DER ERSTE KREUZZUG

Die erste Reise ins Heilige Land: expeditio, iter in terram sanctam.

Bremen. Ritterfigur Rathaus Bremen.

Anwerbung der Kreuzfahrer

Im Mittelalter predigten prinzipiell nur die Predigermönche. Die Pfarrer waren nicht verpflichtet. Die Predigermönche waren mithin die Adressaten Papst Urbans II.

So verließen Robert von Arbrissel, Vitalis von Savigny und Bernhard von Tiron ihren Wald von Craon und predigten die erste (bewaffnete) Reise ins Heilige Land:

 

"expeditio, iter in terram sanctam";

 

erst Jahrzehnte darauf als 1. Kreuzzug bekannt geworden. Die Kreuzritter trugen eielfach inen weißen Waffenrock mit einem großen roten Kreuz darauf gestickt. Später mutierten die Prediger zu erfolgreichen Ordensgründern.

 

Der Papst selbst reiste 1095/1096 quer durchs Land - 3.000 km. Er überzeugte die adligen Ritter, die von Geburt an zum Kämpfen erzogen wurden, ihren ungezügelten Kampfgeist umzuleiten mit den Worten: Die Teilnahme an der Pilgerreise sei vergleichbar mit dem Dienst im Mönchsorden.

 

Der Historiker Carl Erdmann (1898-1945) behauptete das Gegenteil: "Die Motivation sei nur der Macht und der Beute geschuldet wie bei Rittern und Papst." Erdmann zog offensichtlich nur ganz bestimmte Teile der berühmten Rede von Papst Urban II., 1095 in Clermont gehalten,  heran, zitierte einzelne Sätze aus dem Kontext.

 

Fakt. Alle Versionen der Papstrede sind später niedergeschrieben worden. Die Schlusserklärung ist jedoch bei allen eindeutig:

"Wer sich auf den Weg zur Befreiung der Kirchen Gottes macht aus frommer Absicht und nicht um des Reichtums und des Ruhmes willen, kann damit Buße tun für all seine Sünden."

 

MOTIVE DER RITTER

Der eingangs zitierte Gottfried von Bouillon ließ zusammen mit seinem  Bruder Balduin von Boulogne seiner Mutter einen Brief zurück, der explizit belegt,  dass sie eindeutig aus religiösen Gründen aufgebrochen seien: "falls sie nicht zurückkehren von ihrem Kampf für Gott in Jerusalem."

 

Raimund von Saint-Gilles schrieb ebenfalls an seine Mutter, er gehe: "auf Pilgerschaft, um gegen barbarische Völker zu kämpfen, damit die Heilige Stadt Jerusalems aus der Gefangenschaft befreit und das Heilige Grab unseres Herrn Jesus nicht länger besudelt wird."

 

Organisierung und Finanzierung                           der Kreuzzüge

Wenige einflussreiche, miteinander verflochtene Familien organisierten die Reisen ins Heilige Land. Wie bei der Entstehung neuer Religionen seien solche Ereignisse immer Sache zunächst von Familien, so die Untersuchung von Jonathan Riley-Smith.

 

Beispiel

Familie des Grafen Wilhelm des Großen von Burgund.

Von seinen fünf Söhnen nahmen drei am ersten Pilgerzug (1. Kreuzzug) teil. Der vierte wurde Priester, später als Papst Kalixt II. (1119-1124) verfügte er über den sog 2. Venezianischen Kreuzzug.

Von den vier Töchtern waren drei mit Männern verheiratet, die mit ihren Schwägern am Kreuzzug teilnahmen.

Zum zweiten Pilgerzug (2. Kreuzzug) steuerte die Familie zehn Kreuzritter bei.

 

Ebenso verfuhr die Familie des Balduin von Gent.

 

FINANZIERUNG

Kostspielig. Das 4-5fache des jährlichen Einkommens. Weniger wohlhabende Ritter wurden auf Bitten Papst Urbans von reichen Kreuzrittern unterstützt.

Viele Adlige verkauften ihr Land, so Graf Gottfried von Boullion (1060-1100), der seine ganze Grafschaft König Philipp I. von Frankreich vermachte; ansonsten liehen die Protagonisten sich das Geld. Am 15. Juli 1099 betrat Gottfried zusammen mit seinem Bruder Eustache als einer der ersten christlichen Belagerer die Stadt Jerusalem. Seine Weigerung, den Königstitel von Jerusalem anzunehmen, beschreibt sehr gut seine Charaktereigenschaften: "(...) eine Krone zu tragen in einer Stadt, in der Christus eine Dornenkrone getragen hat", gezieme sich nicht. Er bezeichnete sich nur als "Beschützer des Heiligen Grabes." 

 

85 – 90 % der Ritter folgten nicht dem Appell des Papstes.

 

RELIGIÖSE GRÜNDE

Und die es taten, taten es aus religiösen Gründen, wie der Burgunder Stephan I. von Neublans: “ (…) In Anbetracht meiner Sünden und der Liebe, der Sanftmut und der Gnade unseres Herrn Jesus Christus, der reich war und um unseretwillen arm wurde, habe ich mich entschlossen, ihm, so gut ich kann, zu vergelten, was er mir umsonst gegeben hat, obwohl ich unwürdig bin. Und so will ich nach Jerusalem gehen, wo Gott als Mensch erschien und mit Menschen sprach, und anbetend auf dem Boden knien, auf denen er seine Füße setzte.“

 

Der erste Kreuzzug Anno Domini 1096

ZWEI VOLKSKREUZZÜGE unter der Führung von

Walter der Habenichts: Start 03.04.1096. Ankunft in Konstantinopel am 20.07.1096.

Peter der Einsiedler: Start 19.04.1096 bis 01.08.1096 in Konstantinopel.

Lt. Chronik Ekkehards von Aura haben viele moderne Historiker die These vertreten, Peter der Einsiedler hätte nur deshalb so viele einfache Leute für die Kreuzzug gewinnen können, weil die wirtschaftliche Lage in Europa zur damaligen Zeit sehr schlecht war. Das Gegenteil ist richtig. Der Volkskreuzzug war relativ gut mit Geldmitteln ausgestattet. Nicht Armut sondern Disziplinlosigkeit war der Grund für die gelegentlichen Plünderungen.

 

DER DEUTSCHE KREUZZUG 1096

Emicho der Kreuzfahrer, ein kleiner Graf aus dem Nahegau, überfiel zwei Wochen nach dem Aufbruch von Peter mit seinen Kumpanen die Juden von Speyer, später die von Worms, Mainz, Köln und Metz. Überall versuchten die Bischöfe, die Juden unter Einsatz ihres Lebens zu retten, so schrieb es Leon Poliakov, Historiker des Antisemitismus (1910-1997). In der Folgezeit marodierten Emichos Leute auf eigene Faust überall dort, wo es keine Bischöfe gab.

 

Seine Streitmacht wurde später von ungarischen Rittern aufgerieben. Zwei von Peters Gefolgsleuten machten das Gleiche: Volkmar brachte Juden in Prag um, Gottschalk in Regensburg. Der Papst verurteilte diese Überfälle sehr scharf.

 

DIE FÜRSTENKREUZZÜGE 1096 - 1097 Richtung Konstantinopel

Die Fürsten marschierten getrennt, trafen sich in Konstantinopel, vereinigten sich dort. Sie wurden angegeführt von 

Hugo von Vermandois: Start August 1096 – Dezember 1096.

Gottfried von Bouillon: Start 15. August 1096 – 23.12.1096

Bohemund von Tarent: Start Oktober 1096 – 09.04.1097

Raimund von Toulouse: Start Oktober 1096 – 21.04.1096

Robert Kurzhose: Start Oktober: 1096 – Mai 1097.

 

Am 7. Juni 1099 standen die vereinigten Truppen der Kreuzfahrer endlich vor den Toren Jerusalems. Das Heer zählte nur noch 1.300 Ritter und etwa 10.000 Fußsoldaten, ein Drittel der Kämpfer, die zwei Jahre zuvor noch das muslimische Nicäa belagert hatten. Kenner wissen um das Konzil von Nicäa 325 n. Chr., das der christlich gewordene Kaiser Konstantin einberufen hatte. Thema: Schlichtung des Streits über den Arianismus (Wesensart Jesu Christi). Noch heute wird in der katholische Kirche das nicänische Glaubensbekenntnis gebetet. 

 

FURCHTBARER VERLUST

Das heißt, das von den geschätzten 130.000 Menschen, die am 1. Kreuzzug teilgenommen hatten, 90.000 schon nicht mehr bei der Belagerung Nicäas im Juni 1097 dabei waren. Fünfunddreißig Mann starben also pro Meile auf dem Weg nach Konstantinopel oder waren umgekehrt. 88% (115.000) waren bei der Einnahme Jerusalems nicht mehr dabei. Einen vergleichbaren Verlust einer ganzen Generation erlebte Europa erst wieder in den Schützengräben des 1. Weltkriegs.

 

Der Kaiser von Konstantinopel und sein Hof hielten die Kreuzfahrer übrigens für Barbaren, die Kreuzfahrer selbst Alexios und die Byzantiner für eine Bande dekadenter und hinterhältiger Verschwörer. Die „Barbaren“ gewannen. Alexis deklamierte, dass die Rückeroberung Jerusalems nicht seine - sondern Sache der lateinischen Kreuzfahrer sei.  Diese nun fühlten sich nicht mehr an ihrem Alexios gegebenen Eid gebunden und somit begannen die Feindseligkeiten zwischen Ost und West. Das Ergebnis zeigt sich im 4. Kreuzzug von 1204 mit der Plünderung Konstantinopels seitens der Lateiner.  

 

Gottfried von Bouillon                                Jerusalems Einnahme durch die Kreuzritter...

… begann schließlich am 13. Juni 1099. Die Stadt war eine der großen Festungen der mittelalterlichen Welt, so die Feststellung von Steven Runciman. Die ägyptischen Fatimiden hatten zwischenzeitlich unter ihrem Großwesir Mail al-Afdal Jerusalem wieder den Türken entrissen. Sein Statthalter Iftikhar ad Daula ließ, als er von den Kreuzfahrern erfuhr, alle Brunnen rund um Jerusalem verunreinigen, zuschütten, das Vieh wegtreiben, ebenso die mehrheitlich vorhandene christliche Bevölkerung vertreiben. Iftikhar vertraute auf ein muslimisches Entlastungsheer aus Ägypten. Viele Ritter setzten sich ab. Es fehlte an Wasser und Nahrung.

 

Am 8. Juli 1099 organisierten die Kreuzritter eine Prozession rund um Jerusalems Mauern, eine dreitägige Fastenzeit wurde angesetzt. Alle marschierten mit: Bischöfe, Kleriker, Fürsten, Ritter, Fußsoldaten und Nichtkämpfer, verhöhnt von den muslimischen Bewohnern. Peter der Einsiedler hielt auf dem Ölberg eine leidenschaftliche Predigt.

 

WIRKLICHKEIT UND FIKTION

"Am Morgen des 16. Juli lagen die Straßen voller Leichen, die muslimischen Bewohner überwältigt, massakriert. Die Ritter ritten bis zu ihren Knien und Zügeln in einem Meer von Blut. Ein wahlloses Töten begann, sodass die Franken sich nicht bewegen konnten, ohne auf Tote zu treten."

Allein diese Formulierung macht deutlich, dass Wirklichkeit und Fiktion nicht miteinander in Einklang zu bringen sind; will sagen, diese Beschreibung ist maßlos übertrieben, weil faktisch nicht nachvollziehbar.

 

Gottfried von Bouillon, der von Ex-Präsident Bill Clinton oben Zitierte, ritt Berichten zufolge tatsächlich als einer der ersten in die Stadt Jerusalem. Zusammen mit seinem Bruder Eustache hatte er es am 15. Juli 1099 geschafft, einen Belagerungsturm an die Mauer zu bringen. Eine wesentliche Rolle nahmen außerdem Guibert und Raimund von Aguiler/Toulouse ein. Den Königstitel von Jerusalem lehnte Gottfried ab, akzeptierte gleichwohl die Rolle des "Beschützers von Jerusalem." In der Stadt, in der Christus die Dornenkrone getrage habe, könne er sich nicht König nennen.

 

Gottfried dehnte seine Herrschaft auf Askalon, Arsuf und Cäsarea aus. Die Stadt Jaffa ließ er mit Hilfe von Pisa zu einem bedeutenden Nachschubhafen für die nächsten 100 Jahre ausbauen. Am 12. August 1099 besiegte er bei Askalon ein Herr der muslimischen Fatimen von Ägypten und sicherte so das eroberte Land. Mit Venedig schloss er einen Vertrag, um den Venezianern die Stadt Akkon zu sichern. Erkrankt an Pest starb Gottfried am 18. Juli 1100. Kurz zuvor hatte er seinen Bruder Balduin zum Nachfolger ernannt. Seine Grabstätte in der Grabeskriche zu Jerusalem wurde 1808 zerstört. Sein Engagement in und für Jerusalem war ausschließlich von seinem wahren Glauben geprägt. 

 

DAS MITTELALTERLICHE KRIEGSSZENARIO

Fakt 1: In der mittelterlichen Kriegsführung galt die Regel: Dem Sieger die Beute.

Fakt 2: Nach dem damaligen Kriegsrecht wussten auch die Muslime, dass, wenn sich die Bevölkerung einer belagerten Stadt nicht ergab, sie mit hohen Verlusten seitens der Angreifer rechnen mussten.

Fakt 3: Das Massaker hätte also verhindert werden können, wenn die Muslime sich am 13. Juli 1099 ergeben hätten, als die Christen ihre dort selbst gebauten Holztürme an die Mauern gerollt hatten.

Fakt 4: Die Christen wussten um die Greueltaten, die den Christen zuvor zugefügt worden waren - in Dutzenden von Städten von den Muslimen massakriert, ihre Städte zerstört.

Fakt 5: Plündern und Beutemachen war also ein probates Mittel, heute soll es auch nicht viel anders sein, die einfachen Soldaten ruhig zu stellen.

 

Das rechtfertigt nicht das Ausmaß der Massaker. Nur: Heute die Maßstäbe der Genfer Konvention auf die mittelalterlichen Kreuzzugszeiten anzuwenden, ist nicht zielführend. Häufig wird auch behauptet, dass auch und gerade die Juden Jerusalems umkamen. Diese Historiker vergessen zu erwähnen, dass die Juden des Öfteren sich auf die Seite der Muslime gestellt hatten.; vgl. dazu  auch die von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft im August 2013 herausgegebene Schrift "Der Mythos Nakba." In Jerusalem kämpften sie sowohl in der muslimischen Armee wie in der städtischen Miliz. Der israelische Historiker Moshe Gil wiederum konstatiert, dass andererseits auch viele Juden gefangengenommen worden seien. 

Die Kreuzzüge zwei, drei und vier

Der 2. Kreuzzug fand in den Jahren 1147 bis 1149 statt. Hier engagierten sich u.a. König Ludwig VII. von Frankreich, König Konrad III. und dessen Neffe Kaiser Barbarossa aus deutschen Landen.

 

Der 3. Kreuzzug wurde wenige Jahre später von 1189 bis 1192 durchgeführt. Als Protagonisten zu nennen sind die Könige Philipp II. von Frankreich und Heinrich II. mit seinem Sohn Richard Löwenherz von England.

 

Der 4. Kreuzzug dauerte von 1202 bis 1204. Hier denkt der geschichtlich Interessierte sofort an die Einnahme und Plünderung Konstantinopels vom 12. April 1204. Sie wird als Beweis für die schändliche Episode in der Geschichte des habgierigen Westens gesehen.

 

Ja, viele allerdings kleinere Städte wurden während der Kreuzzugszeit geplündert, Einwohner wahllos umgebracht; in Konstantinopel jedoch mit seinen 150.000 Einwohnern gab es „nur“ zweitausend Tote. Zunächst arbeitete Kaiser Alexios IV. mit den Kreuzfahrern zusammen, stellte aber nach Spannungen mit seiner Oberschicht und Priestern die mit den Kreuzfahrern ausgehandelte Schuldentilgung ein. Gleichwohl wurde er von einem Familienmitglied entmachtet, dann erdrosselt. Der neue Kaiser schickte Truppen, um die Kreuzfahrer vom Nachschub abzuschneiden. Die Kreuzfahrer standen vor der Entscheidung: hungern oder Konstantinopel angreifen.

 

Für den Historiker Steven Runcimann aus Cambridge ist die Sache klar: "Es hat niemals ein größeres Verbrechen an der Menschheit gegeben als den 4. Kreuzzug."

Für viele Gelehrten ist der 4. Kreuzzug von Anbeginn nichts anderes gewesen als eine teuflische Verschwörung der Venezianer gegen Byzanz, der Versuch, einen wirtschaftlichen Konkurrenten auszuschalten.

 

Ja, die Venezianer hatten ausgeholfen. Sie mussten dafür ihren Auslandshandel fast vollständig aufgeben, um ein Jahr lang die Transportschiffe bauen zu können. 

 

Die Entschuldigungskultur

Sogar Papst Johannes Paul II. hat sich der Entschuldigungskultur der katholischen Kirche verpflichtet gefühlt, indem er sich 2001 bei der griechisch-orthodoxen Kirche für das ihr und der Bevölkerung angetane Unrecht entschuldigte.

 

WARUM?

Kein Wort über die vorausgegangenen Verwüstungen der eigenen Stadt durch die Byzantiner selbst:

1081 gab Kaiser Alexios Komnenos seinen ausländischen Söldnern drei Tage zur Plünderung frei.

 

Kein Wort über die jahrhundertelangen Gräueltaten gegen lateinische Christen:

1182 hetzte der byzantinische Kaiser den Pöbel zum Angriff auf alle westlichen Bewohner Konstantinoples auf. Tausende, auch Frauen, Kinder und Alte wurden massakriert, mehr als während des 4. Kreuzzugs.

 

Kein Wort über den Verrat der Byzantiner während der ersten drei Kreuzzüge mit Zehntausenden Toten.

 

War der Hass der Lateiner verwunderlich?  

 

BYZANTINISCHER KAISER BRICHT VERSPRECHEN

Auch 1204 wurden die Teilnehmer des 4. Kreuzzugs von einem byzantinischen Kaiser betrogen: Nachdem sie ihn wieder auf den Thron verholfen hatten, brach er sein Versprechen und ließ Feuerschiffe gegen die Kreuzfahrerflotte los. Die lateinischen Bewohner flohen aus Angst ins Kreuzfahrerheer, das Massaker von 1182 noch vor Augen. Die Kreuzfahrer hatten weder Lebensmittel noch Geld. Aus dieser Lage heraus griffen sie an.