gehen nach Triacastela, Sarria, Morgade, Portomarin, Airexe, Palas de Rei, Furelos, Melide, Arzua, Pedrouzo-Arca, Lavacolla, um schlussendlich auf dem Monte de Gozo das ersehnte Ziel, die Kathedrale von Santiago de Compostela, vor Augen zu haben. Einhundertsechsundfünfzig Kilometer. 

 

An dieser Stelle ungewöhnlich ein Hinweis auf das Essen. Warum? Die galicischen Empanadas waren nachweislich schon den mittelalterlichen Pilgern des 10. Jahrhunderts geläufig. Eines der ältesten Zeugnisse ist eine Reliefdarstellung am Portico de la Gloria der Kathedrale in Santiago aus dem 12. Jahrhundert. Heute sind die Empanadas in ganz Spanien und Süd-Amerika bekannt. Sie werden normalerweise in den Bäckereien verkauft. Eine einfache Mahlzeit aus Hefeteig mit einer Füllung aus Paprika, Tintenfisch, Stockfisch, Thunfisch, Meeresfrüchten, et ecetera.

Bergdorf O Cebreiro auf 1300 Meter ü. M.

Palloza. Uralte, runde, elliptische Steinbauten. 

 

Sie vermitteln einen interessanten Einblick in die Lebenswelt der Menschen von vor dreitausend Jahren: strohgedeckt, fenster- und und kaminlos (Rauchabzug durch das Strohdach); 1/3 Stall und Scheune, 2/3 Wohnbereich, den sich laut Wikipedia bis zu vier Generationen teilten.

 

Auch die Katholischen Könige Isabella und Ferdinand besuchten 1486 den Ort, Wasserscheide zwischen dem Atlantischen Ozean und dem Kantabrischen Meer, um den Kelch, von dem das Hostienwunder erzählt, zu sehen. Pfarrer Christoph Gunzinger aus Wiener Neustadt geht in seinem Reisebericht des Jahres 1654 gleichermaßen daruf ein. Für ihn war die glaubwürdige Geschichte über 500 Jahre alt. Er will auch noch die kristallenen Ampullen und den altfränkischen Kelch aus nächster Nähe mit Erstaunen besichtigt haben.

Jahrhunderte lang unterhielten die Mönche von Cluny (Frankreich) hier ein Hospiz, neben der Kirche aus dem 9. Jahrhundert. Das Gnadenbild der Santa la Maria Real (Heilige Jungfrau vom Cebreiro) aus dem 12. Jahrhundert (leider kein Foto verfügbar), 1971 restauriert,  ist alljährlich Ziel der Wallfahrt am 8. September, durchaus mit bis zu 30.000 Personen. 

Von O Cebreiro hat man bei gutem Wetter einen phantastischen Blick hinunter nach Galicen. Der verhangene Himmel ließ uns rasch vom an diesem frühen Morgen unwirtlichen Ort davon eilen, weg vom Weg, runter auf die Straße.

 

Für den mittelalterlichen Pilger mag es ein Blick wie ins gelobte Land gewesen sein. Wie die Kathedrale von Compostell, die Stadt auf dem Berg: Symbol des himmlischen Jerusalems. Nach monatelanger Wanderschaft durch die Sümpfe des Landes, die Gebirge der Pyrenäen und die Dürregebiete von Kastilien und Leon Galicien erreicht zu haben. Ein Wunder, und nur noch wenige Kilometer bis zum ersehnten Ziel. Viele Pilger siedelten sich in Galicien an mit den sanften Bergzügen, dem Regenreichtum, den Wäldern und grünen Tälern, der malerischen und buchtenreichen Meeresküste. Die Bauern können Obstbau und Viehzucht betreiben, der Wein wird schon im Mittelalter gerühmt.

 

 

Liber Sancti Jacobi, 12. Jh.:

Vom Cisapass bis nach Santiago verbleiben 13 Etappen (...). Die neunte von Leon bis Rabanal, die zehnte bis nach Villfranca, nachdem man den Monte Irago überquert hat. Die elfte nach Triacastela über den Cebreopass; die zwölfte reicht von Triacastela nach Palas el Rey; die dreizehnte bis nach Santiago ist kurz. (3)

Fotos:

O Cebreiro empfängt uns regnerisch. Bitte die dunklen Fotos anklicken. Sie zeigen den Wohn- und Schlafbereich der Pallozas. Der Ortseingangsstein geht auf die Pilgergeschichte ein.