CAMINO FRANCES

VON DEN PYRENÄEN BIS ZUM GRAB DES APOSTELS JAKOBUS

Pyrenäen. Grenzstein zwischen Frankreich und Spanien.

Santiago de Compostela. Reliquienschrein des Heiligen Jakobus in der Krypta der Kathedrale von Santiago de Compostela unterhalb des Hochaltars. 

Einstimmung

Vier Wege führen nach Compostela. So beschreibt es der im 12. Jahrhundert lateinisch verfasste Pilgerführer Liber Sancti Jacobi, auch Codex Calixtinus genannt. Mehr dazu unter dem Menüpunkt JAKOBSWEGE. GESTERN UND HEUTE > Hell leuchtendes Mittelalter. Pilgerwege mittelalterlicher Zeitzeugen > Weg des Codex Calixtinus.

 

Die französischen Pyrenäen werden nach wie vor an zwei Stellen überquert. Entweder von Saint-Jean-Pied-de-Port kommend über den Ibañetapass oder weiter süd-östlich über den Somportpass ausgehend vom französischen Ste.-Marie-Oloron. Der erste Weg, dessen 1. Etappe zumeist ins spanische Roncesvalles führt, heißt an sich Camino Real Francés; heute als Camino Francés bekannt - offensichtlich unter dem Einfluss der Franzosen.

 

Der zweite Weg wird mit Camino Aragonés bezeichnet, auch bekannt als Camino Italiano, da er von den Italienern bevorzugt wird. Er ist circa einhundert Kilometer länger und von höchstem kulturellem Interesse. Mit ihm beschäftige ich mich an anderer Stelle: JAKOBSWEGE. GESTERN UND HEUTE >  Lourdes-Somportpass. Im Nachfolgenden beschreibe ich den Camino Francés.

Start in St.-Jean-Pied-de-Port

St. Jean ist der Ausgangspunkt des Camino de Santiago mit der 1. Etappe über die Pyrenäen nach Roncesvalles. Gleich zu Beginn erwartet den Pilger eine anstrengende Strecke. Dr. Höllhuber von DuMont charakterisiert sie als sehr schwer: 26 km bei 1.250 m Anstieg, avisierte Dauer: 8 Stunden. Man sollte die Route Napoleon, so heißt dieser Abschnitt, nur bei gutem Wetter gehen.

 

800 KILOMETER CAMINO DE SANTIAGO

Über achthundert, teils strapaziöse Kilometer liegen nun vor dem Pilger. Ist er sich dessen bewusst?  Achthundert Kilometer reich an Historie, Geschichten und Heiligenlegenden. Von Navarra, durch La Rioja, via Burgos und León, den Provinzstädten von Kastilien-León, durch unendlich scheinende Getreidefelder der Meseta, der heißen spanischen Hochebene, durch das Land der Maragatos, über die Montes de León mit dem Cruz de Ferro, auf dem Camino duro, dem harten Weg, nach O Cebreiro, durch mittelalterlich anmutende, verarmte Bauerndörfer ins hügelige, grüne, bewaldete, häufig regnerische Galicien. Wieviel Etappen wird er einplanen? Ganz unterschiedlich. Zwischen dreißig und vierzig.

 

In John Brierley`s Reiseführer aus 2003/2013 fand ich einen bemerkenswerten Gedanken: Ihm gefällt die Vorstellung, 33 Tage gepilgert zu haben: einen Tag für jedes Jahr, das Jesus Christus auf der Erde gelebt hat, also 33 Jahre.

   

Je weiter der Pilger Compostela entgegenschreitet, je mehr wird er auf freundliche Mitpilger treffen, die ihm gleichwohl möglicherweise einen Herbergsschlafplatz streitig machen. Nicht selten wird er schon um die Mittagszeit die ersten Rucksäcke vor den Herbergstüren abgestellt sehen. Dann wird er weiter gehen, im nächsten Ort ein Refugium suchen, gegebenenfalls ein günstiges Hostal ansteuern. In 2006 ließen sich 82.407 Pilger des Camino Frances in Santiago registrieren, in 2014 waren es schon 161.993. Tendenz steigend. Auch darüber wird er nachdenken (müssen).

 

ZEIT ZUM REFLEKTIEREN 

Viele Gedanken werden ihm durch den Kopf schwirren, warum er das eigentlich alles auf sich nimmt. Der Einfluss des Jakobswegs auf Europa war und ist nach wie vor immens: auf Architektur und Bildhauerkunst, auf Literatur, Musik und Malerei, auf Wissenschaft, Wirtschaft und Politik. Wird ihn das überhaupt interessieren? Denkt er an den mittelalterlichen Pilger, der ein Gelübde zu erfüllen hatte, der den Jakobusweg als Bußgang betrachtete zwecks Tilgung seiner schweren Sünden? Oder wandert er nur aus Neugier und Abenteuerlust, der körperlichen Herausforderung wegen?

Mein Diktum: Bei allen Menschen, die den Jakobsweg gehen, schwingt etwas mit, was ihnen anfangs gewiss nicht in Gänze bewusst sein wird. Es ist das sich nach und nach bildende unbestimmte Gefühl einer Sehnsucht, dem Leben Sinn und Erfüllung zu geben. Der Pilgerweg symbolisiert das lebenslange Suchen des Menschen nach einem Lebensziel.

St.-Jean-Pied-de-Port. Rue de la Citadella.

Baskisch für Saint Jean: Donibane Garaz; deutsch: Heiliger Johann am Fuße des Passes der französischen Pyrenäen.

 

An sich lohnte es sich, den Ort näher anzuschauen, sich mit seiner Geschichte und seinen Menschen, den stolzen Basken, mit ihrer eigenen Sprache, ihren lukullischen Gerichten, ihrem eigenartigen Ballsport auseinanderzusetzen. Der Reihe nach.

 

Saint Jean war von Beginn seiner Gründung im 12. Jahrhundert ein Pilgerort. So siedelten sich schon früh um die Rue d`Espagne herum viele Handwerker an, verdienten ihr Geld mit den Jakobspilgern. Ein Jahrhundert zuvor war die Ortschaft, sie trug damals einen anderen Namen, vom englischen König Richard Löwenherz platt gemacht worden, aus welchen politischen Gründen auch immer.

 

Der älteste Stadtteil gruppiert sich um die Rue de la Citadelle. Die Stadtmauern, von König Ludwig XIV. im 17. Jahrhundert befestigt, stoßen auf Reste der Mauern aus dem 13. Jahrhundert. Im Zuge dieser Befestigungsarbeiten ließ der König 1680 die Burg in eine Zitadelle umfunktionieren, ebenso dokumentieren die Wehrtürme die strategisch wichtige Lage des navarrischen Grenzortes. Schaut man sich die einzelnen Häuser in der Rue de la Citadelle genauer an, so entdeckt man an ihren Türstürzen die Namen ihrer vormaligen Besitzer, nebst Jahr und Berufsangabe.

 

Karl der Große querte die von jeher strategisch wichtige Hauptstraße von Roncesvalles kommend auf seinem Weg zurück ins Frankenland. Napoleon ließ auf ihr seine Artillerie durchmarschieren, also nannte man sie lange Zeit Straße der Artillerie. Auf dem nahe gelegenen Ibañeta-Pass, 1057 m hoch, eine halbe Fußstunde vor Roncesvalles, spielte sich die Legende um Roland (Roldan) und seinem Schwert im Kampf gegen die Basken ab, die die Nachhut Karls des Großen aus dem Hinterhalt auf der Paßstraße überfallen hatten. Dazu an anderer Stelle mehr (Reisebericht Westwärts 2. und 3. Etappe).

 

Saint-Jean-Pied-de-Port, der lateinische Begriff „Port“ wird baskisch mit „Ort, den man passiert“ übersetzt, war überwiegend Bestandteil des baskischen Königreichs Navarra, von 1620 bis 1790 allerdings den Franzosen - nomen est omen - zugeschlagen. Nicht ohne Stolz nannten sich sodann die Herrscher König von Frankreich und Navarra. Heute zählt der spanische Teil des Baskenlands zu den wohlhabendsten Gebieten Spaniens.

 

Noch ein Gedanke zum bereits erwähnten, sehr eigenwilligen Ballsport, dem Pelotaspiel. Es wird nur im Baskenland gespielt, mit der bloßen nur mit speziellem Pflaster umwickelten Hand. In früheren Zeiten nutzte man dieses Rückschlagspiel, aufkommende nachbarschaftliche Zwistigkeiten nicht auf dem Schlachtfeld auszutragen, sondern auf der Spielfläche Frontón.

 

ZURÜCK ZUM PILGER

Dies alles, so befürchte ich, wird den eiligen Pilger nicht interessieren. Er strebt durch das Jakobustor hinweg in die Pyrenäen nach Roncesvalles. Jährlich sollen es 35.000 an der Zahl sein. Vielleicht nahm er sich tags zuvor die Zeit, die sehenswerte Kirche Notre Dame du Bout du Pont (Unsere Dame am Ende der Brücke) zu betreten, einen Blick auf die Zitadelle werfen, und die baskisch zubereiteten Tintenfische zu probieren, gekauft beim Händler in der umtriebigen Markthalle, deren Bestehen man übrigens bis auf das Jahr 1342 zurückverfolgen kann; die Markthalle in Pamplona ist im selben Jahr errichtet worden.   

Fotos:

Lks.: St.-Jean. Rue de la Citadelle.

Re.: Über den beschwerlichen Col de Lepoeder/Cisapass, auch Route de Napoleon genannt, oder über die bequemere Autostraße via Valcarlos, dem an sich alten Pilgerweg.

Teilstrecken

Nicht jeder wird in den Pyrenäen starten wollen. Auf den nächsten Seiten können Sie sich über mögliche von Ihnen ins Auge gefasste Teilstrecken des Camino de Santiago, des Camino Frances informieren. Wir werden dabei immer wieder auch einen Abstecher ins Mittelalter wagen, Sie mit dem mittelalterlichen Pilger konfrontieren.