DIE KONZILIEN

Vollversammlung der Konzile. a) Das Konzil von Trient (1545 bis 1563). Foto: unbekannter Künstler, spätes 17. Jahrhundert, Staatliches Hochbauamt Donauwörth.

b) Das Zweite Vatikanische Konzil im Petersdom von Rom (1962 bis 1965). Foto: Joachim Schäfer, Ökumenisches Heiligenlexikon.

Vorbemerkungen

Die Konzile haben ihren Vorläufer im Apostelkonvent von Jerusalem, das in den Jahren 48 / 49 nach Christus stattgefunden hat. Die Protagonisten Petrus, Jakobus und Johannes auf der einen sowie Paulus und Barnabas auf der anderen Seite schrieben im wahrsten Sinn des Wortes zielführende Kirchengeschichte, nachzulesen in der Apostelgeschichte 15/16 (Apg 15,28: "Der Heilige Geist und wir haben beschlossen, euch keine weitere Lasten aufzuerlegen als (...)."

 

Es ging im Wesentlichen darum, ob die Heidenchristen, damals vor allem die Griechen, sich den jüdischen, mosaischen Riten (Beschneidung, etc.) zu unterwerfen hätten. Die Rede des Jakobus legte den Grundstein für den allseits akzeptierten Kompromiss, der als Aposteldekret gem. Apg 15,19-21 festgehalten wurde. Damit erst konnte die Mission ihren grandiosen Verlauf nehmen, das Christentum seinen Siegeszug starten.

 

Ein Wort zum Zeitpunkt der Apg-Verfasserschaft. Es gibt nach Prof. Klaus Berger gute Gründe anzunehmen, dass der Evangelist Lukas die Apostelgeschichte bereits um 66/67 n. Chr. für seinen Freund Theophilus niedergeschrieben hat. Leider haben sich maßgebliche Kreise der katholischen Kirche der Meinung vieler evangelischer Theologen angeschlossen, dass das Buch zwischen 80 und 90 n. Chr. verfasst worden sei. Das ist insoweit von eminenter Bedeutung, als damit indirekt postuliert wird, dass mehrere prophetischen Aussagen Jesu Christi die Tempelzerstörung Jerusalems von 70 n. Chr. betreffend - heute würde man sagen - gefaked, also nachträglich eingefügt worden sind: vaticinia ex eventu .    

 

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Papst und Konzile (Lehramt)

stehen nicht über das Wort Gottes

(II. Vaticanum - Dei Verbum, 10)

Also: Konzile dürfen nicht überbetont und absolut gesetzt werden. Sie dürfen keinesfalls de facto mit der mündlichen Heiligen Überlieferung oder der Heiligen Schrift, dem Wort Gottes, gleichgesetzt werden.

Diskussionen um die rechte Lehre gab es zu jeder Zeit; sehr heftig nach dem äußeren Frieden nach der Konstantinischen Wende Anfang des 4. Jahrhunderts.

"Die aktuelle Situation (Anm.: nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil) einer präzedenszlosen Krise der Kirche ist mit der großen Krise im 4. Jahrhundert vergleicbar, als der Arianismus (Anm.: geleugnete Wesensgleichheit von Gottvater und Gottsohn) die überwältigende Mehrheit des Episkopats (Anm.: also der Gemeinschaft aller Bischöfe) angesteckt und im Leben der Kirche ine dominierende Stellung eingenommen hat", so Msgr. Athanaius Schneider, Weihbischof der Erzdiözese der Heiligen Maria in Astana, Kasachstan.  

 

Die ersten Ökumenischen Konzilien, Ökumene meint hier Gesamtheit der katholisch-apostolischen Kirche, befassten sich mit der Trinitätstheologie, der Dreifaltigkeit Gottes.

325 in Nizäa. Es wurde einberufen von Kaiser Konstantin den Großen, hatte etwa 2.000 Teilnehmer, davon über 300 Bischöfe und

381 in Konstantinopel, einberufen von Kaiser Theodosius I.; Teilnehmer: 150 Bischöfe. Das nizäno-konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis wird noch heute als verbindlich angesehen und gebetet. Sowohl die von Arius (260 - 336; nach ihm wurde der Arianismus benannt ) geleugnete Wesensgleichheit von Gott Vater und Gott Sohn wurde festgeschrieben wie die Wesensgleichheit des Heiligen Geistes hinzugefügt.

 

Ein Jahrhundert später ging es vornehmlich um die Frage, wie Jesus zu denken ist, wenn er doch zugleich Gott und Mensch ist. Und um die Gottesmutterschaft der Jungfrau Maria. Damals sprach man von ihr als Gottesgebärerin.

431 in Ephesus, einberufen von Kaiser Theodosius II.; Teilnehmer: 150 Bischöfe und 451 in Chalzedon, einberufen von Kaiser Marikan; Teilnehmer etwa 500 Kleriker.

 

Diese Diskussionen hierüber haben über die Jahrhunderte hinweg nie aufgehört. Auch heute gibt es nicht wenige evangelische und katholische Christen, die Jesus Christus die Gotteseigenschaft absprechen und damit deutlich zum Ausdruck bringen, dass Jesus als einfacher Mensch auch nicht aus der heiligen Jungfrau Maria als Gottesmutter geboren worden sein könne.

 

Protagonisten der damaligen Konzilien waren neben den Kaisern und weltlichen Herrschern und Bischöfen Kirchenlehrer und Kirchenväter von Range eines Eusebius von Cäsarea (gest. um 340), Athanasius (292-373), Basilius der Große (331-379), Johannes Chrysostomos (354-407), Ambrosius (340-407), Augustinus (354-420), Hieronymus (348-420).

 

Auf die weiteren Konzilien von Konstantinopel, 553 und 680/681, sowie Nicäa von 787 gehe ich hier nicht näher ein und nur stichwortartig auf die fünf mittelalterlichen Laterankonzile:

 

  • 1. Laterankonzil 1123 einberufen von Papst Calixtinus II.: Bestätigung des Wormser Konkordats, Klärung des Investiturstreits, Simonie, Zölibat. Teilnehmer: etwa 300 - 1.000 Kleriker.

  • 2. Laterankonzil 1139 einberufen von Papst Innozenz II.: Beendigung des Schismas Anaklets II., Exkommunikation Arnolds von Brescia und Rogers II. von Sizilien, Zölibat, Simonie, Zinsnahme, Buße. Teilnehmer: etwa 500 bis 1.000 Kleriker.

  • 3. Laterankonzil 1179 einberufen von Papst Alexander III.: Organisatorisches zur Papstwahl, kirchliche Disziplin, Unabhängigkeit der Kirche, Lehre der Katharer. Teilnehmer: etwa 300 Bischöfe.

  • 4. Laterankonzil 1215 einberufen von Papst Innozenz III.: Festlegung des päpstlichen Primats, Lehre von der Transsubstantiation bei der heiligen Eucharistie (vgl. vorherige Seite), Katharer und Waldenser, Trinitätslehre, Lebensführung und Verhalten der Kleriker, Kirchliches Verfahrensrecht, Kreuzzug. Teilnehmer: 71 Patriarchen und Metropoliten, 412 Bischöfe, rund 900 Äbte, Priores, Abgesandte.

  • 5. Laterankonzil 1512-1517 einberufen von Papst Julius II., beendet von Papst Leo X.: Maßnahmen zur Kirchenreform, Neuaristotelismus, dogmatische Definition über die Unsterblichkeit der individuellen Seele, Konkordat mit Frankreich, Zinsnahme, Verurteilung ds Gegenkonzils von Pisa, Pfandhäuser.

Das Konzil von Trient                                         1545 bis 1563

Das Konzil von 1545 bis 1563 fällt in eine Zeit, die noch stark von den spätmittelalterlichen Jakobspilgern geprägt wurde.

Es wurde explizit auf Drängen von Kaiser Karl V. im Jahre 1545 von Papst Paul III. einberufen und im norditalienischen Trient eröffnet - als Reaktion auf die Reformation Martin Luthers. Es diente dazu, die wahre Lehre der katholischen Kirche in Abgrenzung zu Luthers Thesen zu definieren. Ohne dieses Konzil hätte sich die Gegenreformation nicht richtig entfalten können, hätte für die Protagonisten kein theologisches begründetes Fundament gehabt.

 

In diesem Zusammenhang sind seitens der Konzilsväter auch die Dekrete zur heiligsten Liturgie (Eucharistie), zur Buße und zum Messopfer zu verstehen. Das nach dem Konzil von Papst Pius IV. 1564 veröffentlichte „Tridentinische Glaubensbekenntnis“ fasst alle Beschlüsse und Dekrete zusammen. Leider sind sie , wie ich meine, bewusst in Vergessenheit geraten. So hat sich die Meßreform Papst Pauls VI. nach dem II. Vatikanischen Konzil 1968 dem Zeitgeist gebeugt. Das Opfermahl der heiligen Eucharistiefeier mutiert seit dem über die Jahre zum friedenstiftenden Erinnerungsmahl. Das ist, das war kontraproduktiv und zeugt nicht von Selbstbewusstsein und Überzeugtsein von der überlieferten Lehre Jesu Christi.

 

Die im 16. Jahrhundert parallel eingeleitete Gegenreformation, Wiedergewinnung ehemals katholischer Gebiete, wurde besonders von spanischen und deutschen Jesuiten unterstützt und erfolgreich betrieben; von jenem Orden, dem der heutige Papst Franziskus angehört. Der vom heiligen Kajetan von Thiene (1480 - 7. August 1547) gegründete Orden der Theatiner zählte neben den Jesuiten zur Hauptkraft der Kirchenreform im Sinne des Konzils von Trient.

 

HEUTE SEHEN VIELE KATHOLIKEN,  KLERIKER WIE GLÄUBIGE,  IM TRIENTER KONZIL EIN HINDERNIS

Zu meinen, die Trienter Konzilsbeschlüsse würden dem Ökumenegedanken hinderlich sein, ist nicht zielführend und verkennt die Katholizität, der auch Papst Franziskus sich verpflichtet fühlt.

 

John Henry Kardinal Newman (21.02.1801 - 11.08.1890) sagte dazu (nicht in willkürlicher Abgrenzung): "Ich wünsche mir (...) Menschen, die ihre Religion kennen, die sich auf sie einlassen, die ihren Standpunkt kennen, die wissen, woran sie festhalten und was sie unterlassen, die ihr Glaubensbekenntnis so gut kennen, dass sie darüber Rechenschaft ablegen können, die über so viel geschichtliches Wissen verfügen, dass sie ihre Religion zu verteidigen wissen." - Quelle: the Present Position of Catholics in England, IX, 390.

 

Ich denke, wenn wir uns hierauf besinnen, werden wir uns mit Gottes Hilfe, mit dem Heiligen Geist im Rücken, dem heutigen Ökumenegedanken widmen können: Trennendes und Verbindendes benennen. 

Erstes Vatikanisches Konzil                               1869 bis 1870

Einberufen von Papst Pius IX. Teilnehmer: 744 Kleriker.

Themen: Rationalismus, Fideismus, Liberalismus, Materialismus; Inspiration des Geschriebenen, Unfehlbarkeit des Papstes. Vorzeitig abgebrochen wegen des von Frankreich gegen Preußen begonnenen Krieges, worauf das Königreich Italien den Kirchenstaat besetzte.

In seinem unten beschriebenen Buch "Credo für heute" geht der emeritierte Papst Benedikt XVI., in 1971 noch als Theologieprofessor im Rahmen seines Themas "Warum ich noch in der Kirche bin" auch auf das Erste Vatikanum ein:

 

"Sagen wir es einmal ganz hart: Das erste Vatikanum hatte die Kirche beschrieben als "signum levatum in nationes", als das große eschatologische Banner, das weithin sichtbar die Menschen ruft und vereint. Sei es (so meinte das Konzil von 1870) jenes von Jesaja (11,12) erhoffte, weithin sichtbare Zeichen, das jeder Mensch erkennen kann und das allen unzweideutig den Weg weist: Mit ihrer wunderbaren Ausbreitung, ihrer hohen Heiligkeit, ihrer Fruchtbarkeit in allem Guten und ihrer unerschütterlichen Stabilität sei sie das eigentliche Wunder des Christentums, seine ständige, alle anderen Zeichen und Wunder ersetzende Beglaubigung vor dem Angesicht der Geschichte. Heute erscheint alles ins Gegenteil verkehrt: Nicht wunderbare Ausbreitung, sonder kleinkarierter, stagnierender Verein (...)"

Zweites Vatikanisches Konzil                                1962 bis 1965

Papst Johannes XXIII. Bürgerlicher Name Angelo Giuseppe Roncalli, geb. am 25.11.1881. Im Papstamt vom 28.10.1958 bis 3. Juni 1963. Heiligsprechung durch Papst Franziskus am 27. April 2014. "Der Mensch ist nie größer als dort, wo er kniet."

 

Zur Überraschung vieler und trotz großen Widerstands in Kurie und Klerus berief Johannes XXIII. zum 11. Oktober 1962 das Zweite Vatikanische Konzil ein. Dazu unten mehr.

 

Als erster Papst seit 1870 verließ er den Vatikan, wallfahrte zum Grab des heiligen Franziskus nach Assisi. Berühmt sind seine Zehn Regeln der Gelassenheit, die jeweils mit den Worten "Heute, nur heute werde ich ..." beginnen. Seine Regel 1 geht dann weiter "... mich bemühen, den Tag zu leben, ohne die Probleme meines Lebens auf einmal lösen zu wollen."

Zuvor (1934) war er Apostolischer Administrator in Konstantinopel/Istanbul, Nuntius in Frankreich/Paris (1944) und Patriarch von Venedig in 1953.

 

Noch im Jahr seiner Berufung (1958) zum Pontifex maximus hatte er als Kardinal und Abgesandter von Papst Pius XII. den Marienwallfahrtsort Lourdes aufgesucht. Dort weihte er am 25. März 1958 - im Rahmen der Jubiläumsfeiern - die neue Basilika St. Pius X. ein.

Papst Paul VI. bei einer Sitzung des Zweiten Vatikanischen Konzils im Zeitraum 1963 bis 1965.

 

II. VATICANUM - 1962/65

Das von Papst Johannes XXII. unter der Überschrift Aggiornamento  (Verheutigung) schon wenige Tage nach seinem Amtsantritt angekündigte und zum 11. Oktober 1962 einberufene Konzil wurde von vielen innerkatholischen Kritikern, Bischöfen, Kardinälen wie Theologen und Laien genutzt, endlich mit der Amtskirche abrechnen zu können, sie zu protestantisieren: Kirche nicht mehr Leib Christi sondern nur noch Volk Christi. *) Nach dem Tod von Johannes XXIII. wurde das Konzil von seinem Nachfolger Papst Paul VI. formell neu einberufen und am 8. Dezember 1995, am Tag Mariä Empfängnis, von ihm auch beendet.

Teilnehmer: 3.044 Kleriker, davon 2.498 Konzilsväter. Praktizierte Themen: Kirchenreform: Beziehung, Antwort und Anpassung der Kirche zur und an die moderne Welt, Ökumenismus, nichtchristliche Religionen, Liturgie.

 

Kardinal Robert Sarah aus Guinea versteht das Wort aggiornamento (vgl. sein Buch Gott oder Nichts aus 2015 -www.fe-medien.de) wie folgt: "Das aggiornamento ist ein gedankliches Hilfsmittel, um die Kirche in einer sich wandelnden Welt einzuordnen, in der bestimmte wirtschaftliche, politische Bereiche oder auch Medien Gott aufgaben, indem sie sich in einen realitätsfremden, liberalen und relativistischen Materialismus stürzten. (...) Die Intuition von Johannes XXIII. war daher prophetisch. Dieser Papst wollte niemals die Tradition aufgeben; manche Leute träumten von einer Revolution und sie versuchten mit der Unterstützung der Medien, das Bild eines revolutionären Papstes durchzusetzen." 

 

*) Folge: Massenhafte Rücktritte vom Priesteramt sowie gleichermaßen riesiger Aderlass bei den Ordensgemeinschaften. Ein führender Geistliche deklamierte im Herbst 2016 coram publico, dass das Wichtigste und das Alleroberste der gläubigen Katholiken die Eigenverantwortung bzw. Gewissenentscheidung sei. Er redete damit dem Relativismus und der Protestantisierung das Wort; anything goes.

 

Die falsch aufgefasste Liturgiereform (heute vielfach nur noch profaner Singsang mit Brotbrechen) ist ein weiteres beredtes Beispiel, wie es leider auch die schönen, alten gen Osten (dem Licht Christi) gerichteten Altäre getroffen hat. Viele wurden quasi in einer Nacht- und Nebelaktion demoliert und entfernt, wie weiland die Protestanten es im 16. Jahrhundert mit den Heiligenbildern und -ikonen getan hatten.

 

Einen Unterschied gibt es jedoch. Die Protestanten von heute legten in Folge des Konzils und der 68er-Revolution nicht Hand an ihre Altäre und Kanzeln, im Gegenteil, sie benutzen sie weiter. In den katholischen Gotteshäusern haben dagegen der schmucklose Altartisch und der Ambo für Predigt und Lesungen Einzug gehalten.

 

Kardinal Willem Jacobus Eijk, der Erzbischof von Utrecht, erinnerte unlängst in 2016 daran, daß vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil 90 Prozent der niederländischen Katholiken am Sonntag die Heilige Messe besuchten. Heute sind es nur mehr sechs Prozent.

 

PAPST PIUS XII.  WEGBEREITER DES KONZILS

PAPST PIUS XII. Geboren am 2. März 1876 als Eugenio Maria Guiseppe Giovanni Pacelli. Nuntius in Deutschland seit 1917. Ab 1930 Staatssekretär von Papst Pius IX; am 2. März 1939 Wahl zum Papst. Einige Highlights seines Pontifikats: 1950 Verkündigung des Dogmas von der leiblichen Aufnahme Mariens in die himmlische Herrlichkeit. 1953 ernannte er unter anderem Angelo Roncalli (der spätere Papst Johannes XXIII.) zum Kardinal. Am 8. Dezember 1953 Verkündigung des Marianischen Jahres, knapp elf Monate später dann Proklamierung des Festes "Maria Königin." Am 9. Oktober 1958 stirbt Pius XII. nach dreieinhalbtägigem Krankenlager in Castelgandolfo. 

 

Für die meisten von uns gilt Papst Johannes XXIII. als derjenige, der die Fenster der Kirche zur Welt geöffnet hat. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Sehr gerne wird vergessen, dass sein Vorgänger - Papst Pius XII. - schon 1948 die Idee geäußert hatte, ein allgemeines Konzil einzuberufen. Seiner Gesundheit, seines Alters und der Nachkriegsverhältnisse wegen hat er dann darauf verzichtet, obschon verschiedene Kommissionen zur Vorbereitung von ihm eingesetzt worden waren.

Er war eben nicht nur Diplomat, Hierarch, Pontifex, nicht nur eine durchgeistigte Persönlichkeit, vermeintlich unnahbar, auch wenn er die Tiara (Papstkrone) trug, sondern gleichermaßen Seelsorger. Er half Juden, Sozialisten und auch Kommunisten, er verschenkte sein ganzes persönliches Vermögen. Ein marianischer Papst von tiefer Frömmigkeit. Mich hat dieser Papst von jeher fasziniert.

Konrad Adenauer. Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Porträt vom 23. Juni 1952. Foto: Katherine Young, New York.

Geboren am 5. Januar 1876, gestorben am 19. April 1967. Oberbürgermeister Kölns im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Verfolgt und eingesperrt von den Nazis. Einer der Begründer der CDU. Bundeskanzler von 1949 bis 1963, zuvor wenige Monate in 1945 Oberbürgermeister von Köln, eingesetzt von den Amerikanern, abgesetzt von den Briten.

 

 

KONRAD ADENAUER                                                                                                          ZUM KONZIL UND ZU PAPST JOHANNES XXIII.

Interessant ist, was Konrad Adenauer, erster Nachkriegskanzler der Bundesrepublik, als unmittelbarer Zeitgenosse und Kenner über Papst Johannes XXIII. (1881-1963) und das Konzil (1962-1965) selbst sagte. Der Bundeskanzler schätzte in besonderer Weise den Vorgängerpapst Pius XII. Umso überraschender war seine negative Einschätzung des Konzilspapstes Johannes XXIII.

Es mag wohl auch der Audienz vom 22. Januar 1960 geschuldet gewesen sein und der Tatsache, dass der vormalige Kardinal Angelo Giuseppe Roncalli, damals Apostolischer Legat in der Türkei und in Griechenland, enge Beziehungen zu Franz von Papen gepflegt haben soll, ein Gegner Adenauers in dessen Zeit als Kölner Oberbürgermeister und Wegbereiter Hitlers und bis August 1934 dessen Vizekanzler. Adenauer hatte nicht von ungefähr deshalb seinen Botschafter dem Heiligen Stuhl sein Befremden aussprechen lassen, dass Franz von Papen noch einmal der päpstliche Ehrentitel eines “Geheimkämmerers mit Degen und Mantel“ verliehen wurde; das erste Mal übrigens von Papst Pius XI.. Unter Pius XII. war er nicht als Kammerherr aufgeführt.

 

PAPSTAUDIENZ AM 22. JANUAR 1960

Der Papst saß im Gegensatz zu seinem Vorgänger auf einem Prunksessel in einem vergrößerten Arbeitszimmer, viel prunkvoller als zuvor bei Pius XII. Johannes XXIII. zeigte offensichtlich kein Interesse an der deutschen Teilung, so Adenauers Äußerungen einige Tage später seiner Sekretärin Anneliese Poppinga gegenüber.

Im Folgenden zitiere ich wortwörtlich aus Dorothea und Wolfgang Kochs Buch „Konrad Adenauer - Der Katholik und sein Europa“ - Seite 202. Der Kanzler deklamierte unter anderem, den „Papst ein wenig seines Glanzes (zu) entkleiden“  (…), ich bin voller Sorge!“ Und weiter: „Adenauer fand den Papst von geringer politischer Klugheit.“

Als Begründung für sein Urteil führte er die Bemerkungen des Papstes an, die er über das Zustandekommen des Zweiten Vatikanischen Konzils fallen ließ. Er, der Papst, habe vorher keineswegs grundsätzliche Überlegungen über mögliche Folgen des Konzils angestellt. Es sei eine Art Inspiration gewesen, die ihn geleitet habe. Das zeige doch in evidenter Weise, dass der Papst überhaupt nicht politisch denke, erläuterte Konrad Adenauer. Er schien hierüber entsetzt gewesen zu sein. Eine derartige Denk- und Handlungsweise war ihm, dem nüchtern kalkulierenden Politiker fremd, und er lehnte sie ab.“   

 

EROSION DES KATHOLISCHEN MILIEUS

An anderer Stelle spricht der Kanzler in seinen Gesprächen unter anderem mit dem Porträtmaler Oskar Kokoschka und Cyrus L. Sulzberger von der New York Times über die politischen Konsequenzen des von Johannes XXIII. kreierten und berühmt gewordenen Begriffs des aggiornamento  (Verheutigung). Eine politik- und geschichtswissenschaftliche Studie habe analysiert, wie diese Politik des Papstes zur Erosion des „katholischen Milieus“ geführt habe. Die ausgeprägte Religiosität sei einer stärker informellen Bindung gewichen.

 

Adenauer schreibt weiterhin die Hauptschuld für den Linksrutsch in Italien Johannes XXIII. zu; eine auch vom Hohen Kommissar John McCloy (1895-1989) und dem italienischen Staatspräsidenten Antonio Segni (1891-1972) geäußerte Einschätzung. In seiner Enzyklika Pacem in terris sei das Wort Kommunismus kein einziges Mal gefallen.

 

Auch die mit dem Konzil  verbundene Neuordnung des Ablaufs der Heiligen Messe kritisierte der Kanzler: „(...) Fehlen einer der Würde und der Bedeutung der heiligen Messe entsprechenden Ausschmückung des Altares und des Chores“, den „schlechten Gesang“, die „unbekannten Lieder“, etc.

 

Warum haben wir nicht auf ihn gehört? Sein Pfarrer offensichtlich auch nicht; er hatte sich beim ihm beschwert.

Quelle: Konrad Adenauer - Der Katholik und sein Europa von Dorothea und Wolfgang Koch, 2. Auflage 2015 im Fe-Medienverlag, Kißlegg.

Reflexionen

Was sagt der Zeitzeuge Joseph Ratzinger: Als Theologieprofessor, als Erzbischof und Kardinal, als (emeritierter) Papst Benedikt XVI.?Was sagen die nachgeborenen Liberalen?

Eines der zentralen theologischen Anliegen Benedikts XVI. war es zu zeigen, dass das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) nicht als Bruch mit der Tradition verstanden werden dürfe.

 

ALS EMERITIERTER PAPST 2015

Anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde in Krakau 2015  verwies er darauf, dass manche die Forderung des Konzils nach einer aktiven Teilnahme der Gläubigen am Gottesdienst so radikal (um-)interpretiert hätten, dass Chorwerke und Orchestermessen künftig in Konzertsäle verbannt werden müssten. Demgegenüber betonte er, die Kirchenmusik dürfe nicht aus der Liturgie verschwinden. Das habe das Konzil ausdrücklich abgelehnt. Quelle: KNA/mak. © WeltN24 GmbH 2015. 

 

ALS AMTIERENDER PAPST IN 2012

In seinem Vorwort zu einem Band der Gesamtausgabe seiner Werke zum II. Vaticanum bringt der Papst am 2. August 2012 sauch einen Vorbehalt bezüglich bestimmter Inhalte in den Dokumenten Gaudium spes (Pastorale Konstitution) und Nostra aetate ("in unserer Zeit“: Anfangsworte der Erklärung über die Haltung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen) aus.

Allein dieser Aussages wegen ist verständlich, dass große Teile des deutschen Episkopats (alle Bischöfe) eine deutliche Aversion gegenüber diesen Papst pflegen.

 

ALS THEOLOGIEPROFESSOR 1971

WIE KONNTE ES GESCHEHEN, DASS AUS DEM GROSSEN AUFBRUCH ZUR EINHEIT DER ZERFALL HERVORKAM?

Diese markanten Sätze prägte der Zeitzeuge in seiner Zeit als Theologieprofessor wenige Jahre nach dem Konzil, in 1971.

 

"Wie konnte es zu dieser merkwürdigen babylonischen Situation kommen in dem Augenblick, in dem wir ein neues Pfingsten erhofft hatten? Wie war es möglich, dass gerade in dem Moment, in dem das Konzil die reife Ernte des Erwachens der letzten Jahrzehnte eingebracht zu haben schien, statt des Reichtums der Erfüllung sich plötzlich eine unheimliche Leere ergab? Wie konnte es geschehen, dass aus dem großen Aufbruch zur Einheit der Zerfall hervorkam?" 

Quelle: "Credo für heute - Was Christen glauben", Joseph Ratzinger / Benedikt XVI., Verlag Herder, Freiburg, 2006; Seite 192; zitiert aus seinem Buch mit Co-Autor Hans Urs von Balthasar "Warum ich noch in der Kirche bin"; Kösel-Verlag, München, 1971. 

 

OHNE LITURGIE IN DER KIRCHE KEIN GLAUBE

Wer nur ein einen Bruchteil seiner Schriften und Bücher kennt, seinen Bestseller „Der Geist der Liturgie“ aus dem Jahre 2000 (Herder Verlag) nicht außer Acht lässt, der weiß, welchen erstrangigen Stellenwert der Papst der recht gefeierten Liturgie beimisst, der weiß auch von seiner Affinität zur Lateinischen Messe, also der Messe nach dem außerordentlichen Römischen Ritus: 

http://w2.vatican.va/content/benedict-xvi/de/motu_proprio/documents/hf_ben-xvi_motu-proprio_20070707_summorum-pontificum.html

 

Im Laufe der Konzilsjahre 1962-1965 war dem damaligen Konzilsbegleiter, Prof. Joseph Ratzinger (er beriet den Kölner Kardinal Frings), mehr denn je die Erkenntnis gekommen, dass die auf die Apostel zurückgehende Katholische Weltkirche ohne Bewahrung der Tradition überhaupt nicht vorstellbar sei und keine Zukunft habe; dass es keinen Bruch mit der Tradition geben könne.

 

UMDEUTUNG DURCH LIBERALE KLERIKER

Manipulation der Gläubigen durch Falschinformationen

Viele der nachkonziliaren Theologen jedoch, Professoren, Kardinäle, Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien (Pfarrgemeinderäte, Gruppierungen wie Wir sind die Kirche, Zentralrat der Katholiken) hatten und haben nach wie vor just das im Sinn: Eine neue dem Mainstream angepasste katholische Ortskirche; die alte vermeintlich verstaubte Weltkirche langsam aber sicher aus dem Gedächtnis verschwinden lassen.

Bei vielen Gläubigen ist die Saat schon aufgegangen; sie, die Gläubigen, wissen teils gar nicht, was ihnen seitens dieser Kleriker angetan worden ist: Verzerrung, Missbrauch und Umdeutung der vielen zweideutigen doktrinellen, pastoralen und liturgischen Themen mit dem Ziel einer NEUEN KIRCHE relativistischen und protestantischen Typs.

 

KONZILSTEXTE VON BLEIBENDER BEDEUTUNG

Im Vordergrund stand an sich die Pastoral.

Lumen Gentium ("(Christus ist das) Licht der Völker"), Kap. 5: Lehre von der allgmeinen Berufung zur Heiligkeit aller Kirchenmitglieder.

Lumen Gentium (LG), Kap. 8: über die zentrale Rolle unserer Lieben Frau (Gottesmutter Maria) im Leben der Kirche.

LG, Kap. 4: in der Lehre von der Wichtigkeit der Laien in der Erhaltung und Verteidigung des katholischen Glaubens und ihrer Pflicht, die zeitlichen Dinge zu evangelisieren und zu heiligen gemäß dem beständigen Sinn der Kirche.

Sacrosanctum Concilium 2; 5-10 (Konstitution über die heilige Liturgie): in der Lehre vom Primat der Anbetung Gottes im Leben der Kirche und in der Feier der Liturgie.

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VERWEISE / LINKS

ZU DEN ANSPRACHEN DES PAPSTES

 

http://w2.vatican.va/content/benedict-xvi/de/speeches/2005/december/documents/hf_ben_xvi_spe_20051222_roman-curia.html

 

ANSPRACHE VON BENEDIKT XVI.
AN
DAS KARDINALSKOLLEGIUM UND DIE MITGLIEDER DER RÖMISCHEN KURIE BEIM WEIHNACHTSEMPFANG

Donnerstag, 22. Dezember 2005

 

Meine Herren Kardinäle,
hochwürdige Mitbrüder im Bischofs- und Priesteramt,
liebe Brüder und Schwestern!

»Expergiscere, homo: quia pro te Deus factus est homo – Erwache, o Mensch; denn für dich ist Gott Mensch geworden« (Augustinus, Reden, 185). Mit dieser Aufforderung des hl. Augustinus, den wahren Sinn des Geburtsfestes Christi zu erfassen, beginne ich jetzt vor dem nahen Weihnachtsfest meine Begegnung mit euch, liebe Mitarbeiter der Römischen Kurie.(...)

BITTE WEIERSCROLLEN

Das letzte Ereignis dieses Jahres, bei dem ich bei dieser Gelegenheit verweilen möchte, ist der Abschluß des Zweiten Vatikanischen Konzils vor 40 Jahren.(...)

 

Einige Auszüge:

Die Frage taucht auf, warum die Rezeption des Konzils in einem großen Teil der Kirche so schwierig gewesen ist. Nun ja, alles hängt ab von einer korrekten Auslegung des Konzils oder – wie wir heute sagen würden – von einer korrekten Hermeneutik, von seiner korrekten Deutung und Umsetzung. Die Probleme der Rezeption entsprangen der Tatsache, daß zwei gegensätzliche Hermeneutiken miteinander konfrontiert wurden und im Streit lagen. Die eine hat Verwirrung gestiftet, die andere hat Früchte getragen, was in der Stille geschah, aber immer deutlicher sichtbar wurde, und sie trägt auch weiterhin Früchte. Auf der einen Seite gibt es eine Auslegung, die ich »Hermeneutik der Diskontinuität und des Bruches« nennen möchte; sie hat sich nicht selten das Wohlwollen der Massenmedien und auch eines Teiles der modernen Theologie zunutze machen können. Auf der anderen Seite gibt es die »Hermeneutik der Reform«, der Erneuerung des einen Subjekts Kirche, die der Herr uns geschenkt hat, unter Wahrung der Kontinuität; die Kirche ist ein Subjekt, das mit der Zeit wächst und sich weiterentwickelt, dabei aber immer sie selbst bleibt, das Gottesvolk als das eine Subjekt auf seinem Weg. Die Hermeneutik der Diskontinuität birgt das Risiko eines Bruches zwischen vorkonziliarer und nachkonziliarer Kirche in sich. Ihre Vertreter behaupten, daß die Konzilstexte als solche noch nicht wirklich den Konzilsgeist ausdrückten. Sie seien das Ergebnis von Kompromissen, die geschlossen wurden, um Einmütigkeit herzustellen, wobei viele alte und inzwischen nutzlos gewordene Dinge mitgeschleppt und wieder bestätigt werden mußten. Nicht in diesen Kompromissen komme jedoch der wahre Geist des Konzils zum Vorschein, sondern im Elan auf das Neue hin, das den Texten zugrunde liege: nur in diesem Elan liege der wahre Konzilsgeist, und hier müsse man ansetzen und dementsprechend fortfahren. Eben weil die Texte den wahren Konzilsgeist und seine Neuartigkeit nur unvollkommen zum Ausdruck brächten, sei es notwendig, mutig über die Texte hinauszugehen und dem Neuen Raum zu verschaffen, das die tiefere, wenn auch noch nicht scharf umrissene Absicht des Konzils zum Ausdruck bringe. Mit einem Wort, man solle nicht den Konzilstexten, sondern ihrem Geist folgen. Unter diesen Umständen entsteht natürlich ein großer Spielraum für die Frage, wie dieser Geist denn zu umschreiben sei, und folglich schafft man Raum für Spekulationen. Damit mißversteht man jedoch bereits im Ansatz die Natur eines Konzils als solchem. Es wird so als eine Art verfassunggebende Versammlung betrachtet, die eine alte Verfassung außer Kraft setzt und eine neue schafft. Eine verfassunggebende Versammlung braucht jedoch einen Auftraggeber und muß dann von diesem Auftraggeber, also vom Volk, dem die Verfassung dienen soll, ratifiziert werden. Die Konzilsväter besaßen keinen derartigen Auftrag, und niemand hatte ihnen jemals einen solchen Auftrag gegeben; es konnte ihn auch niemand geben, weil die eigentliche Kirchenverfassung vom Herrn kommt, und sie uns gegeben wurde, damit wir das ewige Leben erlangen und aus dieser Perspektive heraus auch das Leben in der Zeit und die Zeit selbst erleuchten können. Die Bischöfe sind durch das Sakrament, das sie erhalten haben, Treuhänder der Gabe des Herrn. Sie sind »Verwalter von Geheimnissen Gottes« (1 Kor 4,1); als solche müssen sie als »treu und klug« (vgl. Lk 12,41–48) befunden werden. Das heißt, daß sie die Gabe des Herrn in rechter Weise verwalten müssen, damit sie nicht in irgendeinem Versteck verborgen bleibt, sondern Früchte trägt, und der Herr am Ende zum Verwalter sagen kann: »Weil du im Kleinsten treu gewesen bist, will ich dir eine große Aufgabe übertragen« (vgl. Mt 25,14–30; Lk 19,11–27). In diesen biblischen Gleichnissen wird die Dynamik der Treue beschrieben, die im Dienst des Herrn wichtig ist, und in ihnen wird auch deutlich, wie in einem Konzil Dynamik und Treue eins werden müssen.

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In einer seiner letzten Ansprachen vor seinem Rücktritt ging Papst Benedikt XVI. am 14. Februar 2013 noch einmal im Detail auf das Zweite Vatikanische Konzil ein. Eigentlich wollte er an jenem Tag seinem Klerus, seinen römischen Priestern und Bischöfen, eine andere Rede gehalten haben. So nutzte er dann die Gelegenheit, nur noch zwei Wochen verblieben ihm als Pontifex maximus, Vatikanum II in Erinnerung zu rufen. Es war mucksmäuschenstill, ich lauschte live via TV. Aus dem Stegreif faszinierte er seine Zuhörer, als er aus dem Gedächtnis über das Konzil der Konzilsväter sprach und, wie er treffend formulierte - über das Konzil der Medien. Ein fundamentaler Unterschied. Mehr hierüber vgl. auch seine Ansprache vom 22. Dezember 2005.

 

http://w2.vatican.va/content/benedict-xvi/de/speeches/2013/february/documents/hf_ben-xvi_spe_20130214_clero-roma.html

 

BEGEGNUNG MIT DEM KLERUS DER DIÖZESE ROM

ANSPRACHE VON PAPST BENEDIKT XVI.

Aula Paolo VI
 Donnerstag, 14. Februar 2013

 

Eminenz,
liebe Mitbrüder im Bischofs- und im Priesteramt!

Es ist für mich ein besonderes Geschenk der Vorsehung, daß ich, bevor ich den Petrusdienst verlasse, noch einmal meinen Klerus sehen kann, den Klerus von Rom. (...)

Einige Essentials:

Für heute habe ich, bedingt durch meinen Alterszustand, keine große, richtige Ansprache vorbereiten können, wie man es sich erwarten könnte; ich denke vielmehr an eine kleine Plauderei über das Zweite Vatikanische Konzil, wie ich es gesehen habe. Ich beginne mit einer Anekdote: 1959 war ich zum Professor an der Universität Bonn ernannt worden, wo die Studenten, die Seminaristen der Diözese Köln und anderer umliegender Diözesen studieren. So kam ich in Kontakt mit dem Kardinal von Köln, Kardinal Frings. Kardinal Siri von Genua hatte – 1961 scheint mir – eine Vortragsreihe verschiedener europäischer Kardinäle über das Konzil organisiert und auch den Erzbischof von Köln eingeladen, einen der Vorträge zu halten, mit dem Titel: Das Konzil und die Welt des modernen Denkens.

Der Kardinal hat mich – den jüngsten der Professoren – aufgefordert, ihm einen Entwurf zu schreiben; der Entwurf gefiel ihm, und er hat in Genua den Leuten den Text so vorgetragen, wie ich ihn geschrieben hatte. Kurz darauf fordert Papst Johannes ihn auf, zu ihm zu kommen, und der Kardinal befürchtete sehr, vielleicht etwas Inkorrektes, Falsches gesagt zu haben und für einen Tadel nach Rom zitiert zu werden, vielleicht auch, um ihm die Kardinalswürde abzuerkennen. Ja, als sein Sekretär ihn für die Audienz ankleidete, sagte der Kardinal: »Vielleicht trage ich dieses Gewand jetzt zum letzten Mal«. Dann trat er ein, Papst Johannes geht ihm entgegen, umarmt ihn und sagt: »Danke, Eminenz, Sie haben das gesagt, was ich sagen wollte, aber ich habe nicht die Worte gefunden«. So wußte der Kardinal, daß er auf dem richtigen Weg war, und lud mich ein, mit ihm zum Konzil zu gehen. Zuerst als sein persönlicher Berater; später, im Verlauf der ersten Periode – im November 1962, scheint mir – wurde ich auch zum offiziellen Peritus des Konzils ernannt.

Wir sind damals nicht nur mit Freude, sondern mit Begeisterung zum Konzil gegangen. Es gab eine unglaubliche Erwartungshaltung. Wir hofften, daß alles erneuert werden würde, daß wirklich ein neues Pfingsten käme, eine neue Ära der Kirche, denn die Kirche war in jener Zeit noch recht kräftig, der sonntägliche Gottesdienstbesuch noch gut, die Berufungen zum Priestertum und zum Ordensleben waren schon etwas weniger geworden, aber immer noch ausreichend. Man spürte jedoch, daß die Kirche nicht vorankam, zurückging, mehr eine Wirklichkeit der Vergangenheit als Trägerin der Zukunft zu sein schien. Und in jenem Augenblick hofften wir, daß diese Beziehung sich erneuern, sich ändern werde; daß die Kirche wieder Kraft der Zukunft und Kraft des Heute sein werde. Und wir wußten, daß in der Beziehung zwischen Kirche und Moderne von Anfang an ein gewisser Gegensatz vorhanden war, begonnen beim Irrtum der Kirche im Fall von Galileo Galilei. Man wollte diesen verfehlten Anfang korrigieren und wieder eine Einigung zwischen der Kirche und den besten Kräften der Welt finden, um die Zukunft der Menschheit zu öffnen, um den wahren Fortschritt zu öffnen. So waren wir voll Hoffnung, Begeisterung und hatten auch den Willen, unseren Teil dazu beizutragen. (...)

Auswirkungen des Konzils

Auf das Beten

Eine vorsichtige Umschreibung zum Thema Beten, hier anhand der Psalmen als Gebet der Kirche, gab bereits 1988 der Philosoph R. Schaeffler mit seiner "Kleinen Sprachlehre des Gebets 11", Einsiedeln.

 

"(Er) beschreibt die Schwierigkeit des kirchlichen Gebetes: Seit der Liturgiereform in der römisch-katholischen Kirche ist der Ermessensspielraum zur Gestaltung liturgischer Formen, darunter auch Sprachformen, größer geworden. Um nun von diesem Ermessensrahmen einen sinnvollen Gebrauch machen zu können, bräuchte man Kriterien, nach denen man entscheiden kann, ob man überlieferte Formen der Gebetssprache beibehalten, ob man neue Formen an deren Stelle setzen soll - und welche. Die Erfahrungen, die ich nun gemacht habe, machen mich skeptisch hinsichtlich der Frage, ob dafür hinreichend genaue Kriterien zur Verfügung stehen. Ich habe den Eindruck, dass in sehr vielen Fällen die sogenannten ‚frei formulierten Gebete‘, die beispielsweise bei der Eröffnung des Gottesdienstes, bei den Fürbitten vor Beginn der Opfer-bereitung, aber auch an anderen Stellen im Gottesdienst verwendet werden, nicht immer der Eigenart dessen gerecht werden, was wir tun, wenn wir beten.  Ich habe sogar den Eindruck, dass dies in schmerzlich vielen Fällen nicht geschieht. Es scheint also an Kriterien zu mangeln.  Und dies zeigt sich darin, dass uns, wenn wir neu und frei formulieren wollen, eine geeignete Sprache des Gebets nicht zur Verfügung steht. Vielleicht haben wir noch nicht genügend beachtet, was es für jede Weise des Sprechens bedeutet, in welcher Form wir sprechen; nicht in jeder Sprache ist alles sagbar. Wir haben vielleicht noch nicht genügend bemerkt, was von der Form, wie wir beten, für den Inhalt dessen abhängt, was im Gebet zum Ausdruck gebracht werden kann und soll.“

Text entnommen dem sehr lesenswerten Artikel von Schwester Theresia Heither OSB, Abtei Mariendonk zum Thema: "Die Psalmen als tägliche Nahrung", veröffentlicht im St. Gertrudisboten, Ausgabe September 2017, des Klosters Sankt Gertrud in Tettenweis bei Passau (www.sankt-gertrud.de/gebetsverein/st-gertrudisbote/)